Kapitel 44:
Hermine riss Augen und Ohren auf, als Harry das Wort ergriff.
Moody hatte gerade eine Schimpftirade über die jungen Leute hernieder gehen lassen, dass einem Hören und Sehen vergehen konnte. Während er sprach steigerte er sich immer mehr in seine Wut hinein, bis er schließlich so laut wurde, dass man ihn mit Sicherheit bis auf die Straße hinaus hören konnte. Während er sich so in Rage brüllte, hüpfte sein magisches Auge boshaft von einem Gesicht der „Angeklagten" zum nächsten.
Harry hatte sich während dessen nicht gerührt, hatte Moodys Blick nur fest erwidert. Erst, als offensichtlich war, dass der Ex-Auror nichts mehr zu sagen hatte, war Harry aufgestanden und hatte die Schultern gestrafft.
Hermine war in diesem Moment aufgefallen, was für eine Präsenz doch inzwischen von ihm aus ging. Die Blicke der Ordensmitglieder richteten sich sofort auf ihn und es war offensichtlich, dass sie auf das warteten, was er zu sagen hätte. Und er hatte so einiges zu sagen.
Ron hatte seinen Freund noch nie so autoritär erlebt wie an diesem Tag. Bisher war Harry ihm eher zurückhaltend und sogar in manchen Bereichen recht schüchtern vorgekommen, aber jetzt und hier war davon rein gar nichts zu spüren.
Ginny starrte Harry einfach nur an und Nellie musste sich ein Grinsen verkneifen, bei dem Gesicht, das Moody immer mehr entgleiste.
Zunächst einmal wiederholte Harry in gelassenem Tonfall, wie sie auf das Geheimnis des Buches gestoßen waren. Er ließ dabei Moody keinerlei Gelegenheit, ihn zu unterbrechen, sondern erklärte weiter sehr sachlich und ruhig, warum sie dem Orden bisher nie etwas davon erzählt hatten. Das besondere an Harrys Rede war jedoch, dass er sehr deutlich seine Entrüstung darüber zum Ausdruck brachte, hier wie ein Verbrecher vorgeführt zu werden. Er ließ seine ganze Wut darüber zum Ausdruck kommen, wie der Orden ihn seit dem Tod von Sirius behandelt hatte. Darüber, dass er in diesem Haus festgehalten wurde, das er so sehr hasste, darüber, dass er keinen unbeobachteten Schritt tun konnte und ihm so wenig Vertrauen entgegen gebracht wurde, selber zu entscheiden, was er unternehmen sollte und was nicht. Man merkte, dass auch noch die vielen Dinge, die Dumbledore ihm all die Jahre verheimlicht hatte, an ihm nagten. Das Gefühl, wie ein dummer, unzurechnungsfähiger Junge behandelt worden zu sein, brauchte nun Genugtuung. Auch Harry begann sich mehr und mehr in Rage zu reden, nur waren die Emotionen hinter seinen Worten um so vieles nachvollziehbarer als bei Moody. Nicht selten sah man unter den Ordensmitgliedern nickende Köpfe und betretende Blicke. Harry brauchte seine Stimme gar nicht zu erheben, um den gleichen Effekt auszulösen, nämlich das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben.
Als Harry sich wieder setzte, herrschte eine Weile nervöse Stille im Raum. Hermine legte ihm eine Hand auf den Arm und lächelte ihn an. Harry erwiderte ihren Blick, wirkte aber erschöpft. Ginny sah ihn jetzt voller Bewunderung an. Als Ron diesen Blick bemerkte, musste er grinsen, denn es erinnerte ihn an die kleine Ginny, die Harry damals so angehimmelt hatte. Nellie hatte ihren Blick auf den runden Tisch gerichtet, an dem die Ordensmitglieder sich gegenseitig unsichere Blicke zuwarfen. Moody schien sehr verwirrt, er machte immer wieder den Mund auf, als wollte er etwas sagen, klappte ihn dann aber doch wieder zu. Er sah aus wie ein Fisch auf dem Trockenen.
Tonks zwinkerte den Teenagern dann zu und stand auf.
