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3. Kapitel Zurück in die alten Zeiten
Anm. der Autorin: Vielen Dank für die Reviews! knuffz Ihr helft mir wirklich sehr! Besonders Psaum ist zu erwähnen, die immer fleißig als erstes am Start ist DANKE )
Danke auch an meine Muse Fahir, die mich immer nervend in die Seite piekst, wenn ich mal nicht schreibe …
Kommen wir zum nächsten Kapitel … freudiges Wiedersehen mit altbekannten Gesichtern? Kreischende Puddlemere-Fangemeinden? Wir werden sehen …
Die kursiven Stellen sollen Olivers Gedanken darstellen. Viel Spaß! Eure Calypso
P.S.: Wundert euch nicht, wenn die Liedexte nicht ganz zum Kapitel passen aber manchmal finde ich eben nichts Besseres Danke an Judith für das Finden eines Liedes für dieses Kap 3!
There's a man who came to stay
The boy he replaced disappeared without a trace
No-one would say what they wanted to say
So he was king for a day
There's a man who came to stay …
Babyshambles – There's a man who came to stay
Der Tag brach an, sonnig und mit einer leichten, lauwarmen Brise. Die Sonne war bereits aufgegangen und warf ihre Strahlen durch den schmalen Spalt der weißen Vorhänge im Schlafzimmer, malte goldene Sprenkel an Wände und Decke und spiegelte sich vielfach in den Schnallen des großen Reisekoffers, der aufgeklappt neben der Tür stand, und in der Glasfläche des Weckers, dessen Zeiger im Moment neun Uhr anzeigten.
Als er mit einem Mal ein lautes, schrilles Läuten von sich gab, ging ein plötzliches Rucken durch den Körper, der sich unter dem leichten Leinenlaken zusammengekauert hatte.
Aus den langen Bahnen weißen Stoffes schoss eine Hand hervor und schlug wie ferngesteuert auf den Wecker ein, bis dieser Ruhe gab, dann war ein leises Murren unter der Bettdecke zu hören.
Langsam und sich genüsslich streckend begann Wood, sich im Bett herumzuwälzen. Es war wie an jedem anderen Morgen, in fünf Minuten würde er gut erholt aufstehen und …
… und heute zurück nach Hogwarts gehen.
Diese Erkenntnis entlockte ihm ein leichtes Lächeln, als er sich noch leicht bedröppelt aufsetzte und sich durchs zerzauste Haar fuhr. Beinahe schon hätte er erwartet, seine Mutter an die Tür klopfen und ihn wecken zu hören, wie in alten Zeiten.
„Oliver! Oliver, Schatz, mach schon! Sonst kommen wir zu spät!"
Doch dieses Mal war er auf sich allein gestellt; seine Mutter würde ihn nicht wecken und zum Hauskamin scheuchen, von dort aus sie immer in den Tropfenden Kessel gereist waren, um nach King's Cross zu gelangen.
Dieses Mal nicht.
Sich erneut streckend und dehnend stieg der neue Professor für Flugkampf gut gelaunt und nur in Unterwäsche bekleidet aus dem Bett und trottete ins Bad hinüber. Auch das müde, ziemlich fertig aussehende Gesicht im Spiegel – dem man die Schlaflosigkeit der vergangenen Tage ansah – konnte seine Laune nicht trüben; und so entledigte er sich nach der Morgenrasur mit einem Schwung seiner Kleidung und nahm eine ausgiebige, aber kalte Dusche.
Das eisige Wasser belebte seine Sinne endgültig, und minutenlang ließ er die Tropfen auf seinen Kopf prasseln und seinen athletisch gebauten Körper hinunterrinnen. Dann wurde er sich dem Zeitdruck bewusst, unter dem er stand; er verließ die Dusche eilig, trocknete sich ab und schlüpfte in dieselbe weite, schwarze Hose und dasselbe, langärmelige Shirt, das er auch an jenem Tag getragen hatte, an dem McGonagall bei ihm gewesen war.
Mit einem Handtuch halb um den Kopf und halb um den Hals geschlungen stromerte er unruhig und hektisch durch die Wohnung und sammelte hie und da noch Sachen ein, die er am Vortag vergessen hatte, einzupacken. So landeten noch seine aufgehobenen Hand- und Knieschützer aus Hogwartszeiten (die von Puddlemere United hatte er zurückgeben müssen), eine zusätzliche Packung Eulenkekse und ein warmer Mantel für kalte Tage in seinem offenen, schon gut angefüllten Koffer.
Als seine Haare endlich trocken waren, sah er sich noch einmal in jedem Zimmer seiner kleinen Wohnung, die er während der Schulzeit leer zurückließ, genau um; doch er konnte nichts entdecken, was er vergessen haben könnte.
Leise Klopfgeräusche ließen ihn zum Wohnzimmerfenster herumfahren; draußen auf dem Fensterbrett saß seine Eule Sayuri, im Schnabel trug sie einen Brief, wahrscheinlich von seinen Eltern. Gestern noch hatte er ihnen von seinen neuen Plänen berichtet – etwas spät zwar, wie er wusste, aber doch.
Gespannt öffnete er das Fenster, zum einen, um frische Morgenluft hereinzulassen, zum anderen, um Sayuri zu empfangen, die sich mit den Flügeln schlagend auf seine Schulter setzte und leise schuhute. Behutsam nahm Oliver ihr den Brief aus dem Schnabel, faltete ihn auf und las.
Lieber Oliver,
danke für deinen langen und ziemlich unerwarteten Brief. Wir dachten erst, du willst uns an der Nase herumführen, doch je mehr wir lasen, desto mehr wurde erkenntlich, dass du das Ganze ernst meinst.
Natürlich haben wir die ganze Geschichte ebenfalls im Tagespropheten verfolgt, und sei dir gewiss, dass auch wir Harry Potter nicht für einen Lügner halten. Dass Voldemort zurückkehrt, musste früher oder später ja so kommen.
Pass auf dich auf, Oliver. Wir können deine Entscheidung nicht beeinflussen, doch wir können dich wissen lassen, dass wir hinter dir stehen und dir alles Gute wünschen. Wir haben vollstes Vertrauen, und sind sehr stolz auf dich.
