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2. Kapitel Eine schwere Entscheidung

Anm. der Autorin: Dankeschön für die lieben Rückmeldungen! alle knuddelt Hier kommt auch schon das nächste Kapitel. Was werden wohl die lieben Leute vom Team sagen? Hier erfahrt ihrs! Viel Spaß!! Eure Calypso

Es ist mein Leben, das ist alles, was ich habe

Es ist mein Leben, und ich lebe es gerade

Nur schade, dass manchmal in mir ein Gefühl aufsteigt,

Das sich wehrt und beschwert

Dass das alles hier nicht so ist, wie ich's mir vorgestellt hatte

in meinen Träumen

Und trotz alldem bin ich hier …

Mondscheiner – Das was wir sind

„Und wie stellst du dir das vor, Junge?"

Grant schlug mit der Faust auf den Tisch und spuckte beinahe vor Fassungslosigkeit, als er mit stierendem Blick den jungen Mann anstarrte, der seelenruhig ihm gegenübersaß und keinerlei Emotion auf seinem Gesicht zeigte. Der Trainer wusste, dass die ganze Mannschaft vor der Tür seiner Kabine stand und lauschte, doch er beschloss, sie nicht zu verjagen. Sollten sie ruhig hören, was ihr ehrenwerter Teamkollege zu tun gedachte.

Nachdem Grant den Brief von Dumbledore gelesen hatte, hatte er zuerst geglaubt, jemand erlaube sich einen schlechten Scherz mit ihm. Der Schulleiter konnte doch nicht ernsthaft von ihm verlangen, seinen Hüter gerade zu Beginn der Saison aus dem Team zu entlassen, nur damit er – und das war der Gipfel an Frechheit – Lehrer in Hogwarts werden konnte. Lehrer! Nur ein Verrückter tauschte eine aufstrebende, glänzende Quidditchkarriere in einem altehrwürdigen, erfolgreichen Quidditchligateam gegen einen Lehrerposten ein. Wenn der Trainer allerdings den Blick sah, mit dem der Schotte ihn bedachte, so kam ihm der unbehagliche Gedanke, dass so ein Verrückter gerade vor ihm saß.

„Und was ist mit den Falmouth Falcons? Mit den Kenmare Kestrels? Mit all den anderen, deren Niederlage du besiegeln könntest? Hast du darüber schon mal nachgedacht, bevor du mit dieser himmelschreienden Idee hier hereingestürmt kamst?"

Langsam aber sicher wurde Grant ungemütlich, und Woods gleichmütiges Gesicht ärgerte ihn noch viel mehr.

„Rob, bitte …", meinte der junge Hüter plötzlich und lehnte sich etwas in seinem Stuhl vor. „Hör mir zu. Du hast doch Dumbledores Schreiben erhalten, oder? Als jemand, der Dumbledore schätzt und vertraut, solltest du doch am besten wissen, dass seine Entscheidungen und Pläne zu durchdacht sind, um sie in Frage zu stellen!"

„Ich sehe bloß nicht den Sinn, den es macht, mir meinen Hüter wegzunehmen!", schnaubte Robert bitter mit gerötetem Gesicht und raufte sich die Haare. Gedanklich sah er schon die Spiele ohne Wood kommen, und Blackburn, der wieder seinen Platz eingenommen hatte, obwohl er dem Schotten weit unterlegen war … ein grausiges Szenario.

Oliver, seinerseits jetzt langsam wütend werdend trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte und seufzte.

„Versteh doch bitte! Du-weißt-schon-wer ist zurückgekehrt und glaub mir, es wird nicht lange dauern, bis wieder schreckliche Morde und eine Zeit der Angst und des Schreckens beginnen! Dumbledore ist der einzige, vor dem Du-weißt-schon-wer Angst hatte und noch immer hat, und das ist der Schutz, den er den Schülern geben kann! Alles andere müssen sie von selbst erlernen, und wenn der Schulleiter mich braucht, um ihm dabei zu helfen, so werde ich es tun Rob, ob es dir gefällt oder nicht! Bitte … lass mich gehen!"

Eine lange, schwerwiegende Pause trat zwischen den beiden Männern ein, in der sie sich nur gegenseitig anstarrten; und Grant sah das entschlossene Funkeln in Woods dunklen Augen, das sie förmlich zum Glühen brachte. In diesem Moment wusste er, das es keinen Sinn mehr hatte, zu widersprechen. Noch einmal dachte er über das ganze nach, und er erinnerte sich plötzlich an seinen Bruder Roy, dessen Tochter Mara im Herbst mit der Schule beginnen sollte. Wenn er es nun recht bedachte, so wollte auch er, dass sie sicher war und alles erlernte, um sich vor dem Dunklen Lord zu schützen. Ihre Mutter war muggelstämmig, und deshalb war doppelte Vorsicht geboten.

