Die Drachenschwerter
6. Mai 813
Es war ein Tag wieder jeder andere. Morgens, als das Tageslicht durch die Vorhänge seines Schlafzimmers brach, kam seine Tochter zu ihm und half ihm aus dem Bett. Sie war selbst nicht mehr die jüngste, und doch konnte er jeden Morgen auf sie zählen. Sie half ihm sich zu waschen, sich anzuziehen und zuletzt sich in einen Rollstuhl zu setzen. Nach dem Frühstück las er bis zum Mittag die Zeitung und dann, wenn das Wetter schön und warm war, schob sie seinen Rollstuhl nach draußen, immer zu einem anderen Ort, von wo aus er die Schüler an seiner Schule beobachten oder etwas die Ruhe genießen konnte.
An diesem Tag beschloss er, sich das Training der Kampfkünste mit dem Schwert anzuschauen, welches von dem besten Lehrer, den er jemals angestellt hatte, betreut wurde. Das Wetter an diesem Tag war sehr angenehm. Es war Mai, noch nicht zu heiß draußen, aber die frostige Luft des Frühlings war bereits davongejagt worden, und man konnte keine einzige Wolke am Himmel sehen. Viele Lehrer an dieser Schule nutzten dieses feine Wetter um draußen zu unterrichten, und dieser Lehrer war keine Ausnahme.
Es erfreute ihn immer wieder die Schüler trainieren und das Gesicht des Lehrers vor Freude aufhellen zu sehen, wenn er bemerkte, das wieder ein Kind Fortschritte gemacht hatte. Vor Jahren, als er selber noch unterrichten konnte, bevor ihn das Alter letztendlich eingeholt hatte, war er genauso wie dieser junge Mann gewesen. Nein, er schüttelte seinen Kopf, er war kein junger Mann mehr. Dieser Lehrer war auch viel älter geworden, obwohl noch immer einige jugendliche Züge noch auf seinem Gesicht präsent waren, sodass er manchmal vergaß, dass es schon mehr als dreißig Jahre her war, dass er diesem Mann die Lehrerstelle an dieser Schule angeboten hatte.
Aber nun war es nicht mehr seine Schule. Sein ehemaliger Schüler hatte sie vor Jahren übernommen, als er bemerkt hatte, dass sein Körper zu schwach dafür wurde. Doch mit dieser Schule hatte er seinem Schützling auch eine Aufgabe vererbt. Vor vielen Jahren, bevor er diese Schule gegründet hatte, hatte er als Bezahlung für etwas sehr wertvolles, für einen Wunsch, der seinen Traum wahrkommen ließ, ein Versprechen abgegeben. Als Gegenleistung für diesen Wunsch hatte er versprochen, einen Krieger zu finden und ihn in der Waffenkampfkunst zu unterrichten. Doch er hatte diesen Krieger nie gefunden, und nun war es die Aufgabe seines alten Schülers, die Suche fortzusetzen.
Er wusste noch nicht, dass in nur wenigen Minuten die Suche ein Ende finden würde, und beobachtete weiter die Schüler und den Lehrer, die sich allesamt den Geschehnissen in der Nähe der Schule nicht bewusst waren, bis plötzlich ein tiefes Grummeln durch die Luft hallte, welchem sofort ein lautes ‚Platsch' folgte.
Alle Augen, seine eingeschlossen, wanderten zu dem See, wo eine riesige Wasserfontäne in den Himmel aufstieg, scheinbar fast in Zeitlupe. Die Fontäne stürzte wieder in sich zusammen, wobei überall Wassertropfen hinspritzten, sogar fast bis zu ihrer Gruppe, und sobald das Rauschen des Wassers verklungen war, konnte er ein anderes Geräusch hören. Leichtes und amüsiertes Lachen.
Seine Augen blickten zum Himmel, wo das Geräusch herkam, und er war ziemlich überrascht zu sehen, dass es eine dunkelhaarige Frau war, die über sie hinweg flog, und schließlich am Ufer des Sees landete. Erst jetzt bemerkten seine alten Augen die Blasen, die zur Wasseroberfläche aufstiegen, und dann, nur eine Sekunde später, schoss ein Kopf durch die Oberfläche. Es war ein Mann, konnte er erkennen, mit der sonderbarsten Haarfarbe. Es sah so als, als wären er und die fremde Frau etwa im gleichen Alter.
Er wusste, er hätte nicht überrascht sein sollen, als der Mann plötzlich ohne äußere Einwirkungen in die Luft aufstieg. Sie waren zu weit weg, und doch könnte er schwören, ein schelmisches Grinsen auf dem Gesicht des Mannes zu sehen, bevor er sich plötzlich nach vorne auf die Frau stürzte, die kreischte, als er sie fest umarmte, so nass wie er noch vom Wasser war.