In Liebe,
Mum & Dad
„Danke Sayu, hast du prima gemacht", lobte Wood seine Eule, und noch in den Brief vertieft kramte er in der Schachtel Eulenkekse auf der Kommode und fischte das letzte Keks heraus. Sayuri schnappte begierig mit dem Schnabel danach und fraß es mit einem Biss auf, dann flatterte sie von der Schulter ihres Herrchens und setzte sich vorsorglich in ihren Käfig. Sie schien zu spüren, dass die Abreise kurz bevor stand.
Mittlerweile war es zehn vor zehn. Oliver faltete den Brief wieder zusammen und steckte ihn in seine Hosentasche. Dass auch seine Eltern, neben Adrien und seinen Teamkollegen, hinter ihm standen, gab ihm erneut ein wenig mehr Mut.
Mit langen Schritten eilte er hinüber ins Schlafzimmer und verschloss nach einem letzten, prüfenden Blick den Koffer sorgfältig. Er würde ihn – zusammen mit Sayuris Käfig – auf Taschengröße verkleinern, bevor er nachher in die Seitengasse neben dem Bahnhofshauptgebäude apparierte. Den frühen Zeitpunkt des Aufbruchs hatte er gewählt, um möglichst wenig Aufsehen unter den Schülern und vielleicht auch Puddlemere-Fans, die ihn erkannten, zu erregen, so lange es sich vermeiden ließ. Sobald er am Bahnsteig war, würde er sich ein abgelegenes Abteil suchen, bevor es zu Fragen kam, die sich ohnehin beim Festmahl beantworten würden. Verraten wollte er nichts, sollte er doch jemanden treffen.
Nachdem er den Koffer mit einiger Anstrengung in den Flur gezerrt hatte, schlüpfte er dort in seine Turnschuhe und zog einen schwarzen Mantel gegen den Wind über. Dann holte er Sayuri samt Käfig aus dem Wohnzimmer und langte in der Hosentasche nach seinem Zauberstab.
„Tut mir Leid, Sayu. Ist ja nicht für lang", meinte er mit entschuldigendem Gesichtsausdruck zu seiner Eule, bevor er murmelte: „Reducio!"
Koffer und Eulenkäfig schrumpften im selben Augenblick auf eine so geringe Größe zusammen, dass sie in seine Manteltasche passten. Zufrieden blickte er sich ein letztes Mal um, atmete tief durch und verließ mit pochendem Herzen seine Wohnung.
Draußen auf dem Flur des Apartmenthauses warf er noch einmal einen Blick auf das Türschild, auf dem in kleiner, gerader Handschrift Oliver C. Wood stand.
Mach's gut … ich seh dich dann nächsten Sommer…
Dann atmete er tief durch, drehte sich mit Schwung auf der Stelle, fixierte sein Ziel in Gedanken und war im nächsten Moment auch schon verschwunden.
Der Bahnsteig 9 ¾ war noch fast leer, als Gryffindors ehemaliger Quidditchkapitän durch die steinerne Absperrung gestolpert kam und versuchte, wieder das Gleichgewicht zu finden. Es war einfach schon zu lange her, seit er das letzte Mal hindurchgeglitten war.
Ein leises Fiepen in seiner Manteltasche erinnerte ihn plötzlich wieder an Sayuri, und eilig holte er sowohl seine Eule als auch seinen Koffer – auf das Minimum geschrumpft – aus der Manteltasche. Beides stellte er vor sich auf den Boden, und zückte erneut seinen Zauberstab.
„Verdammt … tut mir echt Leid, Sayu … engorgio!"
Koffer und Eulenkäfig schwollen augenblicklich synchron auf ihre jeweilige Originalgröße an, und Sayuri, die im ersten Moment etwas zerknautscht und fuchsig aussah, gab nach einigen Sekunden wieder zufriedenere Laute von sich.
Entschlossen packte Wood seinen Koffer und den Käfig an ihren Griffen und trat hinter der Säule, hinter der er gestanden hatte, nach vorne auf den Hauptteil des Bahnsteigs.
Vereinzelte Schüler standen da mit ihren Eltern und verabschiedeten sich; bei manchen, die aussahen, als würden sie ihr erstes Schuljahr antreten, ging dies tränenreich vonstatten; bei anderen, wie schon irgendwie routinierter aussahen, konnte man keine solch ausgeprägten Emotionen erkennen.
Vor sich, auf den Schienen, erkannte er – umwabert von dichtem Dampf – den Hogwarts Express, und augenblicklich schoben sich alte Erinnerungen an seine Schulzeit in seine Gedanken, riefen Bilder und Szenen hervor und brachten ihn dazu, eine Zeit lang nur schweigend und mit ausdruckslosem Blick auf dem Bahnsteig zu stehen und die Lok anzustarren.
Erst, als er unmittelbar neben ihm jemanden tuscheln hörte, erwachte er aus seiner Starre und wandte sich verwundert um. Etwa drei Meter von ihm entfernt stand ein stämmiger, braunhaariger Junge, der wohl um die zwölf sein mochte und Wood seltsam an sich selbst in diesem Alter erinnerte. Er trug bereits seinen Hogwartsumhang, und anhand des Wappens auf seiner Brust erkannte Oliver, dass er dem Haus Gryffindor angehörte. Neben ihm befanden sich noch zwei weitere Jungen, ebenfalls aus Gryffindor. Sie hatten die Köpfe zusammengesteckt und schielten hin und wieder mit ungläubigem Blick zu ihm herüber, bevor sie sich wieder berieten.
„Ist das …?", fragte der erste Junge mit großen Augen und sein Blick wanderte wieder zu Wood herüber.
„Nein, das gibt's nicht …", kommentierte der andere und folgte dem Blick des ersten.
„Warum nicht, du Blödmann! Auf meinen Sammelkarten sieht er genauso aus!", beschwerte sich der stämmige Junge aufgebracht, aber leise, und ohne seine Augen von Oliver zu wenden.
„Was sollte er hier zu suchen haben, Raleigh?" Der dritte Junge hatte beschwichtigend das Wort an den ersten gerichtet.
Die Stimmen der drei Freunde waren schon etwas lauter geworden, und Wood schluckte. Er brauchte gar nicht weiter zuzuhören, um zu wissen, von wem sie sprachen. Sie hatten ihn sofort erkannt.
