Kapitel 28:
Ihre erste Woche in Hogwarts fing für Nellie viel zu früh an. Und eindeutig zu hektisch.
Um 8 Uhr morgens brach vor ihrer Wohnungstür ein Höllenkrawall aus. Mit einem Ruck saß sie senkrecht in ihrem Bett.
Das erste was sie wahrnahm waren Kopfschmerzen, das zweite war die Ursache dafür. Ihr fiel die Karaffe Wein wieder ein, die beim Festmahl am vorigen Abend vor ihrem Teller gestanden hatte und die danach erstaunlicherweise völlig leer gewesen war. Doch die eigentliche Ursache für ihren Kopfschmerz war das Poltern gegen ihre Tür, das Nellies Kopf schier zum zerspringen brachte.
„Jaaahhh, was ist denn?", brummte sie und wühlte sich aus ihren Decken.
Polly war nirgends zu sehen, aber Nellie dachte gerade nicht an das Frettchen. Sie war viel mehr damit beschäftigt, die Ärmel ihres Morgenmantels in der richtigen Reihenfolge zu finden.
Das Poltern an der Tür wurde zu einem Hämmern. Nellie verdrehte schmerzhaft die Augen und hielt sich den Kopf jetzt mit beiden Händen. Als sie an der Tür ankam, stellte sie jedoch fest, dass diese verschlossen war und sie den Schlüssel nirgendwo sehen konnte.
„Moment," rief sie daher verschlafen und begann die Sachen, die auf dem Boden verteilt lagen zu durchwühlen. Sie konnte sich noch darüber wundern, wie sie es wohl geschafft hatte, in der kurzen Zeit, die sie erst hier wohnte, schon so eine Unordnung zustande gebracht zu haben.
Noch während sie suchte, gab es hinter ihr ein leises Klicken und die Tür ging von alleine auf. Nellie wirbelte sofort herum, wobei ihr schwindelig wurde und sie sich wieder den Kopf halten musste.
Im Türrahmen stand Emil Warthrow. Er hatte die eine Hand mit seinem Zauberstab auf dem Türknopf liegen, die andere hielt er sich über die Augen.
„Was auch immer Sie gerade machen, lassen Sie es bleiben, ziehen sich an und kommen Sie endlich, der Unterricht fängt gleich an," sagte er und Nellie konnte sehen, dass er hinter der Hand zu ihr hervor blinzelte.
„Nehmen Sie schon die Hand vom Gesicht, das ist ja albern," murrte sie.
Sie war alles andere als erfreut, schon am ersten Tag einen so schlechten Eindruck zu hinterlassen.
Warthrow nahm die Hand herunter, trat ganz ins Zimmer ein und schloss die Tür hinter sich.
„Oh," war alles, was er bei dessen Anblick hervorbrachte, dann grinste er und sah Nellie an.
Die fühlte sich jetzt nicht nur elend, sondern genierte sich auch noch für den Zustand ihrer Räumlichkeiten.
„Moment, ich bin gleich fertig," murmelte sie deshalb und drehte sich zu ihren Koffern um, um nach frischen Kleidern zu suchen.
„Das können wir schneller haben," meinte Warthrow nur, hob seinen Zauberstab, murmelte etwas und schon trug Nellie saubere Sachen, fühlte sich frisch gewaschen und wenn sie an ihren Händen schnupperte, rochen die nach Seife. Sie konnte es eigentlich gar nicht leiden, wenn jemand sie einfach so verhexte, und dann auch noch ohne Vorwarnung. Das hatte auf der Haut gekribbelt und war irgendwie gar nicht angenehm gewesen.
„Hm," meinte sie nur, denn ihr fiel wieder ein, dass Warthrow ja ihr Lehrer war und so schluckte sie eine pampige Erwiderung hinunter.
„Dann können wir ja gehen," grinste der nur und hielt ihr die Tür auf. „Zeigen wir denen mal, was die Muggel so drauf haben."
Nellies erste Woche verlief, nach anfänglichen Schwierigkeiten, eher ruhig. Zumindest ruhig in ihrer offiziellen Funktion als Assistentin.
In ihrer inoffiziellen Funktion als „Flüchtling" hatte sie so viel Spaß wie schon lange nicht mehr.
