Kapitel 31:

Kingsley war verwirrt. Sein Kopf schmerzte, er konnte nichts sehen und wusste einen Moment lang nicht einmal, wo er war, geschweige denn, was um ihn herum geschah. Dann wurde er von mehreren groben Händen gepackt und spürte im nächsten Augenblick, dass er apparierte.

Erst dann wurde ihm plötzlich wieder bewusst, was gerade geschehen war. Der Angriff, der Hinterhalt, Harry, Lucius Malfoy und dann der Schuppen, der über ihnen einstürzte.

‚Oh mein Gott, hoffentlich haben sie Harry nicht entdeckt,' dachte er bei sich und spürte, dass er wieder festen Boden unter den Füßen hatte.

Er kannte diesen Ort, an dem sie gelandet waren nicht und beschloss, so viele Informationen über das Lager der Todesser zu sammeln wie ihm möglich war, bevor er sich wieder aus dem Staub machen würde.

Er konnte ein Wohnzimmer erkennen, sah Männer um einen Tisch herum stehen und seine beiden Begleiter stießen ihn grob darauf zu.

„Was soll das denn bedeuten?", rief Lucius Malfoy, als er sich zu ihnen umdrehte und erkannte, wer da vor ihm stand.

„Es war nicht der Potter-Junge und wir mussten ja schnell weg, also haben wir den hier mitgenommen," antwortete einer der Männer, die Kingsley festhielten.

Lucius schien ganz und gar nicht zufrieden, aber etwas anderes schien ihn abzulenken, denn er warf dem Auroren nur einen giftigen Blick zu, bevor er sich wieder dem Tisch zuwandte.

„Bringt ihn nach unten," raunte er noch über die Schulter zurück.

Dann wurde Kingsley wieder aus dem Zimmer gezerrt, doch der hatte inzwischen einen Plan und er wusste auch, wo er hier gelandet war.

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„Wie konnte das passieren!", donnerte Moody und schlug mit einer Faust so feste auf seinen Schreibtisch, dass sein Kelch und ein paar Unterlagen zu Boden rutschten. Dabei blickte er sich so wütend im Schulleiter-Büro um, dass den Anwesenden angst und bange wurde.

Minerva McGonagall, Remus Lupin, Nymphadora Tonks, Emil Warthrow und ein paar andere Lehrer und Auroren standen mit gesenkten Blicken da und stellten sich anscheinend die gleiche Frage.

Der Angriff war erst wenige Stunden her. Einige Todesser, die nicht rechtzeitig appariert waren, hatten gefangen genommen werden können, weigerten sich aber, eine Aussage zu machen. Der nächste Schritt war Veritaserum, was am folgenden Tag direkt geschehen sollte. Die Toten und Verletzten dieses Angriffes waren weggebracht und versorgt worden. Die Stimmung im Dorf und in der Schule war mehr als nur bedrückt.

Kurz vorher hatten sich die Versammelten noch die Aussagen von einigen Schülern und Dorfbewohnern angehört, darunter auch die von Harry Potter und jetzt sollte entschieden werden, wie weiterhin vorzugehen sei.

„Nach allem, was wir wissen," fing McGonagall schließlich an, „sind die Sicherheitsvorkehrungen der Schule weiterhin intakt, also müssen wir uns um die Schüler keine Sorgen machen."

„Und was ist mit den Dorfbewohnern?", fragte Tonks aufgebracht. „Um die sollen wir uns wohl auch keine Sorgen machen, oder wie?"

McGonagall sah sie ernst an.

„Der Angriff hatte nur einen einzigen Grund, Nymphadora, und das weißt du auch," sagte sie und zog dabei eine Augenbraue hoch. Diesen Blick kannte man bei der Professorin und er verhieß meist nichts Gutes. „Es ging um Potter, wie so oft schon. Sie wollten ihn haben, das hat er uns ja erzählt. Also ist das Naheliegendste, dass wir die Schüler einfach nicht mehr nach Hogsmeade lassen können. Damit ist auch die Sicherheit des Dorfes gewährleistet."

Moody sah immer noch grimmig von einem zum anderen. Sein magisches Auge schien jeden einzelnen zu durchleuchten wie ein Röntgengerät.

„Das beantwortet aber immer noch nicht meine verdammte Frage! Wie, in Dreiteufelsnamen, konnte das passieren?"

