Kapitel 49

Nellie war die halbe Nacht durch das Schloss gewandert, rast- und auch mal wieder schlaflos. Sie hatte über so vieles nachgedacht, hatte Polly zugesehen, wie sie zwischen den alten Rüstungen herumgewuselt war und hatte sich schließlich in eine Fensternische gesetzt. Dort musste sie wohl eingeschlafen sein. Stimmen weckten sie. Stimmen, die sehr leise sprachen, aber ganz in der Nähe.

„Nun, mach schon schneller!", raunte eine, die Nellie bekannt vorkam.

Die junge Frau zog sich tiefer in die Schatten der Fensternische zurück, um nicht gesehen zu werden.

„Jah," meinte eine zweite Stimme genervt.

Zwei dunkle Schatten gingen nahe der Nische vorbei und Nellie war kurz davor, sich zu zeigen. Sie hatte die plumpen Gestalten sofort erkannt. Doch etwas hinderte sie daran, die beiden Slytherins zur Rede zu stellen. Stattdessen, schlich sie leise hinter ihnen her. Nicht genug, dass Crabbe und Goyle um diese Uhrzeit rein gar nichts außerhalb ihres Schlafsaales zu suchen hatten, fand Nellie es doch mehr als auffällig, dass sie so sehr darauf bedacht waren, sich leise zu bewegen. Was den Beiden gehörig schwer fallen musste, bei der Körpermasse. Nellie grinste.

Die beiden Jungen schlichen durch die Eingangshalle und nach draußen. Dort blieben sie stehen und schienen zu warten. Nellie versteckte sich hinter einer dicken Säule.

Es dauerte etwa fünfzehn Minuten, als eine dritte Gestalt auftauchte. Sie war klein und gedrungen, unter dem schwarzen Umhang konnte man einen silbernen Handschuh erkennen und etwas an der Körperhaltung rief in Nellie Erinnerungen wach. Sie zermarterte sich das Hirn, was für welche das sein könnten.

„Ihr seid zu früh!", fuhr der Neuankömmling die Slytherin-Jungen an. „Es könnte auffallen, wenn ihr wie die Ölgötzen hier rumsteht."

„Hör schon auf, Pete," raunte Crabbe, „keiner ist uns gefolgt, die pennen eh alle."

„Das denkst du, Strohkopf! Habt ihr erledigt, was euer Auftrag war?"

„Jah, das Verschwindekabinett ist zerstört, die Geheimgänge zugeschüttet, es wird keiner aus dem Schloss abhauen können. Und es gibt nur noch diesen einen Ausgang," antwortete Crabbe mit fiesem Grinsen.

„Sehr gut,"

Der mit ‚Pete' angesprochene rieb sich die Hände. Bei dieser Bewegung zeigte sich, dass er nur an einer Hand einen silbernen Handschuh trug. Nellie biss sich auf den Lippen herum, um endlich darauf zu kommen, wo sie diesen Mann schon einmal gesehen hatte. Auch an den Fingernägeln kauen half ihr nicht dabei, dieses Rätsel zu lösen.

„Sagst du uns nun endlich, wozu das alles gut war?", fragte Crabbe dann. Goyle nickte unterstützend mit seinem runden dicken Kopf.

„Je weniger ihr wisst, desto besser," war die knappe Antwort. „Geht zurück in euren Gemeinschaftsraum, damit man euch dort sieht."

Damit drehte sich die Gestalt um und verschwand in der dunklen Nacht.

Crabbe und Goyle schlurften schwerfällig zurück ins Schloss.

„Und dafür mussten wir mitten in der Nacht hier raus kommen?", beschwerte Goyle sich mürrisch.

Nellie schlich den Beiden noch bis kurz vor deren Gemeinschaftsraum hinterher. Wer war diese Gestalt gewesen? Und viel wichtiger, wie war sie unbemerkt auf das Schlossgelände gekommen? Kein Unbefugter hatte Zutritt nach Hogwarts! Und schon gar kein Todesser! Und da war Nellie sich sicher. Das war einer von denen gewesen.

Als sie nichts weiter Interessantes aus Crabbe und Goyle's Verhalten erfahren konnte, beschoss sie nun endlich zu handeln. Sie beschleunigte ihre Schritte, bis sie knapp einen Meter hinter den Beiden war.

