Kapitel 27:
Der nächste Tag war für Nellie ein einziges Staunen, Starren, Wundern, Augen aufreißen und ungläubig den Kiefer nach unten klappen lassen. Angefangen mit einer Mauer, durch die sie hindurch laufen sollte. Hallo? Wer lief denn einfach durch massive Mauern? Sie hatte die Augen fest zukneifen und sich von Ginny an der Hand führen lassen müssen, um dieser Aufforderung tatsächlich nachkommen zu können. Dann die vielen Hexen und Zauberer am Bahnsteig, die doch irgendwie alle so „normal" wirkten. Aber gerade das ließ Nellie erst richtig stutzen. Jungen und Mädchen, die sich in einer Sprache unterhielten, die Nellie eigentlich vertraut war, die sie aber gleichzeitig so gut wie gar nicht verstand, machten ihr die Sache auch nicht leichter und Schokofrösche, die laut quakten und anschließend von gierigen Mündern verschlungen wurden, ließen sie entsetzt zurückweichen.
Das schlimmste an all dem aber war, dass sie sich ja möglichst nicht anmerken lassen durfte, wie seltsam ihr all das vorkam. Sie musste dabei an Tonks' Worte in der Winkelgasse denken. Sie hatte ihr damals geraten, den Kopf schön hoch zu tragen und ein Gesicht zu machen, als könnte sie alles und jeden in eine Kröte verwandeln. Also versuchte sie sich weiterhin darin, wie eine erfahrene Hexe zu wirken. Schließlich war sie von den Fahrgästen im Hogwarts-Express die Älteste.
Diese Tatsache blieb auch unter den restlichen Mitfahrern nicht lange unbemerkt. Der Zug fuhr noch keine Stunde durch die regnerische Landschaft, als auch schon die ersten Neugierigen in das Abteil kamen, das Nellie sich mit ihren Freunden teilte. Viele waren Bekannte von Harry, Ron, Hermine und Ginny, andere aber auch wieder weniger freundlich gesinnt.
„Was macht Flint denn hier?", fragte Harry plötzlich, als ein großer Junge hinter der Abteiltür auftauchte und einen gehässigen Blick hineinwarf. „Sagt bloß, der ist sitzen geblieben?"
Daraufhin brachen alle in schallendes Gelächter aus.
Nellie musste die Geschichte, dass sie in diesem Schuljahr einem der neuen Lehrer im Unterricht assistieren würden, mehr als ein dutzend Mal erzählen, bevor auch nur die Hexe mit dem Süßigkeitentrolley durch gekommen war. Nellie staunte, wie schnell sich solche Neuigkeiten im Zug verbreiten konnten. Noch mehr staunte sie allerdings darüber, wie sich solche Informationen im Gebrodel der Gerüchteküche verwandeln konnten. Ein paar kesse Viertklässlerinnen waren doch tatsächlich etwas enttäuscht, als sie sehen mussten, dass Nellie ganz und gar nicht streng aussah, keinen Buckel auf dem Rücken und auch keinen Leberfleck auf der Nase hatte. Nellie hatte bei dieser Beschreibung laut lachen müssen. Wer waren denn hier die Hexen?
Als sich der Strom der neugierigen Besucher und Freunde endlich etwas beruhigt hatte, genossen die Fünf die Fahrt im Zug.
Harry war von vielen freudig begrüßt worden, manche hatten ihn voller Respekt angestarrt und wieder andere hatten ihm ihr Beileid ausgesprochen. Der Brand von Godric's Hollow schien sich genauso schnell herum gesprochen zu haben, wie die Anwesenheit einer neuen Lehrerin. Wobei Nellie diesen Ausdruck gar nicht gerne hörte. Harry hatte all die Grüße und Wünsche an sich abprallen lassen.
„Was denkt ihr, wer Schulleiter wird?", fragte Ginny nach einer Weile.
Neville und Luna waren gerade zu ihnen ins Abteil gekommen und hatten sich dazu gesetzt.
