Kapitel 33:
Nellie sprang hin und her, wich aus, schlug zu, wich wieder aus und wand sich wie eine Katze um ihren Gegner herum. Sie powerte sich selber immer weiter, bis ihre Beine so müde waren, dass sie unter ihr nachgaben und sie schnaufend sitzen blieb. Sie gönnte sich an diesem Abend keine Pause. Sie brauchte heute das Gefühl, an ihre körperlichen Grenzen zu kommen. Es tat gut, sich selber wieder zu spüren.
Ihr Trainer stand vor ihr und sah sie anerkennend an.
Er sagte aber nichts.
Er sagte nie etwas.
Das hatte Nellie sich so gewünscht. Sie konnte es nicht haben, wenn andere ihr ständig sagten, was sie zu tun oder zu lassen hatte. Aber sie wusste auch ohne Worte, dass ihr Trainer mit ihren Fortschritten in der Selbstverteidigung sehr zufrieden war, auch wenn er eigentlich nur eine Illusion war.
Seit zwei Tagen trieb die junge Frau sich nun schon selber über ihre Schmerzgrenze hinaus. Seit zwei Tagen trainierte sie fast ununterbrochen im Raum der Wünsche. Mal alleine, mal mit einem Trainer. Es gab drei Trainer. Einer brachte ihr bei, wie sie im Notfall mit den Waffen, die sie immer bei sich trug, den größtmöglichen Schaden anrichten konnte. Der Zweite zeigte ihr, wie sie sich bei einem Angriff auch ohne diese Waffen sinnvoll verteidigen konnte. Und den dritten hatte sie sich gewünscht, wenn sie mal Lust auf etwas Tai Chi hatte. Doch das kam eher selten vor. Außerdem hatte sie in dieser Entspannungstechnik auch so schon genug Erfahrung, dass sie eigentlich niemanden brauchte, aber es war manchmal ganz nett, Gesellschaft zu haben.
Vor zwei Tagen hatte sie das erste Mal wieder bei Harry und den anderen im Gemeinschaftsraum der Gryffindors gesessen und eine herbe Enttäuschung erlebt. Wieder einmal hatte sie erfahren müssen, dass sie ausgeschlossen worden war, dass Harry ihr seine Pläne verheimlichte. Nellie war fuchsteufelswild geworden. Ihre gerade erst wieder erlangte Lebensfreude hatte erst zu kokeln begonnen, bevor sie schließlich in einem Flächenbrand vernichtet worden war.
Sie hatten zu fünft am Kamin gesessen und sich so laut gefetzt, dass die wenigen anderen Schüler das Weite gesucht hatten. Nellie hatte nicht schlecht Lust gehabt, ihre Position als „Lehrerin" auszunutzen und allen Anwesenden Strafarbeiten zu verpassen, dass sie im Rentenalter noch daran sitzen würden.
„Ihr seid doch alle miteinander ein Pack selbstgefälliger, verlogener Dumpfbacken!", hatte Nellie gebrüllt.
Hermine hatte entsetzt den Kopf geschüttelt und Ginny irritiert die Augen aufgerissen.
„Von wegen, wir sind Freunde, einen Scheiß sind wir! Rutscht mir doch allesamt den Buckel runter!" Und damit war sie aus dem Gemeinschaftsraum gestürmt und direkt in ihre Wohnung, wo Polly in trauter Harmonie mit Arnold, dem Minimuff von Ginny, kuschelte. Nellie verdrehte nur die Augen und machte auf dem Absatz kehrt. Emil würde sie verstehen. Er verstand sie immer. Also hatte sie bei ihm ihren Ärger abgelassen. Natürlich hatte sie nichts von dem Medaillon gesagt, wegen dem der ganze Streit eigentlich erst entbrannt war, so viel Anstand hatte sie dann doch noch. Und wenn sie ehrlich war, bedeutete ihr Harry immer noch viel zu viel, als dass sie sein Vertrauen missbrauchen würde.
Aber Emil hatte genauso reagiert, wie Nellie es in diesem Moment gebraucht hatte. Er hatte sie wüten lassen, hatte ihr Vasen zum zertrümmern hingestellt und war dann mit ihr nach draußen gegangen, wo sie sich bei Wettläufen und auf Bäume klettern abreagieren konnte, und Nellie hatte entdeckt, dass diese körperliche Anstrengung ihr in solchen Momenten gut tat.