„Es muss einen Spion an der Schule geben," sagte Remus in seiner üblichen ruhigen Art. „Jemand, der den Todessern das Datum des Ausfluges mitgeteilt haben muss."

„Ach ne, da wäre ich ja nie drauf gekommen," frotzelte Tonks und sah ihren Freund dabei kopfschüttelnd an. Der blieb trotzdem ruhig.

„Es könnte jeder hier sein," fuhr er fort und schenkte Tonks ein kurzes Lächeln, bevor er sich wieder Moody zuwandte. „Jeder einzelne Schüler, aber auch die Lehrer," und mit einem Seitenblick zu Tonks fügte er noch hinzu: „Sogar die Auroren."

Tonks biss sich bei der letzten Bemerkung auf den Lippen herum und schien nachzudenken.

„Wie sollen wir denn jetzt noch hier weiter zusammenarbeiten, wenn jeder dem anderen misstrauen muss?", fragte sie in die Runde.

„Wir sollten die Augen offen halten," klinkte sich jetzt auch Emil in das Gespräch mit ein.

Er war einer der ersten gewesen, die nach Hogsmeade gelaufen waren, als die ersten Schüler in Hogwarts eingetroffen waren und Alarm geschlagen hatten. Er war es auch gewesen, der Nellie und Ginny gefunden und ins Schloss gebracht hatte.

„Vielleicht sollten wir eine Befragung aller Lehrer durchführen und dabei Veritaserum benutzen," schlug er dann vor und sah Moody mit ausdrucksloser Miene an.

Moody sah ihn mit festem Blick an, fixierte ihn regelrecht und sagte schließlich:

„Der Minister hätte da eindeutig was dagegen, wobei mir das ziemlich schnuppe wäre. Aber wir können es uns nicht erlauben, noch mehr Lehrer zu verlieren, weil sie sich zu Unrecht überwacht fühlen. Nein," schloss er ab, „wir müssen jeden einzelnen befragen und Verdächtige näher in Augenschein nehmen. Ich erwarte Ihre Unterstützung dabei!"

Mit einem letzten Faustschlag auf die Tischplatte beendete Moody die Versammlung und es wurde leer im Raum.

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Drei Tage nach dem Angriff auf Hogsmeade kehrte langsam wieder der Alltag im Schloss ein. Man sah zwar immer noch nur selten einzelne Schüler durch die Gänge laufen, aber im Großen und Ganzen war die Stimmung wieder entspannter. Gelächter auf den Gängen klang nicht mehr ganz so schrill und Unterhaltungen über so alltägliche Dinge wie Hausaufgaben wurden nicht mehr als so unpassend empfunden wie noch vor ein paar Tagen.

Drei Hogwarts-Schüler waren bei dem Überfall getötet worden, es hatte viele Verletzte gegeben, von denen die meisten jedoch von Madam Pomfrey schnell versorgt werden konnten. Die allgemein düstere Stimmung im Schloss war am ersten Tag nach dem Angriff noch verstärkt worden, als einige besorgte Eltern aufgetaucht waren, um ihre Sprösslinge mitzunehmen. Manche davon hatten von den Lehrern und dem Schulleiter von der nach wie vor bestehenden Sicherheit in der Schule überzeugt werden können, aber die Parvati-Zwillinge hatten nun doch endgültig das Schloss verlassen müssen. Jedoch nicht ohne lautstarken Protest.

„Wo sollten wir denn sicherer sein, als hier?", hatte Ron erbost in die Runde gefragt, während sie alle den Zwillingen hinterher blickten. „Was glauben die Leute eigentlich, wie sie sich in diesen Zeiten schützen können?"

Keiner hatte ihm darauf eine Antwort gegeben. Überhaupt hatten die Freunde in der Zeit nach dem verheerenden Ausflug kaum miteinander gesprochen. Sie hatten eine hitzige Diskussion darüber geführt, wer der Verräter in den eigenen Reihen sein könnte, konnten jedoch keine Verdächtigen finden und konzentrierten sich dann wieder auf andere Dinge.

Andere Dinge.

Das war im Moment die Sorge um Ginny, die sie alle Tag und Nacht beschäftigte.