Eigentlich hättest du dir da vorher schon draufkommen können, dass solche Situationen auf dich zukommen werden, Oliver Wood, ehemaliger erster Hüter von Puddlemere United, Jungtalent in der englischen Liga und begehrtes Fanobjekt seit dem letzen Cupsieg. Ob sie wohl schon wissen, dass du ausgestiegen bist, um ihr neuer Lehrer zu werden?
Raleigh warf die Hände in die Luft. „Was weiß ich, Connor? Tatsache ist, dass er es ist, basta. Egal, was Davy sagt; ich werd doch wohl noch wissen, wie einer meiner Lieblingsspieler aussie-"
Plötzlich hielt er inne und seine Augen wurden noch größer; anscheinend hatte er entdeckt, dass ihr Gesprächsobjekt schon die ganze Zeit zu ihnen hinübersah und sie beobachtete, so wie sie ihn. Auch Connor und Davy wandten nun die Köpfe und wurden rot, als sie den Mann bemerkten, der mit einem Koffer und einem Eulenkäfig auf dem fast verlassenen Bahnsteig stand und ihrem Quidditchidol so dermaßen ähnlich war.
Bevor Wood auch nur Anstalten machen konnte, der Situation zu entfliehen und einfach in den Zug zu steigen, war auch schon der Junge namens Raleigh mutig vorgetreten, marschierte entschlossen auf ihn zu und baute sich vor ihm auf. Gespannt sah Oliver auf ihn hinunter und setzte ein möglichst freundliches Gesicht auf. Er wollte es sich ja nicht schon vor Beginn des Schuljahres mit seinen Schülern verscherzen, besonders, wenn sie noch dazu Fans von ihm waren.
„Ja bitte?"
Nach einem vergewissernden Seitenblick auf seine beiden Freunde, die mit scheinbar angehaltenem Atem hinter ihm standen, wandte sich Raleigh wieder um und begann zu sprechen.
„Verzeihen Sie, Sir … ich – also ich und meine Freunde – haben uns gefragt, ob Sie … ob Sie vielleicht …"
Er holte tief Luft, und dann sprudelte es aus ihm heraus wie ein Wasserfall. „ObSieDEROliverWoodvonPuddlemereUnitedsind."
Die Nervosität des Jungen zauberte ein noch breiteres Lächeln auf Woods Gesicht und er strich sich über das frisch rasierte Kinn.
„Nun ja, als ich zuletzt in den Spiegel gesehen habe, war ich zumindest noch der Oliver Wood, der bei Puddlemere gespielt hat", antwortete er beflissen und beobachtete amüsiert, wie Raleighs Augen ein Maximummaß an Größe erlangten und auch Connor und Davy die Kinnladen herunterfielen.
„Und du bist?"
„R-r-Raleigh J-jones, Sir", stotterte der junge Gryffindor verlegen und mit hochrotem Gesicht, dann deutete er auf seine Freunde. „Und das s-sind Connor Taylor und Dave Parker, aber wir nennen ihn nur Davy, Sir."
„Nun, war nett, euch kennen zu lernen, euch drei", erwiderte Oliver, inzwischen gut gelaunt, hob seinen Koffer hoch und nickte auch den anderen zwei Jungen zu, die stocksteif dastanden und kein Wort herausbrachten. „Entschuldigt mich bitte, ich sollte mir wohl besser ein Abteil suchen, bevor es hier zu voll wird."
Und mit einem letzten Nicken hob er auch Sayuri in ihrem Käfig auf und stieg in den Zug. Raleigh marschierte mit noch immer verlegenem, aber dennoch triumphierendem Gesichtsausdruck zurück zu seinen Freunden, der wohl sagen sollte: Hab ich euch's nicht gesagt? Ich habe mit ihm gesprochen!
„Wahnsinn", war alles, was Connor herausbrachte.
„Was macht Oliver Wood im Hogwarts Express? Was macht ein Ligaspieler im Schulzug? Ich dachte, der ist längst aus der Schule", fragte Davy in die Runde, doch niemand wusste eine Antwort darauf.
„Seit eineinhalb Jahren, ja. Ich denke", meinte Raleigh nachdenklich, „dass wir das noch früh genug erfahren werden …"
Mittlerweile hatte Oliver ein vollkommen leeres Abteil im hinteren Teil des Zuges gefunden, der auch sonst kaum besetzt gewesen war und seinen Koffer und Eulenkäfig auf die Gepäckablage gehievt. Merlin sei Dank hatte er nur eine Handvoll Schüler auf seinem Weg getroffen, die ihn großäugig und tuschelnd angestarrt hatten.
Auf einem der Sitze lag eine Ausgabe des Tagespropheten und ein Blick auf das Datum sagte ihm, dass sie von heute war.
Ein klein wenig erschöpft ließ sich Wood auf den Sitz direkt neben dem Fenster sinken – der Platz, der auch schon während der Schulzeit immer der seine gewesen war. Seufzend streckte er die langen Beine von sich und legte sie auf den Sitz gegenüber. Ein Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm, dass es bereits zwanzig nach zehn war.
Langsam wurde der Bahnsteig vor dem Fenster voller. Eltern und Schüler sagten einander Lebewohl und hievten schwere Koffer, Käfige und Pakete in den Zug; alle eingehüllt von Schwaden dicken Dampfes, der aus der Lok strömte.
Die Zeit schritt voran und Oliver beobachtete das Treiben interessiert durch sein Fenster. Obwohl schon viele an seinem Abteil vorbeigekommen waren, hatte noch niemand daran gedacht, sich zu ihm zu setzen, was er einerseits begrüßte (um weiterem Fanrummel zu entgehen) und andererseits darauf begründete, dass er doch größer und älter aussah als ein normaler Hogwartsschüler.
Und trotzdem bist du erst zwanzig. ZWANZIG! Wie zum Teufel konnte Dumbledore bloß auf so eine Schnapsidee kommen?
Plötzlich vernahm er lautes Lachen auf dem Bahnsteig, ein Lachen, das ihm mehr als bekannt vorkam. Er beugte sich stirnrunzelnd vor und entdeckte tatsächlich zwei rothaarige Gestalten in der Menge; Gestalten, die er auch aus tausenden wiedererkannt hätte; bei ihnen stand ein schlaksiger Junge mit verwuscheltem, schwarzem Haar, und Olivers Herz machte einen Hüpfer.
