11. Kapitel Adrien
Herzlich willkommen zu einem neuen Kapitel – das, wie der Titel schon verrät, von unserem aller Lieblings-PU-Kapitän handelt. Halleluja, wir hören wieder von Adrien Harrold!! hihi
Es ist nicht allzu lang, dafür aber – denke ich – sehr aussagekräftig (was seine Situation im Team betrifft) und soll schon mal auf einige Dinge hinweisen bzw. vorbereiten, die ich noch mit dem lieben Adrien (den ich mittlerweile stark in mein Herz geschlossen habe) vorhabe xD
Ich hoffe, es gefällt euch und ihr lasst ein paar Reviews da!
Eure Caly
It's been a bad day
Please don't take a picture
It's been a bad day
Please …
R.E.M. – Bad Day
Zwei Wochen später
„Zum Teufel, Lee, was machst du denn?"
Adrien Harrold vergrub in einem Anflug von unbändigem Zorn das Gesicht in den Händen und schüttelte ungläubig den Kopf. Etwas anderes konnte er auch in diesem Moment nicht tun, denn das, was Lee Blackburn vor den Torringen aufführte, war keinen anderen Kommentar – ja keine weitere Gefühlsregung wert.
Genau eine solche aber brach wenige Sekunden später aus dem temperamentvollen Kapitän heraus, als er seinen Besen vor den Ringen in die Waagrechte brachte und den drahtigen, blonden Hüter mit den listigen, hellen Augen wütend anfunkelte.
„Was sollte das grade, Blackburn?", stellte er den Hüter mit scharfer Stimme zur Rede, und ein fernes Donnergrollen am sturmgrauen Horizont unterstrich seinen Tonfall ziemlich perfekt, wie der Rest des Teams, der sich still auf den Positionen hielt, fand.
„Er macht es schon wieder", flüsterte Ted Kelly Alanis Coverton zu, die lautlos neben ihm schwebte und nachdenklich die Szenerie beobachtete.
„Ja, das sehe ich", gab sie ebenso leise zurück und strich sich übers Kinn. „Er kann sich so stark und unbehelligt geben wie er will – ich nehm's ihm nicht ab … nicht nach all den Wutanfällen Lee gegenüber."
„Mhm …", machte Ted gedankenverloren; genau wissend, worauf seine Teamkollegin aus war. Lee Blackburn war, und das wusste ein jeder von ihnen, nicht Oliver Wood. Nicht, was sein Können anbelangte – und schon gar nicht seine Persönlichkeit.
Blackburn indes fuhr sich mit einem selbstgefälligen Gesichtsausdruck durch die Haare und verdrehte die Augen, was nur noch einen weiteren Tropfen in das bereits überlaufende Fass Adriens fallen ließ. Was genug war, war einfach genug. Seit Lee Olivers Posten wieder übernommen hatte, sonnte er sich nicht nur unerträglich selbstverliebt im neu entfachten Interesse der Presse – nein, er glaubte auch, mit allem durchzukommen, was er auf dem Spielfeld aufführte.
„Komm mal wieder runter, Adrien! Ich wollte nur versuchen, ob das hier klappen würde …"
„Du sollst keine Eigenkreationen erfinden, du sollst ZUVERLÄSSIG den Quaffel fangen – und zwar so, wie du es mit mir und Rob abgesprochen hast!", fauchte Adrien gereizt und spürte, wie der Ärger in seiner Brust hochkochte – wieder einmal. Zu allem Überfluss begann der seit Wochen andauernde Schmerz in seiner linken Schulter wieder zuzunehmen – Olivers Ratschlag, sich im St. Mungo's behandeln zu lassen, hatte er bisher noch nicht beherzigt (was er nun bitter bereute).
Zum wohl tausendsten Male in den letzten beiden Monaten schoss ihm ein einziger Gedanke durch den Kopf.
Oliver, wieso bist du nicht da, wenn ich dich brauche??
„Spiel dich nicht auf, nur weil du hier was zu sagen hast", konterte Lee mit vor der Brust verschränkten Armen, die Augen gefährlich zu Schlitzen verengt. „Oliver konnte tun und lassen, was er wollte und du hast ihn nie davon abgehalten." Aus seinen Worten war ein kleiner Hauch von Neid herauszuhören, der Adrien nur noch mehr erzürnte.
„Wann geht es endlich in deinen Schädel rein, Lee? Oliver kam damit durch, weil er dazu imstande war, Neues auszuprobieren ohne meine Nerven übermäßig zu strapazieren. Du aber wirst niemals wie Oliver Wood sein, und deshalb lässt du in Zukunft diese Albernheiten – haben wir uns verstanden?"
