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5. Kapitel Erfahrungen und Erkenntnisse
Anm. der Autorin: Dankeschön an Psaum für die stetigen und tollen Reviews!! keks schenk Wäre schön, wenn sich die anderen auch mal melden würden? )
Und deshalb gibt es auch gleich ein neues Kapitelchen über den – von euch bestimmt schon heiß erwarteten – ersten Schultag unseres neuen Professors Zumindest über einen Teil davon, hab nämlich beschlossen, das ganze ein wenig aufzugliedern, um auf die ersten Begegnungen/Eindrücke/blah etwas mehr eingehen zu können.
Werden sich alle Schüler dem ja nicht sehr viel älteren neuen Lehrer beugen? Oder tanzt ein gewisses Haus mal wieder aus der Reihe? Wir werden sehen
Viel Spaß!
Eure Calypso
This is the way that I'm learning to breathe
I'm learning to crawl
I'm finding that you and you alone can break my fall
I'm living again, awake and alive
I'm dying to breathe in these abundant skies …
Switchfoot – Learning to breathe
Am nächsten Morgen wurde Wood von den hellen, noch etwas dämmrigen Strahlen der Sonne geweckt, die durch die hohen Fenster hereinfielen und das Zimmer in ihr erstes Licht tauchten.
Blinzelnd wühlte sich der junge Schotte aus seinen Decken, streckte sich genüsslich und fuhr sich noch etwas benommen durchs Haar; dann erhob er sich langsam, schlenderte – seine Muskeln ausgiebig dehnend – hinüber zum Fenster und warf einen Blick hinaus.
Die Sonne schien gerade erst über den Ländereien aufgegangen zu sein, sie breitete sich nun über den ganzen Horizont aus und tauchte den See, die Berge und die riesigen Grünflächen in ihr Licht. Ein Blick auf seine Muggelarmbanduhr verriet Oliver, dass es halb sieben Uhr morgens war.
„Guten Morgen, Sayu", begrüßte er seine Eule, die ebenfalls schon wach war und sich vergnügt und flügelschlagend gegen die Käfigstangen drückte.
„Du willst raus, was?"
Lachend öffnete Wood die Käfigtür und Sayuri flatterte auf seine Schulter, wo sie glücklich tschirpend blieb.
Ausgiebig gähnend machte er mit einem kleinen Schlenker seines Zauberstabs das Bett und ging dann zum Fenster hinüber, öffnete es und sah zu, wie seine Eule mit großen Flügelschlägen in die Unendlichkeiten des Himmels verschwand.
Jene Unendlichkeiten, die er selbst so sehr liebte.
Er seufzte und wandte sich dann vom Fenster ab, um endlich den Raum zu inspizieren, der hinter der zusätzlichen Tür neben seinem Kamin lag. Als er die Klinke gepackt, heruntergedrückt und das Zimmer betreten hatte, rieb er sich die Augen wieder und wieder, um sich zu vergewissern, dass er nicht mehr träumte.
An der Wand, die der Tür gegenüber lag, war ein großes Waschbecken eingelassen; zwei glänzende Wasserhähne ragten aus der Wand über dem Becken heraus; und aus dem Spiegel darüber blinzelte Oliver sein eigenes Spiegelbild entgegen.
Ein großes Fenster an der Längsseite des Raumes ließ die ersten Sonnenstrahlen herein und beleuchtete so das beinah schwimmbeckengroße, mindestens einen Meter in den Boden eingelassene Badebecken mit seinen vielen Wasserhähnen, aus denen wahrscheinlich – so wie es im Vertrauensschülerbad war – alle Arten von Badeschäumen und Wasser flossen. Daneben befanden sich außerdem noch eine Dusche von der Art, wie man sie in den Umkleiden der Schulmannschaften fand (das waren Erinnerungen), eine Toilette und ein kleines Schränkchen für persönliche Dinge.
Mit solch einem Luxus hatte er wahrlich nicht gerechnet, und er betrachtete alles nochmals genau, als ob er befürchtete, es würde sich im nächsten Moment in Luft auflösen. Doch das tat es nicht, und gut gelaunt spazierte Wood wieder zurück in das eigentliche Wohnzimmer und öffnete den Schrankkoffer.
Als erstes nahm er seinen dunkelroten Pullover mit V-Ausschnitt in moderner Muggelart heraus, den er noch aus Hogwartszeiten besaß und den seine Großmutter ihm damals ziemlich groß gezaubert hatte (oder auch von Hand gestrickt, er wusste es nicht mehr). Diesen Umständen verdankte er jetzt, dass er ihm noch passte. In diesem Moment aber barg der Pullover noch einen viel größeren Schatz.
Sorgfältig legte Oliver das Kleidungsstück auf dem Bett ab und schlug es auseinander. Ein schwarzes Bündel kam zum Vorschein, mit zwei ineinander verschlungenen Kordeln verschlossen. Flink entflochten seine schlanken Finger die Bänder und öffneten den Beutel. Als der Inhalt frei lag, fiel ein Stein von Woods Herzen.
Ein kleiner Besen, gerade mal von der Größe seines Mittelfingers, lag vor ihm auf dem Bett; scheinbar unversehrt.
„Na Merlin sei Dank ist dir nichts passiert. Engorgio!"
Dort, wo eben noch der kleine Besen gelegen hatte, war nun ein um vielfaches größerer erschienen; der lange, blank polierte und schlanke Stiel aus etwas dunklerem Holz schimmerte im ersten Sonnenlicht; die Zweige, die aerodynamisch nach hinten gebogen und geformt waren, wiesen keine Spur des Schadens auf, sondern waren so straff und geradlinig wie eh und je.
In einem Anflug von Stolz fuhr Oliver mit dem Finger über die golden eingeprägte Schrift ganz vorne am Besenstiel und blies kurz darauf, um ein kleines Staubkörnchen zu vertreiben.
Firebolt K.1
Auch wenn es ihn einige Monate des Sparens all seines Einkommens und Preisgelder gekostet hatte, um dieses Prachtstück zu erwerben, so hatte es sich am Ende gelohnt. Dieser Besen ließ alles verblassen, was er je an Flugtechnik gesehen hatte, und mit ihm zu trainieren – besonders an Tagen, wo man Ausdauer und starkes Training brauchte – war eine wahre Freude. Es schien, als würde er Fähigkeiten freisetzen, die ein anderer Besen nicht freizusetzen vermochte.
