Kapitel 42:

Emil hätte sich seinen Aufenthalt bei den Todessern nicht ungemütlicher vorstellen können. Nachdem Voldemort ihn gefoltert hatte, war er in eine Zelle gebracht worden, die zwar nicht verschlossen, dafür aber von einem hünenhaften Mann bewacht wurde. Emil konnte keinen Schritt tun, ohne dass er von ihm belauert wurde. Das war ihm schon nach einem Tag mehr als lästig. Er war wütend auf sich selber, dass er sich auf dieses Spielchen eingelassen hatte. Immer wieder ballte er seine Hände zu Fäusten, wenn er daran dachte, was Voldemort ihm versprochen hatte für seine Fügsamkeit. Wie dumm er doch gewesen war, darauf reinzufallen! Wie hatte er nur einen Moment glauben können, dass dieser Dreckskerl Tote zurück bringen konnte! Er machte sich keine Illusionen mehr darüber, dass dies doch noch möglich sein könnte. So sehr er sich zu Anfang auch daran geklammert hatte. Er vermisste seine Eltern wirklich sehr und hätte alles dafür getan, noch einmal ihren Rat zu hören, doch hatte er die Lüge inzwischen durchschaut. Nun gut, eigentlich hatte er sich am Ende nicht alleine durch diese Verlockung dazu hinreißen lassen, Nellie auszuliefern, sondern es war sein schlechtes Gewissen gewesen, das ihn antrieb. All die Angriffe, all die Toten, mit denen Voldemort ihm zeigen wollte, dass er kein Mitleid mit Drückebergern hatte. Emil wusste inzwischen sehr genau, dass die Carols nur seinetwegen sterben mussten.

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Zu dem Zeitpunkt, als Emil sich in seiner Zelle der exzessiven Selbstanklage widmete, stürmte Nellie mit dem Notizbuch von James Potter in der Hand durchs Hauptquartier des Phönixordens, auf der Suche nach Harry. Fred und George rannten hinter ihr her und versuchten sie dazu zu bringen, ihnen zu sagen, was eigentlich los war. Als Nellie die restlichen Gryffindors schließlich in Harry und Rons Zimmer fand, keuchte sie und musste erst mal nach Luft schnappen, bevor sie irgendein Wort heraus bringen konnte. Sie ließ sich neben Hermine auf Rons Bett fallen und hielt Harry, der ihr gegenüber saß, das Buch entgegen. Alle starrten das Buch mit großen Augen an.

„Wo hast du das gefunden?", fragte Harry und blätterte das Buch ebenso durch, wie Nellie es noch vor wenigen Minuten getan hatte.

„Wir haben es überall gesucht," wunderte sich Ron und auch Hermine sah Nellie fragend an.

Die hatte inzwischen wieder genug Luft in den Lungen um zu antworten.

„Ihr werdet es nicht glauben, aber es lag im Kaminzimmer," schnaufte sie und die Zwillinge nickten dazu.

„Im Kaminzimmer?", staunte Harry und runzelte die Stirn, als er sie ansah. „Aber das kann nicht sein. Ich weiß genau, dass ich es im Sommer mit nach Hogwarts genommen hatte."

„Ja, genau," bestätigte Hermine. „Wir hatten noch darin gelesen. Wir hatten deine Notizen dazu gelegt."

Nellie nickte und sah dann zu Ginny rüber, die etwas verlegen aussah und errötete, als sie Nellies Blicke spürte.

„Ich hatte es aus dem Gemeinschaftsraum genommen," sagte sie dann ganz leise und alle Blicke richteten sich auf sie.

„Was sagst du da?", meinte Ron, der neben seiner Schwester saß.

„Warum?", fragte Hermine sanft, die merkte, dass es der jüngsten Weasley schwer fiel, dies zuzugeben.

„Ich weiß es auch nicht so genau," nuschelte die und sah immer noch auf ihre Füße. „Ich hab das Buch im Gemeinschaftsraum gesehen und es machte mir irgendwie Angst."

„Aber warum hast du es dann mitgenommen?", schaltete sich jetzt George ein, der sich neben Nellie aufs Bett gesetzt hatte.

„Ich hab erst versucht, herauszubekommen, was an dem Buch dran ist," erzählte Ginny weiter. „Aber ich kam nicht drauf. Es löste Erinnerungen in mir aus, die nur aus der Zeit vor diesem Angriff stammen konnten, aber sie waren zu undeutlich, als dass ich sie erkennen konnte. Es war so verwirrend. Dann hab ich es mitgenommen, um es Nellie zu zeigen. Ich hatte das Gefühl, dass sie mir vielleicht helfen könnte."

Hermine hatte Ginny beruhigend eine Hand auf den Arm gelegt.

„Warum hast du uns das nicht gesagt?", fragte sie leise und sah Ginny dabei mitfühlend an.