Harry Potter stand dort und lachte über einen Witz, den Fred und George Weasley gerissen hatten und sie schienen sich ziemlich gut zu amüsieren – bis plötzlich weitere Personen die Gruppe anvisierten und sich mit großem Hallo dazugesellten.
Angelina, Katie und Alicia hatten die Jungs mit einem Küsschen auf die Wange begrüßt und sich auf ihre Koffer gestützt. Alle sahen sie unverändert aus, genau so, wie er sie in Erinnerung hatte. Man konnte sogar sagen, dass die Mädchen – besonders Katie – noch hübscher geworden waren.
Katie.
Sie lachte, während sie ihre blonden Haare zurückwarf und sie sich in einer Flut über ihren Rücken ergossen; und er musste sich selbst eingestehen, dass sie sehr attraktiv geworden war.
Ob sie wohl noch dasselbe für dich empfindet wie vor zwei Jahren? Ob sie diese Gefühle, die du dir damals nicht eingestanden hast, wohl noch im Herzen trägt?
Durch Angelina hatte er damals mehr oder weniger zufällig von Katies Gedanken und Gefühlen erfahren, die junge Jägerin jedoch nie darauf angesprochen. Seines Wissen nach wusste sie nichts davon, dass er es wusste, und dabei hatte er es belassen. Eine Tat, für die er sich heute – mittlerweile aus seiner Gewohnheit, solchen Dingen möglichst aus dem Weg zu gehen, herausgewachsen – ohrfeigen könnte.
Die Gruppe hatte sich derweil lachend und schwatzend in ein Gespräch vertieft; Altersunterschiede schien es hier nicht zu geben, alle waren sie gleich.
Ihre Gemeinschaft war also noch immer so stark, wie sie in seinem letzten Jahr gewesen war, das sah er auf den ersten Blick.
Irgendwie versetzte es ihm einen kleinen Stich im Herzen, dass er sie alle zwar wieder sehen würde, jedoch nicht wieder Teil dieser Gemeinschaft werden konnte, jedenfalls kein richtiger.
Plötzlich hob einer der Zwillinge – er meinte zu wissen, dass es Fred war – den Kopf und seine Augen verfingen sich genau in Woods Richtung, schienen ihn direkt anzusehen. Der Zwilling runzelte kurz die Stirn und der junge Schotte ließ sich mit pochendem Herzen schnell zurück in den Sitz fallen. Dort verharrte er einige Sekunden, dann riskierte er einen weitern Blick nach draußen. Fred hatte den Blick abgewandt, sich anscheinend nicht weiter mit dem beschäftigend, was er zu sehen glaubte, und scherzte wieder mit den anderen.
Ihr Lachen konnte er bis ins Abteil hören und er seufzte. Dann griff er ein klein wenig frustriert nach dem Tagespropheten, schlug ihn auf und verschwand mit seinem Kopf zur Gänze dahinter.
„Hey Jungs, alles klar?"
Mit großem Hallo begrüßte Angelina Johnson, Jägerin des Gryffindorhausteams, vergnügt den Rest der Mannschaft – sprich die Jungs, die bereits am Bahnsteig auf sie gewartet hatten. Auch Alicia und Katie, die gleich nach ihr angekommen waren und sich von ihren Eltern verabschiedet hatten, gesellten sich zu ihnen und die Jungs wurden – zu ihrem großen Vergnügen – mit Küsschen auf die Wange begrüßt.
„Natürlich, natürlich", erwiderte Fred Weasley mit einem breiten Grinsen und zwinkerte Angelina zu. „Wie könnte es uns besser gehen…"
„Schönen Sommer gehabt?"
„Wie war die Anhörung, Harry?", fragte Katie besorgt und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Alles gut gegangen?"
„Jaah", antwortete Harry und seine Augen nahmen harte Züge an. „Ich versteh ohnehin nicht, warum ich dorthin musste. Immerhin hab ich meinen Cousin ja vor den Dementoren gerettet …"
Und er erzählte den anderen bis auf Fred und George (die die Geschichte ja schon kannten), was an jenem Sommerabend und bei der Anhörung geschehen war.
„… und dann hat Dumbledore mich rausgeboxt", endete er schließlich und klang erleichtert. „Fudge wollte mir kein Wort von dem glauben, was ich gesagt hab. Denkt wohl noch immer, ich würde mir wegen der Sache mit Voldemort die Seele aus dem Leib lügen –"
„Sag – nicht – den – Namen", zischten die Zwillinge sofort, die genauso empfindlich in dieser Sache zu sein schienen wie Ron es war.
Fred schüttelte sich, zwinkerte und hob den Kopf – dann erstarrte er mit einem Mal. Sein Blick glitt hinüber zum hinteren Teil des Zuges, von dem sie gar nicht so weit entfernt standen. Dort, im Fenster eines Abteils, sah er jemanden, einen jungen Mann, der zu ihnen herüberblickte; ein junger Mann mit kurzem, braunem Haar und dunklen Augen; ein junger Mann, der ihm verdammt bekannt vorkam … doch das konnte nicht sein …
Der Zwilling zwinkerte wieder und sah erneut hin, doch das Gesicht war verschwunden. Hatte er sich das bloß eingebildet? Bestimmt, schoss es ihm durch den Kopf, er kann gar nicht hier sein. Stirnrunzelnd wandte er sich wieder ab und schloss sich der Ferienanekdote an, die sein Bruder gerade erzählte.
„Wie wäre es, wenn wir uns ein Abteil zusammen nehmen würden?", kicherte Angelina, nachdem George eine ganze Serie Anekdoten fertig erzählt hatte und sie alle lachten. „Dann könnten wir schon mal ein paar Dinge für die kommende Saison besprechen; ihr wisst schon, wegen des Hüters und so."
Damit waren alle einverstanden und auch Harry, der wusste, dass Ron und Hermine bei den Vertrauensschülern sein und Rundgänge machen mussten, stimmte zu. Mittlerweile war es fünf vor elf, sie hatten viel Zeit vertrödelt.
„Kommt schon, steigen wir ein und suchen ein Abteil, bevor gar nichts mehr frei ist", meinte Alicia und packte ihren Koffer, die anderen taten es ihr gleich. Gemeinsam stiegen sie in den Hogwarts Express und schlugen gleich die Richtung in den hinteren Teil ein, der weniger besetzt schien.
