9. Kapitel Emotionen
Anm. der Autorin: So, nach einem eher traurigen Kapitel geht's jetzt wieder weiter im Schülerleben von Hogwarts …
Natürlich nimmt Wood Angelinas Einladung an und wohnt dem ersten Training bei – das, wie wir wissen, ja von gewissen Schülern aus anderen Häusern eher unangenehm gestaltet wird. Da kann man ja nicht ruhig zusehen. Und so muss Wood sich am Ende des Tages verantworten (ja, weswegen wohl ) und verbringt aber auch eine erst tragische, aber dann angenehm schöne Zeit mit …??
Disclaimer: Viele Stellen und Passagen überschneiden sich mal wieder mit JKR's Meisterwerk, von dem mir nichts gehört :D
Viel Spaß beim Lesen!
Eure Caly
He's a desperate man in a world so cold
Und du weißt, er hat ein Herz wie ein Löwe
He's just longing for a woman to hold
Oh, he's emotional; he's an emotional man …
Falco – Emotional
Als Oliver am nächsten Morgen mit dunklen Ringen unter den Augen und ziemlich unausgeschlafen die Große Halle zum Frühstück betrat, saß Cassandra bereits an ihrem Platz und bestrich ihr Brötchen mit Marmelade, ohne seine Ankunft zu registrieren, oder registrieren zu wollen, wenn man ihren Gesichtsausdruck betrachtete.
Der junge Schotte seufzte und ließ sich auf seinen eigenen Stuhl fallen. Das letzte, was er nach dieser unruhigen und schrecklichen Nacht noch gebrauchen konnte, war, dass Cassandra nicht gut auf ihn zu sprechen war.
Tja, dann hättest du sie eben nicht versetzen dürfen …
Die Gedanken über den Traum in seinem Kopf ließen sich noch immer nicht verdrängen. Es war, als würde er noch immer in diesem schrecklichen Erlebnis gefangen sein.
Er schenkte sich heißen Tee in seinen Becher und warf unauffällige Blicke zu der jungen Griechin hinüber, die in aller Seelenruhe in ihr Marmeladenbrötchen biss, ohne ihn anzusehen.
Schließlich nahm er all seinen Mut zusammen, räusperte sich und sprach sie an, ohne recht zu wissen, was ihn erwartete.
„Cassandra?"
Keine Reaktion. Vielleicht hatte sie ihn ja nicht gehört, immerhin war die Halle erfüllt von den Gesprächen der Schüler.
„Cassandra?", wiederholte er, diesmal etwas lauter. Dieses Mal schien sie ihn sehr wohl gehört zu haben, doch sie hob nur mit missbilligendem Blick die Augenbrauen und antwortete ihm nicht. Also war sie doch sauer.
Mist.
„Cassandra, hör mal", versuchte er, ihr die Umstände zu erklären (wobei er natürlich nicht gedachte, ihr von seinen Verwirrungen wegen Katie zu erzählen) und schenkte ihr den wärmsten Blick, den er aufzubieten hatte. Die junge Professorin veränderte ihren Gesichtsausdruck nicht, doch sie schien ihm wenigstens zuzuhören.
„Es tut mir wirklich Leid, dass ich gestern Abend nicht mehr auf deine Einladung eingegangen bin", erklärte er ihr entschuldigend und schaffte es endlich, dass sie ihn mit ihren großen, fast schwarzen Augen ansah. „Ich war einfach zu müde und bin nach den Auswahlspielen für Gryffindors neuen Hüter sofort ins Bett gefallen. Sei bitte nicht böse, ich verspreche dir, wir holen es nach. Okay?"
Fast schon konnte man es sehen, wie es hinter Cassandras Stirn arbeitete, und er wartete mit mulmigem Gefühl im Bauch auf irgendeine Reaktion.
Die Griechin derweil versuchte, ihr klopfendes Herz zu beruhigen und stellte fest, dass Wood einfach süß aussah, wenn er versuchte, etwas wieder gut zu machen, obwohl er irgendwie unruhig und völlig aus dem Gleichgewicht wirkte. Ihre Enttäuschung vom Vorabend verschwand allmählich und machte einem guten Gefühl Platz, das ihre Stimmung wieder hob. Voll von Freude über seine Einladung, das ganze nachzuholen, beschloss sie, nicht mehr länger die Beleidigte zu spielen.
Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie ihm endlich antwortete. „Ist schon gut, Oliver. So was hatte ich mir bereits gedacht. Wir können es gerne nachholen, ja."
Ihr Gegenüber schien äußerst erleichtert über diese Antwort und es war, als würden die dunklen Schatten unter seinen Augen etwas heller werden.
„Da bin ich aber erleichtert …", meinte er lächelnd und begann nun ebenfalls ein ausführliches Samstagsfrühstück; immerhin hatte er eine anstrengende Woche hinter sich. „Hast du heute Abend schon was vor?"
„Nein, noch nicht", erwiderte sie mit freudiger Stimme und bestrich sich ein weiteres Brötchen. „Wie wär's mit einem Drink, wie ihr so schön sagt?"
Da sie fast neben ihm saß, konnte sie ihm mühelos gut gelaunt unter dem Tisch in die Seite pieken, was er mit einem leisen, vor Lachen gedämpften „Hör auf, wir sollen doch Vorbilder sein" quittierte.
„Ja ja, erst junge Damen versetzen und dann auch noch meckern. Ich denke, du bist mir heute Abend mehr als ein Getränk schuldig."
Die Zweideutigkeit, die dieser Satz mit sich brachte, entging dem jungen Schotten allerdings.
„Gerne, kannst du haben. Ich hol dich sogar ab, so gegen acht?"
„Einverstanden."
Sie beide lachten, fühlten sich gut und vertraut und Wood sah auf, blickte hinunter auf die Haustische – und hätte beinahe seine Gabel mit einem Stück Schinken fallen gelassen.
Am Tisch der Gryffindors hatte sich eben Katie Bell neben Angelina und Alicia auf der Bank niedergelassen und den Blick auf ihn gerichtet – er sagte mehr aus, als sie es bereits beabsichtigte. Der Ausdruck, mit dem sie sein und Cassandras Gespräch registriert hatte, war eindeutig.
Als sie bemerkte, dass ihre Blicke sich getroffen hatten, sah sie schnell weg, doch ihre geröteten Wangen verschwanden nicht, verrieten sie.
Mit einem Schlag waren die rasenden und fast schon schmerzhaften Gedanken über den Traum zurückgekehrt, und hatte das unbeschwerte Reden mit Cassandra ihn vorhin noch davon bewahrt, so fühlte er sich nun wieder erschöpft und ausgelaugt. Der Appetit war ihm vergangen.
„Wo willst du hin?", fragte die Griechin erstaunt, als er seinen vollen Teller stehen ließ und sich zum Gehen erhob. „Du hast ja noch gar nicht angefangen …"
„Keinen Hunger", murmelte er heiser und schluckte. „Mach dir keine Sorgen, hab nur schlecht geschlafen. Wir sehen uns später, ja?"