Als Warthrows Hilfskraft hatte sie vormittags immer mit ihm zusammen zwei Stunden Unterricht und war dafür zuständig, Arbeitsblätter zu verteilen, Fragen der Schüler zu beantworten und ihnen bei den Hausaufgaben behilflich zu sein. In diesen Stunden war sie immer sehr darum bemüht, sich so vorbildlich wie möglich zu verhalten, sich also von ihrer besten Seite zu zeigen, damit sie so wenig wie möglich auffiel. Doch wirklich verbergen konnte sie ihr rebellisches Wesen nicht. Warthrow hatte sie als muggelstämmig vorgestellt, weshalb sie sich sehr gut bei den Nicht-Magiern auskenne. Und so kam es nicht selten vor, dass Schüler sie nach Dingen fragten, die sie scheinbar über Muggel gehört hatten, über die Nellie einfach herzhaft lachen musste.
Ein Junge hatte mal gefragt, ob es stimme, dass die Post mit Ponys und Kutschen ausgeliefert würde. Und ein Mädchen hatte felsenfest darauf bestanden, dass Muggel keinen Schlaf bräuchten. Auf solchen Blödsinn konnte Nellie sich manchmal eine spitze Antwort nicht verkneifen.
Sie widersprach aber auch Warthrow schon mal ganz gerne, wenn er etwas aus Unwissenheit zu sehr ausschmückte.
So hatten sie in einer Stunde mit den Schülern über Religionen diskutiert und Warthrow verwechselte im Eifer des Gefechtes den moslemischen mit dem jüdischen Glauben. Nellie, die einige jüdische Freunde hatte, hatte versucht, Warthrow diskret über seinen Fehler aufzuklären, war daraufhin jedoch von ihm in eine recht amüsante Debatte verwickelt worden. Am Ende der Stunde hatten alle Lachtränen in den Augen und Warthrow klopfte Nellie anerkennend auf die Schulter.
„Sehr gut," hatte er gesagt. „Nur keine falsche Bescheidenheit. Immer Paroli bieten, das hat noch niemandem geschadet."
Nellie war erleichtert gewesen, dass er so locker darauf reagierte.
Die Schüler mochten Nellie vom ersten Tag an sehr gern. Ihr natürliches Auftreten und lockere Erscheinung (sie wollte sich mit den eigentlich für Zauberer üblichen Umhängen einfach nicht anfreunden) machten sie allen sympathisch, wenn auch nicht allen Lehrern. Auch Warthrow war bei den Schülern sehr beliebt. Auch er kleidete sich nicht nach der typischen Zauberer-Manier, sondern trat immer in sportlichem Muggel-Outfit auf.
Die Nachmittage gehörten dann Nellies Abitur-Vorbereitungen. Warthrow hatte sich sehr ausführlich mit Nellies alten Lehrern in Verbindung gesetzt und einen sehr ausgeklügelten Lehrplan ausgearbeitet, der alle relevanten Fächer abdeckte, aber Nellie trotzdem noch genügend Zeit einräumte, eigenen Studien nachzugehen. Es stellte sich heraus, dass er ein sehr gewissenhafter Lehrer war, der es ausgesprochen gut verstand, zwischen Unterricht und Freizeit zu differenzieren. Dieser Unterricht fand in einem Raum statt, der Nellie zunächst ein genervtes Raunen entlockte.
Warthrow hatte sie am Montag nach dem Mittagessen in den siebten Stock geführt und war dort vor einer leeren Wand mehrmals hoch konzentriert auf und ab geschritten. Nellie wollte ihn schon fragen, ob sie ihm bei irgendwas behilflich sein könnte, da war plötzlich eine Tür in der Mauer erschienen.
„Wow," hatte Nellie im ersten Moment nur staunen können. Das Staunen war ihr jedoch schnell wieder vergangen, als sie den dahinter liegenden Raum betrat. Der erinnerte Nellie nicht nur in allen erdenklichen Einzelheiten an ihr altes Klassenzimmer, es roch hier auch genauso. Es war alles da gewesen. Der zerkratzte Tisch, an dem Abraham immer mit seinem Taschenmesser herumgeschnitzt hatte, die Regale mit Büchern und die Tafel, die einen Sprung hatte.
