15. KapitelAnnäherungen und andere Vorkommnisse
Anm. der Autorin: So, endlich ist dieses Gespräch vorüber *pfuuh* Hoffentlich hat es euch auch gefallen … kommen wir nun zur Fortsetzung des ziemlich fiesen Cliffs vom letzten Kapitel … Ich bin mir sicher, ihr alle wisst, wer sich da so klammheimlich auf Olivers Zimmer schleicht …
An alle Katie-Fans unter euch (ziemlich viele, nehme ich an): Ich hoffe, ich konnt euch im letzten Kapitel schon einen kleinen Vorgeschmack liefern… in diesem Kap hier hat die Gute wieder einmal einen schönen Auftritt, der nicht ohne Folgen bleiben wird und Oliver ganz schön durcheinanderbringt … aber lest selbst …
Außerdem kommt Adrien wieder direkt vor und beweist uns allen, dass er doch anders kann ;)
Reviews sind erwünscht – ich weiß, es ist oftmals sehr zeitaufwändig, aber ich würd mich darüber sehr freuen, wüsste, was euch gefällt und was nicht und wäre auch motivierter zum Schreiben!!! *kekse verteilt* Keine Revs zu bekommen ist auch nicht schön
Eure Calypso
P.S.: Und JA, es gibt ein Aftershave, das nach Wald riecht ^^ Mein Papa hat so eins ;)
I can fly like a bird in the sky
Hey, and I can buy anything that money can buy
I can turn a river into raging fire and I can live forever if I so desired
But my life is incomplete and I'm so blue
'Cause I can't get next to you …
~The Temptations – I can't get next to you~
„Cassandra?", stieß Oliver ungläubig hervor und sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. „Was zum Teufel ist in dich gefahren?"
„Dasselbe könnte ich dich fragen", zischte die junge Griechin gefährlich und drückte ihren Zauberstab noch etwas fester gegen den Hals ihres Kollegen. „Ich wiederhole die Frage noch einmal, Oliver: Für wen arbeitest du?"
Wood ächzte, als sich der Stab tiefer in seine Haut bohrte und er ein leichtes Kribbeln an seiner Schlagader spürte. Langsam aber sicher wurde die Situation sehr bedenklich. War Cassandra komplett verrückt geworden?
„Ich könnte ja versuchen, dir eine Antwort zu geben, nur geht das nicht so einfach wenn man Gefahr läuft, umgebracht zu werden", erwiderte er schließlich gereizt und sofort ließ der Druck auf seinen Hals nach. Noch immer vor innerer Anspannung bebend und mit im Kopf umherrasenden Gedanken hob er die Hand und schob sachte den Zauberstab beiseite, so dass er nicht mehr in Körperkontakt mit ihm stand.
Im Kamin loderte plötzlich ein kleines Feuer auf und tauchte den Raum in flackerndes Zwielicht, sodass Oliver alles klar sehen konnte. Cassandra stand schräg hinter ihm, die Hand mit dem Zauberstab ausgestreckt und direkt auf seinen Hals gerichtet, ein gefährliches Glitzern in den Augen.
„Was ist los mit dir, Cassandra?", fragte Wood, als er sich zu ihr umgewandt und die Augenbrauen fragend erhoben hatte. „Wieso drohst du mir?"
Die junge Griechin schien sich plötzlich dessen bewusst zu werden, dass sie trotz ihres erhobenen Zauberstabs noch immer einen um mindestens eineinhalb Kopf größeren Mann vor sich hatte, der sich noch dazu seit Schulanfang immer tiefer in ihr Herz geschlichen hatte, und ihre selbstbewusste Fassade begann zu bröckeln. Einerseits fühlte sie ein Stechen ganz in der Nähe ihres Herzens, da sie nicht glauben konnte – und wollte – dass Oliver anscheinend nicht ihrer Seite angehörte. Andererseits war sie äußerst wütend darüber, wild entschlossen, den Verräter zu stellen.
„Weil … weil du nicht für Dumbledore arbeitest", antwortete sie mit höherer Stimme als sonst und umklammerte fest ihren Zauberstab, ganz so, als klammere sie sich durch ihn an ihrer Überzeugung fest. Mit Olivers Reaktion – amüsiertem Lachen – hatte sie nicht gerechnet, und diese Überraschung zeichnete sich auch auf ihrer Miene ab.
„Nicht für Dumbledore? Cassandra? Bist du verrückt geworden?" Für Wood nahm die Situation langsam aber sicher immer abstraktere Züge an. Irgendetwas lief hier gehörig in die falsche Richtung.
„Nein", erwiderte Cassandra und verbarg das Gefühlschaos in ihrem Inneren wieder hinter ihrer unerbittlichen Maske. „Ich bin nicht verrückt. Das, was ich gesehen habe, hat alles gesagt."
Oliver stutzte. Das, was sie gesehen hatte? „Wie bitte? Was hast du denn gesehen?" In seinem Kopf allerdings dämmerte bereits eine schreckliche Vermutung und sein Herz pochte fast schon schmerzhaft gegen seinen Brustkorb.
Der Tarnumhang … er war noch immer in seinem Umhang…
„Ich glaube, dass ich in den Arten der Magie gut genug bewandert bin, um Gut und Böse unterscheiden zu können, Oliver Wood", sagte sie mit leiser, scharfer Stimme. „Und einfach so im Nichts zu verschwinden, ohne dabei zu apparieren, ist etwas, das nicht viele Zauberer beherrschen – und schon gar nicht viele, die nichts mit den dunklen Künsten zu tun haben!"
Der Griff um den Zauberstab wurde wieder fester. „Wie kannst du es zustande bringen, wo du doch erst seit zwei Jahren deinen Abschluss hast und angeblich auf Dumbledores Seite stehst?" Ihre Stimme begann zu beben – etwas, das ihr sichtlich missfiel. Sie hatte bestimmt nicht so viele Emotionen zeigen wollen, vermutete Oliver – bis ihm wieder einfiel, wessen sie ihn grad beschuldigt hatte.
„Ich? Dunkle Künste?", entfuhr ihm mit gerunzelter Stirn und er hob beschwichtigend die Hände. Eine gereizte, bewaffnete Cassandra war ihm bei Weitem nicht mehr geheuer. „Cassandra, hast du vergessen, wer vor dir steht? Hast du vergessen, wozu ich hier bin? Wer meine Freunde sind? Wie kannst du so etwas nur denken?"
„Du machst es mir ziemlich leicht, indem du dich einfach mal so in Luft auflöst", fauchte die Angesprochene zurück, doch sie schien sich ihrer Sache nicht mehr so sicher zu sein. „Ich meine, im einen Moment bist du noch neben der Schlossmauer und im anderen verschwunden! Erklär mir doch mal, was ich da denken soll!"
„Gegenfrage: Wieso spionierst du mir überhaupt nach?"
Stille trat ein und Oliver konnte Cassandra trotz des flackernden Feuerschimmers deutlich erröten sehen. Es war jedoch eine berechtigte Frage, wie er fand – wenn sie wirklich gesehen hatte, wie er verschwunden war (und das auch noch in einer nicht wirklich gut sichtbaren Nische), dann musste sie ihm mutwillig gefolgt sein, und das hätte er beim besten Willen nicht gedacht oder erwartet.
„Na ja, ich …" Sie brach ab, offensichtlich verlegen und kalt erwischt. Ihr Blick, der bisher den seinen fixiert hatte, huschte unruhig im Raum umher. Als Wood näher an sie herantrat, wich sie unmerklich ein Stück zurück; den Zauberstab hatte sie noch nicht sinken lassen. „Ich habe mich gewundert, warum du so abweisend und schlecht gelaunt warst … und …"
„Und da hast du geglaubt, du könntest mir einfach so hinterherspionieren, ja?", vollendete Oliver den Satz, nun seinerseits leicht ungehalten. Er hatte von Cassandra bisher nicht den Eindruck gehabt, dass sie anderen Menschen erst nachschnüffelte, nur weil ihr Verhalten seltsam anmutete und ihnen anschließend in ihrem Zimmer mit dem Zauberstab im Anschlag auflauerte, weil sie angeblich mit den dunklen Mächten konspirierten.
