17. Legilimens
Anm. der Autorin: Entschuldigt die lange Abwesenheit *verschämt wegkuck* Irgendwie hatte ich null Motivation zu schreiben … aber jetzt geht es endlich weiter! =) Welcome back zu einem neuen Kapitel, das jetzt wirklich spannend werden wird ;) Dass Cassandra was von Wood will und Katie als Rivalin sieht, wissen wir. Dass Katie ebenfalls was von Wood will und Cassandra als Rivalin sieht, wissen wir auch. Dass Oliver weder von den Gefühlen der einen noch von der leichten Eifersucht der anderen eine Ahnung hat, ist auch bekannt.
Was aber passiert, wenn eine der beiden erfährt, wie die Sache wirklich läuft und dabei Dinge zu sehen bekommt, die sie am liebsten nie erfahren hätte? Was passiert, wenn all ihre Prinzipien in einer Situation über den Haufen gefahren werden?
Ihr werdet sehen – ach, und ganz so nebenbei spielt sich das Ganze auch noch an Halloween ab ^^
Viel Spaß, und lasst mir bitte ein paar Reviews da! *lieb kuck*
Eure Caly
Was du empfindest, weiß ich ganz genau
Ich kenn' deine Gedanken
Nichts an dir scheint mir fremd zu sein …
~ Laith al Deen – Dein Lied~
Für Oliver war es, als vergingen die nächsten beiden Wochen in einem einzigen Gefühl aus Freude und Triumph. Freude einerseits darüber, dass die Flugkampfstunden mit Katie toll gelaufen waren, ganz zu schweigen von den DA-Stunden, die nebenher noch Grund für sein Triumphgefühl waren, das er ständig in seinem Bauch mit sich herumtrug.
Er und alle anderen Mitglieder der DA leisteten Umbridge Widerstand – genau unter ihren
kleinen, stechenden Augen – und taten das, was sie und das Ministerium am meisten fürchteten. Es war ein ungeheuer zufriedenstellendes Gefühl, sich dieser Tatsache bewusst zu sein, fand Oliver und konnte sich ein aufgesetzt freundliches Grinsen kaum verkneifen, wenn sich seine und Umbridges Wege kreuzten.
In den DA-Stunden selbst hatten es sich die drei Gryffindorjägerinnen zur Aufgabe gemacht, sich seiner anzunehmen und abwechselnd seine Partnerin zu sein, wobei alle drei mit der Zeit wirklich gute Fähigkeiten entwickelten und immer besser mit den Angriffs- und Verteidigungszaubern umzugehen wussten. Ende Oktober hatte das Trio Infernale, wie Oliver sie nach besonders anstrengenden Stunden schnaufend nannte, bereits den Entwaffnungs- und Lähmzauber sowie einen ziemlich starken Reduktorfluch im Repertoire, was er ihnen anerkennend immer wieder mitteilte und sie anschließend in bester Fred-und-George-Manier so taten, als wären sie geschmeichelt. Besonders Katie aber schien seine Komplimente ernst zu nehmen, denn sie schien von Stunde zu Stunde besser zu werden.
Bedeutend schwieriger als die Tatsache, den Mitgliedern die Zauber gut und richtig beizubringen (denn die meisten – sogar Neville – beherrschten die Sprüche inzwischen einwandfrei), war eindeutig die Findung eines Termins, an dem alle Schüler aus den drei Häusern Zeit fanden, um zusammenzukommen. Drei verschiedene Quidditch-Trainingseinheiten zu berücksichtigen stellte selbst für das Koordinationsass Hermine eine echte Herausforderung dar und Oliver bemerkte, dass die Treffen mit der Zeit eher spontan als geplant abgehalten wurden, was ihn in keinster Weise verwunderte, waren doch alle drei Quidditchmannschaften darauf erpicht, den Pokal zu gewinnen.
Hermine Granger wäre aber nicht Hermine Granger, wenn sie nicht etwas in petto gehabt hätte – und das Ergebnis dieses Tüftelns einer in Olivers Augen mehr als genialen Schülerin bekam er von Harry präsentiert, als er sich Ende Oktober wieder einmal heimlich aus dem Schloss gestohlen hatte, um den Gryffindors beim Training zuzusehen.
„Hier", meinte der Sucher grinsend und reichte Wood etwas, das auf den ersten Blick aussah wie eine Galleone.
„Danke, Almosen nehme ich grundsätzlich nicht an", schmunzelte Oliver, betrachtete jedoch die Galleone mit prüfendem Blick. Erst als er sie ein zweites Mal gründlich betrachtete, fiel ihm auf, dass die Ziffern, die sich um den Rand der Münze rankten, sehr merkwürdig waren.
„Wozu soll das gut sein?", fragte er Harry schließlich verwundert, der ihn nicht ohne einen Hauch Stolz in der Stimme über die Besonderheit der Galleone aufklärte.
