Kapitel 38:
Als Nellie die Augen wieder aufmachte, konnte sie erst nicht sagen, ob sie sich an einem anderen Ort befand. Sie kannte das Apparieren, es war ihr nicht neu und als sie Emils Hand gespürt hatte und das Schwindelgefühl, hatte sie sofort gewusst, was geschehen war.
Jetzt sah sie zu Emil hin, der immer noch neben ihr stand und über die Wiese blickte, die sich vor ihnen erstreckte. Im Mondschein konnte man ein herrschaftliches Haus in der Nähe erkennen und sie standen immer noch neben einem Wald. Wenn hinter ihnen immer noch Hogwarts zu sehen sein würde, müsste Nellie davon ausgehen, dass ihr einfach auf Grund der Vorkommnisse in den letzten Stunden schwindelig geworden war.
Sie drehte sich um, doch da war weit und breit nichts von einem Schloss zu sehen, nur die Lichter einer kleinen Stadt erleuchteten die niedrigen Wolken, die jetzt auch den Mond zu verdecken begannen.
Nellie wollte gerade den Mund öffnen, um Emil zu fragen, was das hier eigentlich sollte, da hatte er ihre Hand wieder fester gepackt und zog sie weiter.
„Was soll das eigentlich?", fuhr sie ihn an und versuchte, ihre Hand aus seinem Griff zu befreien. „Wo sind wir hier? Und wie kommst du dazu, einfach mit mir zu apparieren, ohne mich zu fragen?"
Nellie war jetzt stinkend sauer. Sie stemmte sich gegen Emil, um von ihm los zu kommen, doch er hielt sie so fest, dass sie keine Chance hatte. Sein Gesicht war verkniffen, doch als er kurz in ihre Richtung sah, stockte Nellie einen Moment lang der Atem und sie gab ihre Befreiungsversuche kurz auf. Es lag so viel Schmerz und Trauer in diesen Augen, dass Nellie nicht wusste, was sie davon halten sollte.
Emil sprach immer noch nichts, sondern zog sie nur weiter auf das Haus zu, das immer größer wurde, je näher sie kamen und das einen so bedrohlichen Eindruck auf Nellie machte, dass sich ihr die Nackenhaare aufstellten und sie die Anstrengungen, von ihrem Entführer loszukommen verstärkte. Denn dass das hier eine Entführung war, daran hatte die junge Frau keine Zweifel mehr.
„Lass mich los, du elender Mistkäfer!", schrie sie und begann mit der freien Hand auf Emils Rücken einzuschlagen. Da der sie aber nur weiterzerrte, hatten ihre Schläge keine große Wirkung. Stattdessen stolperte sie und wäre gestürzt, hätte Emil sie nicht aufgefangen. Wieder war in seinen Augen ein Ausdruck zu erkennen, der so gar nicht zu der Situation passen wollte. War es Sorge, oder sogar Furcht? Was tat er hier eigentlich?
„Mach endlich den Mund auf und schau mich nicht so an!", keifte sie und schlug ihm, da sie gerade standen, mit aller Kraft ins Gesicht.
Emil schien von dem Schlag überrascht und einen Moment schien es, als wollte er tatsächlich was sagen, doch dann huschte ein Schatten über sein Gesicht, er drehte sich wieder weg und zerrte Nellie weiter.
Sie schlug und trat weiter auf ihn ein, zerrte an ihrer Hand, hatte sich aber immer noch nicht befreien können, als sie schließlich vor einer kleinen Tür an der Hinterseite des Hauses standen und Emil leise klopfte. Die Tür öffnete sich quasi sofort, als hätte man auf sie gewartet und ein Mann in dunklem Umhang stand vor ihnen. Nellie konnte sein Gesicht nicht erkennen, wusste aber sofort, wer da vor ihr stand – ein Todesser. Panik befiel sie und sie begann, sich mit aller Kraft gegen Emils Griff zu wehren. Sie wollte hier bloß weg, egal wie, aber bloß nicht wieder diesem scheußlichen Mann mit den roten Augen gegenüber stehen.
Als der Todesser sah, dass Nellie wie eine Furie um sich schlug, nahm er seinen Zauberstab und versetzte ihr kurzerhand einen Schockzauber.