Sie nickte und folgte ihm mit den Augen, bis er durch die großen Flügeltüren verschwunden war. Dann verfiel sie in stummes Nachdenken, während sie ihr zweites Brötchen verspeiste und bemerkte nicht, dass Katie Bell sie noch immer argwöhnisch vom Gryffindortisch aus beobachtete.
Oliver spurtete hoch in den Lehrerflügel, viele Schüler, die ihm entgegenkamen, wichen ihm mit erstaunten Gesichtern aus, doch es kümmerte ihn nicht. Katies Augen hatten sich in seinen Kopf eingebrannt und ließen ihn nicht mehr los, zu eindeutig war der Ausdruck in ihnen gewesen.
Hey, du brauchst dich vor nichts rechtzufertigen, immerhin seid ihr nicht zusammen und mit Cassandra läuft auch nichts …
Nun, genau das aber schien die junge Gryffindor zu denken. Er wollte nicht, dass sie das dachte, denn immerhin war kein Fünkchen an Wahrheit daran, und sie sollte nicht glauben, dass er mit einer anderen …
Frustriert verlangsamte er seine Schritte und steckte die Hände tief in die Umhangtaschen. Peeves, der schadenfroh gackernd aus einem leeren Klassenzimmer herausgeschwebt kam und sich vor ihm aufbaute, bemerkte er erst, als er fast in ihn hineingerannt wäre.
„Wo will er denn hin, unser Professoooor", höhnte der Poltergeist frech und drehte einen Looping. „Heutzutage darf sich ja schon alles einen Lehrer schimpfen …"
„HAU AB!", blaffte Wood in einem Anflug von angestauter Emotion den Geist an, so dass dieser für einen Moment selbst verwundert wirkte. „Such dir jemand anderen, dem du auf die Nerven gehen kannst, bei mir schaffst du das heute nicht mehr, kapiert? Mir reicht's schon."
Und mit diesen Worten umrundete der junge Schotte den zutiefst und wahrscheinlich das erste Mal in seinem Leben wirklich perplexen Peeves und stapfte in Richtung Lehrerflügel davon.
Was für ein guter Start in das Wochenende …
„Wie sie ihn anschmachtet, einfach ekelhaft", grummelte Katie, kurz nachdem Wood die Halle verlassen hatte, mit bösem Blick an ihren Haferbrei gewandt und sah im Moment wirklich zum Fürchten aus. Ihre hübschen Gesichtszüge hatten einen zornigen Ausdruck angenommen und ihre Wangen glühten.
Angelina, die ihr gegenüber und Alicia, die neben ihr saß, warfen sich einen kurzen, bedeutungsvollen Blick zu und wussten genau, wen ihre Freundin damit meinte. Dennoch fragte die Kapitänin gezielt nach.
„Wer denn, Katie?"
Noch immer mit einem Blick, bei dem sogar der Blutige Baron in Schweiß ausgebrochen wäre, sah die junge Jägerin auf und ruckte mit dem Kopf missmutig Richtung Lehrertisch.
„Na sie! Fräulein Ich-schmeiß-mich-an-meine-Kollegen-ran!"
Merlin sei Dank saß im Umfeld der drei Jägerinnen niemand, und Alicia beschwichtigte ihre Sitznachbarin, indem sie ihr eine Hand auf den Arm legte. Angelina sah ebenfalls hoch zum Lehrertisch und beobachtete Professor Theano, wie sie in aller Seelenruhe frühstückte. In der Tat war sie eine schöne, attraktive und vor allem junge Frau und konnte sicher vielen Männern den Kopf verdrehen – aber doch nicht Oliver. Zumindest hoffte die Jägerin das sehr, vor allem für Katie, die sich wegen der möglichen Konkurrenz heftig den Kopf zu zerbrechen schien.
„Mensch Kates, auf so etwas geht er doch nicht ein!", versuchte Alicia indes vergeblich, ihre Freundin aufzumuntern.
„Ach nein? Wieso lacht und scherzt er dann die ganze Zeit mit ihr, als ob sie sich schon ewig kennen würden?", murmelte die Angesprochene niedergeschlagen und schien fast den Tränen nahe. All das, was sie sich wünschte, an einer anderen demonstriert zu sehen, war als ob sich etwas Eiskaltes in ihrer Brust ausbreitete. „Und mich hat er nicht einmal angesehen, als er rausgegangen ist … dabei dachte ich, dass es gerade gut läuft …"
Alicia seufzte und tauschte erneut einen Blick mit Angelina, der eindeutig nach Hilfe verlangte.
„Katie", ergriff diese nun das Wort. „Dass die beiden sich so gut verstehen, kann auch andere Gründe haben. Sieh mal, der Rest des Kollegiums ist mindestens zehn Jahre älter als Oliver, mit uns kann er sich wegen Umbridge nicht so viel abgeben und Professor Theano ist nun mal die einzige, die auch in seinem Alter ist. Da versteht man sich schon mal besser. Und außerdem glaube ich nicht, dass er sich auf sie und ihr Getue einlässt …"
Was sie auch ziemlich offensichtlich herbeiführen will, dachte die Kapitänin aber im Stillen, als sie sich an Cassandras Lächeln und Blicke erinnerte, sagte jedoch nichts. Sie erkannte doch, wenn Frauen sich verliebten.
„Meinst du?", kam es kläglich von Katie und Angelina nickte heftig. „Glaub mir, Kleines. Auch, wenn es nicht so einfach ist, kriegen wir das schon hin. Was das Gesetz nicht weiß, macht das Gesetz nicht heiß. Und immerhin versteht ihr euch ja gerade ganz gut, wie du gesagt hast. Ich denke, wenn du dich natürlich gibst und so wie immer bist, eroberst du ihn am schnellsten Wege."
Sie zwinkerte frech und widmete sich wieder ihrem Spiegelei; Katie aber sah schon viel fröhlicher aus.
„Du hast Recht … Danke, ihr beiden. Was würde ich nur ohne euch tun?" Sie seufzte und stocherte in ihrem Haferbrei, während sie laut überlegte: „Wahrscheinlich ist es ohnehin das Beste, einfach natürlich zu sein. So, wie er gestern bei den Spielen zu mir war, habe ich das Gefühl, dass er gar nicht mehr so unendlich weit von mir entfernt ist. Dass er mich … zumindest ein wenig … mag …"
Grinsend errötete sie und wandte sich dann ihrem Haferbrei ganz zu. Angelina hatte bei diesen Worten kauend innegehalten und atmete mit einem seltsam schweren Gefühl in der Brust tief ein.
Dass er mich … zumindest ein wenig … mag … Ach Katie, wenn du nur wüsstest …
Bilder aus der Vergangenheit blitzten durch ihren Kopf; Szenen mit Sätzen, die niemals hätten fallen sollen und einem Geständnis, das bis zum heutigen Tage unter Schweigen begraben war …
Um viertel vor zwei machte sich Oliver schließlich auf den Weg hinunter ins Quidditchstadion, um dem ersten Training der Gryffindors beizuwohnen. Seine schlechte Laune und Trübsal hatte den ganzen Vormittag über Zeit gehabt, um zu verrauchen; und zurück war nur eine seltsame Mischung aus Leere und Verdrängung geblieben.
