Kapitel 43:
„Legilimens," sagte Remus sanft.
Ginny brach sofort japsend zusammen. Harry fing sie auf und hielt sie an sich gepresst, während er abwechselnd ihr Gesicht und das von Remus Lupin beobachtete.
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Ginny sah Bilder an sich vorbei huschen, die eindeutig zu ihrem Leben zu gehören schienen, mit denen sie aber nichts anzufangen wusste. Diese Bilder zogen immer schneller an ihrem inneren Auge vorbei und ihr wurde dabei leicht übel. Sie fühlte sich wie ein Buch, dass hektisch nach einer bestimmten Seite durchgeblättert wird und wartete sehnsüchtig darauf, dass der Sucher diese Seite endlich finden möge.
Und tatsächlich dauerte es nicht lange, als sich der Film, der vor ihren Augen ablief, endlich verlangsamte.
Sie sah die weiten Wiesen um Hogwarts herum. Sie stand neben Nellie, die gerade zu Boden ging und konnte Schreie hören. Ohne sich umblicken zu müssen, wusste sie, dass hinter ihr Hogsmeade brannte. Dieses Wissen erschreckte Ginny, denn mit einem Mal wurde ihr bewusst, was sie hier gerade sah. Dies war der Angriff, bei dem sie ihr Gedächtnis verloren hatte. Es war fast, als würde sie sich selber beobachten, wie sie sich zu Nellie herunterbeugte und im nächsten Moment einem Todesser „Stupor!" entgegen schrie.
Was geschah hier?
Nur Sekunden später wurde Ginny von jemandem umgerannt und blieb für einen Moment benommen auf der Erde liegen.
Es war beängstigend, sich selber zu beobachten und nicht eingreifen zu können. Waren das Erinnerungen von ihr, die hier abliefen? Es musste so sein. Lupin musste mit dem Zauberspruch, den er gerade ausgesprochen hatte, in ihr Gedächtnis eingedrungen sein. Glaubte er, hier herausfinden zu können, was das beklemmende Gefühl in ihr diesem Buch und Warthrow gegenüber ausgelöst hatte?
Ginny hob den Kopf und konnte Gestalten vom Schloss herunter laufen sehen. Sie hatten es sehr eilig und man konnte sehen, dass sie im Laufen schon Flüche auf die Todesser abfeuerten. Ganz vorne, mit einem Abstand von einigen Metern zu den anderen, konnte Ginny Warthrow erkennen, der genau auf sie zugerannt kam. Der Todesser, der sie gerade umgerannt hatte, blickte ebenfalls dem Lehrer entgegen, dann packte er grob Nellies Arm, die immer noch leblos auf der Wiese lag.
„Nein!", konnte Ginny Emil rufen hören. „Sie gehört mir! Lass die Finger von ihr!"
Der Todesser ließ Nellies Arm los, schaute aber grimmig zu Emil, der immer näher kam.
„Halt die Klappe, Warthrow," rief er. „Der Dunkle Lord will nicht mehr auf dich warten."
Ginny hielt die Luft an. Sie hatte ihren Zauberstab in der Hand, konnte ihn aber nicht einsetzen, so sehr war sie darüber schockiert, dass Warthrow und der Todesser anscheinend so gut miteinander bekannt waren, dass sie sich nicht sofort etliche Flüche an den Hals jagten.
„Er wird so lange warten müssen, bis ich sie ihm bringe," fauchte Warthrow, der jetzt fast bei ihnen angelangt war. „Verschwinde lieber, bevor ich dich schocken muss, Dewill."
„Wag es bloß nicht," antwortete der Todesser und sein Gesicht war wütend verzerrt.
„Es ist meine Mission, meine! Daran wirst du nichts ändern! Die anderen sind fast hier und wenn du nicht augenblicklich verschwindest, verfluche ich dich!", damit hob Warthrow den Zauberstab. Er stand jetzt genau vor dem Todesser, der wütend zuerst Nellie, dann Warthrow anblickte und schließlich disapparierte.
