Kapitel 41:
Emil wusste genau, was für eine Waffe das war, mit der Nellie auf ihn gezielt hatte. Es war nicht das erste Mal, dass eine Pistole auf ihn gerichtet wurde, allerdings das erste Mal, dass tatsächlich jemand auf ihn schoss! Und dann auch noch Nellie, die er doch eigentlich schützen wollte. Doch insgeheim konnte er ihr nicht grollen, denn sie konnte ihn ja nur für einen Verräter halten.
Sein Bein schmerzte höllisch, als er die Kugel spürte und einen Moment lang konnte er so was wie Panik in Nellies Gesicht sehen, als sie auch schon durch eine Tür gezogen wurde und verschwand.
Emil hatte noch versucht, ihr etwas zu sagen, doch es war zu spät gewesen. Er wusste auch gar nicht, was er sagen sollte. Dass es ihm leid tat? Dass sie ihn mitnehmen sollte? Mit schmerzverzerrtem Gesicht blieb er schließlich liegen.
Die Todesser wussten nicht, was sie mit Emils Verletzung anfangen sollten. Sie kannten Pistolen nicht und schon gar nicht, welche Schlagkraft diese hatten, also war Emil dazu gezwungen gewesen, die Kugel mit Hilfe seiner Magie selber zu entfernen. Kein leichtes Unterfangen, da er immer wieder von den Schmerzen halb ohnmächtig wurde. Doch schließlich war es ihm gelungen und die Wunde, die zurück blieb, konnte er leicht heilen. Was er jedoch nicht so einfach heilen konnte, war seine Stellung bei den Todessern. Voldemort hatte erfahren, dass er Nellie, als er sie gebracht hatte, nicht durchsucht hatte, dass er ihr sogar ihre Tasche gelassen hatte und der Schwarzmagier hatte daraufhin natürlich sofort die richtigen Schlüsse gezogen und Emil war gezwungen, sich zu rechtfertigen.
„Sie ist ein Muggel, mehr nicht," rief er mit wütender Stimme, nachdem Voldemort ihm die Anklage entgegen gezischt hatte.
Sie befanden sich jetzt in einem anderen Gebäude. Nachdem gleich zwei Gefangene entkommen waren, war das erste Hauptquartier kein sicherer Ort mehr gewesen. Der Raum, in dem Emil jetzt stand, war unterirdisch und so kalt, dass ihm die Zähne klapperten. Doch nicht nur die Kälte, die von den Mauern abstrahlte, ließ ihn zittern, sondern auch die geringen Aussichten, sein eigenes Leben noch retten zu können. Er war mehr als nur erleichtert gewesen, dass Nellie sich so gut hatte selber helfen können. Er hatte seine Verblüffung nicht einmal spielen müssen, als er von dem Tod der Schlange hörte. Doch nun musste er um sein eigenes Überleben kämpfen. Und sein Leben war ihm immer noch viel wert, denn er hatte sich inzwischen entschieden, für wen er kämpfen wollte. Doch wenn er aus dieser Sache lebendig herauskommen wollte, musste er sehr clever vorgehen. Sein Gehirn arbeitete auf Hochtouren.
„Woher hätte ich ahnen sollen, dass sie solche Waffen bei sich trägt?" Die Wut, die er insgeheim für sich selber empfand, übertrug er nun auf dieses Gespräch und es schien ihm gut zu gelingen.
„Du kanntest sie," zischte Voldemort, der wieder dicht vor ihm zum Stehen gekommen war. „Du hättest wissen müssen, dass sie sich verteidigen kann."
„Hätte," äffte Emil sarkastisch nach. „Eure Männer hätten sich genauso gut auch gegen ein einzelnes junges Mädchen wehren können! Und dazu noch gegen eine Muggel!"
Voldemort funkelte ihn wütend an, drehte sich dann aber um und lief wieder im Raum auf und ab. Einige seiner vertrautesten Todesser standen in den Ecken und beobachteten das Verhör.
„Ein einzelnes junges Mädchen, dass auch dich überwältigen konnte," keifte Voldemort dann und wirbelte wieder zu Emil herum, den Zauberstab hatte er jetzt wieder in der Hand. Emil bemühte sich, nicht zurück zu weichen.
