14. Kapitel Hogsmeade Teil 2 – Adriens Geschichte
Anm. der Autorin: Bedarf es noch vieler Worte? Nein? Dann los, und ignoriert einfach das wohl kürzeste Vorwort, dass es hier je gegeben hat
Es sei nur noch vorneweg gesagt, dass mich dieses Gespräch seeehr, seehr viel Nerven und Zeit gekostet hat ;)
Reviews?? :-(
Und nun viel Spaß mit dem klärenden Gespräch ;-)
Eure Caly
Mein Leben ist ein Chaos, schau mal genauer hin
Und du glaubst, ich bin stark und ich kenn den Weg
Du bildest dir ein, ich weiß wie alles geht
Du denkst, ich hab alles im Griff und kontrollier was geschieht …
Ich+Ich - Stark
„Hallo, Oliver …"
Das Erste, was Oliver durch den Kopf schoss, als er Adrien vor sich sah, war, dass dieser keineswegs gesund aussah.
Unter den sonst so durchdringenden hellen Augen, die nun so seltsam leer wirkten, zeichneten sich dunkle Ringe ab, sein kantiges Gesicht mit dem stoppelig werdenden Kinn wirkte abgespannt und ausgebrannt und er sah aus, als ob er einige Nächte lang nicht geschlafen hätte. Seine leise Stimme klang ziemlich rau und heiser. Die Hände hatte er in den Hosentaschen vergraben, starr wie eine Statue stand er da, mitten auf der Hauptstraße von Hogsmeade, rührte sich nicht und sah Wood einfach nur in die Augen. Schuldbewusstsein, nichts als Schuldbewusstsein, sprach aus seinem Blick, vermischt mit einem Hauch – war es Angst?
„Adrien!"
Oliver machte mit klopfendem Herzen einen Schritt auf seinen besten Freund zu, doch dieser bewegte sich noch immer nicht, musterte ihn vorsichtig von Kopf bis Fuß, als ob er erwartete, Wood würde jeden Moment in eine Moralpredigt oder Schimpftirade ausbrechen oder sich gar von ihm abwenden.
Ungeachtet dieser Scheu brachte Oliver auch noch den Rest der Entfernung zwischen ihnen hinter sich und grinste Adrien – froh, dass er ihn endlich wiedersehen konnte – an, bevor er ihn in eine Umarmung zog.
„Ich bin froh, dass du gekommen bist."
Der junge Kapitän ließ diese völlig unerwartete Geste der Freundschaft erst regungslos über sich ergehen und hatte sichtlich nicht wirklich damit gerechnet, bevor auch er nicht mehr an sich halten konnte und die Umarmung erwiderte – und es war, als wäre ein Teil seines Inneren zurückgekehrt. Jener, der ihn selbst verstand.
„Ja … ich auch …"
Es dauerte lange, bis sie sich voneinander lösen konnten; der Zeitungsartikel und alle Probleme schienen vergessen und beiden lagen unzählige Fragen auf der Zunge, die sie einander stellen wollten, doch zuerst galt es, von der belebten Hauptstraße wegzukommen, auf der bereits die ersten Schüler Adriens Anwesenheit tuschelnd und fingerzeigend zur Kenntnis genommen hatten.
Oliver warf ihnen einen tadelnden Blick zu und bugsierte seinen besten Freund hinein in das völlig überfüllte Wirtshaus. Er wusste später nicht mehr, wie sie es zustande gebracht hatten, Adrien fast unerkannt durch das Gewirr von Tischen, Schülern und Dorfbewohnern zu schleusen, doch er war dankbar dafür, und als sie am Tresen ankamen, empfing sie Madam Rosmerta mit einem strahlenden Lächeln.
„Oliver, schön dich zu sehen!", begrüßte sie den ehemaligen Kapitän überschwänglich und kam hinter der Schank hervor. „Was kann ich für dich tun?" Als sie sah, wer neben Oliver stand und unsicher im Raum umherblickte, gefror das Lächeln auf ihren Lippen und ihr Blick wurde ernst. Offenbar hatte auch sie die Geschichten im Tagespropheten verfolgt.
„Ich nehme an, du brauchst etwas Ruhigeres?", mutmaßte sie leise und Wood nickte dankbar. „Das wäre toll, Rosmerta."
Die Wirtin bedeutete ihnen, ihr zu folgen und verschwand im Gedränge Richtung Hinterzimmer. Die beiden jungen Männer warfen sich einen kurzen Blick zu und folgten ihr.
Der Geräuschpegel im Hinterzimmer war um einiges angenehmer, so auch die Atmosphäre. Ein munteres Feuer prasselte im Kamin und malte goldene Schatten an die Wand, und ein paar Tische und Stühle säumten den mit Portraits und Bildern behangenen Raum. Durch ein Fenster an der Längsseite fiel Tageslicht herein.
„Danke, Rosmerta."
„Keine Ursache. Was kann ich euch bringen?"
Adrien, der sich bereits an einem der Tische niedergelassen hatte, streifte seinen Umhang ab und murmelte: „Einen doppelten – ahm, ich meine … Wasser, bitte."
Oliver warf Adrien einen musternden Blick zu und fügte dann hinzu: „Für mich auch, danke."
Madam Rosmerta verschwand eifrig wieder nach vorne in den Schankraum und schloss die Türe hinter sich. Sie waren allein.
Wood seufzte, verschränkte die Hände hinter dem Rücken und schritt langsam um den Tisch herum, bevor er sich seinem besten Freund gegenüber niederließ. Er versuchte, dessen Blick einzufangen, doch Adrien war schon immer ein gekonnter Meister im Blick-Ausweichen gewesen und schien auch in dieser Situation die Tischplatte viel interessanter zu finden.
„Du … siehst gut aus", murmelte der Kapitän mit ineinander verschränkten Fingern, noch immer, ohne seinen Freund anzusehen.
„Danke. Du nicht", erwiderte Oliver gelassen, der wusste, dass Adrien nichts von Heucheleien hielt und bestimmt genau wusste, was ihn aus dem Spiegel heraus ansah.
Wie durch ein Wunder erschien ein leichtes Lächeln auf Adriens Lippen und er hob den Blick.
„Ehrlich wie immer. Danke für das Kompliment."