Ginny, die sich von ihrem ersten Schock erholt hatte, sprang auf.
„Was für eine M…..?", setzte sie an zu fragen, als Warthrow sie sah, überrascht die Augen aufriss, dann aber seinen Zauberstab hob und noch ehe sie ihren Satz beenden konnte „Amnesia!" rief.
Und schon ging das Gedankenkarussell um Ginny herum wieder los.
Es war also Warthrow gewesen! Mistkerl!
Lupin schien mit dieser Erinnerung, die er aus Ginnys Kopf gezogen hatte, noch nicht zufrieden zu sein und er wühlte weiter in ihrem Gedächtnis, wie in einer Kiste mit alten Fotografien.
Ginny wurde immer übler. Schließlich schien Lupin noch etwas entdeckt zu haben.
Ginny fand sich im Hauptquartier des Phönixordens wieder und es schien Sommer zu sein. Sie trug leichte Kleidung und durch ein Fenster konnte sie einen strahlend blauen Himmel erkennen. Sie lief alleine den Korridor zur Küche entlang, als sie plötzlich Bewegungen hinter sich wahrnahm. Instinktiv trat sie zur Seite und kurz darauf sah sie Emil Warthrow auf sich zu kommen. Er schien in Gedanken versunken zu sein und hatte den Blick in ein Buch vertieft, das Ginny beim näher kommen als das Notizbuch von James Potter erkannte. Warthrow hatte sie noch nicht entdeckt, als er schon fast auf ihrer Höhe war. Ginny erkannte das Buch, da sie erst am Abend vorher mit Nellie an der Übersetzung gearbeitet hatte. Die beiden jungen Frauen hatten es über Nacht in der Bibliothek liegen gelassen. Doch was machte der neue Lehrer jetzt auf einmal damit? Und was Ginny noch mehr wunderte war, dass er scheinbar darin zu lesen schien! Bisher hatte die junge Weasley niemanden außer Nellie gesehen, der so konzentriert in diesem Buch „las". Alle hatten nur verständnislos darin geblättert, doch Warthrow konnte mit diesen merkwürdigen Zeichen darin ganz eindeutig etwas anfangen.
„Können Sie die Zeichen entziffern?", fragte Ginny und trat einen Schritt auf den Lehrer zu, der vor Schreck darüber, nicht allein in dem Korridor zu sein, das Buch in seinen Händen fallen ließ.
„Ähm," stammelte Warthrow und sah Ginny unsicher an. „Nein, das kann ich nicht. Ich hab das Buch zufällig gefunden und fand es interessant."
Damit bückte er sich, nahm das Buch wieder auf und lächelte Ginny zu.
„Du bist Ginny Weasley, richtig?", hatte er dann gefragt und Ginny in eine kurze belanglose, aber freundliche Unterhaltung verstrickt.
Sofort verblasste die Erinnerung wieder und Ginny spürte, dass Lupin noch eine Weile in ihrem Gedächtnis nach weiteren Hinweisen auf Warthrow und seine Verbindung zu dem Buch kramte, dann spürte sie einen plötzlichen Ruck und der Film in ihrem Kopf hörte auf.
Sie schlug die Augen auf und das erste, das sie sah, war Harrys besorgtes Gesicht, das über sie gebeugt war. Seine Augen strahlten, als er ihren Blick erwiderte und Ginny spürte Wärme durch ihre Adern strömen, die sie so noch nicht kannte. Sie lächelte und Harry erwiderte es.
„Was haben Sie herausgefunden, Professor?", hörte Ginny Hermines Stimme ein Stück weiter.
„Nicht sehr viel," antwortete Remus.