„Die Ziffern kommen dir zu Recht seltsam vor, sie sind unecht. Auf echten Galleonen ist das nichts weiter als eine Seriennummer, die sich auf den Kobold bezieht, der die Münze geprägt hat. Diese falsche Galleone aber ändert die Ziffern und zeigt Datum und Uhrzeit unseres nächsten Treffens an. Ich hab sozusagen die Chef-Münze, von der das Ganze gesteuert wird. Wenn ich ein Datum festlege, wird die Münze in deiner Tasche heiß und du weißt, dass was Neues ansteht. Ich kapier zwar noch immer nicht genau, was Hermine damit gemacht hat, aber –"
„Ein Proteus-Zauber", murmelte Oliver schwer beeindruckt, noch immer die Münze prüfend, „die Münzen von uns ahmen die deine nach … Harry, was Hermine da treibt, ist Magie auf dem UTZ-Niveau!"
„Mhm", machte Harry lächelnd und schulterte seinen Besen. „Es erstaunt mich selbst auch immer wieder … manchmal kommt man sich neben ihr richtig dumm vor …"
„Glaub ich dir aufs Wort", erwiderte Oliver nachdenklich. „Weißt du, woran mich das Ganze erinnert?"
„Ich kann's mir denken", antwortete Harry lakonisch. „Dasselbe hab ich auch zu Hermine gesagt … die Narben der Todesser, stimmt's?"
Verwundert sah Wood von seiner Münze auf, nickte aber bestätigend. „Genau … vollkommen ähnliches Prinzip. Ziemlich schlau von ihr …"
„Hey Harry, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!", schallte plötzlich Angelinas kräftige Stimme durch das Stadion und die beiden sahen auf.
„Immer mit der Ruhe, Lina", rief Oliver mit einem schelmischen Grinsen zurück. „Du kannst deinen Sucher gleich wieder haben … ich wusste gar nicht, dass du so zur Furie werden kannst …"
„Sei froh, dass ich hier oben und nicht bei dir unten bin, Oliver Wood", tönte es aus den Lüften und Angelina fuchtelte drohend mit ihrer Hand. „Sonst könnte es leicht sein, dass dein Kopf ganz schnell meinen Besenstiel zu spüren kriegt!"
„Merlin hilf, ich habe Angst", grinste Wood spöttisch und Harry, der das Wortgefecht wie der Rest des Teams stumm beobachtet hatte, räusperte sich. Offensichtlich schien er sehr viel von Angelinas Autorität als Teamoberhaupt zu halten. „Naja dann .. bis bald, Oliver. Spätestens morgen beim Fest."
Ach ja, Halloween. Wie er das nur vergessen konnte …
Wenig später verabschiedete Wood sich vom Team der Gryffindors mit einem Winken und warf ein letztes Mal einen verstohlenen Blick hinauf zu Katie, die jedoch bereits wieder vollauf damit beschäftigt war, unter Angelinas achtsamen Blicken Strafstöße gegen Ron zu verwandeln (was ihr nicht sonderlich schwerfiel) und so keine Zeit hatte, seinen Blick zu erwidern.
Seufzend steckte Oliver die Hände in die Hosentaschen, wo die falsche Galleone bereits fröhlich vor sich hin klimperte und machte sich auf den Rückweg zum Schloss. Er vermisste Katies Nähe sehr, war es doch gewöhnt gewesen, sie in ihren Flugkampfstunden, beim Training oder in den DA-Treffen zu sehen. Jetzt aber, wo das DA-Treffen seltener stattgefunden hatte und die Flugkampfstunden zunehmend stressiger und anspruchsvoller wurden, blieb ihm kaum noch Zeit, richtig mit ihr zu reden, was ihn ungeheuer wurmte und frustrierte.
Erneut aufseufzend kickte er ein Steinchen von ihm weg, dass auf dem Weg lag und blickte hoch in den grauen, wolkenverhangenen Himmel. Eine eisige Böe jagte über die Ländereien und ließ ihn frösteln.
Wie lange würde es noch dauern, bis sich alles wieder zum Guten wenden konnte?
~*~
Der nächste Morgen brach kühl und bedingt sonnig an, und die Tatsache, dass Halloween vor der Tür stand, war durch den Geruch von gebackenen Kürbissen, der bereits zur Frühstückszeit durch die Gänge und Korridore wehte, unumstößlich.
Die Lehrer schienen allesamt in Feierstimmung zu sein; sogar Professor Snape hatte sich beim Frühstück zu einem mehr oder weniger netten Grußwort hinreißen lassen, McGonagall gab sich Oliver gegenüber gewohnt locker und freundlich und Cassandra, die in den letzten Wochen ohnehin zu so etwas wie seiner fast ständigen Begleiterin geworden war, saß in der Großen Halle neben ihm und sinnierte vor sich hin, wie das Halloweenfest in Hogwarts wohl gehalten wurde.
„Bei uns an der Akademie war es nie etwas besonderes, Halloween zu feiern", erzählte sie betrübt und rührte in ihrem Kaffee. „Anscheinend stehen die Griechen nicht auf so etwas … nun ja, hier wird das bestimmt anders. Erzähl doch Oliver, wie war Halloween, als du hier zur Schule gingst? War es schön?"
