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6. Kapitel „Ich werde Sie im Auge behalten"

Anm. der Autorin: Natürlich kann ich euch ja nach diesem unheilvollen chrm chrm nicht so lange warten lassen … Wir alle wissen ja, das Umbridge selten bis gar nie was gutes im Schilde führt – und wer denkt schon, dass sie bei einem in den Augen des Ministeriums bestimmt viiieel zu jungen Lehrer eine Ausnahme macht? Richtig: Keiner!

Also: Freuen wir uns auf ein „klärendes" Gespräch mit der rosa Lady (nicht mit der Fetten Dame ) – und natürlich auf Katies erste Flugkampfstunde!

Wie immer bedanke ich mich bei Psaum für das Review rotwerd Alle anderen, die vielleicht schwarz lesen, könnten sich ja auch mal melden! Ich beiße nicht ;)

Als provisorischen Liedtext (leider hat dieses Lied keinen Text) muss einfach der Liedtitel herhalten, und der passt wie die Faust aufs Auge!

Viel Spaß!

Eure Calypso

I've got my eye on you

Pirates of the Caribbean – Dead Man's Chest

"Chrm chrm."

Dieses unausstehliche, zuckersüße und dermaßen falsche Räuspern hatte er doch schon einmal gehört …

Verwirrt wandte Wood sich um, konnte aber zu seiner rechten auf Augenhöhe niemanden entdecken. Erst als er den Blick tiefer richtete, erkannte er, dass Professor Umbridge neben ihm stand und ihn in einer Art und Weise mit ihrem breiten, krötenähnlichen Mund anlächelte, dass ihm schlecht wurde. Sie ging ihm gerade bis zur Schulter, und es wunderte ihn nicht, dass er sie beinahe übersehen hatte.

Dann fielen ihm jene Dinge ein, die Dumbledore und Harry über diese Frau erzählt hatten; und er beschloss, ihr keinen Anlass zum Misstrauen zu geben. Selbst jetzt, da sie so breit lächelnd vor ihm stand, strahlte sie etwas Gefährliches aus, etwas, das mit Sicherheit nicht zu unterschätzen war; und Oliver brachte ihr das entwaffnenste Lächeln entgegen, das er aufbieten konnte.

„Professor Umbridge, welch ein Zufall, Sie hier zu treffen! So früh schon auf den Beinen?"

Das, was er sagte, war kompletter Schwachsinn, und das wusste er auch. Diese Frau sah nicht so aus, als ob sie eine Langschläferin wäre, geschweige denn irgendetwas dem Zufall überließ.

Umbridge jedoch lächelte geschmeichelt (was er ihr tatsächlich in keinster Weise abkaufte, dafür wirkte es viel zu berechnend) und fixierte ihn erneut mit ihren kleinen, stechenden Augen.

„Ich danke der Nachfrage, Professor Wood. Es ist doch schön zu sehen, dass nicht alle jungen Zauberer heutzutage ihre Manieren vergessen haben, meinen Sie nicht?"

Die spezielle Betonung, die sie dabei auf das Wort ‚junge' richtete, entging ihm nicht. Daher wehte also der Wind.

„Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, Madam", erwiderte Wood noch immer lächelnd und der Gedanke, dass er sich bestimmt anhörte wie Percy Weasley, wenn er vor McGonagall gekatzbuckelt hatte, verstärkte innerlich sein Übelkeitsgefühl, besonders wenn er daran dachte, welche Stellung sein ehemaliger Schulkollege laut Fred und George gegenüber Harrys Erlebnissen nun bezogen hatte.

„Sie haben eine Freistunde?"

„Das ist richtig."

„Begleiten Sie mich ein Stück zum Lehrerzimmer, Professor", meinte Umbridge schließlich, und es klang nicht wie eine höfliche Aufforderung, sondern eher wie ein Befehl. Das Wort Professor sprach sie dabei aus, als ob er dieser Anrede nicht würdig wäre; kaschierte diese Bosheit jedoch mit einem zuckersüßen Lächeln.

Bereitwillig stimmte Wood zu und schlenderte wachsam neben der kleinen Frau dahin, die Mühe hatte, mit ihrem eher watschelnden Gang selbst seinen extra langsam gehaltenen Schritten zu folgen.

„Nun … wie ergeht es Ihnen an Ihrem ersten Tag in der Schule? Ich hoffe doch, Sie hatten noch keine Probleme?", fuhr Umbridge unschuldig lächelnd fort und der Unterton, der in ihrer Stimme mitschwang, machte Oliver hellhörig. Er hatte mit einem Mal das Gefühl, dass diese Frau mit allen Mitteln versuchen würde, ihn unauffällig auszuhorchen oder irgendetwas über seine Stellung zu den Ereignissen rund um Harry oder Voldemort zu erfahren. Tatsächlich würde er mehr auf der Hut sein müssen, als er dachte.

„Bis jetzt ist alles gut gelaufen", erwiderte er so freundlich er es eben konnte. „Die erste Stunde war ein voller Erfolg. Ich denke, den Schülern hat der Unterricht Spaß gemacht."

„So so", machte Umbridge, und das Lächeln in ihren Mundwinkeln hatte etwas strengere Züge angenommen. Offenbar hatte er genau das Falsche gesagt. „Nun, Mr. Wood; es kann natürlich sein, dass Sie nicht meiner Ansicht sind – ich meine, wer kann es Ihnen verübeln? Sie denken natürlich selbst noch ein wenig wie … die Schüler … - ", ihre Nase kräuselte sich in einem Anflug von Belustigung, „aber finden Sie nicht auch, dass Spaß am Unterricht, so wichtig er auch sein mag", sie ließ ein Lachen hören, als ob diese Aussage die dümmste wäre, die sie je geäußert hätte, „allgemein betrachtet das Lehrreiche entmachtet?"

Wood hob verblüfft eine Augenbraue und seine Schritte verlangsamten sich unfreiwillig, so dass Umbridge jetzt mühelos mit ihm mithalten konnte und ihn mit einem Ausdruck in den Augen, der dem einer Schlange glich, die auf ihre Beute lauert, bedachte.