Der Wind umspielte ihn mit einer sachten Brise, als er den sanft abfallenden Hang zum Feld hinunterschlenderte und schon von Weitem Harry und seinen Freund Ron in Richtung der Umkleiden verschwinden sah. Er war gespannt, wie der junge Weasley sich machen würde und beschloss, ihn so gut wie es ihm möglich war vor den Scherzen seiner Brüder zu bewahren.
Als er das Stadion erreichte und sich nach einem guten Sitzplatz umsah, blieb sein Blick an zehn Gestalten hängen, die sich bereits auf halber Höhe auf der leeren Tribüne eingefunden hatten und eifrig miteinander sprachen.
Das Sonnenlicht reflektierte sich in den silbrigen Flächen auf den Wappen ihrer Umhänge, und von der Ferne erkannte Wood zu seinem größten Missfallen, dass die gesamte Mannschaft der Slytherins, inklusive einiger anderer ungebetener Gäste anwesend war, wahrscheinlich um Ron bei seinem ersten Training zuzusehen. Oder ihn zu demütigen.
Beide Vorstellungen besaßen dasselbe Ausmaß an Grausamkeit für den Fünftklässler, das konnte Wood erahnen, und er beschloss, einzugreifen, wenn die Situation eskalierte.
Zum ersten Mal wurde er sich dessen bewusst, dass er nun noch mehr gegen sie ausrichten konnte als seinerzeit als Kapitän oder sogar noch als einer der Vertrauensschüler.
Mit wachsamem Blick auf die Slytherins, die ihn mittlerweile bemerkt hatten und zu seiner Freude offensichtlich nicht damit gerechnet hatten, dass noch jemand anderes, noch dazu einer der Lehrer, zusah, suchte er sich einen Platz am Spielfeldrand und schwang sich auf die Barrikade, die das Feld von der Tribüne trennte.
Fred und Alicia, die den Ballkorb trugen, waren die ersten, die aus den Umkleiden traten und finstere Blicke in Richtung der ungebetenen Gäste warfen, der Rest des Teams folgte ihnen auf dem Fuß. Ron Weasley, hinter Harry, wirkte leicht grünlich im Gesicht, und obwohl er wirklich groß und gut gebaut war, fand Wood, dass er in seinem ehemaligen Umhang etwas verloren wirkte.
„Hey!", begrüßten Fred und Alicia ihn, als sie den Ballkorb vor der Barrikade abstellten. „Schön dass du da bist. Umso weniger schön ist es, dass die da sind." Fred nickte ungehalten in die Richtung der ungebetenen Gäste. „Aber was soll's. Bis später!" Und sie waren zurück zur Feldmitte verschwunden.
Kaum hatte der Rest des Gryffindorteams das Feld betreten, brach vonseiten der Slytherins ein Sturm an Buh-Rufen und Schmähungen los, die laut im Stadion widerhallten und zu unglaublicher Lautstärke anschwollen. Sie alle schienen sich nicht von seiner Anwesenheit beirren zu lassen.
Draco Malfoy, und das hatte Oliver fast erwartet, war der erste, der großspurig den Mund aufmachte.
„Was fliegt eigentlich dieser Weasley?", rief er verächtlich. „Warum sollte jemand einen so schimmligen alten Holzklotz mit einem Flugzauber belegen?"
Die drei, die nicht zum slytherin'schen Quidditchteam gehörten, kreischten lachend und prustend los, während Ron sich mit hochrotem Gesicht auf seinen Besen schwang und gemeinsam mit Harry hoch in die Lüfte stieg.
Oliver beobachtete die Szene genau, die Arme vor der Brust verschränkt folgte sein Blick Katie Bell, die im Begriff war, sich ebenfalls auf den Besen zu schwingen. Gerade war sie in ein Gespräch mit Alicia vertieft, bei dem es anscheinend um den Unterricht ging.
„… also Kräuterkunde hat dieses Jahr schon mal ziemlich spannend angefangen, findest du nicht Katie?"
„Stimmt… hast du die großen, weißen Rosen gesehen, die Professor Sprout im Gewächshaus 3 gezüchtet hat? Die sind wunderschön …"
„Oh ja, da hast du Recht …"
Katie lachte, dann suchten ihre Augen mit einem Mal die Tribünen ab, blieben schließlich an ihm hängen und sie lächelte, hob sogar eine Hand zum Gruß, was er erleichtert erwiderte. Von den bösen Blicken vom Frühstück war nichts mehr zu sehen, und das fand er gut. Vielleicht entwickelte sich die Situation ja wieder genauso entspannt, wie sie am Vortag noch gewesen war.
„Ignorier die einfach! Wir werden ja sehen, wer lacht, wenn wir erst gegen die gespielt haben …", rief Harry seinem Freund oben in der Luft seinem Freund aufmunternd zu und schloss zu ihm auf.
Gut Harry, das ist die richtige Einstellung …
„Genau die Einstellung brauchen wir, Harry", ertönte es in diesem Moment auch von Angelina, die mit dem Quaffel unter dem Arm das Feld umflog.
Ich wusste doch, warum genau SIE meine Nachfolgerin geworden ist …
Die Slytherins verhielten sich für einen Augenblick still, genug Zeit für die Kapitänin, ihrem Team Anweisungen zu geben.
„Okay, hört alle zu, wir fangen mit ein paar Pässen an, nur zum Aufwärmen, die ganze Mannschaft bitte –"
Doch die Ruhe vor dem Sturm währte nur kurz, das Mädchen, das nicht zur Slytherinmannschaft gehörte, kreischte boshaft: „Hey Johnson, was ist das denn für 'ne Frisur? Warum willst du eigentlich so aussehen, als würden dir Würmer aus dem Kopf rauskommen?"
Das hatte gesessen. Wood, der wusste, wie heilig Angelina ihre geliebten Rastas waren, warf einen bitterbösen Blick zu der Unruhestifterin hinüber, die daraufhin schnell verstummte und sah dann hinauf zu seiner Freundin, die sich deutlich zwanghaft gefasst eine geflochtene Haarsträhne aus der Stirn strich und ruhig, aber mit bebender Stimme fortfuhr: „Also verteilt euch, dann sehen wir mal, wie's läuft …"
Sie schien aus dem Konzept gekommen zu sein, und Oliver stützte das Kinn auf der geballten Faust ab. So, wie es jetzt gerade lief, war Angelina sicher wieder einem Nervenzusammenbruch und das Team einer kompletten Demütigung nahe, und das wollte er auf alle Fälle verhindern.
