Kapitel 34:

Viel Zeit war vergangen, seit Harry das Medaillon letztendlich gefunden und zerstört hatte. Viel Zeit, in der viel geschehen war.

Harry hatte einem Gespräch mit dem Zaubereiminister nicht länger aus dem Weg gehen können und hatte sich eines Morgens mit ihm konfrontiert gesehen, als Moody ihn in sein Büro zitiert hatte. Es war ein knappes Gespräch gewesen, in dem Harry unmissverständlich seinen Unwillen gegenüber jeglichen Angeboten aus dem Ministerium ausgedrückt und sich dann wieder an seine Schularbeiten begeben hatte. Es war eine Schande gewesen, auch nur eine halbe Stunde dafür verschwendet zu haben, mit Scrimgeour zusammengetroffen zu sein. Dieser Ansicht war Hermine auch gewesen, weshalb sie in der Bücherei auf ihn gewartet und ihn ohne Umschweife wieder an die Arbeit geschickt hatte.

Nellie hatte sich viele Gedanken über die Verbindung zwischen Ginny, Emil und dem Notizbuch von Harrys Vater gemacht, war jedoch zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. Das konnte auch damit zusammenhängen, dass ihre Gedanken die meiste Zeit mit anderem beschäftigt gewesen waren. Es hatte sich ziemlich schnell herumgesprochen, dass Miss Carols und Professor Warthrow eine Affäre hatten und so hatte sie sich in der ersten Zeit gegen einige Anspielungen von Seiten sowohl der Schüler als auch der Lehrer erwehren müssen. Professor McGonagall hatte keinen Hehl aus ihrem Missfallen dieser Verbindung gemacht und hatte mehr als nur einmal auf Nellie eingeredet, ohne größeren Erfolg. Sie stand zu ihren Gefühlen, fühlte sich wohl in Emils Nähe und zeigte allen Angriffen stur die Stirn. Außerdem litt weder ihre Arbeit als „Lehrerin", noch ihre Abiturvorbereitungen darunter, also sollten die Leute doch reden. Nur, was es mit Ginny auf sich hatte, konnte Nellie sich nicht erklären. Erschwerend hinzu kam noch, dass ihre Freundin sich seit jenem Morgen von ihr zurückgezogen hatte. Nellie hatte das Gespräch mit ihr mehrmals gesucht, doch war Ginny ihr ausgewichen. Tatsächlich kam es Nellie so vor, als würde sich Ginny jetzt auch vor ihr fürchten. Das konnte sie sich nun ganz und gar nicht erklären.

Mit Harry war Nellie im Laufe der Zeit zu einer unausgesprochenen, stillschweigenden Vereinbarung gelangt. Sie hatten nicht mehr über ihren Streit gesprochen, begegneten sich aber in einer freundlichen, höflichen Art und Weise, die bei weitem nicht dem nahe kam, was sie früher verbunden hatte, die aber von Beiden als angenehmer empfunden wurde, als die vorherige eisige Ablehnung. Sie trafen sich hin und wieder auf den Gängen, wechselten ein paar Sätze miteinander und fühlten sich im Grunde ihres Herzens um einen wichtigen Teil ihres Lebens betrogen.

Was Polly angeht, so wurde aus dem frechen Haustier immer mehr ein freches Wildtier, denn das Frettchen wuselte immer öfter mit Arnold und Pig über die Schlossgründe oder durch den Verbotenen Wald. Nellie machte sich um ihre kleine Freundin keine Sorgen, hatte Polly doch wirklich genug Übung darin, unwillkommene Begegnungen in die Flucht zu schlagen. Und abends, wenn Nellie erschöpft und mit rauchendem Kopf in ihre Wohnung kam, war Polly meist auch da, um ihrem Frauchen Gesellschaft zu leisten. Das Frettchen schien aber auch weiterhin genau zu spüren, wann Nellie es in ihrer Nähe brauchte. So war sie an einem Nachmittag nach dem Mittagessen genau in dem Moment erschienen, als Nellie einmal mehr eine Moralpredigt von McGonagall hatte ertragen müssen. Emil war nicht da gewesen, um sie in dem Moment aufzufangen und so war Nellie mit Polly durchs Schloss geschlichen, hatte Schülern heimlich Streiche gespielt und vor lauter verhaltenem Lachen schließlich völlig vergessen, warum sie vorher noch so traurig gewesen war.