Emil war sehr bedrückt gewesen darüber, dass es Nellie so schlecht ging. Sie bedeutete ihm inzwischen sehr viel, auch wenn er sich das selber nicht eingestehen wollte. Es tat ihm leid, dass sie so unter dem Streit mit Harry und den anderen litt, auch wenn das seinen Plänen eigentlich gerade recht kam.
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Harry hielt das Medaillon immer noch in der Hand, als er mit Ron und Hermine aus dem Kamin im Gemeinschaftsraum stieg und sich erschöpft auf das Sofa plumpsen ließ.
Hermine hatte Brandblasen an den Händen und ging direkt weiter in Richtung Krankenflügel. Ron trottete ihr hinterher, nachdem er Harry noch einen kurzen Blick zugeworfen hatte.
Nachdem Hermine den Blumentopf in dem katzenverseuchten Haus der alten Märchen-Tante umgekippt hatte, war tatsächlich das vermisste und so lange gesuchte Medaillon Salazar Slytherins zum Vorschein gekommen. Die Drei hatten eine Weile auf das Schmuckstück gestarrt, als könnte es jeden Moment vor ihren Augen wieder verschwinden, bevor Hermine es schließlich aufgehoben und ins Licht gehalten hatte.
„Ist es das, Harry?", hatte sie gefragt, das Medaillon dabei aber nicht aus den Augen gelassen.
Harry hatte es sehr genau gemustert und dann das Duplikat aus der Tasche gezogen, für das Dumbledore sein Leben gegeben hatte.
„Ja, das müsste es sein," hatte er geantwortet. Er war nervös gewesen und angespannt. War es diesmal wirklich das Echte? Aber das musste es sein!
Ron hatte die Nase gerümpft und gesagt:
„Also ehrlich, was machen wir jetzt damit? Ich muss dauernd an Dumbledores schwarze, verbrannte Hand denken!"
Auch Hermine hatte daraufhin einen skeptischen Ausdruck im Gesicht gehabt und das Schmuckstück dann wieder auf den Boden gleiten lassen.
„Am besten, wir bringen es gleich hier zu Ende," hatte sie mit fester Stimme gemeint und die Jungs dabei ernst angesehen. Harry hatte entschlossen genickt und seinen Zauberstab gezückt, Ron hatte sich angeschlossen.
Sie hatten alles sehr genau geplant. Das heißt, eigentlich hatte Hermine alles sehr genau geplant. Sie hatte wieder einmal die Zeit gefunden, neben all der anderen Arbeit, die sie hatte, auch noch nach Zauberformeln zu suchen, mit denen sie versuchen könnten, das Medaillon zu vernichten. Sie hatte sogar eine Liste angefertigt, mit allem, was sie ausprobieren wollte.
Es war sehr spät geworden, bis sie das Geheimnis des Medaillons endlich gelüftet hatten. Und eigentlich war es purer Zufall gewesen. Hermine hatte sich schon die Haare gerauft, als auch die letzte der von ihr herausgearbeiteten Zauberformeln nicht funktioniert hatte. Sie hatten es mit Feuer und ätzenden Substanzen versucht, mit einfachen bis komplizierten Öffnungszaubern, mit Flüssigkeiten, die Verborgenes offenbaren sollten und einem Zauberspruch, der Metall angeblich in Glas verwandeln sollte, aber alles, was dabei herauskam war, dass sich das Medaillon violett verfärbte. Öffnen ließ es sich auch weiterhin nicht und mit nach Hogwarts nehmen, um dort nach Hilfe zu fragen, kam auch für keinen der Drei in Frage. Es sollte hier und jetzt erledigt werden. Basta.