„Ich tippe auf McGonagall," meinte Neville und tätschelte dabei seine Kröte Trevor. „Sie wäre doch sicher gut für die Stelle, meint ihr nicht?"
„Hm, wäre schon möglich," murmelte Hermine, die in eines ihrer neuen Schulbücher vertieft war.
Auch wenn bis zum letzten Moment unsicher gewesen war, ob sie nach Hogwarts zurückkehren würde, hatte sie es sich doch nicht nehmen lassen, sofort alle neuen Bücher von der Liste zu kaufen. Das könnte nie schaden. Harry und Ron hatten ihre Bücher am Morgen noch bestellt und würden die ersten Schultage mit Leihbüchern arbeiten müssen.
„Es könnte doch auch Lupin sein," mischte Nellie sich in das Gespräch ein und erntete verdutzte Gesichter. „Was ist? Mir kommt er sehr kompetent vor."
„Professor Lupin? Als Schulleiter?" Luna hatte die Augen aufgerissen und starrte Nellie mit ihrem hypnotisierenden Blick an. „Mich wundert ja, dass er überhaupt zurückkommen darf. Aber das wäre doch ein bisschen viel auf einmal."
Nellie runzelte die Stirn.
„Was ist damals denn nun eigentlich passiert, dass ihr alle so erstaunt darüber seid, dass er wieder unterrichtet?", fragte sie und sah die anderen auffordernd an. „Und vergesst nicht, ich gehöre jetzt zum Lehrkörper, also müsst ihr meine Fragen auch beantworten." Sie setzte einen strengen Gesichtsausdruck auf.
Ron prustete nur los und Ginny kiekste hinter vorgehaltener Hand. Neville dagegen schien von der Vorstellung, dass er schon vor Schuljahresbeginn von einer Lehrerin gerügt wurde, schlicht und ergreifend entsetzt zu sein.
„Jetzt mach mal halb lang, Nellie," meinte Harry nur, der sich auch ein Lachen verkneifen musste. „Noch hast du uns nichts zu sagen." Und mit einem Flüstern fügte er hinzu: „Und glaub bloß nicht, dass es irgendwann mal dazu kommen wird."
Nellie grinste.
„Aber nun erzählt doch mal, was damals los war."
„Sie wissen also nicht, wer Remus Lupin ist?", fragte Luna und lehnte sich näher zu Nellie heran. Sie war die erste, die Nellie so förmlich ansprach und Nellie musste sich auf die Lippe beißen, um nicht genervt zu stöhnen.
„Nein. Was ist denn los?"
Nellie hatte die Blicke bemerkt, die Harry, Ron, Hermine und Ginny ausgetauscht hatten. Luna schien es zu gefallen, Nellie etwas über Lupin zu erzählen, denn mit strahlenden Augen öffnete sie den Mund, um fort zu fahren, als Harry ihr ins Wort fiel.
„Lupin meinte, dass er dir alles selber erklären möchte, also soll er das auch."
„Fein, dann lasst aber auch diese dauernden Andeutungen. Kein Wunder, wenn ich neugierig werde."
Die restliche Zugfahrt über spielten die Freunde Snape explodiert. Nellie war davon absolut hingerissen. Sie musste dabei an ihre kleinen Schwestern denken, die dieses Spiel ebenfalls geliebt hätten. Ständig gingen Karten mit lauten Knallen in Rauch auf. Sie hatte ihnen in den letzten Ferienwochen viele Briefe geschrieben und auch einige Antworten erhalten. Es ging ihnen allen gut, sie ahnten nichts von der Gefahr, in der sie lebten und mit jedem Wort, dass Nellie von ihrer Familie las, vermisste sie sie nur noch mehr. In ihrem letzten Brief hatte sie ihre Eltern darauf aufmerksam gemacht, dass sie ihnen zukünftig die Post mit Briefeulen schicken würde. Sie hatte mit Moody und Lupin noch mal darüber gesprochen und von Hogwarts aus gäbe es für sie tatsächlich keine andere Möglichkeit, mit ihren Eltern zu kommunizieren. Also hatte sie in dem Brief erklärt, dass Hogwarts ein ganz eigenes Postsystem habe, das mit einer langen Tradition behaftet sei und deshalb Eulen als Briefträger verwende. Nellie hoffte inständig, dass ihre Eltern das nicht allzu befremdlich finden würden.