„Na dann komm schon, bevor ich es mir anders überlege!"

Mit einem sanfteren Gesichtsausdruck ließ sich der Trainer schließlich Oliver gegenüber nieder und kramte in seiner Schublade nach einem Blatt Pergament.

„So einen wie dich krieg ich nie wieder", murmelte er trotz allem verbissen und begann, die Feder wie wild über das Pergament sausen zu lassen. Glänzende, schwarze Tinte ließ eine Vertragsauflösung in krakeliger Schrift zurück, und Oliver wurde das Herz ein wenig schwer, als er die Worte las. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Durch meine Unterschrift bestätige ich, Mr Robert Lewis Grant, Trainer von Puddlemere United, kraft meiner Position Mr Oliver Calum Wood auf eigenen Wunsch hin des abgeschlossenen Vertrages mit Dauer von 4 Jahren entbunden zu haben. Die Funktion des Ausgetretenen wird mit dem Nächsten der Reservebank ersetzt und ist bei eventuellen Rückentschlüssen ohne vorherige Prüfung und Aufnahme nicht wieder zu vergeben …

„Aber wenn das dein Weg ist, Junge", Grant setzte am Ende des Schreibens seinen Namen auf den dafür vorgesehenen Strich und schnalzte mit der Zunge, „so will ich ihn gerne billigen. Meinen Segen hast du."

Mit diesen Worten hielt er dem ehemaligen Hüter von Puddlemere United das Pergament und die Feder hin, welche Oliver mit ein wenig zitternden Händen ergriff. Wenn er jetzt unterschrieb, gab es endgültig keine Rückzugsmöglichkeit mehr. War es denn richtig, jetzt alles aufzugeben?

Er unterdrückte die stummen Zweifel und dachte mit beherrschter Miene an das, was McGonagall ihm gesagt hatte … und an das, was er selbst in ihm gefühlt hatte.

Entschlossen senkte er den Federkiel und unterschrieb neben Grants Namen, dann blies er leise die Luft aus und reichte seinem Ex-Trainer das Blatt zurück, bevor er es sich anders überlegte.

Dieser nahm es mit einem Seufzer entgegen und sah den Jüngeren eine ganze Weile nur an, und ein wehmütiger, fast schon väterlicher Ausdruck lag in seinen Augen.

„Ich wünsch dir viel Glück, mein Junge", meinte er schließlich mit krächzender Stimme und erhob sich von seinem Stuhl, Oliver tat es ihm gleich. „Und lass dir von den kleinen Scheißern nicht auf der Nase herumtanzen. Das Fluggenie bist hier immer noch du, kapiert?"

Wood nickte lächelnd und versuchte, das beklommene Gefühl in seinem Magen zu unterdrücken, als er Grant die Hand zum Abschied reichte. „Danke, Rob. Für alles. Ohne dich hätte ich es nie soweit geschafft."

Rob jedoch winkte nur ab und begann, in seinem Schreibtisch herumzukramen. „Ja ja, schon gut! Los, raus mit dir, bevor ich es mir anders überlege und dich zum Bleiben zwinge!"

Schwermütig machte der junge Schotte auf dem Absatz kehrt und ging zur Tür, jedoch nicht, ohne sich noch ein letztes Mal nach dem kauzigen, alten Mann umzudrehen, den er in den letzten zwei Jahren seinen Mentor genannt hatte. Er seufzte und griff nach der Türklinke, schüttelte lächelnd den Kopf und öffnete die Tür.

Nur Sekunden später sah er sich einer wahren Horde von Menschen gegenüber, die ihn alle mit vor der Brust verschränkten Armen in einer Mischung aus Traurigkeit und Ärger anblickten.

Ted, Derrick, Bill, Amanda, Lester, Helena und Harry; Andrew, Eugene, Garry, Alanis und Lee; sie alle standen vor der Tür ihres Trainers und starrten ihn an; und in diesem Moment schienen sie Welten zu trennen. Wood blieb nur ein kurzer Augenblick, in dem er mit einem leicht flauen Gefühl im Magen merkte, das Adrien – sein eigentlich bester Freund – fehlte, bevor Helena vortrat und zu ihm aufsah (sie war um gut zwei Köpfe kleiner als er).

„Du gehst also? Und wann hatte der gnädige Herr vor, uns davon in Kenntnis zu setzen?"