Rempelnd und schubsend bahnten sie sich mit ihrem Gepäck ihren Weg durch einige Erst- und Zweitklässler, vorbei an gehässigen Slytherins und vor allem vollen Abteilen; immer auf der Suche nach einer leeren Kabine. Je weiter sie stolperten (was immer schwieriger wurde, da der Zug bereits angefahren war), desto mehr gaben sie die Hoffnung auf ein letztes, freies Abteil auf, bis Fred schließlich rief: „Hey Leute, hier ist noch was! Da sitzt nur einer drin, das macht doch nichts, oder?"
„Ist ja unsere einzige Option, nicht?", kam es von George, der neugierig ins Innere des Abteils spähte. Ein einzelner Fahrgast saß dort am Fenster, Koffer und Eule lagen über ihm auf dem Gepäcksnetz. Sein Gesicht konnten sie nicht sehen, sein Kopf war hinter dem Tagespropheten verschwunden.
„Wenn ihr stehen wollt, bitte! Ich geh da jetzt rein, denn ich zähle eins, zwei, drei, vier, fünf freie Plätze."
„Wir sind aber sechs!", beschwerte sich Angelina.
„Du kannst auf meinem Schoß sitzen", meinte Fred darauf nur frech und grinste seine Teamkollegin an, diese wurde rot und murmelte etwas Unverständliches in ihren nicht vorhandenen Bart.
„Hat niemand mehr Einwände? Nein? Na dann los."
Und mit diesen Worten schob Fred die Abteiltür auf.
Oliver Wood war gerade in einen Artikel über die neuesten Produktionspläne der einzelnen Besenfirmen Englands vertieft und der Zug bereits angefahren, als er vor seinem Abteil eine Stimme hörte.
Er horchte auf, und bevor er noch in einer Mischung aus Freude und Erschrockenheit feststellen konnte, dass es Freds Stimme war, die er hörte, hatte auch schon jemand die Abteiltür aufgeschoben.
„'Tschuldigung, ist hier noch frei?" Ja, es war eindeutig Fred.
Hoffend, dass niemand sein laut klopfendes Herz hören konnte, machte er mit der Hand eine Bewegung, die andeuten sollte, dass hier ruhig noch jemand sitzen konnte; senkte jedoch nicht den Tagespropheten.
„Danke." Fred und George, wie immer unisono.
„Danke." Harry.
„Danke." Angelina, Alicia und Katie, das Trio Infernale.
Wood schluckte, denn als die Abteiltür wieder zugeschoben wurde, saß er mit seinem ganzen, ehemaligen Team in einem Raum zusammen, und mit dieser Situation hatte er am allerwenigsten gerechnet. Nicht damit, sie schon zu Beginn alle auf einem Haufen zusammen zu haben.
So höflich hab ich sie ja gar nicht in Erinnerung …
Der Hogwarts Express verließ London und begab sich auf die verschlungene Reise hoch hinauf in den Norden der Insel. Vor der Tür liefen immer wieder Schüler vorbei und merkwürdig viele warfen einen neugierigen Blick herein, doch es kümmerte niemanden (und Oliver bemerkte dies auch nicht). Im Gryffindorteam hatte sich derweil eine Diskussion um das neue Schuljahr und damit die neue Saison angebahnt.
„Wer wird eigentlich der neue Kapitän?", fragte Harry und sah in die Runde.
„Keine Ahnung", erwiderte Alicia und zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, das bestimmt doch die McGonagall, oder?"
War das noch eine Zeit … als McGonagall zu dir kam, um dir zu sagen, du seiest der neue Kapitän der Hausmannschaft …
„Richtig", bestätigte George. „Also, ich wäre ganz stark für dich, Angelina!"
Zustimmendes Gemurmel vom Rest der Mannschaft. Oliver wusste genau, dass Angelina in diesem Moment rot wurde. Er kannte seine Jägerin, und hätte er sich für seinen eigenen Nachfolger entscheiden dürfen, wäre seine Wahl ebenfalls auf die junge Gryffindor gefallen.
„Aber ich bin doch gar nicht so gut", protestierte Angelina mit leiser Stimme. „Zumindest nicht so gut wie Oliver es war."
„Angelina, niemand von uns oder ein anderer des Hauses wird je so gut wie Oliver Wood sein", meinte Fred Weasley und seufzte. „Ich wünschte, er wäre noch bei uns und nicht weit weg, um Siege in der Liga einzufahren; denn dann müssten wir uns ab diesem Jahr nicht mit solchen Pappnasen als Hüter herumschlagen."
Wenn du nur wüsstest, Fred. Wenn du nur wüsstest.
„Ich finde, er hat ein ziemliches Loch hinterlassen", meldete sich Harry zu Wort. „Jetzt haben wir niemanden mehr, der uns zu nachtschlafenden Zeiten aus den Betten aufs Quidditchfeld treibt wie eine Schafherde oder uns Strategien und Taktiken einschärft bis wir sie im Schlaf aufsagen können. Und vor allem niemanden mehr, der uns unablässig zum Zusammenhalt antreibt, obwohl wir immer zusammenhalten wie Zauberkleber. Das alles wird mir schon ein wenig fehlen."
Wieder zustimmendes Gemurmel von den anderen. Woods Finger krampften sich fester um das Zeitungspapier. All das, was hier an Worten, hatte ihm noch nie jemand ins Gesicht gesagt (im Nachhinein war ihm ohnehin klar, dass er das ganze manchmal ein wenig lockerer hätte sehen müssen).
Er schluckte schwer, gab aber keinen Laut von sich. In seinem Kopf stritten sich gerade Vernunft und Starrsinn darum, ob er sich ihnen preisgeben sollte (er wollte doch mit ihnen reden, nach so langer Zeit) oder ob er sich bis in die Abendstunden hinter dem Tagespropheten verstecken sollte (was einerseits längerfristig nicht machbar und andererseits auch keine gute Alternative war). Die Fragen, denen er bis zum Festessen entgehen hatte wollen, würden sowieso spätestens dann kommen, wenn sie ihn auf dem Bahnsteig entdeckten.
Das Gespräch des Teams hatte sich mittlerweile von seiner Person weggedreht, und es wurde munter über verschiedene neue Taktiken diskutiert, mit denen man den Slytherins dieses Jahr das Fürchten lehren konnte.
