Kapitel 30:

Nicht nur Harry hatte die Todesser entdeckt.

Kurz nachdem der Knall ertönt war, brach im Laden Panik aus und viele, die sich darin aufhielten, rannten in wilder Flucht auf die Straße hinaus.

„Nein!", schrie Harry ihnen noch hinterher. „Bleibt hier!", doch keiner achtete auf ihn.

Auch Ron und Hermine versuchten noch, einige Schüler aufzuhalten, doch blieben außer ihnen nur wenige dort, wo sie waren. Unter ihnen auch Neville und Luna, die auf Harry und die anderen zu gekrochen kamen.

„Was sollen wir tun?", fragte Neville sofort.

Man konnte ihm ansehen, dass er vor Angst schlotterte, er riss sich aber zusammen und hatte einen entschlossenen Ausdruck auf dem Gesicht. Sein Blick war nicht der einzige, der nun auf Harry ruhte. Ron, Hermine, Ginny, Luna und ein paar andere Schüleraugen sahen ihn erwartungsvoll an, als könnte nur er sie aus dieser Misere herausholen.

„Wir müssen zur Schule zurück, dort wären wir in Sicherheit," meinte er schließlich. „Die Todesser können uns über die Schlossgrenzen nicht folgen."

„Aber wie sollen wir das schaffen?", fragte Ron, der aus dem Fenster blickte, wo immer mehr Todesser auftauchten. „Wir kommen nicht einmal bis an die Dorfgrenzen."

„Wo sind denn bloß die Auroren?", meinte Luna auf einmal. „Sollten sie nicht hier patrouillieren?"

Harry hatte sich die Frage auch schon gestellt, konnte aber draußen nirgendwo auch nur die leiseste Spur der Ministeriumsmitarbeiter entdecken. Stattdessen sah er, wie ein paar schwarz Maskierte eine Schülergruppe einkreisten.

„Wir werden uns aufteilen," sagte er dann wieder an seine Freunde gewandt. „Ich werde sie ablenken und ihr anderen rennt zurück zur Schule."

Ginny wollte protestieren, wurde aber von einer erneuten Explosion unterbrochen.

Harry sah zu Nellie hin, die sich nicht gerührt hatte, seit er sie zu Boden gezogen hatte. Sie starrte mit weit aufgerissenen Augen aus den zerschmetterten Fenstern und schien starr vor Angst. Sie bebte am ganzen Körper und ihre Finger krallten sich um ihren Zauberstab, als könnte dieser ihr Halt geben. Polly hatte ich unter ihre T-Shirt geflüchtet und schien nicht minder zu zittern.

„Nellie?" Harry legte der Freundin eine Hand auf die Schulter, woraufhin die zusammenzuckte und hektisch um sich schlug. Sie schien unter Schock zu stehen.

„Ginny, kannst du dich bitte um Nellie kümmern? Wir müssen hier weg!" Harry wandte sich seiner Freundin zu, die ihn ängstlich ansah und dann nickte. Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, die er schnell nahm und fest drückte. Er sah ihr tief in die Augen, bevor er sagte:

„Auf mein Zeichen rennt ihr los."

Dann hatte er Ginnys Hand auch schon losgelassen, seinen Zauberstab gezogen und war aus dem Laden gestürmt.

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Ginny sah Harry hinterher, bevor sie zu Nellie kroch und sie vorsichtig an der Schulter rüttelte. Das Muggel-Mädchen sah sie einen Moment lang nur verwirrt und aus schreckgeweiteten Augen an, bevor sie schließlich tief durchatmete und ihren Griff um den Zauberstab lockerte.

„Ich bin okay," meinte sie dann mit schwacher Stimme.

Ron, der Harry durch die leeren Fensterrahmen nachgesehen hatte, drehte sich plötzlich zu den anderen um.

„Es geht los," rief er und nahm Hermines Hand.

Noch bevor die kleine Gruppe an der Ladentür angekommen war, sahen sie, womit Harry die Todesser von ihnen abzulenken versuchte. Er hatte mitten auf der Straße eine Flammenwand entfacht, die jegliche Blicke auf den Eingang von Zonks vereitelte.

