Kapitel 50

Wurmschwanz musste sich sehr beeilen, um mit seinem Meister Schritt zu halten. Er kam von dem schnellen Laufen langsam aus der Puste und Schweißperlen glänzten schon auf seiner blassen Stirn. Doch er wollte sich nicht beklagen. Nicht heute. Nicht, nachdem er nun endlich seinem Meister die Erfolge hatte melden konnte, auf die der schon so lange wartete. Und jeder wusste, dass der Dunkle Lord nicht gerne wartete. Tatsächlich hatte Wurmschwanz schon etliche Male am eigenen Leibe zu spüren bekommen, wie ungern Voldemort wirklich wartete. Geduld war keine Tugend, die bei Todessern gern gesehen wurde. Doch heute, heute war sein Tag. Heute verdiente Peter Pettigrew einen Orden, ein Lob, oder irgendein freundliches Wort von seinem Herrn. Heute war ein Tag, an dem er keine Strafe bekommen würde.

Auf die Nachricht, dass Wurmschwanz den geplanten Fluch nun endlich vollendet hatte, war von Voldemort zwar nicht gerade die Reaktion gekommen, die der ehemalige Rumtreiber sich erhofft hatte, aber ein Gepeinigter ist auch schon mit einer sanfteren Geste zufrieden. Der Dunkle Lord hatte ihn nur einen Moment lang mit diesem durchdringenden Blick angesehen und hatte dann einen anderen Todesser geschickt, den Rat einzuberufen. An Wurmschwanz gerichtet sagte er nur:

„Gut für dich, denn viel länger hätte ich dich nicht verschont."

Wurmschwanz hatte sich demütig bis zu seinen Füßen hinab verbeugt und war seinem Meister dann zu den Versammlungsräumen gefolgt.

Er war immer noch der treueste Gefolgsmann des Dunklen Lords, immer noch folgte er ihm quasi auf Schritt und Tritt - wenn Voldemort ihn denn ließ.

Nachdem die Todesser das altehrwürdige Anwesen der Malfoys hatten verlassen müssen, weil zwei Gefangenen die Flucht gelungen war, hatten sie sich in einer verfallenen Ruine verschanzt. Das Gebäude wirkte allerdings nur von Außen so heruntergekommen. Durch jede Menge Magie war es Innen trocken und bewohnbar. Es hatte einen düsteren Charakter, der aber sehr wohl zu seinen Bewohnern passte.

Der Versammlungsraum, ehemals anscheinend als Empfangszimmer für Gäste genutzt, war bereits gut besetzt, als Voldemort und Wurmschwanz eintraten. Etwa zehn schwarz gekleidete Männer drehten sich zu den Beiden um, als sie den Raum betraten und sofort herrschte gespannte Stille.

Voldemort genoss einen Moment lang die Angst, die er in vielen Augen lesen konnte. Ja, viele seiner Anhänger hatten Angst vor ihm. Gut so!

„Ich habe euch rufen lassen, weil nun endlich der Tag gekommen ist, auf den ich so lange gewartet habe."

Severus Snape trat einen Schritt näher auf ihn zu. Er war einer der Wenigen, die keine Angst vor dem Dunklen Lord zu haben schienen. Aber Voldemort wusste sehr genau, dass Snape seinen Geist einfach nur perfekt verschließen konnte.

„Haben Sie Potter zu fassen bekommen?" In seiner Stimme klang weder Aufregung noch irgendeine andere Emotion mit.

„Nein, Severus," antwortete Voldemort ihm, „das nicht. Aber wir haben einen Weg gefunden, Hogwarts zu zerstören und mit ihm auch Harry Potter."

Viele Münder klappten bei diesen Worten erstaunt auf. Einige Anwesende ließen sich von dieser Nachricht sogar dazu verführen, untereinander leise Diskussionen zu beginnen. Doch als Voldemort eine spinnenfingerige Hand hob, verstummten sie sofort.

„Lasst mich euch erklären," begann er, dann sah er kurz Wurmschwanz an, der sofort in Schutzhaltung ging und die Schultern einzog. „Einige von euch erinnern sich sicherlich noch an den Tag, als ich James und Lily Potter tötete."

Manche der Männer nickten, darunter auch Snape und Malfoy.

„Nach diesem verhängnisvollen Tag, als ich geschwächt und von allen verlassen mein erbärmliches Dasein fristete," während er so sprach, breitete sich beklommenes Schweigen aus, „gab es nur einen einzigen treuen Anhänger, der mich nicht vergaß. Wurmschwanz hier durchsuchte das Haus der Potters, bevor dieser Idiot Dumbledore es schützen konnte, und fand dort etwas sehr interessantes. Leider," Voldemort legte Wurmschwanz eine knochige Hand auf die Schulter und drückte so fest zu, dass Wurmschwanz wimmernd in die Knie ging, „erkannte er erst als es schon fast zu spät war, den ungemein hoffnungsvollen Wert dieses Fundstückes."

Wurmschwanz liefen inzwischen die Tränen über seine dicken Backen.

„Es tut mir leid, Herr," jammerte er. „Es tut mir so leid!"