„Ich wollte doch nicht, dass du deswegen sauer wirst", murmelte die junge Griechin, nun offenbar auch selbst der Ansicht, dass Oliver weder heimlich mit Du-weißt-schon-wem Kontakt hielt noch dunkle Künste innerhalb der Ländereien praktizierte und sich sichtlich für ihre Aktion schämte. „Aber es hat so ausgesehen … und …"
„Ist schon gut", winkte Oliver ab und raufte sich die Haare, schon wieder einigermaßen von dem Schrecken des Überfalls erholt. Er fühlte sich wieder müde und erschöpft von den Ereignissen des Tages und wollte nur noch ins Bett – wahrscheinlich jene Gründe, warum er beschloss, sich nicht weiter über Cassandras Aktion aufzuregen. „Ich geb's ja zu … für Außenstehende war es vielleicht wirklich ziemlich … verwirrend."
Cassandra wirkte erleichtert und ließ endlich den Zauberstab sinken, das gefährliche Glitzern verschwand spurlos aus ihrem Blick. „So richtig wollte ich auch gar nicht glauben, dass du die Seite gewechselt hast", meinte sie mit einem verlegenen Lächeln. „Tut mir Leid, dass ich dich so überrumpelt habe …"
„Ach, ich bin froh, dass du mich nicht umgelegt hast", schmunzelte Oliver und rieb sich die Stelle seines Halses, wo Minuten zuvor noch Cassandras Zauberstab verweilt hatte. Die Spannung der Situation war verflogen und langsam breitete sich wieder die alte Freundschaftlichkeit zwischen ihnen aus.
„Du kannst mir trotzdem verraten, wie du das geschafft hast", versuchte die junge Professorin dann jedoch noch einmal, das Thema vorsichtig anzuschneiden. „Und vor allem, wozu es gedient hat."
Oliver runzelte die Stirn und verschränkte die Hände vor der Brust, und der Zwiespalt in seinem Inneren hätte nicht größer sein können. Sollte er Cassandra von seinem Vorhaben erzählen und sie einweihen? Würde sie dafür Verständnis haben? In dieser Hinsicht konnte er sie – wie er erkannte – noch nicht so richtig einschätzen. Deshalb beschloss er, die Sache vorerst ruhen zu lassen und seine Kollegin noch nicht in sein Geheimnis einzuweihen.
„Weißt du", meinte er schließlich etwas nervös, da er bei ihr immer das Gefühl hatte, dass sie seine Gedanken lesen konnte, auch ohne dass er es spürte, „ich will jetzt nicht davon reden, es … nun ja, ich muss erst sehen, wie sich die Dinge entwickeln und darum ... sei mir bitte nicht böse, ja? Ich verspreche dir, wenn die Zeiten sicherer sind, dann werde ich dir Rede und Antwort stehen." Er legte eine Hand aufs Herz, um den Wert seiner Worte noch zu untermalen.
Cassandra nickte, halb perplex und halb nachdenklich, doch sie akzeptierte seine Entscheidung, wenn auch ein klein wenig widerstrebend.
„Gut …", meinte sie dennoch etwas argwöhnisch und musterte ihr Gegenüber nachdenklich.
„Ich versichere dir, dass es nichts mit den dunklen Künsten zu tun hat", legte Oliver noch nach und blickte seiner Kollegin dabei fest in die Augen, um ihr Misstrauen zu mildern. „Glaub mir …" Dass das Ganze sehr wohl aber mit Regelbruch – vielleicht auch Gesetzesbruch – zu tun hatte, verschwieg er lieber.
„Dann … werde ich wohl mal wieder gehen", murmelte die Griechin noch immer ein klein wenig verlegen und nachdenklich und wandte sich in Richtung Tür. „Entschuldige noch mal, dass ich dich so überfallen hab …"
„Schon gut … sehen wir uns morgen?", versuchte Wood die offensichtlich ziemlich peinlich berührte und nachdenkliche Cassandra aufzumuntern und schaffte es auch. Ein Lächeln huschte über ihre fein geschwungenen Lippen.
„Ja … natürlich."
Und mit diesen Worten verschwand sie aus dem Zimmer und zog leise die Tür hinter sich zu.
~*~
Als Oliver am Montagmorgen erwachte, seine Glieder dehnte und streckte und sich für das Frühstück fertig machte, ahnte er noch nichts von der eher unheilvollen Neuigkeit, die bereits in Form eines formell aussehenden Briefes an der Außenseite seiner Tür befestigt worden war.
Erst als er – gewaschen und angezogen – das Zimmer in Richtung Große Halle verlassen wollte, bemerkte er das Schreiben an der Tür.
„Was ist das denn?", murmelte er noch etwas schläfrig, löste den offensichtlich magisch befestigten Brief von der Tür, las seinen Namen auf der Vorderseite des Umschlags und zog langsam das eigentliche Schreiben hervor.
PER ANORDNUNG DER GROßINQUISITORIN VON HOGWARTS
Alle Schülerorganisationen, Gesellschaften,
Mannschaften, Gruppen und Klubs
sind mit sofortiger Wirkung aufgelöst.
Eine Organisation, Gesellschaft, Mannschaft, Gruppe oder
ein Klub wird hiermit definiert als regelmäßige
Zusammenkunft von drei oder mehr
Schülern und Schülerinnen.
Die Genehmigung für eine Neugründung kann bei der Großinquisitorin eingeholt werden
(Professor Umbridge).
Allen Schülerorganisationen, Gesellschaften, Mannschaften, Gruppen oder Klubs
ist es verboten, ohne Wissen und Genehmigung
der Großinquisitorin tätig zu sein.
Sämtliche Schüler und Schülerinnen, von denen festgestellt wird, dass sie eine von der
Großinquisitorin nicht genehmigte Organisation, Gesellschaft, Mannschaft, Gruppe oder
einen Klub gegründet haben oder einer solchen Vereinigung angehören,
werden von der Schule verwiesen.
Obige Anordnung entspricht dem Ausbildungserlass Nummer 24.
Unterzeichnet: Dolores Jane Umbridge, Großinquisitorin
Es war, als hätte ihm jemand einen Schwall kalten Wassers ins Gesicht geschüttet – mit einem Mal war Oliver hellwach.
Fassungslos starrte er auf das Stück Pergament hinunter, das er in den mittlerweile bebenden Händen hielt. Dass Umbridge einen solchen Ausbildungserlass, wie sie es nannte, herbeigeführt hatte, konnte kein Zufall sein. Irgendjemand musste von ihrem Treffen im Eberkopf Wind bekommen haben und sofort zu ihr gerannt sein, um ihr davon zu berichten. Für einen Moment dachte er an Zacharias Smith, verwarf den Gedanken aber schnell wieder. Dass der Hufflepuff die Gruppe verraten hatte, wollte er nicht glauben – und wenn es doch so gewesen war, würde er später beim Frühstück schnell feststellen, ob er an diesem Morgen besonders picklig aussah.
Die alte Hexe … was ist mit der alten Hexe unter dem Schleier …?
Oliver atmete tief durch, verbannte die Gedanken aus seinem Kopf und überflog dann nochmals das Schreiben, das Umbridge offenbar allen Lehrern an die Tür geheftet hatte (ein Blick den Gang hinunter bestätigte seine Vermutung).
Allen Schülerorganisationen, Gesellschaften, Mannschaften, Gruppen oder Klubs ist es verboten, ohne Wissen und Genehmigung der Großinquisitorin tätig zu sein …
Wenn die Alte nur wüsste, dachte Wood mit grimmiger Miene und dachte fast schon mit Stolz an jene Gruppe, die Harry und seine Freunde ins Leben gerufen hatten. Mit einem Mal fühlte er sogar Stolz in sich aufkeimen.
Sämtliche Schüler und Schülerinnen, von denen festgestellt wird, dass sie eine von der
Großinquisitorin nicht genehmigte Organisation, Gesellschaft, Mannschaft, Gruppe oder
einen Klub gegründet haben oder einer solchen Vereinigung angehören,
werden von der Schule verwiesen.