Die Freunde rannten gebückt los und hielten sich dabei nah an den Häuserwänden. Überall konnten sie Schatten rennen sehen, doch durch den Rauch, der inzwischen das Dorf einhüllte, war nur schwer auszumachen, wer da lief. Sie konnten Schreie hören, die ihnen Gänsehaut verursachte.

Nellie war kreideweiß im Gesicht und musste stehen bleiben, um sich an der Wand abzustützen, so sehr begannen ihre Knie zu zittern. Sie hörte plötzlich wieder ihre eigenen Schreie aus diesen dunklen Keller, konnte die Schmerzen und ihre Angst von damals wieder spüren und hörte diese schreckliche Stimme von neuem. Gleichzeitig wusste sie, dass sie nicht mehr in dem Keller in Voldemorts Gewalt war, was sie aber nur noch mehr verwirrte.

Ginny musste Nellie mit Gewalt weiterziehen. Doch noch während sie versuchte, Nellie zum Weitergehen zu bewegen, war die restliche Gruppe schon weitergelaufen. In der allgemeinen Panik und Verwirrung hatte niemand auf die beiden jungen Frauen geachtet.

Ginny sah sich panisch um, konnte jedoch nur noch Schemen wahrnehmen. Kurz entschlossen, nahm sie Nellies Arm, legte ihn sich um die Schulter und rannte mit ihr weiter auf Hogwarts zu.

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„Wo ist Ginny hin?"

Ron, der sich gerade nach seiner Schwester umsah, blieb abrupt stehen und drehte sich einmal im Kreis. Auch Hermine sah sich panisch um.

„Sie waren eben noch hinter uns," keuchte Neville, der sich die Seite rieb.

„Verdammt," fluchte Ron und wollte schon zurück laufen, als Hermine ihn festhielt. Sie hatte Tränen in den Augen.

„Wir müssen zur Schule, wir müssen die Lehrer informieren," rief sie durch den Lärm hindurch. „Die Beiden werden zurechtkommen."

Ron sah sie ungläubig an, dann tauchte plötzlich neben ihnen ein schwarzer Schatten auf.

„Weasleby," raunte der Schatten und trat näher heran.

Ron stellten sich die Nackenhaare auf.

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Harry hatte keine Vorstellung davon gehabt, was er machen sollte, als er aus dem Laden gelaufen war. Er wusste, dass es lebensmüde war, den Todessern so entgegen zu laufen, aber er hatte darauf gehofft, dass sie ihn lebend erwischen wollten und er sie vielleicht so von seinen Freunden ablenken könnte. Er ging einfach davon aus, dass dieser ganze Angriff nur zu dem Zweck erfolgte, ihn zu erwischen.

Sein Plan schien zunächst aufzugehen, denn als die Schwarzvermummten ihn erkannten, verfolgten sie ihn sofort. Um sicher zu gehen, dass die anderen fliehen und Hilfe holen konnten, hatte Harry hinter sich eine Feuerwand heraufbeschworen. Es war ein komplizierter Zauber und es war nicht absehbar gewesen, ob er funktionieren würde, aber es hatte zum Glück geklappt.

Nun war er auf der Flucht.

Er rannte durch Gassen und an Häusern vorbei. Die Todesser waren noch hinter ihm, das konnte er hören und spüren, denn sie feuerten immer wieder Flüche hinter ihm her. Harry lief bewusst in die Richtung, die am weitesten vom Schloss fortführte. Immer wieder stürmte er in verlassene Läden oder Häuser, um einen Moment Schutz zu suchen, seine Verfolger mit Flüchen abzulenken und wieder zu Atem zu kommen. Lange würde er das nicht aushalten.

Er fragte sich, was wohl mit den Auroren geschehen sein könnte, dass sie nicht einschritten.

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Nellie konnte diese schrecklichen Erinnerungen, die sie mit gewaltiger Macht fortzureißen drohten, nur schwer abschütteln. Wenn ihnen auf ihrem Weg schwarze Gestalten begegneten, geriet sie in Panik und begann, zu schreien und um sich zu schlagen.

Ginny hatte alle Hände voll damit zu tun, Nellie nicht zu verlieren und in dem Rauch, der immer dichter wurde, fiel es der jungen Hexe immer schwerer, selber die Orientierung zu behalten.

