Kapitel 48:

„Was zum Teufel ist das?"

Ron saß kerzengerade in seinem Bett und sah sich panisch um. Harry zog sich seine Schuhe an und wurde, als er aufstand, von einem neuerlichen Erbeben der Schlossmauern zurück aufs Bett geworfen.

„Keine Ahnung."

Die anderen Jungen im Schlafsaal waren auch hellwach und sahen sich mit vor Schreck geweiteten Augen um.

Ron schwankte zu Harry rüber.

„Denkst du, es hat was mit der Tasse zu tun?"

„Wie kommst du denn darauf?"

„Vielleicht haben wir so eine Art Warnsystem aktiviert," murmelte Ron und zog sich ein paar Socken an.

Harry musste grinsen und schüttelte den Kopf.

„Du hörst dich schon an wie ein Muggel."

Wieder erschütterte ein Dröhnen die Mauern und Putz rieselte von der Decke herunter. Harry stand vorsichtig auf, hangelte sich an der Wand entlang bis zum Fenster und blickte hinab. Bis auf einige Schüler sah er nichts.

Das nächste Dröhnen war so laut, dass die Jungen sich die Hände auf die Ohren pressten. Die Betten knirschten und eine Lampe fiel krachend zu Boden. Aus dem Gemeinschaftsraum ertönten Schreie.

Harry warf sich seine Jacke über und rannte nach unten, Ron war dicht hinter ihm. Unten sahen sie, dass der große Kronleuchter, der in der Mitte der hohen Decke gehangen hatte, heruntergestürzt war und einen Schüler getroffen hatte. Zwei Mitschüler zerrten ihn gerade unter dem Kandelaber hervor. Ein Mädchen stand schluchzend daneben. Hermine kam auch gerade die Treppe aus ihrem Schlafsaal herunter gelaufen. Sie lief sofort zu Harry und Ron.

„Was geht hier vor?"

„Ich hatte gehofft, dass du das wüsstest," brummte Ron.

„Vielleicht ein Erdbe…"

In diesem Moment wurde das Schloss erneut so stark erschüttert, dass glühende Holzscheite aus dem Kamin rollten und eine Fünftklässlerin verbrannten. Hermine stürzte sofort zu ihr, zog ihren Zauberstab und wollte einen einfachen Kühlzauber sprechen, doch nichts geschah. Verwirrt sah sie ihren Zauberstab an, probierte es dann noch mal, doch immer noch tat sich nichts. Harry, der sich neben sie gehockt hatte, konnte sich das auch nicht erklären. Sie hatten jedoch keine Gelegenheit, der Sache weiter auf den Grund zu gehen, als auch schon das nächste Beben die Treppe zu den Mädchen-Schlafsälen teilweise einstürzen ließ. Wieder ertönten Schreie. Harry und Ron rannten auf die Treppe zu und halfen dabei, Steine zur Seite zu heben, um eingeklemmten Schülern zu helfen. Ginny stand plötzlich neben Harry. Sie war kreidebleich im Gesicht, fing aber sofort an, ebenfalls Steine aus dem Weg zu schaffen. Hermine kümmerte, sich ohne ihren Zauberstab, um das verletzte Mädchen.

„Wenn das ein Erdbeben wäre, würde es nicht in so häufigen und kurzen Abständen kommen," überlegte Harry laut, während sie einen Erstklässler aus dem Trümmerhaufen heraushalfen. „Es würde eine Weile wackeln, aber dann wäre es vorbei. Das hier ist kein natürliches Beben."

Bevor Ron noch zu einer Erwiderung ansetzen konnte, begannen die Wände wieder zu zittern, noch mehr Putz rieselte heraus und kleine Steine lösten sich aus der Decke. Keine Minute später stand plötzlich Professor McGonagall im Gemeinschaftsraum. Sie hatte sich einen Umhang übergeworfen, ihr Haar stand wirr vom Kopf ab und sie wirkte mehr als beunruhigt.

„Bitte, bleiben Sie alle ruhig," verkündete sie mit ihrer gewohnt strengen Stimme, die jedoch ein wenig zitterte. „Ich möchte, dass sie alle so schnell und ruhig wie möglich das Schloss verlassen."

„Professor," rief Harry und lief auf die Lehrerin zu, „was geht hier vor?"

„Es tut mir leid, Mister Potter," antwortete sie, „aber das kann ich Ihnen auch nicht sagen. Professor Moody und die anderen Lehrer versuchen gerade herauszufinden, was dieses Beben ausgelöst hat. Nun gehen Sie schon."

Damit scheuchte sie alle Schülerinnen und Schüler, die völlig orientierungslos in dem runden Raum herumgerannt waren, aus dem Portraitloch heraus.

Harry, Ginny, Hermine und Ron blieben zurück.

„Wir müssen schauen, ob noch andere in den Schlafsälen sind," sagte Hermine.