Seine Stimme war inzwischen so laut und scharf geworden, dass alle anderen verstummt waren. Blackburn lachte hohl und seine Lippen verschoben sich zu einem hämischen Grinsen, in seiner Stimme schwang eine gehörige Portion Sarkasmus.
„Rührend, welch hohe Meinung du von Wood hast. Wenn man dir so zuhört, könnte man fast meinen, er wäre der Gott aller Hüter … nur schade, dass er nicht mehr DA ist …"
„Lee, das reicht …", knurrte Adrien mit zusammengebissenen Zähnen, doch er kannte Blackburn gut genug, um zu wissen, dass dieser keinesfalls aufhören würde. Dafür verschaffte ihm das Herumreiten auf wunden Punkten anderer Leute zuviel Genugtuung.
„Sieh's doch endlich ein, Adrien. Wood hatte einfach Besseres zu tun … vielleicht fühlte er sich auch zu was Besserem berufen – wer weiß. Aber dass du so auf den kleinen, talentierten Oliver angewiesen bist …"
„Ich sagte, das reicht!", brüllte Adrien, nun bebend vor Wut – und mit dem ersten Donnerschlag in der Ferne hörte man auch das Schallen einer saftigen Ohrfeige.
Rob Grant, der während dem Training den belanglosen Papierkram unten auf der Tribüne erledigt und das Team nur mit einem Auge beobachtet hatte, legte die Pergamentrollen nun stirnrunzelnd beiseite und eilte in die Mitte des Feldes, während Lee Blackburn sich blinzelnd seine gerötete Wange rieb und den schwer atmenden Adrien halb perplex, halb bösartig anstierte.
„Harrold, was zum Teufel ist in dich gefahren?", bellte Grant mit in die Hüften gestemmten Händen hinauf in den grauen Himmel, an dessen Firmament die anderen in dunkelblaue Umhänge gekleideten Spieler wie erstarrt in der Luft schwebten und ihren Hüter und Kapitän genau beobachteten. Keiner wagte auch nur ein Wort zu sagen.
Der Kapitän starrte für den Bruchteil seiner Sekunde auf seine Hand im Schutzhandschuh, seine Brust hob und senkte sich in unregelmäßigen Atemzügen und sein Herz schlug so schnell, dass er das Gefühl hatte, es würde ihm im nächsten Moment aus der Brust springen.
„Adrien, spinnst du?", kam es plötzlich von Harry Eversemen rechts von ihm; der Jäger hatte seinen Besen gewendet und neben dem Kapitän zum Stillstand gebracht. „Was ist bloß los mit dir?"
Adrien sah auf und in viele fassungslose und erstaunte Gesichter; egal wohin er sich wandte, ihre Blicke schienen ihn zu durchbohren. Es war dieser Augenblick, als er wieder einmal erkannte, dass keiner in diesem Team in je wirklich verstanden hatte – oder verstehen würde. Der einzige Mensch, der dies zustande gebracht hatte … er war fort.
Mit einem Mal fühlte er sich erschöpft und müde, der aufkommende Wind – als Ankündigung für das aufziehende Gewitter – zerzauste sein Haar und er klammerte die Hände fest um den Besenstil seines Feuerblitzes. Sein Herz und der Schmerz in seiner Schulter pochten im Einklang.
„Lasst mich doch alle in Ruhe …", murmelte er heiser und setzte ohne weitere Worte zum Sinkflug an; er landete und schlug etwas härter auf der Erde auf als beabsichtigt. Mit einem seltsam wackeligen Gefühl in den Kniescheiben schulterte er seinen Besen und marschierte vom Feld, vorbei an Robert Grant, der ihn erst fassungslos anstarrte und ihm dann, zeternd wie ein Rohrspatz, hinterherlief; die Spieler verharrten noch immer schweigend auf ihren Positionen, während sich Blackburns Lippen zu einem leichten, triumphierenden Lächeln verbogen.
„Kannst du mir mal erklären, was mit dir los ist? In letzter Zeit verlierst du ziemlich oft die Nerven, Freundchen!"
„Passiert …"
„Passiert?! Herrgott noch mal, Adrien! Du sollst das Team leiten und es vereinen – nicht die Mitglieder k.o. schlagen! Verschwinde, für heute bist du hinüber … geh nach Hause und bleib da –"
„Hatte ich ohnehin vor …"
„… ich lasse nicht zu, dass du den anderen gegenüber gewalttätig wirst, Adrien Harrold!", beendete Grant seine Schimpftirade und blieb mit hängenden Schultern stehen. Auch Adrien war stehengeblieben und hatte sich umgewandt, doch der Blick, den er in seinen Augen trug, ließ Rob frösteln.
