Kapitel 40:

Harry schlich sich vorsichtig an die Falltür heran. Dabei behielt er die Hufflepuff-Tasse immer im Auge und hoffte inständig, dass sie nicht auf einmal verschwinden würde.

Von der Treppe her kamen immer noch gedämpfte Geräusche und schließlich ein leiser Fluch.

„Autsch, geh von meiner Hand runter!"

„'Tschuldigung," kam es genauso leise zurück.

Harry entspannte sich. Die Stimmen kannte er. Einen Moment lang überlegte er, den Beiden, die da die Treppe hochschlichen einen gehörigen Schrecken einzujagen. Warum spionierten sie ihm auch nach? Doch als er einen roten Haarschopf in der Falltür auftauchen sah, der sich vorsichtig umschaute, musste Harry grinsen und schlug den Tarnumhang zurück.

„Erwischt," flüsterte er dazu und war mit Rons entsetztem Gesicht mehr als zufrieden.

„Boah, Harry, mach das nie wieder!"

Unter Ron konnte man Hermine ungeduldig zappeln hören.

„Ist er da, Ron?"

„Ja, so könnte man das nennen," flüsterte Ron nach unten und stieg dann die Treppe ganz hoch. Hermine kam sofort hinterher und die Beiden schauten Harry etwas betreten an.

„Also," meinte der und merkte jetzt, dass er doch etwas sauer war. „Was ist die Begründung?"

„Ach, Harry, hör schon auf," konterte Hermine sofort leise. „Wir konnten dich nicht alleine gehen lassen, das weißt du selber."

Ohne Harrys nächsten Kommentar und einen möglichen Streit abzuwarten, blickte sie sich in dem Raum um und entdeckte sofort die kleine Tasse, die so verdächtig auf dem Boden stand. Ihre Augen weiteten sich sofort.

„Ist sie es?", fragte sie über die Schulter an Harry gewandt.

Der, immer noch etwas wütend, zuckte nur die Schultern und brummte leise:

„Sie muss es sein. Ist die einzige, die auf den Aufrufe-Zauber reagiert hat."

„Super Idee," wisperte Ron.

Hermine nickte Harry anerkennend zu, kniete sich dann neben die Tasse und musterte sie von allen Seiten.

„Kann man sie anfassen?", fragte sie ohne sich umzudrehen.

Ron hatte sich neben sie gekniet. Harry stand hinter den Beiden und sah ihnen zu.

„Probier es doch mal, würde mich interessieren, wie sie auf dich reagiert," antwortete er.

Hermine drehte sich jetzt doch um und sah ihn zweifelnd an.

„Sie tut dir sicher nicht weh, wenn du das befürchtest," sagte Harry sofort, um sie zu beruhigen.

Hermine streckte langsam ihre Hand aus, doch Ron schob sie, kurz bevor sie den Henkel berühren konnte, sanft beiseite.

„Lass mich lieber, nicht dass du wieder gebissen wirst," sagte er mit besorgter Stimme. Er hatte im Halbdunkeln gerade die kleinen Punkte gesehen, die immer noch auf Hermines Handrücken zu erkennen waren und ihn an den Löwenkopf in Godric's Hollow erinnerten.

Hermine sah ihren Freund erst verdutzt an, dann wurde ihr Blick weicher und sie lächelte. Harry versuchte, nicht hinzusehen.

Dann streckte Ron seine Hand aus, doch als er seine Finger um den zierlichen Henkel schließen wollte, rutschte die Tasse einfach ein Stück von ihm weg. Als würde sie jemand auf der anderen Seite aus seiner Reichweite ziehen. Ron versuchte es noch mal aus der anderen Richtung, mit demselben Effekt. Dann benutzte er beide Hände, doch auch so flutschte ihm die Tasse einfach fort und ließ sich nicht fassen. Auch als er und Hermine es mit vier Händen versuchten, fand dieses vermaledeite Stückchen Porzellan einen Weg, ihnen zu entkommen.

„Was soll das denn?", entfuhr es Ron schließlich in gepresstem Tonfall.

„Ist doch ganz klar," meinte Hermine nur leise und man sah, dass sie angestrengt nach einem Ausweg aus dem Dilemma suchte. „Das ist der Schutzzauber, der auf ihr liegt, wie bei den anderen Horkruxen auch."

„Genau," schaltete sich Harry wieder ein. „Aber vielleicht ist es wie bei dem Löwenkopf und nur ein Nichtmagier kann sie anfassen."

Hermine grübelte.

„Könnte sein," meinte sie und biss wieder auf ihrer Lippe rum. „Aber wir können die Tasse nicht hier lassen und bis wir Nellie gefunden haben, könnte die Trelawney was gemerkt haben. Irgendwie müssen wir das Ding trotzdem mitnehmen."