Bei all den Versuchen, die immer ermüdender wurden, bekamen sich die Drei auch noch in die Wolle. Ron stänkerte, weil es ihm zu lange dauerte und Hermine konterte, indem sie meinte, seine Hilfe sei ohnehin nicht von Bedeutung. Es war eine der üblichen Streitereien der Beiden, aber Harry konnte es nicht mehr ertragen und ließ die Zwei einfach sitzen, um sich was zum trinken zu holen. Als er zurückkam, gifteten sich Hermine und Ron immer noch an. Harry fiel dabei auf, je aggressiver die Wortgefechte seiner beiden besten Freunde wurden, desto heller leuchteten die Augen der winzigen, in das Medaillon eingearbeiteten, Schlange. Hermine und Ron schienen das nicht zu bemerken, ganz im Gegenteil schienen sie von ihrer Umgebung insgesamt nichts mehr mitzubekommen. Auch als Harry sie ansprach, reagierten die Beiden nicht. Es schien fast, als stünden sie unter einem Zauber. Stattdessen, wurde aus dem Leuchten ein grelles Strahlen und Harry wurde den Eindruck nicht los, dass sich die Schlange sogar zu räkeln begann. Was für ein seltsamer Zauber war das denn? Hatte das vielleicht noch mit dem Fluch zu tun, den der Schwarzmagier über den Anhänger gelegt hatte?
Geistesgegenwärtig schüttete Harry das Wasser aus seinem Glas den beiden keifenden Freunden mitten in die wutverzerrten Gesichter, die daraufhin Augen machten, als wären sie aus einem tiefen Schlaf geweckt worden. Sie sahen sich erst ungläubig an, bemerkten dann aber auch das Glühen, das von dem Medaillon ausging. Kleine Flammen leckten schon an dem Silber. Ron sprang sofort auf und schnappte sich eine nahe Vase, deren Inhalt er über dem Schmuckstück ausschüttete. Sein Zauberstab lag in einer Ecke, nachdem er ihn kurz zuvor in seiner Raserei nach seiner Freundin geworfen hatte. Das Medaillon zischte und fauchte, begann dann aber erst recht lichterloh zu brennen. Hermine war vor Schreck wie gelähmt, an den Händen bildeten sich schon Brandblasen und sie musste von den Jungen weg gezerrt werden, bevor sie sich noch schlimmer verletzen konnte.
Sie brauchten eine halbe Stunde, um das Feuer mit vereinter Magie zu löschen. Als sich der Qualm dann verzogen hatte, lag der schwere Anhänger schwarz verkohlt, aber mit einem tiefen Sprung vor ihnen. Die Schlange, die sich vorher noch so unheimlich darauf gewunden hatte, war verschwunden.
Die Drei konnten sich eine weitere halbe Stunde lang nicht darauf einigen, ob es ungefährlich sei, das Medaillon zu berühren und ob es nun endgültig zerstört wäre. Harry hatte die Diskussion nicht länger ausgehalten und den Anhänger einfach aufgehoben und geöffnet. Doch er war nichts darin gewesen. Die beiden Hälften, in die normalerweise Fotos gesteckt werden konnten, waren leer. Harry klappte das Schmuckstück wieder zu, sah seine Freunde herausfordernd an und stand dann auf. Hermine hatte den Mund schon zu einer Bemerkung geöffnet, schloss ihn dann aber wieder und folgte Harry und Ron zum Kamin, um nach Hogwarts zurückzukehren.
So richtig freuen konnte Harry sich eigentlich nicht darüber, dass nun ein weiterer der vermaledeiten Horkruxe augenscheinlich zerstört war. Viel zu sehr beschäftigten ihn jetzt wieder die drei verbleibenden Stücke. Die Schlange, die Tasse und dann noch Voldemort selber. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wo er diese Tasse finden sollte…es gab nicht den geringsten Anhaltspunkt. Ganz zu schweigen davon, diese monströse Schlange zu erwischen.
Mit dem Kopf voll solcher Sorgen war Harry kaum in der Lage, sich am nächsten Tag auf irgendwelche Gespräche zu konzentrieren. Es war Sonntag und überall um ihn herum plapperten die anderen Schüler fröhlich über Schokofroschkarten und andere Pillepalle, während er sich den Kopf zerbrach, wie er die Welt retten konnte. Das kam ihm selber so makaber vor, dass er über den Gedanken trocken lachen musste.
„Was gibt es denn da zu lachen, Harry?", Ginny saß vor ihm und sah ihn böse an. Er hatte gar nicht bemerkt, dass sie sich zu ihm gesetzt hatte, geschweige denn mitbekommen, von was sie gerade erzählt hatte.
„Entschuldige bitte," sagte er deshalb und lächelte sie an.