Wood, der seine Zeit gerade damit verbracht hatte, Katie beim Frühstück und beim Scherzen mit Alicia zuzusehen und darüber völlig sein Rührei vergessen hatte, wandte wie in Trance seinen Kopf zu seiner Kollegin um.
„Sehr schnell von Begriff heute, hm?", lachte die junge Griechin schelmisch.
„Und wie", kam die lakonische Antwort von Oliver, der jetzt endlich begonnen hatte, sein Rührei zu verspeisen. „Wie Halloween in Hogwarts ist? Dazu kann ich nur eines sagen: Unbeschreiblich. Alles andere musst du heute Abend selbst herausfinden."
„Du bist fies", schmollte Cassandra, doch ihre Augen blitzten. „Na gut, wenn du es denn so willst … heute Abend werde ich es ja sehen … außerdem hab ich schon eine Idee, wie wir uns den Abend zusätzlich etwas spannender gestalten können …"
Das träumerische Grinsen, welches sich auf ihren Lippen ausbreitete, bemerkte Oliver nicht; zu sehr war er wieder damit beschäftigt, den Gryffindortisch im Auge zu behalten, dieses Mal jedoch mit zeitgleichem Frühstücken.
Der Tag schien wie im Flug zu vergehen und den Klassen, die Oliver unterrichtete, war es anzumerken, wie sehr sie sich auf das bevorstehende Festmahl freuten. Sein Magen knurrte unablässig, sobald er an die Tische dachte, die sich sicher wieder unter ihrer Last biegen würde und hatte am Abend, als er in sein Zimmer eilte, um sich umzuziehen, einen mittelmäßig anstrengenden Tag hinter sich.
Nachdem er ausgiebig geduscht, seine Muskeln ausgedehnt und den Besen verstaut hatte, schlüpfte er in elegante Bluejeans und ein schwarzes, langärmeliges Shirt, das er wie üblich bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt hatte. Gerade, als er das Zimmer verlassen wollte, sah er seinen Zauberstab auf dem Bett liegen und hielt in seiner Bewegung inne. Ein Gefühl in seiner Brust sagte ihm, den Stab mitzunehmen, doch er wusste nicht, woher diese plötzliche Intuition kam. Da er aber Angelina versprochen hatte, immer auf sein Herz zu hören, las er den Zauberstab vom Bett auf, steckte ihn in die weite Hosentasche und verließ sein Zimmer in Richtung Großer Halle.
Am Fuße der Großen Treppe traf er auf Cassandra, die offenbar auf ihn gewartet hatte und ziemlich aufgeregt schien.
„Jetzt komm endlich", drängte sie und nahm Oliver am Arm. „Ich habe extra auf dich gewartet … wo ich doch schon so gespannt bin!"
„Du bist ziemlich ungeduldig, Cassandra", tadelte Wood gespielt und zwinkerte. „Dass ihr Griechen denn gar kein Maß und Ziel kennt …"
„Das sagt der Richtige! Wer hat denn seinen Ouzo unverdünnt getrunken?"
„Sind wir etwa nachtragend? Ich würde es sofort wieder tun." Herausfordernd blickte Oliver seine Kollegin an, die darauf mit einem angriffslustigen Lächeln erwiderte: „Wir werden sehen, Oliver. Wir werden sehen."
Als sie schließlich die Große Halle betraten und nach vorne zum Lehrertisch schlenderten, konnte Cassandra von der großartig geschmückten Halle nicht genug bekommen, während Wood sich mit einem stechenden Gefühl in der Brust in sein letztes Jahr in Hogwarts zurückversetzt fühlte.
Die riesigen, schwarzen Wolken aus flatternden Fledermäusen, die unter der Decke und über den Tischen kreisten; die unzähligen riesigen Kürbisse, in denen die Flammen der Kerzen flackerten und die Halle in gespenstisches Licht tauchten; die riesigen orangeroten Spruchbänder, die wie die Fledermäuse unter dem leicht stürmischen Himmel ihre Bahnen zogen und dabei aussahen wie Leuchtstreifen im Firmament.
„Wundervoll", flüsterte Cassandra ergriffen, als sie zwischen den Haustischen nach vorne gingen. „Wie fantastisch."
„Warte nur, bis du vom Essen probiert hast", grinste Oliver, als sie auf das Lehrerpodium hinaufstiegen, Dumbledore und Professor McGonagall freundlich zunickten und sich auf ihren gewohnten Plätzen niederließen.
Nach einer Ewigkeit (so kam es dem hungrigen Oliver jedenfalls vor), erhob sich Dumbledore mit einem Lächeln und breitete die Arme weit von sich.