Diesmal war es Ron, der die rettende Idee hatte.

„Wie wäre es mit einem Locomoto-Zauber?", schlug er vor. „Bei dem muss man die Tasse nicht anfassen, aber wir könnten sie so mit in den Gemeinschaftsraum nehmen."

Hermines Gesicht hellte sich sofort auf und sie gab ihrem Freund einen Kuss mitten auf den Mund. Ron wurde ganz rot, und noch mehr, als er bemerkte, dass Harry sie beobachtet hatte und jetzt grinste.

„Wer hätte gedacht, dass so ein Hohl-Kopf auch mal ne gute Idee hat," sagte Harry frech und ließ Ron damit sogar noch eine Nuance dunkler werden.

„Genial," flüsterte Hermine und hatte schon ihren Zauberstab in der Hand und ohne, dass man sie etwas sagen hörte, schwebte die kleine Tasse schon brav vor ihr in der Luft und ließ sich gehorsam durch die Falltür nach unten und durch die Gänge bis in den Gryffindor-Gemeinschaftsraum dirigieren.

„Vielleicht kann man sie ja mit dem Verscheuchezauber gegen die Wand knallen?", meinte Ron, der von seiner ersten brillanten Idee beflügelt noch einen Kuss von Hermine erhaschen wollte.

Harry probierte den Vorschlag sofort aus und katapultierte die Tasse mit Wucht gegen die nächste Wand. Doch ohne Erfolg. Die Tasse prallte einfach, wie ein Flummi, von dem Mauerwerk ab und schlingerte etwas durch die Luft, bevor sie sich in aller Seelenruhe auf ein Tischchen sinken ließ.

„Das war wohl eher nichts," kommentierte Harry, „aber die Idee war trotzdem gut," fügte er hinzu, wie um Ron zu trösten, der ein wenig geknickt wirkte.

Sie probierten noch etliche andere Ideen aus, die aber alle mehr oder weniger zum selben Ergebnis führten. Es war schon weit nach Mitternacht, als sie schließlich einsehen mussten, dass sie so nicht weiterkamen und am nächsten Tag Nellie suchen gehen mussten, um sie um Hilfe zu bitten.

Als Harry am nächsten Morgen mit Hermine und Ron zum Frühstück ging lag die Hufflepuff-Tasse friedlich in der Schublade von Harrys Nachtschrank, den er vorsorglich auch noch mit einem Zauber verschlossen hatte.

Die Drei saßen am Gryffindor-Tisch und reckten die Hälse um nach Nellie zu suchen, die jedoch nirgends auftauchen wollte.

„Was kann Moody nur von ihr gewollt haben?", überlegte Ron zum wiederholten Male.

„Wenn es um ihre Familie ging, sicher nichts angenehmes," wisperte Hermine und nahm gerade die Posteule in Empfang, die den Tagespropheten brachte. Während die Jungs weiter nach Nellie Ausschau hielten, vertiefte Hermine sich in die Zeitung.

Doch außer Nellie sah Harry nur Ginny, die mit Neville in die Große Halle kam und sich mit ihm ans Ende des Tisches setzte, ohne zu Harry hin zu sehen. Der spürte, dass ihm der Anblick ein unangenehmes Kribbeln im Bauch verursachte, sein Blick verdüsterte sich. Er riss sich von dem Anblick los, schüttelte den Kopf und zog den Teil des Tagespropheten, den Hermine schon gelesen hatte, zu sich. Hermine sah kurz auf, blickte sich dann um, sah Ginny und schaute wieder unsicher zu Harry, der aber sehr konzentriert die letzten Ergebnisse der nationalen Quidditch-Spiele las. Hermine runzelte die Stirn und las schließlich auch weiter.

Als auch Ron es aufgegeben hatte, nach Nellie zu schauen, faltete Hermine die Zeitung feinsäuberlich zusammen und blickte zum Lehrertisch.

„Ist euch eigentlich aufgefallen, dass Warthrow fehlt?", meinte sie dann und veranlasste die Jungen dazu auch wieder aufzublicken.

In dem Moment kam Nellie durch die hohe Tür herein und schnurstracks auf die Drei zu. Sie machte einen verwirrten Eindruck und sah gleichzeitig erschöpft aus. Wenn man sie ansah konnte man meinen, sie hätte die Nacht im Verbotenen Wald verbracht.

„Ich muss euch sprechen," sagte sie, als sie bei Harry und den anderen angekommen war. „Jetzt."