Er wusste seit dem Angriff auf Hogsmeade nicht mehr, wie er mit Ginny umgehen sollte. Er hatte lange Gespräche mit ihr darüber geführt, was sie einmal verbunden hatte, aber es erschien ihm irgendwie falsch, ihr weiterhin so nah zu kommen, wie vor dem Angriff. Er spürte oft in sich den Wunsch, ihre Hand zu nehmen, oder sie zu umarmen, doch hatte er sich vorgenommen, es ihr zu überlassen, ob sie auch jetzt noch mit ihm zusammen sein wollte. Nun, bisher hatte sie sich anscheinend noch nicht entschieden, denn sie war zwar oft in seiner Nähe, hielt sich aber betont auf Distanz. Harry vermisste sie sehr.
„Was hast du gesagt?" Harry versuchte ein entschuldigendes Lächeln.
Ginny runzelte die Stirn.
„Ich sagte, dass McGonagall dir ausrichten lässt, dass der Zaubereiminister jetzt schon dreimal nach dir gefragt hat," antwortete sie schließlich. „Sie schien darüber nicht gerade erfreut zu sein."
Harry fiel sein Gespräch mit dem Minister vom Sommer wieder ein, das so abrupt unterbrochen worden war. Doch hatte er nicht das geringste Bedürfnis, es in nächster Zeit zu beenden. Auch hatte er keine Lust, für diesen Mann zu arbeiten, nicht nachdem immer noch unschuldige Hexen und Zauberer verhaftet wurden. Erst vorgestern war wieder ein Bericht im Tagespropheten erschienen, dass nach Fortescue, dem Eisverkäufer aus der Winkelgasse, wegen Verdacht der Spionage gesucht würde. So ein Humbug!
„Der kann mir den Buckel runterrutschen," meinte Harry nur und schob den Stapel Hausaufgaben, an dem er vorher noch gearbeitet hatte, zur Seite.
„Das hab ich ihr auch gesagt," erwiderte Ginny fröhlich und zwinkerte Harry verschmitzt zu, als sie aufstand und durch das Portraitloch verschwand.
Harry sah ihr mit offenem Mund hinterher. Auch wenn ihr Gedächtnis gelöscht worden war, war Ginny doch Gott sei Dank immer noch die Selbe geblieben.
Am Nachmittag war Harry dann Nellie über den Weg gelaufen, die mit Polly auf der Schulter und einem Satz Golfschläger unterm Arm auf dem Weg zur Eingangshalle war. Harry hatte einen Moment gestutzt, als sie mit strahlendem Gesicht auf ihn zu gekommen war.
„Mensch, dich hab ich ja seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen!", rief sie und tippte ihm mit den Schlägern spielerisch gegen die Brust, bevor sie ihn stürmisch umarmte.
Harry blieb die Spucke weg. War sie in letzter Zeit immer sehr griesgrämig und übellaunig gewesen, erkannte er jetzt wieder die Freundin in ihr, die er damals im Park kennen gelernt hatte. Doch ihr Lachen war ansteckend und so wirbelte er sie grinsend einmal im Kreis herum. Nellie quietschte vor Freude. Polly krallte sich an Nellies Jacke fest und sträubte die Nackenhaare.
„Wer hätte gedacht, dass sich hinter der kalten Fassade doch tatsächlich immer noch ein Mensch verbirgt," sagte er und setzte sie wieder auf den Boden.
„Wer hätte gedacht, dass du dich noch an mich erinnern würdest," konterte sie und bereute es sofort. Sie war viel zu gut gelaunt, um ihrem Freund Vorwürfe zu machen. „Aber Schwamm drüber, komm, sattel die Pferde und begleite mich."
Harry runzelte kurz die Stirn, folgte ihr aber dann nach draußen, wo Emil und Hagrid schon auf sie warteten. Hagrid strahlte, als er Harry erkannte und patschte den Jungen mit einer Pranke auf die Schulter, dass der in die Knie ging.
„Schön, alle da, dann kanns ja losgehen", polterte der Halbriese und nahm sich einen Golfschläger von Nellie.
Es wurde ein vergnüglicher Nachmittag, an dem Nellie wieder entdeckte, wie vertraut Harry ihr doch war. Sie spürte wieder diese Nähe, die sie Beide schon damals verbunden hatte, die sie aber irgendwann zwischendurch verloren hatten. Einen Moment lang stimmte sie dieser Gedanke traurig, aber dann verdrängte sie das und genoss einfach die Zeit mit ihm.