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Rückblende:
Emil hatte gerade erst sein Gespräch mit Moody beendet, als ein Mann auf ihn zutrat, der ihm vom ersten Moment an unsympathisch gewesen war.
Mad-Eye Moody hatte ihm von diesem Muggel-Mädchen erzählt, welche Bedeutung sie für Harry Potter hatte und wie wichtig es war, dass sie zu ihrer und aller Sicherheit mit nach Hogwarts gehen sollte. Emil war von der ganzen Geschichte nicht besondern überzeugt gewesen, aber hatte trotzdem zugesagt, dieses Schuljahr eine Stelle an der Schule für Hexerei und Zauberei anzunehmen, damit diese Nellie ihr Abitur dort machen konnte. Um ehrlich zu sein, hatte er in letzter Zeit ohnehin immer deutlicher gespürt, dass er die Welt der Hexen und Zauberer nicht mehr viel länger ignorieren konnte. Immer häufiger erwischte er sich dabei, wie er seine Magie wieder dazu benutzte, sich das Leben zu erleichtern. Immer öfter spürte er, wie die Muggel ihn mit ihrer engstirnigen Art langweilten und er den Spaß vermisste, den er früher mit seinen Zauberer-Freunden gehabt hatte. Es war nicht gerade so, dass er unter den Nicht-Magiern keine Freunde hatte, aber es war einfach nicht das gleiche. Viele seiner Kollegen bewunderten ihn für seine lockere Art mit den Schülern und dafür, wie er sich mit kleinen Tricks die Aufmerksamkeit seiner Zöglinge erwarb. Doch das alles hatte inzwischen seinen Reiz für ihn verloren. In dieser Stimmung hatte Moody es nicht besonders schwer gehabt, ihn zu einer Rückkehr nach Hogwarts zu überreden. Emil malte sich in den buntesten Farben aus, wie spaßig das werden würde, als dieser schmierige Kerl auf ihn zugetreten war.
„Mister Warthrow," hatte der ihn begrüßt und dabei geklungen, als hätte er ein Stück Seife verschluckt, „ich würde gerne eine Angelegenheit von äußerster Wichtigkeit mit Ihnen besprechen."
Dass dieser Schleimbeutel ein Zauberer war, ließ sich nicht bestreiten. Der Umhang und die ganze Erscheinung ließen darauf schließen, und dazu noch sehr wahrscheinlich einer aus der oberen Schicht. Die hatte Emil noch nie ausstehen können.
„Bedaure, aber für Angelegenheiten, die Sie für wichtig halten, habe ich gerade gar keine Kapazität. Guten Tag," hatte Emil geantwortet und war an dem Typen vorbei gelaufen.
„Was Ihre Kapazitäten betrifft," hatte der ihm hinterher gezischt, „wäre ich an Ihrer Stelle sehr vorsichtig."
Emil war stocksteif stehen geblieben.
„Sie sollten sich wahrlich lieber anhören, was ich zu sagen habe, weil Sie es sonst bereuen könnten."
„Ich lass mir nicht drohen," sagte Emil mit wütender leiser Stimme und funkelte den Fremden an.
„Wir kennen Ihre Einstellung zum Dunklen Lord und wir wissen, was mit Ihren Eltern passiert ist," fuhr der unbeeindruckt fort. „Und der Dunkle Lord lässt Ihnen ausrichten, dass er einen Weg gefunden hat, dieses Ereignis rückgängig zu machen."
Emil sah den Mann weiter wütend an. Was erlaubte der sich eigentlich? Kam im Auftrag von Voldemort her und wollte ihn ganz offensichtlich auf die Seite der Todesser ziehen.
„Rückgängig machen? Den Tod meiner Eltern rückgängig machen?", Emils Stimme klang weiterhin beherrscht. „Was maßt sich Ihr Dunkler Lord eigentlich an? Und woher wollen Sie wissen, dass ich Sie nicht sofort dem Ministerium melden werde, als Todesser?"
Der Andere lachte nur kalt auf.
„Was wollen Sie denen denn sagen? Sie wissen weder wer ich bin, noch wo man mich finden könnte, also rate ich Ihnen, Mister Warthrow, denken Sie über das Angebot nach."