„Schaut ihr bei euch nach," erwiderte Harry und blickte zu der zerstörten Treppe, die zu den Jungen-Schlafsälen geführt hatte. „Das bei uns dürfte schwieriger werden."

Ginny und Hermine rannten los und Harry und Ron kletterten über die zerstörte Treppe so weit sie kamen nach oben. Die Erschütterungen, die immer wieder das Schloss zum Schwanken brachten, machten es ihnen dabei nicht gerade leichter.

„So kommen wir nicht weiter," keuchte Ron. „HEY!", schrie er dann. „Ist da oben noch jemand!?"

Sie warteten eine Weile, doch es meldete sich niemand. In diesem Moment ertönte wieder ein ohrenbetäubendes Krachen von unten. Harry und Ron rannten sofort in den Gemeinschaftsraum und sahen gerade noch eine Staubwolke von der anderen Treppe aufsteigen, als auch die in sich zusammenbrach.

„Oh, verdammt!"

Harry bahnte sich sofort einen Weg zur Treppe und sah gerade noch einen roten Haarschopf auf sich zukommen, bevor Ginny ihm hustend in die Arme lief.

„Wo ist Hermine?", fragte Ron, der nachgekommen war und sich erschrocken umsah.

Eine neue Welle ließ sie schwanken.

„Sie war hinter mir," keuchte Ginny, drehte sich sofort um und alle Drei liefen zurück zur Treppe. Hermine lag am unteren Ende auf dem Boden und blutete an der Stirn. Ein großer Steinbrocken lag auf ihrem Bein.

„Hermine!", rief Ron entsetzt, stürzte sofort zu ihr und schob den Stein zur Seite.

Hermine stöhnte auf vor Schmerz.

„Ich war schon auf der letzten Treppenstufe, als sie einstürzte," sagte sie stockend und versuchte, sich aufzurichten, sank jedoch mit einem kurzen Aufschrei wieder zurück. Ron packte ihren Arm und zog sie hoch. Sie war so leicht, dass er sie ohne Probleme stützen konnte.

„Wir müssen hier weg, bevor das ganze Gebäude zusammenbricht," rief er durch das Dröhnen hindurch.

Die Vier rannten, so schnell sie mit der verletzten Hermine konnten, durch das Schloss. Es herrschte das reinste Chaos. Überall liefen verängstigte und verletzte Schüler herum, manche saßen völlig apathisch in einer Ecke und schienen nicht zu verstehen, was um sie herum geschah, Schreie ertönten aus allen Richtungen. Man sah sogar aufgescheuchte Hauselfen durch die Gänge rennen. Doch das seltsamste war, dass die Treppen kein einziges Mal die Richtung änderten, die vielen Bilder an den Wänden sich keinen Zentimeter bewegten und auch die Trickstufen nicht mehr zu funktionieren schienen. Harry runzelte die Stirn, als ihm das alles auffiel. Erst als ihnen Dobby plötzlich über den Weg lief, lüftete sich das Geheimnis ein wenig.

„Was ist hier los, Dobby?" fragte Harry sofort, doch anstatt einer Antwort versuchte der kleine Hauself, einfach weiterzulaufen, als habe er Harry nicht bemerkt.

„Dobby?", hakte Harry nach und hielt den Hauselfen an der Schulter fest. „Was ist los?"

„Oh, Mister Harry Potter, Sir, Sie müssen hier ganz schnell verschwinden!"

Harry stutzte.

„Wieso? Was ist verdammt noch mal los? Ist das wieder so eine Verschwörung? Hatten wir nicht schon mal geklärt, dass du mir solche Sachen direkt sagen kannst?"

„Sir, Dobby kann Ihnen nicht mehr sagen," quiekte der Hauself aufgeregt. „Es geschehen seltsame Sachen im Schloss. Dobby sieht es, kann es aber nicht verstehen."

„Was sind das für Sachen?", fragte Ginny sanft.

„Wir Hauselfen können unsere Magie nicht mehr benutzen, Miss Weasley," jammerte Dobby. Seine Augen schwammen in Tränen. „Dobby muss Winky finden! Dobby hat Winky seit zwei Tagen nicht mehr gesehen. Er muss wissen, dass es ihr gut geht!"

Der Hauself wehrte sich gegen Harrys Griff und schüttelte seine Hand schließlich ab.

Harry sah seine Freunde mit gerunzelter Stirn an. Auch Hermine, die sich von ihrem Schrecken wieder erholt hatte, sah besorgt aus.

„Ich konnte meinen Zauberstab nicht benutzen," sagte sie.

„Und die Hauselfen können ebenfalls keine Zauberei mehr anwenden," ergänzte Ginny.

„Es sieht so aus, als würde es im ganzen Schloss keine Magie mehr geben," sagte Harry und sah sich um.

Das Dröhnen war noch stärker geworden und überall im Schloss hörte man Schreie und das einstürzen ganzer Mauern.