Als Harry sich aus dem zusammengebrochenen Schuppen befreit hatte, war er sofort zum Schloss hoch gerannt, um nach seinen Freunden zu suchen. Er war auf dem Weg Hermine und Ron begegnet, die völlig aufgewühlt auf einen leeren Flecken Wiese gestarrt hatten. Als er jedoch sah, dass es ihnen gut ging, hatte er sich sofort weiter auf die Suche nach Ginny und Nellie gemacht, konnte sie jedoch nirgends finden. Erst als er im Krankenflügel angekommen war, hatte er sofort Ginnys feuerrote Haare auf einem Kissen erkannt und war mit klopfendem Herzen zu ihr gelaufen. Nellie hatte auf der Bettkante gesessen, einen Arm in einer Schlinge, etliche Kratzer und blaue Flecken im Gesicht und apathisch zu ihm aufgesehen. Ginny hatte geschlafen und so war es an Nellie gewesen, Harry zu erzählen, was geschehen war. Als Harry von dem Vergessenszauber hörte, war ihm, als würde ein Troll ihm alle Luft aus den Lungen quetschen. Bei dem Gedanken, dass seine Ginny ihn nicht mehr erkennen würde, wenn sie erwachte, wurde ihm eiskalt und er musste sich ebenfalls setzen.

„Es war alles meine Schuld," hatte Nellie geschluchzt und ihre Augen schwammen in Tränen. „Wäre ich nicht wie ein Berserker davon gelaufen, hätte sie nicht nach mir suchen müssen."

Sie hatte ganz erbärmlich gezittert und Ginny angesehen, die friedlich schlief und die Tränen begannen ihr über die Wangen zu laufen. „Ich hatte solche Angst, Harry, ich hatte…ich wusste nicht…"

Ihre Stimme begann sich zu überschlagen und sie hatte Harry so verzweifelt angeblickt, dass er nicht wusste, was er dazu sagen sollte. Stattdessen hatte er nur ihre Hand genommen und versucht sie so zu trösten.

„Es war auf einmal alles wieder da, dieser Keller….ich hab ihn wieder gehört….es war so schrecklich!"

Ein Zittern hatte Nellies Körper durchlaufen und sie hatte sich schluchzend in Harrys Arme fallen lassen, dabei weinte sie weiter und krallte sich an Harrys Umhang. Er hielt sie einfach fest, streichelte ihr den Rücken und hatte den Blick dabei immer noch auf Ginnys Gesicht ruhen. Sie schien ganz leicht zu lächeln. Harry hatte sich zu keiner Reaktion in der Lage gefühlt, er war zu geschockt.

Nach einer Weile war Madam Pomfrey herein gekommen, die komplette Familie Weasley im Schlepptau. Molly und Arthur waren sofort leichenblass an das Krankenbett ihrer Tochter geeilt, die immer noch selig schlief, die anderen versammelten sich mit ernsten Gesichtern um das Bett herum. Auch Ron und Hermine waren wieder aufgetaucht, wirkten aber immer noch sehr verstört. Hermine hatte Tränen in den Augen und Ron hatte ausgesehen, als könne er nicht begreifen, was passiert war. Harry hatte bei ihrem Anblick beschlossen, die Beiden später zu fragen, was geschehen war.

Nellie hatte es nicht länger ausgehalten und war unter Tränen aus dem Krankenflügel gerannt. Die Weasley-Zwillinge hatten ihr etwas verwirrt hinterher gesehen, drehten sich dann aber wieder zu ihrer Schwester um.

„Oh, Poppy, gibt es denn gar keine Hoffnung?", hatte Mrs. Weasley mit belegter Stimme gefragt und Ginnys Wange gestreichelt.

Madam Pomfrey, die sich im Hintergrund gehalten hatte, runzelte die Stirn und antwortete:

„Nach allem, was ich gehört habe, nein."

Mrs. Weasley hatte laut aufgeschluchzt.

„Aber genaueres kann ich erst sagen, wenn sie aufwacht," fuhr Madam Pomfrey fort und hatte sich dann entschuldigt, um sich um ihre restlichen Patienten zu kümmern.

„Harry," richtete Mr. Weasley das Wort an Harry, „was ist denn mit ihr passiert?"

„Es tut mir leid," hatte der nur geantwortet und konnte dabei den Blick nicht von Ginnys Gesicht nehmen. „Aber ich war nicht bei ihr. Ich habe keine Ahnung." Dann hatte er Ron und Hermine angesehen, die aber beide auch nur traurig den Kopf schüttelten.