„Entweder ihr da drüben verzieht euch zurück ins Schloss oder ihr haltet euren Mund!", fauchte er laut hinüber zu den Slytherins und war dabei aufgestanden. Katie, die in diesem Moment zu ihm hinuntersah, fröstelte; denn er sah wahrlich gefährlich aus, wie er so dastand, in seiner vollen Größe (mittlerweile hatte er Marcus Flint wahrscheinlich schon überragt) und mit einem zornigen, bedrohlichen Gesichtsausdruck. So wie sie ihn kannte, wusste sie, dass seine schönen Augen bestimmt jenes gefährliche Funkeln in sich trugen, das sie auch vor jedem Spiel gegen die Slytherins innegehabt hatten.
Diese schienen jetzt ganz kleinlaut und wagten es nicht wirklich, bis auf ein paar gemurmelte Verwünschungen dem Lehrer zu widersprechen, mochte er auch nur einige Jahre älter sein als sie, und so setzten sie sich auf die Sitze und waren still.
Angelina warf Wood einen dankbaren Blick zu und gab den Quaffel endlich ab an Fred, der ihn geschickt auffing und zu seinem Zwillingsbruder weiterpasste, dieser warf ihn zu Harry, der zu Ron – und dann geschah etwas, dass die „Zuschauer" wieder in ungeheure Schadenfreude versetzte. Ron ließ den Quaffel fallen.
Mit Malfoy als ihren Anführer brachen die Slytherins in lautes Brüllen und Lachen aus, und es begleitete Ron, wie er hastig in Sturzflug ging, den Ball noch vor dem Aufprall auf dem Boden auffing, sich mit hochrotem Gesicht unsauber aus dem Sturzflug zog und dabei ein wenig den Halt verlor. Verlegen und scharlachrot im Gesicht kehrte er auf seine Ausgangsposition zurück.
Fred und George warfen sich Blicke zu, doch zu Woods Erleichterung hielten sie ausnahmsweise den Mund, was er ihnen sehr hoch anrechnete. Anscheinend hatte seine Predigt geholfen.
Angelina, die innerlich bestimmt schon am Rande des nervlichen Abgrunds wandelte, tat, als wäre nichts geschehen und rief: „Abgeben, Ron!"
So machte der Quaffel wieder die Runde, und als wäre das noch nicht genug gewesen, schickte Malfoy sich an, erneut Salz in irgendwelche Wunden rieseln zu lassen.
„Hey Potter, wie geht's deiner Narbe? Willst du dich nicht mal wieder hinlegen? Muss doch schon eine ganze Woche her sein, seit du im Krankenflügel warst, das ist doch ein Rekord für dich, oder?"
Harry allerdings ließ sich – wie damals bei dem gespielten Dementorenangriff – nicht aus der Ruhe bringen und erwischte den Quaffel, den Angelina ihm in einem Rückpass hinwarf, gerade noch mit den Fingerspitzen. Der Ball sauste schnell weiter zu Ron, der ebenfalls danach hechtete und ihn erneut verfehlte.
Oliver atmete tief ein und seufzte. Das Projekt „Neuer Hüter" erwies sich als schwieriger, als er gedacht hatte. Ron war nicht nur durch seine Brüder leicht aus der Fassung zu bringen, sondern durch alle, die ihm nur irgendwie negativ auf die Finger sahen, und das erschwerte die Sache ungemein, vor allem für Angelina, die wirklich an sich halten musste, um nicht wieder loszubrüllen.
„Nun komm schon, Ron!", rief sie ihm trotzdem barsch hinterher, als er erneut in die Tiefe jagte. „Pass doch mal auf!"
Malfoy und seine Kumpanen heulten mittlerweile vor Lachen, als Ron wieder nach oben kam und man seine Gesichtsfarbe nicht mehr von der des Quaffels unterscheiden konnte.
Beim dritten Versuch endlich erwischte er den Ball, den er von George zugepasst bekam; Wood beobachtete ein wenig erleichtert, wie Weasley den Ball an Katie weitergab.
Sie allerdings konnte den ziemlich energisch geworfenen Quaffel nicht halten, er rutschte mit solch einer Wucht durch ihre ausgestreckten Arme hindurch, dass er sie ziemlich hart im Gesicht traf.
Erschrocken sprang Oliver auf, beschattete seine Augen mit der Hand und sah hoch zum Team, das Anstalten machte, der Jägerin zu helfen.
„Zurück auf deine Position, sie hat sich nichts getan!", rief Angelina Ron zu, der zu Katie fliegen wollte. „Aber wenn du an deine eigenen Leute abgibst, pass bitte auf, dass du sie nicht vom Besen schmetterst! Dafür haben wir die Klatscher!"
Die Slytherins johlten und grölten ob der Vorstellung, die sie da geboten bekamen; sie stampften mit den Füßen und stimmten einen Schlachtgesang an. Wood behielt Katie unablässig im Auge, die mittlerweile aus der Nase blutete und ziemlich mitgenommen aussah.
„Gib ihr eine Auszeit, Angelina", murmelte er unruhig und merkte selbst gar nicht, wie besorgt er war. „Sie hat sich sehr wohl was getan …"
Oben in der Luft flogen Fred und George auf sie zu und reichten ihr etwas Kleines, Lilafarbenes aus ihren Taschen.
„Hier, nimm das …"
„… dann hört's im Nu auf!"
Dankbar nahm die Sechstklässlerin das Toffee an und schluckte es. Oliver allerdings betrachtete die Hilfestellung skeptisch, wusste er doch um diese kleinen Leckereien der Zwillinge Bescheid.
„Alles klar", kam es nun von Angelina, die fahrig und nervös wirkte ob der Tatsache, dass so viel auf einmal schief laufen konnte. „Fred und George, holt jetzt eure Schläger und einen Klatscher. Ron, hoch zu den Toren. Harry, auf mein Kommando lässt du den Schnatz los. Natürlich spielen wir jetzt auf Rons Tore!"
Die Zwillinge und Harry kamen auf Wood zugeflogen und landeten mit mürrischen Gesichtern vor ihm im Gras, um die Bälle aus dem Ballkorb zu holen.
„Kommt schon Leute, gebt nicht auf! Das wird schon noch!", versuchte ihr ehemaliger Kapitän, sie aufzumuntern, doch er erntete nur ironisches Lächeln.
„Ron stellt sich richtig bescheuert an, was?", murmelte George niedergeschlagen, als sie die Bälle aus dem Korb holten.
„Das wird schon noch. Es ist sein erstes Mal und er ist nervös, weil diese Plagegeister hier sind", meinte Wood und ruckte mit dem Kopf in Richtung der Slytherins. „Es bessert sich bestimmt! Und wenn's sein muss, trainiere ich persönlich mit ihm."
„Er ist einfach nervös", kam es zustimmend von Harry. „Als ich heute Morgen mit ihm trainiert hab, war er noch ganz gut!"
„Mag sein. Ich hoffe nur, er hat sein Pulver nicht zu früh verschossen", erwiderte Fred finster, bevor sie sich mit kurzem Nicken von Oliver, der mit seinen Aufmunterungsversuchen anscheinend kläglich gescheitert war, verabschiedeten und zurück auf ihre Positionen flogen.