Als der Zug endlich im Bahnhof von Hogsmead einfuhr, konnte Nellie schon fast nicht mehr sitzen. Sie war es nicht mehr gewohnt, so lange still zu sitzen und war eine der ersten, die fröhlich auf den Bahnsteig sprang, bevor sie sich ihrer neuen Position bewusst wurde und sich sofort zu voller Größe aufrichtete, um wieder etwas seriöser auszusehen. Doch zu viele amüsierte Gesichter grinsten sie bereits an, als dass ihr das noch besonders gut gelungen wäre. Als sie den Bahnsteig dann entlang schlenderte, auf der Suche nach ihren Freunden, die sie im Gedränge aus den Augen verloren hatte, prallte sie mit etwas zusammen, das sie im ersten Moment für eine Litfasssäule hielt, das sie aber kurz darauf mit schaufelgroßen Händen an den Schultern packte und vor dem Stürzen bewahrte.
„Na, na, nich so stürmisch, junge Dame," hatte die Säule fröhlich gebrummt und sich als hünenhafter, bärtiger Mann herausgestellt.
Nellie hatte diesmal ihre Gesichtsentgleisungen nicht so schnell in den Griff bekommen können und den Mann mit offenem Mund angestarrt.
„Was gibt's denn so zu starren?", hatte der Mann gelacht, dass die Krähen aus den nahen Bäumen erschrocken aufflatterten und sich dann wieder den Schülern zugewandt, die den Bahnsteig bevölkerten. „Erstklässler hier her! Kommt schon her, ihr Zwerge!"
Nellie starrte dem Riesen immer noch hinterher, als Ginny und die anderen neben ihr ankamen.
„Ach, du hast Hagrid kennen gelernt?", grinste sie.
Bevor Nellie sich noch über das freche Grinsen auf den Gesichtern ihrer Freunde ärgern konnte, war eine weitere Gestalt neben ihnen aufgetaucht.
„So, da sind Sie ja alle."
Nellie erschrak ein wenig und konnte sehen, wie Hermine die Stirn runzelte und Ron unsicher einen Schritt zurück trat. Die Gestalt trat ein wenig näher, so dass die Freunde ihr Gesicht erkennen konnten.
Nellie japste, Ginny grinste und Harry, Ron und Hermine machten verdutzte Gesichter.
„Für diejenigen unter Ihnen, die mich noch nicht kennen, ich bin Emil Warthrow," stellte die dunkel gewandete Gestalt sich vor und sah dabei in die Runde. „Ach, ich sollte sagen, Professor Warthrow. Da muss ich mich erst dran gewöhnen."
Nellie seufzte, als Warthrow ihr zulächelte und zwirbelte einen Träger ihres Rucksackes. In den letzten Wochen waren seine blonden Haare noch ein wenig länger geworden und gaben ihm ein leicht verwegenes Aussehen. Seine grau-blauen Augen glitzerten und er sah einfach nur unverschämt gut aus.
Ginny stieß ihrer Freundin mit einem Ellenbogen in die Seite und zischte ihr zu:
„Du benimmst dich ja wie Ron, als er Fleur das erste Mal begegnet ist. Reiß dich ein bisschen zusammen, sonst wird es zu auffällig."
Nellie riss sich zusammen und löste ihren Blick von Warthrow, der gerade Hermine und die Jungs kennen lernte.
„Ich bin hier her gebeten worden, damit ich Ihnen ein wenig beim Betreten von Hogwarts behilflich bin, Miss Carols," sagte er dann an Nellie gewandt und klang dabei so charmant, wie man es sich nur wünschen konnte.
