Kapitel 36:

Tonks war schon lange genug Aurorin, um bei dem Gedanken daran, dass hier Menschen, die sie kannte, gefährdet waren, professionell zu reagieren. Das Entsetzen und die Sorge, die im ersten Moment in ihr aufgestiegen waren, als ihr klar wurde, dass es die Carols waren, die Voldemort als nächstes auf seine Abschussliste gesetzt hatte, wurden einen Augenblick später von kalter Entschlossenheit verdrängt.

Sie schlich sich zurück an ihren Platz neben Remus und kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Remus neben ihr sah kurz zu ihr rüber, konzentrierte sich dann aber wieder auf die Aufgabe, die sie alle hierher gelockt hatte. Es würde jeden Moment losgehen.

Als Moody ihr dann schließlich das verabredete Zeichen gab, konzentrierte Tonks sich einen Moment und nahm die Erscheinung eines Todessers an. Dann erhob sie sich und trat selbstsicher auf die Straße und auf die Schatten zu, die im Garten vor dem Haus der Carols standen. Sie nahm etwas abseits Stellung, so dass sie nicht zu sehr auffiel, aber doch nah genug dran war, damit ihr Plan funktionieren konnte.

Moody, Remus und die anderen nahmen ihre Zauberstäbe zur Hand und näherten sich dem Vorgarten so weit, wie sie es sich unbemerkt erlauben konnten. Auch wenn es dunkel war, gab es in der Straße doch genug Straßenlaternen, die sie hätten verraten können. Remus ließ Tonks keinen Moment lang aus den Augen. Er war gegen diesen Plan gewesen, hatte aber gegen die Argumente der anderen Mitglieder nichts ausrichten können. Und Tonks hatte sich auch nicht abhalten lassen. Der Plan sah so aus, dass Tonks direkt aus der Mitte der Angreifer heraus so viel Verwirrung stiften sollte, dass der Phönixorden herankommen und dann zum Gegenangriff übergehen konnte.

Aus den Augenwinkeln und so weit es die dunkle Maske, die sie trug erlaubte, konnte Tonks erkennen, dass die Todesser auf etwas zu warten schienen. Das war ihre Gelegenheit. Solange noch niemand verletzt worden war, konnten sie die Anhänger Voldemorts vielleicht schneller einkreisen. Langsam steckte sie eine Hand in den Umhang und umklammerte ihren Zauberstab. Jetzt kam der wichtigste und zugleich gefährlichste Moment des Unterfangens. Sie wusste, dass die anderen in unmittelbarer Nähe standen und nur auf ihr Zeichen warteten, aber trotzdem zögerte Tonks einen Moment lang. Ein kostbarer, winzig kleiner Moment. Würde sie diesen Kampf überleben? Sie schalte sich für solche egoistischen Gedanken und schüttelte kaum merklich den Kopf.

Nein, das eigene Leben war es wert geopfert zu werden, wenn dafür andere, Unschuldige, gerettet werden konnten.

Als Tonks ihren Zauberstab schließlich zog und sich umdrehte, um den ersten Todesser neben ihr zu erledigen, spürte sie einen harten Schlag ins Genick, knickte in den Knien ein und erkannte im nächsten Moment einen riesigen Feuerball, der das Haus der Carols und alle darin eingeschlossene Bewohner verschlang. Sie stieß einen Schrei aus, rollte sich zur Seite, so dass der nächste Schlag gegen sie ins Leere lief und hatte den Zauberstab schon gegen den Angreifer gerichtet, als sie auch schon die Silhouetten der Ordensmitglieder aus der Dunkelheit herbeieilen sah. Auch sie hatten schon begonnen, Flüche auf die Todesser zu feuern. Die schienen von dem Angriff nicht wirklich überrascht zu sein, aber es machte den Anschein, als hätten sie nur einen Augenblick Zeit gehabt, darauf zu reagieren.

Sie mussten sie gerade erst erkannt haben, dachte Tonks und rappelte sich auf, um den Ordensmitgliedern beizustehen.