Wieder hatten Harry die altbekannten Schuldgefühle gequält. Er hätte bei ihr bleiben sollen, hätte sie besser schützen müssen. Er wusste, dass keiner der Weasleys ihm einen Vorwurf machte, doch konnte er mit sich selber nicht so gnädig sein.

Nellie rannte durch das Schloss zu ihrer Wohnung und schloss sich darin ein. Sie zitterte unkontrolliert und war von einer solchen inneren Unruhe getrieben, dass sie durch die Zimmer lief, wie ein Löwe im Käfig. Ihr war, als würde sie nach etwas suchen, was sie nicht finden konnte. Sie hatte Schuldgefühle, Angst plagte sie immer noch und gleichzeitig war sie so durcheinander nach all dem, was in den letzten Stunden geschehen war, dass sie kaum klar denken konnte.

Sie erinnerte sich an den Rauch, der ihr den Atem geraubt hatte, konnte noch Ginnys Stimme hören, doch sonst war da nur Angst gewesen. Angst und das beklemmende Gefühl, wieder von Voldemort festgehalten und gequält zu werden. Das nächste, an das sie sich erinnerte war Emils Gesicht, als er ihr auf die Füße geholfen hatte. Dann erst wieder Ginny, die im Krankenflügel lag, und Emil, der ihr erklärte, dass Ginny von einem Vergessenszauber getroffen worden war. Er hatte den Zauber zwar noch gehört, aber nicht mehr eingreifen können. Nellie hatte ihm nicht richtig zugehört. Alles, woran sie noch denken konnte, war, dass das alles ihre Schuld gewesen war. Davon hatte sie sich von niemandem abbringen lassen und so war sie schließlich alleine an Ginnys Bett sitzen geblieben und hatte mit sich selber gerungen, bis Harry aufgetaucht war. Sein Anblick hatte ihr den Rest gegeben. Was musste es für ihn bedeuten, dass seine Freundin sich vielleicht nicht mehr an ihn erinnerte? Doch als dann auch noch Ginnys Familie auftauchte, die immer so nett zu Nellie gewesen war, konnte sie ihre Selbstvorwürfe nicht mehr ertragen und musste weg.

Polly. Wo war sie? Was war mit dem Frettchen passiert? Als Nellie der Gedanke an ihre kleine Freundin packte, blieb sie abrupt stehen und rannte im nächsten Moment aus ihrer Wohnung hinaus, über die Schlossgründe. Es war ihr egal, ob irgendwo noch einer der Todesser lauerte, sie wollte ihre Schuld nicht noch damit vergrößern, dass sie Polly im Stich ließ. Doch konnte sie das Frettchen nirgends finden und sie war sich sicher, dass Polly, sollte sie irgendwo in der Nähe sein, sofort zu ihr gelaufen käme, nach all der Unruhe. Doch es kam kein grauer Fellknäuel auf sie zugeflitzt, kein fröhliches Quietschen, nichts. So sehr Nellie auch suchte und rief, sie konnte Polly nirgends finden und rannte schließlich wieder hoch ins Schloss. Vielleicht war Polly bei Pig und den anderen Eulen.

Als Nellie durch das Eichenportal lief, stieß sie beinahe mit Emil zusammen.

„Nellie, nach dir hab ich gesucht," sagte er und hielt sie an den Schultern fest, als das Muggel-Mädchen an ihm vorbeilaufen wollte. „Nellie!"

Sie sah ihn kurz an und versuchte dann, sich aus seinem Griff zu befreien.

„Lass mich los, ich muss Polly suchen!", rief sie und wand sich. „Ich muss sie finden!"

Emil hielt seinen Griff aufrecht und sah sie fest an.

„Nellie, hör mir zu! Es ist alles in Ordnung! Polly ist in meinem Büro!"

Nellie achtete gar nicht auf ihn und versuchte weiter, seine Hände abzuschütteln.

„Hey, wirst du wohl aufhören!" Emil schüttelte Nellie an den Schultern, bis sie ihn wieder ansah. „Es geht ihr gut, hörst du?"

Nellie wurde plötzlich ganz ruhig und starrte Emil an.

„Gut?", flüsterte sie, „es geht ihr gut? Sie ist bei dir?"

„Ja, ich habe sie vorhin, als ich euch Beide gefunden habe, mitgenommen. Sie war verletzt, aber ich konnte sie nicht in den Krankenflügel bringen, also habe ich mich in meinem Büro um sie gekümmert."