Ginny setzte sich auf, blieb aber eng neben Harry sitzen, so dass ihre Schultern sich weiterhin berührten. Sie wollte diese Wärme noch nicht wieder aufgeben. Dann sah sie Lupin an, der ebenfalls in ihre Richtung blickte.
„Emil war es, der Ginny den Vergessenszauber auferlegt hat," sagte er dann und alle Anwesenden im Raum zogen scharf die Luft ein.
„Verdammter Dreckskerl," fluchte Nellie und Ginny konnte sehen, dass sie die Fäuste ballte.
Dann erzählte Remus Lupin von dem, was er in Ginnys Gedächtnis gefunden hatte. Es war ein kurzer Bericht.
„Warum hattest du nie erwähnt, dass du Emil mit dem Buch im Grimmauldplatz gesehen hast?", fragte Ron seine kleine Schwester.
„Keine Ahnung," meinte die nur und verdrehte etwas die Augen. „Mir war das alles gerade eben auch ziemlich neu."
„Wahrscheinlich hielt sie es nicht für wichtig," überlegte Hermine. „Ich meine, es war in dem Moment ja auch nicht wichtig. Er hat das Buch in der Bibliothek gefunden, was nicht weiter verwerflich ist, las darin und konnte scheinbar damit nichts anfangen. Was hätte uns das damals schon sagen können?"
Harry, der ebenfalls darauf achtete, den Körperkontakt zu Ginny nicht wieder zu unterbrechen, nickte.
„Und was sagt es uns jetzt?", fragte Ron, der von einem zum anderen blickte.
„Nun," begann Remus Lupin und sofort richteten sich alle Blicke auf ihn. „Es bestätigt uns, dass Emil mit diesem Buch mehr anfangen konnte, wie er Ginny weiszumachen versuchte. Auch wenn es nur eine Erinnerung war, konnte ich die Lüge doch sehr genau in seinen Augen erkennen."
Hermine sah ihn beeindruckt an. Ginny riss die Augen weit auf. Warum hatte sie das nicht selber erkannt?
„Es erklärt uns auf jeden Fall, warum das Buch und Emil auf dich bedrohlich wirken," fuhr er an sie gerichtet fort. „Es war zwar nur unbewusst, aber du wusstest von Emils Absichten, was Nellie betrifft. Dass du da auf ihn verwirrt reagierst ist nachvollziehbar, denn auch wenn das Gedächtnis gelöscht wird, haben wir doch immer noch die Intuition, die unabhängig von unseren Erinnerungen funktioniert und uns vor Dingen warnen kann, ohne dass wir den Grund dafür verstehen. Auch die Sache mit dem Buch würde ich auf deine Intuition zurückführen. Du wusstest von der besonderen Bedeutung des Buches und hast dich unterbewusst ebenso wenig wie ich von seiner Lüge beeindrucken lassen. Dein gesunder Menschenverstand hat hier ganze Arbeit geleistet," grinste er. „Er hat die beiden verdächtigen Teile in dir gespeichert und du hast dementsprechend darauf reagiert."
„Heißt das, dass Ginny sich unterbewusst eigentlich noch an alles erinnert?", fragte Harry und in seiner Brust keimte eine kleine Hoffnung auf.
„Es sind meist Gefühle, die wir auch außerhalb unseres Gedächtnisses mit manchen Dingen, Personen und Situationen verbinden und uns unterbewusst daran erinnern können," erklärte Remus, dabei sah er Harry ernst an und Harry hatte das Gefühl, als würde der Professor genau erkennen, was er mit dieser Frage gemeint hatte. „Doch die Betroffenen können meist nicht erklären, woher diese Gefühle kommen. Das Problem dabei ist auch häufig, dass diese Gefühle im Anschluss daran falsch interpretiert werden, eben weil sie keine feste Basis haben."
„Heißt das, dass ich Angst vor etwas empfinden kann, ohne zu wissen, wovor genau ich angst habe?", fragte Ginny verwirrt.