Sie glaubte, dass es nicht mehr weit sein konnte bis sie den Weg zum Schloss hoch erreicht hätten. Von dort aus wäre es nur noch ein kurzes Stück, bis sie in Sicherheit wären.

Auf ihrem Weg waren sie immer wieder kreischenden und weinenden Schülern begegnet, die ziellos umherirrten. Sie hatte allen, denen sie begegnet waren, geraten, so schnell sie konnten, zurück zur Schule zu laufen.

Ihnen waren aber auch zwei Todesser begegnet, wobei Ginny den einen nur mit purem Glück ausschalten konnte, als er mit ihnen schier zusammen gestoßen war. Der andere lag mit einer Ganzkörper-Klammer ein paar Meter hinter ihnen.

Ginny spürte keine Angst mehr, während sie so mit Nellie durch den Rauch rannte. Sie war zu erschöpft, als dass sie noch irgendetwas hätte empfinden können, und das Adrenalin in ihren Adern tat sein übriges. Doch während sie so rannte und dabei versuchte, Nellie festzuhalten, die wieder diesen glasigen Ausdruck in den Augen hatte, achtete sie nicht mehr auf den Weg und stolperte plötzlich über etwas, das am Boden lag.

Im Fallen ließ sie Nellies Arm los und fing sich mit den Händen auf dem Boden ab. Als sie erkannte, worüber sie gestolpert war, blieb ihr einen Moment lang der Atem weg.

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„Malfoy," knurrte Ron und zog seinen Zauberstab heraus.

Die anderen taten es ihm gleich und stellten sich neben Ron auf. Hermine stand direkt neben ihm und berührte kurz mit einer Hand seine Schulter.

„Och, wie rührend," feixte Draco Malfoy. „Sieh mal einer an, euer Kindergarten-Club ist ja fast vollzählig. Wo hast du denn das Narbengesicht gelassen?"

„Halt die Klappe, Malfoy," meinte Ron und man sah ihm an, dass er dem verhassten Ex-Slytherin am liebsten all das heimzahlen wollte, was er ihm in all den Jahren angetan hatte. „Verzieh dich lieber wieder in dein Rattenloch."

„Och, Wiesel, wie unhöflich, aber ich denke, ihr solltet euch lieber in acht nehmen," schnarrte Malfoy und die Freunde erkannten noch mehr schwarze Schatten, die hinter dem blonden Jungen auftauchten.

Hermine zog hörbar die Luft ein und die Vier drängten sich enger zusammen.

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„Komm raus, Potter! Deine Rennerei bringt dir ja doch nichts, wir kriegen dich eh!" Die Stimme klang leicht keuchend, aber gleichzeitig auch sehr siegessicher. Harry wusste auch warum. Er hatte sich in einem Lagerschuppen verschanzt, konnte aber durch die Schlitze im Holz erkennen, dass noch mehr Todesser aufgetaucht waren, die den Verschlag jetzt umstellten.

Er saß in der Falle.

Plötzlich brach hinter ihm eine Tür auf. Harry wirbelte mit dem Zauberstab in der Hand herum und war das erste Mal an diesem Tag erleichtert.

Der Mann, der gerade durch die Hintertür gestolpert kam, schien zunächst nicht weniger überrascht, auf einen anderen erhobenen Zauberstab zu treffen, dann jedoch genauso erleichtert, als er erkannte, um wen es sich hier handelte.

„Harry, meine Güte, bin ich froh, dass du lebst."

Der Mann ließ sich auf eine Kiste sinken und schnappte keuchend nach Luft.

„Kingsley," rief Harry und lief auf den Mann zu. Beim Näher kommen konnte er sehen, dass der Auror schwer verletzt war. „Was ist passiert? Wo sind die anderen Auroren?"

Kingsley schüttelte nur den Kopf und hielt sich mit einer Hand die Rippen, wo Harry einen Schnitt erkennen konnte, der stark blutete.

„Wir wurden überlistet, die meisten sind tot."

Harry konnte den dunklen Mann einen Moment lang nur anstarren, bevor er sich wieder darüber bewusst wurde, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bevor die Todesser draußen den Verschlag angreifen würden.

„Was ist mit den anderen?", fragte er deshalb.

„Ich weiß nicht, wer außer mir entkommen konnte, aber sie dürften hier genauso wenig von Nutzen sein, wie ich." Kingsleys Stimme wurde schwächer und er ließ sich von der Kiste auf den Boden rutschen.