Zustimmendes Gemurmel brach im Rest des Teams aus und ihre Blicke verloren all die Spur Traurigkeit, die sie besessen hatten. Enttäuschung, das beschrieb den Ausdruck richtig.

„Leute, ich …", setzte Wood an, doch ihm blieben die Worte im Halse stecken. Was sollte er ihnen sagen? Das es ihm Leid tat? Er kannte sie gut genug, und „Es tut mir Leid" war in der Sportbranche nicht die richtige Entschuldigung. Also versuchte er es anders. „Lasst es mich erklären, ich –"

„Was soll es da noch zu erklären geben?", unterbrach ihn Lee (der aber eher so aussah, als würde er am liebsten vor Freude in die Luft springen, endlich wieder der 1. Hüter zu sein). „Es ist Saisonbeginn und du machst einfach 'n Abgang! Von dem Teamgeist, den du uns so oft eingebläut hast, kann doch da keine Rede sein!"

Wieder zustimmendes Gemurmel, und Oliver war der Verzweiflung nahe. Er musste ihnen unbedingt erklären, dass er sie nur schweren Herzens verließ, und das auch nur wegen Dumbledores Bitte. Zu allererst schloss er die Tür zur Trainerkabine, dann bahnte er sich wortlos einen Weg durch seine ehemaligen Teamkollegen und ließ sich etwas weiter hinten im Gang auf eine Bank sinken. Die anderen folgten ihm und stellten sich um ihn herum auf, einen driftigen Grund und eine ausreichende Erklärung erwartend.

„Was wollt ihr jetzt von mir hören?", richtete Wood das Wort an die steinernen Gesichter, die sich wie eine Mauer um ihn herum zogen und ihn mit ihren Blicken zu durchbohren schienen.

„Dass es mir Leid tut? Dass es mir verdammt noch mal schwer gefallen ist, diese Entscheidung zu treffen? Ja! Ob ihr es hören wollt oder nicht, dass ist es, was ich euch zu sagen habe. Es tut mir Leid, dass ich euch jetzt so hängen lassen muss. Es war verdammt noch mal sehr schwer, und ich habe gut darüber nachgedacht …"

„Nicht recht lange, meine ich", unterbrach ihn Derrick lakonisch und Ted pflichtete ihm bei.

„Genau! So eine Entscheidung sollte man doch gut und lange überdenken! Erst gestern warst du noch ein fixer Bestandteil unseres Teams, und jetzt …", resignierend ließ er die Hände sinken und starrte den Hüter mit traurig gewordener Miene an. „… jetzt stehen wir vor der Tatsache, dass wir nicht nur unseren … unseren besten Mann, sondern auch einen Freund verlieren."

Zustimmendes Gemurmel von allen Seiten, und ein flaues Gefühl breitete sich in Woods Magen aus.

Hatte Ted ihn gerade ihren ‚besten Mann' genannt?

Plötzlich verstand er wirklich, was es auch für das Team bedeutete, wenn er ging. Er war wirklich gut gewesen … und ohne hochmütig sein zu wollen, konnte er sagen, dass sie seinetwegen viele Spiele gewonnen hatten. Jetzt aber gab er seine ganze, viel versprechende Karriere auf.

Würde ihr Siegeszug nun auch seinetwegen seinem Ende entgegensehen? Das war das Letzte, was er gewollt hatte.

„Leute, ich …", der junge Schotte raufte sich die Haare und vergrub seine langen Finger darin, seine Augen brannten verräterisch und er verfluchte sich selbst dafür. Himmel, wie ein kleiner Junge flennen, das würde er nicht.

„Ich … das hatte ich nicht geplant, wisst ihr? Glaubt ihr wirklich, ich würde … ich würde aus eigenen Überlegungen heraus … Lehrer werden?"

Die Gesichter seiner ehemaligen Teammitglieder wurden allmählich sanfter, bei seinen letzten Worten hatte sich sogar ein kleines Lächeln auf die Münder der jungen Frauen gestohlen.

„Nein? Also! Meine Gründe sind nicht eigener, sondern viel dringenderer Natur. Hat euch Grant denn irgendetwas erzählt?"

„Nur, dass du deinen Posten hinschmeißt und dich aus dem Vertrag schmuggelst, nur um zurück in deine alte Schule zu gehen und zu unterrichten", kam es von Alanis. „Mehr wollte er uns nicht sagen, er meinte, wir sollten uns besser auf den Sport als auf das konzentrieren."