„Ich dachte, dass ihr mir das sicher nicht glauben würdet," antwortete sie und schluckte.

„Aber das erklärt immer noch nicht, was das Buch dann auf einmal im Kaminzimmer zu suchen hat," meinte Ron mit genervter Stimme.

„Nun," überlegte Nellie und schon wieder kaute sie an ihren Fingernägeln. „Du hattest das Buch an dem Abend bei mir liegen lassen. Dann kam Emil, daran erinnere ich mich noch." Bei dem Gedanken huschte ein sehnsüchtiger und gleichzeitig schmerzvoller Ausdruck über Nellies Gesicht. „Aber was danach damit war, weiß ich nicht mehr." Nellie runzelte die Stirn und grübelte, aber sie kam nicht darauf, ob sie das Buch danach noch mal gesehen hatte.

„Dann muss Warthrow es mitgenommen haben," sagte Harry mit nüchternem Tonfall.

„Aber warum sollte er das tun?", fragte Hermine, die jetzt genauso stark nachdachte wie Nellie. „Was könnte er damit anfangen?"

„Ist doch eigentlich offensichtlich," meinte jetzt Fred, der bisher nur stumm zugehört hatte. Sofort drehten sich alle Köpfe in seine Richtung. „Er hat wahrscheinlich herausgefunden, was in dem Buch drin steht und dachte, dass er damit Voldemort ein hübsches Geschenk mitbringen könnte, wenn er dich dort abliefert." Dabei sah er Nellie an.

Ron nickte, Harry sah zu Nellie, die den Kopf hängen ließ.

„Das könnte ich mir bei der Ratte auch vorstellen," murmelte sie. „Sich bei der Schlange einschleimen, ekelhaft."

„Boah," fuhr Ron auf einmal hoch und erschreckte damit alle. „Könnte es denn nicht aber auch sein, dass es Warthrow war, der euch damals mit diesem Buch aus dem Keller rausgeholt hatte? Ich meine, er könnte das Buch ja wieder erkannt haben."

„Du verteidigst ihn auch noch?", brauste Nellie auf und funkelte Ron wütend an.

„Oh, äh, nein," stotterte der, während er vor der fauchenden Nellie zurück wich. „Das ist mir nur grad eingefallen."

„So abwegig finde ich den Gedanken gar nicht," grübelte Hermine und Nellie warf ihr einen vernichtenden Blick zu.

„Nicht du auch noch."

„Aber denk doch mal drüber nach, Nellie," meinte sie an die Freundin gerichtet. „Wenn er die Bedeutung des Buches kannte, könnte es sein, dass er es wieder an sich genommen hat, um sich damit vielleicht gegen Voldemort zu schützen und vielleicht auch den Inhalt des Buches. Und wenn es nun hier wieder auftaucht, will er uns damit offensichtlich ein Zeichen geben."

Nellie sah ihre Freundin kopfschüttelnd an.

„Das macht für mich keinen Sinn," sagte sie, immer noch wütend. „Erst gibt er mir das Buch, um mich damit zu retten, dann nimmt er es mir wieder ab, ohne jemals ein Wort darüber zu verlieren und dann gibt er es mir wieder? Klingt doch alles etwas sehr bescheuert."

Hermine zuckte die Schultern und ihre Augen wanderten durch das Zimmer.

„Ich hab im Moment aber keine bessere Erklärung dafür, dass das Buch hier ist," meinte sie dann und man konnte ihr ansehen, dass es sie wurmte, keine bessere Lösung zu finden.

„Auf jeden Fall," fasste Harry zusammen, „scheint Warthrow das Buch aus Nellies Wohnung mitgenommen zu haben. Er ist jetzt bei Voldemort und das Buch wieder hier. Hm, meint ihr, er könnte das Buch her geschickt haben, um uns damit zu schützen oder das Buch?"

Hermine war sofort wieder hochkonzentriert.

„Vielleicht hat Warthrow das Buch als Druckmittel gegen Voldemort eingesetzt und es hier her geschickt, damit der es nicht in die Finger bekommt," überlegte sie und in ihrem Kopf schien sich ein Puzzle zusammen zu setzen. „Wer weiß, ob Voldemort über das Buch bescheid weiß? Stellt euch nur mal vor, dass dieses Buch von einem seiner Anhänger gefunden wurde, der erkannte, welche vernichtende Wirkung es auf den Dunklen Lord haben könnte. Dieser Anhänger müsste dabei natürlich ein doppeltes Spiel spielen und deshalb hat er auf eine Gelegenheit gewartet, dieses Buch unbemerkt an die richtigen Leute weiterzugeben. Wenn Warthrow das erkannte, hatte er ein Druckmittel in der Hand, mit dem er womöglich sein Leben retten konnte. Klar, dass er dann verhindern wollte, dass das Buch in Voldemorts Hände gerät, denn zum einen wäre sein Leben dann keinen Pfifferling mehr wert und zum anderen wäre Voldemort damit gewarnt, also lässt er es wieder dorthin zurück kehren, wo es von den richtigen Leuten entziffert werden kann."