Vorsichtig hob er den Besen hoch und lehnte ihn neben seinem Bett an die Steinmauer. Er würde ihn vor dem Frühstück wieder klein zaubern und ihn dann auf dem Weg zum Quidditchfeld, wo seine erste Stunde stattfinden würde, einfliegen. Zu lange schon war er nicht mehr geflogen …
Mit einer kurzen Bewegung seines Zauberstabs flogen schließlich sämtliche Kleidungsstücke aus dem Koffer – Hand- und Beinschützer inklusive – aus dem Koffer, die Schranktüren öffneten sich und mit einem weiteren Schlenker sortierten sich sämtliche schwarze Umhänge, seine Hosen, Shirts, Unterwäsche, Handtücher, Festroben und sonstige Kleidungsstücke ordentlich in die Fächer ein.
Die Ordner mit seinen Notizen nahm er eigenhändig heraus und legte sie auf den Schreibtisch, darauf achtend dass die Titel auf den Ordnerrücken den Themen im Schuljahr chronologisch geordnet waren. Seinen Ordnungsdrang hatte er also noch in gewissem Maße beibehalten.
Den Rest an persönlichen Dingen wie das Besenpflegeset oder einige Zeitschriften verräumte er in das Nachtkästchen oder die Schreibtischschubladen; dann blickte er sich zufrieden im Raum um, schnappte seine Toilettsachen und ein Handtuch und beschloss, eine Dusche zu nehmen.
Das lauwarme Wasser schoss schon wenig später auf seine Schultern nieder und erneut ließ er seine Gelenke unter dem stetigen Prasseln kreisen und dehnte seine Muskeln. Es waren Übungen, die ihm schon seit seiner Schulzeit vertraut waren und die er niemals aufgegeben hatte. Ihnen hatte er auch – zumindest zum Teil – seine Kondition zu verdanken.
Frischer und belebter verließ er das Badezimmer, nachdem er sich abgetrocknet, die Zähne geputzt und sich rasiert hatte. Er fühlte sich gut und ausgeruht, bereit für seine neue Aufgabe. Während er sich ein langärmeliges, schwarzes Shirt und die Hose vom Vortag zurechtlegte, summte er sogar einen Teil der Schulhymne – was ihn selbst erstaunte, da er diese Hymne früher eher seltsam als würdevoll gefunden hatte.
Gerade wollte er in sein Shirt schlüpfen und sich fertig für das Frühstück machen – McGonagall hatte am Vorabend ja angedeutet, ihn um halb acht zu erwarten, und es war bereits sieben – drang plötzlich leises Kreischen zum geöffneten Fenster herein, wenige Sekunden später gefolgt von einem großen, ziemlich ernst aussehenden Uhu, der sich flügelschlagend auf dem Stuhl hinter Woods Schreibtisch niederließ und demonstrativ den Brief in seinem Schnabel vorstreckte.
Oliver durchmaß mit langen Schritten den Raum, sein Herz hatte vor Freude einen Hüpfer gemacht. Er erkannte diesen Uhu, wusste, wer sein Besitzer war.
Adrien.
Freudig nahm er dem Tier den Brief aus dem Schnabel und tätschelte kurz den weichen Kopf; der Uhu gab ein wohliges Geräusch von sich und schlug erneut mit den Flügeln. Aus der Schreibtischschublade entnahm der junge Schotte schnell einen Eulenkeks und verfütterte ihn an das doch ziemlich hungrige Tier.
Dann riss er aufgeregt den Pergamentumschlag auf und entfaltete das Blatt, beschrieben mit Adriens geschwungener, doch ein wenig krakelig wirkender Handschrift.
Hey Meisterhüter,
wie geht es dir? Ich hoffe doch gut – das Bild in meinem Kopf, wo dir kleine Kinder auf der Nase rumtanzen, will nicht so ganz zu meiner Erinnerung von dir passen…
Mal sehen, was heute bei deinem ersten Tag alles auf dich zukommt!
Ich erwarte detaillierte Berichte und regen Briefkontakt!
Hier ist alles beim Alten … Rob jagt uns bei jedem Wetter durch die Lüfte – klar, das Spiel gegen die Kenmare Kestrels steht an und er muss ja Lee wieder auf Liganiveau eintrainieren. Dieser arrogante Mistkerl freut sich tierisch, dass er deinen Posten wieder hat, aber glaub mir: er macht sich lange nicht so gut wie du. Wie könnte er auch – du bist und bleibst unser Ass auf diesem Gebiet.
Alanis hat ihre Feuerprobe beim Spiel gegen die Falcons bestanden, Callagher muss jetzt eine Zeitlang die Reservebank drücken (das passt ihm ganz und gar nicht, glaub mir).
Sonst geht's allen im Team gut.
Naja, fast. Meine linke Schulter hat wieder angefangen, zu schmerzen; und das nervt total. Merlin sei Dank ist es nicht meine Wurfhand, aber trotzdem.
Ich weiß, dass ich eigentlich nicht so bin, und dass du das vielleicht von mir auch nicht gewohnt bist; aber ich muss dir trotzdem sagen, dass es ohne dich nicht mehr so ist, wie es war. Zu dir hatte ich einfach den besten Draht, und keiner hier wird deinen Platz einnehmen können (vor allem, da du der einzige warst, der in mir mehr erkannt hat, als einen verschlossenen, ständig ernsten Sturkopf).
Was ich eigentlich sagen wollte: Ich könnte dich doch mal besuchen kommen … irgendwann, wenn ihr das erste Wochenende in Hogsmeade habt, oder so. Schreib mir einfach, wann es dir am besten passt.
Naja, ich muss wieder los. Rob trommelt schon die ganze Zeit an die Umkleidentür und brüllt wie am Spieß.
Und ich dachte, als Kapitän könnte man sich mal ne kleine, unerfragte Auszeit erlauben. Anscheinend falsch gedacht.
Bis bald, Oliver!
Adrien
Während Wood den Brief seines Freundes gelesen hatte, hatte er sich stumm auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch sinken lassen; und als er geendet hatte, seufzte er.
Natürlich freute er sich über den Brief des Kapitäns, und doch warf dieses Blatt Pergament all die Gefühle auf, die er als letztes bei der Aussprache mit dem Team und Adrien gefühlt hatte.
Es war die richtige Entscheidung, schoss es ihm durch den Kopf und er verbannte alle Zweifel aus seinen Gedanken. Vielmehr blickte er auf seine Armbanduhr und beschloss, noch schnell eine Nachricht zu schreiben und dem Uhu einen Brief mit auf den Rückweg zu geben. Ein wenig beunruhigte es ihn, dass Adriens Schulter ihn wieder schmerzte – hatten doch die Medizauberer nach seinem Unfall vor zwei Jahren mit einem Klatscher versprochen, dass keine Schmerzen zurückbleiben würden. Hoffentlich war es nichts Ernstes.