Oliver erwiderte das Lächeln und stützte sich mit den Ellbogen auf dem Tisch ab. Dass das Gespräch eine vorerst lockere Wendung nahm, erleichterte ihn. Er hatte schon befürchtet, aus Adrien würde nichts herauszubekommen sein. „Nichts zu danken. Immer wieder gerne."
Ihre Blicke trafen sich und im nächsten Moment prusteten die beiden los; und selbst Adrien fiel in das Gelächter mit ein. Eine Unbeschwertheit, wie er sie schon lange nicht mehr erlebt hatte, erfüllte sein Herz – es schien schon so lange her zu sein, dass er das letzte Mal gelacht hatte. Heute war es endlich zurückgekehrt.
„Aber so ehrlich hättest du nicht zu sein brauchen … ich sehe bestimmt nicht so schlimm aus, wie du tust!"
„Wann hast du bitte das letzte Mal in den Spiegel gesehen? War er beschlagen oder so was? Anders kann ich mir nicht vorstellen, wie du so eine gut geredete Meinung von dir haben kannst."
Solche Gespräche waren eindeutig auf den selbstentwickelten Humor der beiden zurückzuführen – und jeder von ihnen wusste, dass der andere ihm diesen keineswegs übel nahm. Dieser Humor bewirkte in diesem Augenblick nämlich, dass Adrien seine Scheu endgültig ablegte und fast so unbeschwert wirkte wie früher – mit dem kleinen Unterschied, dass sein Gesicht noch immer die harte Zeit widerspiegelte, die er hinter sich haben musste.
Die Tür ging auf und Rosmerta tänzelte herein, ein Tablett mit zwei Wasserkelchen balancierend und offensichtlich höchst verwundert, die beiden Freunde in dermaßen guter Laune vorzufinden.
Lächelnd stellte sie die Kelche auf der Tischplatte ab, erkundigte sich nach eventuellen Essenswünschen der beiden Herren und eilte Augenblicke später bereits wieder mit der Bestellung von zwei einfachen, kleinen Braten hinaus in die Schankstube.
„Ich war nie sehr oft hier in Hogsmeade, aber ich weiß noch, wie wir das erste Mal hier in den Drei Besen waren", meinte Adrien belustigt, als sei wieder alleine waren. „Alle anderen aus meinem Jahrgang waren verrückt nach Rosmerta, das kannst du mir glauben."
„Lass mich raten: Dich hat es wahrscheinlich völlig kalt gelassen, oder?", schmunzelte Oliver und nippte an seinem Kelch. „Erzähl mir was anderes – Rosmerta lässt niemanden kalt."
Adrien zwinkerte verschwörerisch und bediente sich ebenfalls bei seinem Wasserkelch. Es war wirklich erstaunlich, wie viel er in den letzten Minuten aufgetaut war. Fast schien es, als hätte es nie einen Zeitungsartikel gegeben. Selbst seine Gesichtsfarbe sah gesünder aus.
Trotz allem wollte Wood mit seinem Freund sprechen und die genauen Hintergründe für den Artikel erfahren – und vor allem all seine unbeantworteten Fragen klären. Er musste es nur vorsichtig angehen und zusehen, dass Adrien nicht wieder blockierte. Also plauderten sie eine Weile über das Leben oben im Schloss („Wahnsinn, wenn ich gewusst hätte, wie viel Luxus den Professoren zusteht, dann wäre ich auch einer geworden!"), den Unterricht und natürlich Umbridge – obwohl Oliver sie vorsorglich nicht beim Namen nannte.
„Und dann dachte sie, mich irgendwie kleinkriegen zu können. Unentwegt hat sie mir Fragen gestellt und hat sogar Angelina und Alicia miteingespannt. Als sie dann damit anfing, sie hätte gehört, dass meine Trainingsmethoden zu meiner Kapitänszeit nicht immer sehr … nun … menschlich waren, dachte ich, es wäre vorbei."
Er grinste und nahm einen tiefen Schluck aus dem Kelch, während Adrien sich ein Lachen verbeißen musste. Olivers frühere Trainingsmethoden waren ihm nur zu gut bekannt.
„Gott sei Dank hat Alicia mich aus der Misere gerettet und behauptet, ich wäre die Sanftheit in Person gewesen …"
„Wie viel Geld hat sie dafür verlangt?", warf Harrold frech grinsend ein und schlug die Beine übereinander. „Wenn ich mich so an deine Erzählungen erinnere, kann ich mir schwer vorstellen, dass irgendjemand aus deinem alten Team freiwillig ‚heile Welt' vorspielt."
„Hey, pass auf was du sagst!", mahnte ihn Oliver gespielt beleidigt, doch aus seinen Augen blitzte der Schalk. „Ich habe meine Fehler mittlerweile wenigstens eingesehen …"
Nach diesem Satz senkte sich Stille über die beiden und Wood wusste, dass seine Worte eine eher unbeabsichtigte Wirkung auf Adrien gehabt hatten, denn er wurde still und ließ den Blick sichtlich unbehaglich im Raum umherschweifen. Seine Finger hatte er ineinander verschränkt und er wippte unablässig mit dem Fuß auf und ab – alles Zeichen riesiger innerer Nervosität, und auch Oliver wusste, dass die Phase der Unbeschwertheit nun vorübergegangen war.
Bevor er aber versuchen konnte, seinen besten Freund auf das Geschehene anzusprechen, ging die Tür auf und Madam Rosmerta stöckelte auf ihren altbewährten, türkis-glitzernden Pumps mit dem duftenden und dampfenden Mittagessen herein.
„Lasst es euch schmecken, meine Lieben", zwitscherte sie und stellte die Teller auf der Tischplatte ab. „Mahlzeit!" Laute Rufe von draußen holten sie auch sofort wieder zurück an den Tresen und sie ließ die beiden jungen Männer erneut alleine.
Während sie das Essen verspeisten, sprach keiner von ihnen auch nur ein Wort; nur hie und da huschte ein unsicherer Blick über die Tellerränder hinweg und musterte das Gegenüber vorsichtig.
Es war schließlich Wood, der zu dem Entschluss kam, das Schweigen, das wie eine dicke Eisschicht über ihnen lag, zu brechen. Er atmete tief durch und schob entschlossen seinen leeren Teller von sich, bereit, seinen besten Freund auf das anzusprechen, was ihm schon seit Wochen Sorgen bereitete.