Ein triumphierendes Lächeln schob sich auf Olivers Lippen. Er war kein Schüler. Er würde nicht zulassen, dass Umbridge immer mehr Macht über diese Schule gewann – und wenn er nur heimlich etwas dagegen tun konnte.
Vorsorglich steckte er den Brief in seine Hosentasche, zog die Tür hinter sich zu und machte sich auf den Weg zum Frühstück, noch immer nachdenklich und nach einem Verräter suchend. Erst als er schon fast die Eingangshalle erreicht hatte, fiel ihm siedend heiß ein wichtiges Detail in Umbridges Erlass ein.
Mannschaften … Die Genehmigung für eine Neugründung kann bei der Großinquisitorin eingeholt werden …
Das musste bedeuten, dass mit diesem Gesetz auch sämtliche Hausmannschaften ab dem heutigen Tage nicht mehr existierten – zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem Umbridge ihnen gnädigerweise (er schnaubte verbittert) die Erlaubnis erteilte, wieder zusammenzukommen.
Alte Schlange …
Oliver wagte gar nicht daran zu denken, wie die sportverrückte und ewig Quiddicht liebende
Angelina auf diesen Erlass reagiert haben mochte …
Mochte es Zufall sein oder nicht: Als er schließlich die große Treppe in die Eingangshalle hinabschlenderte und schon fast unten angelangt war, kam eine Schülerin mit wehendem, geflochtenem Haar aus der Großen Halle gestürmt und rannte ihm direkt in die Arme.
„Hey Angelina, immer langsam!", lachte Oliver, selbst von der Fügung der Dinge überrascht, und blickte seiner besten Freundin ins Gesicht. Sein Lächeln erstarb als er bemerkte, wie aufgelöst und den Tränen nahe die junge Kapitänin schien. „Bei Merlin, Angelina! Was ist passiert?"
Angelina schüttelte verbissen den Kopf und wollte anscheinend etwas sagen, brachte jedoch kein Wort hervor. Sie schien äußerst verzweifelt zu sein; ein Zustand, in dem Oliver sie in letzter Zeit häufiger gesehen hatte. Ohne lange nachzudenken packte er sie am Arm, blickte um sich, ob auch keine Schüler in der Eingangshalle waren und zog sie in einen ruhigeren, verlassenen Seitengang, wo sie ungestört waren.
„Beruhig dich, Lina", flüsterte Oliver ihr eindringlich zu, als sie völlig allein waren und versuchte, ihren Blick aufzufangen. „Und dann erzählst du mir was los ist, okay?"
Die letzte Frage zu stellen war eigentlich überflüssig gewesen – der junge Schotte konnte auch so erahnen, worauf sich Angelinas Verzweiflung begründete.
„Umbridge hat von … naja … du weißt schon was erfahren", wisperte sie nachdem sie tief durchgeatmet hatte und blickte sorgenvoll um sich, als erwarte sie, dass Umbridge oder Filch hinter der nächsten Ecke standen und lauschten. „Sie hat einen schrecklichen Erlass aufgesetzt …"
„Ich weiß", erwiderte Wood düster. „Sie hat alle Gruppen aufgelöst … ich frage mich die ganze Zeit, wie sie von dem Treffen erfahren konnte …"
„Ja, ich auch", stimmte ihm Angelina zu, doch es schien nicht der Punkt zu sein, der sie bedrückte. „Aber noch schlimmer ist –"
„… dass sie die Mannschaften auch aufgelöst hat, ja", vollendete ihr Freund den Satz grimmig und bedachte sie mit einem kurzen Blick.
„Das kann sie doch nicht machen", flüsterte die Kapitänin erstickt und massierte sich die Schläfen. „Was haben die Hausmannschaften mit irgendwelchen unerlaubten Gruppen zu tun? Wieso hat Dumbledore nicht eingegriffen?"
„Ich glaube, dass die Zeit, als Dumbledore im Ministerium noch was zu sagen hatte, vorüber ist", mutmaßte Oliver nachdenklich. „Fudge und Umbridge halten ihn schließlich für einen verrückten, alten Mann, der an Lord Voldemorts Rückkehr glaubt und alles dafür tut, um diese zu verhindern. Er wird keinen Einfluss mehr auf Ministeriumsentscheidungen haben."
„Vielleicht hast du Recht", stimmte Angelina niedergeschlagen zu und nagte an ihrer Unterlippe. „Aber was ist jetzt mit den Teams? Was ist mit Quidditch?" Ihre Stimme wurde wieder verzweifelter. „Die Kapitäne müssen eine Neugründung beantragen, und Umbridge wird uns sicher nicht sofort wieder spielen lassen! Sie hasst Gryffindor – und Harry. Ich hab ihn schon gebeten, sich in ihren Stunden zusammenzureißen, sonst wird alles nur noch schlimmer!"
„Mhm", machte Wood, der unbehaglich an Umbridges Groll gegen Harry, den sie in regelmäßigem Nachsitzen ausdrückte, dachte. „Das Wichtigste ist, einfach nicht aufzufallen.
Keiner darf Verdacht schöpfen, die alte Kröte am allerwenigsten. Wie haben die anderen auf den Erlass reagiert?"
„Sie waren alle total in Aufruhr", erzählte Angelina, die die Geschehnisse in der Großen Halle sehr wohl miterlebt hatte. „Ein paar von den anderen Häusern kamen an unseren Tisch, aber Hermine Granger hat sie alle wieder möglichst unauffällig zurückbeordert. Solche Blödmänner, ehrlich. Umbridge kuckte schon ganz komisch … Harry hat mir aber dann gesagt, dass die Treffen trotzdem stattfinden werden."
„Gut", erwiderte Oliver mit grimmigem Stolz in der Stimme. Es erfüllte ihn mit Genugtuung, dass des Ausbildungserlasses zum Trotz der heimliche Kampf gegen die Ignoranz des Ministeriums fortgeführt wurde. „Unsere Überzeugung kann sie uns nämlich nicht verbieten."
„Wohl wahr, Käpt'n", nickte Angelina und ein leichtes Lächeln schob sich auf ihre Lippen. „Wenn sich die schon uneinig sind, dann halten wir erst recht zusammen!"
Stimmengewirr drang aus der Eingangshalle zu ihnen herüber und Oliver spähte vorsichtig um die Ecke des schmalen Ganges, in dem sie sich befanden.
„Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe", meinte die Gryffindor augenzwinkernd und strich sich eine Strähne ihres geflochtenen Haares zurück. „Bevor Umbridge noch hier herumschnüffelt …"
„Ist gut … man sieht sich!"
„Man sieht sich."
Angelina hatte sich gerade umgewandt und war schon einige Schritte gegangen, als Oliver plötzlich wieder sein Traum vor Wochen einfiel – und das Gefühl vom Vorabend in seiner Brust, das noch immer schwach in seinem Herzen pochte.
„Angelina, warte kurz … kann ich … ähm … kann ich mit dir reden? Später, oder so?"
Die Angesprochene wandte sich um und blickte direkt in die dunklen Augen ihres besten Freundes, deren Ausdruck sie beim besten Willen nicht definieren konnte. So vieles lag darin, doch am deutlichsten war das Bedürfnis, mit jemandem über etwas sprechen zu wollen, herauszulesen.
„Ja … natürlich, Oliver. Geht es um Adrien?", fragte sie vorsichtig nach und war erleichtert, als ihr Gegenüber den Kopf schüttelte. Also war die Aussprache am Wochenende doch gut verlaufen, und sie konnte sich nicht vorstellen, worüber er sonst sprechen wollte. Wood sah allerdings so ratsuchend aus, dass sie sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte – die Meinung oder der Rat von anderen war etwas gewesen, das der ehemalige Kapitän zu seiner Amtszeit nie wirklich gerne zugelassen hatte. „Wir können uns heute Abend treffen, wenn du willst … kein Training. Wie wär's mit acht Uhr unten im Kapitänsbüro?"
Ein erleichtertes Lächeln stahl sich auf Olivers Lippen. „Einverstanden."
