Kapitel 32:
Harry, Ron und Hermine standen vor dem schäbigen, alten Kaufhaus, das den Eingang zum Sankt Mungos Krankenhaus für Hexen und Zauberer darstellte und sahen sich um, ob sie auch niemand beobachtete.
Hermine lehnte sich schließlich gegen die Scheibe und flüsterte der hässlichen Schaufensterpuppe zu:
„Wir wollen Mrs. Graberfruit besuchen."
Dann zog sie die beiden Jungen hinter sich her, als sie durch die Scheibe trat und im nächsten Moment standen die Drei in der Empfangshalle des Krankenhauses. Es war sehr ruhig an diesem Morgen, nur wenige Hexen und Zauberer saßen auf Stühlen oder warteten an den Informationsschaltern. Kein Wunder, es war ja auch erst neun Uhr, mitten in der Woche.
Die Drei Freunde hatten sich eine Doppelstunde bei Professor Slughorn frei genommen, um die Schwiegermutter dieses Schwarzmagiers zu besuchen, die angeblich als letzte das ominöse Medaillon gesehen haben sollte. Professor Slughorn hatte sich mit ihrer Erklärung, dass sie für ein Projekt recherchieren wollten, zufrieden gegeben und hatte sie unter der Auflage gehen lassen, dass sie den versäumten Stoff nacharbeiten mussten.
Harry schauderte jetzt schon davor, wie er sich garantiert bei ihrer Rückkehr vor den Ordensmitgliedern würde rechtfertigen müssen. Moody würde ihn mit diesem Röntgenblick festnageln und nicht eher Ruhe geben, bis Harry ihm haargenau erläutert hatte, was sie wo genau gemacht hatten. Und Remus würde sicher auch gerne wissen wollen, was Harry so trieb, wenn er sich so ganz ohne besonderen Schutz aus den Mauern von Hogwarts heraus stahl. Doch hatte Harry nicht vor, dieses Mal auch nur ein Wort mehr von seinen Aktivitäten preis zu geben, als beim letzten Mal. Ron dagegen schauderte es viel mehr vor dem vielen Unterrichtsstoff, den er würde nachholen müssen.
„Wir würden gerne Mrs. Graberfruit besuchen," meinte Hermine gerade zum zweiten Mal, als die Drei vor dem Informationsschalter standen, zu einer alten Hexe mit lockigen grauen Haaren.
Die Hexe blätterte in einer langen Liste, bis sie schließlich auf den Namen stieß.
„Graberfruit…eine Muggel, schlimme Sache," meinte sie dann und schob sich die Lesebrille höher auf die Nase. „Fluchschäden, völlig durchgedreht, die Arme." Und mit einem Blick auf die drei Jugendlichen: „Was wollt ihr denn von ihr?"
„Wir wollen sie besuchen," wiederholte Hermine.
Die alte Hexe runzelte die Stirn.
„Sie ist eine alte Nachbarin von uns," meinte Harry dann und die Stirn der Empfangshexe glättete sich wieder.
„Also gut, vierter Stock, Zimmer 435, aber ich warne euch, das wird kein lustiger Besuch. Und allerhöchstens zehn Minuten, verstanden?"
„Länger brauchen wir auch nicht," sagte Ron noch, während sie sich umdrehten und auf die Treppe zusteuerten. „Aber hast du inzwischen eigentlich eine Idee, wie du sie nach dem Anhänger fragen willst?", wandte er sich dann an Harry.
Harry dachte schon seit Tagen über diese Frage nach. Der Schwarzmagier hatte ihm wirklich nicht gerade viele Informationen rausrücken wollen. Eigentlich wusste Harry nur, dass das Medaillon bei dieser Schwiegermutter sein musste, doch da die ja anscheinend den Verstand verloren hatte, dürfte es nicht gerade einfach werden, sie nach dem Verbleib des Schmuckstückes zu fragen. Er kannte nicht einmal ihre Adresse, um dort direkt danach suchen zu können.
„Nein, nicht wirklich," antwortete er deshalb, „aber mal sehen, was wir rausbekommen können."
Hermine schien jedoch optimistischer zu sein, denn sie war die einzige der Drei, die zügig voran schritt. Die beiden Jungs schlurften mehr als nur unmotiviert hinter ihr her.
„Nun macht mal hinne," trieb sie die Beiden an. „Wir haben nicht ewig Zeit. Zum Mittagessen müssen wir wieder im Schloss sein."