„Es ist nicht gut von ihm, euch die Gründe für mein Gehen vorzuenthalten", schnaubte Wood, dann räusperte er sich kurz und begann, ihnen eben jene Gründe zu schildern.

Aus seinen Worten sprach Überzeugung dessen, was er vertrat, und je länger er redete, desto mehr verstanden auch alle, warum er das Team so überstürzt verlassen hatte.

„Ich hatte ja keine Ahnung, dass es so schlimm aussieht", murmelte Andrew, der seinen Abschluss in Hogwarts erst gute sechs Jahre hinter sich hatte und ebenfalls in Gryffindor gewesen war. Auch alle anderen machten betroffene Gesichter, und nun schien es, als habe keiner mehr Einwände oder Bedenken gegen Woods Aufgabe.

„Versteht ihr mich jetzt?", fragte dieser mit matter Stimme und blickte hoffnungsvoll zu seinen Kollegen auf, und statt der wütenden Gesichter von vorhin kam ihm nun Freundlichkeit, ein aufmunterndes Lächeln und Verständnis entgegen.

„Klar", meine Lee und klopfte Oliver auf die Schulter (der junge Schotte hatte zwar noch immer das Gefühl, als könne es dem anderen Hüter gar nicht schnell genug gehen, dass er fort kam, doch er freute sich über diese Geste).

„Ich denke, ich spreche für das ganze Team, wenn ich sage, dass ich dir viel Glück wünsche", kam es plötzlich von Alanis, in ihren Augen stand ehrliches Bedauern, sie trat auf ihn zu und umarmte ihn (da sie so klein war, artete es fast schon in eine Verrenkübung für sie aus).

„Du wirst uns fehlen, du Super-Hüter! Pass auf dich auf."

Plötzlich wollte ein jeder Oliver ein letztes Mal umarmen, Wood erhob sich und verabschiedete sich von jedem mit einer herzlichen Umarmung, denn niemand konnte sagen, wann sie sich jemals wieder sehen würden.

Als er sich schließlich auch von Lester losgerissen hatte, sah er sich suchend im Vorzimmer um, doch der, auf den er gehofft hatte, war noch immer nicht erschienen; und langsam befiel den jungen Schotten wieder ein dumpfes Gefühl des schlechten Gewissens.

„Wo ist Adrien?"

Alanis und Andrew wechselten einen kurzen, aber vielsagenden Blick, der Olivers geübtem Blick nicht entging, und er stellte die Frage erneut an sie.

„Wo. Ist. Adrien? Ich will mit ihm reden!"

Als Andrew nach kurzem Zögern schließlich begann, zu sprechen, konnte er Wood nicht in die Augen sehen, sondern richtete seinen Blick kontinuierlich auf seine Schuhspitzen.

„Er … nun ja, er … als er gehört hat, dass du aussteigst … war er – um es milde auszudrücken – ziemlich sauer und enttäuscht. Du kennst ihn doch, leicht aus der Ruhe zu bringen und schwer zu beruhigen. Er ist abgehauen, ich glaube er trainiert sich grade den ganzen Frust von der Seele."

Vorsichtig hob Andrew den Blick und blinzelte, auch der Rest des Teams wartete scheinbar auf Olivers Reaktion. Keiner von ihnen hatte mit Adrien gesprochen, nachdem sie die Neuigkeit erfahren hatten, doch ein jeder hatte den Ausdruck in seinen Augen gesehen, und das war genug gewesen.

Das dumpfe Gefühl in Woods Magen verstärkte sich und er biss die Zähne zusammen.

Es stimmte, eigentlich kannte er Adrien gut genug, um dessen Reaktion vorhersehen zu können. Er musste unbedingt mit ihm reden, sonst würde mit seinem Gehen auch ihre Freundschaft zerbrechen.

Mit einem kurzen „Entschuldigt mich" schob er sich durch den Haufen und eilte aus dem Vorzimmer, hinaus an die kühle, frische Luft.

Das scharfe Sausen, als der Quaffel wieder und wieder mit aller Kraft durch einen der Torringe geschossen wurde, erfüllte schon eine ganze Weile das verlassene Stadion von Puddlemere United. Das große Quidditchfeld lag fast verlassen da, die Torringe und Fahnen erhoben sich majestätisch in den mattgrauen Himmel, der vom starken Gewitter am Vortag noch wolkenverhangen war.

Wieder raste der rote Quaffel durch einen der Ringe, begleitet von einem verärgerten, kurzen Aufschrei desjenigen, der ihn schon seit geraumer Zeit immer wieder warf, um seiner ganzen Wut freien Lauf zu lassen.

