Kapitel 51:

„Geht bloß nicht vor das Schloss!", rief Nellie Harry und den anderen zu, als sie von den panischen Schülermassen fortgezogen wurde. Doch sie bezweifelte, dass sie sie hatten verstehen können. Zu laut war es inzwischen im Schloss.

Nellie hatte gar keine andere Wahl, als sich von den Schülern mitreißen zu lassen. Sie versuchte den ein oder anderen um sich herum zu beruhigen, aus der Masse heraus zu ziehen, doch sie hätte genauso gut mit einer Wand sprechen können. Die Schüler waren völlig von Panik befallen und schienen um sich herum nichts mehr wahrzunehmen, nicht einmal dass sie ihre Magie nicht mehr benutzen konnten. Nellie hatte diese Tatsache inzwischen erkannt. Remus war ihr noch mal über den Weg gelaufen und hatte sie ebenfalls darauf hingewiesen.

„Was sollen wir machen?", hatte Nellie ihn aufgeregt gefragt. Es machte sie wahnsinnig, dass diese Kinder den Todessern in die Arme laufen würden.

Doch Remus hatte sie nur traurig angesehen.

„Wir haben gerade Moody aus seinem Büro befreit," erkläre er knapp. „Er ist auf dem Weg hierher. Wir hoffen, dass der Orden bald eintrifft."

Dann war er auch schon wieder weg und Nellie stand wieder alleine da. Langsam spürte sie auch in sich selber Panik aufwallen, doch sie kämpfte dieses Gefühl in sich zurück.

Polly hatte sie in ihren Rucksack verfrachtet. Das Frettchen war so außer sich, dass Nellie befürchtete, es würde ihr von der Schulter springen und von den vielen Füßen zertrampelt werden. Doch Polly wehrte sich mit Zähnen und Krallen gegen ihren Kerker.

Dann kam Nellie schließlich ans Schlossportal und wurde wie ein Korken aus einer Sektflasche hindurch katapultiert. Sie taumelte etwas, wurde hin und her geschupst und knallte dann gegen den Rücken eines großen Siebtklässlers, der abrupt stehen geblieben war. Als Nellie wieder festen Halt hatte, sah sie die Todesser, die mit erhobenen Zauberstäben vor ihnen standen. Sie sah auch die grünen Blitze, die sie wahllos auf die Schüler schossen, und sie sah die Körper, die bereits leblos auf der Wiese lagen.

Hinter ihr schrie ein Mädchen schrill auf, neben Nellie wimmerte eine kleine Erstklässlerin und krallte sie in Nellies Arm.

Ein böses Lachen ertönte und ein grüner Lichtstrahl schoss auf sie zu. Nellie sah ihn rechtzeitig und stieß den großen Jungen und das kleine Mädchen zur Seite. Dann schnappte sie sich ihren Rucksack, kramte einen Moment darin herum und nahm schließlich drei Fläschchen heraus. Dann packte sie den Siebtklässler an den Schultern, schüttelte ihn kräftig durch, bis er sie ansah und sagte dann:

„Du musst mir helfen die Schüler rüber an den See zu bringen! Schaffst du das?"

Als der Junge nicht sofort antwortete, schüttelte sie ihn noch mal, so dass sein Kopf nur so auf seinen Schultern hin und her wackelte.

„Schaffst du das!?"

„Ja, Miss," kam schließlich die Antwort und Nellie sah erleichtert, dass der Junge wieder einen klaren Blick bekam.

„Wie heißt du?"

„Frank."

„Gut, Frank, ich bin Nellie und jetzt los."

Nellie warf eine Flasche zwischen die Schülermasse, in der sie stand. Sofort machte sich dunkler Rauch breit, der jegliche Sicht nahm. Und, wie Nellie hoffte, auch den Todessern die Sicht auf die Schüler raubte.

„Nehmt euch bei den Händen!", schrie Nellie und packte die kleine Erstklässlerin bei der Hand. „Mir nach!"

Nellie musste noch viele Schüler wach rütteln, aber nach und nach merkte sie doch, dass ihr Plan funktionierte. Der Rauch würde nicht lange anhalten, aber sie hoffte, auf diese Weise wenigstens ein paar der Kinder in Sicherheit zu bringen. Sie übergab Frank schließlich die Schar und warf noch mal eine Flasche mit demselben Inhalt. Sie blickte der kleinen Prozession kurz nach, die auf den See zuhielt. Dann sah sie einen riesigen Umriss hinter dem Rauch auftauchen. Erst dachte sie, dass Voldemort tatsächlich Riesen mitgebracht habe, dann erkannte sie Hagrid. Er lief genau in ihre Richtung und Nellie steuerte ihrerseits auf den Hünen zu.