Nellie spürte, wie die Spannung von ihr abfiel. Es ging Polly gut, sie lebte, sie würde sie nicht alleine lassen. Eine Schuld weniger auf ihren Schultern. Und plötzlich wurde ihr bewusst, welcher Gefahr sie knapp entgangen war. Ihre Knie gaben nach und Emil fing sie auf, bevor sie auf den Steinboden aufschlagen konnte.

„Jetzt komm erst mal mit," sagte er und seine Stimme klang so beruhigend, dass Nellie schon wieder die Tränen kamen. Sie konnte sich selber nicht wieder erkennen.

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Ginny geisterte durch das Schloss, das ihr so fremd und gleichzeitig so vertraut war, dass es sie fast ein wenig erschreckte. Doch es war alles so ruhig hier, alle waren so nett zu ihr, auch wenn sie nicht wusste, warum. Sie streifte durch die Gänge und Zimmer, wie ein Besucher und staunte über all die seltsamen Dinge, die es hier zu entdecken gab.

Harry und die anderen versuchten, so oft es ihnen möglich war, in ihrer Nähe zu bleiben.

Seit Ginny die Krankenstation hatte verlassen können, war immer jemand in ihrer Nähe geblieben. Es hatte lange Diskussionen darüber gegeben, was mit ihr geschehen sollte, nachdem drei Tage nach dem Angriff deutlich geworden war, dass der Vergessenszauber bei dem jüngsten Weasley-Mitglied ganze Arbeit geleistet hatte. Mrs. Weasley war in Tränen ausgebrochen, als ihre Tochter schließlich die Augen geöffnet, sie aber nur verständnislos angestarrt und sogar gefragt hatte, wer sie denn sei.

Madam Pomfrey hatte die Ansicht vertreten, dass Ginny im St. Mungos am besten betreut werden könnte. Die Weasleys dagegen wollten ihre Tochter am liebsten rund um die Uhr in ihrer Nähe haben, um auf sich aufpassen zu können. Die Ordensmitglieder und auch Harry, Ron und Hermine hatten jedoch argumentiert, dass Ginny sich hier in Hogwarts, in einer vertrauten Umgebung vielleicht am ehesten wieder an etwas erinnern könnte, außerdem sei sie hier bei Freunden und in Sicherheit. Nachdem Harry, Ron und Hermine versichert hatten, Ginny keinen Moment aus den Augen zu lassen, hatte Mrs. Weasley schließlich auch zugestimmt.

Seit dem waren jetzt zwei Tage vergangen.

„Also ich kann es immer noch nicht fassen, dass du mein Bruder sein sollst," rief Ginny, die die Fäuste in die Seite gestemmt hatte und sich vor Ron aufbaute. „Du bist doch echt erbärmlich!"

Ron wurde immer roter im Gesicht und schien sich sehr zusammenzureißen, ihr nicht eine zu kleben. Im nächsten Moment packte Ginny das Schachbrett auf dem Tisch vor sich und feuerte es in eine Ecke des Raumes. Dann lief sie in ihren Schlafsaal und knallte die Tür hinter sich zu.

„Versteht das einer von euch etwa?", fragte Ron und blickte sich um.

Harry schüttelte entsetzt den Kopf, Hermine zog nur die Augenbrauen hoch.

„Sie ist völlig verwirrt, versteht ihr das denn nicht?", meinte sie nur und sah zwischen den Jungen hin und her. „Das alles hier ist für sie völlig neu. Sie kennt kein Zauberschach, woher denn auch und dann kommst du daher und wirfst ihr ständig vor, dass sie mogelt. Du bist echt nicht sehr taktvoll."

Damit ging Hermine Ginny hinterher und ließ die Jungen sitzen.

„Mädchen," stöhnte Ron. „Immer gleich so aufbrausend."

Harry nickte nur und hob dann das Schachbrett auf. Ein Spiel würde ihn sicher auf andere Gedanken bringen.

„Ich frag mich immer noch, was eigentlich aus Malfoy geworden ist," sagte er, während er die Schachfiguren auf ihre Positionen scheuchte.

„Das wüsste ich auch gerne, echt wahr. War irgendwie unheimlich, wie er auf einmal verschwunden ist," meinte Ron und sah nachdenklich aus. „Im einen Moment liegt er noch da, überall war Blut, es war scheußlich, und dann war er weg."

„Meinst du, er ist appariert?", fragte Harry und eröffnete dann das Spiel.