„Wie ist das möglich?", hatte Nellie gejapst. „Sind wir etwa…können wir…?"
„Wir sind immer noch in Hogwarts," hatte Warthrow geantwortet und ihr dann etwas von einem Raum der Wünsche erzählt, der für sie alles sein könnte, was sie wollten.
Nellie, die seit dem Frühstück drei Geistern, vier sprechenden Bildern, einer Treppe, die plötzlich die Richtung änderte und einer Trickstufe begegnet war, nickte nur ergeben mit dem Kopf und setzte sich an den Tisch, an dem sie auch sonst immer saß.
Die Magie, die Nellie in den ersten Tagen an allen Ecken und Enden des Schlosses immer wieder begegnete, machte ihr nicht so viel Angst, wie sie befürchtet hatte. Der Aufenthalt am Grimmauldplatz hatte sie gut auf die Zaubererwelt vorbereitet.
Was ihr dagegen zusetzte waren die vielen Menschen, die sich hier tummelten und die alle keine bessere Freizeitbeschäftigung zu kennen schienen, als sich gegenseitig Zauber vorzuführen, neue Sprüche zu üben oder sich gegenseitig zu verhexen. Nellie spürte immer noch ein nervöses Ziehen im Bauch, wenn ein Zauberstab in ihre Richtung zeigte und versuchte daher, den Schülerscharen wo möglich aus dem Weg zu gehen.
An einem Vormittag, als sie gerade mit Warthrow zusammen aus dem Klassenzimmer für Muggelkunde trat, waren die Beiden geradewegs in eine Auseinandersetzung zwischen zwei Schülern geraten. Ein Slytherin- und ein Gryffindor-Junge hatten sich wutentbrannt gegenüber gestanden. Um sie herum hatte sich schon eine kleinere Schülertraube versammelt. Die Jungen hatten sich böse angefunkelt und ihre Zauberstäbe vor sich ausgestreckt. Noch niemand der Anwesenden hatte Warthrow und Nellie bemerkt, die gerade um die Ecke bogen.
In genau dem Moment, als Warthrow rief: „Was ist denn hier los?" hatte der Slytherin-Junge einen Fluch ausgesprochen. Doch da sich gerade alle nach den Lehrern umdrehten, schwirrte der Fluch an dem Gryffindor-Jungen vorbei und traf Nellie direkt ins Gesicht.
Im Nachhinein konnte Nellie froh sein, dass die Kontrahenten erst im zweiten Schuljahr waren, denn in dem Alter kannten sie noch keine allzu gefährlichen Flüche und waren meist auch nicht in der Lage, diese korrekt auszuführen. So hatte Nellie also noch Glück gehabt und ihr heftiges Nasenbluten konnte von Warthrow schnell gestoppt werden. Doch saß der Schock, von einem Fluch getroffen worden zu sein, der wirklichen Schaden zufügen sollte, von diesem Moment an wieder so tief, dass Nellie sich sehr zusammen nehmen musste, wenn in ihrer Nähe gezaubert wurde, was nicht gerade selten vorkam.
Ihren eigenen Zauberstab, den sie dem Todesser vor dem Ministerium abgenommen hatte, hatte Nellie noch nicht einsetzen müssen. Sie trug ihn immer deutlich sichtbar in der Hosentasche und hatte sich angewöhnt, wenn ihr langweilig war, damit herumzuspielen. Das war jedoch keine sehr gute Angewohnheit, da der Stab in den ungünstigsten Momenten den Zauber der Zwillinge freisetzte und bunte Funken versprühte. Das sorgte zwar meist für amüsierte Lacher, war jedoch nicht Sinn der Sache gewesen.
Mit Warthrow verstand Nellie sich im Laufe dieser ersten Woche immer besser. Er verdiente sich nicht nur ihren Respekt als sehr fähiger Lehrer, sondern auch als guter Freund. Auch wenn er manchmal etwas sehr förmlich war, hatte er doch jede Menge Flausen im Kopf. Er war für jeden Spaß zu haben und steckte immer wieder verschwörerisch grinsend mit Lupin die Köpfe zusammen.