Adrien hatte sein Mahl ebenfalls beendet, er warf Oliver einen kurzen Blick zu – und schien denselben Gedanken gefasst zu haben.
„Oliver –" „Adrien –"
Beide schmunzelten leicht, als sie vom anderen gleichzeitig angesprochen wurden und lehnten sich in ihren Stühlen zurück.
„Du zuerst", gaben sie schließlich – erneut unisono – dem anderen den Vortritt, und Adrien starrte verlegen auf die Tischplatte. Oliver bemerkte, dass er mit einem Mal wieder nervöser und fahriger wirkte und auch ein wenig blasser geworden war. Allem Anschein nach ging ihm das Geschehene mehr unter die Haut, als er zugeben wollte.
Gerade wollte der junge Schotte zum Sprechen ansetzen, um das langsam undurchdringlich anmutende Schweigen zu brechen, das sich über sie gelegt hatte, als Adrien ihm plötzlich zuvor kam. Seine Stimme klang zwar heiser, aber dennoch entschlossen. Er schien den festen Vorsatz zu haben, bei diesem Treffen alle Probleme aus dem Weg zu schaffen – ganz so, wie er es in seinem Brief angedeutet hatte.
„Ich weiß … es sieht nicht so aus, als ob ich wirklich für das einstehen würde, was ich getan hab … als ob ich es wirklich bereuen würde … Aber auch, wenn man es mir nicht ansieht, ich – es ist schwer für mich, dir jetzt so gegenüber zu treten … und du hast keine Ahnung, wie viel Überwindung es mich gekostet hat, dir in die Augen sehen zu können …" Er lachte leise und nervös auf, seine Finger kneteten fahrig die Falten seines Umhangs. Wood schwieg betreten und versuchte, den Blick seines Freundes aufzufangen, doch es war unmöglich. Ein flaues Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Noch nie hatte er seinen Freund so dermaßen unsicher, ja fast schon hilflos gesehen, und ihm kam der schleichende Gedanke, dass er den Zeitungen unrecht getan hatte. Es war offensichtlich, dass das schlechte Gewissen dessen, was er getan hatte, den jungen Kapitän nicht losließ.
„Adrien –"
„Nein, sag bitte nichts. Noch fühle ich mich mutig genug, um das zu sagen, was ich denke", schnitt ihm der Angesprochene mit entschlossener werdender Stimme das Wort ab und der junge Schotte war still; wartete ab, was geschehen würde. Die Fragen, die brennend auf seiner Zunge lagen und nach Antworten verlangten wie ein Durstiger nach Wasser mussten einen Aufschub hinnehmen.
Noch immer hatte Adrien den Blick auf die Tischplatte gerichtet, doch in ihm schien etwas Entscheidendes vorgegangen zu sein – etwas, das ihn nun reden ließ, so wie er es noch nie in seinem Leben getan hatte.
„In einem Brief, den ich dir einst schrieb … ich weiß, ich hätte es dir schon damals erzählen sollen, hätte dich vielleicht um Rat bitten sollen. Mein großer Fehler war, dass ich es nicht getan habe, weder das eine noch das andere." Er hob den Kopf und seine Augen trafen nun endlich die Olivers. Schuldbewusstsein sprach aus ihnen, größer noch, als in allen Zeilen, die er jemals verfasst hatte, und Wood schauderte ob der Entschlossenheit seines besten Freundes, der anscheinend endlich vorhatte, hart mit sich selbst ins Gericht zu gehen.
„Was hättest du mir erzählen sollen?"
Adrien schluckte und wandte den Blick wieder ab, ließ ihn durch den Raum schweifen. Seine Finger trommelten unablässig auf das Holz der Tischplatte.
„Weißt du, Oliver … ich weiß sehr wohl, dass es nicht gerade einfach ist, mit mir auszukommen. Mittlerweile habe ich sogar herausgefunden, dass ich nicht einmal selbst mit mir klarkomme." Erneutes leises, fahriges Auflachen. „Vielleicht hast du es in jener Zeit, als du in der Mannschaft warst, gemerkt … gemerkt, dass sich offensichtlich niemand wirklich dazu imstande fühlte, mit mir auszukommen … bis auf dich. Du warst immer anders – du warst nicht so zu mir, du hast nicht nur an meiner Oberfläche gekratzt. Du hast versucht, das, was darunter steckte, zu finden – und es geschafft. Ich weiß, dass hört sich alles sehr abgedroschen an …", er schluckte und in seinem Blick flackerte Verlegenheit auf, „… aber es ist so."
Eine kleine Pause trat ein; eine Pause, in der Oliver wieder einmal bewusst wurde, wie sehr man unter Einsamkeit leiden und deswegen verbittern konnte. Adrien war dafür das beste Beispiel und er selbst kannte das Gefühl, auf sich allein gestellt zu sein, ebenfalls – oft genug hatte er mit seinen Träumen und Theorien von einem Pokalsieg alleine dagestanden. Vielleicht fiel es ihm deswegen nun umso leichter, Verständnis für seinen besten Freund aufzubringen – mochte der noch so viel falsch gemacht haben.
Adriens Stimme holte ihn schließlich zurück aus seinen Gedanken. Der junge Kapitän hatte sich gerade aufgesetzt, den Blick hatte er auf die rissige Decke über ihnen gerichtet.
„Weißt du, was es für ein Gefühl ist, jeden Morgen zur Arbeit zu kommen und von allen mit Respekt begrüßt und als eine Art Anführer akzeptiert zu werden, aber nicht mehr dahinter zu spüren? Von allen Seiten schief angesehen zu werden, weil all deine Teamkollegen dies oder jenes von dir gehört haben wollen? In ihre Augen zu sehen und zu erkennen, dass sie bestimmte Vorkommnisse niemals vergessen werden?"
Bei seinem letzten Satz lag ein Hauch Bitterkeit in der Stimme, und Wood wusste, dass er gewiss von den Trainings nach dem Erscheinen des Zeitungsartikels sprach.
„Nein, das Gefühl kenne ich nicht", antwortete er schließlich aufrichtig, doch er hatte das Gefühl, als hätte Adrien ihn gar nicht gehört. Der Kapitän schien nun erst richtig aufzutauen und es war, als sprudle alles, was in sich in ihm wochenlang festgesetzt hatte, wie ein Wasserfall heraus. Durch seinen Blick zog ein Schimmer der alten Lebensfreude – es schien ihm gut zu tun, sich endlich alles von der Seele reden zu können.