„Der schien mir nicht mehr lebendig genug dafür," war Rons Antwort, dann konzentrierten sich die Jungen auf ihr Spiel.

Polly war seit dem Angriff schreckhaft und ängstlich geworden. Nur noch selten verließ sie Nellies Wohnung und konnte auch keinen Spaß mehr an den Verfolgungsjagden mit Pig finden. Nellie musste sie jedes Mal lange überreden, um überhaupt mit ihr gemeinsam durch das Schloss zu ziehen.

Auch Nellie hatte sich verändert und das war nicht nur Emil aufgefallen. In den Muggelkunde Stunden war sie sehr ernst geworden und beschränkte ihre Kontakte zu den Schülern auf ein Minimum. Das Geflüster hinter ihrem Rücken wurde daraufhin immer lauter, doch das störte sie nicht. In ihrem eigenen Unterricht dagegen war sie ehrgeiziger denn je. Das Lernen und Lesen lenkte sie von ihren trüben Gedanken ab.

Wenn sie nicht gerade mit ihren Abiturvorbereitungen beschäftigt war, hatte sie damit begonnen, sich selber zu trainieren. Nie wieder wollte sie in eine vergleichbare Situation geraten und sich so dermaßen hilflos fühlen. Sie lernte im Raum der Wünsche mit einem Lehrer, den sie sich einfach gewünscht hatte, Kampftechniken, die es ihr ermöglichten, sich zu verteidigen. Sie lernte auch mit Waffen umzugehen und übte mit den Sachen, die die Zwillinge ihr mitgegeben hatten. Außerdem fand man Nellie jetzt immer häufiger in der Bibliothek über dicken Zaubertränke-Wälzern vor. Und wenn sie nicht nach Tränken suchte, die ihr bei ihrem Training behilflich sein konnten, verbrachte sie viel Zeit im Labor von Professor Slughorn, mit dem zusammen sie sich an die Herstellung der von ihr ausgewählten Tränke machte. Zu ihrem Erstaunen stellte Nellie fest, dass es ihr fast keine Schwierigkeiten bereitete, die kompliziertesten Tränke zu brauen. Auf diese Weise hatte sie nach einer Weile einen kleinen Vorrat an Fläschchen, mit denen sie nach Bedarf Rauch erzeugen, die aber auch einen Angreifer mit ätzendem Inhalt außer Gefecht setzen konnten, und anderem. Auch wenn sie sich schon selber für paranoid hielt, hatte sie es sich trotzdem zur Gewohnheit gemacht, ihre „Waffen" inzwischen immer bei sich zu tragen. Ab und zu testete sie sie auch und so konnte es vorkommen, dass plötzlich mitten in der Mittagspause laute Explosionen das Schloss erschütterten oder in den Gängen dichter Rauch aufstieg, von dem sich keiner erklären konnte, woher er kam.

Über all dem hatte sie ihren Kontakt zu Harry und den anderen immer weiter zurückgeschraubt. Sie konnte ihnen einfach nicht mehr ins Gesicht blicken, weil sie immer noch davon überzeugt war, dass die Sache mit Ginny allein ihre Schuld gewesen war. Nellie hatte sich inzwischen sogar eingeredet, dass ihr sogar der ganze Angriff zur Last gelegt werden konnte. Sie war überzeugt, dass die Todesser auch nach ihr gesucht haben könnten. Niemand hatte es bisher geschafft, ihr das auszureden.

Emil machte sich Sorgen um seine Schülerin und versuchte, sie bei jeder Gelegenheit auf andere Gedanken zu bringen. Ihre nächtlichen Treffen lehnte sie jedoch immer häufiger ab und als er beim Halloween-Festessen eine Wolke schwarzer Fledermäuse in Formation fliegen ließ, hatte ihr das gerade mal ein schwaches Lächeln abgerungen.

Er beobachtete sie jetzt immer häufiger, registrierte ihre häufigen Ausflüge in den Raum der Wünsche und runzelte die Stirn über ihre ständigen Treffen mit Slughorn. Er hätte nur zu gerne herausgefunden, was sie im Schilde führte, doch traute er sich nicht, sie direkt danach zu fragen. Er wusste, dass er es eigentlich trotzdem tun sollte, dass er sie sogar danach fragen musste, doch bei diesem Gedanken schüttelte er immer nur ärgerlich den Kopf. Er hatte sich noch nicht entschieden, er hatte keinerlei Zusagen gemacht, er war immer noch sein eigener Chef, niemand konnte ihm vorschreiben, was er zu tun oder zu lassen hatte.

