Kapitel 45:

Sie hatten sich hinter Telefonzellen, Mülleimern und parkenden Autos versteckt. Jeder einzelne von ihnen war bis in die Haarspitzen konzentriert.

Tonks hatte vor Aufregung angefangen, an den Dreadlocks, die sie heute trug, herum zu friemeln und Nellie kaute an ihren Fingernägeln. Harry schaute immer wieder zwischen den Hexen und Zauberern, die neben ihm kauerten, hin und her und behielt gleichzeitig den breiten Platz vor ihnen im Auge.

Es war dieser Platz, an dem, laut Emils Aussage, der nächste Angriff von Voldemort stattfinden sollte. Ein belebter und auch bei Touristen sehr beliebter Platz, der jetzt aber wie ausgestorben vor ihnen lag. Das Ministerium hatte der Muggelpolizei von einem angedrohten Giftgas-Anschlag erzählt, woraufhin der Platz geräumt und abgesperrt worden war. Dass die Muggelpolizei kein riesiges Aufsehen veranstaltet hatte, konnten die Ordensmitglieder Scrimgeour nur hoch anrechnen. Hier hatte der Zauberei-Minister zur Abwechslung mal ganze Arbeit geleistet. Von Muggeln war weit und breit nichts zu sehen und Moody konnte nur hoffen und beten, dass sich dieser Tipp nicht schon wieder als Reinfall erweisen würde, denn die Geduld des Ministers war schon lange an einem Minimum angelangt.

Tonks änderte gerade vor Langeweile zum siebten Mal ihre Haarfarbe und Remus rollte nervös seinen Zauberstab zwischen den Handflächen, als die Luft in der Mitte des Platzes zu flimmern begann.

Nachdem sie alle schon seit Stunden hier ausharrten, spannten sich die Körper der Ordensmitglieder sofort in voller Konzentration an. Hermine neben Harry umfasste ihren Zauberstab fester und Ron kniff die Augen zusammen. Harry sah nur sehr kurz zu seinen Freunden, die alle neben ihm hockten. Er grinste bei dem Gedanken, daran, dass Hermine beim Aufbruch nach London doch ganz selbstverständlich mitgekommen war und sich strikt weigerte, jeglichen weiteren Kommentar zu ihrer Meinungsänderung abzugeben. Dann konzentrierte Harry sich wieder auf den Todesser, der nun erschien. dann konzentrierte er sich wieder auf den Todesser, der nun erschien. Es war eine gedrungene, plumpe Gestalt, in einen schwarzen Umhang gehüllt. Auf den zweiten Blick konnte Harry erkennen, dass diese Gestalt doch nicht alleine war, sondern neben sich eine zweite festhielt, die jedoch schlaff auf dem Boden lag. Der Todesser, der stand, blickte sich hektisch um und als er sich schnell um seine eigene Achse drehte, konnte man erkennen, dass auch er einen Zauberstab in der rechten Hand hielt. Harry sah schnell zu Moody rüber, um zu sehen, ob er einen sofortigen Angriff für sinnvoll hielt. Es wunderte ihn, dass nur so wenige Todesser erschienen. Für einen Angriff würden doch um einiges mehr benötigt werden. Moody schien dasselbe zu denken und blickte zu Harry zurück, merklich irritiert. Es war abgemacht gewesen, dass die Ordensmitglieder einen Anti-Apparier-Zauber über den Platz legen würden, sobald die Todesser auftauchten, doch wenn sie diesen Zauber jetzt anwendeten, würden eventuell nachkommende Todesser sofort gewarnt, und das wäre nicht der Sinn der Sache.

Trotz der kurzen Verwirrung, reagierte Moody noch schnell genug. Bevor der Todesser, der immer noch in der Mitte des Platzes stand, wieder disapparieren konnte, hatte Moody ihm magische Fesseln angelegt, die mit einem solitären Anti-Apparier-Zauber belegt waren, so dass er nicht mehr fliehen konnte, gleichzeitig der Platz aber für mögliche andere Todesser weiterhin offen blieb. Remus, der neben Moody kauerte, sprach einen anderen Zauber und im nächsten Moment bewegte sich der Todesser langsam auf Remus zu. Es sah aus, als würde er von unsichtbaren Stricken gezogen und es war offensichtlich, dass ihm das ganz und gar nicht gefiel.

Doch auch nachdem der Todesser von den Ordensmitgliedern in Empfang genommen und ins Ministerium gebracht worden war, blieb das einzige, das den Platz bevölkerte, diese Gestalt, die immer noch bewegungslos am Boden lag. Es schien ein Mann zu sein, der ebenfalls in einen schwarzen Umhang gehüllt war. Nellie neben Harry wurde bei dem Anblick immer unruhiger.