„Ach ja? Aber du lässt es zu, dass sich dieser arrogante Vollidiot aufführt wie der Zaubereiminister höchstpersönlich und sich alles herausnimmt, was ihm nicht zusteht?", rief der Kapitän zornig und deutete hoch in den Himmel, Unverständnis und Wut flackerten in seinem Blick.
„Adrien, komm auf den Boden –"
„Bin ich doch schon längst", kam es lakonisch zurück und Grant seufzte. Womit hatte er solch eine Teamkrise verdient?
„Du weißt genau, was ich meine, und jetzt hör mir endlich zu! Ich kenne Lees Art, aber er ist der Einzige, den wir haben – und damit wirst du dich zurechtfinden müssen, Junge. Du konntest es schon einmal, schon vergessen?"
„Das war, bevor Oliver kam, Rob! Oliver hatte Talent, er war nicht so, er hätte nie –"
„Oliver ist Geschichte, Adrien!", rief Grant händeringend aus, und dieser eine Satz schien endlich Wirkung zu zeigen. Es war, als hätte Adrien ein Blitz getroffen, er war erstarrt und sein Blick wurde leer.
Oben in den Lüften wussten die anderen, dass der Coach einen empfindlichen Punkt getroffen hatte. Olivers Weggang hatte Adrien nicht gut getan – sie alle wussten, dass Wood der einzige gewesen war, der einen wirklich guten und tief freundschaftlichen Draht zu dem Kapitän gehabt hatte (so schwer und kompliziert ihnen dies auch erscheinen mochte).
„Geschichte, sagst du?", wiederholte Adrien schließlich in die Stille hinein, und seine Stimme klang hohl und seltsam leblos. Er sah aus, als hätte ihn eben jemand geohrfeigt. „Nun, wenn du es so siehst …"
„Adrien, du weißt genau wie ich es meine … komm zurück!"
Doch der Kapitän war bereits hinter den Absperrungen zu den Kabinen verschwunden. Seine letzten Worte waren voll von Enttäuschung und Verachtung.
„Wie schnell du vergisst, Rob, was Oliver für uns getan hat, ist nicht meine Sache. Aber ich werde nicht zulassen, dass sich dieser Idiot dort oben mit Federn schmückt, die seiner nicht würdig sind!"
Wütend stürmte er aus dem Stadion, entledigte sich mit rasenden Gedanken in der Umkleide seiner Mannschaftsumhänge, verhedderte sich unzählige Male, fluchte und schaffte es schließlich nach einigen Minuten, wieder in Bluejeans, Shirt und heller Lederjacke dazustehen. Die Wut in seinem Herzen allerdings schwelte immer noch.
Als er mit der Tasche über der Schulter und in Gedanken versunken hinaus auf die Straße trat, empfingen ihn ein heller Blitz und eine Rauchwolke. Unwirsch hielt sich Adrien blinzelnd die Hände vor die Augen und konnte gerade noch einen Fotografen ausmachen, der – er wusste nicht, von welchem Blatt er war – eifrig versuchte, ihn noch mal aus einem besseren Winkel ablichten zu können.
„Mr Harrold, hier rüber, hier rüber! Kommen Sie, sehen Sie hier rüber!"
Adrien, der sich noch immer schützend die Arme vors Gesicht hielt, machte einen großen Bogen um den Fotografen und seinen magischen Fotoapparat.
„Verschwinden Sie! Ich will keine Fotos!", fuhr er den untersetzten, schelmisch grinsenden Mann mit der schief auf dem Kopf sitzenden Melone an, doch dieser ließ sich davon nicht beirren.
„Zu spät", kicherte er boshaft und wollte gerade ein weiteres Bild eines sich sträubenden und ziemlich fertig aussehenden Kapitäns von Puddlemere United schießen, doch dieser machte ihm einen Strich durch die Rechnung.
Mit einer kurzen Drehung und einem leisen PLOPP war Adrien Harrold verschwunden und der Blitz des Fotoapparates beleuchtete die leere Straße.
„Ist mit dem Herrn alles in Ordnung?", fragte die winzige Hauselfe vorsichtig, als Adrien im Flur seiner Wohnung – die unweit der Olivers lag – apparierte und frustriert die Sporttasche unsanfter als beabsichtigt auf die dafür vorgesehene Ablage pfefferte. Sofort wuselte die Hauselfe herbei und begann, die Tasche mit den verschwitzten Sachen darin auf ihre winzigen Arme zu laden, um sie später zu waschen.