Harry konnte die Todesser draußen reden hören. Wahrscheinlich berieten sie sich, wie sie die Maus am leichtesten aus ihrem Loch holen könnten.

„Wir müssen hier raus und zur Schule hoch! Kommen Sie, stehen Sie auf!" Harry packte den großen Mann unter den Schultern, doch schaffte er es nicht, ihn aufzurichten.

„Nein, Harry, der Hintereingang ist inzwischen genauso bewacht, wie der vordere. Wir kommen hier nicht raus. Ganz zu schweigen davon, dass ich kaum stehen kann."

„Aber was sollen wir jetzt tun?"

„Kämpfen, oder es aussitzen….was ist dir lieber?"

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Als Nellie spürte, dass Ginnys Griff plötzlich fehlte, konnte sie einen Moment lang klar erkennen, wo sie sich hier befand. Sie war nicht mehr in diesem feuchten Keller. Sie war unverletzt und konnte laufen. Durch den Rauch hindurch glaubte sie sogar, die Umrisse von Hogwarts in der Ferne zu erkennen. Und sie erinnerte sich an Harrys Stimme, die gesagt hatte, dort wären sie sicher.

Also rannte sie los. Sie wollte aus diesem Inferno weg, wollte diese Stimme nicht mehr hören, diese Erinnerungen nicht mehr durchleben.

Sie rannte, als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her. Dabei dachte sie nicht daran, dass Ginny oder Harry oder einer der anderen nicht bei ihr waren. Sie dachte gar nicht mehr nach. Sie sah nur noch ihr Ziel vor sich.

Während Nellie so lief, nahm sie um sich herum nichts mehr wahr. Sie sah die schwarze Gestalt nicht, die ihr entgegen rannte und sie aus vollem Lauf am Arm packte.

Nellie sah nicht, wer auf sie zukam, sondern spürte nur plötzlich den stechenden Schmerz, als ihr Arm verdreht wurde und die Schulter aus ihrem Gelenk sprang. Mit einem Schmerzensschrei stürzte sie zu Boden. Polly wurde bei dem Sturz aus ihrem Versteck geschleudert und blieb ein paar Meter weiter reglos liegen. Die schwarze Gestalt, die sich jetzt über Nellie aufbaute, hielt ihren Arm immer noch fest.

Der jetzt plötzlich sehr reale Schmerz, der Nellies Körper durchströmte, ließ alle restlichen Schleier vor ihrer Wahrnehmung verschwinden. Seit der ersten Explosion nahm sie jetzt ihre Umgebung das erste Mal in all seiner Härte wahr. Sie sah, dass jemand Fremdes einen Zauberstab auf sie gerichtet hielt und tat das einzige, was ihr in diesem Moment einfiel. Sie trat dem Mann über ihr mit aller Kraft zwischen die Beine.

Vor Schmerz aufheulend ging der in die Knie und ließ Nellies Arm dabei los.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht rappelte sie sich auf und wollte weiter laufen, als sie ein Lichtblitz in den Rücken traf.

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Es waren fünf Todesser die Ron, Hermine, Luna und Neville einzukreisen begannen. Malfoy feixte unverschämt über das ganze Gesicht.

Sobald die ersten Flüche und Zauber hin und her zu fliegen begannen, verwandelte sich das Feixen jedoch in eine verbissene Grimasse.

Neville und Luna hielten drei Todesser geschickt im Schacht, während Hermine und Ron sich mit Malfoy und einem anderen Vermummten herumschlugen.

„Du kämpfst immer noch wie ein Mädchen, Weasleby," höhnte Malfoy, während er sich unter einen Zauber von Ron wegduckte.

„Und du Frettchen hast immer noch keine besseren Sprüche drauf," rief Hermine, der es jetzt gelang, den anderen Todesser mit einem Reducto außer Gefecht zu setzen.

Malfoy war über ihre Worte so erbost, dass er Ron kurz entschlossen seine Faust ins Gesicht rammte und sich dann auf Hermine stürzte.

Ron ging zu Boden und sah einen Moment lang Sterne. Als er seine Umgebung wieder klar wahrnehmen konnte, schüttelte er heftig den Kopf und sah sich dann nach Malfoy und den anderen um.