„Nun, nicht ganz," meinte Remus. „Du kannst deine Angst schon auf einen bestimmten Gegenstand beziehen, aber du kannst eher nicht sagen, was diese Angst auslöst. So war es ja auch bei Emil und dem Buch."
„Eigentlich seltsam," fing Hermine an und drehte nachdenklich eine Locke ihres Haares um ihre Finger, „dass all diese Erinnerungen immer noch in Ginnys Kopf vorhanden sind, wo sie sich doch nicht mehr daran erinnert."
Remus sah sie mit einem anerkennenden Grinsen an.
„Du hast völlig recht, Hermine," meinte er. „Aber das ist auch der Grund dafür, dass manche Menschen, die von einem Vergessens-Zauber getroffen wurden, sich irgendwann wieder an einzelne Passagen aus ihrem Leben erinnern können. Unsere Erinnerungen haben viel mit der Intuition zu tun, was ich ja schon erklärt habe, aber das erklärt nicht die Bilder, die ich in Ginnys Kopf immer noch finden konnte. Ein bisschen müsst ihr euch die Erinnerungen wie eine Leinwand vorstellen, auf der sie wie Gemälde in langen Reihen aufgemalt sind. Mit ein wenig Übung, oder auch der Legilimentik, kann man diese Bilder in beliebiger Reihenfolge immer wieder betrachten, auch wenn sie schon sehr alt sind. Wird nun aber ein Amnesia-Zauber gesprochen, könnt ihr euch das so vorstellen, dass diese Leinwände komplett übermalt werden, so dass vordergründig nichts mehr von den alten Bildern zu sehen ist und die Betroffenen sich an nichts mehr erinnern können. Nun kann es aber sein, dass die alten Bilder an manchen Stellen noch leicht durchschimmern, so dass sie zwar wahrgenommen, aber nicht mehr bewusst zugeordnet werden können. Oder aber ein geschickter Legilimentor kann die übermalte Farbe durchleuchten."
„Aber könntest du dann nicht Ginnys Erinnerungs-Bilder wieder zum Vorschein bringen," fuhr Harry aufgeregt dazwischen. „Wenn du die Bilder sehen kannst, kannst du ihr ihre Erinnerungen dann nicht wieder zurückgeben?"
Hermine sah Harry mit besorgtem Blick an, sie schien seine Gefühle zu durchschauen.
Remus schüttelte nur traurig den Kopf.
„Tut mir leid, Harry," sagte er. „Doch wenn das so einfach wäre, glaubst du nicht, dass ich das dann schon längst getan hätte? Ich kann nur einen kurzen Blick hinter die Deckfarben werfen und da Ginny diese Bilder genauso wahrnimmt wie ich in diesem Moment, kann sie sich daran auch wieder erinnern. Aber Harry, mach dir bitte keine Hoffnung, das sind nur kurze Frequenzen, mehr kann ich nicht verantworten."
„Ich habe von so etwas schon mal gelesen," meinte Hermine plötzlich leise. Sofort blickten sie alle an. „Man hat versucht, mit dieser Methode Betroffenen ihre kompletten Erinnerungen wieder zu geben, doch es war ein einziges Fiasko."
Remus nickte bestätigend.
„Die Zauberer, die bei diesen Versuchen mitgemacht haben, drehten völlig durch, bei der Wucht der Bilder, die mit einem Mal auf sie einströmten. Harry, du musst dir vorstellen, dass die Erinnerungen von 16 Jahren auf Ginny einstürzen. Das ist ein ganz schöner Haufen an Bildern! Zum einen ist das ein Prozess, der sehr lange dauert und zum anderen kann unser Gehirn diese vielen neuen Informationen gar nicht erfassen. Nicht umsonst sortiert es Erinnerungen nach wichtig und weniger wichtig. Wir wären völlig überfordert, uns an alles aus unserem Leben so genau zu erinnern, wie daran, was wir an diesem Morgen gefrühstückt haben."