„Mach dir darum mal keine Sorgen, Cubby", murmelte der junge Mann gedankenverloren und strich der Hauselfe kurz über die großen, fledermausartigen Ohren, was ihr zu gefallen schien. „Würdest du mir den Gefallen tun und nachher den Brief von Oliver Wood zu mir ins Wohnzimmer bringen? Ach ja, und nimm die Feuerwhiskyflasche auch gleich mit. Danke."
Cubby verbeugte sich tief und bedachte ihren Herrn mit einem ehrfurchtsvollen Blick aus ihren großen, grünen Glubschaugen; dann trippelte sie auch schon von dannen, um die Wäsche zu entsorgen – so eifrig, dass ihr dunkelblaues Geschirrtuch hin und her raschelte.
Eine Hauselfe wie sie war ein Privileg, das nur dem jeweiligen Kapitän der Mannschaft vorbehalten war, und da Adrien vor Jahren zu eben diesem gewählt worden war, stand sie nun in seinen Diensten, was ihr außerordentlichen Spaß zu machen schien. Er selbst mochte es, sie um sich zu haben, denn sie war eine quirlige Elfe, die immer etwas zu erzählen wusste und ihn so in den letzen Wochen oft von seinen Gedanken abgelenkt hatte.
Mit einem leichten Hungergefühl im Bauch verließ Adrien den schmalen Flur mit den Ablagen für seine Taschen und Jacken und dem großen, eingerahmten Schwarz-Weiß-Bild von Joscelind Wadcock, jener Jägerin, die in den frühen Dreißigern der Mannschaft von Puddlemere einen Rekord im Torewerfen beschert hatte. Die Aufnahme war schon alt und die Hexe darauf wirkte seltsam verschwommen, doch es bescherte dem Kapitän immer wieder kalte Schauer auf dem Rücken, wenn er sah, mit welcher Geschwindigkeit und Effizienz diese Frau den Quaffel durch die Torringe schleuderte.
Und da sagte noch einer, Frauen verstünden nichts vom Sport.
Neben der geräumigen und hellen Küche, in der Cubby ein äußerst ordentliches und talentiertes Händchen bewies, befand sich das ebenfalls hell gestrichene Wohnzimmer mit den dann doch eher dunkel gehaltenen Möbeln. Ein niedriger Glastisch befand sich in der Mitte des Raumes, darunter ein großer, dunkelroter Teppich und in der Ecke eine kleine Zimmerpalme. Im Bücherregal an einer der Wände waren neben verschiedensten Quidditchbüchern, -zeitschriften, Medaillen und anderen Dingen auch Bilderrahmen mit Fotos darin zu finden und die Personen winkten fröhlich heraus, als sie Adrien hereinkommen sahen.
Auch Oliver war vertreten, Seite an Seite mit seinem Kapitän saß er auf der Tribüne des Stadions und lächelte in die Kamera, bevor er Adrien lachend in die Seite boxte – ein Anblick, der beinahe schon wehtat.
Adrien seufzte und ließ sich auf das dunkle Ledersofa fallen, sein Blick schweifte über die mit Regalen vollgestellte, gegenüberliegende Wand und blieb an jenem Foto hängen.
„Was machst du wohl gerade, du verrückter Schotte …", murmelte er niedergeschlagen und rieb sich die Augen. Eigentlich fühlte er sich erschöpft und ausgebrannt, doch er beschloss, Cubby noch ein wenig Gesellschaft zu leisten und auf Olivers Brief zu antworten. Ächzend rieb er sich seine Schulter, die ein jäher Schmerz durchfuhr. Er sollte wirklich etwas dagegen unternehmen.
„Ist der Herr hungrig?", kam es in diesem Moment piepsend von der Wohnzimmertür her; Cubby hatte den Raum betreten, in der einen Hand den Brief von Oliver und in der anderen eine Flasche halbvoll mit bernsteinfarbener Flüssigkeit.
„Nein, danke Cubby. Du kannst die Flasche hier lassen."
Die Hauselfe stellte gehorsam alles auf den Tisch und verbeugte sich tief. Dann schien sie etwas nervös zu werden, unruhig tapste sie von einem Fuß auf den anderen und zerknüllte ihr Geschirrtuch zwischen den langen, knorrigen Fingern. So, als ob etwas dringend aus ihr herausmüsste, sah sie ihn aus ihren großen Augen an.