Neville und Luna waren von den Todessern weit abgedrängt worden, hielten sich aber immer noch wacker. Sie hatten zwei Angreifer ausgeschalten und kämpften jetzt verbissen Schulter an Schulter weiter.

Hermine war dagegen in arge Bedrängnis geraten. nachdem Malfoy ihr den Zauberstab mit einem Expelliarmus abgenommen hatte. Sie wich seinen Flüchen immer wieder aus, stolperte jedoch in diesem Moment und wurde von einem Lichtblitz getroffen, der sie einige Meter über die Wiese fliegen ließ. Als sie hart auf dem Boden aufschlug, blieb sie liegen und rührte sich nicht mehr. Ron brüllte vor Wut auf und stürzte sich auf Malfoy, der mit dem Rücken zu ihm stand und auf Hermine zugehen wollte.

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Ginnys Magen hatte sich unangenehm gedreht, als sie Michael Corner in sein lebloses Gesicht geblickt hatte. Er war es gewesen, über den sie gestolpert war und der mit weit aufgerissenen, leeren Augen auf der Straße lag.

Sie hatte sich bemüht, bei diesem Anblick nicht in Panik auszubrechen. Schnell hatte sie sich abgewendet, ein paar Mal tief durchgeatmet und dann nach Nellie geschaut.

Ginny war froh gewesen, dass sie sich in diesem Moment ablenken und nach ihrer Freundin suchen konnte. Auch wenn sie nur kurze Zeit mit Michael zusammen gewesen war, hatte er ein solches Ende doch nicht verdient.

Immer noch liefen Schüler und Dorfbewohner durch die Straßen. Immer noch raubte ihr der Rauch die Sicht und konnte sie Schreie hören.

Einen Moment lang glaubte sie, Nellies Haarschopf erkannt zu haben und rannte sofort los in die Richtung. Ein Todesser tauchte plötzlich vor ihr auf und richtete seinen Zauberstab auf sie, doch hörte sie im nächsten Moment eine bekannte Stimme neben sich „Stupor!" rufen und der Todesser fiel zu Boden. Ginny drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war und sah dort Dean stehen. Er schien von sich selber überrascht zu sein und starrte den Todesser, den er gerade erledigt hatte, mit großen Augen an.

„Danke, Dean," rief Ginny. „Aber schau, dass du zur Schule kommst! Hast du Nellie gesehen? Ich meine, Miss Carols?"

Dean sah sie einen Moment verwirrt an, dann schüttelte er den Kopf und kam auf sie zu gelaufen.

„Komm mit, Ginny, wir sollten hier weg," sagte er und fasste sie am Arm.

Doch Ginny schüttelte ihn ab und lief wieder in die Richtung los, in der sie glaubte, Nellie gesehen zu haben.

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Harry und Kingsley hatten sich aus Kisten so schnell sie es konnten, eine Art Schutzmauer gebaut, für den Fall, dass die Todesser draußen den Holzschuppen stürmen würden. Was eigentlich jeden Moment der Fall sein musste.

„Was ist denn da los?", fragte Harry, der auf einer Kiste saß und die Eingänge im Auge behielt, während Kingsley versuchte, wieder zu Kräften zu kommen. „Worauf warten die denn?"

„Ich habe keine Ahnung," antwortete Kingsley und meinte es genauso.

Dann ertönte plötzlich von draußen wieder eine Stimme.

„Komm heraus, Potter," rief die Stimme, die Harry sofort erkannte. Es war Lucius Malfoy, der da sprach. „Du hast ohnehin keine Chance, aus deinem Versteck zu entkommen. Und wenn du kooperativ bist, wird deinen Freunden vielleicht auch nichts geschehen."

Harry bebte vor Wut. Konnte es sein, dass die Todesser die anderen gefangen hatten? Möglich war alles, aber diesmal war es nicht seine Schuld gewesen. Er hatte diesen Angriff nicht voraussehen können. Oder doch? Hätte er so etwas ahnen müssen?

„Lass dich nicht einschüchtern, Harry," meinte Kingsley hinter den Kisten. „Inzwischen werden mit Sicherheit noch mehr Auroren auf dem Weg hierher sein. Wir müssen einfach nur so lange überleben, bis sie hier eintreffen."