Sich fragende Blicke zuwerfend standen die drei Freunde auf und folgten Nellie zum Gemeinschaftsraum. Dort herrschte rege Betriebsamkeit, da die meisten Gryffindors für die Weihnachtsferien packten und in einer Stunde zum Bahnhof aufbrechen würden. Hermine, Nellie, Harry und Ron setzten sich in eine Ecke am Fenster nahe zusammen und alle starrten Nellie an, die jetzt ihre Hände knetete.

„Was ist passiert?", fragte Hermine sanft.

Als Nellie die Große Halle betreten hatte, war sie sich plötzlich nicht mehr so sicher gewesen, ob sie Harry und den anderen wirklich alles, was passiert war, erzählen wollte. In der Küche am Grimmauldplatz hatte sie von ihrer Flucht erzählen können und es hatte sie eine unglaubliche Euphorie erfasst, die sie alles, was davor geschehen war, vergessen ließ. Jetzt, als sie ihre Freunde mit besorgten Gesichtern vor sich sah, wurde ihr klar, dass sie hören wollten, was Moody am Abend zuvor von ihr gewollt hatte. Doch in diesem Moment plumpste Nellie ein zentnerschwerer Bleibrocken in den Magen und sie musste mehrmals schlucken, bevor sie ein Wort über die Lippen brachte.

Nein, sie wollte jetzt nicht über ihre Familie sprechen, sie wollte das Mitleid nicht in den Gesichtern ihr gegenüber sehen.

Nellie sah Hermine an, die ihr gerade die Frage gestellt hatte, versuchte ein schwaches Lächeln, zögerte einen Moment und begann zu erzählen, wie Emil sie über die Schlossgrenzen hinaus geführt hatte, ohne dass sie es merkte. Harry, Ron und Hermine warfen sich dabei vielsagende Blicke zu und Nellie begriff, dass ihre Freunde sehr genau erkannten, dass sie einen Teil der Vorkommnisse ausblendete. Die Drei unterbrachen sie aber nicht. Als Nellie dann weiter davon berichtete, wie Emil sie zu diesem Haus entführt hatte, schlug die Stimmung so schnell um, als hätte man ein Buch zugeklappt. Ron sprang auf und wurde von Hermine energisch wieder runter gezogen.

„Was bildet der sich eigentlich ein?"

„Und wir hatten ihm vertraut!"

Harry hatte Nellie, während sie sprach keine Sekunde aus den Augen gelassen und spürte, wie es sie schmerzte, dass Emil sie so hintergangen hatte.

Als Nellie dann von ihrer Flucht erzählte, und davon, wie sie Kingsley gefunden hatte, weiteten sich alle drei Augenpaare voller Bewunderung.

„Wow, Nellie," staunte Ron. „'Tschuldigung, aber das hätte ich dir nicht zugetraut."

Hermine knuffte ihm dafür in die Rippen, doch schien sie nicht weniger überrascht von Nellies Verteidigungskünsten.

Harry schwieg immer noch, auch wenn sein Blick jetzt einen bewundernden Ausdruck angenommen hatte. Er wusste ja, wie verbissen sie trainiert hatte und war froh darüber, dass sie nicht unvorbereitet gewesen war. Hätte er ihr nur damals in dem Keller genauso helfen können.

Dann kam Nellie zu der Stelle mit der Schlange und sofort lehnten sich alle drei Zuhörer begierig näher an Nellie heran.

„War das Voldemorts Schlange?", fragte Ron.

„Keine Ahnung," antwortete Nellie. „Ich hab die noch nie gesehen. Aber wie viele dieser riesigen Dinger hat der Typ wohl?"

„Nur die eine," meinte Harry und sah Nellie fest in die Augen. „Bist du dir sicher, dass sie tot war?"

„Nun, so tot wie man ohne Kopf halt sein kann," antwortete sie. „Du fragst, weil sie ein Horkrux war, stimmt's?"

Hermine nickte sofort.

„Das ist unglaublich," sagte sie nachdenklich. „Da erledigst du grad mal so nebenbei einen von Voldemorts gut gehüteten Seelensplittern."

„Entweder hat Voldemort bei ihr einen Fehler gemacht, dass er sie so schlecht geschützt hat," überlegte Harry, „oder er war der Annahme, dass sie sich selber gut genug verteidigen konnte."

„Ist doch wurscht," mischte sich Ron wieder ein. „Hauptsache ein Horkrux-Teil weniger."

„Genau," sagte Nellie und sah Harry an. Der grinste und umarmte sie spontan.

„Die Welt wird es dir noch danken."

Nellie beendete ihren Bericht und wartete einen Moment lang darauf, dass die Freunde sie nach dem Gespräch mit Moody fragen würden, doch sie taten es nicht, und so war die Reihe an Harry zu erzählen, wie sie die Hufflepuff-Tasse gefunden hatten.