Eilig zog er ein Blatt Pergament aus seiner Schublade, tauchte die Adlerfeder in das Tintenfass und begann, zu schreiben.
Hey Jägerhäuptling,
du brauchst dir um mich keine Sorgen zu machen – die „kleinen Kinder" hier haben viel zu viel Ehrfurcht vor mir als dass sie mir gefährlich werden könnten … zumindest bis jetzt :-)
(auf der Herfahrt hat mich tatsächlich ein Junge ganz verdutzt angesprochen, weil ich ‚doch der von seinen Quidditchsammelkarten bin' – verrückt, so ein Gefühl)
Natürlich halte ich dich auf dem Laufenden – glaubst du, ich würde dich zu kurz kommen lassen? Ehrlich, was hältst du von mir?
Dass Lee sich über meine Position freut, war mir schon klar, als ich ihnen das mit meinem neuen Job erklärte. Das Glitzern in seinen Augen war einfach zu verräterisch.
Versteck ihm bitte einmal seine Fanghandschuhe von mir. Danke. Und richte Alanis schöne Grüße aus – ich wusste doch, dass sie es schafft. Allen andern natürlich auch, und vergiss Rob nicht. Sonst glaubt er womöglich noch, ich habe ihn vergessen.
Du solltest vielleicht wieder ins St. Mungo's gehen und dich untersuchen lassen, Adrien. Könnte sein, dass sich da wieder was anbahnt – damals in meinem zweiten Schuljahr, nach meiner schweren Verletzung, musste ich auch ein Jahr danach noch mal ins Mungo's, um die Restverletzungen am Kniegelenk beheben zu lassen. Wart lieber nicht zu lange damit, glaub mir! Ich spreche da aus Erfahrung.
Adrien Harrold, du BIST ein verschlossener, ernster Sturkopf; und gerade deswegen spielen wir vielleicht so gut zusammen. Ohne dich in der Nähe sind wirklich sehr viele Dinge anders geworden, vor allem die lustigen. Es gibt nicht viele, die unseren Humor haben, denke ich. Ein wenig Aufmunterung deinerseits könnte ich ruhig gebrauchen – zumindest jetzt … bin ein wenig aufgeregt.
Der Besuch ist eine gute Idee! Ich werde dir das Datum vom ersten Wochenende, sobald ich es kenne, zukommen lassen (und als Lehrer werde ich das doch hoffentlich ein wenig schneller in die Hände kriegen). Wenn irgendwas nicht klappen sollte, dann können wir ja auch so mal ein Wochenende draus machen!
Muss jetzt aufbrechen – McGonagall wartet. Sie will mir noch irgendwas zeigen vor dem Unterricht – bin mal gespannt!
Ich freu mich, wieder von dir zu hören!
Oliver
Zufrieden betrachtete der junge Schotte den Brief, dann blies er über die glänzende Tinte, faltete das Blatt und steckte es dem Uhu in den Schnabel, der sich daraufhin sofort flügelschlagend erhob und hinaus ins Freie flog.
Ein weiterer Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es bereits fünf vor halb acht war; hastig richtete er den Zauberstab auf den Besen („Reducio!"), packte ihn zurück in das Bündel und schob es in die weiteste seiner Umhangtaschen, dazu seinen Zauberstab. Ein letztes Mal warf er einen Blick auf seine Notizen, doch während er das Zimmer verließ und den Gang entlangeilte, kam ihm der Gedanke, dass er ohnehin wusste, wie man Erstklässlern das Fliegen richtig beibrachte.
„Guten Morgen, Athene", begrüßte er das Porträt der jungen Göttin, und obwohl er nur gegen die Steinwand sprach, antwortete sie ihm.
„Einen schönen Morgen wünsche ich Euch, Oliver. Ich hoffe, Ihr hattet eine gute Nacht."
„Sicher", erwiderte er und wartete, bis sich die Steinwand vor ihm aufgelöst hatte, dann schritt er eilig hindurch und hob kurz die Hand zum Gruß, als Athene wenige Sekunden später wieder in ihrem Gemälde auftauchte und ihm lächelnd zurückwinkte.
Nur vereinzelt begegneten ihm Schüler auf dem Weg in die Große Halle, flüsternd und tuschelnd warfen sie ihm verstohlene Blicke zu, doch er kümmerte sich nicht darum und beschleunigte seinen Schritt, bis er schließlich um Punkt halb acht die Türen der Halle erreichte.
Gerade wollte er hindurchgehen als er – RUMMS – auch schon wieder mit jemandem zusammenstieß; zwar nicht so ungemütlich wie erst gestern mit Cassandra, aber doch heftig.
Du solltest echt mal die Augen aufmachen…
„Tut mir Leid, ich hab – oh. Guten Morgen, Katie", brachte er schließlich hervor, als er erkannt hatte, in wen er da gelaufen war und half ihr, wieder die Orientierung zu finden, indem er sie an beiden Armen hielt. Er spürte, wie die Hitze in sein Gesicht stieg; ein Gefühl, wie er es noch selten in seinem Leben erlebt hatte.
Totale Verwirrung … was ist bloß los mit dir? Seit wann schafft sie es, dich dermaßen aus der Fassung zu bringen?
„Alles klar?"
Katie Bell, die gerade aus der Halle gekommen war und ein Stück Pergament – offenbar ihren Stundenplan – in Händen hielt, blinzelte kurz, doch dann lächelte sie. „Guten Morgen. Nichts passiert, keine Sorge. Bin selbst noch nicht ganz da heute."
Von der Schüchternheit, die sie gestern an den Tag gelegt hatte, war nichts mehr zu sehen, was Oliver ein klein wenig verwunderte, aber auch ein wenig enttäuschte. Was sollte er daraus deuten?
Hätte er aber gehört, wie stark Katies Herz in diesem Moment gegen ihren Brustkorb schlug und wie sehr sie seine plötzliche Nähe aus dem Konzept brachte, wäre er eines Besseren belehrt worden.
So aber, indem sie nur eine gelassene, ruhige Maske zur Schau stellte – zur Schau stellen musste – und ihre wahren Gefühle so gut es eben ging verbarg, ahnte er nichts davon.