Nellie biss sich auf die Zunge, um nicht wieder zu seufzen. So ein Mann war ihr noch nicht begegnet.
„Natürlich, Nellie dürfte das Schloss als Muggel ja eigentlich gar nicht sehen," sagte Hermine und wirkte plötzlich sehr aufgeregt. „Gibt es denn einen Zauber, um die Schutzeinrichtungen gegen das Aufspüren durch Muggel aufzuheben?"
„Sicher gibt es den, Miss Granger. Für jeden Zauber gibt es einen Gegenzauber, nun, sagen wir mal, für fast jeden. Aber es wäre nicht gerade sehr schlau, wenn wir für eine einzelne Person, diesen Schutz aufheben würden. Ich soll Ihnen nur ein wenig die Augen öffnen, sozusagen," grinste er Nellie an und gab ihnen dann Zeichen, ihm zu einer der wartenden Kutschen zu folgen.
Für sechs Personen war die Kutsche eigentlich etwas eng, aber keiner wollte verpassen, was Warthrow wohl mit Nellie anstellen würde. Nachher waren sie allerdings alle ein wenig enttäuscht, denn der ganze Trick bestand darin, dass dem Muggel-Mädchen eine Flüssigkeit in die Augen getröpfelt wurde, die ein wenig brannte. Doch als Nellie die Augen wieder öffnen konnte und aus dem Fenster sah, konnte sie das prächtigste Gebäude vor sich sehen, das sie jemals erblickt hatte. Es war ein Schloss, wie man es sonst nur aus Märchen kannte. Mit Zinnen, großen bunten Flaschenglas-Fenstern, Brücken und Erkern. Das Staunen sollte für Nellie wohl erst mal zu einem festen Bestandteil ihres Lebens werden, bevor sie alles gesehen hat, was es in dieser neuen Welt so zu entdecken gab.
Auf der Kutschfahrt zum Schlossportal lagen nicht nur Nellie viele Fragen auf der Zunge, die sie Warthrow gerne gestellt hätte. Auch Hermine und die anderen wirkten, als könnten sie sich kaum noch zügeln. Doch der neue Lehrer gab ihnen keine Gelegenheit für Fragen. Nachdem er Nellie die Augentropfen verabreicht hatte, verabschiedete er sich äußerst galant, sprang aus der fahrenden Kutsche und war schnell wieder in der Dunkelheit verschwunden.
Diesmal war Nellie nicht die Einzige, die ihm mit glasigen Augen hinterher sah. Auch Ginny und Hermine hatten plötzlich einen ungewohnt verträumten Gesichtsausdruck aufgesetzt, der Harry und Ron dazu veranlasste, die Stirnen in Falten zu legen und ihre Freundinnen verärgert von der Seite anzusehen. Erst als Krummbein den Verschluss seines Katzenkorbes mit einem glücklichen Tatzenschlag zum aufspringen brachte und sich kopfüber auf die dösende Polly stürzte, kam wieder Leben in die drei Mädchen.
Als die Kutschen vor dem Schlossportal hielten und alle Haustiere wieder sicher in ihren Körben und Käfigen verstaut waren (Polly gefiel es ganz und gar nicht, bei Pig im Käfig eingesperrt zu sein, aber Nellie würde sie unmöglich mit zur Feier nehmen können), hatte Nellie endlich Gelegenheit sich darüber zu wundern, wer oder was diese Kutschen eigentlich zog. Sie konnte ein leises Schnauben hören, das aus der Gegend zu kommen schien, wo normalerweise die Pferde standen, aber dann hatte Ginny sie auch schon am Arm genommen und durch das hohe Portal in die Eingangshalle geschoben.