Als Nellie und Harry nach dem Spiel gemeinsam wieder zum Schloss liefen, erzählte Harry ihr von seiner Suche nach dem Medaillon und Nellie spürte einen Stich in sich, der sehr weh tat. Sie sagte aber nichts. Harry schien es aber zu spüren, dass etwas nicht stimmte.
„Was ist denn los? Du bist auf einmal wieder so still."
Nellie starrte auf ihre Füße, während sie die Stufen zur Eingangshalle hoch lief.
„Ich verstehe nicht, warum du mir nichts davon gesagt hast," antwortete sie. Sie wollte ehrlich zu ihm sein.
„Du hast doch die ganze Zeit mit Warthrow rum gehangen, außerdem warst du ja gar nicht mehr ansprechbar gewesen. Ich hab dich kaum noch gesehen." Harry hatte versucht, seiner Stimme etwas Neutrales zu geben, spürte aber gleichzeitig, dass er wahrscheinlich nicht gerade die richtigen Worte gewählt hatte.
Nellie starrte weiter auf ihre Sneakers und ließ seine Worte eine Weile auf sich wirken.
„Wahrscheinlich hast du recht," meinte sie dann und blieb stehen. „Es ging mir wirklich schlecht, weißt du?" Sie wollte weiterreden, ihm von ihren Gefühlen erzählen, doch blieben ihr die Worte im Hals stecken.
Harry war neben ihr stehen geblieben und sah sie jetzt ernst an.
„Ich weiß," sagte er nur.
„Ich wusste nicht, wie ich dir das sagen sollte."
„Du kannst mir alles erzählen, Nellie, ich dachte, das wüsstest du."
Nellie sah ihn lange an und versuchte sich darüber klar zu werden, warum sie ihm nicht einfach alles erzählen konnte. Von den Selbstvorwürfen, ihrer Angst, der Panik, ihrem Training. Was hielt sie denn zurück? Er war die ganze Zeit am Grimmauldplatz wie ein Bruder für sie gewesen, doch jetzt stand sie hier vor ihm und wusste nicht, wie sie mit ihm reden sollte. Was war passiert?
„Das dachte ich auch," sagte sie dann. „Ach, ich weiß auch nicht."
Damit hatte sie sich umgedreht und war weiter gegangen. Harry schüttelte verwirrt den Kopf und folgte ihr dann. Zu seiner Verwunderung war sie direkt zum Gemeinschaftsraum der Gryffindors gelaufen.
„Zeigst du mir dieses Medaillon?", fragte sie vor dem Portrait der fetten Dame und drehte sich wieder zu ihm.
„Natürlich, wenn du magst," antwortete Harry.
Als sie vor dem Kamin saßen und Nellie den schweren Anhänger in den Händen drehte, spürte sie wieder Wut in sich aufkeimen. Harry, Ron und Hermine hatten ihr gerade erzählt, wie sie erst den Schwarzmagier, dann diese verrückte Muggel und schließlich das Medaillon gefunden und zerstört hatten. Nellie biss die Zähne zusammen, so sehr brodelte es in ihr.
„Wahnsinn," meinte Ginny gerade, die auch aufmerksam gelauscht hatte. „Und das habt ihr alles alleine herausgefunden?"
In dem Moment war Nellie schließlich doch der Kragen geplatzt.
„Natürlich haben sie das alleine herausgefunden!", grollte sie. „Müssen sie ja, wenn sie sonst niemanden um Hilfe fragen wollen!"
Harry starrte sie entsetzt an.
„Du weißt doch, dass niemand sonst davon wissen soll," meinte Hermine mit betont ruhiger Stimme. Tatsächlich waren sie alleine im Gemeinschaftsraum, weil alle anderen beim Abendessen saßen. Die Fünf hatten diesen Moment gewählt, um ungestört einen Moment lang reden zu können.
„Ach ne," giftete Nellie sie an. „Wäre ich ja nie drauf gekommen!"
„Was hast du denn grad wieder für ein Problem?", mischte sich dann Ron mit ein.