„Und das Schlimmste ist, wenn du letztendlich erkennen musst, dass du nicht dazu imstande bist, dich zu verändern. So zu verändern, dass du in das Schema der anderen passt. Vielleicht willst du dich ja auch gar nicht ändern – aber du spürst dieses drückende Gefühl in deinem Herzen, das dir eine Veränderung als einzig möglichen Lösungsweg hinstellt und du fühlst dich entzweigerissen – ich fühlte mich entzweigerissen. Was sollte ich tun? Der einzige Mensch, der mir das Gefühl gab, so, wie ich war, genau richtig zu sein, war fort – der Rest versuchte erst gar nicht, mich so hinzunehmen, wie ich bin. Damit kam ich nicht klar, ich …" Seine Stimme wurde leiser; es schien ihn viel Überwindung zu kosten, die Worte auszusprechen. „… Es wurde schlimmer als früher … ich kann mich nicht mehr an den Zeitpunkt erinnern, als die Einsamkeit schließlich stärker wurde, als ich es war … es passierte einfach …"
Er verstummte und schluckte; die Erinnerung an die Zeit, die er hinter sich hatte, schien noch immer an ihm zu nagen und tief in ihm verwurzelt zu sein. Oliver wusste genau, wovon er sprach, wenn er ‚früher' meinte – jene Zeit vor seinem Eintritt in die Mannschaft, die auch schon damals nicht sehr leicht für ihn gewesen war.
„Wieso bist du nicht zu Rob gegangen?"
Der Angesprochene schnaubte leise. „Glaubst du wirklich, Rob hat auch nur den Funken einer Ahnung, was in mir vorgeht? Glaubst du, er hätte ansatzweise Verständnis? Nein, Oliver. Er hat keins von beidem. Persönliche Probleme haben in seiner Mannschaft nichts verloren – das wirst du gemerkt haben, als du den Artikel im Tagespropheten und die ganzen anderen gelesen hast. Auch wenn ich persönlich damit an die Öffentlichkeit gegangen wäre, hätte er immer noch das Gegenteil behauptet. Das liegt in seiner Natur."
„Aber was ist mit mir? Wieso hast du mir nichts erzählt, Adrien?"
Eine kurze Pause entstand, in der Oliver, gespannt auf die folgende Antwort, seinen besten Freund fragend ansah, während dieser so wirkte, als suche er angestrengt nach Worten. Es schien dem jungen Schotten so, als kämen sie der wahren Ursache für all die Dinge, die über Adrien in der Zeitung gestanden hatten, immer näher.
„Ich … ich dachte, dass du ohnehin schon genug Probleme am Hals hast", murmelte Adrien schließlich mit gesenktem Blick. „Du bist Lehrer in Hogwarts, sollst Kinder zur Verteidigung gegen Ihn, dessen Name nicht genannt werden darf, ausbilden und dabei noch möglichst unauffällig zu Harry Potter halten, um dem Ministerium keinen Grund zu geben, dich rauszuwerfen – und da soll ich auch noch mit meinen Problemen kommen?"
„Natürlich, Adrien! Hast du etwa gedacht, dass ich keine Zeit für dich finden würde?"
„Nein … das nicht", gab der Angesprochene zögernd zu, „aber ich wollte nicht, dass du dir auch noch wegen mir Gedanken machst. So einfach war das."
Entschlossen und fast schon trotzig blickte er auf und direkt in Olivers ungläubiges Gesicht. Der Professor schien offenbar mit dieser Erklärung nicht wirklich zufrieden zu sein.
„Was für ein Schwachsinn!", meinte er verständnislos den Kopf schüttelnd, darum bemüht, seine Stimme nicht vorwurfsvoll klingen zu lassen. „Du bist mein Freund, wie sollte ich da keine Zeit finden sollen? Du hättest mir wenigstens gleich nach dem Artikel schreiben sollen, ich hab mir echt Sorgen gemacht!"
„Gerade da hielt ich es für das Beste, es nicht zu tun", setzte Adrien mit beklommener Stimme seine Geschichte fort. „Keine Angst, mittlerweile weiß ich ja, dass es eine gründlich falsche Entscheidung war." Er seufzte. „Der Tag, an dem das alles passiert ist … an diesem Tag ist alles ein wenig … aus dem Ruder gelaufen …"
„Wie meinst du das? Was ist aus dem Ruder gelaufen?", fragte Oliver leise nach und ein flaues Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Er befürchtete, dass das, was nun kam, ihn noch mehr beunruhigen würde.
„Ach, einfach alles", erwiderte Adrien und dachte mit einem brennend schlechten Gewissen im Herzen zurück an jenen Tag. Nun war der Zeitpunkt gekommen, an dem er sich endlich jemandem anvertrauen konnte – und obwohl er beschlossen hatte, die Sache mit Lee etwas harmloser zu umschreiben, platzten die Worte mit einem Mal aus ihm heraus, noch bevor er sich die passenden Sätze zurechtgelegt hatte.
„Die anderen hatten damals schon seit einiger Zeit die Vermutung, dass mit mir etwas nicht stimmte. Aufgrund meiner unberechenbaren Laune, ständigen Müdigkeit und schwächeren Leistung als sonst kamen sie schließlich zu der stillen Lösung, dass ich mir die Nächte mit allem anderen, nur nicht mit Schlaf um die Ohren schlug … Ich weiß nicht, ob sie mir je nachspioniert haben … Auf alle Fälle setzte Lee dem ganzen eines Tages – aber nicht an dem, von dem ich dir erzählen will – die Krone auf, in dem er mich darauf ansprach und mir ‚freundlich' mit seinem falschesten Lächeln riet, die Trinkerei doch endlich sein zu lassen."
Während er von Lee Blackburn sprach, verhärtete sich Adriens Blick und seine Hände ballten sich zu Fäusten, was Oliver sehr wohl registrierte. Irgendetwas musste offensichtlich zwischen den beiden vorgefallen sein, und er hoffte, es bald zu erfahren. Seine Nerven waren mittlerweile zum Zerreißen gespannt – noch nie hatte er Adrien Harrold so voll von Emotionen und vor allem so lange und fließend sprechen hören.