Nellie bemühte sich weiterhin, nicht alles ungläubig anzuglotzen und hatte beschlossen, den Blick gesenkt zu halten und sich all diese Wunderlichkeiten bei einer besseren Gelegenheit anzusehen. So stiefelte sie neben den anderen an den Stundengläsern der vier Häuser von Hogwarts vorbei, ohne sie wahrzunehmen und war genauso blind für die vielen Porträts, die das Treppenhaus säumten und vereinzelten Neuankömmlingen zuwinkten.
Erst als sie in der Großen Halle ankamen, hob Nellie wieder den Blick und verbiss sich gerade noch einen Ausruf des Erstaunens. Was sie hier sah, übertraf doch tatsächlich alles, was sie bisher bestaunt hatte. Überall schwebten flackernde Kerzen über vier langen, prächtigen Holztischen. Doch das erstaunlichste war, dass es überhaupt keine Decke zu geben schien. Man blickte direkt in den schwarz verhangenen Nachthimmel, der nur spärlich vom Mond erhellt wurde. Es regnete immer noch, doch zu Nellies Faszination kam kein einziger Regentropfen auf ihrer Nasenspitze an.
„Die Decke ist verhext," wisperte Ginny neben ihr. „Es sieht nur so aus, als würde es keine geben."
Weil sie nicht wusste, was hier genau von ihr erwartet wurde, folgte Nellie dann ihren Freunden zu einem der Tische und wollte sich gerade zwischen Ginny und Hermine setzen, als eine große Frau mit strengem Blick auf sie zugerauscht kam.
„Das ist Professor McGonagall," erklärte Ginny sofort und stand wieder von ihrem Platz auf. „Vielleicht hast du sie im Hauptquartier schon mal gesehen."
„Miss Carols," sagte die Professorin, als sie vor dem Muggel-Mädchen angekommen war. „Was tun Sie denn hier? Sie sitzen natürlich am Lehrertisch. Kommen Sie."
Und damit hatte sie sich auch schon wieder umgedreht, nachdem sie den anderen kurz zugenickt hatte und rauschte wieder an den langen Tisch zurück, der am Kopf der Halle stand und an dem Nellie die einzigen Erwachsenen sitzen sehen konnte, die es an dieser Schule zu geben schien. Ein paar Gesichter kamen ihr sogar bekannt vor.
Nellie drehte sich noch mal zu ihren Freunden um.
„Schade eigentlich," meinte sie und zuckte mit den Schultern. „Da drüben ist es sicher nicht halb so lustig wie hier."
„Nun geh schon," wisperte Hermine und machte ihr Zeichen, sie solle sich endlich bewegen.
„Wir sehen uns später dann," sagte Ginny und setzte sich wieder neben Harry, der Nellie ebenfalls aufmunternd zunickte.
Nellie bemerkte jetzt erst, dass bereits jede Menge Augenpaare auf sie gerichtet waren. Auch die Schüler, die immer noch durch die hohe Tür hereinkamen, sahen neugierig zu ihr herüber. Also drehte sie sich schließlich um und ging so seriös sie es vermochte, auf den Lehrertisch zu. Sie erkannte Lupin, der ihr freundlich zulächelte und daneben Warthrow, der ihr entgegen strahlte und auf den freie Platz neben sich deutete. Nellie atmete ein wenig erleichtert auf. Immerhin musste sie nicht neben einem fremden Lehrer sitzen. Gleichzeitig spürte sie einen schweren Stein in ihrem Magen.
„Auch wenn das hier eher der Langweiler-Tisch ist, dürften wir doch trotzdem unseren Spaß daran haben," flüsterte Warthrow Nellie zu, als sie sich setzte.
Sie war etwas verwirrt über diese Worte, sagte aber nichts dazu, aus Furcht, es sich gleich am Anfang schon mit ihrem neuen Lehrer zu verscherzen. Aber es war ein seltsames Gefühl, hier neben ihm zu sitzen. Schließlich war sie doch eigentlich selber Schülerin, aber gleichzeitig auch wieder nicht…da durfte man schon mal etwas verwirrt sein.
Von ihrer etwas erhöhten Position aus blickte Nellie sich in der Halle um und an den vier Tischen entlang, die sich jetzt langsam füllten.