Angelinas Anpfiff kam wenige Sekunden später, alle Spieler begaben sich auf ihre Positionen und begannen, zu spielen. Oliver behielt Ron genau im Auge, der inzwischen vor den drei großen Torringen schwebte, die es zu verteidigen galt. Doch das, was er tat, war nicht sehr geschickt. Er sah unablässig den Jägerinnen bei ihren Manövern zu und driftete langsam zum linken Torring hin ab, während er alle anderen ungeschützt ließ.
Würde er in der Mitte bleiben, bis er agieren muss oder wenigstens um die Tore fliegen ohne seitlich wegzutreiben und so Tore zu kassieren, würde es besser laufen …
Genau diese Dinge teilte die Kapitänin im nächsten Moment nach einem gellenden „Stopp – stopp – STOPP!" dem neuen Hüter mit, dessen Gesicht sich mittlerweile leuchtend rot vom hellblauen Himmel abhob.
Woods Aufmerksamkeit konzentrierte sich jedoch im nächsten Augenblick auf Katie, und das Herz wurde ihm schwer. Noch immer blutete die Jägerin aus der Nase, doch es schien immer heftiger zu werden.
„Kannst du nicht was gegen dein Nasenbluten unternehmen?", fragte Angelina ungeduldig und flog zu ihr hinüber. Katie aber, die den Blutstrom bereits mit dem Ärmel abfangen musste, schüttelte schwach den Kopf.
„Es wird einfach immer schlimmer!"
Die Siebtklässlerin ließ sich davon nicht beirren – ein Fehler, den Wood, wie er sich selbst eingestand, er selbst viel zu oft begangen hatte. Einfach weiterzumachen, wenn es jemandem schlecht ging, war keine Alternative.
Die Slytherins hatten einen „Gryffindor, Flaschen vor!"-Kanon angestimmt und trugen ihn aus vollem Halse immer wieder vor, während das Team weitertrainierte.
Fred und George, die plötzlich eine Eingebung gehabt zu haben schienen, hatten ihre Köpfe zusammengesteckt, energisch diskutiert und schließlich mit vor Erschrockenheit großen Augen zu Katie hinüber geblickt, doch bevor Wood sich noch fragen konnte, was es damit auf sich hatte, pfiff Angelina erneut ab.
Dieses Mal gab es keine Ausreden mehr, Katie war inzwischen kreideweiß im Gesicht, ihr Umhang glänzte im Sonnenlicht vor lauter Blut.
In aller Eile flog das Team auf sie zu und umringte sie, gab acht, dass sie nicht vom Besen kippte und versuchte, die Ursache für das unnatürlich lange und heftige Bluten herauszufinden.
Wood war aufgesprungen und zur Mitte des Feldes geeilt, sah hinauf in den Himmel und fragte sich wieder, wie bei einem einzigen Training so viel schief laufen konnte. Gleichzeitig verspürte er tief in seinem Inneren brennende Sorge für die Jägerin. Was war bloß mit ihr los?
„Sie könnte irrtümlich eine Blutblasenschote geschluckt haben …", gab Fred Weasley schließlich nach ewigem Hin und Her kleinlaut von sich, doch Angelina sparte sich ihre Schimpfkanonade für später. Die Sorge um Katie ging einfach vor.
„Sie muss dringend in den Krankenflügel!"
„Bringt sie hier runter, ich werde das übernehmen!", rief er hinauf und die Siebtklässlerin, dankbarer als je zuvor, nahm Katie sachte zwischen sich und Alicia und brachte sie auf den sicheren Boden hinunter. Das Team folgte ihr.
Auf den Tribünen fuhren die Slytherins mit ihren Schlachtrufen und –gesängen fort, schadenfroher als je zu vor.
„Nimm meinen Besen, dann seid ihr ein wenig schneller. Du kannst ihn mir später wieder geben", sagte sie knapp, stieg von ihrem Sauberwisch und übergab ihn Oliver. Katie neben ihm bebte am ganzen Körper und das Blut auf ihren Wangen vermischte sich kontinuierlich mit Tränen. Die blutverschmierten Hände hielt sie fest vor die Nase gepresst und sie sah Wood mit flehendem, hilflosem Gesichtsausdruck an.
„Komm Katie, das kriegen wir schon", redete er mit beruhigender Stimme auf sie ein, sah ihr fest in die Augen und schwang sich auf den Besen. Es war ihr anzusehen, dass sie sich langsam beruhigte und versuchte, sich so gut es ging auf dem Fluggerät zu halten.
„Hey, Wood", tönte es in diesem Moment von der Bühne, und das Gryffindorteam wirbelte herum, um zu sehen, wer sich erdreistete, den jetzigen Professor derart respektlos anzusprechen.
Es war natürlich, wie sollte es anders sein, Draco Malfoy. Großspurig grinsend stand er auf dem Sitz, die Arme vor der Brust verschränkt. Seine Augen blitzten hämisch.
„Hab gehört, dass sie dich bei Puddlemere rausgeworfen haben und der Job hier das Beste war, das du kriegen konntest. Irgendwie logisch, hier kannst du wenigstens die Schülerinnen –"
Weiter kam er nicht, denn Oliver war von seinem Besen gesprungen, hatte ihn achtlos ins Gras fallen lassen und war – jetzt erst richtig wütend – hinüber zu den Tribünen marschiert.
„Oliver, bleib hier!", rief Angelina ihm erschrocken hinterher, doch es half nichts. Wenigstens begnügte sich der junge Schotte damit, vor den Barrikaden halt zu machen und nicht zu ihnen hoch über die Sitze zu klettern und Malfoy zu schlagen (so wie er es vielleicht zu Schulzeiten gemacht hätte).
Sein Herz pochte laut gegen seinen Brustkorb und seine Wut brach nun zum zweiten Mal an nur einem Tag aus ihm heraus. Er hatte es satt, dass diese Slytherins dank Snape nie irgendwelcher Vergehen beschuldigt wurden, er hatte es satt, dass sein Haus von ihnen niedergemacht wurde, er hatte es satt, dass sie ihn und indirekt auch Katie beleidigt hatten.
„JETZT HÖR MIR MAL ZU, DU KLEINER, SCHMIERIGER SOHN EINES VERLOGENEN VATERS! DAS, WAS DU UND DEINE TRUPPE VON AMATEURSPIELERN HIER BRINGT, IST NIVEAULOS UND ABARTIG. SELBST SALAZAR SLYTHERIN WÄRE BESTÜRZT DARÜBER, WIE IHR SEIN ERBE DURCH DEN DRECK ZIEHT!! SOLLTE ICH NOCH EINMAL ERLEBEN, DASS DAS HIER ODER ÄHNLICHE AKTIONEN WIEDERHOLT WERDEN, KANN EUCH SNAPE NICHT MEHR HELFEN; DENN DANN SITZE ICH AM LÄNGEREN AST UND ES SETZT PUNKTEABZUG, STRAFARBEITEN UND SCHLIMMERES!! UND ZWAR FÜR EUCH ALLE!!"