Adrien runzelte die Stirn und langte nach der Whiskyflasche – ein Griff, der in letzter Zeit zur Gewohnheit geworden war. „Was ist denn, Cubby? Los, raus mit der Sprache!"
„Cubby will dem Herrn ja nicht zu nahe treten", piepste die Elfe leise, „aber das ist bereits die zweite Flasche, die Cubby diese Woche gekauft hat – und heute ist doch erst Mittwoch!"
Der junge Mann stutzte und betrachtete die scheue Hauselfe, die offensichtlich eine Rüge für diese Aussage erwartete, mit nachdenklichem Blick. Natürlich machte sie sich Sorgen, natürlich merkte sie, dass es ihm nicht gut ging. Sie hatte sogar – und das gab er etwas widerwillig zu – Recht mit dem versteckten Vorwurf. Er trank wirklich zuviel in letzter Zeit – eine Tatsache, die sich sowohl auf seine Laune als auch auf seine Fähigkeiten als Jäger auswirkte.
Und doch … wie es die Zeitungen schon oft schön umschrieben hatten: Mit seinem etwas schwierigen Charakter war nicht leicht umzugehen – das beste Beispiel dafür war der Rest des Teams. Von Anfang an schon, seit er vor sechs Jahren mit zwanzig zu Puddlemere gekommen war, war es so gewesen – akzeptiert, gut behandelt und respektiert, aber nie wirklich zugehörig war er gewesen. Mit Olivers Einstieg in die Mannschaft hatte sich dieser Zustand gewandelt – und Adriens Leben, bis dahin eher einsam, hatte einen Aufschwung bekommen. Nun aber, da Oliver fort und wieder in Hogwarts war, hatten ihn die Vergangenheit und die Einsamkeit wieder eingeholt – ein Zustand, den Lee Blackburn schamlos ausnutzte, ganz genau wissend, wie es um die Hitzköpfigkeit und das Temperament des Kapitäns bestellt war – ebenso wie um dessen Schwächen.
Irgendwie, so glaubte er, konnte er selbst nicht mehr mit sich umgehen.
Harrold hatte das dumpfe Gefühl, dass die anderen sehr wohl wussten, dass er seine Einsamkeit auf die eine oder andere Art zu vergessen suchte, doch darauf angesprochen hatte ihn noch niemand. Sollten sie doch über ihn reden … der Sport war das einzige, das ihm wirklich geblieben war.
Cubby aber sollte sich nicht mehr Sorgen machen als ihr gut tat, und genau dieser Zustand sollte geändert werden.
Adrien stellte mit einem freundlichen Lächeln die Flasche zurück auf den Tisch und blickte die Elfe aufmunternd an.
„Keine Sorge, Cubby. Es ist gut, okay? Ich komme schon klar … du kannst dich schlafen legen, wenn du willst."
Die Augen der Hauselfe weiteten sich und sie nickte beklommen. „Und der Herr ist sicher, dass er keinen Hunger mehr hat? Cubby könnte Sandwiches anrichten …"
„Heute nicht mehr. Ruh dich aus, Cubby."
„Gute Nacht, Adrien, Sir!"
Die Hauselfe verließ mit gesenktem Kopf das Wohnzimmer, das viel zu große Geschirrtuch schlurfte zwischen ihren großen Füßen auf dem Boden dahin. So niedergeschlagen und nachdenklich hatte Adrien sie selten gesehen und er beschloss, das Trinken in ihrer Gegenwart zurückzunehmen.
Als der Kapitän die Tür zur kleinen Kammer der Hauselfe zugehen hörte, seufzte er und langte erneut nach der Whiskyflasche.
Das Brennen der Flüssigkeit rann seine Kehle hinunter und betäubte das drückende Gefühl in seinem Brustkorb. Er hustete und nahm einen weiteren, großen Schluck, bevor er die Flasche wieder wegstellte und den Zauberstab aus der Tasche holte.
„Accio Schreibzeug!"
Aus dem Regal gegenüber erhoben sich ein unbeschriebenes Blatt Pergament, eine Adlerfeder sowie ein geschlossenes Tintenfässchen und flogen langsam zu ihm herüber, bevor sie sich fein säuberlich auf dem gläsernen Wohnzimmertisch niederließen.
Adrien zog das leere Pergamentblatt zu sich heran, nahm noch einen tiefen Schluck Whisky und entfaltete Olivers letzten Brief.
Der starke Alkohol in seinem Blut tat bereits seine Wirkung, und nicht selten kam es vor, dass der Kapitän manche Wörter zweimal lesen musste, als er den Brief noch einmal überflog.