„Hagrid!", rief sie. Hinter sich hörte sie wieder Schüler schreien und die Todesser Flüche abfeuern. Der Rauch hatte sie nur kurz aufgehalten. „Hilf mir die Schüler hier wegzubringen!"

„Wasn hier los?", fragte Hagrid und sah sich verwirrt um. „Wo is Harry?"

„Ich weiß es nicht, ich hoffe nur, dass er nicht zu bald hier raus kommt."

Hagrid, der inzwischen erkannt hatte, was geschah, rannte los. Nellie hechelte hinter ihm her und nahm die dritte Flasche zur Hand. Als sie wieder in Reichweite der Todesser kam, warf sie sie. Diesmal breitete sich ein gelblicher Dunst aus. Die Todesser, die innerhalb des Dunstkreises standen, hielten verwirrt inne, schwankten leicht und richteten dann ihre Zauberstäbe auf die eigenen Leute. Nellie triumphierte innerlich. Ihr Verwirrungswässerchen hatte gewirkt. Die Schüler, die den Vorteil erkannten, rannten sofort los, Nellie dirigierte sie in die Richtung, wo schon die erste Gruppe sein musste. Dann sah sie Frank plötzlich wieder neben sich stehen.

„Hast du noch mehr von dem Zeugs?", fragte er und sah sie atemlos an.

„Schön wäre es," antwortete sie knapp und half einem Mädchen, das gestolpert war, wieder auf. „Ich hab noch ein bisschen was im Rucksack, aber wenn es leer ist, ist es aus. Wir brauchen den Orden!"

„Mach du nur so weiter mit allem, was du zur Verfügung hast, ich kümmere mich um die Schüler."

Nellie sah Frank jetzt das erste Mal aufmerksam an. Er war blond und trug eine Schirmmütze von einem Londoner Eishockey-Verein. Wache blaue Augen funkelten unter einem langen Pony hervor und seine Lippen waren entschlossen zusammengepresst.

„Danke."

Dann lief Frank wieder los. Nellie rannte näher auf die Reihen der Todesser zu, kramte auf die Schnelle noch mehr Glasbehälter hervor und warf noch eines davon, das mit einem kleinen Inferno explodierte und drei Todesser von den Füßen riss. Sie lief weiter, warf noch vier Explosions-Fläschchen und zwei Verwirrungs-Wässerchen, dann traf sie der erste Fluch. Es war zum Glück nur ein abgeschwächter Beinklammerfluch, den sie mit etwas Willensstärke schnell wieder abschütteln konnte. Doch der nächste erwischte sie in den Rücken. Sie spürte, wie ihr eine Rippe zerbrach und schlug mit der Schulter auf einen Stein auf. Die Luft blieb ihr weg und Nellie dachte einen Moment lang, sie würde ohnmächtig werden, als auch schon ein paar schaufelgroße Hände sie packten und aus der Schussbahn trugen. Die Schmerzen waren fast nicht zu ertragen, doch Nellie gönnte sich keine Pause. Hagrid drückte sie energisch auf eine Stufe und lief dann wieder los. Nellie atmete zweimal tief durch, während dessen sie sich umsah.

Die Schüler waren inzwischen weit über die Schlossgründe verteilt, einige rannten um ihr Leben, andere hockten wimmernd in die Schatten der zerbröselnden Schlossmauern gedrückt. Die Todesser feuerten immer noch wahllos auf alles, was sich bewegte und noch immer war vom Orden niemand zu sehen. Doch jetzt konnte Nellie ein paar Lehrer erkennen. Sie sah, wie Professor McGonagall sich in eine Katze verwandelte und einem Todesser das Gesicht zerkratzte. Die Professoren Sprout und Sinistra hatten aus den Gewächshäusern ein paar schnellschnappende Geranien geholt, die einige Todesser gehörig auf Trapp hielten und ihnen üble Verletzungen zufügten. Die beiden Professoren versuchten unterdessen eine andere Gruppe in die Reichweite der Peitschenden Weide zu treiben. Nellie sah auch Remus, der gerade eine schwere Kiste öffnete, aus der sofort fünf Grindelohs und einige Rotkappen sprangen. Nellie war zufrieden mit dem, was sie sah. Hogwarts würde so leicht nicht aufgeben. Doch sie konnte kein Zeichen von Harry oder den anderen erkennen. Sie hatte aber auch keine Gelegenheit mehr, länger nach ihnen zu suchen, als plötzlich eine gedrungene Gestalt vor ihr auftauchte. Nellie erkannte sie sofort als Peter.