„Nun, ich … ähm … ich finde, dass Spaß – richtig eingesetzt, natürlich – einen Großteil zum besseren Verständnis der Schüler beiträgt", antwortete er aufrichtig, und auch, wenn diese Antwort die Hexe vorerst zufriedenzustellen schien, so fühlte er sich, als würde er langsam, aber sicher in die Ecke eines Käfigs gedrängt.

„Natürlich", fuhr Umbridge fort und zupfte an ihrer Strickjacke. „Und die Mitglieder ihrer alten Mannschaft? Ihre Freunde? Wie sehen sie Ihren neuen Posten?"

Oliver erkannte dahinter eine geschickt gestellte Fangfrage zum Thema „Relation zu alten Freunden", erinnerte sich, wie Umbridge am Morgen zu ihm und Harry heruntergesehen hatte und dachte unwillkürlich an Katie. Sein Magen verkrampfte sich.

„Ich denke, sie können sich damit arrangieren, dass es nicht mehr wie früher ist", log er geschickt und die Hexe war es zufrieden, auch wenn ein verräterisches Blitzen in ihren Augen anderes vermuten ließ.

„Wie ist Ihr Tag bisher verlaufen, Professor?", erkundigte er sich schließlich höflich und versuchte, die Heiserkeit aus seiner Stimme zu verbannen. Er fühlte sich von Minute zu Minute unwohler.

„Hervorragend", war die lakonische Antwort. „Es dauerte zwar eine Weile, bis die Schüler endlich begriffen hatten, dass in meinem Unterricht keine Zauberstäbe und praktische Zauber gebraucht werden …"

„Keine Zauberstäbe?", unterbrach Oliver sie verwundert.

Umbridge sah ihn irritiert an und erwiderte, als wäre es das Selbstverständlichste überhaupt: „Natürlich keine Zauberstäbe! Das Ziel ist doch, den jungen Schülern die Grundlagen und die Basis des defensiven Zauberns beizubringen, welche in ihrem ZAG verlangt werden. Wozu noch Zauberstäbe verwenden, wo doch alles fein säuberlich in den Büchern steht?"

Sie ließ ein weiteres chrm chrm vernehmen und lächelte selbstgefällig. In diesem Moment verspürte der junge Schotte eine derartige Abneigung gegen diese Frau, dass seine Schultern sich unbewusst anspannten und seine Augen einen merklich kühleren Ausdruck angenommen hatten. Unverständnis und Wut kochten in ihm hoch, kein gutes Zeichen, wenn man seinen sonst eher ausgeglichenen Charakter bedachte.

„Ich denke, dass es in gefährlichen Zeiten wie diesen nicht sehr sinnvoll ist, den Schülern den Umgang mit Zauberstäben zur defensiven Magie zu unterschlagen; vor allem nicht, wenn der Dunkle Lord nur auf eine passende Gelegenheit wartet, um sich zurückzuholen, was ihm genommen wurde", konterte er und hätte sich im nächsten Moment dafür ohrfeigen können. Zum Teufel mit seinem Temperament! Genau das, was er unbedingt hatte vermeiden wollen, war eingetreten. Mit dieser Aussage war er direkt in die gestellte Falle getappt und Umbridge brauchte nichts weiter zu tun, als die Schlinge zuzuziehen.

Die Professorin lächelte, doch es lag etwas Falsches und Berechnendes darin. Ihre Stimme war deutlich eisiger geworden, als sie weitersprach und hatte das Zuckersüße längst verloren.

„So, wie sie antworten, könnte ich doch fast auf die Idee kommen, Sie würden dem jungen Mr. Potter und seinen aberwitzigen Erzählungen Glauben schenken", stellte sie fest und es klang wie eine Frage. Eine Frage, aus der es kein ehrliches Entkommen zu geben schien.

Mittlerweile waren sie vor dem Lehrerzimmer angelangt, doch Umbridge machte keine Anstalten, hineinzugehen. Erwartungsvoll blickte sie zu Wood hoch, der ihr mit kühlem, ausdruckslosem Blick begegnete. Was sollte er jetzt bloß sagen?

„Ich …"

„Sie wissen doch genauso gut wie ich, dass all die Geschichten über die", sie erlaubte sich erneut ein spöttisches Lachen, „vermeintliche Rückkehr des Zauberers, dessen Name nicht genannt werden darf, nichts weiter als das dumme Gerede eines psychisch ziemlich mitgenommenen Jungen sind?"

Diese Frau hätte niemals die Mauern dieses Schlosses betreten dürfen …

Für Oliver erhielt Dolores Umbridge in diesem Moment eine völlig neue Definition, die sich in seine Gedanken einbrannte.

Böse.

Ohne Zweifel, diese Frau war böse. Nicht böse in der Art, wie Voldemort und seine Todesser es waren, doch auf andere Weise. Auf eine Weise, die ihm nicht geheuer war, und er fröstelte.

Jetzt wusste sie, warum Fudge sie so hoch schätzte, dass er sie als Lehrkraft – nein, als Aufpasserin – schickte. Sie teilte praktisch jede seiner Ansichten.

„Ich … nun ich finde …", begann er zögernd und versuchte tapfer, ihrem Blick standzuhalten, doch die stechenden Augen schienen tief in seine Seele zu sehen.

„Ja?"

„Ich finde …"

Wood hätte zweifellos noch weitere Dinge gesagt, die ihn in noch mehr Schwierigkeiten bei Umbridge gebracht hätten, wäre nicht wie auf Merlins Geheiß Professor McGonagall aus dem Lehrerzimmer getreten und hätte die Unterhaltung gestört.

Diese Frau spürte wirklich, wenn es irgendwo Probleme gab. Dies hatte sich nicht geändert.