„Guten Abend, die Herren," sagte sie dann in ihrer autoritärsten Stimme. Die ganzen Massen Crabbe und Goyle gerieten gehörig ins Rotieren, als die Beiden zusammenzuckten und auf den Fersen herumwirbelten. Sie hätten beinahe das Gleichgewicht dabei verloren, was zu amüsant aussah, aber Nellie verkniff sich ein Lachen. Sie hatte das Kinn vorgereckt und die Fäuste in die Hüften gestemmt.

„Was in aller Gottes Namen suchen Sie mitten in der Nacht in den Gängen?"

„Wir…ähm…," stammelte Goyle zunächst, doch Crabbe hatte schnell seine Selbstsicherheit wieder gefunden.

„Das geht Sie gar nichts an," zischte er und knackte bedrohlich mit den Fingerknochen.

Nellie ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie steckte die Hände in ihre Jackentaschen, wo sie ein Fläschchen fand, von dem sie wusste, dass es eine orangene Flüssigkeit enthielt.

„Oh, ich denke schon, dass mich das was angeht. Fünfzig Punkte Abzug für Slytherin für Ihre freche Antwort, Mister Crabbe und noch mal fünfzig Punkte dafür, dass Sie Beide hier herumschleichen."

Nellie legte den Kopf etwas schief und sah Crabbe herausfordernd an. Der verzog sein Gesicht zu einer hasserfüllten Fratze.

„Das ist jetzt auch nicht mehr wichtig," stieß er zwischen den Zähnen hindurch hervor. „Hogwarts ist so gut wie tot."

Goyle neben ihm hatte inzwischen auch wieder zu seiner alten Form zurückgefunden und nickte düster.

Nellie stutzte.

„Was meinen Sie damit?"

„Warten Sie es doch ab, Miss Carols," die letzten Worte betonte Crabbe auf eine Art und Weise, dass es Nellie nun doch kalt den Rücken herunter lief. Einen Moment lang dachte sie darüber nach, ob sie das Fläschchen in ihrer Tasche anwenden sollte. Es würde die zwei aufgeblasenen Slytherins so weit außer Gefecht setzen, dass sie vielleicht doch noch ein paar sinnvolle Informationen aus ihnen herausquetschen könnte. Doch sie zögerte einen Augenblick zu lang, als sie auch schon ein dumpfer Schlag an die Schläfe traf, Sternchen vor ihren Augen tanzten und sie zu Boden sank.

Das nächste, an das sie sich erinnerte, war ein tiefes Summen, das den Boden, auf dem sie lag, zum vibrieren brachte.

Nellie brauchte einen Moment, um wieder zu sich zu kommen und sich an alles zu erinnern, was sie gesehen und gehört hatte.

Sie war allein in einem dunklen Korridor. Es war immer noch Nacht. Sie konnte nicht besonders lange bewusstlos gewesen sein, die Bewohner des Schlosses schienen noch zu schlafen.

Als sie aufstand, dröhnte ihr Kopf.

‚Das zahl ich dir heim, du Mistkerl,' dachte sie und hielt sich den Kopf.

Doch das Dröhnen in ihrem Kopf wurde immer lauter und immer intensiver. Es schien ihren ganzen Körper zu durchströmen, bis hinab in ihre Füße. Als Nellie jedoch bemerkte, dass die Fensterscheiben zu klirren begannen und die Halterungen der Fackeln an den Wänden zitterten, wurde ihr klar, dass es nicht allein ihr Kopf war, der hier wummerte. Sie lief die Gänge entlang, doch dieses Geräusch war überall. Es schien aus den Wänden und dem Boden selbst zu kommen. Auf ihrem Weg durch das Schloss begegnete ihr niemand, nur einer der Geister glitt kurz an ihr vorbei. Es war der Hausgeist von Hufflepuff, der dicke Mönch, und er trug einen Ausdruck tiefsten Entsetzens auf dem Gesicht, was sonst so gar nicht seine Art war.

„Was ist passiert?", fragte Nellie ihn sofort besorgt, doch der dicke Mönch schien sie nicht zu bemerken und glitt einfach durch die nächste Wand davon. Ihr war aufgefallen, dass er für einen Geist ungewöhnlich durchscheinend gewesen war.