„Vielleicht sollten wir mal einen Lotto-Schein ausfüllen, bei dem Glück, das wir gerade haben," sagte Nellie, doch dann verdüsterte sich ihr Gesicht augenblicklich und ihre Hände krallten sich über den Ärmeln ihres Wollpullovers, die sie sich bis über die Fingerspitzen gezogen hatte, zusammen. Wie konnte sie von Glück sprechen, wenn erst vor zwei Tagen ihre Eltern und Schwestern ermordet worden waren? Wieder hatte etwas anderes diese schreckliche Erinnerung aus ihrem Kopf vertrieben, doch jetzt kam all der Schmerz mit geballter Kraft zu ihr zurück.

Die Drei bemerkten Nellies Gefühlschaos und Hermine drückte Nellie fest an sich. Doch die löste sich von der Freundin und stand auf.

„Ich geh in meine Wohnung," sagte sie. „Keine Angst, ich werde mich dort nicht fortbewegen, aber ich brauch jetzt etwas Zeit für mich."

Keiner der anderen konnte etwas dagegen sagen und so stieg Nellie durch das Portraitloch und lief langsam zu ihrer Wohnung. Es war verrückt, dass sie in diesem Moment auch an Emil denken musste. Aber vielleicht war es auch nicht ganz so verrückt, denn so vieles hier in dem Schloss erinnerte sie an ihn. Viel mehr, als sie sich eingestehen wollte. An ihn, der mit einer Kugel, mit ihrer Kugel, im Bein in diesem Haus lag. Doch war es ihr gleichgültig, was mit ihm passiert war, ob er überlebt hatte oder nicht. Er hatte ihre Familie auf dem Gewissen. Sie sah die kleinen Gesichter von Rosie und Lisa vor sich, das liebevolle Lächeln ihrer Mutter und das gütige Gesichter ihres Vaters. Nellie konnte die Tränen jetzt nicht mehr unterdrücken und ließ sich an einer Wand entlang auf den Boden gleiten. Dort blieb sie eine Weile sitzen, bis sich ihre Atmung wieder beruhigt hatte, dann lief sie weiter, bis sie an ihrer Wohnung ankam.

Polly drehte fast durch, als Nellie herein kam. Kein Wunder, das Frettchen hatte sie seit fast zwei Tagen nicht mehr gesehen. Doch Nellie freute sich mindestens genauso, ihre kleine Freundin wieder zu sehen. Immerhin hatte sie Polly noch, wenn ihr auch sonst von ihrer Familie nicht viel geblieben war. Das Frettchen kletterte flink auf Nellies Schulter, leckte ihre Ohren und ließ sich von diesem Platz den restlichen Vormittag nicht mehr verdrängen. Das Tierchen schien zu spüren, wie so oft, dass Nellie etwas bedrückte, denn in regelmäßigen Abständen knipste sie ihr ins Ohrläppchen oder kletterte auf ihrem Kopf herum, ein anderes Mal blies sie Nellie ins Ohr. Sie wusste, dass all das das Mädchen zum Lachen brachte und es klappte auch diesmal, wenn auch nur für kurze Momente.

„Ach, Süße, wenn ich dich nicht hätte," seufzte Nellie und vergrub ihr tränennasses Gesicht in dem weichen Fell des Frettchens.

Die nächsten Tage blieb Nellie meist für sich. Harry, Ron und Hermine ließen sie in Ruhe, wenn sie spürten, dass sie allein sein wollte und leisteten ihr Gesellschaft, wenn Nellie von sich aus auf sie zukam. Nachdem sie bisher noch keinen Moment Zeit gehabt hatte, die Ereignisse in diesem Haus und den Überfall auf ihre Familie richtig zu verarbeiten, nahm sie sich diese jetzt. Wirklich an sich ran ließ Nellie im Moment nur Polly, mit der sie jetzt jede Minute der beginnenden Weihnachtsferien verbrachte. Man konnte die Beiden stundenlang über die verschneiten Schlossgründe laufen sehen, immer höchstens 10 Meter vom Schloss entfernt, oder durch die Gänge stromern.