Einmal hatte er beim Frühstück die gekochten Eier, die in Körben auf den Tischen verteilt lagen, leise piepsen lassen und schließlich, als Lehrer und Schüler schon völlig verwirrt aussahen, hatte er aus den hunderten von Eiern süße kleine plüschige Kücken schlüpfen lassen. Die Mädchen waren alle völlig verzückt gewesen, auch Nellie hatte sich gegen den Charme der gelben Federbällchen nicht wehren können. Warthrow und Lupin waren nicht die einzigen gewesen, die über die Szene herzhaft lachten, wobei Nellie ahnte, dass Lupin mit der Sache eigentlich nichts zu tun hatte. Nur Professor McGonagall hatte ganz und gar nicht amüsiert gewirkt.
Das Verhältnis zwischen Warthrow und Nellie hatte sich in den wenigen ersten Tagen so gut entwickelt, dass sie schon bald dazu übergegangen waren, sich beim Vornamen anzusprechen. Das war Nellie zwar zunächst ein rechter Dorn im Auge gewesen, er war schließlich ihr Lehrer, doch die Beiden unternahmen so viel gemeinsam, dass die förmliche Anrede bald nervte.
Emil hatte weiterhin auf Nellie eine starke Anziehungskraft, die sie sich kaum erklären konnte. Wenn er ihr zulächelte, drehte sich der Raum um sie herum immer noch ein wenig und wenn er diesen schalkhaften Ausdruck in den Augen hatte, musste Nellie unwillkürlich lachen. Doch er hatte nicht nur auf das Muggel-Mädchen diese Wirkung, so ziemlich alle Schülerinnen von Hogwarts schwärmten für ihn. Das musste an seinem jugendlichen Charme liegen, den er großzügig versprühte und kaum ein weibliches Wesen im Schloss konnte sich dagegen wehren. Doch mehr als ein Lächeln schenkte er seinen Schülerinnen nicht, ausgenommen Nellie.
Die Beiden verbrachten auch außerhalb des Unterrichts sehr viel Zeit miteinander. Meistens hielten sie sich dann im Raum der Wünsche auf, den sie sich je nach Lust und Laune in einen Südseestrand oder auch eine Kart-Bahn verwandeln ließen. Die Möglichkeiten waren hier unbegrenzt und Nellie machte sich einen Spaß daraus, sich die verrücktesten Lokalitäten auszudenken. Ein anderes Mal hatte er Nellie nachts durch einen Geheimgang geführt, der im nahen Dorf endete, und zwar direkt in einem Laden mit den herrlichsten Süßigkeiten, die man sich nur vorstellen konnte. Nellie hatte Bauklötze gestaunt und sich wieder wie ein kleines Kind gefühlt, dass verbotener Weise in die Vorratskammer des Schlaraffenlandes eingebrochen war. Sie wusste gar nicht, wo sie zuerst hinsehen sollte. Die Beiden hatten sich schließlich im Uhrzeigersinn durch alle Regale gefuttert und Emil hatte, bevor sie mit eindeutig strammer sitzenden Jeans wieder gehen wollten, eine Galleone auf den Tresen gelegt.
Nellie war aber auch sehr viel alleine im Schloss unterwegs, bevorzugt nachts. Da sie für den Großteil des Lehrerkollegiums als Ihresgleichen galt und auch der finster dreinblickende Hausmeister sie für eine Lehrerin hielt, war das gar kein Problem. Außerdem brauchte sie ohnehin nicht besonders viel Schlaf, wenn sie nicht gerade zu viel Wein erwischt hatte, was ihr seid dem ersten Abend nicht mehr passiert war. Sie hatte früher schon am liebsten nachts gelernt, gelesen oder auch sich aus dem Haus geschlichen, weil sie ohnehin nicht schlafen konnte. Jetzt in Hogwarts waren diese nächtlichen Ausflüge natürlich noch viel spannender. In aller Ruhe konnte sie sich jetzt alles ansehen. Sie lernte viele Portraits kennen, manche freundlich, andere eher miesepetrig. Besonders freundete sie sich mit einer Runde älterer Hexen an, die an einem Tisch Bingo spielten.