So trennten sich die beiden und schlenderten in jeweils andere Richtungen davon; Angelina – über den Erlass und das, worüber Oliver mit ihr reden wollte, nachdenkend – hoch zum Gemeinschaftsraum und Wood in die Große Halle zum Frühstück – verwirrt registrierend, dass mit jeder Minute, die die Flugkampfstunde der sechsten Klasse von Gryffindor näher rückte, das vorabendliche Gefühl in seiner Brust anzuschwellen schien.
~*~
„Jetzt sag mir schon endlich, was du am Samstag in Hogsmeade gemacht hast!", quengelte die aus Krankheitsgründen zurückgebliebene Leanne mit einem ziemlich gekonnten Schmollmund, während sie und Katie den sanft abfallenden Hang hinunter zu ihrer Flugkampfstunde spazierten. Sie hatten sich absichtlich hinter die anderen zurückfallen lassen und nun versuchte Leanne (übrigens schon seit dem Samstagabend) nähere Details des Hogsmeadebesuchs aus ihrer besten Freundin herauszukitzeln.
„Ach Leanne, was soll ich schon gemacht haben? Ich war mit Angelina und Alicia unterwegs", erklärte Katie wohl zum hundertsten Mal und schulterte ihren Besen. Sie hatte Leanne noch nicht von dem geheimen Treffen im Eberkopf erzählt, zu sehr war sie von den Ereignissen des Wochenendes aufgewühlt gewesen. Außerdem hatte sie beschlossen, dem ganzen erstmal eine Chance zur Entwicklung zu geben, bevor sie Leanne einweihte – ganz zu schweigen von der Tatsache, dass deren Eltern den Geschichten aus dem Tagespropheten Harrys Erzählungen zum Trotz Glauben schenkten und bestimmt nicht einverstanden waren, wenn ihre Tochter einer Widerstandsgruppe angehörte.
„Wieso habt ihr dann so geheimnisvoll getan, als ihr wieder zurückgekommen seid?", bohrte Leanne, ebenfalls zum hundertsten Male, neugierig nach und piekste ihre Freundin in die Seite, so dass diese leise aufschrie. „Ich meine, ich hab ja nichts dagegen, dass ihr über Dinge sprecht, von denen ich nichts verstehe, aber es ist irgendwie ein dämliches Gefühl, wenn die beste Freundin offensichtlich Geheimnisse vor einem hat."
Überrascht blieb Katie stehen und bedachte ihre Begleiterin mit einem fragenden Blick. „Wie kommst du darauf, dass ich Geheimnisse vor dir habe?"
„Denk ich mir halt", murmelte Leanne und starrte auf ihre Füße. „Ich hab so das Gefühl …"
„Das brauchst du nicht zu haben", beschwichtigte die junge Jägerin sie und dachte mit schlechtem Gewissen an den Eberkopf. „Ich habe keine Geheimnisse … es ist nur … wegen einer Sache bin ich mir noch nicht ganz sicher … davon will ich dir erst erzählen, wenn … naja, wenn es sich ein wenig gefestigt hat …"
„Ah", machte Leanne mit einem Blick, als wüsste sie genau, wovon ihre Freundin sprach. „Es geht um Oliver, hab ich Recht?"
„Leanne! Sei still!", rief Katie empört aus, blickte um sich, ob auch niemand zugehört hatte und stieß ihre Freundin in die Seite, doch sie errötete dabei. „Nein, es geht nicht um Oliver…"
„Uh, ausnahmsweise mal …"
„Du spinnst doch", winkte Katie ab, doch das Rot auf ihren Wangen blieb. „Nein, es geht um etwas völlig anderes …"
„Also hast du noch immer nicht mit ihm gesprochen?", hakte Leanne nach, als sie weitergingen und schien den eigentlichen Grund ihres Gespräches völlig vergessen zu haben.
„Über was denn gesprochen?" Katie wirkte irritiert.
„Na … über euch", flüsterte Leanne verheißungsvoll und kullerte mit den Augen. „Warum er dich die ganze Zeit so seltsam ansieht … und warum er dir eine weiße Rose in den Krankenflügel bringt!"
„Er sieht mich nicht seltsam an, Leanne … und bestimmt wollte er nur nett sein", murmelte Katie etwas niedergeschlagen, doch tief in ihrem Herzen ließen ihre Gefühle ihre eigenen, abwertenden Worte nicht zu. Es stimmte tatsächlich, dass Oliver ihr in letzter Zeit viele Blicke zugeworfen hatte, die sie nicht hatte deuten können – von der weißen Rose ganz zu schweigen. Sie seufzte und dachte erneut an das Treffen im Eberkopf. Sie alle waren zusammen dort gewesen und hatten sich gegen Umbridge verschworen … sie war sich sicher, dass Oliver – wäre er noch Schüler – bestimmt dabei gewesen wäre … doch es ging nicht mehr.
Mittlerweile hatten die beiden Mädchen das Quidditchstadion beinahe erreicht und Leanne hatte noch immer nicht die Antworten, die sie auf ihre Fragen hören wollte.
„Hör zu, Kates", begann sie noch einmal, als sie bereits den Rest der Klasse bei Professor Wood stehen und plaudern sahen. „Ich bin deine Freundin, und ich kann nicht mitansehen, wie du Abend für Abend auf deinem Bett oder in einem Sessel liegst, an die Decke starrst und nur an ihn denken kannst und daran, wie tragisch das Schicksal doch ist, dass es seinen Posten zwischen euch gestellt hat!"
„Leanne!"
„Na ist doch wahr! Ich geb dir einen Rat, Katie. Nur einen einzigen: Warte nicht darauf, dass andere den ersten Schritt machen. Mach ihn selbst. Und lass dich von nichts und niemandem davon abhalten, hörst du?"
Mit einem Zwinkern ließ Leanne ihre Freundin schließlich stehen und schlenderte hinüber zu ihren Klassenkameraden. Katie blieb nachdenklich stehen, legte den Kopf leicht schief (wie immer, wenn sie nachdachte) und ließ Leannes Worte auf sich wirken.
Mach selbst den ersten Schritt …
Wenn sie es recht bedachte, war der Ratschlag gar nicht einmal so abwegig … ja, warum nicht es versuchen? Mehr als auf die Schnauze fallen konnte sie damit nicht – und wenn sie die Dinge, die geschehen waren, nur einigermaßen richtig gedeutet hatte, dann konnte sie damit nicht so falsch liegen … oder?
Keine Zeit für Zweifel, schalt sie sich und straffte die Schultern. Es war wirklich Zeit, in die Offensive zu gehen und endlich etwas zu wagen.
Selbstbewusster wirkend als sie sich in ihrem Inneren wirklich fühlte und mit klopfendem Herzen marschierte sie schließlich hinein ins Stadion, wo der Rest der Klasse und Oliver bereits auf sie warteten.
Wood stand vor der Klasse, lässig auf seinen Besen gestützt, und blickte der Ankommenden erwartungsvoll entgegen. Er sah so unleugbar gut aus, dass Katies Magen undefinierbare Turnübungen veranstaltete und ein warmes Kribbeln sich in ihren Adern auszubreiten schien. Mit einem Mal erinnerte sie sich an jenen Tag, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte – die Wärme seiner Hand, die die ihre bei ihrer Einschulung zur Gratulation geschüttelt hatte, würde sie wohl niemals vergessen.
Mit einem warmen Gefühl im Herzen atmete sie tief durch – heute würde sie den Zweifeln in ihrer Brust keine Chance geben. Heute würde sie zumindest einen weiteren Schritt wagen.
„Gut, nachdem wir jetzt ja vollständig ist, können wir anfangen", eröffnete Wood die Stunde und lächelte ihr verschmitzt zu. „Schön, dass du uns noch mit deiner Anwesenheit beehrst, Katie."
„Keine Ursache, Professor", gab die junge Gryffindor keck zurück und stellte sich neben Leanne, die ihr einen unauffälligen, aufmunternden Blick zuwarf.
„Also!", rief Wood und klatschte in die Hände, um sich Gehör zu verschaffen. „Nachdem ihr ja nach den letzten Stunden schon richtige Profis seid, was die leichten Manöver im freien Feld angeht, wenden wir uns heute etwas größer angelegten Dingen zu …"
Aufgeregtes Gemurmel erhob sich – waren doch die Grundkenntnisse, die sie nun auf ihren Besen beherrschten und gegen die Puppen anwenden konnten, schon interessant gewesen.