Einige von ihnen waren sofort in Duelle mit Todessern verstrickt worden, andere hatten sich daran gemacht, zu versuchen das Haus zu löschen, was sich aber als schwierig erwies.

Tonks raste vor Wut, als sie sich vorstellte, dass die Carols nicht die geringste Chance hatten, sich aus dem Inferno zu retten. So aufgebracht, stürzte sie sich mit Vehemenz in die Schlacht. Dass ihr Kopf von dem harten Schlag schmerzte, bemerkte sie gar nicht.

Der Kampf dauerte etwa 20 Minuten, dann erschien plötzlich das Zeichen Voldemorts über dem immer noch brennenden Haus, der Totenkopf mit der Schlange, und mehrere Knalle verkündeten, dass die Todesser disapparierten.

Moody hatte jedoch kurz zuvor noch die Gelegenheit gehabt, einige Anti-Apparier-Zauber auf ein paar Wenige legen zu können, so dass die Betroffenen ziemlich unglücklich aussahen, als sie sich anstatt in Sicherheit, gefesselt und ihrer Zauberstäbe entledigt wieder fanden.

Nicht einmal eine halbe Stunde später waren die Todesser im Ministerium den Auroren übergeben worden und die Mitglieder des Phönixordens versammelten sich erschöpft im Hauptquartier.

„Was sollte das eigentlich?", donnerte Moody und trat ganz dicht an Tonks heran, die von Molly einen Eisbeutel auf den Nacken gedrückt bekommen hatte. „Wir hatten einen ganz klaren Plan! Ganz einfach und eindeutig! Was war los?"

Tonks war wütend, dass Moody sie so anfuhr, wusste aber gleichzeitig, dass ihr kurzes Zögern wahrscheinlich alles verdorben hatte.

„Ich kann es nicht sagen," nuschelte sie daher nur, „es war nur ein blöder Gedanke, der mich aufgehalten hat."

Moody zischte zwischen zusammengebissenen Zähnen, als wollte er ihr noch ein paar deftige Flüche an den Hals jagen, drehte sich dann aber um und verließ den Raum.

Tonks konnte sich jetzt nicht mehr zurückhalten und schluchzte laut. Molly, die immer noch neben ihr stand, nahm sie in den Arm und tätschelte ihren jetzt grauhaarigen Kopf.

„Schon gut, Liebes, mach dir nicht so viele Vorwürfe," sagte sie dabei. „Du kannst es jetzt auch nicht mehr ändern."

Remus, der einige üble Verletzungen abbekommen hatte, sah sie von seinem Stuhl aus mit einer Mischung aus Verständnis und Hilflosigkeit an, doch sie spürte, dass er ihr nicht böse war. Das war hier niemand, alle wussten, dass sie den Carols vielleicht auch dann nicht hätten helfen können, wenn sie eine Sekunde schneller gewesen wäre. Gleichzeitig konnte sie aber doch die Enttäuschung in allen Gesichtern sehen. Trotz ihres Einsatzes hatten Menschen sterben müssen und die paar eingefangenen Todesser würden ihnen nie im Leben irgendwas Wichtiges erzählen, das wussten sie alle. Es war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein und würde allerhöchstens dazu dienen, der magischen Bevölkerung ein wenig Hoffnung zu geben, dass dieser Krieg eines Tages doch beendet werden könnte.

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Nachdem Moody ohne ein Wort zu verlieren aus dem Hauptquartier gestürmt war, hatte er sich zunächst in sein Schulleiter-Büro auf Hogwarts zurückgezogen. Der Minister hatte ihn eigentlich um einen Bericht über den Anschlag gebeten, doch hatte Moody nur abgewinkt. Wofür war solche Bürokratie denn jetzt, nachdem schon alles vorbei war, noch wichtig? Dieser ganze Schreibkram war nichts für den alten Auror, war es nie gewesen. Er war ein Mann der Tat und hasste es, wenn manche Leute meinten, alles zerreden zu müssen.