Ein sanftes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Ah, Liebe…
Der Mann lachte, als er die ringende Frau fest hielt, welches auch das eine oder andere amüsierte Kichern nicht nur den Schülern, sondern auch deren Lehrer, entlockte. Soweit weg wie sie waren, schien die Frau es dennoch zu hören, als sie zu ihnen wies. Der Mann ließ sie endlich los und nahm stattdessen ihre Hand. Zusammen gingen sie auf sie zu. Einige der Schüler stießen stoßartig ihren Atem aus, als die Haare der Frau plötzlich blond wurden, doch Li hatte in seinem langen Leben schon merkwürdigeres gesehen.
Doch zu seiner großen Überraschung sah er, dass das Paar älter sein musste, als er zuerst angenommen hatte, wie die leichten Falten auf ihren sonst jungen Gesichtern bewiesen. Sein alter Schüler blieb neben ihm stehen, während seine Schüler eine Pause machten, und nur einen kurzen Augenblick später kam das Paar vor ihnen zum Stehen.
„Hallo", begrüßte die Frau sie mit einem freundlichen Lächeln. „Es tut mir Leid, falls wir etwas gestört oder unterbrochen haben sollten. Wir haben uns etwas von unserem Sparringkampf hinreißen lassen."
„Ah, ist nichts passiert, junge Dame", sagte er, als er sie angrinste. „Es war eine nette Abwechslung in der Routine meines ziemlich langweiligen Tages. Ich bin übrigens Li. Ich habe diese Schule gegründet und das ist Nikanor, mein bester Lehrer und mein Nachfolger."
„Jenny", entgegnete die Frau, als sie ihre Hand anbot. Nik schüttelte sie zuerst, und als Li sie schüttelte, schoss ihm ein plötzlicher Funken den Arm hinauf. Er nahm es kaum war, als die Frau ihren Partner als „Trunks" vorstellte. Nein, seine ganze Aufmerksamkeit war auf die Frau gerichtet, Jenny. Und dann wusste er es plötzlich und war sich in seinem ganzen Leben noch nie so sicher gewesen. Das Gefühl, dass er gehabt hatte, als er Nik das erste Mal getroffen hatte, war nichts verglichen mit diesem Gefühl. Daran gab es keinen Zweifel.
„Li? Geht es dir gut?", drang Niks Stimme endlich durch die wirren Gedanken in seinem Kopf, und er nickte abgelenkt.
„Ja, es ging mir nie besser. Jenny… und Trunks, nicht wahr? Ich möchte Ihnen gerne etwas zeigen." Er wandte endlich seinen Blick von der Frau ab und drehte sich zu seinem ehemaligen Schüler. „Nik, entlasse deine Schüler. Ich brauche deine Hilfe um zur Schmiede zu kommen."
Li wusste, als er den Blick auf Niks Gesicht sah, dass er später Fragen haben würde, aber erst einmal gehorchte Nik ihm einfach und erlaubte seinen Schülern zu gehen. Das wurde natürlich mit lautem Jubel von Seiten der Schüler angenommen. „Wie du wünscht, Li."
„Nun denn, Jenny, Trunks, wenn Sie mir bitte folgen würde?" Er sah, wie das Paar einen Blick austauschte, fast, als ob sie miteinander kommunizierten, was sehr kurios war, bevor Jenny mit den Schultern zuckte.
„Warum nicht? Zeigen Sie uns den Weg." Ihr Partner schien noch immer argwöhnisch zu sein, doch Li konnte eindeutig sehen, dass Jenny in seiner und Niks Gegenwart vollkommen entspannt war, was eine große Erleichterung war. Er brauchte immerhin das Vertrauen der Frau.
Nachdem er Nik angewiesen hatte, dass sie los konnten, schob Nik seinen Rollstuhl und das Paar ging hinter ihnen. Aus seinen Augenwinkeln heraus konnte er sehen, wie ein paar hitzige Blicke in noch einem stillen Gespräch ausgetauscht wurden, doch Jenny schnaubte schließlich und fasste neben Nik Tritt. Er konnte das Grinsen nicht verkneifen, als Jenny anfing Nik über die Schule auszuquetschen. Nik beantwortete all ihre Fragen bereitwillig und führte sie sogar noch näher aus, wenn er glaubte, dass es notwendig war. Das Staunen auf dem Gesicht der Frau wurde mit jedem Wort, das über Niks Lippen kam, größer.
Nach etwa fünfzehn Minuten kamen sie schließlich vor der Schmiede zum Stehen. Von nun an konnte Li seinen Rollstuhl alleine manövrieren und dankte Nik für seine Hilfe, bevor er sich wieder Jenny zuwandte. „Was ich Ihnen zeigen möchte, ist drinnen. Ihr Partner darf gerne mit uns kommen, aber Sie sind es, der ich das zeigen muss."
„In Ordnung… was ist es?"