„Haut rein!", war alles, was er zum Fest zu sagen hatte und Olivers Magen, inzwischen sehr hungrig, dankte es ihm. Sofort nachdem Dumbledore verstummt war füllten sich die Haustische und der Lehrertisch mit den köstlichsten Speisen und Gerichten – Kürbispasteten, Koteletts, Salzkartoffeln mit den gleichen Gesichtern wie auf Kürbissen, …
Das Essen verlief relativ ruhig, das Summen der Gespräche der Schüler erfüllte die Große Halle. Wood selbst war über eine leidvolle Professor McGonagall in eine äußerst interessante Unterhaltung mit Dumbledore vertief, in der es um die neuesten Rennbesenmodelle ging (von welchen der Direktor ziemlich viel Ahnung zu haben schien) und als das Festmahl zu Ende ging, wollte der junge Schotte sich erheben, um zurück in sein Zimmer zu gehen und eventuell vor dem Einschlafen (irgendwie fühlte er sich matt und erschöpft) noch eine Strategie im Plan ‚Katie' entwickeln – da war auch schon Cassandra neben ihm erschienen und grinste ihn breit an.
„Na, endlich fertig mit Essen? Umso besser – wie wär's mit einem Drink im Dorf? Aus gegebenem Anlass?"
Wood seufzte und legte seine Serviette zurück auf den Tisch. „Muss das sein? Ich wollte eigentlich –"
„Ach bitte, Oliver", bettelte Cassandra und ihre Augen nahmen einen äußerst überzeugenden Dackelblick an. „Ich verspreche dir, es wird auch nicht allzu spät …"
Albus Dumbledore, der das Gespräch belustigt mitanhörte und offensichtlich beschlossen hatte, für seine jüngste Professorin Partei zu ergreifen, klinkte sich ein. „Nun kommen Sie, Oliver. Sie sollten einer Frau niemals etwas abschlagen, und ich nehme an, dass sie wissen, wie nachtragend diese Wesen doch sein können." Seine Augen blitzten amüsiert.
„Wohl wahr", seufzte Oliver und widmete sich wieder seinem Kürbispudding mit Schokofledermäusen darin.
„Komm schon Oliver, sei kein Spaßverderber. Immerhin ist heute Halloween und ich hab es doch schließlich noch nie so richtig gefeiert …"
„Na gut, du Nervensäge", grummelte der junge Schotte schließlich, als Cassandras Blick noch herzerweichender wurde. „Ich komm ja mit … aber wehe, es wird zu lange …"
„Ich gratuliere Ihnen, Cassandra", meinte Dumbledore vergnügt. „Sie haben es soeben geschafft, einen schottischen Sturkopf zu bezwingen."
„Danke Direktor, ich bin mir der Ehre bewusst", grinste die junge Professorin und warf Oliver einen kecken Blick zu, den dieser mit einem gequälten Lächeln erwiderte. Als er sich erhob, nahm sie ihn sofort am Arm und zog ihn hinunter vom Podium, wo sie sich in die Schülerschar einreihten, die aus der Halle strömte.
„Hey, immer langsam", beschwerte sich Wood lachend und zupfte sein Shirt zurecht. „Du kommst schon noch zu deinem Drink."
„Entschuldige … Ich finde es nur so toll von dir, dass du dich doch noch umentschlossen hast", meinte Cassandra vergnügt und trat ungeduldig von einem Bein aufs andere. „Irgendwie hab ich nämlich noch gar keine Lust, ins Bett zu gehen – immerhin ist Halloween …"
Doch Oliver hörte ihr nicht zu. Ein paar Schülerreihen vor ihm hatte er die drei Jägerinnen des Gryffindorteams entdeckt, die ebenfalls darauf warteten, die Große Halle verlassen zu können.
Angelina und Alicia kabbelten sich wie so oft gerade über irgendeine Belanglosigkeit, doch sie lachten dabei und pieksten sich gegenseitig in die Rippen. Katie allerdings schüttelte den Kopf über ihre Freundinnen, wandte ihren Kopf um und sah ihm direkt in die Augen.
Ihr Blick traf den seinen und es war, als löse er ein angenehmes Prickeln in seiner Magengegend aus – bis Oliver den Ausdruck in Katies Augen sah. Sofort verwandelte sich das Prickeln in ein unangenehmes Gefühl und der Professor vergaß völlig, weiterzugehen.
Sah sie – ja, sie sah verletzt aus … Traurig … aber wieso …?
Er schluckte und hielt Katies Blick ohne Emotionen zu zeigen stand, sein Puls beschleunigte sich und er spürte, wie Cassandra ihn erneut am Shirt packte und ihn weiterzog.
„Erde an Oliver, huhu! Warum so weggetreten?"
Wood blinzelte und in dem Moment wandte sich auch Katie wieder um und verließ mit den anderen beiden die Halle in Richtung Gryffindorturm.