Jetzt musste er darüber nachdenken, wie es weiter gehen sollte.

Er hatte eine Vermutung über den Aufenthaltsort von Voldemort, doch konnte er es wagen, ihn anzugreifen? Der Orden war so klein und die Todesser schienen immer mehr zu werden. Der Minister hatte durchblicken lassen, dass er seine verbliebenen Auroren zur Unterstützung schicken würde, aber auch dann wären sie noch zu wenige.

Weiter hatte er auch einen Verdacht darüber, wer Voldemort den Aufenthaltsort der Carols weitergegeben haben könnte, aber auch das war jetzt nebensächlich.

Im Moment musste er aber erst einmal die Hinterbliebenen informieren. Wie sich das anhörte. Die Hinterbliebenen informieren. Der Satz hätte grad von einem aus dem Ministerium stammen können. Er hatte lange überlegt, ob er nicht Remus bitten sollte, mit Nellie zu sprechen. Der Lehrer war für solche Gespräche immer sehr gut geeignet gewesen, doch war er zu schwer verletzt, als dass er jetzt direkt nach Hogwarts zurückkehren konnte.

Als zweites war ihm Emil für den Job eingefallen. Bei dem Gedanken an den jungen Mann sträubten sich Moody jedoch die Nackenhaare. Im Sommer noch hatte Moody von ihm eine durch und durch gute Meinung gehabt. Emil hatte an den Unternehmungen des Ordens stets teilgenommen, hatte sich eingebracht und war überaus engagiert erschienen. Doch seit einiger Zeit, war eine Veränderung an dem Lehrer zu erkennen. Auch Remus war sie aufgefallen und die beiden Männer hatten lange darüber diskutiert, welcher Art diese Veränderung sein könnte. Remus hatte argumentiert, dass Moody sich davon beeinflussen lassen könnte, dass er die Verbindung zwischen Emil und Nellie nicht guthieß. Er hatte aber auch eingeräumt, dass Emil sich in letzter Zeit sehr seltsam benahm. Der Gipfel aller Vermutungen war aber gewesen, als Emil an dem letzten Gegenangriff nicht teilgenommen hatte. Genau genommen hatte er bei den letzten Ordensversammlungen stets mit Abwesenheit geglänzt. In Moody machten sich düstere Theorien breit, besonders nachdem er beobachtet hatte, wie Emil Nellie behandelte.

Doch irgendjemand musste dem Muggel-Mädchen von dem Angriff erzählen. Er war in solchen Gefühlsangelegenheiten nicht sehr gut und so bat er Minerva McGonagall, bei dem Gespräch in seinem Büro anwesend zu sein.

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Es waren genau 127 Stufen, die Nellie noch vom Büro des Schulleiters trennten. 127. Sie wusste das, weil sie sie gezählt hatte, auf einem ihrer vielen nächtlichen Streifzüge. 127 Gelegenheiten, sie auszumalen, was sie dort oben erwarten würde. 127 Stiche ins Herz.

Harry hatte sie in den Gemeinschaftsraum zurück geschickt. Er hatte sich nicht gerne schicken lassen, doch wollte sie lieber alleine sein. Sie würde nachkommen und ihm dann erzählen, was passiert war. Er hatte sehr besorgt ausgesehen, hatte sie einen Moment lang gestützt, als ihr schwindelig geworden war und hatte ihre Hand gedrückt, als er schließlich gegangen war.

127 mal dachte sie an den letzten Brief ihrer Eltern, indem sie ihr erzählt hatten, dass Lisa einen Liebesbrief von einem Jungen aus ihrer Klasse bekommen hat und von einer kleinen Katze, die ihnen vor ein paar Tagen zugelaufen war.

Jetzt waren es noch 60 Stufen und sie konnte den Wasserspeier schon sehen, der sie zum Büro hoch bringen würde.