„Ich bin ja auch nicht für den Kampf ausgebildet," rechtfertigte er sich mit kalter Stimme. „Ich bin nur ein Lehrer, mehr nicht."
„Ein Lehrer, so so." Voldemort schien zu überlegen, was er als nächstes tun sollte. „Ich könnte dich hier und jetzt zerquetschen, wie eine Mücke an der Wand. Und doch denke ich, dass du mir noch nützlich sein kannst."
Emils Muskeln spannten sich. Er wusste, dass er im Moment dankbar sein sollte für jeden Tag, den er in diesem Krieg weiterleben durfte. Er sagte nichts.
„Und doch mache ich dich auch dafür verantwortlich, dass Nagini tot ist." Voldemorts Augen wurden bei diesen Worten schmal und sein Zauberstab richtete sich auf Emils Herz. „Du hast keine Ahnung, was du damit angerichtet hast, Wurm!"
Emil konnte sich nicht erklären, was Voldemort damit meinte, doch musste er Nellie im stillen zu ihrer Tat gratulieren, wenn sie den Dunklen Lord damit so tief getroffen hatte, wie er hier andeutete. Doch bemühte Emil sich gleichzeitig, diese Gedanken so weit in seinen Kopf zurückzudrängen, dass Voldemort sie mit seinen Legilimentik-Fähigkeiten nicht erreichen konnte, falls er sie denn anwenden würde, nachdem Emil ihm gedroht hatte, dass das wichtige Buch sich sonst zerstören würde. Emil hatte eine natürliche Begabung für Occlumentie, doch konnte er nicht vorhersagen, ob Voldemort seine Barrieren nicht trotzdem durchbrechen konnte.
„Bevor du mir beweisen darfst, dass du inzwischen treu auf unserer Seite stehst," fuhr der Dunkle Lord schließlich fort, „wirst du aber erst noch mal spüren müssen, was du angerichtet hast."
Und nur eine Sekunde später lag Emil mit zuckenden Gliedern und verzerrtem Gesicht auf dem kalten Steinboden. Seine Knochen schienen innerlich zu gefrieren und dann in tausende Eissplitter zu zerbersten. Er biss die Zähne zusammen um nicht zu schreien.
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Nellie zuckte zusammen. Sie saß gerade in der Bibliothek und las das Buch von Hermine, als sie ein plötzlicher Schmerz durchlief. Er war nur kurz, aber so stark, dass sie keuchte. Zum Glück war außer Polly niemand sonst anwesend, so dass sie keine nervigen Fragen beantworten musste, wie in letzter Zeit so oft.
Sie war jetzt seit einem Tag am Grimmauldplatz und allen Gelegenheiten, zu denen viele Leute auf einmal anwesend waren, aus dem Weg gegangen. Die meiste Zeit saß sie hier in der Bibliothek oder spielt mit Ginny Zauber-Schach. Harry und die anderen saßen manchmal dabei, doch hatten sie es aufgegeben, Nellie anzusprechen.
Sie wusste selber nicht, warum sie plötzlich wieder so empfindlich war. Es ging ihr gut, niemand versuchte, sie zu etwas zu zwingen und sie musste sich eingestehen, dass sie die ungezwungene Zeit mit ihren Freunden vermisste, doch sie wusste nicht, wie sie wieder auf sie zugehen sollte. Sie hatte das Gefühl, als habe sie den richten Moment, um wieder die alte Nellie zu werden, irgendwann verpasst und hing nun in einer Nellie fest, die so ganz und gar nicht ihrem wahren Naturell entsprach.
Den Tod ihrer Familie hatte sie eigentlich inzwischen ganz gut verkraftet. Sie hatte erkannt, dass sie nicht die Einzige war, die Menschen, die sie liebte, in diesem Kampf verloren hatte und vielleicht fiel es ihr auch leichter, weil sie so lange von ihnen getrennt gewesen war. Sie wusste es nicht. Aber sie konnte jetzt an sie denken, ohne dass sie einen Knoten in der Brust spürte oder in Tränen ausbrach. Sie wollte das Andenken an ihre Familie für immer bewahren und sie wollte dafür kämpfen, dass ihre Mörder bestraft würden.