Seine Stimme, laut und kraftvoll wie zu Kapitänszeiten, peitschte wie ein Donnergrollen durch das Stadion und den Slytherins blieb sichtlich die Spucke weg. Mit weit aufgerissenen Augen saßen sie auf ihren Sitzen und wagten nicht, sich zu rühren; und das Team der Gryffindors starrte ihren Freund mit offenen Mündern an, als er rauchend vor Zorn zu ihnen zurück kam und Angelinas Besen erneut bestieg.
„Komm Katie, sehen wir zu, dass wir hier wegkommen", murmelte er etwas sanfter, zog sie auf ihrem Besen nahe zu sich heran, so dass sie seinen vor Wut bebenden Körper spüren konnte und schwebte mit ihr aus dem Stadion hoch zum Schloss. Das sein eigenes Shirt dabei bald blutig wurde, war ihm egal.
Nach einigen Sekunden kam das Team wieder zur Besinnung.
„Ist das gerade wirklich passiert?", fragte Fred Weasley komplett perplex und starrte fassungslos in die Runde.
„Ich denke schon", antwortete George mit großen Augen und sah zu den Slytherins hinüber, die noch immer wie vom Donner gerührt auf ihren Plätzen saßen und nicht einmal wagten, miteinander zu sprechen.
„Hoffentlich bekommt er dafür keinen Ärger", meinte Alicia nachdenklich. „Ich meine, das was Malfoy gesagt hat, war provokant und äußerst unverschämt … Aber das eben von Oliver war ziemlich heftig. So was hätte ich ihm gar nicht zugetraut."
„Ich auch nicht", stimmte ihr Angelina zu und blinzelte. So wütend und außer sich hatte selbst sie ihren besten Freund noch nie erlebt. „Vielleicht sollten wir uns umziehen gehen, es hat eh keinen Sinn mehr …"
Und mit zustimmendem Gemurmel zog sich das Team der Gryffindors in die Umkleiden zurück, ohne noch mal den Vorfall anzusprechen.
„Ich denke, ich werde sie bis morgen früh hier behalten, nur zur Sicherheit", verkündete Madam Pomfrey, als sie mit spitzen Fingern den durch und durch blutigen Quidditchumhang der Jägerin in einen Wäschekorb mit bereits schmutzigen Bettlaken fallen ließ.
Oliver und Katie hatten eine halbe Stunde zuvor den Krankenflügel gerade noch rechtzeitig erreicht, denn die Sechstklässlerin war beim Eintreten bereits so kreideweiß im Gesicht und schwach gewesen, dass sie mit einem Mal zusammengeklappt und bewusstlos geworden war. Wood hatte sie darauf hin zu einem Bett getragen und sie gemeinsam mit der Krankenschwester ihres schweren, blutglänzenden Umhangs entledigt.
Während Oliver schließlich nervös auf dem Bett daneben saß, hatte Madam Pomfrey Katie einen ziemlich eklig aussehenden, blutorangen Trank eingeflößt, der den Blutstrom aus der Nase Gott sei Dank schnell gestoppt hatte.
Die junge Gryffindor war nun bereits wieder dabei, zu Kräften zu kommen und schien zu schlafen. Noch immer war ihr schönes Gesicht blass und leblos, und es versetzte ihm einen Stich im Herzen, sie so liegen zu sehen.
Zum Teufel mit Fred und George mit ihren gemeingefährlichen Schulschwänzartikeln! Er beschloss, sich die beiden später noch vorzuknöpfen.
„Ich danke Ihnen, Madam Pomfrey", meinte Wood erleichtert lächelnd an die Krankenschwester gewandt, diese jedoch tat verlegen und murmelte etwas von „Das ist doch selbstverständlich …" und trippelte davon, um Katie eine Tasse heißen Tees aufzubrühen.
„Ist es in Ordnung, wenn ich später noch einmal vorbei komme?", fragte er sie mit einem Blick, dem wohl niemand wiederstehen konnte; Poppy, die sich noch einmal umgedreht hatte, lächelte erneut verlegen und beteuerte, dass dies überhaupt kein Problem sei.
Mit besorgtem Gesichtsausdruck wandte Wood sich dann wieder Katie zu, und ein seltsam drückendes Gefühl schlich sich in seine Brust. Jetzt besaß er die Gelegenheit, sie anzusehen, ohne von ihr ebenfalls beobachtet zu werden, und er musste sich – wie vor Jahren schon – eingestehen, dass sie ungemein hübsch, ja sogar noch hübscher geworden war. Ihre blonden Haare fielen ihr lockig über die Schultern hinab und glänzten meistens mit ihren hellen, grünen Augen um die Wette, wenn sie lachte oder einen guten Tag hatte.
Ja, sie war ein überaus faszinierendes Mädchen …
Wieder kam ihm sein Alptraum in den Sinn, und er seufzte.
Was sollte er nur tun? Sollte er seine Chance dieses Mal ergreifen, obwohl so viel davon abhängig war? Seine Stelle, sein Ruf?
Hatte er überhaupt noch eine Chance?
Dies war die entscheidende Frage, auf die er nicht wirklich eine Antwort wusste. Er beschloss, irgendwann mit Angelina zu sprechen, denn schließlich war sie seine beste Freundin und eine sehr gute Zuhörerin, wenn es um solche Dinge ging.
Sanft nahm er Katies eiskalte Hand und drückte sie leicht. Die Jägerin bewegte sich nicht, nur ihre Brust hob und senkte sich leicht im Schlaf.
„Ich komme bald wieder, Katie. Und dann will ich, dass du wieder auf den Beinen bist, hörst du?", flüsterte er leise, ließ ihre Hand los und verließ mit großen Schritten den Krankensaal.
Er hatte schon eine Idee, wie er sie wieder aufmuntern konnte …
Als Katie Bell mit einem Gefühl, als ob sich ihr ganzer Körper gegen sie verschworen hätte, erwachte, dämmerte es draußen bereits. Sie blinzelte und versuchte, sich ein wenig aufzurichten, doch ihre geschwächten Glieder ließen das nicht zu.
Seufzend ließ sie sich zurück in die Kissen sinken und versuchte, sich daran zu erinnern, was nach Olivers Ausbruch geschehen war, denn ihr Gedächtnis seitdem war seltsam getrübt.
Verfluchte Blutblasenschoten …
Sie konnte sich an seinen Körper ganz nahe bei ihr erinnern, als er sie hoch ins Schloss geflogen hatte, an seine beruhigenden Worte, an sein aufmunterndes Lächeln; die Fürsorge, mit der er sich um sie gekümmert hatte; sie glaubte sogar, sich an seinen Duft erinnern zu können, als sie in seinen Armen den Halt verloren hatte …
Ihr Herz begann schneller zu schlagen, als sie an all diese Dinge dachte, und trotz all dem Nasenbluten war es, so fand sie, ein schönes Gefühl gewesen, ihm endlich so nahe gewesen zu sein.
Nur schade, dass es – zurück im Schulalltag – wieder anders werden würde …
In diesem Moment ging die Eingangstür am anderen Ende des Saales auf und Madam Pomfrey kam hereingetrippelt, gefolgt von jemandem, den sie nicht sehen konnte.