„Ich denke, dass Harry recht hat," sagte sie in die Runde und alle Köpfe ruckten zu ihr herum. „Wir sollten endlich aufhören, ihn wie einen kleinen Jungen zu behandeln. Klar, wissen wir alle, was er schon geleistet hat und insgeheim ist sich garantiert auch jeder von euch darüber klar, dass er allein diesen Krieg für uns beenden kann, aber trotzdem haben wir noch immer nicht aufgehört, zu versuchen, ihn in einen goldenen Käfig zu stopfen."
Molly sah sehr betrübt aus, doch ihre Muttergefühle für Harry schienen sich mit dem Gedanken, dass sie Harry damit schaden könnte, nicht vereinbaren zu lassen, denn sie schüttelte nur den Kopf.
Remus jedoch nickte bekräftigend und als Tonks sich setzte, übernahm er das Wort.
„Unser dringendstes Problem sollte jetzt nicht sein, jemandem irgendeine Schuld zu geben, sondern vielmehr diesen Fluch zu knacken."
Als die Ordensmitglieder nun wieder ein Gesprächsthema hatten, bei dem sie ihren guten Willen für den Sieg der weißen Seite unter Beweis stellen konnten, entbrannte eine heiße Diskussion darüber, wie dieser Todesfluch von James Potter auf der richtigen Seite eingesetzt werden könnte.
Harry, Ron, Hermine, Ginny und Nellie, denen kein weiteres Interesse entgegen gebracht wurde, verließen schließlich aus dem Versammlungsraum und verzogen sich wieder ins Kaminzimmer.
„Boah, Harry, das war echt mal ne krasse Ansprache," meinte Ron anerkennend, sobald sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.
„Allerdings," kam Nellies Unterstützung, „hätte nie gedacht, dass du denen so Paroli bieten könntest."
Harry grinste, sagte aber nichts dazu.
„Denkst du, dass sie das Problem mit diesem Fluch lösen werden?", fragte Hermine ihn.
„Keine Ahnung, ist mir eigentlich grad auch egal," antwortete Harry und ließ sich in einen Sessel fallen. „Wenn ich Voldemort am Ende gegenüber stehen sollte, kann mir von denen sowieso keiner helfen."
Hermine und Ron wechselten einen Blick.
„Du willst doch wohl nicht wieder damit anfangen, diesen Fluch selber auszuprobieren?", fragte Hermine mit strenger Stimme nach.
Ginny hatte sich am Kamin zu schaffen gemacht und ein angenehmes Feuer begann im Hintergrund zu knistern. Harry sah zu ihr hinüber und fing einen Blick von ihr auf, der ihm ein Lächeln entlockte. Sie setzte sich in den Sessel neben Harry.
Nellie saß auf einem Fensterbrett, ließ die Beine baumeln und blickte in Gedanken versunken aus dem Fenster. Polly hatte es sich auf ihrer Schulter gemütlich gemacht.
Hermine, die immer noch auf eine Antwort wartete, baute sich bedrohlich vor Harry auf.
„Nun?"
Harry zuckte überrascht zusammen, er hatte ins Feuer geschaut und ihre Frage völlig vergessen. Als er aber jetzt ihr besorgtes Gesicht über sich schweben sah, kam ihm die Erinnerung zurück.
„Hermine, ganz ehrlich," meinte er und richtete sich in dem Sessel auf, „wenn das für mich die einzige Möglichkeit ist, zu überleben, werde ich natürlich weiter daran arbeiten, diesen verfluchten Zauber zu beherrschen. Und schau mich nicht so an, oder ist es dir lieber, dass Voldemort mich in Stücke reißt?"
Hermine sah geschockt aus.
„Nein, natürlich nicht…aber Harry, pass bloß gut auf!"
Keine zehn Minuten später hörten sie aufgeregte Schritte den Flur entlang eilen. Die Tür zum Kaminzimmer sprang auf und Fred und Georg kamen atemlos herein.
„Es gibt einen neuen Angriff!", platzte Fred heraus, während Georg aufgeregt nickte.
Sofort waren die Teenager alle auf den Füßen.
„Wann? Wo?", riefen sie durcheinander.
„Morgen, in London," erklärte Georg und sah Nellie an. „Es steht in dem Buch."
„Emil," flüsterte Nellie und ihre Stimme bebte vor unterdrückter Wut.
Georg nickte.
„Die Info ist vor höchstens zwei Minuten plötzlich erschienen," fuhr Fred fort.
„Und stellt euch vor," sprach Georg mit einem schelmischen Funkeln in den Augen weiter.