Das nächste Ungewöhnliche, was Nellie bemerkte, war das seltsame Verhalten der vielen Portraits an den Wänden. Sie hatte sich oft mit dem Portrait einer jungen Heilerin unterhalten, die eben genau in dem Gang hing, in dem sie gerade stand. Als Nellie zu dem Bild lief, um die Hexe zu fragen, ob sie vielleicht eine Erklärung für das, was hier geschah, habe, starrte das Bildnis sie nur ausdruckslos und unbeweglich an. Das war mehr als ungewöhnlich, denn normalerweise schwatzte die Heilerin gerne und viel. Auch nach mehrmaligem Ansprechen, bekam Nellie keine Antwort. Auch die Portraits, die sonst noch in dem Gang hangen, rührten sich nicht.

Die Wände um Nellie herum begannen unter dem stetigen Dröhnen bedrohlich zu beben. Einzelne, lose Steinchen lösten sich schon und die junge Frau hatte immer noch nicht die geringste Ahnung, was hier vor sich ging.

Sie lief schließlich durch einen Gang, aus dessen Fenstern man einen Blick auf das Gelände vor dem Schloss werfen konnte. Nellie blickte nur aus reiner Gewohnheit kurz hinunter, blieb dann aber wie angewurzelt stehen und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die Wiese hinab.

Normalerweise standen dort ein paar Bäume, ein Brunnen und zwei Steinbänke, doch jetzt hatte sich dort ein Halbkreis aus schwarz verhüllten Gestalten gebildet. In der Mitte dieses Halbkreises stand die Person, die Nellies Herz vor Panik zum Rasen brachte – Voldemort. Nellie war wie vom Blitz getroffen und konnte sich nicht rühren. Was machte er hier? Was war heute Nacht bloß mit Hogwarts los, dass alle Todesser freien Eintritt hatten?

Dann bemerkte Nellie noch etwas. Dieser gedrungene Pete stand einen Schritt hinter Voldemort und hielt etwas kleines Dunkles in den Händen. Nellie erkannte es sofort, das Notizbuch von James Potter. Doch was suchte es hier? Hatte Voldemort James' Todesfluch entschlüsselt und wartete nun hier draußen auf Harry? Das musste es wohl sein. Und das Dröhnen und Beben des Schlosses musste einfach dazu gedacht sein, Harry herauszulocken. Doch was war mit den restlichen Schülern?

Nellie ballte wieder die Fäuste. Verdammt! Was konnte sie nur dagegen machen? Sie musste auf jeden Fall die Lehrer alarmieren. Die Schüler dürften auf keinen Fall alleine nach draußen rennen. Aber leichter gesagt als getan, denn mit jeder Minute begann das Schloss heftiger erschüttert zu werden und aus den Gemeinschaftsräumen wurden schon aufgeregte Stimmen laut. Wenn die Schüler erkannten, was mit Hogwarts geschah, würden sie in Panik geraten. Sie würden geradewegs in ihr Unglück rennen, denn Nellie ging stark davon aus, dass die Todesser keinen der Schüler, der aus dem großen Eingangstor herausgestolpert kam, verschonen würden. Doch aus dem Schloss raus mussten sie! Und die Geheimgänge waren versperrt, dafür hatten die Slytherins schon gesorgt.

Nellie schüttelte ihren Schock schließlich ab und rannte los. Als erstes stürzte sie ins Lehrerzimmer, in dem sich tatsächlich schon drei Lehrer versammelt hatten. Sie waren noch in ihren Morgenmänteln und wirkten verunsichert. Der kleine Professor Flick war unter ihnen. Nellie berichtete mit kurzen Worten, was sie gesehen hatte, dann überließ sie es den Dreien zu entscheiden, was sie mit diesen Informationen anfangen würden und stürzte wieder hinaus. Sie musste Moody verständigen. Sie war noch keine zwei Korridore weit gekommen, als hinter ihr ein ohrenbetäubendes Krachen ertönte. Überall im Schloss waren jetzt laute Stimmen und Einsturzgeräusche zu hören, doch das übertraf alles. Nellie rannte sofort zurück, wurde von einem starken Beben kurz von den Füßen gerissen und lief dann hektisch weiter. Dort, wo vorher das Lehrerzimmer gewesen war, gab es jetzt nur noch riesige Steinbrocken, die alles, was sich einmal in dem langen Raum befunden hatte, unter sich begruben und eine dicke Staubwolke. Nellie musste mehrmals tief durchatmen, bevor sie in der Lage war, weiterzulaufen. Sie hoffte nur inständig, dass die drei Lehrer den Raum vorher verlassen hatten.