Wood hatte es also auch nicht leicht, dort in der Schule – zumindest nicht, was gewisse Lehrkörper anbelangte. Die Beschreibung seiner neuen Kollegin aber ließ Adrien schmunzeln; und die Einladung zum Mittagessen am ersten Oktoberwochenende, das ja bereits in eineinhalb Wochen war, erfreute ihn.
Er hätte schon viel früher Zeit finden müssen, seinem besten Freund zu antworten, dachte er beklommen und nahm sich vor, das nächste Mal schneller zu sein.
Während die Flüssigkeit in der Whiskyflasche immer mehr zur Neige ging, füllte Adrien das Blatt Pergament mit Zeilen in ziemlich krakeliger, vom Alkohol gezeichneter Schrift, und je mehr er schrieb, desto mehr wünschte er sich die alten Zeiten zurück.
Hey Oliver,
ich hab mich sehr über deinen Brief gefreut – schön, dass es dir gut geht.
Eine niederträchtige Person? Ehrlich Oliver, lass dir von der nicht auf der Nase herumtanzen, oder besser gesagt vorschreiben, wie du leben oder woran du glauben sollst. Dumbledore hat dir einen Auftrag gegeben, den du meisterhaft ausführst – alles andere ist zweitrangig.
Eine heiße Griechin? Hey, wann kann ich vorbeikommen? :-)
Slytherins und Anbrüllen – die beiden Wörter zusammen gefallen mir sehr gut … ;-) Dein ausschweifendes Temperament ist uns ja allen bekannt … Du musst mir die Einzelheiten dieser Auseinandersetzung mal näher berichten.
Ja, von Angelina hast du mir erzählt – die Ärmste, ich hoffe, der „passable Ersatz" ist kein solcher Vollidiot, wie Lee Blackburn es ist. Wenn sie nur halb so viel Temperament hat wie du, würde sie hier durchdrehen.
Adrien hielt inne, die Spitze der Feder war nur Millimeter über das Pergament gesenkt. Sollte er Oliver von seinen Problemen in der Mannschaft erzählen? Sollte er ihm erzählen, dass Grant ihn nach Hause geschickt hatte? Dass alle ihn schief ansahen? Dass die Medien langsam Wind von der Sache bekamen? Dass er Lee geschlagen hatte?
Nein, besser nicht. Er sollte sich zu all den Problemen rund um die Rückkehr des Dunklen Lords nicht auch noch Gedanken um ihn machen müssen.
Nun ja … mach dir keine Sorgen um mich hier. Ich komm mit ihm schon zurecht …
Irgendwie … sicher …
Danke übrigens für deine Einladung – werde natürlich kommen! Wir können die näheren Details ja noch besprechen.
Schönen Tag noch – pass auf dich auf, tu mir den Gefallen …
Adrien
Schwungvoll unterschrieb der Kapitän auf dem Pergament und betrachtete den fertigen Brief, der mittlerweile einige Whiskyflecken abkommen hatte. Mit der Zeit hatte der Alkohol Adrien nachdenklich und niedergeschlagen gemacht – wie so oft, und er starrte eine ganze Weile auf die Zeilen, die vor seinen Augen tanzten, bevor er das Pergament faltete und Olivers Namen daraufschrieb.
Draußen war es bereits dunkel geworden, und Adrien erhob sich schwankend, blinzelte und tappte dann mit den Händen tastend hinüber in sein Schlafzimmer, wo sein Uhu Skiron in seinem Käfig auf der Kommode hockte und Eulenkekse verspeiste, die Cubby ihm gegeben hatte. Auf dem Boden des Raumes lagen Jeans, Hemden und Shirts wild verstreut, das Bett war nicht gemacht und man hätte wieder einmal durchlüften sollen – doch in diesem Moment war dem jungen Mann alles egal.
„Hey Skiron, Arbeit für dich", sagte er mit heiserer Stimme und ließ den Uhu aus dem Käfig. Skiron, der mit seinem dunklen Gefieder und den tiefliegenden, dunklen Augen sehr ernst auszusehen schien, schuhute leise und hielt seinem Herrn ein Bein hin, damit dieser den Brief daran festmachen konnte.
„Bist ein guter Uhu", versicherte Adrien dem Tier, bevor er das Fenster öffnete und es nach draußen in die bewölkte Nacht entließ. „Bring es zu Oliver, ja?" Die letzten Worte brüllte er hinaus in die Nacht, während der Wind zum Fenster hereinfuhr und seine erhitzte Haut kühlte.