„Wenn mein Stundenplan stimmt, sehen wir uns später ohnehin", meinte er gut gelaunt und merkte gar nicht, dass er sie noch immer festhielt, obwohl die junge Jägerin ihre Orientierung längst wiedergefunden hatte. Und doch genoss sie das Gefühl, das sie während seiner damaligen Schulzeit nie gekannt hatte. In diesem Gefühl konnte sie sich verlieren …
Dann aber durchzuckte sie die plötzliche Erkenntnis wie ein Schlag; und sie sah sich erschrocken um, konnte aber niemanden außer ihnen in der Eingangshalle entdecken. Das, was jetzt und hier geschah oder im Begriff war zu geschehen, konnte – durfte nicht sein. Zumindest nicht nach Ansichten der Obrigkeit – und nach Ansichten der Gesetze. Gedanken und ein Gefühl der Traurigkeit stiegen in ihr hoch wie kochendes Wasser.
„Was ist los, Katie?", fragte Oliver mit hochgezogener Augenbraue und sah sie fragend, ja fast schon bekümmert an, als sie sich aus seinem Griff entwand.
„Du – wir dürfen das nicht", wiegelte sie ab, doch der traurige Ausdruck in ihren Augen strafte den Klang ihrer Stimme Lügen. Plötzlich wirkte sie aufgelöst und ein klein wenig neben der Spur. „Es … es geht nicht, Oliver!"
„Was dürfen wir nicht? Was geht nicht, Katie?"
Wood wusste sehr wohl, was sie meinte; und es schien, als träfe es ihn mitten ins Herz. Ein Gefühl, dass er nicht erwartet hätte. Ein Gefühl, das ihm mehr sagte, als tausend Worte. Vor allem, da er es gerade selbst von ihr gehört hatte. Eine eisige Leere schien sich in seiner Brust auszubreiten und ihn gefangen zu nehmen; denn nun wurde ihm die Tragweite dessen, was sie gerade gesagt hatte, wirklich bewusst. Solche Handlungen und Situationen wie diese hier durfte es nicht mehr geben. Zumindest nicht öffentlich.
Hier in Hogwarts würde es – durfte es – nur Professor Oliver Wood und die Schülerin Katie Bell geben; nichts anderes. Eine Tatsache, die so ernüchternd war, dass er schlucken musste und sie doch wie ein Kloß in seinem Hals stecken blieb. Die erzwungene Kluft, die nun zwischen ihm und seinen Freunden klaffte, trat so deutlich hervor, dass es wehtat.
Was war bloß los mit ihm? Welchen Gefühlen, welchem Weg folgte sein Herz nun auf einmal, da es schien, als wäre ihm eine zweite Chance zugleich gewährt und verwehrt worden? Wusste es bereits etwas, was er selbst noch nicht wusste? Er war heillos verwirrt und unfähig, ein weiteres Wort hervorzubringen.
„Es … es tut mir Leid, Professor", murmelte Katie plötzlich und unterbrach seine Gedanken; wie durch eine Ohrfeige von dieser Form der Anrede zurück in die Realität geholt blickte Oliver auf; und er war sich sicher, dass sein Gesicht eine Vielfalt an Gefühlen widerspiegelte, doch Katie nickte nur kurz zum Abschied und lief davon, ja floh fast hinauf über die Treppe, ihr langes Haar flatterte wie ein Sturm um ihren Kopf; und sie ließ einen zutiefst verwirrten Wood vor der Großen Halle zurück.
Als Katie Bell schließlich vor dem Verwandlungsklassenzimmer ankam – viel zu früh für die Unterrichtsstunde – hielt sie sich die Hände in die Seiten, um zu verschnaufen. Gleichzeitig hätte sie sich selbst einen Schweigezauber auferlegen können, um nie wieder so etwas Falsches zu sagen, wie sie es noch vor wenigen Minuten getan hatte.
Wie konnte sie nur? Hatte sie in dieser Situation all ihre Überlegungen und Gedanken vom Vorabend einfach vergessen? Sie hatte hoffnungslos überreagiert; Dinge, die aus der richtigen Sichtweise gar nicht so schlimm erschienen, zu einem unlösbaren Problem gemacht.
Was für eine Närrin du doch bist … jetzt hast du dir all deine Hoffnungen mit einem Schlag zunichte gemacht … alles verbaut …
Ihr war nach Weinen zumute, als sie an der Steinwand herabrutschte und auf den Steinboden vor der Klassenzimmertür sank. Der erste Tag konnte ja heiter werden … zumal ihr eine weitere Begegnung mit Oliver an diesem Vormittag nicht erspart bleiben würde. Es würde sie nicht wundern, wenn er sie jetzt einfach wie eine Schülerin behandeln würde und nicht wie eine Freundin.
Wie kann ich ihm jetzt noch in die Augen sehen? Wie kann ich jetzt noch hoffen?
Vollkommen erstarrt und unfähig, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen war Oliver Wood am Fuße der Treppe zurückgeblieben und starrte mindestens eine Minute lang auf den Fleck, auf dem seine ehemalige Jägerin gerade verschwunden war. War das wirklich geschehen? Hatte alles, der ganze, eigentlich unbewusste erste Versuch der Annäherung, eines harmlosen, unbeschwerten Gespräches, solch eine katastrophale Wendung genommen?
Laute, auf dem Steinboden hallende Schritte und eine Hand, die plötzlich auf seiner Schulter lag, rissen ihn mit einem Mal aus seiner Starre; und er zuckte leicht zusammen.
„War die Nacht so schlimm für Sie, Oliver; dass Sie jetzt so schreckhaft sind?", meinte Professor McGonagall lächelnd, als sich der junge Mann ganz zu ihr umgewandt hatte und der erschrockene Ausdruck einigermaßen aus seinem gutaussehenden Gesicht verschwunden war. Irgendetwas musste ihn heute schon ziemlich aus der Fassung gebracht haben; und so etwas war bei dem Oliver Wood, den sie in Erinnerung hatte, ziemlich selten und vor allem schwer zu bewerkstelligen. Er wirkte eher durcheinander als ausgeglichen, wie es sonst eine Art war.
„Alles in Ordnung?"
„Natürlich, Minerva", erwiderte er mit seltsam heiserer Stimme, und das Lächeln, das sich auf seine Lippen geschoben hatte, sah nicht wirklich echt aus. „Sie wollten mich sprechen?"
Die Hexe beschloss, nicht auf das sonderbare Verhalten ihres Kollegen einzugehen und schob in sanft hinein in die Große Halle, in der es bereits von Schülern an den Haustischen wimmelte.
„Lassen wir das vorerst. Essen Sie zuerst eine Kleinigkeit, danach wird noch genug Zeit bleiben."
Oliver folgte der Professorin hinein in die Halle und nach vorne zum Lehrertisch. Auf seinem Weg dorthin erblickte er Harry Potter, der mit seinen Freunden am Gryffindortisch saß und frühstückte.