Harry hatte mit Remus gesprochen und von ihm erfahren, was mit Nellies Familie geschehen war und verstand gut, dass sie sich so zurückzog. Er kannte das Gefühl, wenn man das Mitleid der anderen nicht mehr sehen wollte, wenn man eigentlich ganz normal weiterleben wollte, aber doch wusste, dass das nicht mehr möglich war.
Er versuchte, Nellie durch Blicke oder Gesten zu zeigen, dass sie nicht allein war, doch war er sich nicht sicher, ob sie ihn verstand.
Auch sein Leben ging inzwischen weiter. Er übte weiter mit Hermine und Ron Verteidigungs-Zauber, oft unter Remus' Anleitung und machte sich zusammen mit seinen Freunden immer wieder Gedanken über die Tasse, die eingeschlossen auf Hogwarts wartete. Hermine schlug einmal mehr vor, den Orden über die Horkruxe aufzuklären, weil das im Kampf sicher von Vorteil wäre. Doch Harry winkte nur ab.
„Wenn Dumbledore der Meinung gewesen wäre, dass dieses Wissen für den Kampf wichtig werden könnte, hätte er es sicher weiter gegeben," meinte Harry nur und beendete die Diskussion, bevor sie auch nur begonnen hatte.
Und immer wieder beobachtete er Ginny. Sie ging ihm nicht aus dem Kopf. Er merkte, dass es ihn störte, wenn sie von Neville erzählte, mit dem sie kurz vor Weihnachten zusammen gekommen war. Es störte ihn sehr, dass sie so fröhlich erzählte und dabei so gut gelaunt aussah. Wieso Neville? Harry hatte sich so sehr um sie gekümmert, warum hatte sie sich nicht wieder in ihn verlieben können? Eine Weile hatte Harry gedacht, er könnte damit leben. Er hatte sich versucht einzureden, dass es nun mal so war, doch jetzt, wo er so viel Zeit in Ginnys Nähe verbrachte, spürte er, wie sehr sie ihm tatsächlich fehlte. Wie hatte er nur all die Jahre mit ihr befreundet sein können, ohne zu merken, wie viel sie ihm bedeutete? Es schmerzte ihn jetzt, dass sie ihn nur noch als guten Freund zu betrachten schien, mit dem sie Scherze machen oder den sie umarmen konnte, wenn ihr danach war. Also hatte er versucht, sich etwas von ihr fern zu halten.
In diesem Moment ging die Tür zur Bibliothek, in der Nellie immer noch alleine saß, auf und Fred und George streckten die Köpfe herein.
„Hier ist sie also," rief Fred, stieß die Tür ganz auf und trat ein. Sein Bruder hinterher.
Nellie strahlte sofort, warf das Buch von sich, sprang auf und warf sich erst Fred und dann George um den Hals.
„Na, endlich," sagte sie lachend, „ihr habt euch ja ewig Zeit gelassen."
„Hey, Kleines," meinte George und tat, als hätte sie ihn tief verletzt, „wir sind Geschäftsleute und ohne uns läuft im Laden gar nichts."
„Die können nicht einmal die Rechnungen sortieren, wenn wir nicht da sind," ergänzte Fred fröhlich und legte Nellie einen Arm um die Schulter.
Das Muggel-Mädchen freute sich riesig, die Beiden wieder zu sehen und vergas darüber all das Chaos, das bis gerade eben noch in ihr getobt hatte. Sie strahlte und knuffte George spielerisch in die Seite.
„Dann habt ihr jetzt wohl alle entlassen," grinste sie.
„Wo denkst du hin," empörte sie George, „so lernen die es ja nie."
„Und wir brauchen auch mal Urlaub," sagte Fred. „Und als wir gehört haben, dass du hier bist, haben wir alles fallen lassen."
Nellie kicherte. Sie spürte, dass die Zwillinge hier waren, um sie aufzumuntern und wusste genau, dass die Beiden sie nicht dazu drängen würden, über irgendetwas was geschehen war zu sprechen.