Auf ihrem Weg zu Moody's Büro begegneten Nellie als erstes eine andere Gruppe Lehrer, die alle in Richtung der Eingangshalle strömten. Die junge Muggel berichtete kurz, was sie beobachtet hatte, auch von dem eingestürzten Lehrerzimmer.

„Um Himmels willen!", rief Professor Sprout entsetzt und schlug sich die Hände vors Gesicht. „Was sollen wir denn jetzt nur tun?"

In diesem Moment kam Remus angerannt.

„Es sind Todesser vor dem Schloss," sagte er außer Atem.

„Ich weiß," antwortete Nellie knapp und berichtete noch mal, was sie gesehen hatte. Remus' Gesicht verlor bei ihren Worten alle Farbe.

„Die Schüler sind in Gefahr," keuchte er. Und dann etwas ruhiger: „Wir müssen versuchen, Voldemort aufzuhalten, damit die Schüler das Schloss verlassen können."

„Der Orden muss verständigt werden!", rief Nellie.

„Das werde ich erledigen," kam die Stimme von Minerva McGonagall dazwischen. „Ich bin auf dem Weg, um die Schüler aus meinem Haus zu holen, ich erledige das vorher über den Kamin von Professor Moody."

„In Ordnung," sagte Remus, jetzt wieder sehr gefasst. „Es sind ohnehin Wachen um Hogwarts aufgestellt. Hoffen wir, dass Voldemort die nicht schon ausgeschalten hat. Dass Pettigrew dafür gesorgt hat, dass die Geheimgänge nicht mehr begehbar sind, macht uns die Sache nicht gerade leichter."

„Wir dürfen hier keine Zeit verlieren," unterbrach Professor Sinistra. „Wir sollten raus gehen und mit der Arbeit beginnen." Dabei krempelte sie sich die Ärmel ihres Umhangs hoch und wirkte sehr entschlossen.

„In Ordnung," erwiderte Remus. „Die Hauslehrer kümmern sich um ihre Schüler und sorgen dafür, dass es keine Panik gibt. Alle anderen kommen mit mir."

„Ich werde sehen, dass ich die Schüler, die schon auf den Gängen unterwegs sind, zurückhalte, bis ihr euch draußen um diese Kerle gekümmert habt," sagte Nellie, drehte sich um und war auch schon losgelaufen.

Wo sie auch auf Schülergruppen stieß, und es waren zum Glück noch nicht sehr viele, sprach sie in dringlichstem Ton auf sie ein, möglichst nicht nach draußen zu laufen. Das stetige Dröhnen und die einstürzenden Mauern machten ihr die Argumente aber nicht gerade leichter. Als das Gedränge in den Gängen jedoch enger wurde und immer mehr verletzte Schüler umher rannten, breitete sich langsam Panik aus. Nellie hatte kaum noch eine Chance, die Schüler von der Eingangstür fernzuhalten. Sie schoben sie einfach zu Seite. Erst als schmerzerfüllte Schreie auch von draußen zu hören waren, stockte die Schüler-Welle.

„Was geht hier vor?!", schrieen immer mehr. Hanebüchene Theorien über die Vorkommnisse breiteten sich wie ein Lauffeuer aus. Manche sprachen von Trollen, Riesen und Drachen, die vor dem Schloss auf die Schüler warteten.

In all dem Chaos fand Nellie endlich ihre Freunde wieder. Sie war gerade die breite Eingangs-Treppe nach oben gerannt, als sie Ginnys flammend rotes Haar in der Menge erkannte. Und wo Ginny war, waren garantiert auch Harry, Hermine und Ron. Keine Sekunde später brach die Treppe hinter ihr in sich zusammen. Die Schülermengen gerieten nur kurz ins Stocken, bevor sie weiter schwappten. Nellie hatte nur für ein paar kurze, warnende Sätze mit ihren Freunden Gelegenheit, bevor die Schülermassen sie weiter rissen.