„Guten Morgen, Professor", begrüßte sie Umbridge mit einem kühlen Lächeln und nickte Oliver mit einem etwas wärmeren Ausdruck in den Augen zu. „Ich hoffe, ich störe nicht bei Ihrer kleinen Unterhaltung, Dolores, doch ich fürchte, ich benötige Ihre Meinung bei einem Inhalt meines Lehrplanes. Wenn Sie so nett wären …"

Das, was McGonagall da von sich gab, war gelogen, dass wusste Wood. Sie würde Umbridge niemals bitten, bei irgendetwas ihre Meinung hinzuzugeben; doch offenbar hatte die stellvertretende Schulleiterin tatsächlich gespürt, dass er mehr oder weniger keinen Ausweg mehr gehabt hatte.

„Nun, ich wollte ohnehin in die Bibliothek", meinte er rasch, nickte den beiden Professorinnen noch ein letztes Mal zu, wünschte ihnen einen schönen Tag und wandte sich eilig um, während McGonagall Umbridge, die etwas von sich gab, dass sich wie „Ich werde Sie im Auge behalten" anhörte, ins Lehrerzimmer bugsierte. Als die Hauslehrerin Gryffindors sich noch ein letztes Mal umwandte, formte er mit den Lippen ein lautloses Dankeschön, das die Professorin mit einem Gesichtsausdruck erwiderte, der wohl sagen sollte Ja ja, schon gut. Jetzt gehen Sie endlich

Froh, dieser heiklen Situation entkommen zu sein, spazierte Wood weiter in Richtung Bibliothek, stieg gewohnheitsbedingt hinter dem ziemlich ramponierten Portrait einer grauhaarigen, mürrischen Hexe in einen Geheimgang ein und verließ diesen kurzerhand durch einen Vorhang direkt gegenüber der Bibliothek wieder.

Froh, dass alle Schüler im Unterricht waren und ihn niemand verstohlen beobachtete, betrat er das stille Reich von Madam Pince, der alten und etwas kauzigen Bibliothekarin.

Nur wenige Schüler saßen vereinzelt auf den kleinen Tischen mit den grünlich leuchtenden Leselampen und studierten dicke Wälzer, während sie dann und wann etwas in ihr Heft kritzelten. Wood dachte lächelnd an seine eigene Schulzeit zurück und daran, wie oft auch er hier gesessen und über den oft dicksten Büchern in der ganzen Bibliothek gebrütet hatte, um irgendwelche Aufsätze fertigzustellen.

So tief in Gedanken versunken merkte er nicht, dass er – sich schon im hinteren Teil der Bücherei befindend – schon wieder mit jemandem zusammengestoßen wäre – wenn dieser jemand ihm nicht ausgewichen wäre.

„Hey, Käpt'n! Augen auf", neckte Angelina Johnson grinsend ihren Freund und Professor und piekste ihn in die Seite, wie in alten Zeiten.

„'Tschuldige" murmelte dieser und ärgerte sich wiederum über seine heute ziemlich offensichtliche Unaufmerksamkeit außerhalb des Unterrichts. Irgendetwas schien sein Gleichgewicht ziemlich zu stören und er hatte das Gefühl, dass es ein paar ruhigen Stunden nach dem ersten Tag benötigte, um dieses Gleichgewicht wiederherzustellen.

„Na, alles klar bei dir?" Angelina ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen, sondern zog ihn lächelnd hinter ein Bücherregal und drückte ihn auf einen Stuhl, und erst, als sie sich ihm gegenüber niedergelassen und herumgespäht hatte, ob auch niemand sie beobachtete, rückte sie mit der Nachricht heraus, die sie offenbar so glücklich machte.

„Hör mal, ich bin zum neuen Kapitän … naja, zur Kapitänin ernannt worden!", strahlte sie und Wood erinnerte sich vage an das Gespräch, dass das Team noch im Zug um die Ernennung eines neuen Kapitäns geführt hatte und das Mädchen mit den langen, schwarzen geflochtenen Haaren ihrer Meinung nach die besten Chancen besaß.

„Das ist toll, Angelina", gratulierte er ihr und erwiderte ihr Lächeln, doch so richtig wollte es ihm nicht gelingen. Noch immer ließ ihm die Begegnung mit Umbridge keine Ruhe, sorgte dafür, dass seine Gedanken rastlos waren.

„Ja, du hast Recht. Toll. Aber weißt du", begann die Jägerin zögernd, bemerkte offensichtlich seine Unruhe nicht und malte mit dem Finger gedankenverloren Kreise auf die Holztischplatte, „ich bin mir nicht ganz sicher, wie ich die Sache angehen soll. Ich meine – da warst du, und du hast deine Sache wirklich toll gemacht, obwohl wir es dir oft nicht gezeigt haben. Im Nachhinein hab ich das Gefühl, dass wir vielmehr hätten würdigen sollen, was du für uns getan hast – wenn man von den Strafliegestützen absieht."

Sie grinste und sah ihm in die Augen. „Deine Fußstapfen kommen mir einfach so riesig vor …"

Dies war nun schon das zweite Mal, dass sein Team – oder ein Mitglied davon – offen über Erfahrungen in der Zeit seines Kapitänsamtes gesprochen und ihn dafür gelobt hatten oder hatte; und wie auch schon im Zug wurde es ihm – so abgedroschen es auch klingen mochte – warm ums Herz.

Je länger er bei Puddlemere gespielt hatte, desto mehr war ihm bewusst geworden, dass manche seiner Taten und Handlungen als Kapitän und Trainer nicht fair und vertretbar gewesen waren; und manchmal hatte es ihm einen Stich im Herzen versetzt, dass er sich nie dafür entschuldigt hatte. Doch nun, da er sich weiterentwickelt und die ‚Hörner abgestoßen' hatte, fühlte er, dass er es schaffen würde, über seinen Schatten zu springen.

„So riesig sind sie gar nicht, Angelina", meinte er schließlich und erwiderte ihren Blick. „Ich habe viel getan, was nicht richtig und gut war; was für meinen Traum vielleicht einen Fortschritt, aber für euch Qual bedeutete. Und immer war ich zu feige, mich zu entschuldigen …"

Sein Blick verhärtete sich etwas, und die Jägerin verstand seine stumme Entschuldigung. Wortlos lächelte sie ihm zu und nickte.