Neben sich konnte sie Warthrow hören, der ihr gerade erklärte, dass es in Hogwarts vier Häuser gäbe. Sie hörte ihm aufmerksam zu, während sie sich die Jungen und Mädchen ansah, die in fröhlichem Geplapper ihre Ferienerlebnisse miteinander teilten. Sie erfuhr von der Rivalität, die seit jeher zwischen den Häusern Gryffindor und Slytherin herrscht und konnte sich darüber sofort selber ein Bild machen, als sie die Blicke bemerkte, die sich die beiden Tische gegenseitig zuwarfen. Warthrow erzählte ihr auch von dem Trimagischen Turnier, das hier vor ein paar Jahren stattgefunden hatte und aus dem Harry als Sieger hervor gegangen war. Das war Nellie zwar nicht mehr neu, ließ sich aber davon nichts anmerken. Während sie weiter lauschte, fing sie den Blick von Harry auf, der ihr zublinzelte. Sie zwinkerte zurück und sah sich dann am Lehrertisch um.
Nachdem sie so einen Überblick über die Lehrer und Schüler von Hogwarts erhalten hatte, hatte auch Warthrow seinen Bericht beendet.
„Woher wissen Sie all das?", fragte Nellie ihn. „Ich dachte, Sie hätten an einer Muggelschule unterrichtet."
„Oh, ja, das habe ich auch tatsächlich," antwortete er ihr mit einem Grinsen. „Aber als Zauberer bekommt man trotzdem das meiste aus seiner Welt mit. Man kann seine Herkunft nicht so einfach ablegen. Außerdem bin ich selber hier zur Schule gegangen."
„Warum haben Sie nicht schon früher hier unterrichtet?", bohrte Nellie weiter.
Warthrow runzelte jetzt leicht die Stirn und Nellie rechnete schon damit, keine Antwort zu bekommen.
„Das erzähle ich Ihnen morgen, wenn wir ein wenig mehr Gelegenheit haben, uns besser kennen zulernen," meinte er schließlich.
In diesem Moment öffnete sich hinter dem Lehrertisch eine kleinere Holztür und Mad-Eye Moody betrat die Halle. Er sah genauso grimmig aus, wie Nellie ihn in Erinnerung hatte und sein Holzbein verursachte bei jedem Schritt auf dem Holzboden ein lautes Pochen. Bei diesem Geräusch verstummten die Gespräche in der Großen Halle und alle Augen richteten sich auf den vernarbten alten Auroren, der jetzt ganz selbstverständlich auf den hohen Stuhl zuschritt, der in der Mitte des Lehrertisches stand und bisher leer geblieben war. An den Blicken der Schüler konnte Nellie erkennen, dass das, was hier gerade geschah, eine besondere Bedeutung hatte. Und Nellie konnte sich auch denken, welche das war.
„Ist Mister Moody etwa der neue Schulleiter von Hogwarts?", wisperte sie Warthrow zu, der genauso amüsiert über die Reaktion der Schüler zu sein schien, wie sein Tischnachbar Lupin.
„Warum nicht? Er hat vielleicht nicht die größte Erfahrung als Pädagoge, dafür weiß er aber ziemlich genau, wie man einen Betrieb zu führen hat, in Zeiten wie diesen," wisperte der genauso leise zurück und grinste belustigt, während er seinen Blick über die Gesichter der Schüler schweifen ließ. „So weit ich weiß, wird McGonagall die schulinternen Verpflichtungen übernehmen und Moody wird sich um alles weitere, besonders aber um die Sicherheit, kümmern."
Als Moody bei seinem neuen Sitzplatz angekommen war, ließ er ebenfalls seine Blicke durch die Große Halle schweifen, wobei sein magisches Auge in alle Richtungen rollte. Er setzte sich nicht, sondern hob nur eine Hand, als wollte er die Anwesenden zur Ruhe rufen, was jedoch in dieser Situation völlig unnötig war.
