Kapitel 46
Zu Siebt saßen sie trübselig im Tropfenden Kessel und starrten schweigsam Löcher in ihre Flaschen mit Butterbier, die schon längst abgekühlt waren. Nach dem ins Wasser gefallenen Angriff waren Moody und einige andere Ordensmitglieder sofort weiter ins Ministerium appariert, um den einzigen Gefangenen zu vernehmen. Moody war so wütend gewesen, dass der mit Sicherheit keine Chance haben würde, irgendetwas zu verschweigen. Harry, Hermine, Ron, Nellie, die Zwillingen und Ginny war noch nicht danach zumute gewesen, direkt in den Grimmauld Place zurück zu kehren und so hatten sie sich an einen Tisch in einer Ecke des Tropfenden Kessels zurückgezogen und hangen dort ihren Gedanken nach. Mr. Weasley saß mit Tonks und Remus an einem anderen Tisch. Im Gegensatz zu den jungen Leuten waren die Drei in eine angeregte, wenn auch geflüsterte Unterhaltung vertieft, dessen Inhalt den jungen Leuten mehr als klar war.
Was war schief gelaufen? Hatte Emil sie alle täuschen wollen? War das Ganze vielleicht ein Ablenkungsmanöver gewesen? Gab es womöglich in diesem Moment einen tatsächlichen Angriff an einem ganz anderen Ort? Was war mit Emil geschehen?
Ginny, die neben Nellie saß, warf ihrer Freundin immer wieder unsichere Blicke zu. Seit Nellie erkannt hatte, dass es sich bei dem Toten auf dem Platz um den ehemaligen Muggelkunde-Lehrer und ihren besten Freund handelte, hatte sie kein Wort mehr gesprochen. Sie hatte nicht einmal geweint, sondern Emil nur mit glasigem Blick festgehalten. Harry hatte sie schließlich am Arm genommen und von dem Toten weggezogen. Nellie hatte sich nicht gewehrt und schien um sich herum nichts mehr wahrzunehmen. Auch Hermine wirkte bei ihrem Anblick betreten und blies sich immer wieder die Haare aus dem Gesicht. Georg, der auf Nellies andere Seite saß, hatte ihr einen Arm um die Schulter gelegt, doch das Mädchen schien davon nichts zu bemerken. Sie hatten es alle aufgegeben, Nellie anzusprechen, da sie doch nicht reagierte.
Nellie bekam jedoch sehr wohl mit, dass ihre Freunde um sie herum sich sorgten. Sie spürte Georges Arm beruhigend um ihre Schulter und sie hörte Ginnys aufmunternde Worte. Doch sie hatte das Gefühl, als läge eine viel zu große Daunendecke über ihr, die sie daran hinderte, sich zu rühren oder auch nur Luft für eine Antwort zu holen. Vor ihren Augen spielte sich eine Welt ab, die abgedunkelt war und trotzdem so klar, dass sie Harrys Gesicht ihr gegenüber genau erkennen konnte. Doch sie hatte nicht die Kraft, dieses Gewicht von sich abzuschütteln.
Dass Emil tot war, erschien ihr so…unvorstellbar. Er war ein Mistkerl gewesen, eindeutig, aber tot? Wieso war er auf einmal tot? Er hatte ein ganzes Jahr lang diese gefährliche Gratwanderung betrieben, ohne dabei abzustürzen, wie konnte er dann auf einmal tot sein? Hatte er nicht gerade erst versucht, auf die richtige Seite zu kommen? Hatte er nicht versucht, wieder gut zu machen, was er ihr angetan hatte? Auch wenn sie es sich die letzten Tage nicht hatte eingestehen wollen, war das doch anscheinend der Fall gewesen. Aber warum musste er dann gerade jetzt sterben? Und obwohl diese Gedanken Nellie schier zur Verzweiflung brachten, konnte sie doch nicht um ihn weinen. Sie spürte ganz genau, dass ihr das Herz schier zerriss. Spürte, dass er ihr fehlte und doch wollten keine Tränen kommen. Stattdessen spürte sie wieder die Schmerzen, die sie in diesem Keller hatte ertragen müssen. Fühlte das Misstrauen, das er in ihr ausgelöst hatte. Doch was, wenn es Emil gewesen war, der sie damals aus dem Keller befreit hatte? Es verwirrte sie einfach zu sehr und so ließ sie ihren Kopf einfach auf ihre Arme sinken. Ginny umarmte sie sofort und doch blieben Nellies Augen trocken.