„Worüber soll ich nachdenken? Was wollt ihr Typen denn von mir?"
„Das Mädchen," war die knappe Antwort, dann war der Fremde schon verschwunden, disappariert.
Rückblende Ende
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Emil hatte damals lange über das Angebot nachgedacht, hatte es schließlich verworfen und weitere Treffen mit diesem Dummbeutel ignoriert, doch hatte er als Reaktion darauf den Sommer über nichts als Scherereien gehabt. Zuerst hatte man ihm seine Stelle als Oberstufenlehrer, von der er gerade erst für ein Jahr beurlaubt worden war, gekündigt, nachdem eine seiner Schülerinnen behauptet hatte, er habe sie belästigt. Was natürlich ausgemachter Blödsinn war. Er hatte eigentlich mit dem Direktor ausgemacht, dass er nach dem Jahr zurückkommen könnte. Das warf nun alle seine Pläne durcheinander und bereitete ihm, neben diversen unangenehmen Gerichtsterminen, ziemliches Kopfzerbrechen. Dann war in seine Wohnung eingebrochen und sein Zauberstab zerbrochen worden. Als nächstes war ein guter Freund von ihm nur knapp einem schweren Autounfall entgangen. Emil hatte nicht lange überlegen müssen um zu erkennen, wer hinter all dem stecken musste. Das war es also gewesen, was der düstere Typ gemeint hatte, als er sagte, Emil würde es bereuen, wenn er ihm nicht zuhörte. Emil hatte sich, angesichts der Vorkommnisse, schließlich doch mit dem Dummbeutel getroffen und zu verstehen gegeben, dass er sich an das Mädchen ranhängen würde, um zu sehen, was er machen könnte. Emil war nicht dumm. Er wusste, dass er den Druckmitteln dieser Leute nicht lange widerstehen konnte, nicht in einer Welt unter Muggeln. Er wollte sich aber auch nicht für etwas verpflichten lassen, hinter dem er nicht stand.
Emil wusste sofort, dass der Fremde mit diesem Einlenken jedoch ganz und gar nicht zufrieden war.
„Wenn Sie meine Entscheidung so nicht akzeptieren wollen, dann werden Sie sich nach einem anderen Mann umsehen müssen und wenn Sie nicht augenblicklich aufhören, sich in mein Leben einzumischen, werde ich den Orden des Phönix über ihre Absichten informieren."
Emil hatte die Wort sehr umsichtig gewählt, weil er genau wusste, dass er eigentlich gegen Voldemort keinerlei Druckmittel in der Hand hatte, doch hatte der Fremde nur grimmig genickt und war auf die übliche Art verschwunden.
Seit dem Treffen hatte sich Emils Leben wieder etwas beruhigt und er war nach Hogwarts gereist, wo er Nellie besser kennen lernte und feststellen musste, dass sie eine ganz außergewöhnliche junge Frau war. Er fühlte sich in ihrer Gegenwart unbefangen und so gut wie schon lange nicht mehr. Sie hatte jede seiner Dummheiten mitgemacht, hatte die Besonderheiten des Schlosses genauso zu schätzen gewusst wie er und war ihm in der Zeit, die sie miteinander verbrachten, eine gute Freundin und irgendwann sogar noch mehr geworden.