Eben jene Puppen schwebten bereits verhängnisvoll aussehend auf der anderen Seite des Feldes und warteten scheinbar auf ihren Einsatz.
Auf Woods Gesicht erschien ein abenteuerliches Grinsen und Katie erschauderte. Es war dasselbe Grinsen wie vor Jahren, als er regelmäßig versucht hatte, seinem Team haarsträubende Spielzüge beizubringen.
Dasselbe Grinsen, das jedes Mal eine Gänsehaut auf ihre Arme zauberte …
„Nun denn", holte seine Stimme sie aus ihren Gedanken und sie sah zu, wie er die Puppen mit einem Schlenker seines Zauberstabs hoch in die Lüfte beförderte. „Für heute hätte ich mir folgendes gedacht …"
Schon wenig später war die sechste Klasse hoch oben in den Lüften und befolgte die genauen Anweisungen, die Wood ihnen vom Boden aus zurief. Dann und wann schallte Gelächter durch das Stadion; die Gryffindors schienen heute besonders ausgelassen zu sein.
Der junge Schotte lächelte und begutachtete zufrieden die Fortschritte, die Katies Jahrgang seit Schuljahresanfang gemacht hatte. Selbst jene, die anfangs mit dem Fliegen nicht viel am Hut gehabt hatten, wussten nun sicher mit dem Besen umzugehen – eine Tatsache, die ihn sehr stolz machte.
Er wanderte die Absperrungen entlang und suchte verstohlen am Firmament, wo die Klasse gerade in geschlossener Kampfformation vorbeirauschte und ihre vereinten Flüche gegen die gesamte Puppenarmee prasseln ließ, nach Katie und folgte ihr mit seinem Blick. Sie wirkte konzentriert, den Zauberstabarm hatte sie von sich gestreckt und aus der Spitze ihres Stabes schossen leuchtend rote Schockstrahlen, die ihr Ziel niemals verfehlten, so oft die Puppe vor ihr auch auftauchen mochte.
Das angenehme Gefühl in seiner Brust intensivierte sich – doch plötzlich, er konnte nicht sagen woher und aus welchem Grund, tauchte in seinem Kopf die alarmierende Frage auf, ob sie denn mit jemandem ausging. Die Vorstellung, dass sie mit irgendeinem Gryffindor, Ravenclaw oder Hufflepuff (an einen Slytherin wollte er nicht mal denken) Hand in Hand in Hogsmeade herumbummelte, verursachte seltsamerweise ein stechendes Gefühl in seiner Magengegend.
Nein … hätte sie einen Freund, wäre sie mit ihm im Eberkopf gewesen … ganz bestimmt … oder?
Er musste Angelina danach fragen … ja, das würde er …
Was ist bloß los mit dir? Wieso denkst du über so etwas nach?
Ungehalten schüttelte Oliver den Kopf und konzentrierte sich wieder auf die Schüler oben in den Lüften, doch es fiel ihm immer schwerer, Katie aus den Augen zu lassen. Sie flog so elegant wie eh und je, drehte Schleifen und Pirouetten und hatte bis jetzt eine jede Übung perfekt gemeistert. Eine sehr gute Fliegerin, ohne Frage; es war schön, ihr zuzusehen.
Nur wegen dem guten Flugstil?
Mit einem Mal wurde er bei seiner Beobachterei ertappt – nämlich (zu seiner größten Verlegenheit) von Katie selbst, deren Blick den seinen getroffen hatte und ihn nun ebenfalls interessiert musterte. Sie lächelte ihm zu und hob kurz die Hand, so dass kein anderer es sehen konnte – und Oliver musste stark an sich halten, nicht zurückzuwinken. Ein seltsames Gefühl.
Was passiert mit dir?
Noch einmal schüttelte er den Kopf, versuchte die Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen und rief der Klasse zur Ablenkung weitere Anweisungen zu. Das Gefühl in seiner Brust allerdings, das beständig weiter in ihm brodelte, blieb.
Am Ende der Stunde kehrten die Schüler schwatzend und mit vor Stolz glühenden Gesichtern zurück zur Erde. Sie hatten in einer geschlossenen Gemeinschaft die Puppen – und es war bei weitem keine Untertreibung – zur Schnecke gemacht und fühlten sich nun als Einheit stark. Olivers Plan, seinen Schülern den Zusammenhalt als wichtigste Waffe überhaupt einzuschärfen, war voll aufgegangen.
„Geht bis zur nächsten Stunde noch einmal alles in Gedanken durch, was wir bisher gemacht haben!", rief Wood der Klasse hinterher, als sich die meisten schon auf den Weg zurück zum Schloss gemacht hatten. „Dann können wir nächstes Mal mit einigen aufbauenden Übungen anfangen."
Er nickte einigen noch zum Abschied zu und wollte sich gerade daran machen, die Puppen wieder in ihrem Unterstand zu verstauen, als er Katie und Leanne nicht weit von ihm landen sah.
Die Jägerin schulterte lächelnd ihren Besen und besprach mit ihrer Freundin noch einmal die vergangene Stunde, nicht ohne diese gespielt stolz darauf hinzuweisen, dass sie um eine Puppe mehr erlegt hatte als sie, worauf Leanne sie lachend in die Seite boxte.
Das Gefühl in Woods Brust wurde stärker und er verspürte mit einem Mal den dringenden Wunsch, Katie zurückzubehalten und allein mit ihr zu sein – so wie an jenem Nachmittag im Krankenflügel. Einfach mit ihr zu reden, wie in alten Zeiten … einfach in ihrer Nähe zu sein … Es war wie verhext. Noch bevor er sich etwas Passendes zurechtlegen oder seine Vernunft in sein Handeln eingreifen konnte, waren ihm bereits die Worte entwischt.
„Katie? Könntest du mir noch kurz mit den Puppen hier helfen?"
Katie und Leanne verstummten, und seltsamerweise presste Leanne ihre Lippen fest aufeinander, ganz so, als wolle sie dringend etwas sagen oder laut loslachen, während Katie ziemlich überrumpelt schien. Ihr Blick flackerte unsicher zu ihm hinüber, festigte sich jedoch sofort, als sie in seine Augen sah.
„Ja … natürlich, Professor."
„Ich geh schon mal hoch ins Schloss", meinte Leanne daraufhin wie beiläufig und schulterte ihren Besen. Katie warf ihr einen dankbaren Blick zu, es war offensichtlich, dass ihre Freundin nur um ihretwillen das Weite suchte. „Muss noch … in die Bibliothek! Wir sehen uns nachher, Kates …"
Sie zwinkerte ihrer besten Freundin zu, was Wood zu Katies Glück nicht bemerkte und verließ das Stadion. Die beiden ehemaligen Teamkollegen waren nun allein.
Katies Herz pochte wie wild gegen ihren Brustkorb, so laut, dass sie fürchtete, Oliver könnte es hören. Es war, als hätte jemand beschlossen, ihr Vorhaben ein wenig einfacher zu gestalten; denn was hätte sie sich anderes wünschen können, als mit ihm allein zu sein?
Selbstsicherer als sie sich fühlte schlenderte sie auf ihren ehemaligen Kapitän zu und versuchte, die lockere Fassade aufrecht zu erhalten.
„Danke, dass du mir noch kurz hilfst … würdest du bitte die Puppen da drüben rüber in den Schuppen bringen?", bat Wood sie mit dem, wie sie fand, schönsten Lächeln, das er aufbringen konnte. „Ich werde die dort hinten einfangen …"
Er wirkte leicht nachdenklich und fuhr sich mehrmals durchs Haar, wodurch es noch verwuschelter wirkte, als es ohnehin schon war. Ein weiteres Detail, das Katie so an ihm mochte – wie oft hatte sie davon geträumt, einmal ihre Hände durch sein Haar gleiten zu lassen, ihre Finger oder ihr Gesicht darin zu vergraben und ihn nahe zu sich heranzuziehen …
„Katie?"
Die Gryffindor schreckte aus ihren Gedanken hoch und blickte direkt in Olivers dunkle Augen. Beide erstarrten.