Adrien fuhr schließlich mit seltsam heiserer Stimme fort. „Nach diesem Gespräch schlug das Klima im Team schneller um als ich hätte ‚Quaffel' sagen können. Schiefe Blicke, Geflüster hinter meinem Rücken – ich hab alles erlebt, glaub mir. Das alles machte die Situation noch schlimmer … "
Er wirkte plötzlich sehr erschöpft und ausgebrannt, wie er so auf seinem Stuhl saß und auf die Tischplatte starrte. In seinen Augen flackerte seine innere Unruhe wie tosende Wogen draußen auf dem weiten Ozean.
Mitleid regte sich in Olivers Brust, doch dieses Gefühl wurde rasch von den noch immer unbeantworteten Fragen, die nach Antworten verlangten, verdrängt.
„Hatten sie denn Recht damit? Mit ihren Vermutungen?", fragte er schließlich mit seltsam trockenem Mund, sein Herz pochte gegen seinen Brustkorb.
Stille, unsichere Blicke, tiefes Einatmen. Dann –
„Ja."
Adrien schaffte es nicht mehr, seinem besten Freund in die Augen zu sehen. Oliver seufzte und stütze sein Kinn auf die Fingerspitzen seiner gefalteten Hände ab. Die Gedanken in seinem Kopf rasten wie wild durcheinander und es war, als liefen alle aufmunternden Worte, die er je von seinen Freunden nach dem Erscheinen des Artikels erhalten hatte, vor seinem inneren Auge ab – und das in einer Art und Weise, als wollten sie seine Naivität verspotten.
Ich bin sicher, die interpretieren da was falsch …
Sprich mit ihm selbst, glaub nicht das, was die Zeitung schreibt …
In diese Bilder sind Dinge interpretiert worden, die so nie geschehen sind …
Denen wird wahrscheinlich eine gute Story gefehlt haben und zack – hatten sie schon ein
Opfer, dem sie was andichten konnten …
Hatte er so dermaßen falsch gelegen? Hatte er die Wahrheit nicht wahrhaben wollen?
Doch doch, meldete sich plötzlich eine kleine, boshafte Stimme in seinem Hinterkopf, du hast sogar gesagt, dass du es ihm zutrauen würdest …
Wie ein Faustschlag fiel ihm sein Gespräch mit Angelina Johnson wieder ein.
Das Schlimmste ist nicht, dass die Zeitungen vielleicht Mist gedruckt haben, sondern … sondern dass ich es ihm sogar zutrauen würde … Jetzt höre ich all diese Gerüchte und versuche, ihnen keinen Glauben zu schenken … aber was ist, Angelina, wenn die alte Einsamkeit ihn jetzt noch mehr mitnimmt als früher? Was, wenn er damit nicht umgehen kann …
Er schluckte schwer und senkte ebenfalls den Blick. Fast schon schämte er sich für seine Worte Angelina gegenüber, doch tief in seinem Inneren wusste er, dass er nichts Falsches getan hatte. Wichtig war nicht das, was geschehen oder gesagt worden war – was jetzt wirklich zählte, war ein Gespräch, das alle Probleme aus dem Weg räumte und ihnen beiden eine große Last vom Herzen nahm – vor allem Adrien, der eine größere Bürde mit sich trug als gut und gesund für ihn war.
Als der junge Schotte den Blick wieder hob, sah er, dass Adrien sein Wasserglas fest umklammert hielt und seine Ellbogen auf der Tischplatte abgestützt hatte; er bemerkte dessen bemüht langsame und ausgeglichene Atmung und das fahle Glitzern in seinen Augen, das schon leichte Anzeichen der Erleichterung erahnen ließ. Offenbar befand er es für gut, die Wahrheit endlich gesagt zu haben.
„Du hast mir noch immer nicht gesagt, was aus dem Ruder gelaufen ist", griff Oliver schließlich das Gespräch wieder auf, und seine Stimme klang dabei ungewollt nachdenklich. Adrien schien es bemerkt zu haben, denn er kaute nervös auf der Unterlippe herum und schien irgendwie den Faden verloren zu haben.
Zu seiner Rettung erschien jedoch nach einem leisen Klopfen an die Tür Madam Rosmerta, die kam, um das benutzte Geschirr zurück in die Küche zu tragen. Sie schwieg, als sie den Tisch abräumte; offensichtlich hatte sie die Spannung in der Luft bemerkt, als sie eingetreten war.
Als die Wirtin erneut verschwunden war – nicht ohne Oliver doch noch ein aufmunterndes Zwinkern zu schenken – erhob sich Adrien plötzlich von seinem Stuhl und begann, rastlos im Raum umherzugehen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt und mit langsamem Schritt. Seine Augen hatten keinen genauen Punkt fixiert und starrten ins Leere, seine Lippen waren fest aufeinandergepresst und machten Professor McGonagall wirklich starke Konkurrenz – wie Oliver kurz innerlich schmunzelnd feststellte.
Dann wiederum besann er sich auf ihr Gespräch – oder zumindest dessen einstweilige Pause – und ließ das bereits Gesagte kurz Revue passieren, während Adrien am Fenster stand, auf das Dorf hinaussah und anscheinend noch keine Worte gefunden hatte.
Wenigstens die Hintergründe sind geklärt, dachte Wood mit einem leichteren Gefühl in der Brust und rieb sich die Augen. Adriens Worte hatten ihn zwar äußerst nachdenklich gestimmt, aber vieles, was für ihn vorher nicht klar gewesen war, verständlich gemacht.
Er braucht jemanden, der ihm zur Seite steht … sonst wird er daran zerbrechen …
„Lee ist ein Idiot", kam es plötzlich vom Fenster her. „Vermutlich der größte, der frei auf diesem Erdball herumläuft. Er hält sich selbst für den neuen Star der Liga … lächerlich."
Die letzten Worte trugen soviel Bitterkeit und Abneigung in sich, wie Oliver es in ihrem ganzen Gespräch noch nicht gehört hatte.