„Oh, ja, das tut es, dafür habe ich schon gesorgt," säuselte Voldemort und drückte noch etwas fester zu, so dass Wurmschwanz vor Schmerz quiekte. Dann ließ er plötzlich los, so dass der kleinere Mann auf den Boden sackte und wandte sich wieder seinem Publikum zu. „Es handelte sich dabei um ein Notizbuch, das James Potter vor seinem Tod benutzt hat, um neue Zauber zu entwickeln. Jeder von euch weiß, wie gut er darin war. Doch er war auch schlau, zu schlau für unseren unterbelichteten Freund hier." Er trat nach Wurmschwanz, der sich in eine Ecke flüchtete. „James benutzte eine Geheimsprache, die von Muggelkindern verwendet wird. Wirklich clever, das muss ich zugeben. Es hat uns Monate gekostet, um dahinter zu kommen, was tatsächlich hinter dem Gekritzel steckt. Aber es hat sich gelohnt. Ein neuer Todesfluch, meine lieben Freunde. James Potter, der größte Verfechter der guten Seite, hat uns einen perfekten neuen Todesfluch geliefert, mit dem wir nun endlich die Macht erlangen können, die uns schon so lange zusteht."

„Wie ist dieser Fluch aufgebaut, Meister?", fragte Malfoy ehrfürchtig.

„Im Grund genommen ganz einfach, wenn man das Rätsel dahinter einmal gelüftet hat," erzählte Voldemort und sonnte sich in der Anerkennung, die er hier erntete. „Es ist ein Fluch, der dem Feind seine magischen Fähigkeiten entzieht. Derart geschwächt kann er mit den einfachsten Flüchen erledigt werden. Der Kniff dabei ist nur, dass dieser Fluch lautlos ausgesprochen werden muss und ein wahrer Todeswille dahinter steht. Aber das dürfte das geringste Problem sein."

Ein paar Todesser lachten gehässig auf. Voldemort gönnte ihnen diesen Moment.

„Weiß der Orden von diesem Fluch?", erdreistete sich Snape zu fragen. Voldemort musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen.

„Wir müssen davon ausgehen, dass sie davon wissen, ja," antwortete er. Er konnte diesen Kerl nicht ausstehen. „Aber da sie diesen Fluch bisher noch nie eingesetzt haben, gehe ich davon aus, dass sie ihn entweder nicht anzuwenden wissen oder ihm nicht trauen. Beides kann nur zu unserem Vorteil sein."

„Aber was hat das mit Hogwarts zu tun?", fragte schon wieder Snape. „Damit könnt Ihr vielleicht diesen Potter-Bengel ausschalten, aber was ist mit dem Orden?"

Voldemort nahm sich vor, diesen schmierigen Snape sobald sich eine gute Gelegenheit ergeben sollte, auszuschalten. Er könnte irgendwann mal Probleme machen.

„Nun, wenn du dich etwas gedulden könntest, würdest du es erfahren," zischte er Snape an. „Während ich mich mit diesem Todesfluch und den laufenden Angriffen, um den Orden zu zermürben, auseinandergesetzt habe, hat unser treuer Wurmschwanz hier den Fluch noch etwas erweitert. Man sollte es nicht glauben," sagte er in einem fast schon zärtlichen Tonfall, „aber auch hinter dem einfältigsten Gesicht kann doch ein kleines Genie stecken. Er hat einen Fluch entwickelt, mit dem wir ganzen Gebäuden ihre Magie entziehen können. Jeder weiß, dass Hogwarts ganz und gar von Magie durchdrungen ist. Würde diese also dem Schloss entzogen, dann…pfhhh…" Voldemort machte ein Geräusch, als würde er die Luft aus einem Ballon herauslassen. „Das Gebäude würde in sich zusammenfallen."

„Alle würden zerschmettert!", rief ein Todesser erfreut.

„Oder sie werden gezwungen sein, das Schloss zu verlassen," sagte Malfoy mit gehässigem Grinsen. „Und wir können sie draußen empfangen."

„Und wie sollen wir sie alle auf einmal ausschalten?", fuhr Snape dazwischen. „Es sind insgesamt zwanzig voll ausgebildete Lehrkräfte in der Schule. Dazu kommen noch die Schüler, die schon mehrfach bewiesen haben, dass sie nicht ohne weiteres überwältigt werden können und dann wird das Schloss nach wie vor vom Orden und dem Ministerium bewacht."

Voldemort's Augen wurden immer schmaler.

„Wer an unseren Erfolg nicht glauben kann, sollte sich schnell darüber klar werden, dass ich niemanden in meinen Reihen dulde, der meine Pläne in Frage stellt."

„Niemand stellt Eure Pläne in Frage, Meister," beeilte sich Malfoy zu versichern und sah Snape dabei scharf von der Seite an. „Wir sollten nur alle Eventualitäten bedenken."