„Ich begrüße Sie alle zu einem neuen Schuljahr hier in Hogwarts," donnerte er los. „Es war ein hartes Stück Arbeit, dass es überhaupt ein neues Schuljahr gibt, daher hoffe ich, dass Sie alle das zu schätzen wissen und dementsprechend ordentlich arbeiten werden. Ich werde nicht viele Worte machen, denn im Grunde genommen wird doch alles so weiterlaufen, wie bisher, doch das wichtigste zuerst.
Hogwarts wird dieses Jahr doppelt geschützt werden. Nicht nur, dass sowohl innerhalb als auch außerhalb Auroren stationiert sein werden, das Schloss wird auch mit einem Fidelius-Zauber geschützt."
Bei diesen Worten ging ein Raunen durch die Schülerschar. Erst als Moody erneut den Arm hob, wurde es wieder leise.
„Die meisten von Ihnen kennen diesen Zauber, daher erspare ich mir die Mühe, ihn hier zu beschreiben. Die Konsequenz wird sein, dass die Hogsmeade-Ausflüge auf ein absolutes Minimum eingeschränkt werden."
Wieder brach Unruhe in der Halle aus. Moody donnerte einfach weiter und verschaffte sich so weiterhin Gehör.
„Die Sicherheitsvorkehrungen, die dafür notwendig sind, werden Ihnen Ihre Hauslehrer erklären.
So, weitere Neuerungen. Neuer Hauslehrer von Slytherin ist Professor Slughorn."
Höflicher Applaus brandete auf, der in erster Linie von dem Tisch der Slytherins kam.
„Weitere Neuzugänge im Lehrerkollegium sind Professor Lupin, den einige von Ihnen noch kennen dürften, für das Fach Verteidigung gegen die dunklen Künste."
Stürmischer Beifall, diesmal besonders vom Tisch der Gryffindors. Nellie konnte erkennen, dass Harry, Ron, Hermine und Ginny besonders kräftig klatschten und begeistert pfiffen. Lupin winkte fröhlich und sah ein wenig beschämt aus.
„Und dann wäre da noch Professor Warthrow und seine Assistentin Miss Carols, die dieses Jahr das Fach Muggelkunde gemeinsam unterrichten werden. Miss Carols wird Ende des Schuljahres eine Fachprüfung abgelegen, die es ihr ermöglicht, sich als Lehrerin zu bewerben."
Wieder applaudierte die Halle höflich, wenn auch nicht ganz so enthusiastisch, wie bei Lupin, aber doch sehr laut. Nellie wusste nicht, was sie mit ihren Händen anfangen sollte und spürte, dass sie rot wurde. Warthrow neben ihr, hatte sich kurz erhoben und grinste jetzt breit. Seine blaugrauen Augen strahlten. Als Nellie wieder in der Lage war, den Blick zu heben, konnte sie erkennen, dass jetzt viele verträumte Mädchenaugen auf ihren Tischnachbarn gerichtet waren. Sie musste grinsen und konzentrierte sich dann wieder auf Moody.
„Soweit erst mal. Professor McGonagall, darf ich Sie bitten, jetzt die Erstklässler auf ihre Häuser zu verteilen?"
Der Rest des Abends war für Nellie die reine Wonne. Den sprechenden Hut hatte sie nach dem keifenden Portrait von Mrs. Black am Grimmauldplatz locker weggesteckt. Nur die Platten mit Essen, die wie aus heiterem Himmel erschienen waren, hatten sie kurz zusammenzucken lassen, aber nachdem sie erkannte, dass all ihre Lieblingsspeisen darauf lagen, hatte sie sich schnell mit dieser Art des Servierens angefreundet. Und es sah nicht nur lecker aus, es schmeckte so gut, dass Nellie später unter Bauchschmerzen zu leiden hatte. Aber sie wickelte noch paar der Köstlichkeiten für Polly in eine Serviette. Die Kleine würde sich später sicher darüber freuen. Sie schmunzelte über Warthrow, der mit Lupin zusammen über ihre Schulzeit in Hogwarts plauderte und spürte, wie ihr Kopf immer leichter wurde, von dem Wein, der am Lehrertisch gereicht wurde. Uih, von dem sollte sie in nächster Zeit besser die Finger lassen.