Ginny hatte sich inzwischen an ihre Rolle als Schülerin einer Schule für Hexerei und Zauberei gewöhnt. Sie arbeitete verbissen, lernte ihr altes Leben wieder kennen und vermied, wo sie konnte, jede nähere Begegnung mit Emil Warthrow. Und damit auch mit Nellie, die ihr als Freundin in letzter Zeit sehr wichtig geworden war, von der sie aber jetzt nicht mehr wusste, wie weit sie ihr vertrauen konnte. Schließlich war sie offensichtlich mit diesem Warthrow zusammen und wie objektiv konnte sie ihm gegenüber denn dann noch sein? Denn Ginny war sich inzwischen sicher, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Seit Wochen schon trug sie dieses Gefühl mit sich herum, hatte es gedreht und gewendet und von allen Seiten betrachtet, um herauszufinden, was es nun genau war, was sie an ihm störte. Nach langer Grübelei war sie nun zu dem Ergebnis gekommen, dass er und dieses braune Buch, das sie im Gemeinschaftsraum gefunden hatte, in irgendeiner Weise miteinander zusammenhingen. Sie hatte sich den Kopf zermartert, um darauf zu kommen, was sie vielleicht einmal über diese Beiden gewusst haben könnte, konnte sich aber beim besten Willen an nichts erinnern. Und so hatte sie schließlich begonnen, Warthrow nachzuspionieren. Wann immer sie die Möglichkeit dazu hatte, schlich sie ihm nach, horchte unauffällig an seiner Bürotüre oder beobachtete ihn, wenn er das Gefühl hatte, dass er alleine war. Bisher hatte sie auf diese Weise noch nichts Verdächtiges über ihn herausgefunden, wenn man es als unverdächtig betrachten konnte, dass er viel mehr Zeit mit Nellie verbrachte, als mit seinen Schulpflichten. Doch Ginny war sich sicher, dass er etwas verheimlichte und sie war fest entschlossen, dies herauszufinden.

Nellie indessen genoss jede freie Minute mit Emil. Er verwöhnte sie, wo er nur konnte. Zeigte ihr im Raum der Wünsche Orte, von denen sie noch nie gehört hatte, entführte sie in vergangene Zeiten und sprach damit Nellies unbändigen Entdeckersinn an, ihre Abenteuerlust und ihre Freude an Unternehmungen. Sie verbrachten auch viel Zeit allein miteinander, während der sie unter anderem einfach nur vor einem Kamin saßen, stundenlang über Gott und die Welt sprachen oder auch einfach nur miteinander schwiegen. Nellie hatte noch nie einen Mann gekannt, mit dem sie sich so wohl fühlte, wie mit Emil. Niemand hatte ihr bisher so sehr das Gefühl gegeben, als Frau und auch Mensch etwas Besonderes zu sein. Sie spürte, wie sie ihm vollends vertraute, wie sie sich ihm gegenüber immer mehr öffnen konnte und genoss nicht nur die Gespräche und Ausflüge mit ihm, sondern auch die Nähe, das Gefühl des Schwerelosen, das sie empfand, wenn er sie in seinen Armen hielt. Sie konnte sich bei ihm fallen lassen.

Und doch verfolgte sie ihr Training weiter. Nicht mehr in ganz so selbstzerstörerischen Ausmaßen wie noch Wochen zuvor, aber doch beharrlich. Sie war inzwischen so weit fortgeschritten, dass sie bereit war, ihre Fähigkeiten in der realen Welt zu testen. Nicht, dass sie einen echten Kampf mit einem Todesser provozieren wollte. Nein, sie wollte die Tricks und Kniffe ausprobieren, die sie sich mit Hilfe der vielen verschiedenen Zaubertränke angeeignet hatte.