„Und haben dir das hier mitgebracht," grinste Fred und zog etwas unter seiner Jacke hervor, während George sich auf die Lippen biss, um nicht laut los zu lachen. „Sozusagen, als Tapferkeitsauszeichnung."
Nellies Stirn legte sich einen Moment lang in misstrauische Falten, als sie dann aber den Blumenstrauß sah, den Fred hervorzog, blieb ihr Mund vor Staunen weit offen stehen.
„Der ist ja wunderschön," sagte sie. „Wo hattest du den bloß die ganze Zeit versteckt?"
Tatsächlich war der Strauß so groß, dass er unmöglich unter Freds Jacke hatte passen können, ohne dass sie ihn schon vorher hätte bemerken müssen.
„Riech mal dran," forderte George sie schmunzelnd auf.
Nellie bestaunte den farbenfrohen Strauß aus Rosen, Nelken und Gerbera noch einen Moment, dann steckte sie ihre Nase hinein und schnupperte. Doch im nächsten Moment spritzte ihr ein eiskalter Wasserstrahl entgegen und dazu schienen die Blumen auch noch Juckpulver zu versprühen, denn nicht nur, dass Nellie mit tropfendem Gesicht da stand, musste sie auch noch ununterbrochen niesen.
„Was – hatschi – hat das denn zu - hatschi – bedeuten," rief sie, während sie immer wieder niesen musste.
Fred und George bogen sich vor Lachen.
„Das ist unser neuester Artikel," gluckste Fred.
„Haben wir aus alten Muggel-Filmen," kicherte George und hielt sich den Bauch.
Nellie konnte zwischen einigen Niesern nur ein kurzes: „Mistkerle" hervorbringen.
George beobachtete Nellie eine Weile grinsend, dann runzelte er etwas die Stirn.
„Vielleicht haben wir doch etwas zu viel Niespulver hineingetan," meinte er dann zu seinem Bruder, der immer noch lachte.
„Ach was," meinte der, „bei den richtigen Leuten ist es genau richtig. Dir tut Nellie ja nur leid."
Nellie hatte das sehr genau gehört und während das Niesen langsam nachließ, nahm sie heimlich etwas aus ihrer Hosentasche, das sie dort schon seit dem Morgen aufbewahrte, um es genau in diesem Moment anzuwenden. Sie drehte sich zu den Zwillingen um und sagte:
„Guter Witz, Freunde – hatschi -, gratuliere," und damit streckte sie Fred ihre Hand entgegen, der sie frech grinsend sofort ergriff und kurz darauf einen halben Meter in die Höhe sprang und wie von der Tarantel gestochen Nellies Hand losließ.
Jetzt war es an Nellie in herzhaftes Gelächter auszubrechen, unterbrochen von ein paar letzten Niesern. Auch George lachte.
„1:1 würde ich sagen," prustete er, „mit den eigenen Waffen geschlagen."
Nellie streckte Fred, der jetzt auch grinste, den kleinen Knopf, den sie in der Hand hielt und der demjenigen, der ihn von der falschen Seite berührte, einen schmerzhaften, aber nicht schädlichen Stromschlag verpasste, entgegen. Die Zwillinge hatten ihr den erst vor einem Monat in einem Päckchen zugeschickt.
„Sie scheinen ganz gut zu halten, oder?", fragte Fred und besah sich das kleine Teil, bevor Nellie es wieder einsteckte.
„Wunderbar," strahlte sie, „immer im rechten Moment einsatzbereit."
Fred klopfte ihr anerkennend auf die Schulter und hakte sie auf unter.
„Gut gekontert, Kleine, aber jetzt komm, die anderen machen sich schon Sorgen um dich."
Nellie wollte erst widersprechen, doch dann hatte George sie schon auf der anderen Seite eingehakt und warf ihr einen so verlockenden Blick zu, dass sie sich nicht dagegen wehrte, dass die Beiden sie in die Küche führten, wo schon der restliche Haushalt versammelt war und Tee trank.