Nellie las all die Briefe, die sie in den letzten Monaten von ihren Eltern und Geschwistern bekommen hatte, immer und immer wieder. Auch wenn sie wusste, dass ihr das nicht gut tat, konnte sie doch nicht damit aufhören. Sie begann sogar damit, alles was mit ihrer Familie zu tun hatte, und woran sie sich noch erinnerte, aufzuschreiben. Sie war entsetzt, wie wenig es war. Und immer wieder ließ sie ihr letztes Treffen in dem Café in London Revue passieren. Sie fühlte sich so alleine und gleichzeitig wusste sie auch, dass sie umgeben war von Menschen, die ihr helfen wollten. Aber nicht nur von Menschen. Winky kümmerte sich rührend um die junge Frau und vernachlässigte sogar ein wenig ihre anderen Pflichten, um neben Nellie zu sitzen, ihre Hand zu tätscheln und ihr zuzuhören, wenn sie von früher erzählte. Nellie war der kleinen Hauselfe sehr dankbar dafür. Manchmal saß sie auch bei Harry und den anderen im Gemeinschaftsraum, erzählte ihnen ein bisschen oder sah ihnen einfach dabei zu, wie die Jungs Zauber-Schach spielten oder Hermine über Büchern brütete.

Die Drei waren sich stillschweigend darüber einig geworden, dass sie Nellie wegen der Tasse erst fragen wollten, wenn sie von sich aus darauf zurückkam. Schließlich wusste sie, dass ihre Hilfe gefragt war. Aber Nellie war noch zu sehr in ihrer Trauer gefangen, als dass sie sich irgendwelchen anderen Dingen hätte zuwenden können. Die Freunde akzeptierten das und warteten auf ein Zeichen. Nicht immer geduldig, das muss man dazu sagen, aber sie warteten.

Harry machte sich große Sorgen um seine Freundin, alle Versuche, mit ihr über ihre Familie und was mit ihnen passiert war zu sprechen, blockte sie ab. In diesem Moment kam es ihm sehr recht, dass Remus ihn einen Tag vor Weihnachten darauf ansprach, ob sie alle die restlichen Ferien nicht gerne im Hauptquartier verbringen würden. Einen Moment lang zog sich ihm bei dem Gedanken, Weihnachten in Sirius' Haus zu verbringen, der Magen zusammen, aber dann dachte er daran, dass er dort im Sommer doch eine recht schöne Zeit gehabt hatte und dass ein wenig Ablenkung Nellie vielleicht auch ganz gut tun würde und so stimmte er zu.

Ron und Hermine waren sofort begeistert. Ron freute sich, seine Familie wieder zu sehen und Hermine dachte daran, auch ihre Eltern für ein paar Tage zu besuchen. Ginny wirkte, nachdem sie ebenfalls über die Pläne informiert worden war, denn schließlich betrafen sie sie auch, etwas nervös. Alle konnten diese Reaktion mehr als gut verstehen, denn sie sollte jetzt, nachdem sie sich an das Leben im Schloss gewöhnt hatte, eine Familie und andere Menschen kennen lernen, die sie alle kannten, deren Gesichter ihr aber völlig fremd sein würden. Als letztes gingen Harry, Ron und Hermine Nellie in ihrer Wohnung besuchen, wohin sie sich mal wieder zurückgezogen hatte.

Der Gedanke, die nächsten zwei Wochen in dem großen Haus in London zu verbringen, wo so viele Leute sich aufhielten, die sie voller Mitgefühl ansehen würden, behagte Nellie gar nicht. Mit Sicherheit würden inzwischen alle von dem Angriff auf die Carols wissen.

„Nellie, du kannst dich hier nicht ewig verstecken," sagte Harry und legte dem Mädchen eine Hand auf die Schulter. „Komm mal wieder raus aus deinem Mauseloch."

Nellie funkelte ihn böse an.

„Was weißt du denn schon?", murrte sie und biss sich im nächsten Moment auf die Lippen. Harry musste sehr wohl wissen, wie es war, seine Eltern zu verlieren. „Es tut mir leid," sagte sie dann und ließ den Kopf hängen.

Harry war über die Reaktion verwirrt.

„Was tut dir leid?", fragte er deshalb.

„Ach, nichts," antwortete Nellie ausweichend. Es wunderte sie, dass Harry und die anderen scheinbar noch immer nicht wussten, was passiert war. Doch war sie noch nicht bereit, es ihnen von sich aus zu erzählen.

„Dann komm, pack deine Sachen," sagte Harry und schob sie zu ihrem Schrank.

„Fred und Georg werden auch da sein," meinte Ron dann und schon hellte sich Nellies Gesicht auf.

„Echt?", fragte sie und sah ihn aufmerksam an. „Oh, es wäre schön, die Beiden wieder zu sehen."

Und schon hatte sie ihren Koffer vom Schrank gezogen und fing an, wahllos alles, was sie in die Finger bekam, hineinzuschmeißen.

Am Weihnachtsmorgen wurde Nellie von einer warmen Stupsnase geweckt, die sich ihr tief ins rechte Ohr bohrte und zärtlich hinein blies.