„Die Versuchspersonen verloren ihren Verstand," sagte Hermine mit ernster Miene direkt an Harry gerichtet.
Der hatte verzweifelt die Hände geballt und ließ den Kopf hängen. Ginny neben ihm legte eine ihrer Hände sanft auf seine Fäuste, die sich bei dieser Berührung sofort entkrampften.
„Ich brauche die alten Erinnerungen nicht wieder," sagte sie leise und sah ihn dabei sanft an. „Solange ich neue Erinnerungen sammeln kann. Was auch immer zwischen uns war, Harry, wir haben die Möglichkeit neu anzufangen." Die letzten Worte flüsterte sie ihm zu und ihr Gesicht kam ihm dabei sehr nah. Harry blieb bei dieser Nähe die Luft weg und wenn sie allein gewesen wären, hätte er sie gerne geküsst. Doch sie waren nicht alleine.
„Nun, damit wissen wir, wer Ginny das angetan hat und warum sie ihre Erinnerungen nicht wieder bekommen kann," meinte Ron mit lauter Stimme und räusperte sich. Ginny zog ihre Hand verlegen zurück und Harry musste grinsen, als er bemerkte, dass sie rot wurde. Nellie schmunzelte schelmisch und die Zwillinge hatten verschmitzt die Köpfe zusammen gesteckt. Remus und Hermine hatten ein ernstes Gespräch begonnen, doch jetzt konzentrierten sich alle wieder auf das eigentliche Thema.
„Aber wie geht es jetzt weiter?", fuhr Ron fort und sah die anderen einen nach dem anderen an.
„Ich werde, sobald ich eure Neugierde gestillt habe, mit Moody sprechen," antwortete Remus. „Der Orden wird sobald wie möglich informiert und ich denke, wir sollten uns diesen Zauber hier mal genau ansehen." Dabei klopfte er auf das kleine Buch in seiner Hand. An Nellie gerichtet fuhr er fort: „Hast du die Übersetzung dieser Geheimschrift noch?"
„Die hatte ich Harry, Hermine und Ron gegeben," meinte diese und sah ihre Freunde an.
„Ich hatte sie das letzte Mal, als ich das Buch gesehen habe, dort hinein gelegt," sagte Hermine leicht zerknirscht und nickte in die Richtung des braunen Buches, das Remus in der Hand hielt. „Emil scheint sie heraus genommen zu haben. Aber ich habe mir Notizen über alles, woran wir uns noch erinnern konnten, gemacht. Die kann ich Ihnen geben."
„Das wäre sehr hilfreich, Hermine," lächelte Remus und sah die Gruppe dann mit leicht schief gelegtem Kopf an. „Und? Noch mehr Geheimnisse, die ihr mir mitteilen wollt?"
Nellie spürte seinen Blick kurz auf ihr ruhen, doch schien er nicht wütend zu sein.
Einer nach dem anderen schüttelte den Kopf und so standen die Teenager schließlich auf und verließen Remus' Zimmer.
„Kommt," sagte Fred, „lasst uns in die Bibliothek gehen."
Damit waren alle einverstanden und so verbrachten die Sieben den restlichen Tag damit, alle Informationen, die sie bisher über das Buch und Emil Warthrow hatten, zusammen zu tragen. Harry, Ron und Hermine vermieden es dabei, von den Horkruxen zu sprechen und Nellie sagte dazu ebenfalls nichts.
„Nur schade, dass wir das Buch nicht hier haben," meinte Ron schließlich, nachdem alle eine Weile geschwiegen hatten. „Was Warthrow wohl als nächstes schreiben wird?"
„Du hast Lupin doch gehört," sagte Hermine und sah Ron streng an. „Das könnte genauso gut eine Falle sein. Wir wissen bisher immer noch nicht sicher, auf welcher Seite Warthrow tatsächlich steht."