Remus war inzwischen zu Harry herüber gekommen.

„Diesen Todesser eben kennt keiner im Ministerium und natürlich ist er auch nicht bereit, uns freiwillig irgendeine Information zu geben," sagte er mit grimmigem Gesichtsausdruck.

„Was ist hier eigentlich los? Wo sind die anderen Todesser?", fragte Harry. „Das kann doch nicht alles sein!"

Remus zuckte mit den Schultern.

„Ich versteh es genauso wenig, Harry," meinte er und fuhr sich mit einer Hand über die Augen. „Die Aussage in dem Notizbuch war eindeutig."

Damit fuhr er mit einer Hand in seine Umhangtasche, griff jedoch offensichtlich ins Leere. Er begann mit zwei Händen seine Taschen zu durchstöbern, fand jedoch nicht, wonach er suchte. Er runzelte die Stirn.

„Ich muss es doch im Hauptquartier liegen gelassen haben," meinte er dann nachdenklich.

„Das Buch?", hakte Harry nach.

„Ja, ich dachte ich hätte es eingesteckt."

Harry sah wieder zu der Gestalt hin, die in der Mitte des Platzes lag.

„Und was ist mit dem da?", fragte Harry leise und deutete mit einem Kopfnicken auf den Platz.

Remus folgte seinem Blick und zuckte abermals die Schultern.

„Wir sind uns noch nicht sicher," meinte er dann, „wir wollen noch einen Augenblick warten, ob nicht doch vielleicht noch mehr Todesser auftauchen, dann sehen wir nach wer es ist. Du kennst doch Moody, er rechnet mit einer Falle."

Nellie, die den Blick immer noch nicht von der leblosen Gestalt genommen hatte, packte plötzlich Remus' Arm.

„Wir sollten sofort nachsehen," sagte sie, immer noch den Körper anstarrend.

Remus und Harry tauschten einen verwirrten Blick.

„Wieso, was ist denn?", fragte Harry und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Auch Hermine und Ron sahen Nellie fragend an.

Nellie begann plötzlich zu zittern und ihre Hand krallte sich immer fester in Remus' Ärmel. Als sie ihren Blick von der Gestalt am Boden losriss und Harry direkt ins Gesicht blickte, hatten ihre Augen einen panischen Ausdruck.

„Es ist Emil," hauchte sie und Tränen glitzerten in ihren Augen.

„Woher…", begann Remus, doch da war Nellie schon aufgesprungen und rannte auf den Platz hinaus und auf den leblosen Körper zu. Harry, Ron und Hermine liefen hinter ihr her, nachdem sie ihren ersten Schreck überwunden hatten. Auf der anderen Seite des Platzes erschien Moodys wütendes Gesicht und Tonks' grasgrüner Kopf.

Nellie erreichte die Gestalt am Boden, ließ sich auf die Knie fallen und drehte den Körper um, so dass sie sein Gesicht sehen konnte. Es war von einer schwarzen Kapuze bedeckt. Mit bebenden Händen packte sie sie entschlossen und zog sie herunter. In diesem Moment kamen die drei Freunde bei dem Muggel-Mädchen an.

- - - - - - - - - -

Die Todesser hatten sich in dem geräumigsten Kellerraum versammelt und warteten nur noch auf den Dunklen Lord, der jeden Moment eintreffen musste. Denn es war angekündigt worden, dass er bei diesem Angriff dabei sein wollte. Es war ein spontaner Plan gewesen, denn seitdem dieser verflixte Phönix-Orden so verdammt hellhörig geworden war, mussten Anschläge, die auch gelingen wollten, kurzfristig angesetzt werden. Diesmal war es Saggins gewesen, der den Ort ausgesucht hatte.

Die Versammelten traten nervös von einem Fuß auf den anderen. Der Lord verspätete sich sonst nie!

Mit einem Mal gab es einen gewaltigen Schlag und die schwere Tür, die zu dem weitläufigen Raum führte, wurde so heftig aufgestoßen, dass sie mit dumpfem Knall gegen die Steinwand schlug. Alle Köpfe flogen sofort alarmiert herum.

Mit wehendem Mantel und zu Schlitzen verengten, glühenden Augen, glitt Voldemort herein. Er zerrte einen Mann hinter sich her, dem das Entsetzen ins Gesicht geschrieben war. Hinter den Beiden huschte Wurmschwanz in den Raum. Er sah sehr mit sich zufrieden aus und rieb sich schadenfroh die Hände.