Eine passende Gelegenheit ergab sich, als Nellie an einem Nachmittag, vor der letzten Doppelstunde Muggelkunde, auf dem Weg zu ihrem Klassenzimmer war und Zeugin eines Streits zwischen Schülern einer Gruppe 7.Klässler wurde. Soweit Nellie das beurteilen konnte, ging es um eine verlorene Wette, die eingelöst werden sollte.

„Lass mich bloß in Ruhe, Wilson," rief ein Junge aus Hufflepuff und funkelte ein dickliches Mädchen an, dass ihm gegenüber stand und die Hände herausfordernd in die Hüften gestemmt hatte.

Das Mädchen gehörte ganz offensichtlich nach Slytherin und grinste fies.

„Nun tu doch nicht so, Row," meinte sie und trat näher auf den Jungen zu, der sie wütend ansah. „Du weißt genau, dass du verloren hast, also her mit den Kröten."

„Du hast gemogelt, das kann jeder hier bezeugen," rief Row.

„Du willst mir doch nicht etwa unterstellen, dass ich betrogen habe?" Das Gesicht des Slytherin-Mädchens verzog sich jetzt ärgerlich und sie zog ihren Zauberstab.

In diesem Moment warf Nellie eine kleine Ampulle mit einer rosanen Flüssigkeit in die Gruppe. Sofort breitete sich dicker Rauch aus, der alle versammelten Schüler in hysterisches Gekicher ausbrechen ließ. Wette, Wettschulden und Zauberstäbe waren vergessen und 5 Minuten später, als der Rauch sich verzogen hatte, wusste keiner mehr, warum er eigentlich hier stand. Die Schüler verteilten sich wieder auf ihre Klassenzimmer und Nellie war mit der Wirkung dieses Trankes, nämlich das Vergessen von kurz zuvor Geschehenem, sehr zufrieden.

Bei einer weiteren Gelegenheit benutzte sie eine andere Ampulle mit blauem Inhalt. Nämlich, als sie beobachtete, wie ein paar junge Slytherins einer Gruppe Ravenclaw-Mädchen auflauerte. Der Rauch dieses Fläschchens hob für wenige Minuten die Schwerkraft innerhalb eines kleinen Radius' auf, so dass die Slytherins eine Weile wehrlos unter der Decke baumelten. Nellie gönnte sich den Spaß, den Jungen zusätzlich noch ordentlich den Marsch zu blasen, bevor sie weiterging und die kleine Gruppe im wahrsten Sinne des Wortes „hängen" ließ.

Nachdem sie auf ähnliche Art und Weise auch noch ein paar andere ihrer Wunderwässerchen getestet hatte, wurde hinter ihrem Rücken immer verwegener über ihre Zauberkräfte getuschelt. Wenn ihr bisher immer noch nachgetragen wurde, dass man sie, bis auf eine Ausnahme, nie zaubern gesehen hatte, dann änderte sich die Lage jetzt doch sprunghaft. Immer häufiger konnte Nellie nun die Erfahrung machen, dass sich Konfliktsituationen, zu denen sie hinzu gerufen wurde, auflösten, noch bevor sie irgendetwas unternommen hatte. Diese Art von Respekt oder auch Angst, gefiel Nellie insgeheim.

Dieser Stimmungswandel ihr gegenüber blieb auch vor Harry nicht verborgen und so sprach er sie eines Tages nach dem Frühstück auf dem Gang darauf an.

„Was hast du eigentlich angestellt, dass dich plötzlich alle für eine große Hexe halten?", fragte er leise, nachdem sie sich eine Weile über das anstehende Weihnachtsfest unterhalten hatten.

„Och," wich Nellie schulterzuckend aus. „Nichts Besonderes."

Harry musterte sie mit zusammengekniffenen Augen.

„Auch wenn ich in letzter Zeit nicht gerade behaupten kann, dich gut zu kennen, so weiß ich doch, dass du irgendwas ausheckst."

„So, tust du das?" Nellie genoss es sichtlich, Harry so verwirrt zu sehen.