Als sie Polly zur Seite schob und sich aufsetzte, sah sie zu ihrem großen Erstaunen einen üppigen Geschenkberg an ihrem Fußende liegen. Nellie wusste, dass Weihnachten war, wie konnte man so was auch vergessen, aber mit so vielen Geschenken hatte sie nicht gerechnet und die Art, wie sie überbracht wurden, war ihr auch fremd. Sie hatte selber noch vor ein paar Tagen, mit Winkys Hilfe, die restlichen Geschenke für ihre Freunde besorgt. Sie sah sich in dem Zimmer um, dass sie sich diesmal mit Ginny teilte und suchte vergeblich nach dem kleinen Haufen, den sie noch am Abend zuvor auf einen Stuhl gelegt hatte, damit sie ihn am nächsten Tag verteilen könnte.

„Mach dir keine Gedanken, die hat Winky alle schon verteilt," kam es vom Bett nebenan verschlafen. Ginny hatte gerade die Bettdecke zurückgeschlagen und beäugte jetzt, nicht weniger verblüfft wie Nellie die Geschenke, die auch an ihrem Fußende lagen.

„Ist das so üblich bei euch Zauberern?", fragte Nellie und zog sich einen Morgenmantel über.

„Woher soll ich das wissen," grinste Ginny. „Aber es sieht sehr danach aus, oder nicht? Und übel finde ich es auch nicht."

„Aber wieso hat Winky die verteilt?", meinte Nellie dann stirnrunzelnd. „Ist sie denn auch mit her gekommen?"

„Oh, ähm," machte Ginny und sah verwirrt aus. „Ich glaube schon."

Die kleine Gruppe war am vorherigen Abend erst im Grimmauldplatz angekommen und war sehr stürmisch und herzlich von Molly Weasley begrüßt worden. Das war für Ginny alles ein bisschen zu viel gewesen und sie hatte sich schon bald auf ihr Zimmer zurückgezogen. Nellie war mit ihr gegangen, denn wie sie es sich schon gedacht hatte, waren ihr die mitfühlenden Blicke der restlichen Hausbewohner nicht entgangen und sie wollte den Fragen entgehen, die sicherlich nicht lange auf sich hätten warten lassen.

„Ach, egal," meinte Nellie dann, „ich werde es ja nachher sehen."

Dann machten die beiden jungen Frauen sich daran, die vielen bunten Pakete aufzureißen.

Hermines Geschenk war das erste, das sie öffnete. Es war, wie nicht anders zu erwarten, ein Buch mit dem Titel:

„Selbstverteidigung für die Frau." Nellie schmunzelte, als sie es durchblätterte. Ron hatte eine ganze Kiste von den tollsten magischen Süßigkeiten beigesteuert und von Harry bekam Nellie ein wunderschönes Zauber-Schach-Spiel. Sie musste daran denken, dass sie Beide damals im Sommer oft zusammen Schach gespielt hatten. Damals hatte Nellie noch keine Ahnung gehabt, dass Harry ein Zauberer war und es ein solches Spiel in der magischen Welt auch gab. Dann gab es da noch ein Päckchen von Molly und Arthur Weasley mit selbstgebackenen Plätzchen und einem hübschen handgestrickten Wollpulli, den Nellie sofort überzog. Ginny hatte ihr ein selbst gezeichnetes Bild geschenkt und von den Zwillingen bekam sie zwei neue Dolche geschickt und ein paar der neuesten Zauberscherzartikel. Nellie wunderte sich, wie die Dolche durch die strenge Post-Kontrolle gekommen waren, aber wahrscheinlich hatte Moody bei ihr ein Auge zugedrückt. Als letztes fand sie ein kleines Päckchen, das nicht beschriftet war. Nellie schüttelte es, konnte jedoch nicht erraten, was es sein könnte, also öffnete sie es. Heraus kullerte eine kleine Schachtel, die, als sie sie öffnete, ein paar hübsche Ohrringe beherbergte, die wie kleine Blüten aussahen. Nellie war begeistert und legte sie gleich an. Sie passten hervorragend zu ihren Haaren. Doch wer konnte ihr so etwas schicken? Es war keine Karte dabei oder ein sonstiger Hinweis und Nellie wurde skeptisch.

Auch Ginny schüttelte den Kopf.

Doch bevor Nellie sich noch weitere Gedanken machen wollte, streckte sie erst mal Polly mit einem warmherzigen „Frohe Weihnachten, meine liebe Freundin" einen Keks zu und band ihr etwas Geschenkband um den Hals. Das Tierchen krümelte vergnügt auf der Bettdecke und Nellie und Ginny sahen ihr eine Weile grinsend dabei zu.

Etwas später klopfte es sehr zaghaft an der Tür und ein kleiner Hauselfen-Kopf streckte sich herein.