„Was meint ihr, was für Tränke die gerade durchnehmen? Sicher was ziemlich schweres! Ich hasse es, das nachher nachholen zu müssen!" Ron stierte ziemlich unglücklich auf den Boden, während sie die Treppen hoch stiegen.
„Ihr wolltet ja unbedingt mitkommen," meinte Harry dazu nur und erinnerte sich daran, wie seine beiden Freunde sich nicht davon hatten abbringen lassen, ihn zu begleiten. Er war sich nicht sicher, ob er über ihre Gesellschaft froh sein sollte oder nicht, doch hatten sie die Reise eigentlich so geplant, dass nichts passieren konnte. Außerdem wusste ohnehin niemand, wo sie hin gegangen waren, also würde auch dieser ominöse Spion im Schloss keine Chance haben, ihnen zu folgen.
Hermine verdrehte die Augen.
„Du glaubst doch nicht, dass wir die Diskussion mit dir noch mal aufbrühen?"
Harry musste grinsen, gegen ihre Argumente hatte er nichts einzuwenden gewusst.
Als die Drei schließlich vor Zimmer 435 standen, sah Hermine ihre Freunde mit ernstem Gesichtsausdruck an.
„Vielleicht lasst ihr mich besser mit ihr sprechen," meinte sie. „Ihr seid manchmal so… ungehobelt."
Bevor die Jungen noch protestieren konnten, hatte sie sich wieder zur Tür gedreht und diese schon geöffnet.
Die Drei betraten ein großes helles Krankenzimmer, in dem es von den unterschiedlichsten Geräuschen nur so dröhnte. Da war ein Mann, der sich anscheinend für einen Teekessel hielt und ununterbrochen vor sich hin pfiff. Ein anderer, um einiges jüngerer Mann, machte mit einer jungen Frau Gummitwist und kreischte dabei fröhlich. Eine ältere Frau lag auf ihrem Bett und brummte unverständliches vor sich hin.
Eine Krankenschwester in limonengrünem Kittel kam auf die Besucher zugewuselt.
„Was kann ich für euch tun?"
„Wir suchen Mrs. Graberfruit," sagte Hermine sehr höflich.
„Oh, hm," machte die junge Schwester und rümpfte etwas die Nase. „Kommt mit."
Damit ging sie den Dreien voraus und schwang beim Laufen sehr kokett mit den Hüften. Ron machte Stieraugen und Hermine knuffte ihn in die Seite. Harry musste sich daraufhin ein Lachen verkneifen.
Die Schwester führte die jungen Leute an ein Bett in der Ecke, auf dem eine alte Frau mit violetten Haaren saß.
„Mrs. Graberfruit!", sprach die Schwester die Frau laut an, die nicht reagierte. „Besuch für Sie!"
Die Frau reagierte immer noch nicht.
„Ihr müsst etwas lauter mit ihr sprechen, sie hört nicht gut." Und mit gesenkter Stimme fügte die Schwester noch hinzu: „Und kommt ihr besser nicht zu nah."
Dann schwang sie ihre Hüften wieder zum Schwesternzimmer und ließ die Drei stehen.
Hermine sah Harry und Ron mit einem Blick an, der eindeutig sagte: Haltet euch raus, dann trat sie etwas näher an das Bett heran und rief:
„Hallo, Mrs. Graberfruit! Wie geht es Ihnen?"
Im nächsten Moment mussten sich die Drei ducken, denn die alte Frau hatte mit einer ungeahnten Geschwindigkeit plötzlich einen Pantoffel in der Hand, den sie nach den Besuchern warf.
„Wow, nur gut, dass sie scheinbar auch nicht mehr so gut sehen kann," meinte Ron und trat einen Schritt zurück.
Hermine schien etwas verwirrt, ließ sich aber so schnell nicht aus dem Konzept bringen.
„Wir haben früher mal neben Ihnen gewohnt, erinnern Sie sich noch?", log sie und beobachtete die alte Frau jetzt sehr genau, ob sie wieder was werfen würde, doch die blieb diesmal ruhig sitzen und drehte den Kopf ein wenig. Sie kniff die Augen zusammen und sah die drei Teenager abschätzend an.
„Ihr habt immer an meinem Lebkuchenhaus geknabbert," krächzte sie dann.
Harry, Ron und Hermine sahen sich mit großen Augen an.