„Ach, komm schon, erzähl es mir," drängte er weiter. „Wie hast du das gemacht, dass Crabbe sich letztens bei allen für seine Dummheit entschuldigt hat? Oder hatte da wieder Emil was mit zu tun?"

Nellie wusste, worauf Harry anspielte. Es erstaunte sie aber, in seinen Augen so etwas wie Resignation zu erkennen, als er Emils Namen ausgesprochen hatte.

„Lass mir meine Geheimnisse Harry, und ich lasse dir deine," antwortete sie und schenkte Harry dabei ein breites fröhliches Grinsen, das er nach einem kurzen Moment schief erwiderte.

Auch er wusste genau, was sie damit meinte. Natürlich war es ihr nicht verborgen geblieben, dass er, Ron und Hermine nun, da das Medaillon zerstört war, begonnen hatten, nach dem nächsten Horkrux zu suchen. Nellie wusste von der Tasse und wenn sie ehrlich war, hatte sie sich ein oder zwei Mal Gedanken darüber gemacht, mehr aber auch nicht, denn woher sollte sie denn schon wissen, wo die gefunden werden könnte. Also hatte sie die Freunde suchen lassen und hatte sich stattdessen um ihr neu gefundenes Glück mit Emil gekümmert.

„Wie auch immer du all das anstellst," fuhr Harry schließlich fort, „man könnte meinen, du hättest doch ein wenig verborgene Magie in dir."

Nellie lachte, und Harry, der ihr Lachen immer schon sehr gemocht hatte, stimmte mit ein.

„Sei versichert, Harry," kicherte sie, „sollte ich irgendwann auch nur einen Hauch Magie in mir entdecken, bist du der erste, der sie zu spüren bekommt."

Dabei versuchte sie ein verschlagenes Gesicht zu machen, über das Harry aber nur noch mehr lachen musste.

„Dann sollte ich mich wohl besser in acht nehmen," lachte er. „Aber was es auch ist, ich nenne es deine Muggelmagie."

Nellie lachte wieder und umarmte ihn, bevor sie weiter zu ihrem Unterricht ging.

‚Muggelmagie', das Wort gefiel ihr.

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Auch Harry war in seinem Training nicht müßig gewesen. Nachdem er nun schon zweimal von Todessern so hinterhältig angegriffen worden war, hatte er sich schon in Godrics Hollow geschworen, dass ihm so eine Schmach nicht noch einmal widerfahren sollte. Er hatte sich an seinen Schwur gehalten, indem er damals schon gemeinsam mit Ron und Hermine mit dem Training begonnen hatte, doch hier, auf Hogwarts, boten sich ihm noch ganz andere Möglichkeiten. Und so bat er irgendwann Remus Lupin darum, ihn parallel zum üblichen Verteidigung gegen die dunklen Künste-Unterricht weiter für seinen ohne Zweifel anstehenden Kampf zu trainieren. Remus hatte ihn sehr lange gemustert, bevor er auf seine Bitte überhaupt reagiert hatte.

„Ich kann mir vorstellen, warum du mich das fragst, Harry," hatte er schließlich gesagt. „Doch weiß ich nicht, was ich dir noch beibringen kann, was du nicht ohnehin schon beherrschst."

Harry hatte seinen Lehrer daraufhin verwirrt angesehen. Remus war für ihn in den letzten Jahren immer mehr zu einem besonderen Vorbild geworden und er hatte von ihm das Bild gewonnen, dass nichts ihm etwas anhaben könnte. Und nun stand er hier und behauptete, dass er Harry nichts beibringen könnte?

„Versteh mich nicht falsch," hatte Remus weiter gesprochen, als könnte er Harrys Gedanken lesen. „Man kann sich nie ausreichend genug für den Kampf gegen Voldemort wappnen, aber ich bin kein Auror. Ich kann dir die üblichen Verteidigungstricks beibringen. Wobei das bei dir vergeudete Zeit wäre, denn die beherrschst du inzwischen besser als manch einer sonst. Aber das, wonach du mich bittest, kann ich nicht leisten, Harry."