„Damit hast du völlig recht, Lucius," sagte Voldemort und sein düsterer Blick haftete immer noch auf Snape, der diesen nicht minder finster erwiderte. „Wir werden dafür sorgen, dass die Wachen des Ministeriums und des Ordens ausgeschaltet werden, bevor wir angreifen. Und wenn Hogwarts sich selber zerstört werden schon genügend Lehrer und Schüler aus dem Weg geschafft, oder auch verletzt, bevor sie auch nur einen Fuß aus dem Tor setzen können, so dass wir mit den Übrigen kaum Schwierigkeiten bekommen sollten."

„Und um die Geheimgänge ins Schloss werde ich mich kümmern," kam ein dünnes Stimmchen aus der Ecke, in der Wurmschwanz kauerte.

„Ihr seht also, es ist alles genauestens geplant," verkündete der Dunkle Lord. „In der Woche nach den Weihnachtsferien greifen wir an. Seht zu, dass ihr alles dafür vorbereitet."

Damit entließ er die Runde und Wurmschwanz beeilte sich ebenfalls, nicht alleine mit Voldemort zurück zu bleiben.

Zu viel Angst hatte er davor, dass der Dunkle Lord doch noch herausfinden könnte, welche Wege dieses Notizbuch von James Potter tatsächlich schon gegangen war. Nicht nur, dass der Orden es schon mehrmals in den Händen gehalten hatte, hätte Wurmschwanz' letztes Stündlein schon lange geschlagen, wüsste Voldemort, dass es auch das Notizbuch gewesen war, das Harry, mit Wurmschwanz' Hilfe, damals aus den Kerkern der Todesser heraus geholfen hatte. Wenn Wurmschwanz an diesen Moment zurück dachte, wusste er selber nicht mehr, was ihn damals geritten hatte.

Das Buch besaß er schon seit vielen Jahren. Er hatte es damals, als Ratte getarnt, aus dem Anwesen der Potters herausgeholt, als eine Art Trophäe. Vielleicht aber auch als eine Erinnerung an seine Freunde. Die einzigen Freunde, die er jemals gehabt hatte und wahrscheinlich auch jemals haben würde. Aber er hatte sich trotzdem gegen sie entschieden, war den Einflüssen eines Dunklen Lords erlegen gewesen. Viele Jahre lang hatte er das Notizbuch gehütet wie seinen Augapfel, hatte immer wieder vergeblich versucht, darin zu lesen, bis er irgendwann die Geheimschrift enttarnt und erkannt hatte, was es tatsächlich mit seinem Fund auf sich hatte. Doch ganz so einfach war es nun auch wieder nicht gewesen.

An dem Abend, als Harry und dieses Muggelmädchen in das Hauptquartier der Todesser gebracht worden waren, hatte irgendetwas ihn dazu getrieben, den Beiden das Leben zu retten und zur Fluch zu verhelfen. Er hatte es sich selber nicht erklären können! War er doch immer ein treuer Todesser gewesen, hatte auf diesem Friedhof sogar sein Leben dafür riskiert, seinem Meister wieder zu einem Körper zu verhelfen, und nun half er dessen Todfeind! Davon dürfte niemals jemand irgendetwas mitbekommen! Er hatte nicht ahnen können, dass es allein die Tatsache war, dass er Harry für sein eigenes Leben immer noch etwas schuldete, die ihn dazu gebracht hatte.

Das Problem war in dieser Nacht gewesen, dass er nichts Besseres bei sich getragen hatte, womit er den Beiden hätte helfen können, als dieses Notizbuch. Also hatte er es in einen Portschlüssel verwandelt. Der Dunkle Lord war völlig ausgetickt, als er davon erfahren hatte, dass Harry verschwunden war und hatte die beiden wachhabenden Männer sofort umgebracht.

Als die Todesser etwas später ein Muggeldorf angriffen, hatte Wurmschwanz dort ein paar Kinder belauscht, die eine Art Geheimsprache miteinander sprachen. In diesem Moment war es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen! Er hatte alles daran gesetzt, das Buch zurück zu holen, weil er fest davon überzeugt war, den Schlüssel für das Rätsel gefunden zu haben. Und als er es wieder in den Händen hielt, fand er darin nicht nur den neuen Todesfluch, sondern auch noch einen Zettel mit der kompletten Übersetzung von James' Notizen. Was ihm zuerst einige Arbeit erleichterte, zeigte ihm aber doch auch, dass nun auch der Orden über die brisanten Inhalte dieses Buch Bescheid wissen musste.

Noch ein kleines Geheimnis, das es galt, vor dem Dunklen Lord zu bewahren, was keine einfache Aufgabe war. Doch über die Entdeckung des neuen Todesfluches musste er Voldemort informieren. Er hatte ein wenig die Hoffnung gehabt, ihn damit gnädig zu stimmen, dafür dass er so lange gebraucht hatte, um auf dieses Geheimnis zu stoßen. Noch mehr Lob versprach er sich aber davon, den Fluch auch noch auf leblose Gegenstände zu erweitern. Wurmschwanz war nie ein besonders herausragender Zauberer gewesen, so wie James oder Sirius, doch hatte er sein Vorhaben letzten Endes trotzdem erfolgreich in die Tat umgesetzt und nun würde für sie alle der Tag der Abrechung kommen.