Sein Herz pochte schnell und unkontrolliert gegen seinen Brustkorb und mit einem Mal hatte er Lust, noch auszugehen – etwas, das er in den letzten Wochen ziemlich häufig tat. Fahrig stromerte er zurück ins Wohnzimmer und bemächtigte sich erneut seiner Whiskyflasche, dann begann er im Schlafzimmer, sämtliche Jeans, die er besaß, aus dem Schrank herauszuholen und auf dem großen Bett auszubreiten. Dasselbe geschah mit allen Shirts und allen Sneakers, und schließlich glich das Schlafzimmer einem modischen Schlachtfeld.
Während Adrien einen tiefen Zug aus der Flasche nahm, wühlte er sich durch seine Kleiderbestände und hatte sich schließlich für ein schwarz-weiß gestreiftes Shirt zu dunklen Jeans und weißen Turnschuhen entschieden. Er lachte leise ob der Unordnung; bemerkte, dass die Flasche mittlerweile leer war und warf sie fluchend in eine Ecke (wo sie Merlin sei Dank weich auf einem Haufen Hemden landete).
Einige Minuten später schließlich war er fertig angezogen, seine Haare waren einigermaßen in Form gebracht, und aus einer kleinen Vase im Wohnzimmer fischte er einige Pfundnoten, die er für solche Fälle bei Gringotts getauscht hatte. Eigentlich war er mit Oliver gerne in Pubs gegangen, die der Zaubererwelt angehörten, doch seit Wood weg war, hatte Adrien in seinen zahllosen Nachtspaziergängen durch alle möglichen Großstädte Englands (in die er sich wahllos appariert hatte) die Clubs der Muggel für sich entdeckt.
Keine stumpfsinnigen Reporter und Fotografen irgendwelcher Sportzeitschriften, die ihn verfolgten und fotografierten, keine Fans, die Autogramme von ihm wollten – einfach Muggel, die keine Ahnung hatten, wer er war.
Zufrieden mit seinem ihm entgegengrinsenden Spiegelbild (tatsächlich sah es müde und abgespannt aus) trat er in den Flur und machte sich zum Disapparieren bereit. Auch wenn sein Gang taumelnd war und er mehrmals blinzeln musste, um sich klare Sicht zu verschaffen, schaffte er es, sich auf sein Ziel – einen der größten Clubs Londons – zu konzentrieren und war im nächsten Moment auch schon verschwunden.
Es war einfach zum Verzweifeln.
Wayne Sandrew, seines Zeichens Fotograf des Tagespropheten und immer zur Stelle, wenn es eine heiße Story aufzuspüren galt, schlenderte seit geraumer Zeit durch Londons Straßen; die magische Kamera baumelte von seiner Schulter, die Melone saß schief auf seinem Kopf.
Heute war ein schlechter Tag gewesen – bis auf einen übel gelaunten Adrien Harrold war ihm nichts vor die Linse gelaufen, und diese Tatsache war auch verantwortlich für seine schlechte Laune. Bis zehn Uhr musste er die Fotos an die Redaktion des Propheten weitergeben, wenn sie in der Ausgabe des nächsten Tages erscheinen sollten – doch mit solch einer mageren Ausbeute brauchte er gar nicht erst aufzukreuzen.
Sein Weg hatte ihn aus dem Zauberer-London herausgeführt, und so schlug er den Weg in eine belebte Muggelstraße ein. Er wusste, dass es manche berühmte Zauberer gab, die sich auch hier aufhielten, um nicht erkannt zu werden – und er sah es als letzte Chance, seine Ausbeute etwas aufzubessern.
Er passierte einen bunt beleuchteten, aufmerksamheischenden Hauseingang, vor dem sich ein ganzer Haufen Menschen drängte und aus dem ziemlich laute Musik tönte. Zwei bullige Männer in schwarzer Kleidung sorgten dafür, dass die Leute in geordneten Reihen in das Haus strömen konnten, und Wayne schüttelte ungläubig den Kopf.
Muggel …
Sandrew wechselte auf die gegenüberliegende Straßenseite und wollte gerade schon den Weg in eine Seitenstraße links einbiegen, als in der Seitenstraße rechts von ihm plötzlich eine Person aus dem Nichts auftauchte.
Der Fotograf schluckte und huschte schnell hinter eine Litfasssäule, die Kamera bereit – denn Muggel tauchten nicht plötzlich aus dem Nichts auf, und schon gar nicht in einer Seitenstraße. Hier wollte wohl jemand nicht gesehen werden, und das roch nach einer Story.