„Winky wollte den beiden Missis nur ein schönes Weihnachtsfest wünschen," piepste die Hauselfe und schlackerte etwas mit den Ohren, die von goldenem Lametta eingerahmt wurden.

„Vielen Dank, Winky," sagte Nellie und bemerkte dann, dass ein kleines Päckchen immer noch auf dem Stuhl neben ihrem Bett lag. „Das wünsche ich dir auch." Dann stand Nellie kurz auf, nahm das Päckchen und trat auf Winky zu. „Hier, das ist für dich."

Winky machte große Augen und wich einen Schritt zurück.

„Hauselfen nehmen keine Geschenke an," piepste sie. „Winky ist eine gute Hauselfe."

Das kleine Geschöpf schien fast ein wenig beleidigt zu sein.

„Aber ich würde mich sehr freuen, wenn du es annimmst," sagte Nellie. „Du hast mir so geholfen und es ist ja nur eine Kleinigkeit."

Nellie ging mit dem kleinen Päckchen, indem sich ein hübscher Schal befand, näher auf die Hauselfe zu und reichte es ihr hin. Winky beäugte es sehr kritisch und sah dann unsicher zu Nellie hin, die ihr aufmunternd zunickte. Dann nahm die Elfe das Päckchen zögerlich an und öffnete es. Als sie den Schal sah und herausnahm, wurden ihre Augen immer größer und schwammen schließlich in Tränen.

„Ohhhh," machte sie nur und zog die Nase hoch. „Ohhh, wie schööööön."

Winky schlang ihre dürren Ärmchen um Nellies Knie, dann legte sie den Schal um und sah damit wirklich hübsch aus. Sie strahlte dazu über beide Backen.

Nellie kam dann ein Gedanke und sie zog die Ohrringe von ihren Ohren und zeigte sie der Hauselfe.

„Weißt du, wer mir die geschenkt hat? Wenn ihr Hauselfen die Geschenke verteilt, müsstest du es doch wissen."

Winky sah sich die Verpackung an, dann strahlte sie und sagte in ihrer piepsigen Stimme:

„Winky weiß es genau. Mister Warthrow, Sir, hat das Päckchen für Miss Nellie abgegeben. Schon länger ist es her."

Nellie überlegte. Konnte es sein, dass Emil ihr mit diesem Geschenk wirklich nur eine Freude machen wollte, oder konnte er damit etwas anderes bezwecken? Sie lebte jetzt schon lange genug in dieser Welt, und hatte auch durch ihre Freundschaft mit den Zwillingen gelernt, dass sie nicht mehr ohne weiteres allem, was hübsch und harmlos aussah, über den Weg trauen durfte. Sie beschloss, die Ohrringe Remus zu zeigen. Der würde ihr sicher sagen können, ob damit alles in Ordnung wäre.

Winky war schon damit beschäftigt, die Geschenkverpackungen und Kekskrümel von den beiden Betten verschwinden zu lassen, als Nellie sich anzog und auf die Tür zuging.

„Frohe Weihnachten, Winky," sagte sie noch, dann ließ sie Polly, die immer noch das Halsband aus silbernem Geschenkband trug, auf ihre Schulter klettern und machte sich auf den Weg zu Remus. Ginny hat keine Eile ihr zu folgen.

„Wundervolle Weihnachten, Nellie," begrüßte der sie fröhlich, als Nellie in die Küche trat. Er schien sich seit ihrem letzten Treffen gut erholt zu haben, denn er sah nicht mehr ganz so kränklich aus. Dafür schien er neue Kratzer im Gesicht zu haben. Außer ihm war noch niemand hier unten.

„Dir auch, Remus," erwiderte sie, nicht ganz so enthusiastisch. „Würdest du dir bitte mal das hier für mich anschauen?"

Damit hielt sie ihm die Ohrringe hin.

„Was soll denn damit sein? Hast du Angst, dass sie verhext sein könnten?", fragte Remus.

„Sie sind von Emil," war Nellies knappe Antwort und Remus verstand sofort. Er war sehr betrübt gewesen, als er gehört hatte, was sein Freund Emil für ein doppeltes Spiel gespielt hatte. Remus ärgerte sich über sich selber, dass er die Anzeichen nicht früher bemerkt hatte. Jetzt nahm er die Ohrringe vorsichtig entgegen und untersuchte sie genau. Er ließ sich dabei viel Zeit und Nellie setzte sich solange auf einen Schrank am Fenster. Sie schaute den Schneeflocken dabei zu, wie sie langsam den Garten weiß einhüllten.

Remus brauchte fast eine Stunde, bis er Nellie die Ohrringe schließlich wieder in die Hand legte.