„Hey, Oliver! Guten Morgen! Alles klar?", begrüßte der Sucher seinen ehemaligen Kapitän und Wood wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, froh dass er Harry traf um wenigstens mit ihm unbeschwert reden zu können, als McGonagall ein tadelndes Räuspern vernehmen ließ und sich neben dem jungen Schotten aufbaute.
„Für Sie Professor Wood, Potter", ermahnte sie den Fünftklässler mit einem strengen Blick über ihre Brillengläser hinweg, und Harry blinzelte verwirrt, die Stirn gerunzelt.
„Aber Professor –"
„Kein Aber, Potter. Sie werden erkennen müssen, dass sich einiges verändert hat. Kommen Sie, Oliver."
Mit diesen Worten rauschte sie davon, und Wood fühlte sich mit einem Mal zusammengeschlagen; die gute Laune vom frühen Morgen war schon lange verschwunden, und dasselbe Gefühl, dass sich auch schon in seinem Brustkorb breitgemacht hatte, als er vorhin mit Katie gesprochen hatte, ergriff wieder in ihm Besitz.
„Harry, ich weiß nicht, warum sie so überreagiert. Hör mal, es tut mir Leid, aber …"
„Schon gut", winkte der junge Gryffindor ab, doch seine Augen verrieten in etwa dieselben Gedanken, die Wood selbst gerade dachte. „Sie hat wohl Recht, oder? Es ist besser, du gehst jetzt. Umbridge sieht schon so komisch herüber; so wie die drauf ist, will sie sicher etwas finden, das sie mir anhängen will. Ich möchte echt nicht, dass du da auch noch Ärger kriegst."
Als Wood einen kurzen Seitenblick zum Lehrertisch warf, konnte er tatsächlich erkennen, dass Umbridge den kurzen Hals gereckt hatte und wie ein Adler auf den Gryffindortisch herunterschielte. Er seufzte.
„Na dann", meinte er mit heiserer Stimme und hob kurz die Hand zum Abschied; dann folgte er McGonagall, die auf ihn gewartet hatte, zu seinem Platz.
„Was war das denn eben?", raunte Fred Weasley, der mit seinem Bruder gerade ihre Plätze am Tisch eingenommen hatte, Ron zu, der neben Harry saß.
„McGonagall hat ihm verboten, Wood mit ‚Oliver' anzusprechen", erwiderte Ron mit einem mitleidigen Seitenblick auf Harry, der in seinem Schinken stocherte. „Ab jetzt wird ‚Professor' bevorzugt."
„Was?", kam es zeitgleich von den Zwillingen und sie nahmen den Sucher genauer ins Visier.
„Das hat sie gesagt?"
„Ja", antwortete Harry und warf einen Blick hoch zum Lehrertisch, an dem Wood sich neben McGonagall niedergelassen hatte, Eier und Schinken auf seinen Teller häufte und eine rege Unterhaltung mit seiner Sitznachbarin führte, dabei jedoch nicht wirklich glücklich aussah. Wahrscheinlich hatte er sich seine neue Verpflichtung – zumindest in diesem Bereich – nicht so vorgestellt.
„Welche Laus ist der denn über die Leber gelaufen?", fragte George verärgert und stierte hoch zum Lehrertisch. „Harry, du sprichst Hagrid außerhalb des Unterrichts auch mit seinem normalen Namen und mit ‚du' an. Was ist daran so schlimm, wenn wir es bei Oliver auch so machen? Ich meine, immerhin war er jahrelang unser Kapitän und ist jetzt noch unser Freund!"
„Hast ja Recht", murmelte Harry und Fred stimmte ebenfalls heftig nickend zu.
Die Situation am Gryffindortisch verlor allerdings ihre Spannung, als Angelina Johnson die Halle betrat, mit energischem Schritt auf sie zukam und ihnen eröffnete, dass sie die neue Kapitänin des Teams geworden war. Unter großem Jubel der Zwillinge („Go Lina, go Lina!") vereinbarten sie den Zeitpunkt für die Auswahlspiele, da ein neuer Hüter ja dringend gebraucht wurde, trotz der Ironie, dass ihr alter und bester Hüter direkt vor ihrer Nase saß.
Nur ein einziges Mal blickte Harry noch hinauf zum Lehrertisch, doch in diesem Augenblick verließ Wood seinen Platz und wünschte McGonagall einen schönen Schultag. Dann langte er in die Tasche seines weiten, schwarzen Umhangs und eilte mit langen Schritten aus der Halle, ohne sich noch einmal nach seinem alten Team umzuwenden.
Fred, der Harrys Blick verfolgt hatte, seufzte und fuhr sich durchs Haar, als Oliver mit jenem versteinerten Gesichtsausdruck, den sie noch von Situationen, in denen in etwas beschäftigte, her kannten, die Halle verließ. Sein Freund war nicht glücklich mit dieser Fügung, denn eine Distanz zu seinen Freunden war wahrscheinlich das letzte, das er sich gewünscht hatte.
Das Team sah es seiner Meinung nach genauso; sie alle hatten sich über Woods Rückkehr gefreut, und jetzt nur ein mehr oder weniger kühles Verhältnis zu ihm zu pflegen, war keine sehr glückliche Fügung. Und deshalb beschloss der Zwilling lächelnd, das McGonagall ja nicht alles wissen musste, wann und wo Professor Wood sich mit wem traf.
Oliver hatte die Halle mit schnellen Schritten verlassen, ohne noch jemanden anzusehen und hielt stetig auf das Schlossportal zu. Als er ins Freie trat und die kühle Morgenbrise sein Gesicht streichelte, atmete er tief ein und das drückende Gefühl auf seiner Brust verschwand langsam. Zurück blieb nur ein undefinierbares Etwas, das ihm die Seele schwer machte.
Reiß dich zusammen, befahl sich schließlich selbst in Gedanken und straffte die Schultern. Harry ist schließlich mit Hagrid befreundet, und der ist auch Lehrer. Also kann es nicht so schlimm werden. Es wird sich schon alles ergeben …
Nachdem er das gedacht hatte, fühlte er sich tatsächlich ein wenig besser; und er zog die Hand aus der Umhangtasche, die das kleine, schwarze Bündel vorsichtig umklammert hielt.
Daraus entnahm er seinen Besen, wieder klein wie ein Spielzeug, und ließ den Beutel zurück in die Tasche gleiten.
„Engorgio!", flüsterte er und im nächsten Moment war der Besen in seiner Hand auch schon auf seine volle Größe angewachsen, der Stiel glänzte im Sonnenlicht.