Harry, Ron, Ginny, Nellie, George und Fred starrten Hermine mit großen Augen an.

„Aber so könnte es doch Sinn machen," sagte Hermine, etwas kleinlauter.

„Das würde nur voraussetzen, dass dieser Schuft eigentlich auf der guten Seite steht," knurrte Nellie und ballte die Hände zu Fäusten. „Aber er hat nichts dafür getan, mir in diesem Haus zu helfen…." Ihre Stimme erstarb und ihr Blick wurde plötzlich glasig.

„Nellie? Was ist los?" George berührte ihren Arm und sah sie besorgt an. Fred, der den Blick seines Bruders bemerkte, verdrehte grinsend die Augen.

„Ich hatte meine Tasche noch bei mir," murmelte Nellie dann geistesabwesend, „es war alles noch drin."

„Na, siehst du," lächelte Hermine. „So ganz sollten wir deinen Warthrow noch nicht abschreiben."

Die Blicke, die Nellie bei Emil wahrgenommen hatte, nachdem er sein „wahres" Gesicht gezeigt hatte, behielt sie aber für sich, sie wollte nicht, dass die anderen sie für ein emotionales Frack hielten. Das taten sie sicher ohnehin schon genug.

„Aber wie soll uns das Buch denn helfen?", warf Ginny ein.

Harry, Ron, Hermine und Nellie warfen sich vielsagende Blicke zu.

„Ihr wisst, was darin steht, nicht wahr?", staunte Ginny.

„Und habt es dem Orden nie erzählt?", grinste Fred.

„Wie unhöflich von euch," fügte sein Bruder nicht weniger grinsend hinzu.

Hermine sah Harry ernst an.

„Ich denke mal, dass wir es jetzt den anderen doch sagen sollten," meinte sie leise.

Harry schwieg.

„Vielleicht wird er Warthrow so lange foltern, bis er doch noch sein Wissen preisgeben wird," drängte sie weiter. „Wir können nicht davon ausgehen, dass dieses Geheimnis lange eines bleiben wird. Vielleicht weiß Voldemort sogar schon von dem Buch. Wir müssen jetzt schnell sein!"

Harry schwieg immer noch, doch man sah ihm sein Unbehagen an.

„Ich denke, dass Hermine recht hat," sagte Nellie. „Oder hast du inzwischen heraus bekommen, wie dieser Zauber angewandt werden muss, damit er funktioniert?" Dabei sah sie Harry aufmerksam an.

Der erwiderte ihren Blick kurz, schüttelte dann den Kopf und schwieg weiter.

„Würde wohl einer von euch Zwergen uns mal erklären," fing Fred an.

„Um was es hierbei eigentlich geht?", ergänzte George.

„Dass ich keine Ahnung davon hab, muss ich wohl nicht erst erwähnen, oder?", sagte Ginny neckisch und sah genauso neugierig aus wie die Zwillinge.

Hermine und Nellie sahen Harry fragend an. Ron hatte inzwischen das kleine Notizbuch in der Hand und blätterte jetzt selber darin rum.

Harry begann dann schließlich zu erzählen. In knappen Worten fasste er zusammen, was in dem Buch stand, beschrieb ihnen den Annulare Magia und die Probleme, die damit verbunden waren, aber auch die Hoffnung, die dieser Zauberspruch für die Zaubererwelt bedeuten könnte.

„Abgefahren," waren sich die Zwillinge einig, nachdem Harry geendet hatte.

„Wir werden es Remus erzählen," sagte Harry dann an seine Freunde gerichtet. „Er soll entscheiden, was weiter damit geschieht."

„Gute Idee," sagte Hermine und die Erleichterung war ihr anzumerken.

„Das wäre aber nicht alles, was wir ihm erzählen können," kam es von Ron, der mit weit aufgerissenen Augen in das kleine Buch starrte.

„Was ist denn los?", fragte Hermine und riss Ron das Buch aus der Hand. Als sie auf die Seite blickte, die Ron aufgeschlagen hatte, blieb ihr der Mund offen stehen und Nellie, die neben ihr mit las, keuchte auf.

„‚Das Buch muss geschützt werden, um jeden Preis, es ist der Schlüssel zu Sieg oder Niederlage. Es wird einen neuen Angriff geben. Zeit und Ort teile ich mit. E.W.'", las Nellie mit stockender Stimme vor.

„E.W.," grübelte Harry und sah Nellie dabei an.