Noch 50 Stufen und sie erkannte Professor McGonagall, die gerade um eine andere Ecke kam. Sie schien denselben Weg zu haben wie Nellie, denn sie blieb vor dem Wasserspeier stehen und blickte sich zur Treppe um, auf der Nellie die letzten 10 Treppen immer langsamer wurde.

Als Nellie auf der letzten Stufe ankam, musste sie an einen Satz denken, den ihre Mutter immer gerne gesagt hatte: Auch wenn dein Weg einmal an einer Bordsteinkante endet, geht die Welt dahinter doch trotzdem weiter. Warum sie gerade jetzt daran denken musste, verstand Nellie nicht, aber er gab ihr Mut.

„Miss Carols," sagte Professor McGonagall, als Nellie auf sie zu trat. „Der Direktor wartet schon auf uns."

Damit drehte sie sich zum Wasserspeier, hob ihre Hände, sagte: „Feindglas" und schon drehte sich die verborgene Treppe in einer Spirale nach oben. Nellie und die Professorin betraten die Stufen.

Oben angekommen, klopfte Professor McGonagall kräftig an die schwere Holztür und wartete gar nicht lange auf ein Herein, sondern trat fast direkt danach in das Büro des Schulleiters ein. Nellie schlich hinterher. Sie hatte sich auf das Schlimmste vorbereitet, war sich aber nicht sicher, ob sie es auch verkraften würde.

Moody saß hinter seinem Schreibtisch, hatte die Stirn in Falten gelegt und kaute an einer Feder. Als die beiden Frauen eintraten, blickte er kurz auf, brummte etwas und legte die Feder beiseite.

„So, da sind Sie ja," meinte er, doch Nellie fiel auf, dass seine Gesichtszüge plötzlich um einiges weicher wurden, ganz ungewohnt. „Setzen Sie sich doch."

Nellie setzte sich vor den Schreibtisch und Professor McGonagall schenkte aus einer heraufbeschworenen Kanne zwei Tassen Tee ein. Moody begnügte sich mal wieder mit seinem Flachmann.

„Sir, was ist denn nun passiert?", fragte Nellie mutig, denn das Schweigen im Raum machte sie nur noch nervöser.

McGonagall und Moody tauschten einen Blick aus.

„Nun, Miss Carols," begann Moody umständlich und sein magisches Auge kullerte in seinem Kopf herum.

„Es hat einen erneuten Angriff gegeben," half McGonagall weiter.

„Das dachte ich mir schon," unterbrach Nellie, „aber was ist mit meiner Familie?"

Wieder tauschten die beiden Ordensmitglieder Blicke. Moody verschränkte die Hände und senkte den Blick. Professor McGonagall übernahm wieder das Sprechen und Nellie verstand, warum die strenge Frau hier war. Sie sollte ihr die schlechte Nachricht wohl so schonend wie möglich mitteilen.

„Die Todesser haben das Haus ihrer Familie in Brand gesteckt," sagte die Professorin nach einer kurzen Pause und sah Nellie dabei so voller Mitgefühl an, dass es schmerzte. „Niemand in dem Haus hatte auch nur die geringste Chance zu entkommen."

Nellie, die mit so etwas in der Art gerechnet hatte, blickte aus dem Fenster, wo sich der Himmel immer mehr verdunkelte.

„Es ist gestern Nacht passiert," fuhr McGonagall fort. „Wir haben die Überreste des Hauses genau durchsucht, aber es gab keine Überlebenden. Es tut mir schrecklich leid, Miss Carols!"

Nellie spürte Tränen in sich aufsteigen, doch gleichzeitig war sie plötzlich voller Zorn.

„Wie konnte denn das passieren?", schrie sie. „Sie sagten mir doch, dass diese Umsiedlung dafür da wäre, damit meine Familie sicher ist!"

„Das ist absolut richtig, Miss Carols," sagte Moody in einer für ihn sehr ruhigen Stimme. „Wir haben nichts als einen Verdacht, wer den Aufenthaltsort Ihrer Familie ausgeplaudert haben könnte. Aber dass es ein Verrat war, davon können wir ausgehen."