„Ich traue ihm alles zu," brummte Nellie, doch gleichzeitig fuhren ihre Finger zu den blütenförmigen Ohrringen, die sie trug. Remus hatte sie gefragt, ob sie sich nicht vorstellen könne, dass sie Emil tatsächlich etwas bedeutet hatte. Sie konnte sich diese Frage immer noch nicht beantworten. Auch wenn sie es so gerne glauben wollte, musste sie doch immer wieder daran denken, in welche Gefahr er sie gebracht hatte.
Die letzte Woche der Weihnachtsferien fand Nellie immer mehr zu ihrer alten Leichtigkeit und Fröhlichkeit zurück, was nicht nur ihr selber gut tat. Auch die restlichen Hausbewohner schienen erleichtert zu sein, dass sie wieder an Gesprächen teilnahm und sich nicht mehr die meiste Zeit des Tages in der Bibliothek verkroch. Die Gedanken an ihre Familie folgten ihr weiterhin, doch lasteten sie nicht mehr so schwer auf ihr und sie konnte sie als einen Teil ihres neuen Lebens betrachten. Ein wenig, wie ein Maskottchen.
Polly spürte die neu erwachten Lebensgeister ihrer großen Freundin ebenfalls und stiftete Nellie, genau wie in alten Zeiten, zu wilden Verfolgungsjagden an, wenn sie ihr die Schuhe wegschnappte und damit davon flitzte oder wenn sie ihr den Käse vom Brot stahl. Polly wurde, nach ihren ebenfalls nicht immer angenehmen Erlebnissen der letzten Zeit, auch wieder ganz die Alte. Sie ärgerte Krummbein und huschte mit Pig durchs Haus, oder kuschelte verträumt mit Arnold entweder bei Ginny oder Nellie auf dem Schoß.
Nellie verbrachte wieder viel Zeit mit den Zwillingen, besonders aber mit George, der ihr viele ihrer neuen Zauberscherzartikel vorführte. Passend zu Weihnachten hatten die Zwillinge beispielsweise einen Zauber entwickelt, der ein ganzes Gebäude in ein Lebkuchenhaus verwandelte, an dem man sogar knabbern konnte. Dieser Zauber hielt genau einen Tag an, danach erschien das ursprüngliche Gebäude wieder, unversehrt natürlich.
Nellie und George verbrachten aber auch viel Zeit damit, auf dem Dach des Hauptquartiers in der kalten Wintersonne zu liegen und den Wolken beim vorbeiziehen oder den kleinen Feuerwerken zuzusehen, die der Zwilling los ließ. George sorgte dabei für einen wärmenden Lufthauch oder auch für ein kleines Lagerfeuer, damit sie nicht frieren mussten, wenn ihnen danach zumute war. Es konnte aber auch sehr gemütlich sein, sich in dicke Decken gehüllt ganz eng an George anzukuscheln, und Nellie spürte, wie ihr George immer wichtiger wurde. Sie genoss seine Nähe und mochte die Art, wie er sie zum Lachen brachte. Es war ein bisschen wie in der schönen Zeit, die sie mit Emil verbracht hatte, nur doch irgendwie anderes. Emil war zwar mindestens genauso albern wie George gewesen, doch fühlte Nellie sich bei George mehr verstanden. Vielleicht lag es daran, dass sie das gleiche Alter hatten, Nellie konnte mit ihm über Dinge sprechen, die sie in Emils Nähe nicht hatte ansprechen wollen.
Als Nellie bewusst wurde, wie nah George ihr in der kurzen Zeit schon gekommen war, erschrak sie, denn sie wollte nicht, dass es vielleicht so aussah, als würde sie sich mit George über ihren Kummer mit Emil hinwegtrösten. Doch als sie daraufhin versuchte, George ein wenig aus dem Weg zu gehen, fiel ihr das auch nicht leicht. Also beschloss sie, die schönen Momente, die sie teilten, einfach zu genießen.