„Was für ein Problem? Es hat mal eine Zeit gegeben, und wenn ich mich recht erinnere, ist das noch gar nicht mal so lange her, da hattet ihr uns in eure Pläne auch mit einbezogen!" Nellie zeigte auf Ginny, die erschrocken den Kopf einzog. „Auch wenn du dich da nicht mehr dran erinnerst. Aber ich bin es leid, schon wieder ausgeschlossen zu werden!"
„Wir schließen dich nicht aus," versuchte Harry sie zu beruhigen. „ Ich hab's dir doch schon gesagt, du warst ja kaum noch ansprechbar!"
„Wenn es dir wichtig gewesen wäre, hättest du mich trotzdem angesprochen!" Nellie wurde immer lauter. „Und ich hab dir auch schon gesagt, dass es mir sehr schlecht ging, aber das scheinst du ja auch nicht bemerkt zu haben!"
Ein paar Schüler kamen gerade durch das Portraitloch herein und machten geschockte Gesichter, als sie sahen, wie Miss Carols vier Gryffindors anschrie.
„Ihr seid doch alle miteinander ein Pack selbstgefälliger, verlogener Dumpfbacken!"
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Auch jetzt, zwei Tage nach dem Streit, hatte Nellie noch keine Lust, sich wieder mit Harry zu versöhnen, auch wenn er ihr zwei oder dreimal auf dem Gang begegnet war. Er hatte ganz eindeutig das Gespräch mit ihr gesucht, doch hatte sie ihn links liegen lassen.
Die Einzige, die ihre Gefühle zu verstehen schien, war Winky. Und auch Ginny schien auf ihrer Seite zu sein.
„Ich hab eigentlich keine Ahnung, warum dieses kaputte Medaillon so wichtig für euch ist, aber ich finde es auch doof, wenn Harry und die anderen dich ausschließen," hatte sie gesagt. Nellie verbrachte wieder mehr Zeit mit ihr, wobei sie bei Ginny immer mehr den Verdacht hatte, dass sie etwas beschäftigte. Wenn die beiden jungen Frauen gemeinsam durchs Schloss streiften und dabei Emil begegneten, benahm Ginny sich irgendwie seltsam. Sie wurde unruhig und hielt es nicht sehr lange in seiner Gesellschaft aus, bevor sie sich unter irgendeinem Vorwand entschuldigte und verschwand. Nellie neckte Emil ganz gerne damit, dass Ginny sich vielleicht in ihn verliebt hätte, doch fand der das gar nicht so lustig.
Am Mittwochmorgen, als Winky gerade erst in die Küche zurückgekehrt war und Nellie ihre Sachen für den Unterricht zusammenpackte, klopfte es an ihrer Tür. Als sie öffnete, stand Ginny vor ihr und hielt etwas in der Hand, dass Nellie nicht erkennen konnte. Um diese Jahreszeit war es morgens noch sehr dunkel und die Fackeln auf dem Flur spendeten nur spärliches Licht. Aber Ginny schien furchtbar aufgeregt.
„Ginny," hatte sich Nellie gewundert. „Was ist los?"
„Kann ich rein kommen?" Ginny wirkte nervös und sah sich immer wieder um, als hätte sie Angst verfolgt zu werden.
„Klar, komm rein."
Ginny trat in das kleine Wohn- und Schlafzimmer, blickte sich kurz um und trat dann an den Kamin, wo sie sich die Hände etwas wärmte. Den Gegenstand, den sie vorher noch in der Hand gehalten hatte, hatte sie auf einen Tisch gelegt, der neben der Tür stand. Als Nellie ihn betrachtete, erkannte sie ihn sofort.
„Wo hast du das Buch denn her?", fragte sie und nahm das kleine braune Notizbuch zur Hand, das sie das letzte Mal im Sommer am Grimmauldplatz gesehen hatte. Sie blätterte es durch und erkannte die krakelige Handschrift von Harrys Vater, James Potter.
„Das hab ich im Gemeinschaftsraum gefunden. Ich glaube, Harry hat es dort mal liegen lassen," sagte Ginny und wirkte wieder nervös. „An irgendetwas erinnert mich dieses Buch, aber ich komme nicht drauf, an was!"
Nellie sah ihre Freundin verwirrt an und trat dann zu ihr.
„Wie meinst du das, es erinnert dich an etwas?"
Nellie setzte sich auf das Sofa und Ginny setzte sich neben sie. Sie knetete ihre Hände und vermied es, das Buch in Nellies Händen anzusehen.