Nellie saß zwischen den Zwillingen und hörten den fröhlichen Gesprächen der restlichen Hausbewohner zu. Es war Weihnachten und alle waren sich darin einig, dass nicht über Angriffe, Todesser oder den Krieg, der draußen herrschte, gesprochen wurde. Die Zwillinge erzählten in den buntesten Worten von ihrem Laden, Bill und Fleur berichteten von den Flitterwochen, die zwar schon etwas länger her waren, über die zu reden aber bisher noch keine Gelegenheit gewesen war und Charlie verblüffte alle, als er erzählte, dass er ebenfalls eine junge Frau kennen gelernt hatte, mit der er sich im nächsten Jahr verloben wollte. Molly und Arthur Weasley waren erst sprachlos, dann sprang Molly auf und umarmte ihren ältesten Sohn so stürmisch, dass dem die Luft wegblieb und er seine Mutter sanft zur Seite schieben musste, damit er wieder atmen konnte.
Für den restlichen Nachmittag gab es nur noch ein Gesprächsthema: Wer war die junge Frau, wann würden sie sie endlich kennen lernen und wann würde die Hochzeit stattfinden. Fleur war dabei voll und ganz in ihrem Element und schwatzte fröhlich mit ihrer Schwiegermutter. Ginny war die Einzige, die außer Nellie die Gespräche eher passiv verfolgte. Ihr war das alles noch sehr fremd. Alle Weasleys hatten sie sehr herzlich willkommen geheißen und Ginnys viele Brüder gaben sich alle Mühe, der Kleinsten dabei zu helfen, sich wieder zu erinnern und wohl zu fühlen. Sie spürte die Wärme in dieser Familie und fühlte sich sofort angenommen, doch gab es so viele Geschichten, die sie nicht kannte, dass es ihr sicherer erschien, erst mal nur zu beobachten und zuzuhören.
Irgendwann, als Molly schon begonnen hatte, das Abendessen vorzubereiten, berührte George Nellie sanft am Arm und gab ihr ein Zeichen, ihm nach draußen zu folgen. Sie war froh, diesem Trubel eine Weile zu entkommen, auch wenn sie spürte, dass sie sich darin wieder wohler zu fühlen begann.
„Lass uns ins Kaminzimmer gehen," schlug George vor und ging ihr voraus.
Sie betraten den einladenden, gemütlichen Raum, den Nellie nach der Bibliothek am liebsten mochte und setzten sich auf das Sofa, das direkt vor dem Kamin stand. George entfachte ein Feuer und sah Nellie dann ernst an. Nellie kannste diese Ernsthaftigkeit bei ihm nicht und wurde immer unruhiger.
„Was ist denn los?", fragte sie deshalb und begann, ohne es zu merken, an ihren Fingernägeln zu kauen.
„Nichts schlimmes," beruhigte George sie und schaute ihr einen Moment schmunzelnd dabei zu, wie sie sich auf den Nägeln herum biss, dann nahm er sanft ihre Hand und zog sie von ihrem Mund weg. „Ich wollte dich nur fragen, ob du irgendwelche neuen Sachen brauchst. Ich meine, jetzt, wo du weißt, wie gefährlich du lebst, kann ich dir vielleicht ein paar neue Waffen besorgen."
Er hatte leise gesprochen und es dabei vermieden, ihr in die Augen zu schauen. Nellie spürte, dass es ihm etwas unangenehm war, sie das zu fragen, aber er machte sich scheinbar große Sorgen um sie.
„Du redest schon wie ein Dealer," grinste sie ihn an und sah verschwörerisch aus.
Auch George entspannte sich etwas und lachte.
„Ihr habt mir doch schon zwei neue Dolche geschenkt, die sind übrigens prima," fuhr sie fort. „Die letzten beiden hab ich leider in diesem Haus verloren, aber sie haben uns das Leben gerettet."
„Und was ist mit dem Revolver?", fragte George.
Nellie blickte kurz ins Feuer, als sie an Emils Schmerzensschrei denken musste.
„Den hab ich noch," sagte sie nur kurz. „Ich werde mir nur ein paar neue Zaubertränke zusammenbrauen müssen, die sind alle leer."