Nachdenklich nagte Oliver an seiner Unterlippe, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Was hatte der Ausdruck in ihren Augen zu bedeuten? Warum sah sie so verletzt, so unglücklich aus? Er konnte sich an einen ähnlichen Blick erinnern, damals, als sie vom Schuppen zurückgekehrt waren und Cassandra am Schlossportal getroffen hatten –
Cassandra! War Katie etwa ihretwegen eifersüchtig? Die Anzeichen deuteten darauf hin … aber das konnte sie doch nicht denken … nein, das durfte sie nicht …
„Du bist ja schon wieder weggetreten!"
Wood erwachte aus seinen Gedanken und bemerkte erst jetzt die kühle Brise, die sein Haar zerzauste; ohne dass er es mitbekommen hatte, hatten sie das Schloss verlassen und passierten bereits Hagrids Hütte.
„Entschuldige, ich … ich war kurz in Gedanken …"
„Ja, das hab ich gemerkt", kam es lakonisch von Cassandra, die mit mehr oder weniger Erfolg versuchte, ihren Kollegen in die Stimmung zu bringen, in der sie sich bereits befand. „Komm schon Oliver, ein bisschen Auflockerung tut dir gut, glaub es mir!"
„Wie du meinst …"
Der restliche Weg ins Dorf hinunter verlief schweigend; während Cassandra Oliver so manchen verstohlenen Blick zu warf und überlegte, wie sie ihn am besten aufheitern konnte, brütete er über den Gedanken nach, dass Katie wirklich glauben könnte, zwischen ihm und seiner Kollegin liefe etwas. Es war tatsächlich nicht sehr abwegig, gestand er sich schließlich ein, so oft wie Cassandra und er sich in der letzten Zeit getroffen hatten; und Katie hatte sie dabei mehr als einmal gesehen.
Er seufzte und schob die Hände tiefer in die Hosentaschen. Warum musste das Leben so derartig kompliziert sein? Und warum mussten Frauen immer alles so verdrehen, dass es genau falsch war?
Sie waren endlich bei den Drei Besen angekommen und Cassandra hielt ihrem Begleiter galant die Tür auf. Aus dem Gasthaus schlug ihnen stickige Luft und das Geräusch von einigen Männerstimmen entgegen.
„Darf ich bitten?"
Wood, der schweren Herzens trotz seiner Nachdenklichkeit beschlossen hatte, Cassandra zu liebe einen schönen Abend mit ihr zu verbringen, lächelte und verbeugte sich leicht.
„Mit Vergnügen, Mylady."
„Na endlich ist der alte Oliver zurückgekehrt", seufzte Cassandra augenrollend, Wood warf ihr einen gespielt finsteren Blick zu und gemeinsam betraten sie das Gasthaus.
Einige Dorfbewohner saßen bereits an den Tischen und sahen nur kurz von ihren Trinkgläsern oder Kartenspielen auf; mittlerweile hatten sie sich daran gewohnt, dass ein ehemaliger Ligaspieler, der nun Lehrer oben im Schloss war, des Öfteren mit seiner griechischen Kollegin hierherkam, um etwas zu trinken.
Madam Rosmerta jedoch schien immer noch in pure Aufregung und Euphorie zu verfallen, wenn sie die beiden (insbesondere Oliver) in ihrem Wirtshaus sah.
„Nein, wie schön, dass ihr heute vorbeischaut!", trällerte sie begeistert, wedelte mit einem Geschirrtuch und umrundete so schnell sie es auf ihren Pumps konnte die Schank. „Setzt euch, setzt euch!"
Während sie ihre neuen Gäste zu einem Tisch am Fenster bugsierte plapperte sie unablässig und wusste viele Neuigkeiten aus dem Dorf zu berichten.
„Wir dachten, wir feiern Halloween noch ein bisschen", erklärte Cassandra schließlich den Grund ihres Kommens, als Rosmerta einmal zum Luftholen eine Pause einlegte.
„Eine wunderbare Idee", pflichtete ihr die Wirtin bei und setzte erneut ihr strahlendstes Lächeln auf. „Was darf ich euch zwei Hübschen denn bringen?"
„Ich denke … ich denke, ein Ouzo wäre jetzt genau das Richtige … oder, Oliver?"
Wood aber war bereits wieder in seine Gedanken über Katie versunken, die einfach nicht von ihm ablassen wollten, und so bestellte Cassandra wagemutig eine Flasche Ouzo samt Gläsern für sie beide.
„Natürlich gern, Schätzchen! Für euch habe ich extra ein paar Flaschen liefern und einlagern lassen", erwiderte Madam Rosmerta gut gelaunt und stöckelte in Windeseile davon, nur um Augenblicke später mit einem Tablett mit einer überdimensional großen Flasche Ouzo und verhältnismäßig kleinen Schnapsgläsern zurückzukehren.
„Wow!", machte Oliver, als die Wirtin die Flasche direkt vor seinen Augen auf den Tisch stellte und er aus seinen Gedanken gerissen wurde. „Und das Riesending sollen wir leerkriegen, ja?
„Als ob du das nicht schaffen würdest", neckte ihn Madam Rosmerta und begutachtete stolz die Flasche, die mindestens das Dreifache des üblichen Volumens fasste. „Ich dachte, ihr Schotten seid alle so trinkfest?"