Inzwischen waren auch Tonks und Molly Weasley in der Küche aufgetaucht. Nach einem flüchtigen „Guten Morgen" hatte Molly begonnen, Frühstück vorzubereiten und Tonks hatte sich mit einer Tasse Kaffee neben Remus gesetzt. Die beiden Frauen hatten Nellie nur einen kurzen Blick zugeworfen und sie ansonsten in Ruhe gelassen.

„Damit ist alles in bester Ordnung," sagte Remus schließlich. „Nellie, auch wenn das möglicherweise blöd klingt, aber kann es denn nicht vielleicht sein, dass Emil tatsächlich etwas für dich empfunden hat und dir deshalb auch diese Ohrringe geschickt hat?"

Nellie starrte auf die Schmuckstücke in ihrer Hand und stellte sich vor, wie vertraut sie noch vor etwas mehr als einer Woche mit Emil gewesen war. Und sie musste an den Blick denken, den er ihr zugeworfen hatte, als er sie auf das Haus zugezogen hatte und den flehenden Ton in seiner Stimme, als sie ihm ins Bein geschossen hatte.

„Nellie? Alles in Ordnung?" Remus hatte von Molly zwei Tassen Tee in die Hand gedrückt bekommen und war damit auf die junge Frau zugetreten, die mit verklärtem Blick auf ihre Hände starrte.

„Ja, alles klar," antwortete sie und ließ die Ohrringe in ihre Hosentasche gleiten. „Darf ich dich mal was fragen?"

Remus blickte sie mit leicht gerunzelter Stirn an, dann nickte er, während er an seiner Tasse nippte, nachdem er Nellie auch eine gereicht hatte. Nellie sah sich einen Moment lang in der Küche um und überlegte, ob sie die Frage, die ihr schon so lange auf der Haut brannte, vor Tonks und Mrs. Weasley stellen konnte. Doch dann stellte sie sie trotzdem.

„Damals in dem Café, als wir meine Familie getroffen haben, hat dieser Todesser dich ‚Werwolf' genannt," fing Nellie an und war sich auf einmal nicht mehr so sicher, ob sie den Satz beenden sollte. Remus' Gesichtsausdruck ließ sie zögern.

Remus bemerkte, dass sie unsicher wurde und lächelte sie an.

„Es ist inzwischen kein Geheimnis mehr, dass ich ein Werwolf bin, Nellie," sagte er. „Und es wundert mich ehrlich gesagt, dass du es noch nicht von jemand anderem bestätigt bekommen hast."

Nellie sperrte Augen und Mund weit auf. Sie konnte sich nicht dagegen wehren, dass sie instinktiv einen Schritt vor ihm zurückwich. Gleichzeitig bemerkte sie aber, dass ihre Reaktion ihn betroffen machte. Molly und Tonks blickten zu ihr hinüber und schienen die Luft anzuhalten.

„Als kleiner Junge wurde ich gebissen und lebe seit dem Tag mit diesem Makel," erzählte Remus weiter. „Einmal im Monat verwandle ich mich in einen Werwolf, doch mit dem richtigen Trank, im richtigen Moment genommen, kann ich mich sehr gut kontrollieren und bin schon lange nicht mehr gefährlich. Außer vielleicht für mich selber," fügte er mit einem bitteren Lächeln hinzu.

Nellie schluckte, dann trat sie wieder näher an Remus heran.

„Entschuldige, wenn ich so kindisch reagiere, aber bisher kannte ich Werwölfe nur aus Märchen," begann sie sich zu rechtfertigen. „Ich hätte nie gedacht, mal einem die Hand zu schütteln."

Bei diesen Worten streckte Remus ihr grinsend eine Hand entgegen, die Nellie ohne noch einmal zurückzuweichen ergriff und ebenfalls grinsend schüttelte. Tonks und Molly entspannten sich wieder.

„Man kann einen Werwolf sogar lieben," grinste Tonks, die von hinten auf Remus zugetreten war und ihre Arme um seinen Bauch schlang.

„Ich glaube, Rosie hätte sie auch gerne kennen gelernt, Es hätte ihr sicher gefallen, einem echten Werwolf zu begegnen," sagte Nellie grinsend und merkte, dass sie ohne weitere Tränen an ihre kleine Wildkatze von Schwester denken konnte.

Remus lächelte und schien erleichtert.

„Ich bin froh, dass wir keine Geheimnisse mehr voreinander haben, Nellie," sagte er und leerte seine Tasse auf einen Zug.

Nellie spürte eine schlechtes Gewissen in sich brodeln und verließ die Küche wieder.

„Es gibt gleich Frühstück," rief Molly ihr hinterher. „Das kannst du den anderen auch sagen!"