„Ich weiß ja nicht, ob der Wronsky Bluff so eine gute Idee ist", mutmaßte Katie und schlug die Beine übereinander, „wisst ihr noch, damals, als die Bulgaren bei der WM ihn angewendet haben und er bei dem Sucher der Iren so fürchterlich verkehrt lief? Jetzt, wo Oliver nicht mehr da ist, will ich ihn schon gar nicht mehr ausprobieren. Kuckt doch nicht so", wies sie die Weasleyzwillinge zurecht, die eine Schnute zogen. „Nur weil euer zweiter Vorname Risiko ist, braucht Harry nicht seinen Hals zu riskieren." Angelina und Alicia nickten zustimmend, ebenso wie Harry.
„Laaaangweilig", kommentierte George Weasley. „Oliver würde den Bluff bestimmt ausprobieren, wenn er noch da wäre. Verrückt genug für so was ist er ja."
Oh, erwischt. Da haben sie recht. Wieso hast du den Bluff nicht während deiner Schulzeit vorgeschlagen?
„Gott sei Dank hat er es nicht getan", fauchte Alicia und ein leises Geräusch verriet, dass sie George einen Klaps auf den Hinterkopf gegeben hatte. „Und auch niemand von uns wird es je wagen zu tun, kapiert?"
Für Oliver wurde es zunehmend amüsanter, dem Gespräch zu folgen. Sollten sie doch noch eine Weile schmoren, er würde sich diese Wortduelle und Diskussionen rund um Quidditchtaktiken, Trainingsideen und haarsträubende neue Manöver noch ein wenig zu Gemüte führen.
„Hey, hey, hey!", verschaffte sich schließlich Fred das Wort, als schon keine klare Gesprächsstruktur mehr zu erkennen war. „Bevor wir überhaupt mal anfangen, uns Gedanken über irgendwelche Schlachtpläne zu machen, sollten wir erstmal festlegen, wann und wie oft wir trainieren wollen."
„Bitte nicht, wenn's in Strömen regnet …"
„… oder es kälter als 0 Grad ist …"
„… oder es früher als acht Uhr morgens ist …"
„… oder wenn Hogsmeade ansteht …"
„… oder wenn wir noch einen Kater vom Vortag haben …"
„… haha, sehr witzig, George …"
Die Reaktionen der Mannschaft fielen unterschiedlich aus und entlockten dem rothaarigen Zwilling ein freches Grinsen.
„Wie ihr wollt, wie ihr wollt. Nun, wer – mit mir – einer Meinung ist, dreimal die Woche zu trainieren, außer zu bereits genannten Bedingungen, der gebe bitte einen Zustimmungslaut von sich."
„Ja", kam es fünfmal zurück und Fred sagte mit lauter Stimme: „So sei es denn! Vorbei sind die Zeiten, da wir zu unmöglichen Zeiten die Betten verlassen mussten und Opfer von Regen, Kälte, Schlamm, Sturm und Hagel wurden! Eine neue Ära ist angebrochen!"
„Du spinnst, Fred", kommentierte Harry diesen heroischen Ausbruch des Treibers.
Wood verbiss sich ein Grinsen. Es kribbelte und juckte ihn in den Fingern, die Zeitung niederzulegen und ihnen einen gehörigen Schrecken einzujagen; und bevor er sich noch einen richtig guten Ansatz überlegen konnte, entfuhr ihm bereits der erstbeste Satz, der ihm einfiel.
„Dass ihr solche Weicheier werdet, sobald ihr keinen mehr habt, der euch Feuer unterm Hintern macht, hätte ich nicht gedacht."
Schlagartig war es totenstill im Abteil geworden und Oliver konnte durch das Papier hindurch spüren, wie sechs Augenpaare auf ihn gerichtet waren. Wiederum schlich sich ein Grinsen auf seine Lippen, diesmal noch breiter. Die Situation war einfach zu amüsant.
„Entschuldigung?", kam es von Fred und in seiner Stimme schwang Unsicherheit mit.
„Ich sagte", wiederholte Wood grinsend und ließ beherzt die Zeitung sinken, „dass ihr solche Weicheier werdet, hätte ich nicht gedacht."
Vor sich sah er die zutiefst erstaunten Gesichter seines ehemaligen Teams; Angelina, Alicia und Katie machten so große Augen, dass er fürchtete, sie würden ihnen im nächsten Moment herauskullern; Harry war der Mund offen stehen geblieben und die Weasleyzwillinge waren in demselben fassungslosen Gesichtszug erstarrt.
„Ich glaub, mich tritt ein Hippogreif", entwischte es George und er blinzelte. „Oliver?"
Fred war der nächste, der aus seiner Starre erwachte.
„Ha!", stieß er aus und seine Stimme klang triumphierend. „Dann hab ich mich vorhin am Bahnsteig doch nicht getäuscht!"
Doch die allgemeine Verwunderung über diesen Kommentar ging im lauten Begrüßungsgeschrei der Mädchen unter, die allesamt freudig aufgesprungen und ihrem ehemaligen Kapitän um den Hals gefallen waren, so dass er mit der Atemnot zu kämpfen hatte als sie ihn unter sich begruben. Er spürte kurz die Berührung von Lippen auf seiner Wange, so zart und leicht, dass er glaubte, sie wäre gar nicht da gewesen.
Es kann eine jede von ihnen gewesen sein …
„Hey, Angelina – Alicia – Katie, STOP! Ihr erdrückt mich noch", brachte er schließlich lachend hervor und schob sie nach der „liebevollen" Umarmung sanft von sich, doch dann hatten ihn auch schon die Zwillinge und Harry nacheinander fest in ihre Arme gezogen, während die Mädchen aufgeregt schnatternd auf ihren Sitzen saßen und kaum fassen konnten, was hier geschah.
„Oliver, was machst du hier?", stellte schließlich Alicia Spinnet die Frage aller Fragen, nachdem auch die Jungs wieder ihre Plätze gefunden haben. „Solltest du nicht – solltest du nicht grade bei deiner Mannschaft sein und für die Saison trainieren? Ich meine – WAHNSINN, ich kann gar nicht glauben, dich wieder zu sehen!" Dabei strahlte sie wie ein Honigkuchenpferd, und auch der Rest der Mannschaft freute sich bei aller Verwunderung aufrichtig, ihren ehemaligen Kapitän wieder zu sehen.