„Siehst du, da hast du's", rief Oliver triumphierend aus und grinste seine Begleiterin frech an. „Rosmerta hat es dir eben bestätigt, falls du noch einmal an diesen Qualitäten zweifeln willst."
„Danke, kein Bedarf", lächelte diese amüsiert und schraubte den Verschluss der Flasche ab, während Madam Rosmerta äußerst entzückt wieder von dannen eilte, um die anderen, nicht minder durstigen Gäste zu versorgen.
„Also dann, cheers auf Halloween!", meinte Oliver nun besser gestimmt, als er ein vollgefülltes Glas von Cassandra entgegennahm.
„Na na, wie heißt das richtig?", tadelte ihn die junge Griechin streng, doch ihre Augen blitzten belustigt. Wood seufzte und verdrehte die Augen.
„Ach natürlich … also gut, yia mas auf Halloween. Besser so?"
„Viel besser", erwiderte Cassandra lächelnd und ließ ihr Glas mit einem hellen Klirren gegen Olivers prallen.
Sie unterhielten sich über Merlin und die Welt; und Oliver erzählte vom Halloween seiner Schulzeit, von den prunkvollen Festmählern und Peeves, dem Poltergeist, der den Anlass immer genutzt hatte, um Schülern ausgehöhlte Kürbisse über die Köpfe zu stülpen. Diese Geschichten amüsierten Cassandra und sie lauschte mehr als sie sprach, zu sehr genoss sie es, ihn einfach reden zu hören.
So verging der Abend, und mit den verstreichenden Stunden sanken auch der Ouzospiegel in der Flasche und die Anzahl der Wirtshausgäste.
Das alles so geschah wie es geschah, lag wahrscheinlich zum größten Teil an den düsteren Gedanken, die Olivers Kopf heimsuchten (und seltsamerweise mit jedem Glas Ouzo düsterer wurden und vergessen werden wollten). Noch immer konnte er es nicht glauben, dass Katie offenbar dachte, zwischen ihm und Cassandra würde etwas laufen – das Letzte, was er wollte, war eine traurige Katie Bell, die nur litt, weil er bisweilen nicht den Mut dazu gefunden hatte, das Gegenteil zu beweisen.
Cassandra, selbst schon leicht angeheitert (dafür aber noch immer klar denkend) schien seine tristen Gedanken aufgrund seiner gegebenen Redseligkeit (die übrigens sehr wohl etwas mit dem halben Inhalt der Flasche, den er alleine geleert hatte, zu tun hatte) nicht zu bemerken. Munter plauderten und scherzten die beiden, bis Madam Rosmerta sie um zwei Uhr morgens freundlich darauf hinwies, dass sie – wieder einmal – die letzten Gäste waren.
„Ach Rosmerta, du Spielverderberin", lachte Oliver und erhob sich, wobei er erst eine Weile brauchte, bis er sein Gleichgewicht gefunden hatte. „Sso früh schon zusperren …"
„Ich glaube, es ist eine mehr als kluge Entscheidung, jetzt zu schließen", erwiderte Rosmerta lächelnd. „Wenn ich noch länger geöffnet hielte, müsste Cassandra dich wahrscheinlich ins Schloss hochtragen!"
„Aaaach was", brummte Wood verächtlich und ging mit alles andere als geraden Schritten zum Ausgang. „S'is doch Halloween … mach's gut, Rosmerta."
Die Wirtin lachte und tauschte einen zwinkernden Blick mit Cassandra, bevor sie hinter die Schank zurückkehrte, um die Gläser zu spülen und die Griechin Oliver nacheilte, der trotz seiner ‚Beeinträchtigung' bereits ein ganzes Stück weit gekommen war, ohne hinzufallen.
„Ssiehst du die Sterne, Cassandraaaaaaa?", rief er, breitete die Arme aus und drehte sich einmal im Kreis, wobei er natürlich stolperte und seine doch ziemlich ausgeprägten Reflexe ihn gerade noch vor einem Sturz bewahren konnten. „Da oben würde ich jetzt gerne fliegen …"
„Ich glaube, das musst du auf morgen verschieben, mein Lieber", lachte die Griechin und hakte sich bei Oliver unter. „Du hast ja ziemlich was abbekommen … soviel zum Thema, dass du ja ach so viel verträgst."
Abrupt war Wood stehen geblieben und hatte sich zu ihr umgewandt, sein Gesicht war ganz nahe dem ihren und ein schwacher Geruch nach Anis stieg ihr in die Nase. „Jetzt hör mal zu, Kleines. Ich", dabei wies er mit bedeutungsvollem Blick und ausgestrecktem Zeigefinger auf sich selbst, „ich vertrag sehr wohl was, klar? Unterstell niemals einem Schotten, nichts zu vertragen!"
„Okay, okay! Ich hab's verstanden!"