Ron blickte nachdenklich von seinem Butterbier auf und starrte ins Feuer des nahen Kamins. Einen Augenblick später verfärbten sich die Flammen dort plötzlich smaragdgrün und bevor irgendjemand reagieren konnte, stürzte eine blutverschmierte Gestalt auf die Steine vor der Feuerstelle, rappelte sich sofort wieder auf und hielt einen zitternden Zauberstab in Richtung Kamin. Über die Schulter hinweg schrie der Mann:
„Angriff!"
In der Kneipe breitete sich sofort Panik aus. Die wenigen Gäste sprangen von ihren Stühlen auf und die meisten von ihnen flüchteten sich entweder auf die Straße ins Muggel-London oder in die Winkelgasse. Nur wenige, Harry und seine Freunde darunter, sprangen mit gezückten Zauberstäben kampfbereit auf. Keine Sekunde zu früh, denn einen Moment später sprangen fünf weitere Männer aus dem breiten Kamin, jeder einzelne in einen schwarzen Umhang und Maske gehüllt – Todesser. Sie begannen sofort mit Flüchen um sich zu schießen und machten Platz für weitere Angreifer, die aus den grünen Flammen nachrückten. Insgesamt etwa 20.
„Oh, verdammt," murmelte Ron, als er sich auch schon ins Getümmel stürzte.
Nellie fühlte sich für einen Moment tatsächlich wie betäubt, doch dann verschwand die Decke, die kurz vorher immer schwerer auf ihr gelastet hatte und sie griff nach ihrem Rucksack, der zwischen ihren Füßen gestanden hatte.
Nach wenigen Augenblicken herrschte in der engen Kneipe ein heilloses Durcheinander. Tische und Stühle lagen entweder zerschmettert oder umgekippt auf der Erde und Rauch machte sich breit. Hier und dort lagen Verletzte, doch in dem Chaos ließ sich nicht mehr erkennen, zu welcher Seite sie gehörten. Harry hatte Ginny unter einem Stuhl hervorgezogen, nachdem sie mehrmals geschockt worden war und zerrte sie hinter sich, um sie besser schützen zu können, während sein Schutzwall langsam nachließ. Ginny war sehr geschwächt und hatte die Augen geschlossen, war jedoch unverletzt. Harry schleifte sie hinter die Bar, wo sie einigermaßen sicher zu sich kommen konnte, dann brach der Schutzzauber zusammen und er feuerte dem nächststehenden Todesser einen Messer-Fluch entgegen, der ihn an der Schulter erwischte. Doch Harry musste sich sofort ducken, als aus einer anderen Ecke ein Todes-Fluch auf ihn zugesirrt kam. Harry sah, während er in Deckung ging und dem Angreifer einen Beinklammer-Fluch entgegenschleuderte, aus den Augenwinkeln Mr. Weasley, der neben Ron in einer Ecke von vier Todessern eingekreist wurde und sprang ihnen sofort zu Hilfe.
Hermine hatte es geschafft, zwei Angreifer mit einem Fessel-Zauber lahm zu legen und Nellie hatte mit einigen ihrer Zaubertränke drei weitere außer Gefecht gesetzt, als endlich Verstärkung aus dem Ministerium eintraf.
Moody, der unter den Auroren war, die von Tom, dem Wirt, informiert worden waren, konnte sich ein anerkennendes Kopfnicken nicht verkneifen, als er erkannte, dass die Jugendlichen wirklich gute Arbeit geleistet hatten. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis alle verbliebenen Todesser überwältigt und abgeführt worden waren.
Fred hatte eine böse Brandwunde abbekommen und Ron blutete an der Wange, aber sonst waren sie alle unverletzt. Ginny kam auch hinter der Bar hervor gekrochen und grinste Harry an, als Moody auf ihn zutrat, um ihm die Hand zu schütteln.
„Nun, Potter," knurrte er, „gar nicht schlecht, gar nicht schlecht."
Das war wohl das größte Lob, dass der alte Auror einem Jüngeren aussprechen konnte, denn mit diesen Worten drehte er sich auch schon wieder um und trat auf Remus zu, der Harry zuzwinkerte und Moody dann erklärte, was gerade geschehen war.