„Was willst du von mir?", keifte sie ihn an und erhob sich keuchend. Unauffällig nahm sie zwei neue Flaschen in beide Hände.

„Wo ist Potter? Mein Herr wünscht ihn zu sehen."

„Bedaure, aber Mister Potter ist nicht zu sprechen."

Peter schwenkte den Kopf in alle Richtungen, seine Augen huschten nervös umher.

„Los, führ mich zu ihm!"

„Hau lieber ab, bevor ich dir in den Hintern trete," zischte Nellie und umfasste die Fläschchen in ihrer Hand fester.

Peter reagierte auf ihre Drohungen mit einem Achselzucken.

„Du schuldest mir noch was," antwortete er.

Nellie stutzte. Sie wusste, dass ihr dieser Kerl schon mal über den Weg gelaufen war, aber sie konnte sich einfach nicht daran erinnern wo.

„Ah, ich muss wohl deinem Gedächtnis etwas auf die Sprünge helfen," meinte Wurmschwanz und kicherte verhalten. Doch seine scheinbar so lockere Haltung war reine Fassade, das hatte Nellie schnell erkannt. Sie sah, dass er unter der Kapuze schwitzte, und das bei den eisigen Temperaturen, die an diesem Morgen den Tau in Eis verwandelten. Außerdem zitterten seine Hände unkontrolliert und seine Augen huschten immer wieder zu den Todessern, in deren Reihen sich irgendwo Voldemort aufhalten musste.

„Aber ich hab keine Lust mich mit dir zu unterhalten, hol Potter her oder es wird dir noch leid tun."

Nellie holte aus, doch bevor sie die Fläschchen werfen konnte, hatte Polly ihr enges Gefängnis endgültig satt und zwengte sich aus der Öffnung des Rucksackes heraus. Sofort stürzte sie sich wild entschlossen auf Peter, der vor Schmerz quietschte, als Polly ihm herzhaft ins Bein biss. Nellie sprang sofort vor, schlug Peter den Zauberstab weg und hatte keine Sekunde später ihr Klappmesser in der Hand, das einen Wimpernschlag später gegen Peters Hals gepresst wurde.

„So, vertauschen wir doch mal die Rollen, du Mistkerl," raunte Nellie ihm ins Ohr. „Wir sind nicht ganz so wehrlos, wie ihr es gerne hättet. Jetzt sagst du mir, woher ich dich kenne."

Peter schrumpfte immer mehr in sich zusammen, doch er hielt die Lippen fest zusammengepresst.

Nellie drückte ihr Messer etwas fester zu, so dass ein wenig Blut an Peters Hals entlang lief. Immer noch keine Antwort. Auch als Polly ihm auch noch ins andere Bein biss, hielt Peter tapfer den Mund. Mit der freien Hand wühlte Nellie schnell ihren Rucksack durch. Sie fand den Elektroschocker von den Zwillingen und steckte ihn sich hinten in den Gürtel ihrer Jeans, vielleicht würde sie ihn noch brauchen. Auch die Pistole steckte sie dazu. Dann fand sie endlich, was sie suchte. Sie öffnete das Fläschchen, zog Peters Kopf ein Stück weiter nach hinten, kniff ihm so feste in den Kiefer, dass er den Mund öffnen musste und schüttete ihm dann den ganzen Inhalt hinein. Wurmschwanz hustete und spuckte, doch Nellie hielt ihn mit festem Griff gepackt, bis er alles geschluckt hatte.

„So, versuchen wir es jetzt noch mal," sagte sie, doch im selben Moment schlug ein Fluch in die Mauer neben ihr ein. Nellie zerrte Peter ein Stück weiter hinter einen kleinen Mauervorsprung und drehte ihn so, dass er vor ihr hockte. „Woher kennen wir uns?"