Mittlerweile war es halb acht, eine halbe Stunde blieb ihm noch, bevor er seine erste Stunde halten würde – ein seltsames Gefühl.
Erst, als er am Fuße der Eingangstreppe angelangt war und sich umgesehen hatte, konnte er nicht mehr an sich halten. Er schwang sich auf den Besen und stieß sich kraftvoll vom gekiesten Boden ab.
Der Feuerblitz schoss in die Höhe, hinein in den klaren Morgenhimmel; und erst, als Wood einen Looping gedreht hatte, der Wind ihm das Haar zerzauste und ihm ins Gesicht peitschte, fühlte er sich gut. Zuhause.
In eleganten Schleifen und mit haarsträubender Geschwindigkeit flog er über das Schlossgelände hinweg und sah unter sich auch bald das Quidditchfeld auftauchen, auf dem sich noch keiner der Erstklässler, denen er das Fliegen beibringen sollte, eingefunden hatte. Das befand er auch als gut so, denn so konnte er noch einige Runden fliegen (im Hogwartsstadion, das er schon etwas vermisst hatte) und sich aufwärmen.
Als er die Torringe und die verschiedenfarbigen Türme unter sich aufragen sah, legte er sich flach auf den Besen und verlagerte gut die Hälfte seines Körpergewichtes nach vorne, ohne jedoch vornüber zu kippen, wie es manchen, die das Gewicht nicht sehr gut teilen konnten, schon passiert war.
Im steilen Sturzflug schoss er gen Erde und nur einen Meter über der Rasenfläche packte er den Besenstiel und zog ihn gerade noch rechtzeitig wieder in die Horizontale. Diesen Nervenkitzel brauchte er, das hatte er schon vor Jahren festgestellt.
Unten auf dem Rasen lagen schon etwa zwanzig Besen in einer Reihe bereit, McGonagall hatte dies schon am Morgen veranlasst. Sie hatte ihm ebenfalls erklärt – und dies war die Sache gewesen, weswegen sie ihn schon dermaßen bald erwartet hatte – dass in der Schiedsrichterkabine auf der Ostseite des Stadions Unterrichtsmaterialien auf ihn warten würden, die sicher sehr hilfreich wären. Laut ihren Erklärungen handelte es sich dabei um fliegende – ja, man konnte fast schon sagen Puppen, die so verzaubert worden waren, dass sie plötzlich auftauchen und wieder verschwinden konnten und aus unechten Zauberstäben harmlose Blitze abschossen, denen die Schüler auszuweichen hatten. Sie selbst konnten Flüche und andere Zauber auf die Puppen abfeuern, die ihnen kein leichtes Ziel sein würden. Genauigkeit war also gefragt. Wenn eine der Puppen getroffen wurde, verschwand sie und kehrte im nächsten Augenblick wieder, um einen anderen Schüler anzugreifen. Sowie der Zauber mit einem Tipper des Zauberstabs begonnen wurde, so erstarrten die Puppen bei Finite Incantatem wieder.
Diese Dinger würden tatsächlich den Unterricht erleichtern, wie Wood fand, und er war schon gespannt darauf, wie mit ihnen zu üben war.
Etwas langsamer ließ er den Feuerblitz nun im Stadion herumkreisen, umflog einige Male die Torringe, die so lange sein „Gebiet" gewesen waren, zog weite Schleifen um die Türme und probierte hie und da einige Tricks und Finten aus, die er teils erlernt, teils selber entwickelt hatte.
Er fühlte sich so wohl, dort oben in der Luft, dass er völlig vergaß, auf seine Armbanduhr zu sehen; und erst, als er nach einer Drehung um den eigenen Besenstiel Gemurmel von weit unten vernahm, blickte er hinunter.
Ein kleiner Haufen Erstklässler hatte sich auf dem Rasen zusammengedrängt und blickte zu ihm empor, staunendes Tuscheln und ehrfürchtige Blicke begegneten ihm.
Schnell ging er erneut in den Sinkflug und landete weich und sicher auf dem Rasen (sie sollten doch sehen, wie es richtig ging, ohne sich zu verletzen).
Er schulterte den Besen und marschierte mit leichtem Schritt auf die Erstklässler zu – Gryffindors und Ravenclaws – die ihn mit immer größer werdenden Augen anstarrten.
„Guten Morgen", begrüßte er sie mit freundlicher Stimme und lächelte ihnen aufmunternd zu.
Ein vielstimmiges „Guten Morgen, Professor" kam zurück und sein Lächeln wurde breiter, als er bemerkte, wie schüchtern sie waren. In seiner vergleichsweise zu anderen relativ kurzen Zeit als Profispieler hatte er augenscheinlich schon sehr viel Eindruck auf die Quidditchfans des Landes gemacht.
„Habt ihr euch schon ein wenig eingelebt?", fragte er deshalb ebenso freundlich weiter und erntete dafür zustimmendes Gemurmel und scheues Nicken.
Einer der Gryffindors hob mit schüchternem Blick die Hand.
„Ja?"
„Das, was sie da eben gemacht haben … das war … das war abgefahren, Sir", meinte er und seine Augen leuchteten in Anbetracht dessen, dass er nun ebenfalls das Fliegen richtig erlernen würde.
Wood konnte nicht anders, als erneut zu grinsen; er stellte seinen Besen auf dem Boden ab und sah dem Jungen fest in die Augen.
„Wie heißt du?"
„Scott Glendale, Professor", antwortete der Gryffindor mit zunehmend sicher werdender Stimme.
„Nun, Scott, Dankeschön. Ich hoffe, es tut deiner Freude keinen Abbruch, dass wir gezwungen sind, mit etwas weniger spektakulären Dingen anzufangen."
„Natürlich nicht, Professor", kam es von einem anderen Gryffindorschüler abrupt, den Wood als einen gewissen Euan Abercrombie und eher schüchtern in Erinnerung hatte.
Ein blondes Mädchen aus Ravenclaw mit klugem Gesicht, das ihm vage bekannt vorkam, war die nächste, die die Hand hob.
„Professor, ich hoffe, es ist nicht zu persönlich. Darf ich fragen, warum Sie die derzeit beste Mannschaft der Liga verlassen haben, um uns zu unterrichten? Wird das die Gewinnquote von Puddlemere nicht ein wenig sinken lassen, jetzt wo Lee Blackburn Ihren Posten wieder hat?"
„Habe ich eine Quidditchkennerin vor mir?", schmunzelte Wood und sah auf sie hinunter. Das Mädchen hielt seinem Blick tapfer stand und erinnerte ihn mit ihrer klugen, selbstsicheren Art an Hermine Granger.