In unregelmäßigen Abständen hatte er Berichte an die Todesser liefern müssen, sie hatten ihn auch auf Hogwarts nicht in Ruhe gelassen. Diese Kontrolle, die sie auf ihn ausübten, behagte ihm gar nicht. Emil fühlte sich im Schloss so sicher, dass er sich eine Weile dazu hinreißen ließ, den Todessern eine Abfuhr zu erteilen. Sollten sie doch sein Leben unter den Muggeln zerstören, hier auf Hogwarts hatte er die Möglichkeit, ein neues Leben zu beginnen, dass es sich zu leben viel mehr lohnte. Doch dann war Hogsmeade angegriffen worden und Emil machte sich große Vorwürfe, dass Voldemort ihm damit ein deutliches Zeichen seiner Macht schicken wollte. Das hatte Emil tief getroffen und so hatte er sich schließlich dazu durchgerungen, dem Dunklen Lord doch das zu liefern, was er wünschte. Es schmerzte ihn, doch dachte er gleichzeitig an all die Unschuldigen, die sonst unnötig leiden müssten. Und er dachte, wie in letzter Zeit immer öfter, an seine Eltern, die er so sehr vermisste. Würden sie wollen, dass er eine junge Frau an dieses Scheusal auslieferte? Doch Emil hatte inzwischen gelernt, dass es nicht allein um Nellie ging, es ging um mehr, um viel mehr…. Und er hatte erkannt, dass er sich für eine Seite entscheiden musste. Wollte er auf der Seite des Ordens kämpfen, der sicherlich die besten Absichten, aber nicht gerade die größten Aussichten auf Erfolg hatte, so wie es sich momentan darstellte. Oder sollte er sich auf die Seite der Todesser schlagen, die seine Eltern auf dem Gewissen hatten, die Angst und Schrecken verbreiteten, die aber mit großer Sicherheit in nächster Zukunft die Fäden in dieser Welt in Händen halten würden? Emil war kein Angsthase, er war ein sehr talentierter Zauberer, was beide Seiten schon lange wussten, doch hatte er noch eines in den letzten Jahren gelernt. Nämlich, dass es niemanden gab, den es interessierte, wie es ihm erging. Er selber war allein für sein Leben verantwortlich. Es gab niemanden, der sich einen Deut darum scherte, ob er überlebte oder nicht, es sei denn, es ging darum, ihn für eine Sache zu gewinnen, die anderen Zielen diente. Doch Emil hatte sich angewöhnt, nur für sich selber zu kämpfen, da dies sonst ja niemand tat. Er war zu einem Egoisten geworden, das Leben hatte ihn dazu gemacht. Doch begannen seine Prinzipien jetzt zu wanken. Nellie hatte ihm eine neue, ihm fremde Art zu leben gezeigt. Sie hatte ihm gezeigt, dass es schön sein konnte, an andere Menschen zu denken, andere glücklich zu machen, selbstlos zu sein. Und doch hatte er den Vertrag schon unterschrieben. Der Gedanke quälte ihn, den Menschen, der ihm gezeigt hatte, wie schön das Leben war, auszuliefern. Darum hatte er begonnen, sich von ihr abzuwenden. Er wollte es sich selber so leichter machen, und er redete sich ein, dass es so auch für sie leichter wäre. Doppelt erleichterte ihm der letzte Streit mit Nellie seine Entscheidung. Was spionierte sie ihm auch hinterher? Er hatte keine Lust darauf, einer so jungen Frau Rede und Antwort stehen zu müssen. Ihm war bewusst, wie hohl diese Gedanken klangen, doch beruhigten sie sein Gewissen etwas. Und doch hatte er den Moment, in dem er seinen Auftrag erledigen würde, immer weiter hinausgezögert. Ihm kamen wieder Zweifel an der Mission.
Voldemort hatte ihm durch diese langhaarige Dumpfbacke ausrichten lassen, dass er einen Weg gefunden hatte, die Toten wieder zu sehen und Emil konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als wieder mit seinen Eltern zu sprechen. Gleichzeitig klingelten bei ihm alle Alarmglocken, als er daran dachte, denn was wäre von seinen Eltern denn noch übrig? Sie waren seit Jahren tot! Würde er sie überhaupt wieder erkennen? Gab es nicht außerdem wichtigeres, als Vergangenem nachzutrauern? Aber es war inzwischen zu spät umzukehren, er war diesen Packt bereits eingegangen und wenn er nicht wollte, dass weiterhin Unschuldige wegen seines Versagens starben, dann musste er jetzt handeln.
Als er jedoch von dem Anschlag auf Nellies Eltern hörte, kamen ihm wieder Zweifel. Hatte Voldemort gemerkt, dass Emil noch nicht hundert Prozent hinter seinem Auftrag stand? Wollte er damit noch mehr Druck auf ihn ausüben? Was würde noch alles passieren, wenn er weiter zögerte?