Nachdem das Festessen beendet war, stand Nellie gemeinsam mit den anderen auf und spürte, wie sie leicht ins Schwanken geriet, fand das aber überaus amüsant. Warthrow, der nicht von ihrer Seite wich, bot ihr lächelnd seinen Arm an und Nellie hakte sich bei ihm ein. So schlenderten sie unter den strengen Blicken von Professor McGonagall durch die Halle, als Nellie plötzlich einfiel, dass sie gar nicht wusste, wo sie überhaupt hingehen sollte.
„Hm, Mister Warthauw," irgendwie wollten ihre Lippen nicht die Worte so bilden, wie sie es eigentlich beabsichtigte. „Sie scheinen hier doch den perfekten Überblick zu haben, Also, bitte, nächster Halt meine Zimmertür, wenn ich bitten darf."
Warthrow neben ihr sah sie lachend von der Seite an, machte dann eine elegante Verbeugung und gab ihr einen Handkuss, woraufhin Nellie kiekste und rot anlief.
„Meine Lady, ich würde Euch an jeder dieser vielen Türen absetzen, die ihr wünscht, aber welches davon die Eure wäre, kann ich beim besten Willen nicht sagen."
Nellie kicherte und war im nächsten Moment froh, dass die Schüler alle schon verschwunden waren.
„Vielleicht kann ich bei diesem Problem aushelfen?", erklang hinter den Beiden eine strenge Stimme.
Nellie und Warthrow wirbelten herum und waren sehr darum bemüht, nicht noch mehr zu kichern, sondern sehr nüchtern zu wirken.
„Professor McGanagall, wie überaus reizend von Ihnen," sagte Nellie. Ihre Lippen gehorchten immer noch nicht richtig. „Wir suchen gerade nach meinem Zimmer."
„Also, wir suchen sicher gar nichts," erwiderte McGonagall erbost und warf Warthrow einen ärgerlichen Blick zu. „Wir sprechen uns morgen, Emil. Und Sie, Miss Carols, folgen mir bitte."
Nellie hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht wieder zu lachen, als McGonagall schon den Flur entlang voraus geschritten war. Dann winkte sie Warthrow zu, der sich erneut charmant vor ihr verbeugte und stolperte dann hinter der hoch aufgerichteten Gestalt der Professorin her. Sie hatte sie gerade eingeholt, als diese auch schon wieder vor einer Holztür stehen blieb.
„Hier ist ihre Wohnung, Miss Carols," sagte die ältere Frau. „Und hier Ihr Schlüssel." Damit überreichte sie Nellie einen kleinen Schlüssel. „Aber achten Sie darauf, dass die Schüler ihn nicht zu sehen bekommen, wir verriegeln unsere Türen normalerweise magisch." Und mit einem strengen Blick von oben herab sprach sie weiter. „Frühstück ist morgen um 7 Uhr, dann bekommen Sie von mir auch Ihren Stundenplan. Ihre Sachen sind bereits drinnen. Gute Nacht."
„Gute Nacht, Professor," antwortete Nellie, der langsam bewusst wurde, dass sie sich gerade ziemlich blamiert hatte.
Nellie betrat ihre neue Wohnung und schloss die Tür hinter sich ab. Dann sah sie sich um, doch ihr Kopf begann ihr dabei so sehr zu dröhnen, dass sie es auf den nächsten Tag verschob und sich so, wie sie gerade war, auf ihr Bett plumpsen ließ. Auch Polly beachtete sie nicht weiter, die zu ihr gehüpft kam und ihr die Nase leckte.
„Lass mich, muss schlafen. Sehen uns übermorgen," brummte sie noch, bevor sie einschlief.