Ron zog plötzlich seinen Zauberstab heraus und sagte: „Lumos." Nichts geschah.

Er sah Harry mit weit aufgerissenen Augen an.

„Du denkst hoffentlich nicht das Gleiche wie ich," keuchte er.

Harry biss sich auf die Lippen. In dem Moment kam Nellie schlitternd neben ihnen zum stehen.

„Wie gut, dass ich euch gefunden habe," japste sie. „Habt ihr schon mal nach draußen gesehen?"

„Vorhin mal, da war nichts," antwortete Harry.

„Dann dürfte dich interessieren, was jetzt dort ist," erwiderte sie mit düsterer Miene.

Sie trug ihren Rucksack, einen entschlossenen Gesichtsausdruck und Polly auf der Schulter.

„Kannst du es mir nicht einfach sagen?", fragte Harry, leicht genervt. „Wir haben für Rätsel grad keine Zeit."

Doch bevor Nellie antworten konnte, wurden sie von einer Ho

rde Erstklässler voneinander getrennt. Die Schüler waren völlig aufgelöst und folgten nur noch ihrem Drang, sich in Sicherheit zu bringen, dabei achteten sie nicht darauf, wen sie über den Haufen rannten.

Nellie wurde von ihnen mitgerissen und ruderte mit den Armen.

„Geht nicht…." Doch der Rest ihres Satzes ging in dem allgemeinen Getöse, das immer wieder von dem Dröhnen unterbrochen wurde, unter.

„Wohin sollen wir nicht gehen?", fragte Ron verunsichert und sah Harry an.

Der hatte die Stirn in tiefe Falten gelegt.

„Irgendetwas ist dort draußen," murmelte er. „Wir müssen sehen, was es ist! Vielleicht rennen all diese Kinder in eine Falle!"

Sofort machten sich die jungen Leute weiter auf den Weg in die Eingangshalle. Neben ihnen brach eine Mauer zusammen und nur mit viel Glück wurde von ihnen niemand verletzt. Trotzdem sahen sie immer mehr Schüler um sich herum, die aus Wunden bluteten und sich gegenseitig stützen mussten. Das Schloss war ein einziger Trümmerhaufen.

Als sie bei der Eingangshalle ankamen, war die große Treppe schon zur Hälfte eingestürzt.

„Warum sind hier eigentlich nirgends Lehrer?", fragte Ginny mit einem leicht hysterischen Ton in der Stimme. „Es muss hier doch jemand für Ordnung sorgen!" Und dabei blickte sie über die Schülermengen, die durcheinander stürzte, sich gegenseitig aus dem Weg stießen und in panischen Wellen aus der hohen Eichentür stürzten. Harry blickte sich verzweifelt um.

„Weil sie alle draußen sind," ertönte plötzlich eine zitternde Stimme. Neville stand hinter ihnen. Sein linker Arm hing ihm schlaff am Körper herunter und seine Nase sah gebrochen aus. „Zumindest die meisten. Drei von ihnen sind tot."

Hermine schlug sich eine Hand vor den Mund, die anderen rissen erschrocken die Augen auf.

„Hat sie jemand….?"

„Nein," erklärte Neville, der ungewöhnlich gefasst wirkte, „niemand hat sie umgebracht, sie wurden erschlagen. Im Lehrerzimmer ist die komplette Decke eingestützt."

„Komm mit uns, Neville," sagte Ginny und nahm ihn am Arm.

Wieder mussten sie sich festhalten, um von einer heftigen Erschütterung nicht von den Füßen gerissen zu werden. Wieder ertönten Schreie.

Sie hetzten auf die breite Treppe zu.

„Wir müssen da runter, bevor sie ganz einstürzt," sagte Harry.

„Gibt es keinen anderen Weg?", fragte Ron.

„Nicht in die Eingangshalle," antwortete Harry und half Ron dabei, Hermine über eine breite Lücke zwischen den Trümmern zu tragen.

Sie kamen nur langsam voran, weil immer neue Erschütterungen das lose Gestein unter ihren Füßen ins Rutschen brachte. Ginny stürzte einmal, brach sich dabei das Handgelenk und trug zusätzlich einen tiefen Schnitt an der Schläfe davon.

„Denkst du, es ist Voldemort?", fragte Ron seinen Freund, als sie am unteren Treppenabsatz angekommen waren und eine kurze Pause machten.

Harry kniff die Augen zusammen und überlegte. Es war so ein Krach um ihn herum, dass er kaum einen klaren Gedanken fassen konnte. Schreie, das stetige Dröhnen, einstürzende Mauern und noch mehr Schreie. Das alles vermischte sich in seinem Kopf zu einem verwirrenden Knoten.

„Ich denke, es ist ein Angriff ja," sagte Harry schließlich. „Und es sieht ganz so aus, als hätte Voldemort das Rätsel vor uns gelöst."