„Emil Warthrow," ergänzte sie seine Worte und ihre Hände zitterten.

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Bevor Emil das Buch aus Voldemorts Reichweite hatte bringen müssen, hatte er genau so viel Zeit gehabt, es in einen ganz speziellen Portschlüssel zu verwandeln. Dieser machte das dem Buch einen Gegenstand, der es Emil erlaubte, es allein durch seine Gedankenkraft an einen Ort seiner Wahl zu bringen, falls es in Gefahr wäre, und das würde er spüren. Dann hatte Emil gerade noch genug Zeit gehabt, einen weiteren Zauber einzusesetzen, der ihm die Möglichkeit gab, Nachrichten in dieses Buch zu übertragen. Er würde auf diese zwar keine Antworten erhalten können, aber es wäre schon mehr als hilfreich den Orden über neue Anschläge im Vorfeld informieren zu können. Dieser Zauber war eine von Emils vielen Spezialitäten.

Er hatte lange darüber nachgedacht, ob er über diesem Weg auch eine Nachricht an Nellie schicken sollte, hatte diese Idee allerdings verworfen, da es ihn so schon viel Kraft kosten würde, Nachrichten zu versenden und er nicht wissen konnte, wer diese zu lesen bekam. Warum sollte er Nachrichten an sie schreiben, wenn er nicht einmal wusste, ob sie überhaupt an Nellie weitergegeben werden würden. Schließlich wusste er nicht, wo sie sich gerade aufhielt. Nein, seine Kraft musste er sinnvoller einsetzen.

Und so hatte er beschlossen, denjenigen Ordensmitgliedern, die das Buch finden würden, ein Zeichen zu geben. Er hatte sich auf seine harte Pritsche gelegt, so dass der Hüne vor seiner Tür keinen Verdacht schöpfen konnte und sich dann auf sein Ziel konzentriert. Er brauchte eine Weile, bis er damit fertig war und fühlte sich danach matt und angeschlagen.

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Die sieben Freunde waren geschlossen zu Remus gegangen, der in seinem Zimmer saß und etwas las. Er hatte zunächst misstrauisch geschaut, als auf einmal sämtliche junge Hausbewohner vor seiner Tür standen, hatte sie aber trotzdem herein gelassen. Nachdem sich alle gesetzt hatten, beschwor Remus heiße Schokolade für alle herauf und setzte sich ebenfalls. Dann sah er sich fragend in der Runde um und Harry begann zu erzählen, warum sie hier waren. Hermine fügte hin und wieder eine Information hinzu, doch sonst unterbrach ihn niemand. Remus nickte an manchen Stellen verstehend, runzelte an anderen die Stirn und als Harry geendet hatte, stand er auf, ging in dem Zimmer, so weit das zwischen so vielen Füßen möglich war, auf und ab und dachte nach.

„Das sind sehr wichtige Informationen, Harry," sagte er schließlich und sah den Jungen an. „Und ich muss sagen, ich hätte mir gewünscht, das alles schon früher zu erfahren."

Hermine nickte resigniert.

„Und was werden Sie jetzt machen?", fragte Harry.

Remus dachte noch einen Moment lang nach.

„Der Orden muss auf jeden Fall informiert werden," sagte er dann und sah die jungen Leute an. „Das werde ich übernehmen. Wir müssen uns daran machen, diesen Zauber von James aufzudröseln."

Bei der Erwähnung des Namens seines damaligen besten Freundes wurde sein Blick traurig.

„Ich wusste nichts von dem, was er da getan hat," murmelte er. „Das muss alles kurz vor seinem Tod gewesen sein."

„Mister Lupin," schaltete sich jetzt Hermine ein, „glauben Sie, dass das Buch von Emil hierher gebracht wurde? Und was denken Sie hat es mit dieser Nachricht auf sich?"

Remus sah sich die Worte in dem Buch sehr genau an.

„Es ist möglich, dass er es war, aber es kann auch eine Falle sein," meinte er dann und sah zu Ginny hinüber. „Harry hat erzählt, dass du bei dem Buch ein komisches Gefühl hattest," sagte er an sie gerichtet.

Ginny zuckte ein wenig zusammen, dann nickte sie.

„Kannst du das näher beschreiben?"

„Nein, aber," sie zögerte einen Moment und sah zu Nellie hin, die ihr kaum merklich zu nickte. „Ich hatte bei Warthrow das gleiche Gefühl."

Während die anderen Ginny ansahen, lief Remus noch eine Runde durchs Zimmer.

„Vielleicht hast du vor dem Vergessens-Zauber etwas wichtiges gesehen," grübelte er.

Dann drehte er sich um und nahm seinen Zauberstab aus der Tasche. Ginny sah ihn misstrauisch an.

„Es wird nicht weh tun, Ginny," beruhigte Remus sie. „Doch ich muss es tun."