Merlin …
Wood schluckte und räusperte sich. „Wir … wir treffen uns dann hinten beim Schuppen."
Mit diesen Worten eilte er fort zum anderen Ende des Feldes und fing die Puppen, die schon Anstalten gemacht hatten, ihn anzugreifen, mit dem Aufrufezauber ein und ließ sie neben sich her Richtung Schuppen schweben. Katie hatte ebenfalls die Puppen zu sich hergezaubert, die sich bei den Absperrungen zur Tribüne herumgetrieben hatten und folgte Oliver hinüber zum Schuppen, in dem – wie sie wusste – neben den Puppen auch die Übungsbesen sowie die Übungsbälle für das Quidditchtraining untergebracht waren.
„Danke … lieb von dir", empfing Wood sie mit einem Lächeln und hielt ihr die morsche Holztür des Schuppens auf.
„Kein Ding", erwiderte Katie, erwiderte sein Lächeln und ließ die Puppen vor sich her hinein in den diesigen, stickigen Raum schweben. „Übrigens … tolle Stunde heute", murmelte sie und hätte sich im nächsten Moment auch schon dafür ohrfeigen können. Tolle Stunde heute? Wie abgedroschen klang das denn? Es ärgerte sie, dass sich ihr Vorhaben, in die Offensive zu gehen, nun, da sie so nahe bei ihm war, so dermaßen schwierig gestaltete. Warum machte er sie bloß so nervös?
Oliver aber schien sich über das Kompliment zu freuen, und wenn sie ihren Augen im Zwielicht des Schuppens trauen konnte, färbten sich seine Wangen sogar ein wenig rosa. „Findest du? Danke … Ihr tragt aber auch euren Teil dazu bei. Die Flugkünste deines Jahrgangs sind nicht von schlechten Eltern."
Oliver, was redest du bloß – für – einen – Schwachsinn?
Verstohlen warf er einen Blick auf Katie, die die Puppen vorsichtig mit ihren Händen in eine Ecke schob. Vereinzelt fiel gebrochenes Sonnenlicht durch die Ritzen der Bretterwand des Schuppens und beleuchtete in unzähligen Nuancen ihr hübsches Gesicht. Eine blonde Haarsträhne hatte sich in ihr Gesicht verirrt und kitzelte sie scheinbar an der Nase; sie versuchte verzweifelt, die widerspenstige Strähne aus ihrem Gesicht zu pusten und scheiterte kläglich.
Sein Herz begann heftig gegen seinen Brustkorb zu pochen und kämpfte gegen den Drang an, zu ihr zu gehen und ihr die Haarsträhne aus dem Gesicht streichen zu wollen. Fahrig schob er seine Puppen hinüber zu Katies und fragte sich dabei einmal mehr, was gerade in ihm vorging. Seit er Katie Bell am Anfang des Schuljahres wiedergesehen hatte, jagte ein seltsames Gefühl das nächste, ganz zu schweigen von seinem Traum. Hatten seine plötzlichen Reaktionen auf Katies Anwesenheit etwas damit zu tun, dass er sich mit einem Mal wieder an sein Gespräch mit Angelina vor Jahren erinnert hatte? An seine damaligen Worte und Gefühle? Und wie er nun darüber dachte? Wie sein Herz sich offensichtlich langsam aber sicher zu entscheiden begann?
Es ist heute genauso unmöglich wie damals, schoss es ihm durch den Kopf, doch dieses Mal blieb die Vernunft, die ihm bis jetzt ein jedes Mal seine Lehrerschaft vor Augen gehalten hatte, aus. Stattdessen meldete sich eine kleine, wagemutige Stimme in seinem Hinterkopf, die ihm leise zu sagen schien: Warum nicht? Wieso nicht dafür kämpfen und ein Risiko eingehen?
„Oliver? Alles in Ordnung mit dir?", mischte sich plötzlich Katies Stimme in seine Gedanken und der junge Schotte schreckte hoch.
„Was? Wie? Ja … natürlich", meinte er, doch ganz überzeugt schien Katie nicht. Ihr Gesichtsausdruck war undefinierbar, trotz der Tatsache, dass sie amüsiert schien.
„Na gut, wie du meinst …" Sie grinste. „Ich wollte eigentlich nur fragen, ob du noch irgendetwas hast, was verräumt gehört. Wenn nicht, wären wir wohl fertig."
Wood blickte sich um und fand tatsächlich alle Puppen ordentlich aufgereiht an der Schuppenwand vor.
„Ja … dann sind wir wohl fertig …"
Irgendwie schade, schoss es ihm durch den Kopf, gleich wird sie zurück ins Schloss gehen und das kleine Bisschen Ungestörtheit vor Umbridge wird wieder dem Alltag weichen …
Schweigend wandte er sich zum Gehen um; ein Gedanke, den Katie wohl ebenfalls gleichzeitig gefasst hatte – und es kam in der Enge des Schuppens wohl so, wie es kommen musste.
Der ehemalige Kapitän und die Jägerin stießen – wieder einmal, wie später Oliver zynisch feststellte – aneinander und Katie, zierlich wie sie war, verlor das Gleichgewicht; ihr Zauberstab, den sie in Händen gehalten hatte, fiel mit einem leisen Geräusch zu Boden und auch sie wäre gefallen – hätte Oliver sie nicht in einem schnellen Reflex an den Armen gepackt und zu sich herangezogen, um sie vor einem Sturz zu bewahren.
Noch nie in ihrem Leben hatte sich Katie so sehr gewünscht, dass die Zeit still stehen möge.
Sie spürte ihn so nahe bei sich wie noch nie zuvor; als sie ihren Blick hob, traf er direkt seine dunkle, undurchdringliche Iris, in der sie sich im Traum schon unzählige Male verloren hatte, sie spürte seinen Atem auf ihrem Gesicht, so nahe war sie ihm. Keiner von beiden wagte zu blinzeln. Die Tatsache, dass die Situation etwas Verbotenes an sich hatte, erfüllte ihren ganzen Körper mit einem sanften Prickeln. Der Duft seines Aftershaves stieg ihr in die Nase und für einen Moment fragte sie sich, wo es etwas zu kaufen gab, das so dermaßen anziehend und gut nach Wald roch. Der Quidditchumhang im dunklen Abstellraum im Gryffindorturm kam ihr wieder in den Sinn – wie sehr hatte sie den Duft vermisst …
Sie spürte seine warme Hand, die – wann war das denn geschehen? – über ihren Unterarm auf ihre gerutscht war und ein leichter Schauer durchfuhr sie. In diesem Moment konnte sie nichts anderes tun, als einfach still zu stehen und den so lange erträumten Moment zu genießen.
Später konnte sie nicht mehr sagen, wie lange sie so dagestanden hatten; doch in ihren Augen war es viel zu kurz gewesen, und viel zu früh hatte Oliver sich geräuspert, sie losgelassen und mit einer galanten Geste ihren Zauberstab vom Boden aufgelesen.
„Alles okay?", fragte er sie und fixierte sie mit einem fast schon sorgenvollen Blick. Der Zauberstab wechselte von einer Hand in die andere. „Hier. Entschuldige, ich wollte dich nicht schon wieder umrennen." Ein schwaches Lächeln schob sich auf seine Lippen, doch er schien zu Katies Verwunderung noch nervöser als zuvor.
„Ist schon gut", entgegnete sie und erwiderte sein Lächeln. Er hatte Recht – wie oft schon waren sie sich in diesem Jahr über den Weg gelaufen, und wie oft waren sie ineinander gerannt … „Ich hab's doch damals schon gesagt, du hast es wohl auf mich abgesehen." Sie zwinkerte, und Oliver schluckte.
„Gar nicht wahr", verteidigte er sich, jedoch mit zu heiserer Stimme, wie er fand. Er räusperte sich erneut. „Vielleicht … vielleicht sollten wir jetzt gehen …"
„Oh … ja, das sollten wir."