„Verrat?", jetzt war Nellie kaum noch zu halten. Ihre Tasse war unbeachtet auf dem Boden zersprungen, als sie von ihrem Stuhl aufgesprungen war. Sie stand mit hochrotem Kopf im Raum und blickte Moody und Professor McGonagall wütend an. „Ja, haben sie nicht einmal ihre eigenen Leute unter Kontrolle? Und so einem Haufen habe ich mein Vertrauen geschenkt! Das ist ja echt der größte Scheiß, den ich je gehört habe!"

Moody blieb immer noch erstaunlich ruhig, während McGonagalls Nasenflügel zu beben begonnen hatten.

„Nun, eine andere Wahl, als uns zu vertrauen, hatten Sie nicht," erklärte Moody und sah Nellie weiter ruhig an, die begonnen hatte, durch das Büro zu laufen. „Hören Sie, was passiert ist, tut uns allen sehr leid. Wir haben für Ihre Familie wirklich alles getan, was uns möglich war."

„Das hat ja scheinbar nicht gereicht!" Nellie war am Fenster stehen geblieben und blickte über den See. Der Gedanke, ihre Eltern und die kleinen Schwestern nie wieder zu sehen, wurde in ihrem Kopf jetzt immer klarer und sie spürte, wie die Wut der Verzweiflung Platz machte. „Gibt es denn nicht die Möglichkeit, dass gar nicht alle im Haus waren?", fragte sie dann, ohne sich umzudrehen.

Professor McGonagall war von hinten an Nellie herangetreten und legte ihr ganz sanft eine Hand auf die Schulter.

„Nein," sagte sie sehr leise und blickte ebenfalls über die Ländereien Hogwarts. „Mitglieder des Phönixordens haben kurz vor dem Angriff alle Vier ins Haus gehen sehen."

Sie verkniff sich die Details lieber. Wie sie nach dem Brand die Überreste der Carols in ihren Betten gefunden hatten.

Nellie schluchzte leise und ließ sich gegen die Schulter der Professorin sinken, die ihr etwas verlegen den Kopf tätschelte.

„Ich würde jetzt gerne allein sein," sagte Nellie leise, richtete sich auf und verließ das Büro, ohne noch mal jemanden anzusehen.

Sie fühlte sich so schwer, als hätte ihr jemand Pflastersteine in die Jackentasche gefüllt. Sie konnte kaum einen Fuß vor den anderen setzen, so sehr zog sie ihre Trauer zu Boden. Doch sie wollte nicht hier zusammenbrechen, nicht wenn jeden Moment einer der Schüler an ihr vorbei kommen könnte. Und wirklich begegnete sie einigen Schülergruppen, die sie höflich grüßten, doch Nellie erwiderte keinen Gruß, sondern setzte ihren Weg zur Großen Halle mit gesenktem Kopf fort. Sie ging aus dem Schlossportal und stand plötzlich unter einer großen Eiche, wo sie sich auf den Boden sacken ließ, den Kopf zwischen den Knien vergrub und ihrer Verzweiflung freien Lauf ließ.

Eine warme Hand auf der Schulter ließ Nellie herum fahren. Es war inzwischen dunkel geworden, doch sie konnte nicht sagen, wie lange sie schon hier saß.

„Lass uns ein Stück laufen," sagte Emil und reichte ihr eine Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen.

Nellie sah ihn einen Moment argwöhnisch an. Sie hatte noch nicht vergessen, wie gemein er erst am Morgen zu ihr gewesen war. Doch in seinen Augen lag so viel Wärme und Mitgefühl, dass Nellie seine Hand griff und es sogar zuließ, dass er sie in eine Umarmung zog. Und es tat so gut, an seine Brust gelehnt all die bösen Worte zu vergessen und sich trösten zu lassen.