Das war leichter gesagt, als getan. Harry begann sich zu fragen, wie die Todesser überhaupt von dem Hogsmeade-Ausflug hatten wissen können. Moody hatte mit größter Sicherheit alles Erdenkliche getan, um so etwas zu verhindern.

„Nun lass dich nicht so bitten, Potter," höhnte draußen die Stimme von Lucius Malfoy. „Der Dunkle Lord möchte dich einladen, zu einem ganz privaten Duell."

Harry konnte das Gelächter der Männer hören, die dort draußen auf ihn lauerten.

Schon wieder war hier die Rede von einem Duell, das Voldemort mit ihm ausfechten wollte. Das war schon das zweite Mal, dass er dafür eine Einladung bekam. Doch auch, wenn er diese Einladung annehmen würde, fühlte er sich für ein Duell noch nicht reif genug. Und für sich beschloss Harry, wenn er hier heil wieder herauskäme, wieder mehr und härter zu trainieren. Und er könnte für dieses Training Hilfe gebrauchen.

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Als Ginny Nellie schließlich fand, lag das Muggel-Mädchen mit verdrehtem Arm auf der Wiese und ein Todesser näherte sich ihr von hinten, mit erhobenem Zauberstab.

Stupor!", schrie Ginny sofort, doch traf ihr Fluch nicht. Der Todesser war somit allerdings gewarnt und visierte jetzt sein neues Ziel an.

Während sie den Flüchen des anderen auswich und gleichzeitig selber so viele Flüche auf den vermummten Zauberer schoss, wie sie nur konnte, lief Ginny zu Nellie hin und rüttelte sie an der Schulter. Das Mädchen schien langsam wieder zu sich zu kommen.

„Nellie! Wach auf! Reducto!"

Nellie blinzelte verwirrt, dann klärte sich ihr Blick.

„Steht auf! Du musst ins Schloss laufen! Hol Hilfe!"

Doch in diesem Moment konnte Ginny aus den Augenwinkeln Gestalten erkennen, die vom Schloss herunter gelaufen kamen und auf das brennende Dorf zu. Erleichterung durchflutete Ginny und einen Moment lang war sie unaufmerksam, als sie Nellie auf die Füße zog. In diesem Moment traf sie ein Lichtblitz, der von den Worten: „Amnesia!" begleitet war.

Um Ginny schloss sich Schwärze und Vergessen.

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Ron hatte Malfoy von hinten seinen Zauberstab über den Hals gelegt und zog den Kopf des Anderen mit aller Kraft nach hinten, so dass Draco die Luft wegblieb und er gleichzeitig keine Chance hatte, Ron mit Tritten nach hinten zu erwischen. Hermine lag immer noch auf der Erde und rührte sich nicht. Mit einem kurzen Blick konnte Ron erkennen, dass sie aus einer Platzwunde an der Stirn blutete. Das löste bei ihm eine solche Wut aus, dass er seinen Zug an Malfoys Hals nur noch verstärkte.

„Lass los," keuchte Malfoy.

„Niemals, du kleine Ratte, du wirst büßen!"

Ron wusste gar nicht mehr, was er tat, als Malfoys Gesicht begann, blau anzulaufen.

Als Hermine sich wieder regte und die Augen aufschlug, sah sie ihren Freund, der immer so ängstlich und zurückhaltend gewesen war, in tödlichem Handgemenge mit Malfoy. Sie schrie auf und als Ron sah, dass sie wach war, ließ er Malfoy los, schlug ihm seine Faust ins Gesicht und eilte an Hermines Seite.

„Ist alles okay mit dir?", fragte er sie sofort.

„Ja, ich denke schon," sagte sie nur, dann sah sie über Rons Schulter und ihre Augen weiteten sich. Im nächsten Moment stieß sie Ron zur Seite und rollte sich selber weg. Der grüne Lichtblitz aus Malfoys Zauberstab brannte sich nur Zentimeter neben ihrem Kopf in die Wiese.

Ron, der seinen Zauberstab noch in der Hand hielt, rief sofort:

Impedimenta!"

Sein Fluch traf Malfoy, als der gerade Luft holte für einen erneuten Fluch und schleuderte ihn zurück. Der junge Todesser traf gelähmt auf dem Boden auf. Sein Kopf schlug heftig auf einen Stein auf und gab ein Geräusch von sich, bei dem sich Hermine und Ron der Magen umdrehte.