Langsam und mit vielen Unterbrechungen (in denen Oliver einfach wieder stehen geblieben war, um das Firmament zu bestaunen) schlenderten sie den gewundenen Pfad zurück ins Schloss, und Cassandra genoss die Nähe zu Wood – auch wenn er davon wahrscheinlich nicht viel mitbekam.
Gerade eben hatte er ihr einen Arm um die Schulter gelegt (was in ihrem Bauch ein angenehmes Kribbeln ausgelöst hatte) und meinte nun mit heiserer, finsterer Stimme: „Das Leben, Cassandra, ist niemals fair oder einfach …"
„Hä?", machte die Griechin amüsiert und blickte ihm in die Augen. „Ist es nicht etwas spät für Philosophie?"
„Oh nein", erwiderte Oliver ernst und seine Stimme wurde wieder klarer, sein Gang allerdings blieb unsicher und Cassandra hatte den leisen Verdacht, dass es ihm gut tat, sich auf jemanden stützen zu können. „Für so etwas ist es nie zu spät … es ist auch nie zu spät … zu spät … für Einsichten, weißt du? Auch wenn es so aussieht …"
Mit düsterem Blick kickte er ein Steinchen vor ihnen weg und seufzte. „Das Leben ist niemals fair …"
„Jetzt wirst du mir unheimlich", lachte die Griechin belustigt und kuschelte sich ein klein wenig mehr in seinen Arm, der noch immer um ihre Schulter lag. „Lass den Kopf nicht hängen, es wird sicher alles wieder gut!" Wie sehr sie mit diesem Satz seine Gefühle von ihr weg zu einer gewissen anderen jungen Frau lotste, konnte sie nicht ahnen.
Mittlerweile waren sie bei Hagrids finsterer Hütte angekommen und Oliver blieb schwankend an den Gartenzaun gelehnt stehen, die Hände um den Bauch geschlungen und den Blick in den Himmel gerichtet.
„Ist dir etwa schlecht?", neckte ihn Cassandra und stellte sich mit vor der Brust verschränkten Armen so vor ihn hin, dass sie sich direkt in die Augen sehen konnten.
„Nein", stöhnte Wood leise und blinzelte. „Aber schwindlig …"
Er war so süß …
„Na komm, so schlimm wird es schon nicht sein", grinste die junge Griechin und realisierte just in diesem Augenblick, wie nahe sie ihm jetzt eigentlich war. Nurmehr knapp zwei Hand breit trennten ihre Gesichter voneinander, und sie konnte es in ihrem Bauch kribbeln spüren, konnte seine Nähe fühlen und die Spannung die in der Luft lag. Sie sollte die Chance ergreifen, die sich ihr bot …
Mutig stellte sie sich ein wenig auf die Zehenspitzen, Oliver sah nun direkt in ihre Augen, mit einem Blick, den sie nicht deuten konnte, und ein fast schon elektrisierendes Gefühl schoss durch ihren Körper. Sein Kopf kam immer näher, entschlossen überwand sie auch noch die letzten Zentimeter zwischen ihnen und fühlte schließlich seine weichen Lippen mit dem kaum merklichen Geschmack von Anis unter ihren.
Es war, als hätte sich das Adrenalin wie ein Wildwasserstrom in ihren Blutbahnen ausgebreitet und erfülle sie nun bis in die Fingerspitzen mit einem prickelnden Gefühl; sie spürte, wie Oliver sie mit beiden Händen kräftig an ihren Armen packte – und der Moment endete so jäh wie ein Gewehrschuss.
Oliver, der durch den schon etwas verworrenen Nebel in seinen Gedanken sehr wohl realisiert hatte, was geschah (wenn auch etwas zu spät), reagierte sofort. Katies verletzter Blick zuckte durch seinen Kopf und sein Magen krampfte sich zusammen. Mit einem Mal erfüllte ihn Panik – Panik, dass Katie – so unwahrscheinlich das auch war – ebenfalls noch auf dem Gelände war und das hier mitansehen musste; etwas, das er selbst nicht einmal wollte.
Und Cassandra … sie hatte ihn geküsst … sie, von der er es nicht geahnt hatte … oh, wie blind musste er gewesen sein …
„Cassandra, was tust du da?", murmelte er unwirsch, als er ihre Annäherung unterbrochen hatte und schob sie, ungestümer als er es vielleicht wollte, von sich; der Alkohol in seinem Blut machte sich bemerkbar, und Cassandra stolperte mit einem leisen Aufschrei zurück, sichtlich überrascht und geschockt – und hätte Oliver etwas mehr Ahnung von Legilimentik gehabt, hätte er gewusst, womit Menschen, deren Fachgebiet es war, wie Tiere auf Gefahr reagierten.
„Legilimens!"
Sie hatte ihren Zauberstab so schnell gezogen, dass er keine Zeit gehabt hatte zu reagieren; es war als träfe ihn der Zauber mit voller Wucht und er knickte keuchend ein; ein kurzer, scharfer Schmerz zuckte durch seinen Kopf und die dunklen Ländereien um ihn herum begannen zu verschwimmen und sich aufzulösen; mit einem Mal wurden seine Gedanken von einer Vielzahl an Bildern erfüllt, die sich vor seinem inneren Auge ausbreiteten.