Die Person, die eben in der Seitenstraße appariert hatte, stolperte und lehnte sich an die Wand, bevor sie sich an der Mauer nach vorn tastete und ins Licht der Straßenlaterne trat; das Gesicht abgespannt, die Bewegungen langsam und fahrig, der Schritt unsicher, und endlich konnte Wayne Sandrew sein Gesicht sehen.
„Bingo!", flüsterte der Fotograf triumphierend, packte seine Kamera und folgte Adrien Harrold, der auf die Menge Leute zuhielt, die nun schneller in den Club strömte und reihte sich in die Schlange hinter einer dunkelhaarigen, attraktiven Frau ein, die bereits im Takt der Musik mit dem Fuß wippte.
Sieht ganz so aus, als wäre an den Alkoholgerüchten doch etwas dran …
Mit einem kurzen Tippen seines Zauberstabs auf die Kamera deaktivierte er den üblichen, pompösen Blitz mit Rauchwolke – was die Schnappschüsse auf die „Opfer" unauffälliger und so erfolgreicher machte; dann reihte er sich ebenfalls in die Schlange ein und konnte gerade noch ein heimliches Foto schießen, als Adrien Harrold den Club betrat, sein Arm lag bereits um die Schultern der dunkelhaarigen Schönheit vor ihm und er flüsterte ihr etwas ins Ohr, so als ob sie sich schon ewig zu kennen schienen. Sie lachte und warf in einer eleganten Bewegung ihr langes, dunkelbraunes Haar zurück.
Es sah ganz so aus, fand Sandrew, als er den Club betreten hatte und Harrold unauffällig folgte, als würde die Ausbeute um zehn Uhr auf dem Schreibtisch des Chefredakteurs deutlich spektakulärer ausfallen …
Als Oliver Wood am nächsten Morgen, einem Sonntag, hinunter in die Große Halle schlenderte, um zu frühstücken, dachte er noch immer über den eher seltsam anmutenden Brief nach, den er noch eine halbe Stunde zuvor von Adrien erhalten hatte. Erst nach zwei Wochen hatte er geantwortet, der September neigte sich bereits dem Ende zu und das Treffen rückte immer näher.
Wood hatte eine Weile gebraucht, bis er die Handschrift, die gar nicht zu seinem besten Freund passte, entziffert hatte, ganz zu schweigen von den unzähligen Flecken quer über dem Pergament. Irgendetwas stimmte nicht mit Adrien, das konnte der junge Schotte spüren, doch im Brief war nichts, was er als Anhaltspunkt gebrauchen konnte (nun gut, sah man von dem beunruhigend scharfen, alkoholischen Geruch ab, der dem Blatt entströmte).
Die zwei Wochen, die Adrien gebraucht hatte, um zu antworten, kamen ihm ebenfalls höchst ungewöhnlich vor, war es doch der Kapitän, der immer sofort auf dem neuesten Stand sein wollte. In der Zwischenzeit hatte das Leben in Hogwarts den Lauf der Routine eingenommen, die Stunden liefen wie am Schnürchen, Katie lächelte ihm jedes Mal zu, wenn sie sich begegneten und Cassandra hatte mittlerweile begonnen, ihm in den Pausen und während des Mittagessens griechische Wörter und Phrasen zu lehren. Sein Leben lief also in geordneten Bahnen (mehr oder weniger, wenn man die ständig um Katie und den Albtraum vor zwei Wochen kreisenden Gedanken ignorierte), und dieser Brief hatte jenen Bahnen einen Stein in den Weg gelegt.
All die Überlegungen über Adriens Verhalten brachten Oliver keinen Schritt weiter, und er wollte gerade den Weg zur Großen Halle einschlagen, als Harry Potter aus einem Seitengang trat, ihn erblickte und ihn mit ernstem Blick aufhielt.
„Morgen, Harry! Welche Laus ist dir denn schon über die Leber gelaufen?", begrüßte Oliver den Sucher gut gelaunt und klopfte ihm auf die Schulter.
„Mir nicht, Oliver", antwortete Harry mit ernster Stimme und erst jetzt bemerkte Wood, dass sein Freund eine Ausgabe des Tagespropheten in den Händen hielt.
„Was ist dann mit dir los?"
Harry zögerte, bevor er weitersprach. „Aus deinem Verhalten schließe ich, dass du es noch nicht gelesen hast …"
„Was gelesen, Harry?"
Und Harry hielt ihm wortlos den Tagespropheten hin.
Anm. der Autorin: Uhuuuuuu welch böser Cliff aber ich verspreche euch , dass es schnell weitergehen wird!! Natürlich hoffe ich wieder auf viele Reviews und dass es euch gefallen hat natürlich auch )
Eure Caly