Adrien Harrolds sonst so ruhiges, markantes Gesicht war zu einer grimmigen Maske verzerrt; immer und immer wieder, wenn der rote Ball zu ihm zurück kam, packte er ihn erneut und schleuderte ihn mit solch einer Kraft von ihm weg, dass sogar den Nationalspielern die Kinnlade heruntergeklappt wäre.

Die Wut, die er schon seit dem Morgen in sich trug, verrauchte langsam; und mit jedem Wurf blieb nur noch tiefe Enttäuschung zurück. Mutlos ließ er den Arm sinken, als er den Quaffel erneut in Richtung der Tore werfen wollte und schwebte für einen Moment still in der Luft hoch über dem Rasen. Seine hellen Augen waren ausdruckslos auf einen Punkt irgendwo in der weiten Landschaft vor ihm gerichtet, sein Blick verlor sich in den Weiten der Wälder und Wiesen; und er fühlte sich, als würde ihn seine maßlose Enttäuschung von innen heraus aufzehren.

Was Oliver getan hatte, tat ihm weh; doch das wagte er nicht, zuzugeben. Nach außen hin hatte er den starken, aber doch sich überrumpelt gefühlten Kapitän der Mannschaft gespielt, der nach dieser Neuigkeit versuchte, die Fassung zu bewahren. In seinem Inneren jedoch schien etwas zerbrochen zu sein.

Er glaubte, dass die anderen aus dem Team es nie wirklich geahnt hatten; vielleicht wegen der Art, mit der er immer mit dem Hüter gesprochen hatte oder mit ihm umgegangen war; doch in Wahrheit waren er und Oliver gute Freunde gewesen – vom ersten Tag an. Seit der junge Schotte das erste Mal mit ihnen trainiert hatte, hatte Adrien ihn unter seine erfahrenen Fittiche genommen, obwohl er nur um einige Jahre älter war als er.

Seitdem hatten sie viel zusammen unternommen, waren abends ausgegangen, hatten Spielzüge besprochen, zusammen trainiert, wenn beide vor einem wichtigen Spiel nicht ruhig sein oder schlafen konnten, sich über Grant lustig gemacht und dann und wann gemütlich ein Bier in seiner oder Olivers Wohnung getrunken.

Im Grunde waren sie vom selben Schlag gewesen – sowohl was das Spiel als auch das Private anbelangte. Und doch …

Und doch, dachte Adrien mit erneut aufkeimendem Groll und umklammerte seinen Besenstiel fester, und doch hat er mich so hintergangen

Adrien hätte viel erwartet; auf das jedoch war er nicht vorbereitet gewesen. Nie im Traum hätte er daran gedacht, dass Wood das Team verlassen würde – noch dazu JETZT und ohne einleuchtende Erklärung. Dass er Puddlemere United verließ, bedeutete für den Kapitän nicht nur in gewisser Weise einen Verrat am Team selbst. Nein, auch einen Verrat an ihrer Freundschaft.

Kraftlos und mit allmählich schmerzenden Armen wollte er schon umkehren und gen Boden fliegen, um nach Hause zu gehen und allein zu sein, als plötzlich eine Stimme quer durch das Stadion schallte.

„Adrien? ADRIEN!"

Mit einem Ruck riss der Kapitän seinen Besen herum und sah, wie unten auf dem Boden eine Gestalt die Umkleiden verließ und langsam über den Rasen spazierte. Selbst aus dieser Höhe konnte der Angesprochene erkennen, wer es war; er hatte sich also nicht in der Stimme getäuscht, und erneut wallte Zorn in ihm auf.

„Was willst du?", bellte er und hielt verbissen seine Flughöhe, nicht willens, zu Wood auf den Boden zu kommen, um mit ihm zu sprechen.

Oliver war jetzt fast in der Mitte des großen Feldes und legte den Kopf in den Nacken, um zu Adrien aufsehen zu können. Mit einer Hand beschattete er seine Augen und blickte hinauf in den wolkenverhangenen Himmel. Dann erhob er seine Stimme erneut.

„Glaubst du nicht, dass es etwas unhöflich und stimmbänderzerstörend ist, wenn du dort oben bleibst und wir uns auf diese Distanz unterhalten? Komm runter, Adrien! Wir müssen reden!"

„Ich wüsste nicht, worüber", kam die kurz angebundene Antwort und Oliver ließ seinen Arm sinken, „und ich glaube auch nicht, dass es noch etwas bringen würde. Musst du nicht nach Hause und deine Koffer packen für deine neue Herausforderung?"