Das Muggel-Mädchen lernte aber auch ein paar der Hausgeister kennen. Die waren für Nellie von allem, was sie auf Hogwarts bisher erlebt hatte, am schwierigsten zu verdauen. Es war dabei auch nicht gerade hilfreicher gewesen, dass der erste Geist, dem sie begegnet war, ausgerechnet Peeves sein musste. Nellie war wie versteinert stehen geblieben, als der kleine Mann aus der Mauer gegenüber geschwebt war. Sie war zu keiner Reaktion fähig gewesen. Peeves hatte ihr Entsetzen schamlos ausgenutzt und sie mit einem Fass Tinte überschüttet und anschließend mit einem ausgestopften Kniesel durch die Gänge gejagt.
Zum Glück hatte Nellie noch in der gleichen Nacht den Fast Kopflosen Nick kennen gelernt, mit dem Nellie sich ausgesprochen gut verstand. Er begleitete sie daraufhin plaudernder Weise auf so mancher nächtlicher Wanderung durch das Schloss. Auf diese Weise lernte Nellie schon in den ersten Tagen einige Abkürzungen kennen und entdeckte eine Geheimtür, die direkt in die Gewächshäuser führte. Es wurde Nellie also nicht langweilig.
Doch die Hausgeister waren nicht die einzigen Wesen, die Nellie kennen lernen sollte, die so gar nicht in das Bild der Evolution passen wollten, das sie in der Schule gelernt hatte.
Als Nellie in der ersten Nacht weit nach Mitternacht in ihre Wohnung zurückkehrte, war das erste, das sie dort bemerkte, ein kleines Wesen mit riesigen Ohren, das hin und her wuselte.
Nellie erschrak so sehr, dass sie rückwärts wieder aus der Tür herausstolperte und sich erst mal schwer atmend gegen die Mauer lehnen musste.
Was war das gewesen?
Als sie sich wieder beruhigt hatte, spähte Nellie vorsichtig durch den Türschlitz in das vordere Zimmer hinein. Das Wesen war immer noch da und war gerade dabei, Nellies Koffer auszupacken. Es war sehr klein, hatte eine dicke Knubbelnase und Ohren, die bei jeder Bewegung lustig wippten. Allerdings schien das kleine Wesen ganz und gar nicht lustig drauf zu sein, sondern brummte die ganze Zeit vor sich hin, was wahrscheinlich auch der Grund dafür gewesen war, dass es Nellie nicht bemerkt hatte.
„Winky will nicht hier sein," schnaubte es, warf daraufhin eine Bluse, die sie gerade aus Nellies Koffer geholt hatte, auf den Boden. Dann bekam es plötzlich ganz große Augen, sah sich panisch um und hob die Bluse hektisch wieder auf, klopfte sie aus und faltete sie ordentlich zusammen. Dabei sah es sich immer noch panisch um, als hätte es Angst beobachtet zu werden.
„Winky will nach Hause," schluchzte das kleine Wesen jetzt so herzzerreißend, dass Nellie ihr Misstrauen vergas und wieder in das Zimmer trat.
Diesmal bemerkte das kleine Wesen sie und bekam vor Schreck einen heftigen Schluckauf. Nellie trat näher heran und klopfte dem Wesen vorsichtig auf den Rücken, bis es sich beruhigt hatte.
„Wer bist du?", fragte Nellie dann mutig, die sich auf das Bett gesetzt hatte.
„Winky ist mein Name. Herrin dürfen Winky nicht sehen!", rief die Kleine, denn nach Nellies Urteil aus der Nähe konnte sie eindeutig feststellen, dass das Wesen weiblich sein musste. Es trug einen hübschen Rock und eine Bluse auf der das Wappen von Hogwarts zu sehen war. Winky versteckte ihr Gesicht hinter den Händen.
„Warum darf ich dich nicht sehen? Ähm, ich will nicht unhöflich sein, aber was bist du eigentlich und was machst du hier?"
Winky lugte zwischen ihren Fingern hervor und ließ die Hände dann ganz sinken. Sie sah empört aus.
„Eine gute Hauselfe darf man nicht sehen!", begann sie. „Aber Winky ist keine gute Hauselfe. Winky arbeitet in einem fremden Haus. Winky nimmt Befehle von einem fremden Herrn an."