„Als ich es gefunden habe, war ich einfach nur neugierig, was das wohl ist. Als ich drin gelesen hab, konnte ich damit gar nichts anfangen, aber es hat mir Angst gemacht. Es ist, als ob es in meinem Kopf Bilder auslöst, die hinter einem Schleier verborgen sind. Ich kann sie nicht erkennen, aber sie sind da und lassen mir keine Ruhe mehr."
Nellie blätterte das Büchlein noch mal durch, doch war es noch genau das gleiche Buch wie damals und sie hatte nie etwas Derartiges dabei empfunden. Vielleicht, weil sie keine Hexe war?
„Hast du Harry oder jemand anderem davon erzählt?"
„Nein," meinte Ginny und Nellie konnte Tränen in ihren Augen erkennen. „Ich dachte, ich bilde mir das nur ein. Ich habe bei vielen Sachen, die ich sehe, so ein ähnliches Gefühl. Vieles kommt mir so vor, als müsste ich es kennen, aber bei diesem Buch ist es unheimlich."
Nellie wusste nicht, was sie darauf sagen sollte und legte Ginny nur eine Hand auf den Arm.
„Was mir aber am meisten Angst macht," fuhr Ginny schließlich fort und Nellie hatte das Gefühl, dass sie jetzt das erfahren sollte, was ihre Freundin in letzter Zeit so beschäftigt hatte, „ist, dass ich das gleiche beängstigende Gefühl spüre, wenn ich Professor Warthrow begegne." Ginny sah Nellie jetzt mit großen Augen an, als würde sie hoffen, dass das Muggel-Mädchen ihr erklären könnte, was das zu bedeuten hätte.
Nellie dachte nach, konnte sich aber keinen Reim darauf machen.
„Vielleicht sollten…"
In diesem Moment klopfte es erneut an Nellies Tür. Sie stand auf und als sie die Tür öffnete, stand da Emil mit einem Frühstücks-Tablett, das er mit seinem Zauberstab neben sich schweben ließ. Bei seinem Anblick sprang Ginny auf, grüßte ihn kurz und stahl sich dann an ihm vorbei in den Gang hinaus.
„Komm ich grad ungelegen?", fragte er und sah Ginny mit hochgezogenen Augenbrauen hinterher.
„Hm," Nellie konnte Ginnys Reaktion jetzt nachvollziehen, aber nicht verstehen. Sie wollte genauer über das nachdenken, was Ginny ihr gerade erzählt hatte. Doch das ginge besser, wenn sie endlich was in den Bauch bekäme, sie hatte mächtigen Hunger. Also zog sie Emil herein und schloss hinter ihm die Tür.
Emil ließ das Tablett auf den Tisch sinken, auf dem Ginny das Notizbuch abgelegt hatte, das jetzt auf dem Sofa lag, und drehte sich dann zu Nellie um. Ohne Umschweife nahm er sie in den Arm und sah sie dann mit leuchtenden Augen an.
„Happy Birthday!", lachte er und drückte ihr einfach einen Kuss mitten auf den Mund.
Nellie war völlig von den Socken und wusste einen Moment lang gar nicht, wie ihr geschah. Dann fiel es ihr wieder ein. Sie hatte Geburtstag! Wie hatte sie das nur vergessen können? Und woher wusste Emil davon? Sie hatte niemandem davon erzählt!
Doch bevor sie sich noch weiter Gedanken machen konnte, hatte Emil schon eine Geburtstagstorte heraufbeschworen, mit 19 Kerzen und dazu einen kleinen Stapel Geschenke. Nellie jedoch hatte auf einmal gar keine Augen mehr für Geschenke oder Torte, sondern konnte den Blick nicht mehr von diesen strahlenden blauen Augen nehmen, die sie immer noch schelmisch anfunkelten. Sie spürte ein Kribbeln im Bauch, gleichzeitig wurden ihre Knie weich und sie schien in dem Blau von Emils Augen zu versinken. Oder kam ihr das nur so vor, weil sie immer näher kamen? Nellie spürte, wie zärtliche Hände sie umfassten und noch näher zogen. Sie fühlte einen warmen Körper, an den sie sich anlehnen konnte und weiche Finger, die ihre Wangen berührten. Alles Weitere war liebkosende Nähe.