„Ist schon gut, Käpt'n. Wir leben ja alle noch." Sie lachte leise, sah sich verstohlen nach Madam Pince um und fuhr dann fort. „Trotzdem, Oliver … es sind einfach so viele Dinge, die man beachten und erledigen muss … wo zum Beispiel bekomme ich so einen Wahnsinnshüter wie dich her? Unmöglich, sag ich dir", seufzte sie und ließ ihren Blick durch die Bibliothek schweifen. „Wer weiß, wer alles am Freitag zu den Auswahlspielen kommt …"

Etwas frustriert stützte sie den Kopf auf die Handfläche und atmete lange und geräuschvoll aus.

„Da mach dir mal keine Sorgen", versuchte Wood sie aufzumuntern und stupste sie behutsam an. „Weißt du noch, als wir keinen Sucher mehr hatten? Ich glaubte auch, ich würde nie mehr den richtigen finden – aber dann kam Harry! Vielleicht weht dir das Schicksal am Freitag ja auch so einen Glücksfang aufs Feld."

Er zwinkerte, was sie zum Lachen brachte. „Na siehst du. Hör auf, Trübsal zu blasen. Du wirst sehen, dass sich alles so wendet, so wie du und das Team es braucht. Und wenn du willst, sehe ich mir die Spiele am Freitag an und helf dir bei der Entscheidung. Natürlich nur, wenn das für dich in Ordnung geht."

„Das würdest du tun?" Angelina war begeistert. „Toll von dir. Du hast immerhin am meisten Ahnung davon." Sie lächelte schelmisch. „Wir müssen uns nur eine gute Ausrede für die olle Umbridge einfallen lassen, so wie die drauf ist … und McGonagall soll ja auch nicht recht begeistert über ‚Freundschaft während des Unterrichts' sein … kuck nicht so, Fred hat mir alles erzählt", klärte sie den völlig verdutzten Oliver auf und verdrehte die Augen.

„Also wirklich, das kann sie doch nicht machen!", fuhr sie schließlich mit gedämpfter Stimme fort und beugte sich zu Oliver heran. „Die weiß doch, wie wir alle zueinander stehen! Da kann sie uns doch nicht zwingen, dich mit Professor anzusprechen – zumindest nicht außerhalb der Stunden. Innerhalb versteh ich's ja, wegen der anderen und so."

Wood nickte ernst, zum Zeichen, dass er genauso dachte. Vielleicht – aber nur vielleicht, würde er mit McGonagall reden, und das sagte er Angelina auch, die daraufhin skeptisch reagierte.

„Ich weiß nicht so recht … lass das ganze Mal ruhen", riet sie ihm. „Ist ja nicht so schlimm … Fred hat ja gesagt, dass sie nicht wissen kann, wann und wo wir uns treffen – so wie jetzt gerade. Und Umbridge kann ihre ekligen Augen auch nicht überall haben."

Sie plauderten noch eine Weile über verschiedene Dinge, bis beide mit einem kurzen Blick auf die Uhren erkannten, dass die nächste Stunde bereits in zehn Minuten begann. Lachend und mit einer kurzen Umarmung hinter dem Bücherregal verabschiedeten sich der ehemalige Mannschaftskapitän und seine Nachfolgerin voneinander und Angelina brauste los, um nicht zur Zauberkunststunde zu spät zu kommen.

Wood derweil schlenderte gemächlich zurück auf das Quidditchfeld, wo nach einigen Minuten des Wartens pünktlich zum Läuten der nächste Schwung Erstklässler eintraf. Dieses Mal waren es Slytherins und Hufflepuffs, die nicht minder aufgeregt zu ihm hochsahen und seinen Besen, den er mittlerweile wieder vergrößert hatte, bestaunten. Die Slytherins allerdings, und das merkte er deutlich, ließen bei allem Staunen doch eine gewisse Abneigung verspüren, mit der er sehr wohl gerechnet hatte. Sie ließen sich auch länger als die Hufflepuffs bitten, seinen Aufforderungen folge zu leisten.

So verging die Stunde ähnlich wie seine erste, wobei er feststellte, dass sich die Gryffindors und Ravenclaws um einiges geschickter angestellt hatten, was den ersten Flug anbelangte. Viele der Hufflepuffs hatten es erst nach ein paar Versuchen geschafft, den Besen in ihre Hand zu bekommen und die Slytherins hatten teilweise mehr durch spöttische und blöde Sprüche geglänzt als durch gute Leistungen – und doch war Wood zufrieden, als es wieder läutete und er mit den Schülern hoch zum Schloss ging, um seinen hungrigen Magen mit dem guten Mittagessen zu füllen.

Als er die bereits gut besuchte Große Halle betrat, fiel sein Blick sofort auf Dumbledore, der auf dem Hohen Tisch bereits sein Mahl zu sich nahm, ihn plötzlich bemerkte und strahlend zu sich winkte.

„Schön, Sie zu sehen, Oliver", begrüßte er den jungen Schotten und bot ihm den Platz zu seiner Rechten an, der eigentlich Professor McGonagall gehörte. Sein Zögern musste Oliver verraten haben, denn der Schulleiter zwinkerte und meinte: „Keine Sorge, Minerva wird heute nicht zum Essen erscheinen. Haben Sie keine Hemmungen!"

Er schmunzelte und Wood ließ sich lächelnd neben dem Älteren nieder.

„Wie ist es heute gelaufen?", wollte Dumbledore schließlich mit blitzenden Augen wissen und tat sich bereits das Dessert auf den Teller.

„Gut, Professor", antwortete ihm der junge Schotte und erzählte von seinen Stunden mit den Erstklässlern, berichtete von ihren Fortschritten und davon, dass die Slytherins – wie üblich – Ärger machten.

Der Schulleiter lachte trocken und spießte ein Stück Pudding auf seine Gabel. „Natürlich, wie sollte es sonst sein … Merlin sei Dank besitze ich die Gewissheit, dass Sticheleien dieser Seite Ihnen nichts ausmachen, nicht wahr Oliver?"

„Nein, Professor. Sie können beruhigt sein, damit werd ich schon fertig."