Mr. Weasley hatte sich unterdessen zu dem Mann gekniet, der so völlig überraschend aus dem Kamin gestürzt war und das Chaos damit ausgelöst hatte. Der Mann war über und über mit Russ und Staub bedeckt, seine Kleidung war mit Blut getränkt, und als Harry jetzt näher auf ihn zu trat, konnte er erkenne, dass er feuerrote Haare hatte. Er schien verletzt zu sein, denn er lag auf dem Rücken, hatte sich eine Hand an die Seite gepresst und atmete keuchend. Mr. Weasley kniete neben ihm, versorgte seine Verletzung und sprach ruhig mit ihm. Harry kniete sich neben ihn und erkannte den Mann sofort.
„Charlie," rief er erstaunt. „Was ist passiert?"
Mr. Weasley drehte sich zu Harry.
„Voldemort hat, während wir auf ihn gewartet haben, die Drachengehege in Rumänien, in denen Charlie arbeitet, angegriffen. Er wollte die Drachen entführen."
„Die Drachen?", fragte Harry. „Aber sind die nicht wild? Was will er denn mit denen?"
„Das weiß keiner so genau," keuchte Charlie und setzte sich ein wenig auf.
Mr. Weasley stützte seinem Sohn sofort den Rücken und half ihm, nicht wieder nach hinten zu kippen.
„Wir haben gegen sie gekämpft, doch es waren zu viele," erzählte der älteste Spross der Weasleys stockend weiter. „Einige der Drachen haben uns unterstützt."
Und auf Harrys ratlosen Blick hin fügte er grinsend hinzu.
„Nicht alle unsere Schützlinge sind wild und gefährlich, Harry. Es gibt Drachenarten, die sich sogar zähmen lassen, aber versuch das bloß niemals mit den hier einheimischen Sorten."
„Habt ihr sie besiegen können?"
„Ich weiß es nicht," fuhr Charlie fort. Ein Hustenanfall schüttelte ihn einen Moment, bevor er fortfuhr. „Ich wollte Hilfe holen und habe unseren Kamin benutzt. Doch kurz bevor ich in den Flammen verschwinden konnte, sah ich, dass Todesser mich bemerkt hatten. Wir haben keinen gesicherten Kamin, also war es für sie nicht besonders schwierig, mir zu folgen."
Moody war inzwischen zu ihnen getreten und hatte die letzten Sätze mitgehört.
„Wir brechen sofort auf."
Und ohne ein weiteres Wort hatte er die anderen Auroren zu sich gewunken und wenige Augenblicke später waren sie alle im Kamin verschwunden.
Charlie, der inzwischen etwas leichter atmete, hatte sich mit Georges Hilfe auf einen Stuhl gehievt. Jetzt standen alle um ihn herum.
„Es tut mir leid, dass ich euch in Gefahr gebracht habe," sagte er nach einer Pause mit hängendem Kopf. „Aber der Kamin im Grimmauld Place war für mich nicht zugänglich und das Ministerium hat für ausländische Kamine Sonderregelungen, die mich nur blockiert hätten. Außerdem hatte ich gehofft, unbemerkt fliehen zu können." Dabei ballte er die Fäuste und sah ehrlich zerknirscht aus.
„Mach dir keine Gedanken," sagte Mr. Weasley beruhigend. „Ich hätte an deiner Stelle das Gleiche getan. Hier findet man immer Zauberer oder Hexen, die Hilfe holen können. Und alles in allem," fügte er mit einem Grinsen hinzu, „war das für uns endlich mal ein richtiger Erfolg."
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Kurz bevor Harry und seine Freunde nach Hogwarts zurückkehrten, tauchte Scrimgeour plötzlich im Hauptquartier auf. Die Hausbewohner hatten sich in der Küche zusammengesetzt und frühstückten gerade, als er aus dem Kamin trat, in Begleitung von Moody. Alle starrten den Minister erstaunt an und Molly wieselte sofort los, um dem Gast eine Tasse Tee zu bereiten. Remus stand auf, um Scrimgeour zu begrüßen und bot ihm an, sich an den Tisch zu setzen, was der auch mit einem freundlichen Nicken annahm.
Der Minister hatte sich, seit Harry ihn zum letzten Mal gesehen hatte, nicht verändert. Höchstens durchzogen seine Mähne einige weitere silbergraue Strähnen.
Scrimgeour sah sich am Tisch um und nickte dem ein oder anderen begrüßend zu, bis sein Blick an Harry haften blieb. Der erwiderte den Blick fest, auch wenn ihm unangenehm bewusst war, was als nächstes passieren würde. Zu seiner Überraschung war es jedoch Nellie, die als erste das Wort ergriff.