Die Neugier in ihrer Stimme wurde gar nicht verborgen, deshalb schloss Li schnell die Tür auf und rollte seinen Rollstuhl hinein. Jenny folgte direkt hinter ihm, und nach ihr kamen ihr Partner, Trunks, und Nik. Er sah, wie ihr Blick in den Raum wanderte, wo er die Waffen schmiedete, deshalb erklärte er: „Dinge aus Metall herzustellen ist meine größte Leidenschaft. Ich würde sterben, wenn ich es nicht mehr könnte, aber glücklicherweise sind meine Arme noch stark, während meine Beine mich schon im Stich gelassen haben."
„Es ist unglaublich", hauchte Jenny. „Ich habe noch nie so etwas gesehen und glauben Sie mir, ich habe schon viele Dinge gesehen."
Irgendwie konnte er an ihren Worten nicht zweifeln. Er hatte bereits die Tiefe in ihren blauen Augen bemerkt und fragte sich einen Augenblick lang, wie alt sie wirklich war. Sie sah nicht einen Tag älter aus als dreißig, genauso wie ihr Partner, aber etwas in ihrer Haltung sprach von mehr Jahren. „Sie glauben, das ist unglaublich? Dann schauen Sie sich das hier an." Er grinste sie an, als er die Tür zum Raum mit den Waffen öffnete. „Willkommen in meiner Waffenkammer."
Jenny pfiff anerkennend, als sie sich in dem Raum umschaute, doch ihr Blick wanderte nicht weit, als er sich plötzlich auf zwei Waffen fixierte, genauso wie er es sich erhofft hatte. Fast so als wäre sie benommen, durchschritt Jenny den Raum und streckte ihre Hände zu den Schwertern aus; sie berührte sie fast, doch zögerte wenige Zentimeter von ihnen entfernt, bevor ihre Finger mit den Klingen in Berührung kamen. Über ihre Schulter blickend fragte sie: „Darf ich?" Li nickte, und vorsichtig, fast so als wären sie sehr zerbrechlich, nahm Jenny erst das kurze Schwert und dann das lange Schwert von der Wand. Lis Augen sahen sofort, dass sie für sie perfekt waren – die Länge, die Breite, das Gewicht… alles.
„Das sind die Drachenschwerter. Vor vielen Jahren, als ich noch ein junger Mann und auf einer Reise war, um mehr über mein Handwerk zu lernen, fand ich sieben Kugeln, die Dragonballs genannt werden. Mit ihnen rief ich den Drachen Shenlong und ich wünschte mir, dass ich jedes Metall schmieden kann. Doch bevor er mir meinen Wunsch erfüllte, bat er mich darum, eine Waffe für einen Krieger herzustellen, der dazu bestimmt war, sie zu benutzen, und ihn zu trainieren. Und für diese Aufgabe gab er mir das härteste Metall des Universums. Aus diesem Metall schmiedete ich diese beiden Schwerter, und Sie, Jenny, sind die Kriegerin, die Shenlong prophezeit hatte."
Unerwartet wirbelte der Kopf der Frau zu ihm herum, die Wut auf ihrem Gesicht sichtbar. Doch dieser Ausdruck wurde schnell durch Resignation und dann Verlangen ersetzt, als sie wieder auf die wunderschönen Schwerter, das kurze mit den Dragonballs eingraviert, und das lange zeigte den Drachen Shenlong in seiner Gravur. „Ich habe… ein Problem mit… Prophezeiungen…", antwortete sie schließlich. „Aber ich kann die Anziehungskraft der Schwerter spüren. Sie rufen nach mir. Ich glaube nicht, dass ich sie einfach zurücklegen und dann vergessen kann. Ich habe das Gefühl, ich würde diese Entscheidung bereuen."
„Sie gehören Ihnen", sagte Li zu ihr, „unter einer Bedingung."
„Die da wäre?"
„Sie müssen akzeptieren, richtig in der Kampfkunst der Schwerter von Nik unterrichtet zu werden. Ich versprach Shenlong, dass ich den Krieger trainieren würde, Sie trainieren würde, aber mein Körper ist alt und kann nicht mehr kämpfen. Nik, als mein Nachfolger, hatte sich einverstanden erklärt, das zu übernehmen. Aber ich muss Sie warnen – dieses Training könnte Jahre dauern." Li schaute Jenny an, lang und eindringlich. Sie musste verstehen, dass sie diese Kunst nicht innerhalb von ein paar Wochen oder sogar Monaten lernen konnte. „Also, akzeptieren Sie diese Bedingung?"
Jenny schaute noch einmal auf die Schwerter hinunter, bevor sie sie wieder dorthin hing, wo sie sie gefunden hatte, und ging dann entschlossen auf Li zu. Ihm ihre Hand entgegenstreckend, sagte sie: „Ich akzeptiere sie."
In seinem ganzen Leben war Li nie so erleichtert gewesen, die Hand eines neuen Schülers zu schütteln.