„Ah, Miss Bell, Sie sind aufgewacht!", rief sie entzückt und beschleunigte ihre Schritte. „Sie sehen auch schon viel besser aus – Ihr Besuch wird sich freuen. Ich komme gleich wieder und wärme Ihren Tee auf."
Sie zwinkerte, verschwand in ihr Büro und gab endlich den Blick auf den ominösen Fremden frei, der hinter ihr den Saal betreten hatte. Katie stockte für eine Sekunde der Atem, doch dann strahlte sie und ihr Herz schien einen Salto rückwärts zu machen.
Es war Oliver.
Mit dem wohl schönsten Lächeln, das er aufbieten konnte, stand er tatsächlich vor ihr hier im Krankensaal und sah sie einfach nur an – eine Tatsache, die ein angenehmes Kribbeln in ihrem Bauch auslöste.
„Hey Kates! Schön, dass du aufgewacht bist. Ich hatte schon Angst, du hättest zu viel Blut verloren oder Schlimmeres!"
Er hatte Angst um sie gehabt …
Sie dachte nicht darüber nach, warum es plötzlich so gut und unbeschwert zwischen ihnen lief, dachte nicht darüber nach wie er einen Stuhl heranzog und sich neben sie setzte und hob amüsiert eine Augenbraue, als er sie bat, die Augen zu schließen.
„Oliver, was machst du denn – glaubst du nicht, es ist besser, dass uns niemand so …" Verlegen brach sie ab und schloss tatsächlich die Augen, spürte, wie die Röte ihr ins Gesicht stieg und verfluchte sich innerlich für diese Aussage.
„Was? Dass niemand sieht, dass wir unsere Freundschaft nicht aufgegeben haben? Ich bitte dich!" Er senkte grinsend seine Stimme und hoffte, dass sie seine Unsicherheit nicht bemerkte.
„Madam Pomfrey scheint in letzter Zeit ein Fan von mir geworden zu sein, glaub mir, ich könnte hier ein Quidditchspiel stattfinden lassen und es würde bei ihr durchgehen."
Katie, mit geschlossenen Augen, lachte leise.
Trotz der Lässigkeit, mit der er sich gab, und trotz dem Gefühl, dass sie nun besser miteinander umgehen würden können, glaubte er dennoch, noch etwas zwischen ihnen zu fühlen. Etwas, dass sich wie ein Schild zwischen ihnen ausbreitete und den unbeschwerten Umgang nur bis zu einem gewissen Grad erlaubte.
Wie kann man dieses Gefühl umgehen?
Über diese Frage sollte er sich allerdings später Gedanken machen, denn Katie lag noch immer mit geschlossenen Augen da und schien leicht ungeduldig zu werden, dabei lag jedoch ein Lächeln auf ihren Lippen.
„Wird das heute noch was? Oder willst du mir bloß beim Einschlafen zusehen?"
Da war sie, die Katie, wie sie früher gewesen war. Frech und humorvoll.
„Mit den Jahren bist du nicht geduldiger geworden, Fräulein", schmunzelte er, vergewisserte sich erneut, dass Madam Pomfrey auch nicht zu sehen war, griff vorsichtig in das Innere seiner weiten Hosentasche und holte eine kleine Schachtel heraus, die er alsdann öffnete.
„Engorgio!"
„He, willst du mich aufblasen?", kam es gespielt empört von Katie, doch Oliver, der mit dem Ergebnis überaus zufrieden war, erwiderte: „Nein. Du kannst die Augen aufmachen."
Gespannt öffnete die junge Jägerin ihre Augen Millimeter um Millimeter und konnte ihren Augen kaum trauen, als sie sah, was Oliver Wood ihr mitgebracht hatte.
„Ach Oliver, die ist ja wunderschön!", flüsterte sie, um die Krankenschwester nicht auf den Plan zu rufen und nahm strahlend die schöne, blühende weiße Rose entgegen, die er ihr hingehalten hatte. Woher wusste er, dass es ihre Lieblingsblume war?
„Ich dachte, sie würde dich ein wenig aufmuntern und etwas Frische in diesen Saal bringen", meinte er gelassen, doch er verbarg die aufkeimende Nervosität geschickt unter dieser Maske, froh, dass er das Gespräch der beiden Jägerinnen belauscht hatte.
Sie steht dir in ihrer Blüte um nichts nach …
„Das ist echt lieb von dir, danke", sagte sie lächelnd und legte kurz ihre Hand auf seine, was sie wie ein Stromschlag durchzuckte. Sie waren ganz warm und nicht rau, so wie man es eigentlich von einem Profispieler, der ständig Holz und jedem Wetter ausgesetzt war, erwartete.
„Wo hast du die denn her? Aus den Gewächshäusern geklaut?", meinte sie schließlich ironisch mit einem Seitenblick auf den ehemaligen Kapitän, doch dessen Gesichtsausdruck nahm ihr schlagartig alle Ironie, Verblüffung machte sich breit. „Das hast du nicht getan!"
„Doch."
„Du spinnst ja!"
„Okay, okay – ich habe Professor Sprout vorher gefragt. Sagte ihr, ich wolle mein Zimmer etwas lebendiger gestalten …" Er grinste schief.
„Mit einer einzigen Rose? Du? So etwas kann echt nur dir einfallen. Ich möchte nicht wissen, was sie jetzt von dir denkt. Wie hast du in Kräuterkunde noch mal abgeschlossen?"
„Mit einem T, wieso?", kam es keck zurück.
Katie prustete in ihre Bettdecke, ganz genau wissend, dass er damals ein E geschafft hatte, und betrachtete die Rose. Sie war wirklich wunderschön – wieso kam er auf eine derartige Idee? Wollte er sie tatsächlich nur aufheitern oder steckte etwas gänzlich anderes dahinter?
Was immer es auch war und so gut es sich auch anfühlte, irgendetwas schien noch immer zwischen ihnen zu stehen, etwas, das schwer zu beseitigen sein würde. Sie erinnerte sich an jenen Schwur, den sie noch Tage zuvor im dunklen Mädchenschlafsaal abgeleistet hatte und beschloss, dafür zu kämpfen – auch wenn alles andere dagegensprach.
Deshalb ließ sie sich auch während dem restlichen Besuch von ihren Gedanken nichts anmerken.
„Ich werde Madam Pomfrey bitten, mir eine Vase zu bringen. Sonst vertrocknet sie ja."
„Tu das. Und sag ihr bitte, dass sie von Angelina ist oder sonst jemandem. Nicht, dass Malfoy Grund bekommt, seine blöde Aussage zum Gerücht zu machen …"
Diese Worte ernüchterten Katie ein wenig und sie betrachtete nachdenklich schweigend wieder die Rose.