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Harry hatte keine Gelegenheit mehr bekommen, sich auf den Angriff vorzubereiten, als die Wände des Holzschuppens auch schon in sich zusammenstürzten und er unter dem herunterfallenden Dach begraben wurde.

Einen Moment lang war der Platz, an dem der Schuppen gestanden hatte, von Staub und Sägemehl-Wolken verhüllt, bevor man wieder etwas erkennen konnte.

Die Todesser näherten sich dem eingestürzten Lagerschuppen siegessicher, aber trotzdem mit erhobenen Zauberstäben. Sie sollten den Jungen lebendig mitbringen. Was mit den anderen geschähe wäre egal. Der Dunkle Lord hatte nur an Potter ein Interesse. Und niemand käme auf den Gedanken, diesem Interesse entgegenzuwirken.

Lucius Malfoy trat als erster über die dünnen Holzbalken, auf die Stelle zu, an der er den Jungen vermutete und wirklich konnte er eine Bewegung erkennen. Eine staubbedeckte Gestalt kämpfte sich hustend unter dem Schutt hervor.

Malfoy hatte das Risiko, dass Harry bei diesem Angriff etwas passieren konnte, sehr genau abgewägt, aber das Holz dieses Schuppens war alt und porös gewesen, keine größere Bedrohung.

Insgesamt war Malfoy mit dem Verlauf des Angriffs auf das Dorf sehr zufrieden. Nachdem sie von dem Wochenend-Ausflug erfahren hatten, hatte er alle verfügbaren Männer zusammengezogen. Es hatte alles sehr schnell gehen müssen und so hatten sie zwei größere Gruppen gebildet, von der die eine im Dorf so viel Unruhe wie möglich stiften und die andere sich primär auf Potter konzentrieren sollte. Es hatte alles wunderbar geklappt. Die im Dorf postierten Auroren waren schnell außer Gefecht gesetzt gewesen. Es konnte doch wirklich von Vorteil sein, gewisse Informationen zugesteckt zu bekommen.

Der gesamte Angriff bis zu diesem Moment hatte nicht länger als 15 Minuten gedauert und Lucius war sehr mit sich zufrieden.

Er richtete gerade seinen Zauberstab auf die mit Holzstaub bedeckte Gestalt, die sich aus den Trümmern befreite, als er einen Warnruf hörte, mit dem er nicht mehr gerechnet hatte. Es war das vereinbarte Zeichen, falls unvorhergesehener Ärger auftauchen sollte. Es war das Zeichen für den Rückzug.

„Verdammt!", rief er den anderen Todessern zu. „Was hat das zu bedeuten?"

Die anderen vermummten Gestalten sahen sich gegenseitig verunsichert an und blickten durch den Rauch die Straße entlang, auf der jetzt eine weitere schwarze Gestalt erschien.

„Die Auroren kommen!", rief der Mann außer Atem. „Der alte Mad-Eye ist auch dabei!"

Lucius fluchte. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Noch 3 Minuten hätte er gebraucht, um alles perfekt zu haben. 3 Minuten!

Impedimenta!", rief er dann und zielte auf die Gestalt in den Trümmern, die unter den Fluch zurücktaumelte und stürzte.

Dann konnte er die Rufe der Auroren aus dem Dorf sehr genau hören. Es hatte keinen Sinn, sie mussten verschwinden.

„Nehmt ihn mit!", schrie er zwei Todessern zu, die die Trümmer auch schon betreten hatten und deutete auf den Schatten, der auf den Holzbalken lag. „Wir brauchen ihn, sonst reißt uns der Dunkle Lord den Kopf ab."

Die beiden Männer stolperten so schnell sie konnten zu der Stelle, an der der Schatten lag, während die anderen Todesser schon disapparierten. Die Beiden waren nervös, sie wollten schnell verschwinden, doch als sie bei der gelähmten Gestalt ankamen, stutzten sie. Sie sahen sich verwirrt an, packten dann den bewusstlosen Kingsley und disapparierten mit ihm.

Harry hatte das alles verborgen unter dem Holz beobachtet und arbeitete sich jetzt aus den Trümmern heraus.