„Ähm, ja, genau," meinte Ron unsicher.
„Dabei hattet ihr solche Angst vor mir," die Alte grinste und sah dabei wirklich angsteinflößend aus.
„Sagt mal, hält die sich für so eine Hexe aus den alten Märchen?", flüsterte Harry den anderen zu. Hermine zuckte nur mit den Schultern und Ron sah ihn verständnislos an.
„Was für Märchen?"
„Oh, ja, wir hatten wirklich immer Angst vor Ihnen," richtete Hermine wieder das Wort an die alte Muggel, „aber wissen Sie, wir wollten Sie fragen, ob wir uns nicht ein wenig um Ihr Lebkuchenhaus kümmern sollen, so lange Sie hier sind."
„Die Zuckerfenster sind ganz beschlagen und der Schokoladenkamin muss dringend gereinigt werden," erzählte die Frau dann mit verklärtem Blick. „Außerdem sind schon große Löcher in der Lebkuchenwand."
Jetzt verdrehte Harry die Augen. Die Alte war echt verrückt.
Im nächsten Moment bekam er den zweiten Pantoffel an den Kopf.
„Verdreh nicht so die Augen, dummer Junge," keifte die Alte und begann sich im nächsten Moment die Haare zu raufen und mit den Füßen auf den Boden zu stampfen.
Hermine trat sofort einen Schritt näher an sie heran.
„Mrs. Graberfruit, Harry hat es nicht so gemeint! Beruhigen Sie sich doch wieder!" Sie warf Harry einen bösen Blick zu.
„Ja, es tut mir leid, Mrs. Graberfruit," beeilte der sich zu sagen. „Kann ich das wieder gut machen, indem ich Ihre Haustüre aus Lakritze frisch streiche?" Harry hatte inzwischen Hermines Plan, in das Haus der Alten zu kommen und dort nach dem Medaillon zu suchen, durchschaut.
Ron hinter ihm, prustete verhalten vor Lachen, doch hörte die Alte das zum Glück nicht. Sie schien sich tatsächlich zu beruhigen und über den Vorschlag nachzudenken.
„Ja, mein Junge, das wäre tatsächlich sehr nett von dir," meinte sie dann mit ihrer krächzigen Stimme. „Ihr wisst ja, wo ich wohne. Im großen Wald, auf der Lichtung, hinter den sieben Bergen."
Ron musste sich wegdrehen, damit sie sein Lachen nicht sehen konnte und auch Harry musste schwer mit sich ringen, um nicht loszulachen. Auch Hermine hatte ein verdächtiges Zucken im Gesicht.
„Der Schlüssel liegt in meiner Schublade," fuhr die vermeintliche Märchen-Hexe fort. „Er ist aus feinstem Karamell, also nascht ihn nicht weg, bevor ihr ankommt!"
„Ganz sicher nicht," sagte Hermine, die ihre Gesichtsmuskeln heldenhaft unter Kontrolle hatte und trat auf das Nachtschränkchen zu.
Doch bevor Hermine den Schlüssel, der aus schlichtem Messing bestand, aus der Schublade nehmen konnte, hatte die Alte ihr schon mit ihrem Gehstock in die Kniekehlen geschlagen. Harry fing Hermine auf und zog sie dann wieder aus der Reichweite der Alten, die gar nicht zu bemerken schien, was sie gerade getan hatte.
Hermine löste sich aus Harry Griff und ging mit schnellen Schritten noch mal zu dem Nachtschränkchen, nahm den Schlüssel heraus und zog die beiden Jungen dann hinter sich her, weg von der verrückten Alten.
„Auf Wiedersehen, Mrs. Graberfruit!", rief sie noch über die Schulter hinweg.
„Na, von wegen, das würde kein lustiger Besuch werden," kicherte Ron noch vor sich hin, als sie schon wieder auf dem Weg nach unten waren.
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Ginny kannte inzwischen dieses Schloss recht gut. Kein Wunder, durchstöberte sie es jetzt doch schon seit mehreren Tagen fast ununterbrochen. Sie liebte dieses Gebäude, seine geheimen Gänge und Treppen, die sprechenden Portraits und Geister. Ein wenig wunderte sie sich ja schon darüber, dass ihr all das keine Angst machte, waren das doch Phänomene, die ihr eigentlich ganz und gar nicht vertraut sein sollten. Zauberei, Magie, Hexen…all das sagte ihr eigentlich gar nichts und doch hatte sie das Gefühl, als wäre all das ein Teil von ihr.