Natürlich muss das geheim bleiben, er ist – oh verdammt – doch immer noch dein Lehrer und Lehrer schenken ihren Schülerinnen keine Blumen …
„Das war echt spitze von dir, dass du ihm die Meinung gegeigt hast", murmelte sie schließlich und sah ihn an. Seine dunklen Augen fixierten fest die ihren, doch in ihnen war keine Emotion zu erkennen. Es war so schwer, zu erkennen, was er fühlte …
„Hoffentlich bekommst du keinen Ärger …"
„Wofür denn? Dass ich euch vor übler Nachrede beschützt habe? Beziehungsweise dem ein Ende setzen wollte? Malfoy wird ohnehin zu Snape laufen, aber dann hat er Pech gehabt – Dumbledore und McGonagall sind auf meiner Seite …"
„Trotzdem musst du aufpassen, was du sagst und tust", riet sie ihm und klang dabei fast wie Angelina. „Umbridge hat ihre Augen und Ohren überall … pass auf, bitte."
„Mach ich doch, Kates. Mach ich doch."
Sie lächelten einander an und in diesem Augenblick trat Madam Pomfrey aus der Tür, ein Tablett mit dampfendem Tee in den Händen.
„Sie sind ja immer noch hier!", rief sie erstaunt aus und kam eilig auf sie zu gewatschelt, bemerkte jedoch nicht, dass Katie die Rose schnell auf das Nachtkästchen legte und den Wasserkrug davorschob, so dass sie nicht mehr zu sehen war.
„Ich glaube, Miss Bell braucht jetzt ihre Ruhe, Professor. Die Zeit war lange genug. Sie können gehen."
Und mit eiligen Bewegungen scheuchte sie ihn von seinem Stuhl und aus dem Saal.
„Gute Besserung, Katie!", konnte er gerade noch rufen, bevor sie ihm die Türe vor der Nase zugeknallt hatte.
Lieber Adrien,
es tut mir ehrlich Leid, dass ich diese Woche noch keine Zeit hatte, dir – wie versprochen – detailgenau und wahrheitsgetreu meine ersten Erlebnisse hier in Hogwarts zu schreiben.
Ich hatte einfach immer zu tun; ist ziemlich stressig, so von Klasse zu Klasse zu laufen, den Kleinen beizubringen, wie man nicht vom Besen fällt und den Großen Maßnahmen zu erklären, mit denen sie ihren Hals retten können.
Hoffentlich bist du mir nicht böse und bist wenigstens mit diesem Brief zufrieden :-)
Hier in Hogwarts ist eigentlich alles noch so, wie früher – bis auf die Ausnahme, dass eine ziemlich niederträchtige Person – gesandt von Fudge persönlich – uns allen das Leben schwer macht, in dem sie jeden bestrafen lässt, der auch nur an Voldemorts Wiedererstehung glaubt. Vor ein paar Tagen wollte Harry auf der Wahrheit beharren und hat sich gleich eine Woche nachsitzen eingehandelt. Diese Frau ist böse, widerwärtig, schleimt sich bei mir ein (obwohl ich genau weiß, dass sie nur nach einem Grund sucht, um mich wegen meinem Alter und der Freundschaft zu Harry und den anderen anzuschwärzen). Du kennst sie nicht, glaube ich, aber ich traue mich nicht, ihren Namen hier zu schreiben, denn ich habe das Gefühl, dass die Kontrollmaßnahmen schon auf Eulenkontrollen ausgeweitet wurden.
Was diese Zustände in der Schule angeht, so kann ich nichts weiter tun, als auf Dumbledores Seite zu stehen und den Schülern zu helfen – und vor allem, sie NICHT zu belügen.
McGonagall steht Merlin sei Dank hinter mir und hilft mir, wo sie nur kann. Außerdem ist eine meiner neuen Kolleginnen in meinem Alter – ich bin nicht der einzige, yay!
Sie ist Griechin und ich bin mir sicher, dass du sie heiß finden würdest ;-) Auf alle Fälle ist sie sehr nett und erleichtert ebenfalls ein wenig das Leben unter den Augen des Ministeriums.
War gestern bei den Auswahlspielen für den neuen Hüter meiner ehemaligen Mannschaft dabei – Angelina (du weißt, von wem ich rede, ich hab dir von ihr erzählt) ist nahe am Nervenzusammenbruch, weil fast nur Blindgänger aufgetaucht sind; trotzdem haben sie jetzt einen passablen Ersatz gefunden. Das Training heute war dafür eher eine Katastrophe: Ein Haufen Slytherins war im Stadion und hat sie ausgebuht und blöde Bemerkungen gelassen … nun ja, als ich dazwischengegangen bin, waren sie endlich ruhig – obwohl ich vielleicht nicht so herumbrüllen hätte sollen … :-)
Naja, noch war Snape nicht hier, um sich zu beschweren …
Wie dem auch sei, ich hoffe dir, deiner Schulter und den anderen geht es gut! Bestell ihnen allen schöne Grüße von mir!
Ich freue mich sehr auf unser Treffen!
Oliver
P.S.: Übrigens, ich hab den Termin für den Hogsmeadeausflug erfahren: das erste Wochenende im Oktober. Wie sieht's aus? Wir könnten uns zum Mittagessen treffen?!
Zufrieden überflog Oliver noch einmal den Brief, den er an seinen besten Freund verfasst hatte, legte dann den Federkiel beiseite und rollte das Pergament zusammen. Sayuri, die schon zu ahnen schien, dass es Arbeit für sie gab, flatterte aus ihrem geöffneten Käfig auf den Schreibtisch und hielt ihrem Herrn ein Bein hin.
„Du weißt, wohin es geht, Sayu", raunte er der Eule ins Ohr und band die Nachricht an ihrem Bein fest, dann öffnete er das Fenster und entließ sie hinaus in die Dunkelheit.
Ein letzter, prüfender Blick in den Spiegel an der Innenseite der Kastentür und schon konnte es losgehen.
Zu seinen dunklen Bluejeans trug er ein weißes T-Shirt, über das er den roten Sweater mit dem V-Ausschnitt gezogen hatte. In den Hosentaschen klingelten einige Münzen und er versuchte ein letztes Mal vergeblich, etwas Form in seine ziemlich verwuschelten Haare zu bringen, doch es half nichts.
Mehr oder weniger zufrieden schloss er schließlich die Kastentür, schnappte seinen Umhang (draußen war es kalt), sah sich noch einmal um, ob er auch nichts vergessen hatte, und verließ das Zimmer.
Gerade aber, als er den Weg nach links zu Kassandras Wohnung einschlagen wollte, ertönte hinter ihm eine sonore, ölige Stimme.
„Wohin so eilig, Professor Wood? Ich denke, wir haben etwas zu klären …"
Sein Herz setzte für einen Schlag aus und er erstarrte in seiner Bewegung. Sein Magen krampfte sich zusammen und in einer dumpfen Vorahnung wusste er genau, was jetzt kommen würde.
Langsam, ganz langsam, drehte er sich um und blickte einem gefährlich grinsenden Severus Snape ins Gesicht.
Anm. der Autorin: Sooo da ich gerade ein bisschen Stress hab und das Kapitel noch hochladen will, bleibt mir nicht mehr zu tun, als mich für diesen Cliffhanger zu entschuldigen hähä und euch um Reviews zu bitten )
Eure Caly