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Moody war inzwischen dunkelrot im Gesicht, als Remus Lupin seinen Bericht über das Notizbuch abgeschlossen hatte.
Es war noch für denselben Abend eine Sondersitzung des Phönix-Ordens einberufen worden und die Stimmung war insgesamt sehr gespannt und neugierig gewesen, was denn passiert sein könnte, dass alle so dringend in den Grimmauldplatz beordert worden waren.
Während Remus alle Erkenntnisse, die Harry, Ron, Hermine und Nellie zusammengetragen hatte, vortrug, hatte Mad-Eye Moody sich schon sehr zurück halten müssen, um nicht dazwischen zu poltern. Tonks war vor Staunen der Mund offen stehen geblieben und Molly Weasley machte einen geschockten Eindruck.
„Soweit erst mal," schloss Remus schließlich seinen Bericht. „Jetzt liegt es an uns allen zu entscheiden, wie weiter vorzugehen ist."
„Diese Gören sollten herein gerufen werden!", platzte es aus Moody heraus und alle sahen ihn erschrocken an. „Uns hier so ein Theater vorzuspielen, unverschämt!", brummte er weiter und sein magisches Auge war starr auf die schwere Holztür gerichtet, hinter der irgendwo Harry und die anderen warteten, was passieren würde.
„Beruhig dich, Moody," meinte Arthur Weasley an den alten Auror gewandt. „Die Kinder wussten wahrscheinlich nicht, wie wichtig das Buch werden könnte."
„Papperlapapp!", knurrte der als Antwort. „Wir sollten Potter inzwischen besser kennen. Albus war ihm ein zu guter Lehrmeister, als dass er immer all sein Wissen mit anderen teilt! Mit Sicherheit weiß er sogar noch mehr, von dem wir nichts ahnen!"
„Moody!", rief Tonks erbost. „Wenn Harry vorsichtig geworden ist mit dem, was er erzählt, dann spricht das, meiner Meinung nach, nur für seinen gesunden Menschenverstand."
„Pah, gesunder Menschenverstand!" Moody fixierte immer noch die Tür und ließ sich nicht beruhigen. „Der Junge weiß nicht, was gut für ihn ist. Los, holt sie rein, alle miteinander!" Er machte den Zwillingen, die der Tür am nächsten saßen ein Zeichen und die beiden sprangen auf. „Mal sehen, was ich aus der Bande noch herauskitzeln kann."
Der Ausdruck in seinem Gesicht ließ Tonks nach Luft schnappen und Remus zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen.
Als Harry, Ron, Hermine, Nellie und Ginny den Versammlungsraum betraten, sahen ihnen nicht nur freundliche Blicke entgegen. Molly und Arthur Weasley lächelten, Remus zwinkerte und Tonks versuchte ein lässiges Winken, was ihr aber nicht wirklich gelang. Moody dagegen sah so zornig aus, wie sie ihn noch nie gesehen hatten und einige andere Ordensmitglieder sahen ebenfalls ziemlich missmutig aus. Die jungen Leute hatten sich eigentlich eine andere Reaktion auf ihre Entdeckungen das Buch betreffend vorgestellt. Doch hier kamen sie sich vor, wie auf der Anklagebank.
„Setzt euch!", fuhr Moody sie an und deutete auf eine Bank, die an der Stirnseite des langen Raumes stand. Das war seltsam, denn die Ordensmitglieder saßen alle an einem großen runden Tisch, an dem für die Neuankömmlinge auch noch genügend Platz gewesen wäre. Doch Moody wollte ihnen offensichtlich deutlich machen, dass sie mit den Ordensmitgliedern nicht auf einem Level standen.
Es war tatsächlich wie eine Anklagebank, auf der sie nervös Platz nahmen. Doch Harry hatte nicht vor, sich als Angeklagter zu fühlen.