Als er Nellie am See getroffen hatte, waren seine Gedanken noch zu verworren gewesen, als dass er sich darüber klar gewesen wäre, was er als nächstes tun würde. Sie hatte ihn in ihrem Schmerz so sehr an ihn selber erinnert. All die Erinnerungen waren in ihm aufgestiegen, die er viele Jahre verdrängt hatte, dass er am liebsten mit ihr geflohen wäre, an einen Ort, an dem Voldemort sie nicht finden würde. Er hatte in dem Moment in ihr genauso viel Trost gefunden, wie sie in ihm und gleichzeitig wusste er, dass es keine Lösung für sein Problem geben würde. Es sei denn, er würde sie persönlich bei Voldemort abliefern und dann dafür sorgen, dass ihr nichts passierte. Ein utopischer Gedanke, das wusste er, aber im Moment sah er keine andere Möglichkeit. Er fühlte sich verantwortlich für Nellie, ein Gefühl, das er noch nie empfunden hatte, das ihm völlig fremd war und trotzdem konnte er es sofort benennen: Liebe.
Als Nellie, von dem Schocker getroffen, in seinen Armen zusammenbrach, spürte er wieder diesen Stich in der Brust. Er wollte dieses Mädchen retten und das musste jetzt geschehen.
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Als Nellie wieder zu sich kam, lag sie in einem kleinen Raum, der durch ein schmales Fenster erhellt wurde. Die Sonne ging gerade auf und sie stellte mit Verwunderung fest, dass sie nicht eingesperrt worden war und dass sie sogar noch ihre Tasche bei sich trug. Man schien sie nicht für besonders gefährlich zu halten. Nellies Augen verengten sich zu Schlitzen.
„Das war euer erster Fehler," flüsterte sie vor sich hin, dann sah sie sich um, ob sie jemand beobachtete, doch sie konnte niemanden entdecken. Vor dem Zimmer, in dem sie sich befand, konnte sie allerdings Schritte durch die angelehnte Tür hindurch hören.
Der Raum, in dem Nellie saß, bestand aus einem schäbigen Bett, auf dem sie jetzt saß und einem alten Holzstuhl. Es war so eng hier, dass sie, wenn sie ihre Hand ausstreckte, die gegenüberliegende Wand berühren konnte.
Nellie zog leise ihren Rucksack zu sich und schaute hinein. Unglaublich, nichts fehlte. Da lagen immer noch ihre beiden kleinen Dolche, der Revolver und die vielen kleinen bunten Ampullen mit den Zaubertränken. Hatte man sie so schlampig durchsucht oder rechnete man nicht damit, dass sie sich überhaupt in irgendeiner Art verteidigen würde? Hatte Voldemort vergessen, wie sie ihm das letzte Mal begegnet war?
Doch jetzt wollte sie sich über die Gedankengänge der Todessern keine Sorgen machen, sie wollte hier wieder raus und da konnte es ihr nur recht sein, dass ihre Sachen nicht angerührt worden waren. Nellie nahm die beiden Dolche, steckte sie sich in den Gürtel und den Revolver in den hinteren Hosenbund. Sie fühlte sich wie eine Kämpferin aus den Abenteuerfilmen, die ihr Vater oft angesehen hatte. Der Gedanke, an ihn ließ Nellies Hände zittern.
Um sich abzulenken dachte sie an all die Trainingsstunden im Raum der Wünsche. Jetzt konnte sie zeigen, ob sie irgendetwas gelernt hatte.
So leise sie konnte, schlich Nellie sich an die Tür und horchte. Die Schritte draußen schienen vor ihrer Tür hin und her zu patrouillieren und es hörte sich nach nur einer Wache an, das war gut. Sie schob die Tür ein kleines Stück weiter auf, so dass sie den Mann sehen konnte, der da hin und her lief. Als er ihr den Rücken zukehrte, huschte sie aus der Tür, legte dem Todesser, der zum Glück nicht sehr groß war, einen Arm um den Hals, trat ihm gleichzeitig in die Kniekehlen, so dass er nach hinten knickte und flößte ihm geschickt ein paar Tropfen eines gelben Trankes ein, den sie schon in der Hand hielt. Der Mann starrte sie mit vor Schreck geweiteten Augen an, dann sackte er zu Boden und blieb reglos liegen. Der Trank war einer der ersten gewesen, den Nellie zusammengebraut hatte. Er versetzte den Trinker in eine Betäubung, die mehrere Stunden anhielt.