Beide lachten und Wood ließ den Blick über das reiche Angebot an Mittagessen schweifen. Seine Begegnung mit Angelina und das darauffolgende Gespräch hatte er sicherheitshalber nicht erwähnt; jedoch er bemerkte nicht, dass Dumbledore ihm einen wissenden Blick zuwarf und sich dann wieder seinem Pudding zuwandte.

Mit knurrendem Magen tat er sich etwas von dem guten Braten auf und war so beschäftigt mit der Entscheidung, ob er nun Kartoffeln oder Reis dazu nehmen sollte, dass er nicht bemerkte, wie Cassandra Theano ebenfalls die Halle betrat und sich gut gelaunt neben Dumbledore niederließ, der auch ihr den Platz direkt zu seiner Linken anbot.

„Guten Tag, Direktor."

„Miss Theano, schön Sie zu sehen! Wie war Ihr Tag bisher?"

„Zweifelsohne erfolgreich", antwortete sie wahrheitsgemäß und tat sich Reis auf. „Die Schüler sind sehr talentiert, bei manchen ist es sehr schwer, in ihre Gedanken einzudringen."

„Das macht der englische Sturkopf. Der ist ziemlich schwer zu handhaben", entfuhr es Wood mit einem Lächeln, bevor er sich ein Stück Braten in den Mund schob. Cassandra hob amüsiert eine Augenbraue und beugte sich nach vor, um ihn besser sehen zu können.

„Was Sie nicht sagen, Mr. Wood", erwiderte sie grinsend. „Sprechen Sie aus Erfahrung?"

Dumbledore schmunzelte und verzehrte den Rest seines Puddings, ließ sich nur leicht anmerken, dass diese Unterhaltung ihn amüsierte; denn er glaubte genau zu wissen, was der junge Wood als nächstes sagen würde.

„Es tut mir Leid, Sie enttäuschen zu müssen, Miss. Mein Sturkopf ist zu hundert Prozent schottisch."

Der Schulleiter tupfte sich den Mund mit einer Serviette ab und lachte in seinen Bart. Seine Vermutung hatte sich gerade bestätigt.

Auch Cassandra lachte. „Ach, so ist das! Nun, dann tut es mir Leid, Sie in die falsche Schublade gesteckt zu haben."

Vergnügt wandte sie sich wieder ihrem Essen zu, und auch Oliver verspeiste nach einem belustigten „Keine Ursache!" sein Mahl.

Es traf sich, dass beide gleichzeitig fertig wurden und sich vom Tisch erhoben, doch da ein Blick auf die Armbanduhr zeigte, dass sie noch mehr als eine halbe Stunde bis zum Beginn des nächsten Unterrichts hatten, standen sie erst etwas unschlüssig herum. Olivers Herz klopfte laut bei dem Gedanken, wen er in seiner ersten Flugkampfstunde unterrichten würde und dachte an den Vorfall am Morgen zurück. Wie würde sich die Situation entwickeln?

Ein leichtes Tippen auf seine Schulter holte ihn aus seinen Gedanken und er sah verwundert auf Cassandra hinunter (die doch ein schönes Stück kleiner war als er).

„Was halten Sie von einem Spaziergang?", meinte sie und sah ihn mit einem Blick an, der sehr vielseitig zu deuten war. Oliver entschied sich für die harmlose Variante und nickte lächelnd. „Sehr viel."

„Gut", erwiderte die junge Griechin und gemeinsam verließen sie die Große Halle in Richtung des Schlossportals.

„Wissen Sie", meinte Wood schließlich, als sie das Portal durchquert und einen der vielen verschlungenen Wege über die Ländereien eingeschlagen hatte, „ich denke, dass sich das Per-Sie für Menschen unseres Alters viel zu hochtrabend anhört."

Er grinste und sah sie an, dann hielt er ihr seine Hand hin. „Ich bin Oliver."

Sie erwiderte sein Lächeln und packte selbstbewusst seine Hand. „Sie – du hast Recht. Ich bin Cassandra."

Beide schüttelten sich die Hände, und aus der vorsichtigen Annäherung entstand ein munter vor sich hin laufendes Gespräch, das sich um viele Bereiche des Lebens, auch um ihre Unterrichtsfächer drehte. So erfuhr er, dass die junge Frau ebenfalls erst vor zwei Jahren die Zaubererakademie in Griechenland beendet hatte und seitdem viel herumgereist war

„Professor Dumbledore hat mir erzählt, dass dein Abschluss hier erst gut zwei Jahre zurückliegt", sagte Cassandra schließlich und sah ihn von der Seite her an. „Und dass du Kapitän der Hausmannschaft warst. Stimmt das?"

„Ja", bestätigte er und dachte wehmütig an die alten Zeiten zurück, in denen alles noch viel einfacher gewesen zu sein schien. „Ich war Hüter …"

„HA!", entfuhr es Cassandra plötzlich und sie grinste triumphierend. „Jetzt weiß ich, woher ich dich kenne!" In ihre Worte schlich sich vor lauter Aufregung wieder ein leichter Akzent, der das ganze noch lustiger gestaltete. „Du bist der Hüter von Puddlemere United, ihr habt letztes Jahr das Finalspiel gegen die Falcons gewonnen! Ich hab das Spiel gesehen, als ich in London auf Durchreise war!"

Einen Moment lang war es still, man hörte nur das Zwitschern der Vögel hoch oben in den Bäumen und das leichte Sausen des Windes, der über die Lande wehte, dann brach Wood in amüsiertes Lachen aus.

„Und das hast du erst jetzt mitbekommen?"

Cassandra schnappte empört nach Luft und boxte ihn in die Seite, als er weiterhin über ihre Worte lachte.

„Lach nicht über mich, Oliver Calum Wood!"

Das Lachen erstarb ihm auf den Lippen, als er sich plötzlich beim vollen Vornamen angesprochen hörte und ruckartig wandte er sich zu ihr um, das Erstaunen stand ihm ins Gesicht geschrieben.

„Woher weißt du …?"

Ein überlegenes Grinsen teilte Cassandras schöne, volle Lippen. „Du vergisst, wer ich bin und was ich unterrichte, du schottischer Sturkopf."