Mit seinen scharfen Augen sah er, wie Wood die Stirn runzelte und ein verletzter Ausdruck über sein Gesicht huschte.

„Willst du nicht wenigstens zuerst herunterkommen, bevor du voreilige Schlüsse ziehst und mir Beleidigungen an den Kopf wirfst?", kam es ein klein wenig mutlos vom Boden und Adrien rollte mit den Augen. Der Schotte gab einfach nicht auf.

Er warf einen weiteren Blick zum Boden hinunter und erkannte, dass Oliver sich kurzerhand ins taunasse Gras gesetzt hatte und noch immer zu ihm aufsah. Seine Miene verriet das aufrichtige Bedürfnis, mit seinem Kapitän sprechen zu wollen.

Adrien schnaubte und wendete scharf seinen Besen. Verdammt sei dieser Schotte mit den unerträglich guten Fähigkeiten!

Im langsamen Sinkflug kehrte er mit verkniffenem Gesichtsausdruck zurück zur Erde und landete etwas härter als beabsichtigt auf dem nassen Gras, nur einen Meter von seinem Freund entfernt.

Oliver erhob sich wie in Trance und klopfte beiläufig das klebrig-nasse Gras von seiner Hose.

Dann ging er bedächtigen Schrittes auf Adrien zu, der ihn aus zusammengekniffenen Augen musterte, ganz so, als hätte er einen Feind vor sich. Seine Stimme war kalt, als er sprach.

„Bevor du jetzt versuchst, mir irgendwelche Erklärungen aufzuschwatzen, lass dir eines gesagt sein, Oliver Wood: Ich hätte nie von dir gedacht, dass du das Team – und mich – so im Stich lässt. Echt nicht. Ich habe gedacht, das alles bedeutet dir etwas; zuviel, um es einfach wegzuwerfen! Anscheinend habe ich mich geirrt … in dem, und in dir!"

Wieder herrschte Stille zwischen den beiden und nur der Wind war in den Wipfeln der umliegenden Bäume zu hören. Der Hüter raufte sich die Haare und seufzte.

„Lass es mich dir erklären, Adrien! Sei doch nicht so stur."

Doch Harrold rührte sich nicht von der Stelle, kein Wort kam über seine zusammengepressten Lippen.

„Adrien, bitte", versuchte Wood es noch einmal und erreichte wenigstens, dass sein Freund die Spannung aus seinem Gesicht nahm und die Arme vor der Brust verschränkte.

„Ich höre."

Der junge Schotte atmete tief durch, und begann schließlich, mit leiser, aufrichtig klingender Stimme zu sprechen.

„Ich habe eine Zeit lang darüber nachgedacht, wie ich es dir erklären könnte. Habe alles gedreht und gewendet, doch ich bin zu keinem Ergebnis gekommen. Aber schließlich habe ich etwas wieder gefunden, dass dich vielleicht von dem überzeugt, was meine neue Bestimmung wird. Hier."

Und er reichte Adrien ein zusammengefaltetes Stück abgegriffen aussehendes Pergament. Tatsächlich hatte Oliver es wieder und wieder gelesen, als er es erhalten hatte, und nun holte er es aus seiner Manteltasche und gab es an seinen ehemaligen Kapitän.

Dieser faltete das Stück Pergament mit gerunzelter Stirn auseinander, glättete es und begann leise murmelnd zu lesen.

Lieber Oliver,

wie geht es dir? Nachdem du ja so lange nichts hast von dir hören lassen, haben wir beschlossen, dich mit einem Brief zu nerven.

Bestimmt bist du Tag und Nacht beschäftigt mit Training, und vielleicht erkennst du jetzt endlich, wie unser Leben während deiner Zeit als Kapitän war. :-)

Hogwarts hat sich sehr verändert, seit du weg bist. Keine Trainingsstunden zu den unmöglichsten Zeiten, keine emotionalen Aufmunterungsreden …

Und vor allem KEIN QUIDDITCH! Du hast richtig gelesen – letztes Schuljahr gab's keine Hausmeisterschaften. Schrecklich, oder?

Der Grund war das Trimagische Turnier, das in der Schule stattgefunden hat; und Harry war einer der Trimagischen Champions (was du sicher im Tagespropheten gelesen hast).

Natürlich ist das nicht mit rechten Dingen zugegangen. Am Ende stellte sich dann heraus, das Du-weißt-schon-wer Harry eine Falle gestellt hat, um ihn umzubringen.

Du hast sicher bereits von Cedric Diggorys Tod erfahren – eine grauenvolle Geschichte. Harry macht sich noch immer Vorwürfe, er war ja schließlich dabei.