Sag ihnen die Wahrheit, du Blödmann. Über kurz oder lang werden sie es ohnehin rauskriegen. Frühestens heute Abend, und spätestens, wenn du sie in ihrer ersten Stunde bei dir auf dem Besen durch die Lüfte jagst.
„Entschuldigt, dass ich eure wirklich interessante Diskussion so schmählich belauscht und unterbrochen habe", grinste er und Katie, die – wie er jetzt merkte – neben ihm saß, gab ihm einen Klaps auf die Schulter. „Aber länger hätte ich es nicht mehr ausgehalten. Es ist toll, euch alle zu sehen; damit hatte ich ehrlich gesagt noch nicht so bald gerechnet."
„Jetzt wissen wir auch, warum so ungewöhnlich viele Schüler die ganze Zeit vor unserer Abteiltür herumrennen und wie blöde reinglotzen", brummte George amüsiert. „Die werden sich gar nicht mehr einkriegen, wenn sie merken, dass Oliver Wood im Zug sitzt."
„Und ich glaubte schon, ich hätte Halluzinationen", bemerkte Fred mit einem Hauch Erleichterung in der Stimme. „Für einen kurzen Moment dachte ich, du würdest mich in allen Quidditchsaisonen meines Lebens verfolgen."
Das Team und Oliver lachten und Freds Ohren wurden rot, wie immer, wenn er verlegen ja. „Was denn? Kein Wunder, nach all der Schinderei, die wir unter seiner Führung über uns ergehen lassen mussten …" Doch der Ausdruck in seinen Augen strafte seine Worte Lügen, denn sie funkelten belustigt.
„So habt ihr vor ein paar Minuten noch nicht über mich gesprochen", schmollte Wood gespielt beleidigt und vergaß in diesem Moment vollkommen, weshalb er hier war und welchen Status und welches Verhalten er eigentlich gegenüber den Hogwartsschülern (denn das waren sie ja) einzunehmen hatte. In diesem Moment war er wieder Oliver Wood, der ein neues Schuljahr an der Seite seiner Freunde begann.
„Ist ja alles schön und gut, mein Lieber", unterbrach Angelina sein Schmollen und ihr lächelndes Gesicht nahm nun einen ernsten Ausdruck an. „Genug geblödelt. Wir wissen immer noch nicht, warum du – völlig unangekündigt, wohlgemerkt – im Hogwarts Express auftauchst –"
„He, ihr seid immerhin bei mir aufgetaucht!", stellte Oliver richtig und grinste.
„Wie auch immer. Du sitzt in diesem Abteil, in diesem Zug, obwohl du längst kein Schüler dieser Schule mehr bist und – und stiftest heillose Verwirrung", beendete sie schließlich ihre Zusammenfassung, und jene Verwirrung, von der sie gesprochen hatte, spiegelte sich in ihrem Gesichtsausdruck wieder.
„Da hat sie Recht", kam es nach einem kurzen Augenblick der Stille von George, der dem ehemaligen Kapitän gegenüber saß. „Klär uns auf, Mann!"
Oliver atmete tief ein und seufzte. Auch wenn er sich im vornherein Erklärungen festgelegt hätte, so wären ihm diese jetzt entwischt, denn sein Kopf war wie leergefegt. Er wusste nicht, wie er beginnen sollte.
„Nun", sagte er und verschlang die Finger seiner Hände ineinander; Nervosität stieg in ihm auf, wie er sie schon lange nicht mehr gespürt hatte. Über die Reaktion, die seine Freunde wohl auf die Antwort geben würden, hatte er sich noch keine Gedanken gemacht.
Was, wenn sie dich auslachen? Dich für unfähig halten?
Sechs erwartungsvolle Gesichter blickten ihn an und er schluckte. Dann überwand er seine Zweifel und begann zu sprechen.
„Ich glaube, es ist am besten, wenn ich euch die ganze Geschichte erzähle …"
Und so sprach er mindestens zehn Minuten lang über das Geschehene; über seine Vergangenheit bei Puddlemere United, McGonagalls überraschenden Besuch, seine tage- und nächtelangen Vorbereitungen und die eher zufällige Begegnung mit den drei Jungen auf dem Bahnsteig. Als er geendet hatte, standen den anderen die Münder offen.
„Wow", machte Fred schließlich und blinzelte. „Du bist verrückt, Mann. Ich meine –", redete er weiter, als Oliver ihn mit einem fragenden Blick bedachte, „ich find's toll und so … aber – was ist mit deiner Karriere? Ich dachte, das war dir immer wichtiger als alles andere!"
„War es auch", gab Wood ehrlich zu. „Am Anfang fiel ich aus allen Wolken, als McGonagall plötzlich in meiner Wohnung stand und mir die Lage schilderte. Es war, als wäre ich im falschen Film."
„Film?", fragten Fred und George neugierig dazwischen?
„Eine großartige Erfindung der Muggel", erklärte Wood mit einem Seitenblick auf Harry, dieser nickte schmunzelnd. Oliver, der aus einer reinen Zaubererfamilie kam, und ihn noch vor Jahren gefragt hatte, was denn Basketball sei, hatte sich also auch ein wenig in der Welt der Muggel zurechtgefunden.
„Aber dann, je mehr sie erzählte und erklärte, desto überzeugter wurde ich von der Botschaft Dumbledores, mit der sie zu mir gekommen war", fuhr der junge Schotte fort. „Bald war ich auch gefangen von dieser Idee, obwohl eine Stimme in meinem Kopf lauthals darüber philosophierte, ob ich nicht doch zu jung dafür wäre. Schlussendlich aber", er seufzte, „habe ich mich entschieden. Ich kam Dumbledores Bitte nach, und jetzt bin ich hier."
All diese Informationen musste die Mannschaft erst einmal verarbeiten. Gerade noch hatten sie davon gesprochen, welch ein Loch ihr ehemaliger Kapitän im Team und im Freundeskreis hinterlassen hatte, und jetzt saß er leibhaftig mit ihnen im Abteil und offenbarte ihnen, dass auch er dieses Jahr nach Hogwarts zurückkehren würde.
Als Lehrer.
Dies war ein Gedanke, der sie alle ein wenig schmunzeln ließ, doch nicht aus Spott oder Belustigung. Wenn sie so darüber nachdachten, war er perfekt für diese Aufgabe.