Wieder legte sich ein Moment des Schweigens über sie, bevor sie beide losprusteten.

„Das ist Einbruch in die Privatsphäre eines Stars", lachte Wood und fuhr sich durchs Haar. „Lass das gefälligst!"

Die Griechin kicherte und zwinkerte. „Du bist leicht in die Irre zu führen. Glaubst du, ich mische mich wirklich in deine Gedanken ein?" Sie versetzte ihm einen Klaps auf die Schulter, als er sie wiederum erstaunt ansah. „Nein, du Dummkopf, das würdest du doch spüren. Ich habs auf deinen Papieren gesehen. Sie lagen in Dumbledores Büro als ich bei ihm war, um weitere Details für meine Stelle zu besprechen."

„Welch mieser Trick", wandte Oliver ein und erntete dafür noch mehr Gelächter.

„Und größenwahnsinnig bist du dazu, du Star!"

„Pah! Du hast keine Ahnung …"

Er seufzte und streckte seine Arme weit von sich. Gedanklich ging er noch jene Dinge durch, die er im Unterricht durchnehmen wollte; doch seine Gedanken schweiften zu Cassandra ab, die lächelnd neben ihm einherging und die Landschaft betrachtete. In ihrer Nähe, so stellte er fest, fühlte er sich wohl; sie besaßen denselben schlagfertigen Humor und verstanden sich sehr gut. Wenn er schon nicht gewünschten Kontakt zu seinen alten Freunden halten konnte, so schadete es nicht, neue Freundschaften aufzubauen; so dachte er.

Die verstohlenen Blicke allerdings, die Cassandra ihm interessiert zuwarf, als er nicht hinsah, bemerkte er nicht.

Ihr Gesichtsausdruck blieb den Rest des Spazierganges schelmisch und doch leicht abwesend, und als sie zurück zum Portal kamen, verabschiedeten sie sich, da Wood gleich hinunter zum Feld gehen würde, um seine erste Flugkampfstunde abzuhalten.

Die Ablenkung, die er durch den erfrischend aufheiternden Spaziergang mit Cassandra erfahren hatte, ließ langsam nach und zurück blieb nur ein bleischweres Gefühl im Magen, das sich unaufhaltbar bis zu seinem Herzen auszubreiten schien. Er erinnerte sich wieder an den Morgen und Katies erschrockener und zugleich kummervoller Gesichtsausdruck ließ sich nicht aus seinem Kopf verbannen.

Langsam fühlte er Nervosität in sich aufsteigen, als er das Stadion betrat und just in dem Moment der Wind die Schulglocken herüberwehte. Mit heiserer Stimme zauberte er seinen Feuerblitz auf Originalgröße und versuchte sich angestrengt, auf den Unterrichtsinhalt zu konzentrieren, doch so ganz wollte es ihm nicht gelingen.

Immer wieder schweiften seine Gedanken zu Katie ab; eine Tatsache, die ihn erneut verwirrte. Wieso beschäftigte es ihn dermaßen, was Katie einst für ihn gefühlt hatte – oder was sie jetzt noch fühlte, wo er doch damals davor ‚davongelaufen' war? Aus Angst vor Verantwortung, wie Angelina später geglaubt hatte? Wieso machte er sich jetzt darüber so viele Gedanken? Er spürte etwas in seiner Brust aufkeimen – ein Gefühl, dass er nicht zu deuten wusste – und lange nicht mehr gespürt hatte. All die Worte jedoch, die Katie ihm heute Morgen ins Gesicht gesagt hatte, ließen dieses Gefühl schrumpfen und unmerklich werden.

Gott, verstehe einer die Frauen … Gott, verstehe einer meine Gedanken …

Von fern erkannten seine scharfen Augen schließlich, wie ein Pulk Schüler den Weg vom Schloss zum Feld herunter einschlug und – die Besen geschultert – immer näher kam.

Er erkannte sie schon von weitem. Ihre langen, blonden Haare schimmerten im blassen Sonnenlicht, und als sie das Stadion betrat, glaubte er, die grünen Augen in ihrem hübschen Gesicht aufblitzen zu sehen. Sie sah gedankenverloren und niedergeschlagen aus und wagte es anscheinend nicht, ihn anzusehen.

Der Rest der Gruppe, darunter auch Leanne Wright, Katies beste Freundin und Komplizin, wenn es darum ging, Quidditchkapitäne in frühen Morgenstunden aus dem Mädchenschlafsaal zu verjagen, begrüßte ihn gut gelaunt, fast schon wie einen alten Freund, denn sie alle kannten ihn aus seiner Schulzeit und er kannte sie.

„Nun gut", rief er schließlich und klatschte in die Hände. Mit Schülern umzugehen, die nur um weniges jünger waren als er selbst, war doch viel einfacher, fand er, als es mit Erstklässlern war. „Ihr wisst alle, warum ihr hier seid …"

Zustimmendes Gemurmel wurde laut unter den Gryffindors, hie und da konnte er einige unfreundliche Worte über Umbridge und das Ministerium heraushören, was ihm ein Grinsen entlockte.

„… und deshalb werden wir auch keine Zeit verschwenden, denn die ist kostbar dieser Tage. Accio Puppen!"

Er richtete den Zauberstab hinüber zu den Kabinen und nach wenigen Sekunden schon ruckelte die Tür, die die Puppen hinter sich barg, schlug auf und entließ die Übungsgegenstände, die auf die Gruppe zuflogen und sich fein säuberlich in einer Reihe vor ihnen aufstellten, immer noch in der Schwebe. Es waren ihrer 10; sie trugen lange, schwarze Mäntel, die Gesichter waren von großen Kapuzen in Schatten gelegt und sie machten einen gruseligen Eindruck. Eine jede hielt in der knochigen, rechten Hand einen Zauberstab.

„Diese Puppen hier", rief er mit lauter Stimme, so dass jeder ihn hören konnte und deutete auf sie, während er auf und abging, „werden in den Stunden unsere ganz besonderen Freunde sein."