„Natürlich, Sir", antwortete sie und straffte stolz die Schultern, dabei zeigte sie ein verschmitztes Lächeln, dass ihm genauso bekannt vorkam wie ihr ganzes Auftreten. „Mein Onkel muss ja schließlich noch mehr dafür sorgen, dass die Klatscher die gegnerischen Jäger dem Torraum fernhalten, jetzt, wo Sie nicht mehr spielen."
„Dein Onkel?", fragte Oliver verdutzt und hob eine Augenbraue. Im Schnelldurchlauf durchforstete er alle männlichen Profile seiner ehemaligen Mannschaft, vor allem die Treiber; doch auf die Schnelle wollte ihm kein „Onkel" zu diesem Mädchen einfallen. „Wie ist dein Name?"
„Charlene Kelly, Sir."
„Du bist Teds Nichte?", staunte er und sie nickte. „Na dann ist mir alles klar. Was deine Frage betrifft: Ich kann nicht einschätzen, ob ihre Gewinnquote sinken wird. Das wird sich zeigen, aber ich denke nicht. Und ich bin hier, weil es aufgrund der gegebenen Umstände", sein Blick wurde ernster, „nötig sein wird, euch in manchen Dingen mehr zu lehren. Das Fliegen auf Besen zum Beispiel. Einen ruhigen Kopf darauf zu bewaren, wenn es in der Luft gefährlich wird."
Charlene nickte ernst; sie schien zu verstehen, was er meinte und den Ereignissen, die geschehen waren, zu glauben. Darin war sie ihrem Onkel sehr ähnlich, stellte er fest. Auch die anderen schienen nicht verängstigt oder ungläubig zu sein, im Gegenteil.
„Möchte noch jemand etwas sagen?", meinte Wood schließlich, um die eher verdüsterte Stimmung wieder zu lockern, und hatte damit Erfolg.
Der Rest der Klasse begann nun offensichtlich, wie ihre Mitschüler vorhin die Schüchternheit abzulegen und stellten ihm noch einige Fragen; großteils, was seine Vergangenheit als Hüter bei Puddlemere United betraf.
Ihnen diesen Freiraum zu lassen, befand er als wichtig, um ihr Vertrauen zu gewinnen und ihn ihm mehr zu sehen, als den Quidditchprofi, der er gewesen war. Die „Beziehung", die sie nun zu ihm aufbauen mussten, sollte nicht mehr die von Fans sein.
„Wann werden wir auch in Flugkampf unterrichtet, Professor?", fragte eine junge, schwarzlockige Ravenclaw interessiert.
„Ihr werdet in der richtigen Flugtechnik bis Weihnachten unterrichtet, Loraine. Nach dem Ferien geht es auch bei euch mit Flugkampf los."
Als schließlich niemand mehr etwas sagte und er von allen den Namen eingeprägt hatte (was ihm sonderbar leicht fiel), nahm Oliver seinen Besen erneut auf die Schulter.
„Dann wollen wir mal anfangen", rief er und bedeutete ihnen, ihm hinüber zu den Besen zu folgen.
„Zu meinem großen Leidwesen muss ich sagen, dass die Schule die Übungsbesen seit meiner Zeit nicht ausgetauscht zu haben scheint", meinte er, als sie die im Gras liegenden Fluggeräte erreicht hatten. „Stellt euch jeweils hinter einem Besen auf."
Gehorsam suchte sich jeder der Schüler einen Besen und starrte mit mehr oder weniger nervösem Gesichtsausdruck auf ihn hinunter. Oliver lächelte, als er die verschiedenen Reaktionen beobachtete. Er selbst hatte das Fliegen bereits beherrscht, als er nach Hogwarts gekommen war; so manch andere – wie Percy Weasley beispielsweise – hatten aber damit Schwierigkeiten. Es war eben nichts, was man in Büchern auswendig lernen konnte.
Sachte legte er schließlich den Feuerblitz auf den Boden (viele bewundernde Blicke folgten seinen Bewegungen) und schritt langsam die Reihe entlang.
„Als erstes müsst ihr euch eines vor Augen halten: Keine Angst, wenn ihr auf dem Besen fliegen wollt. Ein Besen ist kein wildes Tier, das euch beißen oder mutwillig abwerfen will. Und doch vergleiche ich ihn gerne mit einem Pferd, das ebenfalls die Angst desjenigen spüren kann, der es reiten will. Solange der Besen ‚spürt', dass ihr euch vor ihm fürchtet, wird es euch schwer gelingen, auf ihm zu fliegen."
Mit langen Schritten gelangte er zurück zu seinem eigenen und stellte sich dahinter auf.
„Sollte doch jemand Probleme damit haben, so wird es meine Aufgabe sein, diese Angst abzubauen. Habt keine Angst, eure Furcht offen zuzugeben. Kein Meister ist je vom Himmel gefallen, glaubt mir. Ich kenne sogar Quidditchspieler in der Liga, die als kleine Kinder Angst vorm Fliegen hatten."
Offene Münder waren die Reaktion auf diese Worte und er lächelte.
„Alsdann", fuhr er fort und stellte stolz fest, dass die Aufmerksamkeit der gesamten Klasse wieder auf ihm lag. Es lief gar nicht so chaotisch und schlecht, wie er gedacht hatte.
Ein kurzer Bildfetzen schoss durch seine Gedanken, in dem Madam Hooch vor Jahren auf dem Rasen vor dem Verbotenen Wald gestanden und selbst diese Worte gesprochen hatte, die er nun folgen ließ. Das Gefühl, das ihn dabei durchströmte, war undefinierbar. Die Nervosität war gewichen.
„Haltet jetzt eure Hand über den Besen und sagt laut und deutlich ‚Auf!'."
Schon im nächsten Moment war das morgendliche Quidditchfeld erfüllt von den vielen „Auf"s, und tatsächlich hatten fast alle keine Probleme, ihren Besen hinauf in ihre Handflächen fliegen zu lassen. Euan Abercrombies Besen, ein ziemlich altes und verkorkstes Modell, drehte sich ein paar Mal auf dem Boden hin und her, bevor er langsam in die Hand des Jungens stieg; und Wood beschloss, auf den jungen, augenscheinlich eher mit wenig Selbstvertrauen gesegneten Gryffindor ein ganz besonderes Augenmerk zu legen.
Der Feuerblitz war mittlerweile ohne Worte und von selbst in seine Hand geschossen, und nachdem er sich vergewissert hatte, dass alle Schüler einen Besen in der Hand hielten, fuhr der junge Schotte fort.