Oliver liebte die Luft, den Himmel, das Fliegen und vor allem den Besen – optimale Voraussetzungen dafür, Schülern das Gespür für Fliegen und mögliche Taktiken zur Verteidigung beizubringen; denn im Erklären ausschweifender Strategien war er spitze.
Im Grunde trugen alle sechs denselben Gedanken im Herzen: Er wird es schaffen.
„Und was ist mit Puddlemere?", fragte nun Katie stirnrunzelnd und Wood wandte sich seiner ehemaligen Jägerin zu. Fast glaubte er sie erstarren zu sehen, als sich ihre Augen trafen.
„Der Head Coach hat mich aus dem Vertrag entlassen, das sagte ich doch schon."
Es war ihm scheinbar unangenehm, über dieses Thema zu sprechen; und so, wie die Mannschaft ihren Freund kannte, musste es ihn viel Überwindung und Beherrschung gekostet haben, seinen Traum vom Profisport aufzugeben und sich einer komplett neuen und andersartigen Aufgabe zu widmen.
„War – war dein Team … sauer?", fuhr Katie dennoch zögernd fort, und anstatt eines erwarteten Rüffels, wie sie ihn von früher noch gewohnt war, stahl sich ein gequältes Lächeln auf Olivers Gesicht.
„Nun ja, sauer … die meisten haben es verstanden. Der Kapitän meiner Mannschaft, Adrien, allerdings nicht. Das Adjektiv sauer ist hier leicht untertrieben."
Er erzählte nicht, dass Adrien unendlich enttäuscht gewesen war und an ihrer Freundschaft gezweifelt hatte; er erzählte nicht, dass er ihn des Verrats an der Mannschaft bezichtigt hatte.
Stattdessen meinte er mit plötzlich heiserer Stimme: „Aber ich konnte ihn glücklicherweise gut stellen … mithilfe des Briefes, den ihr mir vor den Sommerferien geschrieben habt."
„Du hast Adrien Harrold UNSEREN Brief zum lesen gegeben?", staunte Alicia, denn Adrien war – und das wusste Wood – schon lange ihr Vorbild als Jäger.
„Er hat ihn letztendlich überzeugt, ja", antwortete Wood und ein Lächeln schob sich auf seine Lippen. „Aber jetzt seid ihr dran. Erzählt! Was ist passiert, seit ich weg bin?"
Der Tag verging wie im Flug und der Zug schlängelte sich weiter nach Norden, vorbei an sonnenbeschienenen Hügeln und Ebenen, Flüssen und Tälern. Die Fahrt verlief relativ ereignislos, wenn man von der chronisch anwachsenden Schar Schüler absah, die im Minutentakt an der Abteiltür vorbeiliefen; oder von der freundlichen Hexe mit dem Imbisswagen, die sie alles aussuchen ließ, was sie wollte und im Gegenzug nur ein Autogramm des Puddlemere-Hüters verlangte.
So unbeschwert das Gespräch auch verlief, Katie Bell hatte kein einziges Mal mehr das Wort ergriffen, geschweige denn ihren Sitznachbarn mehr als mit einem kurzen, schüchternen Blick angesehen. Unsicher hielt sie ihren seltsam nachdenklich wirkenden Blick auf Angelina gerichtet, die ihr gegenüber auf Freds Schoß saß, und sie schien gedankenversunken. Nach einem kurzen, unauffälligen Seitenblick auf sie seufzte Wood beinahe unmerklich.
Sie weiß noch, was sie gefühlt hat … und dass sie jetzt dir gegenüber fast nichts rausbringt, ist allein deine Schuld, du unsensibler Idiot …
Er mochte Katie, ohne Frage. Anscheinend aber hatte er vor zwei Jahren die Einfühlsamkeit und Erkenntnisgabe einer Blindschleiche an den Tag gelegt, nicht besonders förderlich für jemanden, der – sogar schon in den Trainings ein klein wenig offensichtlich – verliebt in ihn gewesen war.
Mit dem festen Vorsatz, es dieses Mal besser zu machen und abzuwarten, was die Zeit bringen würde, richtete Wood seinen Blick wieder auf die vorbeiziehende Landschaft.
Vor den Fenstern brach schließlich langsam die Nacht herein, die Sonne ging unter und tauchte alles in orange-goldenes Zwielicht. Für die Mannschaft wurde es Zeit, sich umzuziehen, und auch Oliver schlüpfte wieder in seinen Mantel, während er die Landschaft draußen beobachtete. Jetzt, wo er der Schule immer näher kam, begann sich Nervosität erneut in seinem Brustkorb breit zu machen, und er atmete tief ein und aus.
Panik …
Endlich verlangsamte der Hogwarts Express das Tempo und fuhr in den Bahnhof von Hogsmeade ein. Die Mädchen und Harry holten ihre Koffer von dem Gepäcksablagen und begaben sich nach draußen in den Gang, in dem es bereits von Schülern wimmelte.
„Kommst du?", fragte Fred und tippte Wood, der gedankenverloren aus dem Fenster gesehen hatte, gegen die Schulter.
„Ja … ja natürlich!"
Schwerfällig stand der Schotte auf und holte Sayuri und den Koffer von der Ablage. Als er wieder aufsah, blickte er direkt in Freds blitzende Augen. Der Zwilling grinste, doch es war nicht frech, sondern aufmunternd.
„He, Löwe! Du schaffst das schon, hm? Georges und meinen Respekt hast du, und das ist doch schon mal was, oder?"
Diese Aussage brachte Oliver zum Lachen. „Na siehst du! Und der Rest liegt dir sowieso zu Füßen, weil du ein junges, aufsteigendes Talent in der Quidditchliga und Vorbild sooo vieler junger Menschen bist …"
Wood gab ihm einen Knuff in die Seite. „Du bist ein Idiot, Fred Weasley. Danke."
„Keine Ursache, Professor. Und jetzt komm, sehen wir zu, dass wir hier rauskommen und ne Kutsche erwischen."
Und nachdem sich beide noch einmal umgesehen hatten, verließen sie das Abteil und stiegen aus dem Zug.
Anm. der Autorin: Soooo das war der dritte Streich! ) Ich hoffe es hat euch gefallen, und meine Reviewbox beißt nicht! Ihr könnt mir also ruhig Rückmeldungen da lassen, dann macht das Schreiben gleich mehr Spaß!
Eure Calypso