Wenn ihr Zauberstab mal wieder Funken spuckte oder plötzlich Wasser sprudeln ließ, wo vorher keines gewesen war, dann fand sie das keineswegs verwunderlich, sondern etwas tief in ihr drinnen wusste, dass diese Dinge zu ihrem Leben dazu gehörten. Und nach und nach lernte sie auch, ihren Stab Dinge geschehen zu lassen, wie sie es wollte und nicht so spontan.
Auch die Menschen um sie herum, kamen ihr alle so vor, als würde sie sie schon seit Ewigkeiten kennen, obwohl ihr ihre Gesichter so rein gar nichts sagen wollten. In Ordnung, wenn sie dem glauben konnte, was ihr alle erzählten, war dieses Gefühl des Kennens ganz normal, weil sie all diese Leute wirklich einmal gekannt hatte. Dass sie ihr Gedächtnis verloren hatte, schien dafür zwar eine passable Antwort zu sein, doch hatte sie gar nicht das Gefühl, irgendetwas vergessen zu haben. Es war mehr als merkwürdig, aber Ginny wollte sich darüber nicht den Kopf zerbrechen. Wobei, ein Gedanke wollte sich einfach nicht vertreiben lassen, nämlich der, dass sie vor ein paar Tagen noch einen Freund gehabt haben sollte. Diesen netten Jungen mit der Brille, der ihr immer davon erzählte, was sie alles schon zusammen erlebt hatten. Sie fand diese Geschichten sehr amüsant, konnte sich aber nicht vorstellen, dass sie wirklich all das gemacht haben sollte. Aber sie mochte den Jungen, Harry, er war freundlich zu ihr und hatte so schöne Augen. Sie dachte viel an ihn.
Während Ginny so vor sich hin träumte und durch die Gänge stromerte kam sie an einer offenen Tür vorbei.
„Da wird doch der Hippogreif in der Pfanne verrückt!", hörte sie eine wütende Stimme poltern. „Was denkt dieser Junge sich eigentlich?"
„Ich denke, dass er eine ganz eigene Mission verfolgt, die der unseren nicht mal so unähnlich ist," antwortete eine andere, ruhigere Stimme.
„Eine Mission? So so, will wohl Voldemort ganz allein zur Strecke bringen?", polterte die andere Stimme wieder. „Aber allein? Remus, wieso allein?"
„Ach, er kann sich doch denken, dass wir ihn erst gar nicht gehen lassen würden, aber du kennst ihn doch, Hagrid. Harry ist stur wie ein Esel und außerdem hat er uns wirklich schon oft genug bewiesen, dass er auf sich alleine aufpassen kann."
„Das is wohl wahr, aber gefährlich is es trotzdem. Habt ihr eigentlich jetzt schon nen Verdacht, wer der Verräter hier im Schloss ist?"
„Nein, die Befragungen laufen noch, aber bisher hat sich niemand verdächtig gemacht."
Ginny konnte ein resigniertes Seufzen hören, bevor die ruhigere Stimme, von diesem Remus, weitersprach:
„Schlimm genug, dass irgendwo auf Hogwarts ein Spion von Voldemort rumläuft, ist auch immer noch einer unserer besten Auroren verschwunden."
„Immer noch keine Spur von Kingsley?"
„Nichts."
Ginny konnte mit all dem, was da gesprochen wurde, nichts anfangen, deshalb lief sie schließlich weiter. Sie wollte die Hauselfen in der Küche besuchen.
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Nellie war nur noch ein Schatten ihrer Selbst und schlich sich mit hängen Schultern und dunklen Ringen unter den Augen durch die Gänge.
Polly hatte sich inzwischen von ihrem Schrecken wieder erholt und tollte wie eh und je durch das Schloss und über die Wiesen, konnte damit ihr Frauchen aber nicht von ihren düsteren Gedanken abbringen, wie sie es früher immer geschafft hatte. Ganz im Gegenteil versank das Muggel-Mädchen immer mehr in ihren düsteren Gedanken. Sie hatte es sogar aufgegeben, lange Briefe an ihre Familie zu schreiben. Was hätte sie denn auch schreiben sollen? ‚Liebe Mum, lieber Dad, es ist schrecklich! Meine besten Freundin hier hat wegen mir ihr Gedächtnis verloren und ein verrückter Zauberer versucht uns alle umzubringen…' Stattdessen las sie nur immer wieder die Briefe ihrer Eltern und betrachtete die Bilder, die Rosie und Lisa für sie gemalt hatten. Lisa hatte eine ganze Seite voller Eulen gezeichnet. Doch wenn sie diese Post betrachtete, wurden die Schmerzen auch nicht besser.