„Adrien, du kennst doch Lee", versuchte er den Kapitän schließlich zu beschwichtigen. „Der war doch schon immer ein wenig neben der Spur …"
„Ein wenig neben der Spur ist noch viel zu untertrieben für diesen Dreckskerl. An diesem Tag, an dem alles zu viel wurde … er war der Auslöser dafür … er hat das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht." Adrien ließ seine schmerzende Schulter kreisen und ächzte leise. Als er schließlich weitersprach, wurde seine Stimme immer leiser und Oliver musste sich zusammenreißen, um genau zu verstehen, was er sagte.
Als Adrien nach einigen Augenblicken wieder innehielt, die Augen geschlossen und den Kopf gesenkt, wusste Wood nicht, was er sagten sollte.
„Du hast was gemacht?", brachte er schließlich ungläubig hervor, den Blick unverwandt auf seinen besten Freund gerichtet.
„Ich geb's ja zu … hab ein wenig überreagiert …"
„Überreagiert … so kann man es auch nennen", murmelte Oliver noch immer fassungslos und fuhr sich durchs Haar. „Was hat Rob dazu gesagt, dass du seinem Hüter vor versammelter Mannschaft eine gescheuert hast?"
„Er hat mich nach Hause geschickt", brummte Adrien, der langsam begann, seine Tat zu bereuen. „Aber ich wäre auch so gegangen …"
„Adrien … es war nicht sehr klug von dir, Lee zu schlagen …"
„Aber er hat dich beleidigt", unterbrach ihn der junge Kapitän trotzig. „Und mich auch. Er hat meine Situation so schamlos ausgenutzt, dass ich ihm jederzeit wieder eine reinhauen könnte …"
„Du kannst von Glück reden, dass er damit noch nicht an die Öffentlichkeit gegangen ist!", erwiderte Wood nachdrücklich. „Stell dir vor, was es dann für Schlagzeilen gegeben hätte! Du musst dich bei ihm entschuldigen!"
„Niemals."
Oliver seufzte und verschränkte die Arme vor der Brust. Damit, dass Adrien seiner Wut freien Lauf lassen und sie auf Lee konzentrieren würde, hatte er ganz und gar nicht gerechnet – umso mehr war er nun von dieser Nachricht bestürzt, genauso wie von der Starrsinnigkeit seines Freundes.
„Was ist dann passiert?", forschte er schließlich weiter, als ihm klar wurde, dass Adrien sowieso seinen eigenen Willen behalten würde. „Nachdem du gegangen bist?"
„Da ist mir dieser komische Fotograf über den Weg gelaufen", erzählte Adrien wütend und ließ sich wieder auf seinem Stuhl nieder. „Ich konnte ihm Merlin sei Dank schnell entwischen – aber ein Foto hat er trotzdem zustande gebracht, wie du sicher gemerkt hast. Er hat mich dabei erwischt, wie ich rastlos und mit traurigem Blick das Training verlasse."
Gehässig zitierte der Kapitän die Passage aus dem Artikel und schnaubte. „Ich schwöre dir, wenn ich diesen Kerl in die Finger kriege … nun ja, dann bin ich nach Hause appariert und hab beschlossen, auf deinen Brief zu antworten – für dessen Verspätung ich mich wirklich entschuldigen will …"
„Du hattest ziemlich viel um die Ohren."
Adrien lächelte schwach. „Stimmt … na ja und dann war da diese Flasche voll von Whiskey …" Er erschauderte, ganz so, als ob seine Taten selbst für ihn nicht mehr verständlich waren. „Den Rest kannst du dir wohl denken … oder in der Zeitung nachlesen. Ich kann mich an die folgende Nacht nicht mehr wirklich erinnern … Es war der schlimmste Filmriss, den ich je in meinem Leben hatte … und als Cubby mich am nächsten Tag weckte, fühlte ich mich einfach nur mies …"
Niedergeschlagen ließ Adrien den Kopf hängen und betrachtete wieder die Tischplatte. „Sie wusste schon von dem Artikel und hat ihn mir natürlich sofort gezeigt … es war, als hätte mir jemand ins Gesicht geschlagen. Ich konnte nicht still sitzen bleiben, ich war rastlos und wanderte im ganzen Zimmer herum, musste ständig daran denken, was all die anderen nun von mir denken würden – was du denken würdest. Nachdem du durch den Artikel so mit in meine Probleme hineingezogen wurdest, war diese Vorstellung besonders schlimm für mich …"
Seine Stimme wurde heiser. „Ich blickte in den Spiegel und erkannte den Mann nicht, der mir entgegensah … erkannte mich selbst nicht mehr. Weißt du, welch schreckliches Gefühl das ist? Ich hatte nicht gewollt, dass alles so eskaliert … und jetzt …" Er brach ab und verbarg das Gesicht in den Händen; er wirkte ausgelaugt, ganz so, als ob das Gespräch ihn all seiner Kräfte beraubt hätte. „Jetzt frage ich mich, wie dieser Mann so werden konnte. Jetzt bin ich für mich selbst zu einem Problem geworden …"
Erneute Stille trat ein und Wood befand das Gespräch – zumindest von Adriens Seite her – für beendet. Der junge Kapitän schien sich alles von der Seele geredet zu haben, was ihm möglich gewesen war – und Oliver war dafür mehr als dankbar. Endlich hatte er Antworten auf seine Fragen bekommen, ganz zu schweigen von einem besseren Einblick in das offensichtlich riesige Chaos, das in Adriens Innerem herrschte. Er verstand.
„Verzeihst du mir?", kam es plötzlich mit leiser, gebrochener Stimme zwischen Adriens Händen hervor. Wood runzelte verwundert die Stirn – glaubte sein Freund wahrhaftig, er würde ihm das Geschehene so übelnehmen?
„Was soll ich dir bitte verzeihen?"
„Dass ich mich unmöglich benommen habe, mich selbst nicht mehr unter Kontrolle hatte, es geschafft habe, damit die ganze Nation zu beschäftigen und dich da auch noch mit reingezogen habe, vielleicht?"
Adriens Stimme klang frustriert und nicht sehr zuversichtlich, doch Oliver, der nicht vorhatte, in irgendeiner Art und Weise nachtragend zu sein, streckte seinen Arm über den Tisch aus und legte seinem Freund eine Hand auf die Schulter.
