1. Kapitel

Zwei Jahre zuvor

Paris schleppte den schweren Koffer seufzend in das geräumige Haus und ließ ihn mit einem lauten Krach zu Boden fallen. Sie schloss die Tür und zählte bis drei.

Leise Schritten ertönten. Näherten sich

„Miss Gellar, schön, dass Sie zurück sind. Darf ich Ihnen mit dem Koffer helfen?" Das Hausmädchen strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn und bemühte sich sichtlich um ein besonders fröhliches Lächeln.

Sechs. Pünktlich wie auf die Minute.

Paris schüttelte den Kopf. „Ich bin kein Invalid." Sie seufzte leise und fragte mehr aus Gewohnheit als Interesse: „Ist meine Mutter zuhause?"

Acht, neun, zehn. Das Hausmädchen, Paris konnte sich dessen Namens nicht mehr genau entsinnen - es waren zu viele Angestellte in den letzten drei Jahren gewesen - kaute unsicher auf der Unterlippe, ehe es antwortete: „Sie haben sie um vielleicht eine Stunde verpasst. Aber sie wird gewiss bald zurück sein. Ihr Vater ist noch auf Geschäftsreise."

„Haben sie mir eine Nachricht hinterlassen?" Paris bemühte sich um einen gleichgültigen Gesichtsausdruck.

Zwölf, dreizehn, vierzehn. Ihr Gegenüber schüttelte den Kopf. „Nein leider..."

Fünfzehn. Paris griff nach dem Koffer und wandte sich bereits zum Stiegenaufgang, als die Mittdreißigerin weiter sprach: „Wissen Sie, ich habe heute einen verwirrten Tag, womöglich habe ich es auch nur vergessen. Zumindest Ihre Mutter ließ Ihnen sicherlich etwas ausrichten."

Paris warf ihr einen kurzen, kühlen Blick zu. „Wie lange arbeiten Sie schon hier?" Sie ging auf ihr Zimmer, ohne eine Antwort abzuwarten.

Das Bett knarrte, als sie sich darauf fallen ließ. Wie schön es doch ist, in den Ferien so willkommen geheißen zu werden. Danke für die herzliche Begrüßung, Mom. Danke, dass du es gerade mit deiner Geliebten in einem Hotelzimmer treibst, Dad.

Sie setzte sich mit einem Schwung auf und starrte wütend in den gegenüberliegenden Spiegel. Einige Haarsträhnen hatten sich aus dem strengen Zopf gelöst. Warum tue ich mir das noch an? Nach all den Jahren? Werde ich es denn nie verstehen? Was erwarte ich mir?

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Alejandro spielte Gedanken verloren mit seiner Zigarette, während seine Mutter unruhig in der Küche auf und ab lief. Schließlich stürzte sie zu ihm und schlug mit der Handfläche so fest auf die Tischplatte, dass das Glas Saft gefährlich zu wanken begann.

„Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst aufhören zu rauchen?", fuhr sie ihn an.

Er betrachtete sie unbeeindruckt. „Habe ich sie angezündet?"

„Du bist wie dein Vater!"

Alejandro zog eine Augenbraue hoch. „Er hat seine auch nie angezündet? Das ist ja unfassbar."

„Werd bloß nicht frech. Nichts als Ärger hat man mit euch!"

Euch waren Alejandro, seine achtzehnjährige Schwester Nadia, und die drei Nachzügler Pedro, Sara und Marta. Wobei letztere aufgrund ihrer besseren Gene väterlicherseits wohl doch nicht so sehr zu euch zählen dürften.

„Nadia ist erwachsen." Alejandro Blick blieb auf einem Bild hängen, welches seinen Stiefvater in seiner Uniform zeigte. Von seinem Vater gab es keine ähnliche Fotografie an der Wand. Wahrscheinlich hätte sich die Farbe dessen Dienstanzugs nicht mit jener der Küchenwand vertragen.

Seine Mutter, Isabel, ballte die Hände zu Fäusten. „Und deshalb kann sie einfach machen, was sie möchte und zu dem ersten Spinner ziehen, der ihr über den Weg läuft?"

„Der dritte."

Isabel schüttelte fassungslos den Kopf. „Ist dir deine Schwester so gleichgültig?"

„Es geht doch hier gar nicht um sie. Vor kurzem hättest du Jake noch einen Altar erbaut, seinen Heiligenschein poliert."

Sie hob den rechten Zeigefinger. „Du versündigst dich."

„Wäre ich nicht so ein brillanter Schauspieler, würdest du mir meine Angst ansehen."

Isabel klatschte verzweifelt in die Hände. „Womit habe ich das nur verdient!"

„Ich bin voller Mitgefühl." Er erhob sich von der kleinen Küchenbank. „Aber ich muss los."

„Alejandro..."

Er hielt vor der Tür inne, jedoch ohne sich umzudrehen.

„Dein Vater und ich würden uns sehr freuen, würdest du uns am Sonntag Gesellschaft beim Mittagessen leisten. Es gibt Enchilladas."

„Er ist nicht mein Vater."

Isabel trat gegen einen Küchenstuhl. „Nein, dein Vater ist ein elender Bastard, der sich kein bisschen für deine und Nadias Existenz interessiert!" Ihre Augen begannen zu tränen.

„Sagtest du nicht, ich wäre wie er?" Alejandro wartete keine weitere Antwort mehr ab. Er ließ die Wohnungstür mit einem lauten Krach ins Schloss fallen.