Sie wusste, dass sie nicht viel Zeit hatte, für lange Fragerunden, aber vielleicht könnte sie wichtige Informationen aus diesem jämmerlichen Häuflein herausquetschen, die hier noch hilfreich sein könnten.

„Ich habe dich und Harry aus dem Keller der Todesser heraus geholt," war die knappe Antwort.

Nellie sah sofort wieder den dunklen, feuchten Keller vor sich und die verhüllte Gestalt, die ihr das Notizbuch und Harrys Arm in die Hand gedrückt hatte. Das sollte dieser Mistkerl gewesen sein?

„Warum hilfst du uns erst und willst Harry dann an Voldemort ausliefen?"

„Weil ich es tun muss, ich hab keine andere Wahl."

Damit war Nellie nicht zufrieden, doch als sie sah, dass immer mehr Schüler tot oder verletzt auf der Wiese lagen, merkte sie, dass sie sich beeilen musste.

„Was hat Voldemort vor?"

„Er will sich mit Harry duellieren."

„Was!? Wie bescheuert ist das denn?" Nellie schüttelte den Kopf. „Und dafür müssen so viele Kinder sterben?"

Peter antwortete nicht.

„Nun gut, was hat er mit Hogwarts gemacht, dass man hier nicht mehr zaubern kann?"

„Das war nicht mein Herr und Meister," meinte Peter und ein selbstgefälliges Grinsen trat auf sein Gesicht. „Das war ich."

„Ist mir doch wurscht, wer von euch Schwachköpfen das war. Wie habt ihr das gemacht?"

Anulare Magia," war die knappe Antwort.

Etwas in Nellie rührte sich. Diese Worte kannte sie und sie wusste diesmal sofort, woher.

„Der Todesfluch?"

„Nicht ganz. Dieser hier bezog sich auf leblose Objekte. Aber ja, es ist der gleiche Fluch, der dem Opfer seine Magie entzieht."

„Dann habt ihr Hogwarts zerstört, aber warum?"

„Um so viel Unheil wie möglich anzurichten."

„Und wird Voldemort diesen Fluch auch auf Harry anwenden?"

„Natürlich, aber nicht denselben, den ich benutzt habe, sondern den, der für Lebewesen bestimmt ist. Sehr nützlich muss ich sagen."

Nellie merkte, dass die Wirkung des Wahrheits-Elixier langsam nachließ. Sie musste sich beeilen.

„Ich kenne diesen Fluch. Er funktioniert lautlos, stimmt's?"

„Nicht nur."

„Wie noch?!"

„Er muss von zwei Menschen ausgesprochen werden, die bereit sind, füreinander zu sterben."

Davon hatte Nellie in dem Notizbuch nichts gelesen. Das musste das letzte Teil dieses verflixten Puzzles sein. Das Teil, das immer wieder fehlte, wenn Harry versuchte, Herr über diesen Fluch zu werden.

„Aber wie will Voldi den Fluch dann anwenden? Ich könnte mir zwar vorstellen, dass einige von euch Hirnis für ihn sterben würden, aber das gleiche kann man sicher nicht von ihm behaupten."

„Dummes Ding," spukte Peter verächtlich aus. „Der Dunkle Lord ist der mächtigste Zauberer der Welt. Er hat Wege gefunden, den Fluch für seine Zwecke zu verändern."

Nellie schluckte.

Peter begann sich in ihrem Griff zu winden. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Starre, die mit dem Wahrheits-Elixier zusammen auftrat, nachließ. Nellie packte den Elektroschocker und verpasste Wurmschwanz einen Stromschlag, dass der wie ein Kartoffelsack in sich zusammenbrach und auf der Seite liegen blieb.

Dann rannte Nellie wieder los. Sie konnte kaum atmen, ihre gebrochene Rippe schmerzte höllisch, doch sie lief weiter.

Frank kam ihr entgegen. Er hatte eine tiefe Wunde am Hals.

„Etwa die Hälfte ist am See und Rose versucht, sie nach Hogsmeade zu bringen."

„Gut, danke. Hast du Harry Potter gesehen?"

„Nein." Dann lief er auch schon wieder weiter.

Um sie herum herrschte immer noch heilloses Chaos, im Hintergrund stürzten immer größere Teile des Schlosses in sich zusammen und nach wie vor feuerten Flüche einseitig durch die Luft. Nellie konnte Professor McGonagall auf der Wiese liegen sehen. Sie rührte sich nicht mehr. Dann endlich erkannte sie Harry.