„Es gibt nichts zu verzeihen, Adrien …"
Es brauchte einige Augenblicke, bis der Angesprochene den Sinn des eben Gesagten erfasst hatte. Ungläubig hob er den Kopf und blickte direkt auf in Olivers lächelndes Gesicht – und plötzlich fühlte er sich, als fiele all seine Last von ihm ab wie Schnee von einem hoffnungslos überladenen Dach; als hätte er nur durch dieses Gespräch die Chance erhalten, alle seine Fehler wieder gutzumachen.
„Ich weiß, dass du ziemlichen Mist gebaut hast", fuhr Wood mit einem aufmunternden Grinsen fort. „Und mit Sicherheit werde ich den halben Herzstillstand nie vergessen, den ich hatte, als der Artikel erschienen ist."
Adrien wirkte nun wie ein geschlagener Hund, doch in seinen Augen war deutlich die Erleichterung zu sehen, die ihn in diesem Moment durchströmen musste wie ein großer Fluss.
„Das heißt, du …"
„Das heißt, ich werde dich nicht auf ewig ächten und nicht alle deine dunklen Geheimnisse der Presse verraten", erwiderte Oliver ernst, doch seine Lippen umspielte ein verschmitztes Grinsen. „Allerdings musst du mir eines versprechen, Adrien … ich weiß, dass die ganze Situation nicht leicht für dich ist. Wenn ich an deiner Stelle wäre, wüsste ich auch nicht weiter … Trotzdem: Du musst aufhören, deinen Frust im Alkohol zu ertränken."
„Bin schon dabei", kam die lakonische, aber ehrliche Antwort. „Ich weiß doch selbst, dass das kein richtiger Weg ist …"
„Gut." Oliver lächelte erleichtert. „Und dass die anderen eine eher unterkühlte Meinung von dir haben, kannst du auch bekämpfen."
„Ach ja?", murmelte Adrien leise. „Bestimmt nicht, nachdem ich Lee eine gescheuert und die Aktion mit dem Tagespropheten geliefert hab …"
„Ach komm schon", versuchte Wood, ihn aufzumuntern. „Weißt du, ein paar nette Worte, Geselligkeit und ein häufigeres Sowas", er bog seine Lippen zu einem aufgesetzten Lächeln, „würden dabei schon recht nützlich sein!"
„Denkst du?"
„Klar. Glaub mir, das verändert deine Position total."
Oliver schmunzelte leicht und kam sich immer mehr wie Angelina vor, die ihm in ihren Unterhaltungen immer lang und breit vortrug, was sie von Alicias Mutter gelernt hatte.
Adrien richtete sich mit einem Mal kerzengerade auf und straffte die Schultern – es war wundersam, wie sehr dieses Gespräch ihn verwandelt hatte. Von dem ausgezehrt wirkenden jungen Mann war nichts übrig geblieben; vielmehr saß Oliver jetzt ein Adrien Harrold gegenüber, der wieder die Stärke besaß, das Leben dort weiterzuführen, wo es nach seinem Weggang aufgehört hatte.
„Ich glaube, ich weiß was ich zu tun habe", flüsterte er ergriffen und mit einem fahlen Glitzern in seinen hellen Augen. „Danke."
Er streckte die Hand aus und Oliver schlug ein, unendlich froh, dieses Gespräch geführt zu haben.
Das Thema wechselte schnell, für beide war der ernste Teil nun vorüber und Wood hatte wirklich das Gefühl, dass Adrien versuchen wollte, alles wieder gerade zu biegen.
Mit so leichten Herzen ließ sich nun natürlich besser über Dinge sprechen, die vorher ein wenig untergegangen waren.
„Wer war eigentlich die ominöse Dunkelhaarige?", fragte Oliver amüsiert und neugierig nach, als er sich an die Fotos aus dem Artikel erinnerte.
„Ach die", winkte Adrien augenrollend ab. „Eine Muggel, die ich in dem Club dort getroffen hab. Sie ließ sich nicht abwimmeln und ich glaube, ich war nicht mehr klar genug im Kopf, um sie irgendwie abschütteln zu können. In meinem Zustand war mir anscheinend jede Gesellschaft recht … sie hat die ganze Zeit wie blöde gekichert … ziemlich kindisch."
„Das hat man gesehen."
„Nur die Freude darüber, dich zu sehen, hält mich davon ab, dir den Kelch da an den Kopf zu schmeißen", grummelte Adrien beleidigt, doch aus seinen Augen blitzte der Schalk. Im nächsten Augenblick schien ihm auch schon die passende Gegenfrage eingefallen zu sein. „Und wie geht's mit dieser Griechin?"
„Was soll da gehen?"
„Weiß nicht", meinte Adrien mit einem besserwisserischen Lächeln und hob ahnungslos die Schultern. „Deswegen frage ich ja. Könnte ja sein … das da was läuft …"
„Nein", berichtigte Wood sofort diese Unterstellung und spürte zu seinem größten Missfallen, dass Adrien ihn damit in Verlegenheit brachte. „Spinnst du? Wir sind nur befreundet, das ist alles…"
„Wie du es sagst, mein Freund", erwiderte Adrien grinsend und leerte seinen Wasserkelch. „Ich dachte bloß … und Angelina?"
„Bist du verrückt geworden? Sie ist meine beste Freundin, klar? Verwechsel das mal nicht!"
„Ach, stimmt ja … Man bedenke, du hast sie mir noch immer nicht vorgestellt."
„Ich kann sie ja mal fragen, ob sie beim nächsten Hogsmeadebesuch mitkommt …"
„Aus dir ist echt gar nichts rauszukriegen", schmunzelte Adrien und verschränkte die Arme vor der Brust. „Irgendwas verschweigst du doch … keine Sorge, ich finds schon raus."
Er lachte, doch Wood verfiel in nachdenkliches Schweigen und seine Gedanken kehrten – wie so oft in den letzten Tagen auch – zu seinem Traum zurück … und zu jenem faszinierenden Geschöpf, das seinen Schlaf und seine Gedanken seitdem Tag für Tag und Nacht für Nacht nicht mehr in Ruhe ließ.
Es war bereits stockdunkel, als Oliver zurück ins Schloss schlenderte; die Hände in den Hosentaschen und ein Lächeln auf den Lippen. Das Gespräch mit Adrien hatte sein Herz leichter gemacht und viel Licht in das Dunkel seiner Fragen gebracht. Er war froh, dass sein bester Freund beschlossen hatte, die Dinge so zu nehmen, wie sie waren und Lee Blackburn (zumindest einigermaßen) zu akzeptieren und versuchen wollte, seinen Ruf auch in der Öffentlichkeit wieder zurechtzubiegen.