George nickte. Sie hatte den Zwillingen von dieser Entdeckung schon früh erzählt.
„Ich hätte da aber trotzdem noch etwas, was dir nützlich sein könnte," meinte er dann und zog ein kleines Päckchen aus der Jackentasche. „Wir haben das in einem Muggel-Waffen-Laden gefunden, das benutzen wohl die Polizisten von denen. Wir haben es nur ein wenig aufgepeppt."
Nellie öffnete das Paket und holte einen Elektroschocker heraus. Sie erkannte das Gerät nur deswegen, weil sie so etwas schon einige Male im Fernsehen gesehen hatte. Es war ein kleines Gerät, das locker in ihren Rucksack passen würde.
„Wie aufgepeppt?", hakte sie dann nach.
„Nun, eigentlich funktionieren die Teile mit Batterien," erklärte George, „aber so was gibt auf Hogwarts sofort den Geist auf, darum haben wir es so verhext, dass es ohne Batterien läuft. Außerdem haben wir es so manipuliert, dass es deine Gegner für einige Stunden außer Gefecht setzt, nicht nur für ein paar Minuten."
Nellie staunte und drehte den Elektroschocker in den Händen.
„Ich bräuchte mal ein Versuchskaninchen," sagte sie dann und grinste George frech an. „Wie sieht's aus? Stellst du dich zur Verfügung?"
George machte ein entsetztes Gesicht und hob wie zur Verteidigung die Hände.
„Unter anderen Umständen immer gern, Nellie," meinte er und sein Blick wanderte von dem Gerät in ihren Händen zu dem verschmitzten Funkeln in ihren Augen. „Aber ich hab heute noch was anderes vor."
„Ich glaube langsam, dass ihr euren Beruf verfehlt habt," sagte sie schließlich und zwinkerte dem Zwilling zu. „Ihr hättet Waffenhändler werden sollen."
George tat so, als fühle er sich geschmeichelt.
„Wie habt ihr es eigentlich geschafft, dass euch der Typ das Gerät hier verkauft hat?", fragte Nellie dann. „Ihr habt doch gar keinen Waffenschein."
„Oh, das vielleicht nicht, aber wir haben ein unglaubliches Überredungstalent," sagte George mit einem schiefen Grinsen, dass Nellie zum Lachen brachte. „Und für unsere Freundin tun wir alles," fügte er hinzu, wobei er Nellie in die Augen sah. Nellie musste tief durchatmen, als er das sagte und sie dann so warm ansah.
„Ich weiß gar nicht, wie ich euch danken kann," flüsterte sie und legte den Elektroschocker neben sich auf das Sofa. „Ihr habt mir wirklich das Leben gerettet."
„Hör schon auf," winkte George ab, „ich werd noch ganz rot."
Die beiden lachten noch eine Weile, als Fred schließlich hereinkam.
„Auf frischer Tat ertappt," triumphierte er und hob spielerisch den Zeigefinger. „Und, hast du es ihr gegeben?" Die Frage war an seinen Zwillingsbruder gerichtet.
„Ja, hat er," antwortete Nellie für ihn und hob dabei den Elektroschocker hoch.
„Gut," sagte Fred und dann blieb sein Blick an etwas anderem hängen. „Das kommt mir doch bekannt vor," sagte er und hob ein kleines Buch vom Fensterbrett auf, wo es bisher unbemerkt gelegen hatte.
Nellie und George traten sofort zu ihm und Nellie entfuhr ein Keuchen.
„James' Notizbuch."
Fred und George sahen das Mädchen verblüfft an. Nellie nahm das Buch in die Hand und blätterte darin. Doch sie konnte nichts Auffälliges entdecken. Trotzdem kniff sie die Augen zusammen und schien scharf nachzudenken. Die Zwillinge lehnten sich näher zu ihr hin, um mitzulesen.
Plötzlich schlug Nellie das Buch zu und stürzte aus dem Kaminzimmer. Die Zwillinge sahen ihr einen Moment lang entgeistert nach, dann rannten sie hinterher.