„Der Orden möchte euch dabei haben," vollendete Fred den Satz und die Zwillinge grinsten in die Runde.
Vor Verblüffung brachte erst mal keiner ein Wort hervor.
„Nun ja," fing Georg noch mal an und kratzte sich betreten hinter dem linken Ohr, „du bist damit nicht gemeint, Nellie, aber du bist auch keine Hexe."
Nellies Gesicht färbte sich erst rosa, dann dunkelrot und ihr Kinn bebte vor Zorn.
„Das ist ja wohl die frechste Frechheit, die mir je passiert ist!", begann sie zu poltern. „Da haben sie jetzt endlich eingesehen, dass sie Harry und die andren als gleichwertige Hexen und Zauberer akzeptieren müssen und schon haben sie das nächste Opfer für ihre diskriminierende, selbstherrliche Art gefunden! Hab ich nicht auch schon oft genug bewiesen, dass ich aus härterem Holz geschnitzt bin, als andere Muggel-Tussis? Und wenn einer das Recht haben sollte, Emil in den Arsch zu treten, dann sollte ich das ja wohl sein!"
Fred und Georg grinsten sich an und Hermine berührte Nellie beruhigend am Arm.
„Niemand kann dir vorschreiben, was du zu tun und zu lassen hast," meinte Georg nur.
Hermine wirbelte zu den Zwillingen herum. Sie hatte scheinbar ganz etwas anderes zu Nellie sagen wollen.
„Seid ihr denn verrückt geworden?", fuhr sie die Beiden an. „Keiner von uns wird da morgen mitgehen!"
Jetzt war es an Harry und Ron loszupoltern.
„Na klar werden wir das!", rief Ron und hatte die Fäuste geballt. „Seit Jahren warte ich auf diesen Tag, dass der Orden uns mal mitkämpfen lässt!"
Auch Harry sah nicht so aus, als würde er sich von dieser Gelegenheit abbringen lassen.
Hermine sah wütend von einem der Beiden zum Anderen.
„Das kann doch wohl nicht euer Ernst sein," fauchte sie, „ihr habt doch keine Ahnung, auf was ihr euch da einlasst!"
„Na, und ob," fauchte Ron zurück, nicht weniger aufgebracht als seine Freundin. „Du weißt selber, dass wir schon oft genug den Todessern gegenüber gestanden haben!"
„Und es war immer nur reines Glück, dass wir glimpflich da wieder heraus gekommen sind!", keifte sie und erinnerte sehr stark an Mrs. Weasley. „Im Übrigen war es meist Harry allein, der denen die Stirn geboten hat. Und Harry, du bist doch wohl vernünftig genug zu wissen, dass du noch nicht soweit bist!"
Harry schnaubte.
„Wann bin ich es denn deiner Meinung nach dann?! Es kann jeden Tag soweit sein, dass Voldemort vor der Tür steht und mich herausfordert! Ich bin soweit, wie ich nur soweit sein kann!"
Hermine schnappte nach Luft, wusste aber offensichtlich nicht, was sie dazu noch sagen sollte. Hilfe suchend sah sie von Nellie zu Ginny.
„Mich brauchst du nicht anzusehen," meinte Nellie nur und man sah ihr an, dass sie fest entschlossen war, sich den Todessern ein weiteres Mal zu stellen.
Ginny schien dagegen unter Hermines Blick zu schrumpfen.
„Also ich bin noch lange nicht soweit, mich irgendwelchen Angriffen zu stellen," meinte sie mit leiser Stimme. „Aber ich denke trotzdem, dass Harry selber entscheiden sollte, was er tut." Bei ihren letzten Worten sah Ginny betreten auf ihre Schuhe, denn sie hätte Hermines zornigem Blick nicht standhalten können. Harry sah Ginny mit sanftem Blick an und legte einen Arm um ihre Schulter. Er zog sie zu sich und sie legte ihren Kopf gegen seine Schulter.
Hermine schnaubte, machte auf dem Absatz kehrt und rauschte aus dem Kaminzimmer. Polly sprang ihr fröhlich hinterher.
„Nun, sie wird sich auch wieder beruhigen," sagte Fred kopfschüttelnd. „Wir brechen heute Abend noch auf nach London."
Ron sah Hermine immer noch stirnrunzelnd hinterher, nickte aber entschlossen.