Als sie nebeneinanderher und schweigend zurück zum Schloss schlenderten, wagte es keiner, den anderen anzublicken; zu bedeutsam und fast schon intim war die vorangegangene Situation gewesen. Beide wussten in ihrem Inneren, dass es niemals zu einer solchen Nähe hätte kommen dürfen, und sowohl Katie als auch Oliver dachten über das Geschehene nach, bis sie das Schlossportal schon fast erreicht hatten.
„Wie läuft eigentlich das Training?", unternahm Oliver schließlich einen Versuch, das eher peinliche Schweigen zu brechen und Katie schien diesen „Themenwechsel" erleichtert aufzugreifen. „Ach weißt du, gar nicht mal so übel … Ron müsste einfach mal mehr Selbstvertrauen entwickeln, dann würde es schon klappen … aber da wir jetzt sowieso nicht trainieren dürfen …" Ihr Blick verdüsterte sich.
„Ach ja, Umbridges Erlass … Angelina hat mir schon gesagt, dass sie eine Genehmigung beantragen muss. … Ich hab das dumpfe Gefühl, dass Umbridge euch gegenüber nicht sehr kooperativ sein wird … Vielleicht rede ich auch noch einmal mit McGonagall …"
„Das würdest du tun?" Ein bewundernder und dankbarer Ausdruck trat in Katies Augen und Wood nickte. „Natürlich … glaubst du, ich lasse meine Freunde im Stich?" Er zwinkerte ihr zu und sie verneinte lachend. „Nein, natürlich nicht … das bist du uns ohnehin schuldig, nachdem du einfach so ein Loch in der Mannschaft hinterlassen hast …" Sie schniefte gespielt, aus ihren Augen blitzte der Schalk.
„Na du hast Nerven, Bell!", empörte sich Oliver und ging auf ihr Spiel ein. „Was hätte ich deiner Meinung nach tun sollen? Mich mit Händen und Füßen gegen mein Abschlusszeugnis wehren?"
„Klar", neckte Katie. „Außerdem hättest du ruhig einmal sitzen bleiben können … hätte dir nicht geschadet …"
„Werd ja nicht frech, sonst setzt's Strafarbeiten!", grummelte Wood, doch er fühlte sich gut und unbeschwert wie schon lange nicht mehr in Katies Gesellschaft. Auch sein Herzrhythmus hatte sich Merlin sei Dank wieder beruhigt.
Sie hatten das Schlossportal erreicht, und bevor Oliver den schweren Türflügel aufziehen und ihn für Katie aufhalten konnte, wurde das Portal schon von der anderen Seite aufgezogen.
Cassandra trat aus der Großen Halle und blinzelte ins Sonnenlicht, bevor sie Oliver und Katie bemerkte, die in ihrem gut gelaunten Gespräch innegehalten hatten und sie nun beide anstarrten.
Die junge Griechin legte leicht den Kopf schief und ihr Blick musterte unauffällig das doch sehr hübsche Mädchen, das in Olivers Begleitung war. Sie konnte sich an die Schülerin erinnern, es war eine Sechstklässlerin aus dem Hause Gryffindor und – soweit sie mitbekommen hatte – ein Mitglied aus Olivers altem Team. Seltsamerweise störte Cassandra die Art und Weise, wie die beiden offensichtlich miteinander gesprochen hatten, bevor sie zu ihnen gestoßen war – und sie spürte, wie sich eine Spur von Eifersucht in ihrem Herzen breit machte. Ihr griechisches Temperament kam zum Vorschein; er sollte mit ihr lachen und scherzen … nicht mit einer Schülerin, auch wenn sie eine ehemalige Teamkollegin war. Wäre doch gelacht, wenn sich der Spieß nicht umdrehen ließe.
„Oliver, gut dich zu sehen!", rief sie aus, setzte ihr wie sie fand entwaffnenstes Lächeln auf und tat einige Schritte auf die beiden Ankömmlinge zu. Der abschätzige und misstrauische Blick der Sechstklässlerin entging ihr dabei nicht, und das war auch gut so. Sollte sie ruhig sehen, wer hier am längeren Ast saß.
„Cassandra. Gar nicht mehr im Unterricht?" Wood schien ebenso überrumpelt von dem plötzlichen Auftreten seiner Kollegin.
„Ach nein, ich hatte heute schon früher frei", antwortete die junge Griechin wie beiläufig; dann ersann sie eine gute Strategie, wie sie Oliver zu ihrem Begleiter machen konnte – nicht zu dem der Schülerin. „Und ich dachte mir, vielleicht hättest du Lust, mir bei meiner Stundenplanung zu helfen? Ich fürchte, ich brauche die Meinung einer Person, die nicht so sehr mit der Materie vertraut ist, um zu wissen, wie viel ich einer siebten Klasse zumuten kann …"
Katie bebte innerlich vor Zorn, als Professor Theano unerwartet und vor allem unerwünscht zu ihnen gestoßen war und nun höchst offensichtlich mit allen Mitteln versuchte, Oliver für den Rest des Tages für sich in Anspruch zu nehmen. Sie verspürte einen Stich in ihrem Herzen, der sich ziemlich eindeutig als Eifersucht identifizieren ließ und erinnerte sich an jenes Frühstück, an dem sie Angelina und Alicia gegenüber das erste Mal den Verdacht geäußert hatte, Cassandra Theano habe es auf den ehemaligen Kapitän abgesehen. Angelina hatte ihr versichert, dass Oliver darauf nicht eingehen würde … doch ob das wirklich stimmte?
In diesem Moment nämlich hatte die Professorin ein strahlendes Lächeln aufgesetzt und Oliver mit einem bettelnden Blick bedacht, der für Katie nur zu eindeutig verriet, welche wahren Absichten hinter der Maskerade steckten.
Wood schwieg und blickte, sichtlich in der Zwickmühle, von einer Frau zur anderen; die Jägerin konnte sich vorstellen, dass er in diesem Moment fieberhaft überlegte, wie er entscheiden sollte. Konnte er dieser Cassandra anvertrauen, dass er außerhalb des regulären Unterrichts sehr wohl immer noch mit seinen alten Freunden zu tun hatte, obwohl Umbridge dies niemals gutheißen würde?
Um nicht aufzufallen und Oliver auch nicht in Schwierigkeiten zu bringen, wandte Katie sich schließlich mit einem flauen Gefühl im Magen zum Gehen.
„Ich … ich werde dann mal zurück in den Gemeinschaftsraum gehen", murmelte sie und sah dabei Oliver nicht an, bemerkte nicht seinen fragenden Blick. „Danke, dass Sie mir das Manöver noch einmal erläutert haben, Professor."
Oliver schien von diesen Worten ziemlich überrascht, denn seine Stimme klang ebenso fragend wie sein Blick, als er sich von Katie verabschiedete. „G-gern geschehen … Katie…"
Doch Katies blonder Haarschopf war bereits in der Eingangshalle verschwunden, und das Hochgefühl, das Sekunden zuvor noch in Olivers Brust geschwelt hatte, verklang. Er spürte, dass sie ihm nur wegen Cassandra hatte helfen wollen; wahrscheinlich glaubte sie, er müsse auch vor ihr seine Freundschaften geheimhalten, um nicht vor Umbridge aufzufliegen. Katie hatte mitgedacht …
„Oliver? Hilfst du mir nun oder nicht?" Cassandra zupfte ungeduldig am Ärmel seines Shirts und Wood schrak aus seinen Gedanken hoch. „Ja … ja natürlich. Kein Problem."
Gemeinsam mit seiner Kollegin betrat er nun ebenfalls die Eingangshalle, noch immer in Gedanken versunken und mit dem beschäftigt, was unten auf dem Quidditchfeld passiert war; und konnte nicht ahnen, dass sich in der jungen Professorin neben ihm ein kleines, triumphierendes Siegesgefühl ausbreitete.
~*~
„Hey Leute", begrüßte Adrien Harrold den Rest seiner Teamkollegen und ließ seine Tasche gut gelaunt auf die Bank in der Mannschaftsumkleide fallen. „Na, schönes Wochenende gehabt?"