Mit einer zornigen Bewegung stieß Voldemort den Mann, den er hinter sich her geschleift hatte, zwischen die wartenden Todesser, die sofort vor ihm zurückwichen, als habe er eine ansteckende Krankheit. Er stolperte und stürzte schließlich zu Boden, wo er sich sofort aufrichtete und sein ängstlich verzerrtes Gesicht Voldemort zuwandte.

„Das muss ein Missverständnis gewesen sein!", rief er und Verzweiflung war aus seiner Stimme zu hören.

Voldemort kam bedrohlich auf den Mann zugeschritten und seine Finger ballten sich zu harten Fäusten, als wolle er dem Mann, der nach hinten auswich, ins Gesicht schlagen.

„Lüg mich nicht an!", zischte der Dunkle Lord und jedes einzelne seiner Worte war wie ein Eissplitter, der sich dem bebenden Mann ins Herz bohrte.

Irgendwann konnte er nicht weiter vor dem Schwarzmagier zurückweichen, der so viel Schrecken verbreitete, nicht nur unter seinen Feinden. Der Mann kauerte sich an der Wand, die er nun im Rücken hatte, zusammen. Es war sinnlos, jetzt noch weiter zu widersprechen.

Voldemort hob seinen Zauberstab, richtete ihn auf den Mann und ließ ihn unter einem Cruciatus vor Schmerz aufbrüllen.

„Jeder, der es wagt, mich anzulügen, wird dieselbe Strafe erfahren!", richtete er das Wort an alle Anwesenden. Seine Stimme klang immer noch schneidend und die unbändige Wut darin, war nicht zu überhören. Viele der anderen Todesser nickten bestätigend und sahen auf den gefolterten mit verächtlichen Mienen herab. Doch der ein oder andere unter ihnen schluckte hart und versuchte ein Gesicht zur Schau zu legen, das so harmlos wie nur möglich aussehen sollte.

„Dieser Wurm hier hat es gewagt, mich zu hintergehen!", brüllte Voldemort nun und richtete einen weiteren Cruciatus auf den Mann, der sich schon nicht mehr rührte. „Er dachte, mich ausliefern zu können!"

Wurmschwanz trat jetzt vor und reichte seinem Meister ein kleines Notizbuch, das der ein oder andere der Todesser schon einmal gesehen hatte. Voldemort packte es, blätterte darin herum und blieb auf einer Seite hängen. Er hob das Buch hoch, so dass alle Todesser sehen konnten, was auf der aufgeschlagenen Seite stand: ANGRIFF! MORGEN! LONDON! CARMINGTONPLATZ! DER ORDEN MUSS GEWARNT WERDEN!

„Dieser Abschaum hier arbeitet für den Orden! Er hat Informationen weitergegeben! Nur mit Legilimentik bin ich dem Mistkerl auf die Schliche gekommen. So schlau es auch geplant gewesen sein mag, aber niemand hintergeht Lord Voldemort!" Er redete sich immer mehr in Rage und schritt dabei mit wehendem Umhang durch den Raum.

„Verräter!", schrie einer der Todesser erbost.

„Tötet ihn, Herr!", rief ein anderer.

„Das werde ich tun, Pasington, das werde ich, doch lasst euch das alle eine Lehre sein!"

Damit drehte er sich um, hob noch einmal lässig seinen Zauberstab und sprach mit schriller Stimme: „Avada Kedavra!"

Der Mann am Boden zuckte nicht einmal zusammen, als er von dem tödlichen grünen Strahl getroffen wurde und vollends zu Boden sackte.

„Sniffer!", rief Voldemort und ein untersetzter, plumper Mann löste sich bebend vor Angst aus der Menge der Todesser. Er trat auf den Dunklen Lord zu, fiel auf die Knie und küsste dessen Füße, was der sich spöttisch grinsend gefallen ließ.

„Herr?"

„Du wirst diesen nutzlosen Abschaum hier nach London bringen, an den verabredeten Ort."

Sniffer riss entsetzt die Augen auf.

„Aber Herr, der Orden wird doch dort auf uns warten!"

„Dann sorg dafür, dass sie dort noch eine Weile beschäftigt sein werden." Und an Malfoy gerichtet: „Wir brechen sofort auf."

Der nickte und gab einigen anderen Todessern ein Zeichen.

Voldemort wirbelte herum und verschwand.

Sniffer, der jetzt von jeder Menge neugieriger Blicke festgenagelt wurde, sah sich genötigt, dem Befehl des Lords Folge zu leisten, also packte er einen Arm des Toten und disapparierte.