Nellie war mehr als verwirrt. Das kleine Wesen vor ihr, das sich selbst als Hauselfe bezeichnete, schien mehr als unzufrieden zu sein, doch konnte Nellie aus alle dem, was Winky weiter vor sich hin brabbelte nichts entnehmen, was ihr die Situation erklärt hätte. Das einzige, was sie verstand war, dass Winky dafür zuständig sein musste, ihre Wohnung zu reinigen.
Winky redete sich regelrecht in einen Rausch hinein. Sie erzählte von ihrem Herrn, von den anderen Hauselfen und irgendwann war sie plötzlich mit einem PLOPP verschwunden.
Nellie konnte nur den Kopf schütteln über all das Seltsame in diesen Gemäuern.
In den nächsten Tagen sollte sie Winky, die Hauselfe, noch um einiges besser kennen lernen. Nachdem Nellie auch mit Emil und Lupin über die Hauselfe gesprochen hatte, verstand sie sie nun um einiges besser und wartete oft auf sie, um ein wenig mit ihr zu plaudern. Winky schien diese Freundlichkeiten zunächst eher misstrauisch zu beäugen, taute aber immer mehr auf und brachte am Ende der Woche Nellie und Polly sogar ein paar Leckereien aus der Küche mit.
Polly konnte sich über ihr neues Heim nicht beschweren. Auch wenn sie ihr Frauchen zum Unterricht nicht begleiten durfte, war sie doch beim Essen immer dabei und wurde langsam schon richtig kugelrund. Und sie durfte frei durch das Schloss laufen, wie sie es wollte. Nellie wusste, dass ihre kleine Freundin immer wieder zu ihr zurückkommen würde und hatte deshalb keine Bedenken dabei, sie tagsüber laufen zu lassen. Und nachts nahm sie Polly immer mit auf ihre Ausflüge.
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Harry und seine Freunde verbrachten die erste Schulwoche seit den Sommerferien mit den üblichen Schülerangelegenheiten. Den Stundenplan durchdiskutieren, Bücher schleppen, über Lehrer und manche Schüler lästern und sich über die vielen Hausaufgaben beschweren. Doch hatte Harry in diesem Schuljahr wichtigeres im Kopf als solche Albernheiten. Er ging dem Unterricht in gewohnt gelassener Form nach, zerbrach sich dabei aber viel mehr den Kopf darüber, wie er die restlichen Horkruxe finden konnte. Stunde um Stunde diskutierte er mit den anderen über das Medaillon und wann er diesen Schwarzmagier am besten aufsuchen sollte. Hermine plädierte dafür, wenigstens die ersten Schulwochen abzuwarten. Ron und Ginny meinten, es könne nicht schaden, an den Wochenenden danach zu fahnden und Nellie enthielt sich ganz ihrer Stimme. Das lag zu einem großen Teil daran, dass sie nur noch sehr wenig Zeit mit ihren Freunden verbrachte.
Das bedauerten alle sehr, aber dadurch, dass Nellie ihre Mahlzeiten am Lehrertisch einnehmen musste und getrennt von ihnen unterrichtet wurde und sogar wohnte, gab es nur wenige Gelegenheiten, sich zu treffen. In der ganzen Woche begegneten sich die Freunde nur drei Mal auf den Gängen, was aber meist auch nur für ein paar kurze Wortwechsel reichte und an einem Abend hatte Nellie die anderen im Gemeinschaftsraum der Gryffindors besucht. Ginny hatte ihr das Passwort gesagt und Nellie hatte sich nach 11 Uhr hereingeschlichen, als die anderen Schüler zum größten Teil schon im Bett waren.
Harry dachte viel an Nellie in den ersten Tagen. Er bewunderte, wie entspannt sie mit dieser für sie so neuen Situation umging. Dann wurde er jedoch so sehr von seinem eigenen Unterricht und seinen Nachforschungen abgelenkt, dass er sich nur noch selten bei einem Gedanken an die Freundin erwischte. Und dann forderte natürlich auch Ginny noch einen beträchtlichen Teil seiner geringen Freizeit.
An einem Nachmittag hatte Harry nach einer Doppelstunde Verteidigung gegen die dunklen Künste bei Lupin das Gespräch mit dem Professor gesucht. Er wollte gewisse Dinge geklärt haben.