Der Werwolf hatte Harry mit einem leicht mitleidigen Lächeln angesehen, woraufhin Harry den Kopf hatte hängen lassen.

„Ich würde ja Dumbledore darum bitten, wenn das noch möglich wäre," hatte er gesagt und die Worte hatten sehr bitter geschmeckt.

„Professor Moody wäre für ein solches Training bestens geeignet, Harry," war Remus' Antwort gewesen, „und ich bin mir sicher, wenn du ihn danach fragst, wird er es dir nicht abschlagen können. Wir wollen schließlich alle, dass du am Leben bleibst!"

Mit einem freundlichen Zwinkern hatte Remus daraufhin seine Bücher vom Schreibtisch genommen und war damit zu seiner nächsten Unterrichtsstunde gegangen.

Harry konnte sich nach diesem Gespräch lange nicht einig werden, ob er tatsächlich Mad-Eye Moody um dieses Training bitten sollte.

Der neue Schulleiter tat sein Möglichstes, um Hogwarts am Laufen zu halten und seine Schüler zu schützen, doch blieb er für Harry doch immer noch sehr unnahbar. Wobei er Remus zustimmen musste, dass der Ex-Auror am besten für das geeignet war, was Harry beabsichtigte. Nämlich die Unverzeihlichen Flüche zu lernen.

Sicher, er hatte in Godrics Hollow damit begonnen, sie an kleineren Insekten auszuprobieren, doch war ihm das nicht mehr genug. Er musste erfahren, wie es war, einen Menschen mit eigenem Willen zum Beispiel unter den Imperius-Fluch zu stellen. Er musste wissen, ob er dazu überhaupt in der Lage wäre. Er hatte es einmal bei Bellatrix nicht geschafft, einen dieser Flüche anzuwenden, beim nächsten Mal, wenn es ernst würde, wollte er nicht noch einmal versagen.

Harry lief ein kalter Schauer über den Rücken, als ihm bewusst wurde, was er da überhaupt plante. Er wollte unter anderem lernen, wie es war, den Todesfluch zu benutzen. Wie sollte er das denn anstellen? Er konnte schließlich nicht herumfragen, wer sich zu Übungszwecken zur Verfügung stellen würde! Aber er spürte für sich, dass es eine Möglichkeit geben musste, wie er trotzdem zu seinem Training kommen konnte.

Das übliche DA-Training war ihm schon lange nicht mehr genug. Die Übungs-Kämpfe mit Hermine und Ron machten ihm Spaß, brachten ihm aber keine nennenswerten Fortschritte mehr. Wobei er allerdings die Notwendigkeit sah, dass seine Freunde auf diese Weise in Übung blieben. Also trafen sie sich in unregelmäßigen Abständen, um so fit zu bleiben.

Es war irgendwann im November, als Harry sich schließlich dazu durchrang, Moody um dieses spezielle Training zu bitten. Er hatte Hermine nichts von seinen Plänen erzählt, weil er wusste, wie sie über die Unverzeihlichen Flüche dachte. Ron hatte ihm Mut gemacht.

„Wenn irgendjemand das Recht dazu haben sollte, diese verfluchten Flüche zu benutzen, dann du, mann," hatte er gesagt und Harry war ihm für die Unterstützung unendlich dankbar gewesen.

Hermine war inzwischen weiterhin damit beschäftigt, in Katalogen und Zeitschriften nach dem Händler zu suchen, der diesem Miersch aus Deutschland die Hufflepuff-Tasse abgekauft haben könnte. Sie war dabei aber noch immer zu keinem Ergebnis gekommen. Die beiden Jungen ließen sie damit in Ruhe. Sie kannten ihre Freundin gut genug, um zu wissen, dass sie sich nur endlose Monologe anhören müssten, wenn sie sich im falschen Moment in ihrer Nähe aufhielten. Ron leistete ihr hin und wieder Gesellschaft, aber auch nur aus dem Grunde, weil er sie vermisste. Die Beiden hatten in den letzten Wochen nur sehr wenig Gelegenheit gehabt, zu zweit etwas Zeit zu verbringen. Harry akzeptierte das, vermisste aber gleichzeitig die Momente, die er noch vor gar nicht so langer Zeit mit Ginny geteilt hatte.