Die Tage werden immer dunkler, Oliver. Vielleicht spürst du das nicht, weil dein Leben voll von Quidditch davon noch verschont geblieben ist.

Doch in Hogwarts sind deutlich Veränderungen zu spüren. Die Schüler haben Angst, und Dumbledore auch. Obwohl das Ministerium alle Beweise, dass Du-weißt-schon-wer zurück ist, abstreitet, weiß es hier ein jeder (mit Ausnahme der Slytherins vielleicht).

Im Ernst, würdest du denken, Harry lügt? Es ist schrecklich, viele Eltern reden angeblich davon, ihre Kinder von Hogwarts zu nehmen.

Die Sicherheitsvorkehrungen werden wahrscheinlich radikal verschärft; und das Leben hier wird einfach nicht mehr so sein, wie es zu deiner Zeit noch war.

Aber genug davon, wie läufts bei Puddlemere United? Haben gehört, du bist zum 1. Hüter aufgestiegen, Gratulation! Wir haben uns bereits gefragt, wann sie endlich deine herausragenden Fähigkeiten entdecken und dich von der Bank holen.

Hoffentlich hören wir bald wieder von dir, denn die alten Zeiten fehlen uns manchmal doch sehr …

Liebe Grüße,

Fred, George, Alicia, Angelina, Katie u. Harry

Adrien hatte zu Ende gelesen; stumm ließ er den Brief sinken und starrte Oliver mit komplett veränderter Miene an. Aus seinen Augen sprach nicht mehr Abneigung, sondern ein Hauch von Furcht; und ein Ausdruck von Ungläubigkeit trat in seine Züge.

„Ich – ich wusste nicht, dass … dass es so … schlimm ist", sagte auch er schließlich mit heiserer Stimme und Oliver erkannte Aufrichtigkeit dahinter.

Er trat zu seinem Freund heran und legte einen Arm um dessen Schulter.

„Adrien, ich … ich gehe nicht weg, weil ich irgendjemandem eins auswischen will oder weil ich mich zu etwas Besserem berufen fühle. Ich gehe weg, weil es von mir verlangt wird, weil Dumbledore mit darum bittet. Die Zeit wird kommen, da wir gerüstet sein müssen für den letzten Kampf, und wenn der Schulleiter der Meinung ist, ich könnte dazu beitragen, so werde ich es tun. Verstehst du?"

Und Adrien Harrold verstand.

Wortlos legte er Wood ebenfalls eine Hand auf die Schulter und blickte ihm lange in die Augen. Dann nickte er mit ernster Miene zum Zeichen, dass er verstanden hatte.

Er war noch nie ein Mann großer Worte gewesen, das wusste der junge Schotte; doch allein der Blick und den Ausdruck, den Adrien jetzt in seinem Gesicht trug, waren ihm Antwort genug.

Viel Glück. Pass auf dich auf.

Wood lächelte und es war, als wäre ein tonnenschwerer Stein von seinem Herzen gefallen. Dass nun auch Adrien hinter der Entscheidung stand, machte die Sache gleich viel einfacher.

„So, und nun erzähl", forderte ihn Harrold auf, als sie langsamen Schrittes aus dem Stadion und zurück zum Hauptgebäude der Mannschaft schlenderten. „Ich will alle Details – und keine weiteren Verheimlichungen, ok?"

Doch er zwinkerte mit einem schelmischen Blick, so wie er es immer tat.

Schnell und behände flog die Spitze der Adlerfeder über das glatte Pergament und hinterließ feine, glänzende Linien aus Tinte. Die flackernden Flammen der großen Kerze auf dem niedrigen Wohnzimmertisch warfen goldene und lichte Sprenkel auf die skizzierte Zeichnung eines großen Feldes. Geschwungene Pfeile und gestrichelte Linien markierten verschiedene Richtungen und Flugbahnen, versehen mit hingekritzelten Kommentaren und verschiedenen Taktiken, die alle schon einmal in einem seiner Quidditchspiele Einsatz gefunden hatten.

Seit vier Tagen nun schon hatte es sich Wood in seiner Wohnung mehr oder weniger gemütlich gemacht; war nur zum Einkaufen und zu einem Treffen mit Adrien hinausgegangen und hatte auch nur einen sehr geringen Teil dieser Zeit verschlafen.