Nellie hielt sich nicht lange auf, sondern ließ das Fläschchen wieder in ihre Jackentasche gleiten, zerrte den Mann in den kleinen Raum und schlich sofort weiter. Sie suchte den Ausgang. Doch wo suchen? Dieses Haus schien riesig zu sein und wenn sie aus einem der vielen Fenster blickte, konnte sie erkennen, dass sie in einem der oberen Stockwerke war. Doch wenn sie versuchte, die Fenster zu öffnen, bekam sie jedes Mal einen heftigen Stromschlag. Sie musste die Zähne fest zusammenbeißen, um bei der Berührung nicht aufzuschreien. Also würde sie dieses Haus auch nicht so einfach verlassen können. Das machte die Sache nicht einfacher.
Sie schlich weiter, eine Treppe hinunter und entdeckte zufällig, als sie sich gerade hinter einem Wandteppich verstecken musste, einen Geheimgang. Das war in einem Moment gewesen, in dem eine ganze Gruppe von Todessern den Gang entlang gekommen war. Nellie glaubte nicht, dass sie sich gleich mit fünfen auf einmal anlegen konnte. Aber sie wusste, dass sie schnell hier verschwinden musste, denn es würde nicht lange dauern, bis bekannt würde, dass sie entkommen war. Da kam ihr der Geheimgang gerade recht. Hinter der Steintür, die lautlos hinter ihr aufschwang, führte eine Treppe nach unten. Es war stockdunkel und Nellie tastete sich an der feuchten Wand entlang hinab, wo zum Glück Fackeln für spärliches Licht sorgten. Die Treppe endete in einem schmalen Gang. Man konnte nichts hören. Nellie schlich den Gang entlang, immer auf der Suche nach einem Weg, der vielleicht ins Freie führen würde. Als sie an einer verriegelten Tür vorbei kam, hielt sie an. Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie schauen sollte, was sich hinter dieser Tür verbarg. Also trat sie an das kleine Sichtfenster heran und spähte hindurch. Ihr stockte der Atem, als sie erkannte, wer in diesem Raum eingesperrt war.
Nellie rüttelte ein wenig an dem Schloss, das an der Tür hing, doch es rührte sich nicht. Der Mann in der Zelle hatte die Bewegungen an der Tür scheinbar bemerkt, und blickte auf. Als er das Gesicht an der Scheibe erkannte, stand er auf und trat schwach auf die Tür zu.
Nellie wollte ihm gerade ein Zeichen geben, von der Tür wegzugehen, damit sie einen ihrer Tränke ausprobieren konnte, der Metall schmelzen ließ, als sie Bewegungen hinter sich wahrnahm.
Schnell wie eine Katze, drehte sie sich um und hielt schon ihre beiden Dolche in den Händen. Zwei Todesser standen nur drei Meter von ihr entfernt. Sie waren gerade aus demselben Geheimgang getreten, den Nellie kurz zuvor benutzt hatte. Sie waren stehen geblieben und starrten das Mädchen an, das doch eigentlich zwei Stockwerke weiter oben liegen sollte. Der kurze Moment, in dem die Männer sich wunderten, was Nellie hier unten tat, nutzte das Muggel-Mädchen und stürzte sich auf die Beiden. Dem Ersten stach sie mit dem Dolch in die Schulter, so dass er zusammenbrach. Sie hätte sich nie im Leben vorstellen können, jemanden zu töten. Und bevor der Zweite Alarm schlagen oder flüchten konnte, hatte sie ihm schon kräftig zwischen die Beine getreten und Beiden dann blitzschnell die gelbe Flüssigkeit eingeflößt. Das ganze hatte keine 30 Sekunden gedauert und es war kein Laut zu hören gewesen.
Als nächstes machte Nellie sich an der Zellentür zu schaffen. Die blaue Flüssigkeit aus einer anderen Ampulle zischte und dampfte, als sie sie auf das Schloss kippte. Es stank ganz fürchterlich, doch dann war die Tür offen.