Um sich selber abzulenken, trainierte Nellie fast bis zur völligen Erschöpfung im Raum der Wünsche, saß nächtelang über neuen Zaubertränken und vergaß über ihren Schulaufgaben immer häufiger, an den Mahlzeiten teilzunehmen. Sie wurde immer dünner und die Einzige, mit der sie sich ab und zu mal unterhielt, war Winky, die Hauselfe.
Winky hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, Nellie morgens mit einer heißen Schokolade zu wecken und ihr dann, während sie die kleine Wohnung aufräumte, von all den Dingen zu erzählen, die so auf Hogwarts passierten. Nellie hörte ihr immer höflich zu, blieb aber verschlossen. Erst nachdem Winky ihr unterwürfig, aber streng, Vorwürfe darüber gemacht hatte, dass sie so wenig aß und kaum noch schlief, hatte Nellie endlich Worte dafür gefunden, all ihre Ängste und Selbstvorwürfe auszusprechen, die sie nun schon seit bald einer Woche plagten. Die kleine Elfe hatte ihr dabei ernsthaft zugehört und dann gesagt:
„Wisst Ihr, Misses Nellie, es gibt für alles was passiert, ein Wann und ein Wo, man kann daran nichts ändern und man kann sich dafür nicht die Schuld geben. Winky weiß das und hat auch lange gebraucht, um das zu verstehen."
Damit hatte das kleine Geschöpf Nellies Hand getätschelt, sie aufmunternd angelächelt und war dann wieder in die Küche verschwunden. Seit dem dachte Nellie immer wieder daran, dass es ein Wann und Wo für alles im Leben gibt, und nach und nach erkannte sie, dass sie sich nicht die Schuld für alles, was geschehen war, auf die eigenen Schultern laden konnte.
Es brauchte noch ein paar Tage, bevor Nellie soweit war, eines Abends bei Emil an die Tür zu klopfen. Erst hatte sie daran gedacht, zu Harry zu gehen, um sich bei ihm für ihr Benehmen zu entschuldigen, aber er war in letzter Zeit häufig nicht im Schloss und sie hatte keine Ahnung, wo er sich in diesem Moment gerade herumtrieb. Wenn sie ehrlich zu sich selber war, war sie sogar ein bisschen sauer auf ihn, weil er sie wieder einmal aus seinen Plänen ausschloss. Aber gut, das hatte sie wohl auch zum Teil sich selber zuzuschreiben. Doch Emil hatte sich immer um sie bemüht und sie war wirklich garstig zu ihm gewesen. Sie hatte jetzt schon seit Tagen außerhalb des Unterrichts kein Wort mehr mit ihm gewechselt. Eigentlich wusste sie gar nicht, was sie zu ihm sagen sollte. Wahrscheinlich war er ziemlich sauer auf sie, weil sie all seine Vorschläge für Ausflüge abgelehnt hatte. Wahrscheinlich wollte er gar nichts mehr von ihr wissen, denn er hatte den Kontakt zu ihr inzwischen auf ein Minimum heruntergefahren.
So stand sie jetzt vor seiner Tür und zitterte vor Nervosität. Dann schüttelte Nellie über sich selber den Kopf. Was war bloß aus ihr geworden. Früher hätte sie nie Schiss davor gehabt, bei jemandem an die Tür zu klopfen. Sie musste ganz dringend wieder zu sich selber zurück finden.
Also hob sie die Hand und klopfte kräftig an die Tür. Einen kurzen Augenblick lang ertappte sie sich dabei, dass sie hoffte, er wäre gar nicht da, dann hörte sie Schritte hinter der Tür und im nächsten Moment stand er vor ihr.
Emil war zuerst wie vom Donner gerührt, als er erkannte, wer da vor seiner Tür stand, dann empfand er Erleichterung und im nächsten Moment unbändige Freude. Er grinste breit und seine blauen Augen begannen zu funkeln, als Nellie sein Lächeln genauso fröhlich erwiderte. Jetzt würde alles wieder gut werden.