Ununterbrochen hatte er über einem Haufen Pergamentblätter gebrütet; Kommentare und Vorbereitungen für seine ersten Stunden entworfen; Strategiezüge und Taktiken ersonnen und wieder verworfen, nur um sie dann zu verbessern; ehemalige Spielzüge in effektive Finten umgetüftelt und Anweisungen des korrekten Fliegens für die Erstklässler zusammengestellt, die ja erst einmal den Umgang mit dem Besen kennenlernen sollten. Dabei hatte er sich beinahe wortgetreu an jene Erklärungen gehalten, die ihm Madam Hooch in seinem ersten Jahr gegeben hatte, vermischt mit eigenen Eindrücken und Erkenntnissen.

Auch an diesem Abend hockte er im Schneidersitz und an das Sofa gelehnt vor dem Wohnzimmertisch. Die Kerze war schon fast zur Hälfte heruntergebrannt und flackerte immer öfter, doch es störte ihn kaum.

Der Boden um ihn herum war bedeckt mit zerknüllten oder sorgfältig gestapelten Pergamentblättern; von denen er jene, die er gebrauchen konnte, später in ordentliche Mappen einsortieren würde.

Aus dem kleinen CD-Player (einer Muggelerfindung, für die ihn Adrien begeistert hatte) neben der Couch drangen leise Klänge einer Muggelband aus seiner Heimatregion, den Schicksalsschwestern gar nicht unähnlich.

Olivers geschickte Hände führten die Feder in einem letzten, geraden Pfeil über das Blatt und er begutachtete die Skizze, die er angefertigt hatte.

Schon seit Stunden hatte er daran getüftelt; es sollte eine Finte zur Fluchabwehr bei schlechtem Wetter sein; denn dichte Nebel- und Regenschleier – so erinnerte er sich – konnten wahrlich hilfreich sein, wollte man sich vor anderer Augen verbergen.

Schon etwas müde fügte er der Skizze noch einige abschließende Erklärungen und Kommentare hinzu, dann legte er die Adlerfeder beiseite und blies sachte über das Pergament, um die Tinte zu trocknen. Dann seufzte er und langte gedankenverloren nach der mittlerweile dritten Flasche Butterbier, die neben ihm auf dem Wohnzimmertisch stand.

Während er einen tiefen Schluck nahm und die langen Beine von sich streckte, dachte er nach. Über das, was auf ihn zukommen würde, und über das, was hinter ihm lag.

Es würde unbestreitbar viele Herausforderungen geben, mit denen er zurechtkommen würde müssen. Die Schüler, die teilweise schon zu seiner Zeit in der Schule gewesen waren und ihn nun als Lehrer anerkennen mussten; die Slytherins, die das ganze sicher als eine Lachnummer abtun würden; und schließlich derjenige, gegen er all die Unschuldigen schulen und vorbereiten musste.

Voldemort.

Allein beim Gedanken an diesen Namen und das damit verbundene Grauen jagte ihm Schauer über den Rücken, obwohl es im Zimmer zunehmend heißer wurde.

Rasch nahm er einen weiteren tiefen Zug, bevor er sich dessen besann, dass es auch positive Dinge geben würde.

Er würde seine alten Freunde wieder sehen – auch wenn sich der Spaß mit ihnen, seiner neuen Stellung zum Trotz, in Grenzen halten musste – ,sein Team und all die anderen; die ehemaligen Lehrer, die von nun an seine Kollegen waren (so seltsam sich das auch anhören mochte) und das Schloss mit all seinen Geheimnissen und Mythen.

Im Nachhinein betrachtet befand er seine Entscheidung für richtig. Nur jemand, der egoistisch genug war, an seine eigene Karriere zu denken, hätte die Bitte Albus Dumbledores, des mächtigsten Zauberers, den er kannte, abgeschlagen und die Augen vor der dunklen Wirklichkeit verschlossen.

Seufzend und mit schmerzendem Rücken erhob sich der junge Schotte vom Boden und trug die mittlerweile leere Butterbierflasche zum Abfalleimer. Dann sammelte er langsam die zerknüllten Pergamentfetzen auf und beförderte sie der Flasche hinterher. Die Blätter mit den Unterrichtsmaterialien stapelte er säuberlich auf dem Wohnzimmertisch, bevor er die Kerze ausblies und sich streckend das Zimmer verließ, um sich endlich schlafen zu legen.

In elf Tagen würde ein neues Leben für ihn beginnen, das war unbestreitbare Tatsache. Ein Leben, von dem er nie geträumt hatte, denn seine Träume hatten immer dem Sport gegolten.

Und trotz alldem würde er die neue Herausforderung bestreiten und meistern; genauso, wie McGonagall es ihm vorausgesagt hatte.

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