Sein Gespräch mit Moody fiel sehr kurz aus, weil der gerade auf dem Weg ins Ministerium war.

„Wenn ich geahnt hätte, dass dieser Posten so verdammt viel Arbeit bedeutet, Potter, hätte ich jeden zu den Wassermenschen gejagt, der ihn mir angeboten hätte," knurrte er, als Harry sein Büro betrat. Der Schulleiter wirkte verstimmter wie sonst und müde.

„Ich möchte Sie nur etwas fragen, Professor," antwortete Harry.

„Dann los, aber halt dich kurz."

„Nun, ähm, ich hab mich gefragt, ob Sie mich nicht die Unverzeihlichen Flüche lehren könnten," sprudelte es aus Harry heraus. Er hatte seine Frage eigentlich ein wenig indirekter gestalten wollen, aber der Zeitdruck, unter dem er plötzlich stand, lockerte seine Zunge.

Moody blickte von den Unterlagen, die er gerade noch zusammengesucht hatte, auf und musterte Harry mit beiden Augen. Der Junge spürte, wie ihn das magische Auge schier röntge. Dann wandte sich der alte Auror wieder ab, stopfte die Papiere in eine Tasche und nahm einen langen Schluck aus seinem Flachmann. Dieses Bild erinnerte Harry an den Betrüger, der sich ein ganzes Schuljahr lang als Moody ausgegeben hatte. Er verdrängte die Erinnerung und wartete auf eine Reaktion des Schulleiters.

Der ließ sich mit seiner Antwort Zeit.

„Es erfordert viel Mut, mich um so etwas zu bitten, Potter," raunzte er schließlich. „Nicht nur, dass ich das Ministerium damit ordentlich an der Nase herumführe, sondern dass ich auch noch einen Kodex dieser Schule breche."

Harry hatte mit so einer Reaktion gerechnet. Er sah Moody weiterhin an und wartete.

Der trat jetzt an eines der Regale, nahm etwas heraus, das er kurz betrachtete und wieder zurückstellte. Harry vermutete, dass der Schulleiter sich unschlüssig war, wie er auf seine Bitte reagieren sollte.

„In Ordnung, Potter," brummte er dann. „Ich werde dich unterrichten."

Harry blinzelte irritiert. Mit einer so schnellen positiven Antwort hatte er nicht gerechnet.

„Doxymist auf die Meinung des Ministeriums, brauchen doch nicht alles zu wissen, nicht wahr?" Moody zwinkerte Harry mit seinem gesunden Auge zu. „Aber das muss unter uns bleiben, das ist dir doch klar?"

„Sicher, Sir," antwortete Harry sofort.

„Gut, dann am Freitag und acht Uhr im Raum der Wünsche, Potter. Und sei pünktlich!"

So hatte es angefangen. Und so war es weitergegangen.

Seit drei Wochen traf Harry den Schulleiter nun schon ein bis zwei Mal die Woche im Raum der Wünsche, wo er einen Unverzeihlichen Fluch nach dem anderen übte.

Es war nicht so einfach gewesen, wie er sich vorgestellt hatte, aber auf der anderen Seite auch wieder einfacher, wie gedacht.

Moody hatte Dummys heraufbeschworen, an denen Harry ohne Gewissensbisse die Flüche trainieren konnte. Sie waren keine lebendigen Wesen, konnten sich aber bewegen wie solche und hatten die gleichen Reaktionen, so dass es Harry wirklich nicht gerade leicht gemacht wurde. Er erkannte sehr schnell, dass ihm sein mickriges Training mit den Insekten überhaupt nicht half. Aber trotzdem machte er schnelle Fortschritte und beherrschte Anfang Dezember schon den Imperius- und den Crucio-Fluch.

Etwa zu dieser Zeit war es auch, als er jemanden im Raum der Wünsche überraschte, den er dort niemals erwartet hätte.