Mittlerweile hatte Wood das Schloss erreicht und trat durch das fackelbeleuchtete Portal. Ein kurzer Blick auf die Armbanduhr sagte ihm, dass es kurz vor neun Uhr abends war – viele Schüler waren aus diesem Grund nicht mehr in den Korridoren unterwegs.
Auf dem Weg hoch in den Lehrerflügel begegnete ihm noch kurz Professor Sprout, die ihm übermütig eine gute Nacht wünschte und in Richtung Lehrerzimmer davonstapfte, um dort noch – wie sie sagte – ihre nächsten Stunden vorzubereiten.
Über den Arbeitseifer der sonst doch eher bedächtig anmutenden Kollegin schmunzelnd bog Oliver in den Gang ab, der zu Athenes Porträt führte.
„Guten Abend, Oliver Wood", begrüßte ihn die Göttin mit einem sanften Lächeln, erhob sich vom grasbewachsenen Porträtboden und schritt langsam in den Vordergrund des Gemäldes. „Ihr wünscht Einlass, nehme ich an?"
„Richtig", stimmte Oliver gut gelaunt zu und streckte seine Hand aus. „Mein Bett ruft bereits nach mir. Es war ein anstrengender Tag."
Athenes durchdringende Augen musterten ihn interessiert und für einen Moment fragte sich der junge Schotte, ob sie erahnen konnte, was er heute im Eberkopf getan hatte.
Bestimmt nicht …
„Die Ruhe sei Euch wohlverdient", meinte sie schließlich schmunzelnd und legte ihre Hand auf die seine. Sofort verschwand die Mauer, die ihn noch vom Lehrerflügel trennte und er schritt hindurch. Als sich der Durchgang hinter ihm wieder verschloss, hatte er noch immer das unbehagliche Gefühl, Athenes Blick läge auf ihm.
Sein eigenes Porträt-Ich zwinkerte ihm verschwörerisch zu und streckte beide Daumen nach oben, als er es passierte; ganz so als wollte es sagen: ‚Toll, was du gemacht hast'.
Amüsiert hob der echte Oliver die Augenbrauen und erwiderte den Gruß seines Gegenstücks mit einem leichten Nicken. Es war noch immer zutiefst erstaunlich, sich selbst aus einem Porträt herauswinken zu sehen.
Endlich kam die Tür seines Zimmers in Sicht, und eiligen Schrittes hielt er darauf zu; denn tatsächlich hatte Müdigkeit ihn erfasst und machte seine Lider träge. Es war wirklich viel passiert.
Mit einem Mal schob sich Katie vor seine Augen, ihre Traurigkeit, wie sie so im Eberkopf dagesessen hatte, überschwemmt von den Erinnerungen eines Bruders, an den sie sich zwar nicht mehr wirklich erinnern konnte, dessen Schicksal aber allem Anschein nach noch immer sehr präsent war. Sie hatte so zerbrechlich gewirkt, dass sich in seiner Brust jetzt noch ein flaues Gefühl ausbreitete, als er daran dachte. Als er gedankenverloren die Tür öffnete und sich nicht darüber wunderte, warum er sie nicht abgeschlossen hatte, verspürte er erneut den Wunsch, die Jägerin bei sich zu haben und sie in den Arm zu nehmen, ihr die Traurigkeit zu nehmen und wieder ihr Lachen zu sehen … ihr Lachen …
Neben dem leichter werdenden flauen Gefühl breitete sich plötzlich noch etwas anderes in seiner Brust aus; etwas, das er noch nie zuvor dermaßen gespürt hatte, und es verunsicherte ihn. Einen Moment hielt er inne und versuchte, das Gefühl zu identifizieren, doch es war ihm nicht möglich. Allerdings war es keineswegs ein unangenehmes Gefühl – eher ein sehr angenehmes.
Nachdenklich schloss er die Tür hinter sich, entledigte sich seines Umhangs (in dessen Tasche auch sein Zauberstab steckte) und warf ihn achtlos neben sich auf den Boden. Es wurde wirklich Zeit, dass er ins Bett kam und seinen Geist ausruhte.
Gerade aber, als er bemerkte, dass er seinen Zauberstab mit dem Umhang zu Boden geworfen hatte und sich danach bücken wollte, um den Kamin zu entfachen und Licht zu machen, sah er plötzlich aus den Augenwinkeln, wie sich hinter ihm etwas aus den Schatten des Raumes löste.
Sein Griff nach dem Zauberstab war zu langsam.
Bereits im nächsten Moment spürte er einen anderen Zauberstab an seinem Hals entlangstreichen und schließlich an der empfindlichsten Stelle verharren. Das Holz bohrte sich tief in seine Haut.
Mit pochendem Herzen richtete Oliver sich auf – soweit wie der Zauberstab es zuließ – und hob die Hände zum Zeichen, dass er selbst nicht bewaffnet war. Er war nicht fähig, einen klaren Gedanken zu fassen – zu sehr ärgerte er sich über sich selbst. Es hätte ihm schon auffallen müssen, als er seine Tür unverschlossen vorgefunden hatte.
„Was ist hier los?", zischte er beherrscht und versuchte angestrengt, irgendein Geräusch hinter sich wahrzunehmen. „Was wollen Sie?"
Der Zauberstab drückte sich nur noch stärker gegen seinen Hals und Oliver entfuhr ein leises Ächzen. Auf seiner Stirn bildeten sich feine Schweißperlen, was nicht zuletzt daran lag, dass sein eigener Zauberstab unerreichbar war.
„Sag mir sofort, für wen du arbeitest und welcher Seite du angehörst – oder ich schwöre, ich liefere dich schneller aus, als du nach Hilfe schreien kannst", zischte ihm da plötzlich eine Stimme ins Ohr – eine Stimme, die ihm zu seinem größten Entsetzen mehr als bekannt vorkam und deren Besitzerin er niemals erwartet hatte.
Anm. der Autorin: Uhuuuuu … und zum kürzesten Vorwort bisher passt auch das kürzeste Schlusswort … hihi …
Abwarten und Ouzo trinken
Eure Caly