„Haben Sie herausgefunden, was mit Emil Warthrow geschehen ist?", fragte sie und sofort richtete sich Scrimgeours fixierender Blick auf sie.
Er musterte sie eine Weile, ohne dass zu erkennen gewesen wäre, wie er auf ihre Frage reagieren würde, dann wendete er sich wieder Harry zu, ohne weiter auf Nellie einzugehen.
„Ich habe nicht viel Zeit und möchte mein Angebot vom letzten Sommer noch einmal wiederholen, Mister Potter."
Harry blickte kurz zu Nellie, die empört den Mund geöffnet hatte und dann zu Hermine und Ron, die nicht weniger wütend aussahen. Tonks, die neben Nellie saß, biss sich, vor Wut bebend, auf die Lippen, hatte Nellie aber eine Hand auf den Arm gelegt, wie um sie davon abzuhalten, dem Minister für seine Ignoranz ins Gesicht zu springen.
„Mal ganz davon abgesehen, dass es nicht besonders höflich ist, eine Frage unbeantwortet zu lassen," begann Harry langsam, „kann ich nicht verstehen, wie Sie davon ausgehen können, dass ich meine Meinung über Ihre Arbeitsweise geändert habe." Harry hatte die Hände zu Fäusten geballt und sah wieder zu Nellie hin, die seinen Blick erwiderte und sich offenkundig nur schwer zügeln konnte. „Auch wenn Sie und Ihr Ministerium ihren Teil zu diesem Krieg beitragen, sehe ich Sie doch immer nur reagieren auf das, was der Orden Ihnen vorträgt. Wo bleiben Ihre eigenen Aktionen gegen Voldemort und seine Todesser?" Jetzt sah Harry dem Minister in die Augen. Der verzog keine Miene. „Was haben Sie bisher unternommen, um Angriffe zu verhindern? Was haben Sie getan, um Ihre Mitarbeiter oder den Orden zu schützen?" Harrys Fäuste verkrampften sich immer mehr. „Wann haben Sie sich das letzte Mal in Gefahr gebracht, um Ihren Beitrag zu leisten? Ich sehe nach wie vor keinen Grund, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, wenn doch der Orden es ist, der immer wieder agiert. Seine Mitglieder sind es, die ihr Leben riskieren, um den Krieg zu beenden. Dieser Orden ist es, den ich unterstützen möchte, denn hier werde ich gebraucht." Harrys Fingernägel hatten sich schmerzhaft in seine Handflächen gebohrt. „Und wenn Sie nur einen Funken Anstand besitzen, dann beantworten Sie Nellies Frage."
Scrimgeour blinzelte einen kurzen Moment, bewahrte jedoch seine würdevolle Haltung. Er sah Harry ausdruckslos an.
„Ich hätte wissen müssen, dass Sie bei Ihrer Meinung bleiben, Mister Potter," sagte er und seine Stimme verriet nicht die geringste Emotion. „Ihr Lehrer, Professor Dumbledore, wäre genauso stur geblieben. Doch kann ich nicht umhin, Ihre Stärke und Loyalität anzuerkennen, die nicht nur der Arbeit des Ministeriums gute Dienste leisten könnte. Sie sollten langsam daran denken, Mister Potter, dass ihre Schulzeit bald beendet sein wird und was für Möglichkeiten sich danach für Sie eröffnen könnten." Sein Blick verhärtete sich. „Oder auch welche sich Ihnen zukünftig entziehen werden."
Dann drehte er sich zu Nellie. Er sah sie herablassend an.
„Was Mister Warthrow angeht, so kann ich Ihnen sagen, dass er durch den Avada Kedavra-Fluch starb."
Mit dieser Information hatten alle Anwesenden bereits gerechnet.
„Das haben wir uns auch selber denken könne," murmelte Tonks vor sich hin.
„Sie wissen genau, dass ich das allein mit meiner Frage nicht meinte," sagte Nellie und straffte dabei die Schultern. Sie hatte ihre Gefühle gut unter Kontrolle, nur eine tiefe Falte auf der Stirn verriet, dass sie immer noch wütend war.
Scrimgeour kniff die Augen zusammen.
„Miss Carols, richtig?", fragte er.
Nellie nickte nur und reckte dabei das Kinn vor. Der Minister wusste nicht, dass sie eine Muggel war. Dass er sich an ihren Namen erinnerte, verwirrte sie, dass er sie aber mit solch unverhohlener Ablehnung ansah, machte ihr Angst.