So behielt er Nellie im Auge, weil er sich um sie sorgte. Ihm fielen die dunklen Ringe unter ihren Augen auf, er spürte ihre innere Unruhe, wenn sie gemeinsam in ihrem Klassenraum waren, wenn sie miteinander sprachen. Er sah in ihrem Blick, dass sie etwas quälte, doch wich sie seinen Fragen immer wieder aus.

Emil vermisste die unbeschwerte Zeit im Schloss, die sie beide noch vor kurzem genossen hatten. Wenn er ehrlich zu sich selber war, war ihm gehörig langweilig, seit Nellie keine Zeit mehr für seine verrückten Ideen zu haben schien. Doch tat es ihm leid, wenn er sah, wie seine Schülerin durch die Gänge schlich und nur noch ein Schatten ihrer selbst war.

Auch Harry hatte die Veränderung an seiner Freundin bemerkt, doch da er seine freien Momente entweder mit seinen eigenen Plänen oder mit Ginny verbrachte, hatte er sich keine weiteren Gedanken über sie gemacht. Als Nellie an einem Nachmittag jedoch geradewegs an ihm vorbeilief, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, konnte er sich einen Kommentar nicht mehr verkneifen.

„Sag mal, haben wir dir irgendetwas getan?"

Nellie blieb abrupt stehen und sah Harry mit einem Blick an, als wäre sie gerade aus einem tiefen Schlaf geweckt worden.

„Oh, entschuldige bitte, Harry," sagte sie und ihre Stimme klang dünn. „Ich hab dich nicht gesehen."

„Was ist los mit dir? Du kommst gar nicht mehr in den Gemeinschaftsraum, sprichst mit niemandem, was machst du eigentlich den ganzen Tag?"

„Ich hab keine Zeit," war alles, was Nellie dazu sagte.

„Was soll das, Nellie?" Harry wurde ärgerlich. „Warum gehst du uns aus dem Weg?"

Jetzt sah Nellie wirklich verblüfft aus.

„Das mach ich doch gar nicht," protestierte sie. „Ich hab wirklich keine Zeit!"

„Was machst du denn so viel, dass du nicht einmal mehr mit mir reden magst?"

„Wir reden doch grad."

„Ach, hör schon auf, das ist nicht witzig. Aber gut, wenn du nicht magst, dann halt nicht."

Harry drehte sich um und lief den Gang weiter entlang zu den Treppen. Er hoffte so sehr, dass Nellie ihm hinterher laufen würde oder auch nur etwas rufen, doch sie tat weder das eine noch das andere. Es tat ihm weh, dass sie sich so von ihnen zurückzog, ihre fröhliche Art fehlte ihm. Doch gerade eben war gar nichts Fröhliches mehr an ihr gewesen. Was war nur mit ihr los? Kein einziges Mal hatte sie nach Ginny gefragt, dabei hatte er immer das Gefühl gehabt, dass die Beiden gute Freundinnen gewesen waren.

Ginny.

Harry verbrachte jede freie Minute mit ihr und erzählte ihr von all den Dingen, die sie miteinander erlebt hatten. Oft waren auch Ron und Hermine dabei. Ginny hörte ihnen gerne zu und war sichtlich erstaunt darüber, was sie so alles gemacht haben sollte, woran sie sich beim besten Willen nicht erinnerte. Harry spürte mehr als nur einmal bittere Tränen aufsteigen, wenn er sie beobachtete und an die schönen Zeiten zurückdachte, die sie mal miteinander geteilt hatten, sie ihn jetzt aber mit einem völlig anderen Ausdruck in den Augen ansah. Sie hatte nicht mehr dieses verliebte Leuchten in den Augen, jetzt war ihr Blick interessiert, neugierig, aber irgendwie fremd.

Ginny nahm ganz normal am Schulunterricht teil, in der Hoffnung, dass sie sich dadurch vielleicht irgendwann wieder an alles erinnern würde, oder zumindest daran, dass sie eine Hexe war. Doch langweilte sie sich während der Stunden meist nur und spielte während dessen mit ihrem Zauberstab, der die meiste Zeit des Tages irgendwelche seltsamen Dinge geschehen ließ, über die Ginny sich dann köstlich amüsierte.