„Professor, kann ich Sie etwas fragen?"
„Sicher, Harry, was gibt es denn?" Lupin hatte seine Tasche zusammengepackt und war mit Harry zusammen aus dem Klassenzimmer getreten.
„Ich wollte Sie fragen, ob Sie diesen Ring bei meinem Vater früher mal gesehen haben." Harry hielt Lupin den silbernen Siegelring hin, den er sich vom Finger gestreift hatte.
Lupin war stehen geblieben und betrachtete den Ring mit gerunzelter Stirn. Er drehte ihn mehrmals zwischen den Fingern, bevor er ihn Harry wieder zurückgab.
„Nein, den sehe ich das erste Mal," meinte er dann und sah Harry nachdenklich an. „Er trägt das Siegel der Potters, das erkenne ich, aber sonst weiß ich nichts dazu zu sagen. Wo hast du ihn her?"
„Ich habe ihn in Godric's Hollow gefunden," antwortete Harry, der sich den Ring wieder überstreifte. „Vielleicht gehörte er gar nicht meinem Vater."
„Das kann ich dir nicht sagen, tut mir leid."
Die Beiden liefen schweigend den Gang weiter hinunter, bis sie in der Eingangshalle ankamen.
„Haben Sie dieses Notizbuch eigentlich gesehen?", fragte Harry dann plötzlich und veranlasste Lupin damit wieder stehen zu bleiben.
„Ja, ich habe es gesehen und mir sehr genau angesehen, aber ich weiß auch dazu nichts zu sagen." Lupin sah Harry scharf ins Gesicht. Der hatte den Blick gesenkt und schien zu überlegen, wie er seine nächste Frage formulieren könnte. „Aber mir scheint, dass du da rüber mehr weißt, wie ich."
Harry blickte auf und sah seinem Professor in die Augen. Bei dieser Gelegenheit fiel ihm auf, dass er inzwischen genauso groß war wie er.
„Ich habe mich nur gefragt, ob Sie etwas mit diesem Annulare Magia anfangen konnten," meinte Harry nur und wich damit Lupins Vermutung aus.
Der antwortete nicht sofort, sondern musterte seinen Schüler immer noch sehr genau.
„Nein. Nur irgendetwas an dem Buch hat mich an etwas erinnert, etwas daran kam mir bekannt vor," meinte er schließlich.
Harry stutzte einen Moment.
„Aber was diese Worte bedeuten können, wissen Sie nicht? Haben Sie darüber nichts herausgefunden?", fragte er weiter.
Lupin schien langsam die Geduld zu verlieren, eine tiefe Falte breitete sich über seiner Stirn aus als er antwortete:
„Nein, Harry, nichts. Aber ich gehe davon aus, dass du mir nicht sagen wirst, was es damit tatsächlich auf sich hat und daher schlage ich vor, dass wir hinein gehen. Ich habe nämlich Hunger." Und damit betrat er die Große Halle und ließ Harry allein.
Das Gespräch hatte ihn nicht wirklich weitergebracht.
Als er gerade zum Gryffindor-Tisch gehen wollte, kam Nellie von hinten auf ihn zugelaufen und strahlte ihn über das ganze Gesicht hinweg an.
„Harry," strahlte sie ihn an. „Wir veranstalten am Wochenende ein kleines Golf-Turnier auf dem Schlossgelände. Hast du Lust mitzumachen? Es wird sicher lustig!"
Harry schüttelte verwirrt den Kopf.
„Golf? Hier?"
„Golf.
Hier. Was ist daran so seltsam?", fragte Nellie amüsiert und
zwinkerte ihm zu. „Emil hat das vorgeschlagen. Er hat das früher
sehr oft gespielt und meinte, das könnte uns auch Spaß
machen."
"Emil?" Jetzt war es an Harry zu zwinkern.
„Professor Warthrow für euch," grinste Nellie breit. „Also, ich werde euch nach dem Frühstück am Samstag abholen."
Und schon war sie wieder verschwunden.
Harry wunderte sich einmal mehr, wie fröhlich sie war, obwohl das hier für sie eigentlich so eine Art Exil darstellte.