Emil hatte von Professor McGonagall erfahren, was passiert war und hatte sich sofort auf die Suche nach Nellie gemacht. Es war nicht schwer gewesen, sie zu finden und es war ihm auch nicht schwer gefallen, echtes Mitleid für sie zu empfinden. Wie gut konnte er ihre Trauer nachvollziehen. Als Nellie so in seine Jacke weinte, musste er an seine eigenen Eltern denken, die auch vor Jahren im Phönixorden gekämpft hatten. Sie waren dem Kampf um den Frieden mit jeder Pore ihres Seins verschrieben gewesen und hatten für ihn sogar ihr Leben gegeben. Ja, es war ein Unfall gewesen. Ja, sie hatten gewusst, worauf sie sich eingelassen hatten. Doch waren sie für ihn nie wieder erreichbar gewesen. Obwohl er und alle Menschen um ihn herum Zauberer waren, hatte ihnen doch niemand helfen können. Es hatte einfach keinen Zauber gegeben, der sie hätte retten können. Emil hatte daraufhin beschlossen, der Zaubererwelt den Rücken zu kehren. Einer Welt, die trotz der Magie ehrliche, anständige Menschen nicht schützen konnte. Er hatte eine Ausbildung zum Lehrer an einer Muggelschule begonnen und war dabei geblieben. Seine Magie hatte er ruhen lassen und doch hatte er seine Kontakt zur Magierwelt nie ganz loswerden können. Emil war schon während seiner Schulzeit ein sehr begabter Zauberer gewesen, von dem die Lehrer Großes erwarteten und dem das Ministerium alle Türen zu öffnen versprach. Niemand wollte akzeptieren, dass ein so viel versprechendes Talent seine Ressourcen einfach so weg warf. Und so hatte er immer wieder von neuem denselben Leuten erklären müssen, dass er mit seinem bescheidenen Leben unter Muggeln ganz zufrieden war. Ehrlich gesagt, verzieh er den ganzen Zauberern nie, dass sie seine Eltern nicht davor gewarnt hatten, was im Kampf gegen Voldemort alles passieren konnte.

Doch dann war da plötzlich dieses Mädchen gewesen und alles hatte sich verändert. Er hatte alle Prinzipien über Bord geworfen und sich einer Mission verschrieben. Einer Mission, die er zu Anfang nicht besonders ernst genommen hatte. Doch er hatte erfahren müssen, dass man keinen Vertrag eingeht, ohne einen Preis dafür zu bezahlen.

Nellie spürte, dass all der Hass, den sie morgens noch für Emil empfunden hatte, mit jeder Träne schmolz, die sie an seiner Schulter vergoss. Er sagte nichts, hielt sie einfach nur fest, strich ihr übers Haar und küsste ihre Stirn. Als sie sich wieder beruhigt hatte, nahm er ihre Hand und gemeinsam gingen sie auf den Verbotenen Wald zu. Keiner von ihnen sprach ein Wort und trotzdem hatte Nellie das Gefühl, als würde Emil genau verstehen, was in ihr vorging, denn er drückte ihre Hand immer in genau dem richten Moment und warf ihr einen warmen Blick zu, wenn sie es brauchte. Und Emil spürte, dass es ihm wehtat, das zu tun, was er gerade tat. Er wollte dieses Mädchen so gerne schützen, wollte ihr all die Geborgenheit geben, die sie brauchte und doch musste er an seine Mission denken.

Sie liefen am Waldrand entlang und Nellie holte sich all die Bilder ihrer Familie in Erinnerung, die noch in ihrem Kopf waren und sie begann zu erzählen. Emil unterbrach sie nicht, er ließ sie reden, hörte zu und sein Herz verkrampfte sich.

Während Nellie mit tränennassem Gesicht von ihren kleinen Schwestern erzählte und sie dabei so schmerzlich vermisste, bemerkte sie nicht, wie sie die Grenzen Hogwarts verließen. Ihre Hand hatte sich vertrauensvoll fest um Emils geschlossen und ließ sich von ihm führen. Ihr Blick war in weite Ferne gerichtet.

Ganz plötzlich spürte sie, wie Emil ihre Hand fester ergriff und dann wurde ihr schwindelig.