„Hast du Lust auf ein bisschen Wintersport?", fragte er mit einem frechen Grinsen und eine halbe Stunde später hatte er das Treppenhaus in eine Skipiste mit feinstem Pulverschnee verwandelt, die die Beiden auf Snowboards hinunter fegten. Es war wieder genauso wie vor dem Angriff. Auch Polly war dabei und rutschte quietschfidel durch den Schnee.
Nur einen Moment lang verdüsterte sich Emils Laune, als ihm sein Auftrag wieder einfiel. Er hatte vor zwei Tagen eine Entscheidung getroffen, hatte sich aus seiner schlechten Laune heraus breit schlagen lassen. Jetzt bereute er es fast, doch sah er keinen Grund, alles wieder rückgängig zu machen. Gefühle durften ihm dieses Mal nicht im Weg stehen. Diesmal nicht! Er war schon zu weit gekommen, als dass er wieder umkehren könnte. Er hatte den Klatscher ins Spiel geschlagen, jetzt gab es kein zurück mehr.
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Harry, Ron und Hermine standen in dem verwahrlosten Haus und schwitzten. Ihre Gesichter waren staubverschmiert und die Kleider grau vom Schmutz.
Sie hatten das ganze Haus nach dem Medaillon durchsucht, waren aber nur auf jede Menge Katzen und Müll gestoßen. Diese alte Frau wurde ihnen immer unsympathischer, wenn das nach den Attacken im Krankenhaus überhaupt noch möglich war.
Die Adresse hatten sie an dem Informationsschalter im Sankt Mungos bekommen, nachdem sie der grauhaarigen Hexe erklärt hatten, dass sie sich um das Haus der Patientin kümmern sollten. Die Drei hatten bis zum Wochenende gewartet, bevor sie sich auf dem Weg zu dem Haus der alten Märchen-Hexe gemacht hatten, um nicht noch mehr Ärger zu bekommen.
Moody hatte sie stundenlang in seinem Büro festgehalten und sich geweigert, sie zu entlassen, bevor sie ihm nicht die absolute Wahrheit über ihren Ausflug erzählt hätten. Remus hatte intervenieren müssen, damit die drei Freunde nicht auch noch über Nacht hatten dort bleiben müssen, denn Harry hatte sich geweigert von seiner Suche nach den Horkruxen zu erzählen.
Slughorn hatte ihnen zusätzlich jede Menge Hausaufgaben aufgeladen, die allerdings zum größten Teil immer noch auf Vollendung warteten. Ron hatte sich die Haare gerauft, als er gesehen hatte, was er alles nachzuholen hatte. Hermine dagegen hatte es wieder einmal geschafft, alles in Rekordzeit zu erledigen und sogar noch Zeit genug gehabt, Harry einen Vortrag darüber zu halten, dass er doch nun wirklich langsam dem Orden von seiner Suche erzählen könnte.
„Wo hat diese Irre das Teil bloß hingepackt?", stöhnte Ron und wischte sich mit einer Hand über die Stirn, wo er gleichzeitig einen grauen Streifen hinterließ.
„Accio Medaillon," rief Hermine plötzlich mit gezücktem Zauberstab. „Warum hab ich da eigentlich nicht schon früher dran gedacht?"
„Na, das wüsste ich allerdings auch gerne," brummte Ron und sah sie dabei vorwurfsvoll an.
„Also ehrlich, ihr könntet ab und zu ruhig auch mal eine gute Idee haben," giftete sie zurück und sah sich dann im Raum um.
Und wirklich konnten sie einen Moment später ein Scheppern hören. Als jedoch trotzdem kein Medaillon auftauchte, das Scheppern dafür lauter wurde, folgten die Drei dem Geräusch und standen schließlich vor einem Blumentopf, der über den Boden auf die Teenager zugerutscht kam.
„Was zum Geier soll das denn sein?", fragte Harry und runzelte die Stirn.
Hermine hatte den Blumentopf aber schon geschnappt und ihn rigoros umgekippt, so dass die ganze Erde samt vertrocknetem Lorbeer auf dem Wohnzimmerteppich landete.
„Das fällt hier ohnehin nicht mehr auf," meinte sie dazu, sah aber nicht ganz so überzeugend aus, wie sie klang.
Dann kniete sie sich hin und schob mit beiden Händen die Erde zur Seite, bis sie schließlich auf etwas Festes stieß.