„Natürlich wollen Sie wissen, wie er gestorben ist," fuhr der Minister fort und inzwischen war alle Neutralität, die er zuvor noch zur Schau getragen hatte, von ihm gewichen. „Ich weiß sehr gut, wie Sie zu ihm gestanden haben. Über ihre kleine Romanze hat das ganze Ministerium gelacht. Sicher hat Mister Warthrow sich, ähnlich wie Mister Potter hier, hartnäckig geweigert, mit dem Ministerium zusammenzuarbeiten und doch war uns stets bekannt, was er macht, denn auch er hätte eine herausragende Karriere vor sich haben können. Ein hervorragender Zauber, das muss ich schon sagen, wenn auch leichtsinnig. Wusste nicht, was ihm gut tut. Er hatte ein Händchen dafür, sich mit den falschen Leuten abzugeben. Oder auch mit den falschen Frauen." Ein gehässiges Grinsen zuckte kurz über seine Mundwinkel. „Mit Sicherheit verfolgte er stets nur die besten Absichten, besonders, wenn sie ihm selbst zu Gute kamen."
Nellies Augen weiteten sich bei den Worten des Ministers immer mehr.
„Und nichts für Ungut, Miss Carols, Sie haben ihm mit Sicherheit bei seinen Aufträgen gute Dienste geleistet."
Nellie sackte in sich zusammen. Tonks neben ihr warf dem Minister einen wütenden Blick zu, nur Remus sprach aus, was alle dachten:
„Was soll das, Minister? Sie haben kein Recht, über einen Verstorbenen dermaßen abfällig zu reden!"
„Hab ich nicht? Hat dieser Mann sie nicht ausgenutzt und betrogen? Hat er den Orden nicht verraten und hinters Licht geführt?"
„Woher wissen Sie das so genau?!", rief Nellie plötzlich dazwischen. Ihre Wangen waren gerötet und ihre Augen sprühten Funken. „Sie haben doch keine Ahnung, was er getan hat!"
Scrimgeour schüttelte seine Mähne.
„Nun, vielleicht kenne ich nicht die Details, aber allein aus Ihrer Reaktion heraus kann selbst ein Muggel erkennen, dass ich doch mit Vielem richtig liege." Sein Blick wurde jetzt wieder weicher. „Er scheint Ihnen viel bedeutet zu haben. Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber Emil Warthrow war ein durch und durch egoistischer Mensch."
„Er war ein guter Mensch," zischte Nellie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Wenn er seine Fehler hatte, so stellte er damit keine Ausnahme dar, doch er wusste genau, auf welcher Seite er stand."
„Oh, absolut," unterbrach sie Scrimgeour, „er stand immer auf der Seite, die ihm gerade den größten Nutzen versprach."
„Hören Sie auf so von ihm zu sprechen!" Nellie war jetzt völlig außer sich. „Sprechen Sie über jeden so, der sich nicht widerstandslos mit Ihren Zielen verbündet? Werden Sie über Harry genauso urteilen, wenn er eines Tages tot sein sollte?"
„Emil hat Fehler begannen, daran besteht kein Zweifel," mischte sich jetzt Remus in den Streit ein und sah Nellie mit sanftem Blick an. „Und doch war er ein feiner Kerl. Er wurde von Voldemort getäuscht, das kann den Besten von uns passieren. Das ist aber noch lange kein Grund, ihn als Egoisten zu bezeichnen." Er blickte den Minister ernst an und trat dann zu Nellie, der er eine Hand auf die Schulter legte. „Er hat seine Fehler erkannt und sein Möglichstes dafür getan, sie wieder gut zu machen."
„Er hätte Sie alle verraten, das sollten Sie nicht vergessen," sagte Scrimgeour und ließ seinen unnachgiebigen Blick über die Anwesenden wandern. Dann traf sein Blick wieder Harry. „Ich wünsche Ihnen noch ein erfolgreiches letztes Schuljahr."
Mit diesen Worten trat er wieder auf den Kamin zu und verschwand darin.
Molly Weasley stand immer noch sprachlos da, als Harry aufstand und zu Nellie trat, die immer noch bebend auf ihrem Stuhl saß.
„Emil war ein feiner Kerl," sagte er und setzte sich neben sie. „Er hatte den Tod nicht verdient."
Nellie sah ihn an und ihre Unterlippe bebte, als sie Harry umarmte.