Er entledigte sich seines Umhanges, zog seine Trainingskleidung hervor und merkte nicht, dass seine männlichen Teamkollegen von Ted Kelly bis Harry Eversemen innegehalten hatten und ihn nun mit großen Augen und hochgezogenen Augenbrauen anstarrten. So gut gelaunt und ungezwungen hatte keiner den Kapitän je gesehen. Es war vor allem auffallend, dass Adrien besser aussah als noch vor dem Wochenende; er wirkte ausgeschlafen und entspannt – ganz so, als hätte er sich gründlich von der schweren Zeit erholt, die er hinter sich hatte.
„Ähm … ja, klar", kam es schließlich von Ted Kelly, der verwundert sein Shirt hatte sinken lassen. „Endlich mal ausspannen … und bei dir?" Dabei warf er Gary Callagher neben ihm einen verwirrten Blick zu.
„Alles bestens", kam es von Adrien, der seine Quidditchroben mittlerweile angelegt hatte und fein säuberlich die Verschlüsse seiner Armschützer zuschnappen ließ. „Es war ziemlich … hilfreich."
Als er aufsah, bemerkte auch er die ungläubigen Blicke seiner Teamkollegen, die auf ihm lagen und ihm entfuhr ein leichtes Grinsen. Es war tatsächlich so, wie Oliver es vorausgesagt hatte – sich lockerer und offener zu geben fiel ihm nicht einmal so schwer, und die Wirkung, die dieses Verhalten auf den Rest der Mannschaft hatte, waren mehr als positiv. „Was kuckt ihr so? Hab ich Dreck an der Nase oder so?"
Schnell beeilte sich ein jeder, den Blick zu senken und sich weiter umzuziehen, doch Adrien registrierte amüsiert die Blicke, die sie einander noch zuwarfen, als er seinen Besen schulterte. Gerade als er die Umkleiden in Richtung Feld verlassen wollte, holte Ted Kelly zu ihm auf.
„Hey Adrien", er schien ziemlich verlegen zu sein und fuhr sich durch sein ohnehin schon stark verstrubbeltes Haar. „Schön, dass es dir… naja … besser geht …"
Erstaunt über Teds plötzliche Offenheit und sein Interesse ihm gegenüber erwiderte Adrien: „Danke … ja, ich … es ist, als wüsste ich jetzt endlich, was ich zu tun hab."
„Das ist gut", grinste Ted und gemeinsam traten sie hinaus aufs Feld, wo bereits die weiblichen Teammitglieder und Lee, der es vorzog, sich bereits zuhause umzuziehen, warteten.
„Weißt du, und eben weil ich jetzt weiß, was ich zu tun habe, werde ich das gleich mal in die Tat umsetzen", murmelte Adrien leise, als er Lee Blackburn lässig auf seinen Besen gestützt erblickte und beschleunigte seine Schritte.
Ted, der bemerkte, auf wen Adrien zuhielt, wurde zunehmend unruhig, wagte es jedoch nicht, den Kapitän von seinem Weg abzuhalten. Nervös biss er sich auf die Unterlippe und folgte seinem Kollegen langsamen Schrittes, auf das, was nun geschehen würde, wartend.
Es war, als würden Adrien Harrolds Gedanken nur von einem Ziel beherrscht. Er wusste, was er zu tun hatte … er wusste, dass auch er einen entscheidenden Schritt tun musste …
Als er Lee erreicht hatte und in dessen überlegen wirkendes Gesicht sah, zwang er sich zu einem versöhnlichen Grinsen und streckte dem Hüter unter dem erstaunten Gemurmel der anderen Anwesenden die Hand entgegen.
Tatsächlich … es war in gewisser Art und Weise … befreiend …
~*~
„Professor Wood, wenn Sie doch bitte einen Moment warten würden!"
Was will die falsche Schlange jetzt schon wieder?
Oliver, gerade auf dem Weg hinunter zum Kapitänsbüro und ohnehin schon spät dran, rollte mit den Augen und drehte sich dann mit einem Lächeln auf den Lippen zu Dolores Umbridge um, die ihn von der Treppe herab zuckersüß anlächelte. Mit kleinen, trippelnden Schritten kam sie herunter in die Eingangshalle, die Arme in einem grässlich rosa Wolljackett vor der Brust verschränkt. Auf ihrer Frisur thronte stolz eine mächtige, farblich dazu passende Schleife.
„Was kann ich für Sie tun, Professor Umbridge?"
Die Hexe räusperte sich und begann, mit ihrer unerträglichen Kleinmädchenstimme zu sprechen. Dabei hatte sie Wood am Arm gepackt und schob ihn sanft, aber mit Nachdruck weg vom Schlossportal und geradewegs in die entgegengesetzte Richtung.
„Ich darf Sie doch um diese Uhrzeit noch belästigen? Oder haben Sie etwas vor, Wertester?", meinte sie mit Unschuldsmiene, doch wieder einmal waren ihre Augen es, die ihre Worte Lügen straften. Wood schluckte und dachte an Angelina, die bestimmt schon auf ihn wartete. Was sollte er bloß sagen?
„Ach, wissen Sie …"
„Dachte ich's mir doch. Schön, dass Sie Zeit für mich haben", unterbrach ihn Umbridge und verstärkte den Druck auf seinen Oberarm. Für einen Moment fragte Oliver sich, wie aus einer so kleinen und unscheinbaren Frau so viel Kraft kommen konnte. „Ich würde nämlich gerne mit Ihnen besprechen, was sie so in der nächsten Zeit mit Ihren Schülern geplant haben. Kein Grund zur Sorge, nur eine kleine Routineuntersuchung des Ministeriums, alle Lehrer führen dieses Gespräch mit mir …"
Mit diesen Worten führte sie ihn immer weiter durch die Gänge des Schlosses, und Oliver hatte das dumpfe Gefühl, dass sein Gespräch mit Angelina würde warten müssen. Ausgerechnet jetzt, wo er es wohl am meisten benötigte.
Sein Herz begann erneut zu pochen und er beschloss, gleich am nächsten Morgen mit Angelina zu sprechen. Er hatte das Gefühl, den Rat seiner Freundin noch nie so dringend gebraucht zu haben.
Zur selben Zeit blickte Angelina Johnson unten im Kapitänsbüro auf die Wanduhr, dann auf ihre eigene. Viertel nach acht Uhr, Oliver war zu spät.
Sie seufzte und schritt einmal um ihren Schreibtisch herum, darüber nachdenkend, was er so dringend mit ihr besprechen wollte.
Wenn es nichts mit Adrien zu tun hatte, womit dann? Doch nicht etwa mit … nein, mit diesem Thema hatte er schon vor Jahren abgeschlossen, damals in jener Nacht … oder doch nicht?
Die Kapitänin rieb sich die Augen. Fragen über Fragen. Dass Wood sie versetzte, glaubte sie kaum; zu ehrlich hatte sich seine Bitte nach einem Gespräch angehört. Bestimmt war er von etwas aufgehalten worden … oder von jemandem. Letzteres war wahrscheinlicher.
„Umbridge…", grummelte sie mit bitterer Stimme. Diese schreckliche Frau trieb es noch so weit, dass man nicht einmal mehr einem Freund bei seinem Problem helfen konnte, mochte er Lehrer sein oder nicht.
Als die Uhr bereits halb neun anzeigte, entschloss sich Angelina, nicht mehr zu warten. Morgen würde sie Oliver ohnehin in ihrer Stunde treffen und so die Antwort auf sein Nichterscheinen erfahren.
Sie löschte das Feuer im Kamin, blickte sich noch einmal im Raum um, verschloss die Tür und machte sich durch die kühle, windige Nacht auf den Weg zurück zum Schloss.
~*~
Anm. der Autorin: Also ich hoffe doch, dass ich mit diesem Kapitel wieder das Interesse einiger Katie-Fans geweckt und ein paar Reviews verdient habe? *lieb kuck* Außerdem wäre konstruktive Kritik zu dem Ganzen auch nett, so weiß ich wenigstens was ihr gerne mögt und was nicht!
Auf alle Fälle ist unser Lieblingsprofessor jetzt erst einmal mit seinen Gefühlsverwirrungen beschäftigt … Zeit, dass er mal mit Angelina redet … ;)
Naja, das nächste Kapitel kommt so bald und bringt einiges mit sich!
Eure Caly