Einige Schüler lachten, hörten jedoch sofort wieder auf, als Oliver ihnen einen strafenden Blick zuwarf. Er beschloss, die Funktion der Puppen zu demonstrieren, auch wenn er sie selbst noch nie getestet hatte. Mehr als schiefgehen konnte es ja kaum.

Mutig schwang er sich auf seinen Feuerblitz (der wie bei den Erstklässlern staunende Blicke unter den männlichen Sechstklässlern auslöste) und befreite eine der Puppen mit einem Schlenker seines Zauberstabs von ihrem fesselnden Zauber, dann stieß er sich blitzschnell vom Boden ab und schoss in die Höhe. Die Puppe tat es ihm gleich und verschwand nach einigen Metern so schnell ins Nichts, dass einige Mädchen aufschrien.

Katie Bell jedoch verschränkte die Arme vor der Brust, begann, nervös auf ihrer Unterlippe zu kauen, kniff die Augen zusammen und sah Oliver nach, der immer weiter nach oben schoss. Dabei ignorierte sie gekonnt Leannes wissenden Blick. In diesem Moment bereute sie es ein klein wenig, ihrer besten Freundin immer all ihre Sorgen zu berichten, auch wenn Leanne sich als eine sehr gute und zuverlässige Ratgeberin erwies.

So richtete sie ihre Aufmerksamkeit gen Himmel und beobachtete jede Bewegung, die Wood tat.

Der junge Schotte hatte mittlerweile seinen Besen viele Meter über den Stadion in die Waagrechte gezogen und ließ seinen scharfen Blick gründlich umherwandern, um auch ja nicht unvorbereitet angegriffen zu werden; den Zauberstab hielt er bereit in der rechten Hand. Insgeheim hoffte er, die Puppe würde direkt vor ihm auftauchen und einen geradlinigen Fluch auf ihn abfeuern, dann würde er am lebenden Beispiel zeigen können, was er gedachte, den Gryffindors heute beizubringen.

Und tatsächlich; gerade, als er den Blick wieder nach vor richtete, tauchte vor ihm die Puppe auf, groß und furchterregend. Aufgeregte Rufe drangen vom Boden zu ihm hoch, doch er nahm sie nur wie aus weiter Ferne war.

Sein Blickfeld verengte sich, er erkannte, wie die Puppe ihre knochige Hand hob und aus der Spitze des Zauberstabs ein grüner Strahl hervorschoss - direkt auf ihn zu.

Tu was du auch als Hüter getan hast … nur anders rum

Es war ganz simpel … das, was ihm beim Fangen der Quaffel geholfen hatte, würde auch jetzt funktionieren – nur umgekehrt. Das eingeschränkte Sichtfeld half ihm, die genaue Flugbahn des Fluches auszumachen; ein Detail, das sehr wichtig für sein Vorhaben war.

Die Hände fest um den Besenstiel geklammert ließ Wood sich nach rechts fallen (was an die Faultierrolle erinnerte), mit so viel Schwung, dass er es gleichzeitig schaffte, dem Todesfluch der Puppe zu entgehen und einen eigenen Zauber abzufeuern, als er beinahe wieder gerade auf dem Besen saß.

Stupor!"

Der rote Strahl aus seinem Zauberstab traf die Puppe genau dort, wo Menschen das Herz trugen; sie stieß einen kleinen Schrei aus und wurde wieder unsichtbar; bevor sie unverletzt und angriffslustig wieder links von ihm auftauchte und drohend die Hand erhob.

Finite Incantatem!"

Es war, als würden sich unsichtbare Fesseln um die Puppe legen, der Arm schnellte zurück an den Körper und sie sank in leichtem Sinkflug zurück zu den anderen, wo sie reglos ein paar Handbreit über dem Boden schwebte.

Auch Wood neigte seinen Oberkörper leicht nach vor und begab sich zurück auf den Boden, wo ihn anerkennende Blicke empfingen.

„Seht ihr?", meinte Oliver etwas außer Atem, als er vom Besen stieg und in die Runde sah. „Wenn der Gegner euch frontal angreift, ist dies eine praktische, kleine Finte, mit der ihr einerseits euren Hals rettet und andererseits euren Gegner – zumindest für einige Zeit – unschädlich macht. Alles, was ihr dafür braucht, ist keine Angst vorm Fliegen und eine gewisse Wendigkeit auf dem Besen, die einige von euch schon beherrschen", seine Augen blitzten zu Katie hinüber, die schnell erschrocken wegsah, „und die anderen hier noch lernen werden."

Die nächste Viertelstunde verbrachte er damit, den Schülern, die mittlerweile alle auf ihrem Besen saßen, den richtigen Griff zu erklären, um auch ja nicht vom Besen zu fallen und ließ sie im „Trockentraining" versuchen, wie viel Schwung sie benötigten, um eine ganze Drehung um den Stiel zu schaffen. Zu seiner Erleichterung fiel dabei keiner herunter und ihm fiel auf, dass Katie eine der ersten war, die schnell ihr Gleichgewicht herausgefunden hatte.

Sie schenkte ihm noch immer nicht mehr Aufmerksamkeit, als nötig war; doch er war so beschäftigt damit, manchen den richtigen Griff zu erklären, dass er sich nicht darauf konzentrieren konnte. Sehr wohl aber registrierte er es, und auf seltsame Art und weise stimmte es ihn traurig.

„Du bist unmöglich", zischte Leanne augenverdrehend und beugte sich zu Katie hinüber, als der Professor ein Stück weit entfernt war und einem ihrer Klassenkameraden, der in der Hälfte der Drehung stecken geblieben war, um den Besen half. „Wie ein Kind benimmst du dich! Kuck doch, wie er dich die ganze Zeit ansieht! Und du glaubst, er will kein Wort mehr mit dir reden, nur weil du heute Morgen ein wenig Panik gekriegt hast."