„Meine Güte, Nellie," sagte Kingsley und sah sie kopfschüttelnd an. Seine Augen weiteten sich noch mehr als er das verbogene Schloss und die beiden betäubten Todesser sah. „Was auch immer du hier machst, es ist nichts Gutes," grinste er ironisch und half Nellie dann, die Todesser in die Zelle zu ziehen.
Der große schwarze Magier war geschwächt, das konnte man ihm ansehen, doch seine Kräfte waren nicht völlig geschwunden. Er hatte Verletzungen im Gesicht, wie von Schlägen und Tritten, doch blickten seine Augen Nellie entschlossen an.
„Ich bin wirklich froh, dass du hier bist," sagte er und klopfte ihr auf die Schulter. „Jetzt wird alles gut."
So lange hatte er jetzt schon auf den richtigen Moment gewartet, der ihm zur Flucht verhelfen konnte, doch war das Glück ihm die ganze Zeit nicht besonders hold gewesen. Als er jedoch diese entschlossene, vor Energie strotzende junge Frau jetzt vor sich stehen sah und sich in Erinnerung rief, dass sie gerade ohne jegliche Magie zwei Todesser erledigt hatte, wuchs sein Respekt für sie noch ein Stück.
„Wir müssen hier raus, Mister Shacklebolt," meinte Nellie nur.
Kingsley, der sich einen der Zauberstäbe der Todesser genommen hatte, grinste nur.
„Wir sind jetzt Waffengefährten, junge Dame, du kannst Kingsley zu mir sagen." Dabei streckte er ihr eine Hand hin, die Nellie kurz schüttelte.
„Trotzdem müssen wir hier raus."
Kingsley nickte und ging ihr voraus.
Nachdem die Beiden um ein paar Ecken gelaufen waren und keinen weiteren Todessern mehr begegnet waren, hörte Nellie plötzlich hinter sich ein Zischen. Kingsley hatte es auch gehört, denn er war stehen geblieben und sah sich alarmiert um.
„Was könnte das sein?", fragte Nellie im Flüsterton.
„Ich ahne es," war die knappe Antwort, als er sich auch schon an Nellie vorbei schob.
Sie gingen ein Stück den Flur entlang zurück, den sie gerade entlang geschlichen waren. Und dann glitt plötzlich eine riesige Schlange auf sie zu. Angriffslustig hatte sie sich aufgerichtet und zischte die Beiden wütend an. Kingsley blieb wie erstarrt stehen, hob dann aber seinen Zauberstab. Doch der Zauber, den er aussprach, schien an der Schlange, wie an einem Schutzschild, abzuprallen. Nellie hielt sich gar nicht lange damit auf, sich Gedanken darüber zu machen, was sie tat, sondern stürzte sich auf die Schlange, die gerade dabei war, Kingsleys Beine zu umschlingen. Nellie hob einen der Dolche, die sie immer noch in den Händen hielt, ließ den anderen fallen und griff mit der freien Hand nach der Schlange. Sie bekam das monströse Tier knapp unter dem Kopf zu fassen und ließ im nächsten Moment den Dolch herunterzischen. Einen Augenblick später zuckte der Körper der Schlange noch eine Weile auf dem Boden, während der Kopf reglos daneben lag. Nellie war erstarrt. Sie war erschrocken über das, was sie gerade getan hatte und gleichzeitig durchlief sie ein Gefühl von grenzenloser Macht. Es war beängstigend.
Kingsley zog sie weiter. Er machte jetzt einen sehr gehetzten Eindruck.
„Wenn Er-Dessen-Namen-Nicht-Genannt-Werden-Darf rausbekommt, dass seine Schlange tot ist, dann gnade uns Gott," meinte er und sah sich hektisch um.
Nellie hatte jedoch einen ganz anderen Gedanken, den sie aber nicht laut aussprach, weil sie nicht wusste, wie viel Kingsley wusste. Sie musste an das denken, was Harry ihr über die Horkruxe erzählt hatte, diese Seelenteile von Voldemort, und sie erinnerte sich, dass er auch von einer Schlange gesprochen hatte. War es die von gerade eben gewesen, von der er gesprochen hatte? Eine unglaubliche Euphorie ergriff die junge Frau und so eilte sie so leise sie konnte, dicht hinter dem großen Mann her.