„Als nächstes schwingt ihr ein Bein über den Besenstiel und packt den Griff genau so. Ihr müsst euch vergewissern, dass euer Griff fest genug ist, um nicht gleich bei der ersten Windbö abzurutschen."
Zur Demonstration schwang er sich selbst auf seinen Besen und umklammerte den Stiel fest mit allen seinen Fingern, wobei die linke Hand vor der rechten lag. Dann schritt er erneut die Reihe ab, überprüfte und korrigierte die Griffe der Erstklässler und erklärte geduldig noch einmal, wie es richtig zu machen war, bis jeder den richtigen Griff gefunden hatte.
„Jetzt kommt der spannende Teil", meinte er dann zwinkernd und blickte in die Runde. „Der Teil, der alles andere in den Schatten stellt."
Er schwang sich wieder auf den Feuerblitz.
„Wenn ich los sage, dann stoßt ihr euch mit mittlerer Kraft vom Boden ab", er demonstrierte es, indem er sich leicht vom Boden abstieß, „steigt einige Meter in die Höhe", seine Stimme wurde lauter, als er ein paar Meter hinaufstieg, „und kommt anschließend wieder runter. Das geht, indem ihr euren Vorderkörper leicht nach vor beugt, aber nicht bis ganz an den Besenstiel", er kehrte in sanftem Sinkflug zurück auf den Rasen. „Alles klar?"
Zustimmendes Nicken war die Folge; in den Gesichtern der Schüler spiegelte sich deutlich der aufgeregte Wunsch, endlich zu fliegen oder – im Falle derjenigen, die zuhause schon einen Vorgeschmack erhalten hatten – es wieder zu tun.
„Los!"
Gleichzeitig stießen sich die Gryffindors und Ravenclaws vom Boden ab; die einen mehr, die anderen weniger zögerlich; und schließlich schwebten alle aufrecht und sicher ein paar Meter über den Boden. Erstaunte Ausrufe erfüllten das Feld und Oliver fiel ein Stein vom Herzen, froh das alles gut ging (und nicht wie beispielsweise in Harrys erster Flugstunde, als dieser Longbottom sich den Arm gebrochen hatte).
„Gut. Sehr gut, wirklich. Jetzt neigt den Oberkörper leicht nach vor und kommt langsam wieder runter. Vorsicht, Euan, nicht zu weit vorbeugen! Geh wieder ein Stück nach hinten – genau, so ist es gut!"
Sanft landeten die Erstklässler wieder auf dem Rasen und aufgeregtes Schnattern brach in der Reihe aus, als sie in großartiges Schwärmen über ihren ersten Flug verfielen. Euan, der vorhin noch eher verloren gewirkt hatte, sah nun aus, als ob er ziemlich froh über seine Leistung wäre. Wood musste laut klatschen, um sich lachend wieder Gehör zu verschaffen.
„Ich sehe schon, ihr habt Gefallen daran gefunden. Wer weiß, vielleicht sehen Gryffindor und Ravenclaw ja einen von euch in ein paar Jahren im Hausteam wieder. Wie ich gerade merke, bleibt uns nicht mehr viel Zeit", einige von den Schülern ließen enttäuschte Laute hören, „also schlage ich vor, dass ihr das ganze noch einmal versucht. Wer sich bereits sicher genug fühlt, kann versuchen, ein Stück weit zu fliegen. Ein Stück weit, sagte ich, Charlene, nicht eine Runde um die Torringe."
Die junge Ravenclaw, die ihrer Freundin bereits abenteuerlustig zugezwinkert hatte, schwieg nun mit schelmischem, aber ertappt wirkendem Gesichtsausdruck.
Die nächsten zehn Minuten verbrachte Wood noch damit, den Schülern zuzusehen, wie sie sichtlich stolz über den Rasen schwebten, in Sinkflug gingen und wieder hinaufstiegen; und er musste sagen, dass sie ziemlich viel Gefühl dafür besaßen.
Gryffindors und Ravenclaws. Was sonst.
Als schließlich der laue Morgenwind das Läuten aus der Schule herüberwehte, entließ er die Erstklässler mit leuchtenden Augen, nachdem sie sich gut gelaunt und fröhlich verabschiedet hatten (was sein Jahrgang seinerzeit, soweit er sich erinnern konnte, bei Madam Hooch nie getan hatte).
Nachdem er seinen Besen wieder verkleinert und verstaut hatte, sammelte er mit einem Schlenker seines Zauberstabs die Besen ein und ließ sie neben sich herschweben, bis er die Schiedsrichterkabine erreicht hatte. Dort verstaute er sie in einem doch ziemlich geräumigen, aber muffig riechendem Schrank und versperrte die Tür wieder sorgfältig, bevor er sich ebenfalls auf den Weg zurück ins Schloss machte.
Der Wind war wärmer geworden und zerzauste sein Haar, als er mit langen Schritten den Kiesweg zum Portal hinaufspazierte. Diese erfolgreiche erste Stunde hatte ihn all die Dinge vergessen lassen, über die er nach dem Frühstück noch nachgedacht hatte; und fröhlich ein Lied summend erklomm er die Stufen zum Tor hinauf. Spätestens jetzt waren alle Zweifel, die er ob seines Alters oder Fähigkeit, zu unterrichten, noch gehabt hatte, zerstreut.
Gerade als er die Halle betrat, läutete es bereits zur nächsten Stunde; und bevor er sich recht entschieden hatte, ob er ins Lehrerzimmer gehen oder noch einige Runden auf dem Feld drehen sollte, ertönte neben ihm plötzlich ein zuckersüß klingendes chrm chrm.
Anm. der Autorin: Ja, ich weiß; es ist leicht fies, hier aufzuhören. Dies war der Tragödie erster Teil (neeein, man merkt nicht, dass ich bald eine Literaturklausur über die Goethe schreiben muss ) Der zweite Teil wird bald folgen … und hoffentlich lasst ihr mir bis dahin noch ein paar Reviews da ) lieb kuck
Bis dann!
Eure Calypso
Ach ja!! Fast hätt ich es vergessen:
Firebolt K.1 ist natürlich die Marke seines Besens, logischerweise ein Feuerblitz. Ich dachte nur, auf Englisch siehts hier besser aus, nachher habe ich es sowieso mit dem deutschen Ausdruck beschrieben. „K.1" steht für „Keeper 1" und ist hier ein speziell für Hüter angefertigter Besen (gut für schwierige Paraden und somit für Mr. Ich-liebe-haarsträubende-Paraden-wo-jeder-glaubt-dass-ich-sowieso-runterfalle geeignet hihi)