„Ein wenig? Leanne, ich hab vollkommen durchgedreht", murmelte Katie bestürzt, während ihre Augen dem gutaussehenden jungen Mann folgten, der langsam die Reihe entlangging und sich von jedem noch einmal die Drehung vorführen ließ. „Du hast seinen Blick nicht gesehen – er sah komplett perplex aus. Ich hab aus einem Wichtel einen Hippogreif gemacht und ihn Ende nie verwirrt! Alle meinen Chancen sind dahin …"

Traurig ließ sie den Kopf sinken und starrte beklommen auf ihre Fingerspitzen. Leanne, die genau um die Gefühle ihrer besten Freundin Bescheid wusste, legte ihr aufmunternd eine Hand auf die Schulter und meinte: „Komm schon, Kates. Lass den Kopf nicht hängen. Ich könnte schwören, dass alles nicht so schlimm ist, wie du denkst."

„Ich weiß nicht …"

Ihr flüsterndes Gespräch wurde rapide unterbrochen, als plötzlich Katies Name fiel. Die Jägerin blickte verwirrt auf und sah direkt in Oliver Woods tiefgründige, dunkle Augen, die sie freundlich anblickten. Die Aufmerksamkeit der ganzen Klasse lag auf den beiden und Katie schluckte, fühlte, wie ihr Herz rasend schnell zu klopfen begann.

„W-wie bitte?"

Einige Jungs brachen in verstohlenes Kichern aus, was ihr die Röte ins Gesicht trieb und es ihr noch schwerer machte, diesem Blick tapfer zu widerstehen. Diesem Blick, in dem man ertrinken konnte. Oh Merlin.

Ein schwaches Lächeln huschte über Olivers Lippen und er wiederholte seine Frage; froh, dass er seine bebenden Hände vor der Brust verschränken konnte. Dies war der Moment, der schon den ganzen Tag in seinem Kopf herumgeschwirrt war; und er löste wieder jenes seltsame Gefühl in ihm aus, das auch der Vorfall am Morgen in ihm ausgelöst hatte.

Reiß dich zusammen … so kann das nicht weitergehen, wies er sich selbst zurecht und holte sich in die Gegenwart zurück.

„Ich fragte mich, ob du der Klasse vielleicht sagen könntest, worauf man bei der Drehung besonders achten sollte?"

Vollkommen verdutzt brauchte Katie eine ganze Weile, bis die Frage endlich zu ihr durchgedrungen war; zu erschrocken war sie über diesen verbalen „Frontalangriff" gewesen. Dann vertrieb ein selbstbewusstes Funkeln die Emotionen in ihrem Blick. Was fiel ihm eigentlich ein, sie vor der ganzen Klasse so bloßzustellen?

Gerade noch rechtzeitig wurde sie sich dessen bewusst, dass sie sich nicht mehr so spielerisch gegen ihn auflehnen konnte wie früher, und ein kleines Räuspern nahm ihrem Ärger ein wenig den Wind aus den Segeln.

„Ich … ähm … ich denke … man sollte die Finger nicht zu fest um den Stiel klammern. Sie sollten guten Halt gewährleisten, doch die Drehfähigkeit in den Handgelenken darf nicht zu sperrig sein. Sonst bleibt man auf halber Strecke irgendwo hängen."

Die Klasse nahm diese Information interessiert auf und übte sofort den neuen Griff selbst, Wood aber sah ihr nochmals in die Augen, und wandte sich mit einem „Sehr gut, Bell" lächelnd wieder von ihr ab.

„Na siehst du", kam es flüsternd von Leanne. „Ist doch gar nicht schlecht gelaufen."

Katie jedoch schwieg verdrossen und starrte Oliver hinterher, der nun begann, die Schüler zu Paaren zusammenzustellen, damit sie jeweils zu zweien gegen zwei der Puppen antreten konnten. Der Tag war für sie heute gelaufen, und auch, dass sie erfolgreich einen Schockzauber gegen eines dieser Ungetümer abgefeuert hatte, besserte ihre Laune nicht, als sie nach der Stunde zusammen mit dem sich aufgeregt und begeistert über die Stunde unterhaltenden Rest der Klasse auf den Weg hoch zur Schule ging.

Oliver war auf dem Feld geblieben und hatte – beflügelt von dem Erfolg, den die erste Stunde in seinem eigentlichen Fach gebracht hatte – der Klasse hinterher gesehen. Mit einem Schlenker seines Zauberstabes verbannte er die Puppen zurück in ihre Kabine und machte sich schließlich selbst auf den Weg hoch ins Schloss. Nach diesem Tag freute er sich schon auf eine heiße Dusche und einen entspannten Abend, der ihm hoffentlich viel Zeit zum Nachdenken und einige Lösungen für sein nicht vorhandenes seelisches Gleichgewicht bescheren würde.

„Hast du gesehen, wie ich diesem Ding einen Schockzauber in den Schädel gejagt hab?"

„Ja, cool Alter …"

„Ich hätte nie gedacht, dass man aus normalem Fliegen so viel machen kann …"

„… stimmt, Wood hat's echt drauf …"

Mürrisch lauschte Katie den begeisterten „Nachbesprechungen" der Flugkampfstunde und musste zugeben, dass auch sie das, was Oliver ihnen beigebracht hatte, für eine gute Taktik befand. Erstaunt hatte sie seine ruhige, ausgeglichene Art, zu unterrichten und Dinge zu erklären; ein Wesenszug, den er früher selten innegehabt hatte und den sie sehr anziehend fand. Er schien gereift und gewachsen zu sein.

Sie seufzte schwer, als sie das Portal passierten und auch Leanne getraute sich nicht mehr, etwas zu sagen. Schweigend gingen sie nebeneinander her hinauf in den Gryffindorturm, und als Katie schließlich in ihrem Schlafsaal die Schultasche auf das Bett warf und sich seltsam kraftlos darauf niederließ, fragte sie sich, was für einen wahnwitzigen Lebensablauf sich irgendjemand dort oben für sie vorgestellt hatte.

Anm. der Autorin: Tja, das war's wieder einmal von mir! Olivers erste Flugkampfstunde ist um – noch immer herrschen ungeklärte Verhältnisse und das ist vorerst gut so wo käme denn da die ganze Spannung hin!

Sehen wir mal, was sich entwickelt …

Hoffentlich hat es euch gefallen und ihr lasst mir ein paar Reviews da! Das motiviert ungemein! Bis bald!

Eure Calypso