Er war drei Jahre alt und bekam seinen ersten Spielzeugbesen geschenkt. Euphorie durchflutete ihn, als er vergnügt jauchzend im Garten seiner Eltern seine Runden drehte und sein Haar im Wind flatterte …
Er war elf Jahre alt und der Sprechende Hut hatte ihn gerade nach Gryffindor geschickt; er fühlte das Staunen, welches ihn auch damals erfüllt hatte; die Aufregung, die Nervosität …
Er war siebzehn Jahre alt und stemmte mit all seiner Kraft den riesigen Quidditchpokal in die Höhe, Freudentränen liefen über seine Wangen und der Rest der Mannschaft hatte sich um ihn herum zu einem einzigen Knäuel verschlungen; die Schüler auf den Rängen schrien und jubelten …
Die Bilder, die ohnehin in atemberaubender Geschwindigkeit an ihm vorbeischossen, veränderten sich – er hielt den Zeitungsartikel über Adrien in Händen, saß im nächsten Moment seinem besten Freund gegenüber, umarmte ihn, sprach ihm Mut zu –
Der nächste Cut. Eine einzige Person trat vor sein inneres Auge.
Katie.
Katie, wie sie elegant durch das Stadion flog; Katie, wie sie ihn mit ihrem umwerfenden Lächeln anstrahlte, als er ihr die weiße Rose schenkte; Katie, deren unergründliche Augen ihm so nahe waren, als sie im Schuppen gewesen waren …
Aber halt … Cassandra hatte nicht das Recht, all das zu sehen, schoss es durch Olivers vernebelten Kopf; es waren seine Erinnerungen, nicht die ihren.
Benommen tastete er in seiner Tasche nach dem Zauberstab und tat in diesem Moment das Einzige, was ihm als Gegenwehr plausibel und machbar erschien.
„Protego!"
Es war, als reiße ihn eine unsichtbare Macht von den Füßen (davon abgesehen, dass er bereits auf den Knien war); für einen Moment materialisierte sich seine Umgebung und Dunkelheit legte sich auf seinen verschwommenen Blick, bevor er erneut in eine Welt voller Bilder einzutauchen schien. Von irgendwo her hörte er einen leisen Aufschrei.
Es fühlte sich mehr als seltsam an, sich in diesen Bildern, die offensichtlich ebenfalls Erinnerungen waren, zu bewegen; vor allem, da es eindeutig nicht seine eigenen waren.
Eine junge Frau schüttelte glücklich lächelnd einem älteren, weise aussehenden Mann die Hand und hielt triumphierend ein ziemlich formell aussehendes Stück Pergament in die Höhe; offensichtlich war es Cassandras Abschluss an der Akademie in Griechenland.
Cassandras Gedanken. Das ganze hatte sich umgekehrt.
Die Bilder verschwanden und neue tauchten auf; ein kleines Mädchen lief übermütig kreischend einen Sandstrand entlang und Cassandra hastete ihr lachend hinterher, um sie einzufangen …
Das seltsame Gefühl verstärkte sich und wieder veränderte sich das Bild vor seinem inneren Auge; es war, als hätte jemand einen milchigen Schleier darüber gelegt und Oliver hatte das Gefühl, dass dies keine wirkliche Erinnerung war.
Er sah sich selbst, beim Frühstück in der Großen Halle, an seinem ersten Abend zurück im Schloss; sah sich selbst lächeln, durch die Haare fahren, scherzen und lachen. Und dann plötzlich trat Cassandra ins Bild, griff fordernd nach seiner Hand und zog ihn nahe zu sich heran, kam ihm immer näher …
Mit einem Schlag dämmerte es in Olivers verwirrtem Kopf, und bevor seine schon ziemlich verlangsamten Gedanken bessere Schlüsse daraus ziehen konnten, zog Cassandra einen Schlussstrich.
„STOP!"
Wood stolperte zurück, sein volles Körpergewicht prallte gegen Hagrids ohnehin schon recht desolaten Gartenzaun. Benommen blinzelte er und versuchte, seine Augen gegen die Dunkelheit zu schärfen, was ihm bei dem Alkoholgehalt in seinem Blut nicht mehr wirklich gut gelang. Dennoch schaffte er es, das bebende, dunkle Häufchen Elend ein paar Meter vor ihm als Cassandra zu identifizieren; ungelenk rappelte er sich hoch und krabbelte durch das nasse Gras auf seine Kollegin zu, die Hand ausgestreckt und nach ihrer Schulter tastend.
„Cassandra?", wisperte er dumpf, als er sie endlich gefunden hatte. „Allesss in Ordnung?"
Leises Wimmern war die Antwort und die Angesprochene schlug seine Hand von ihrer Schulter.
„Da fragst du noch?" Ihre Stimme durchschnitt die Nacht wie kalter Stahl und Oliver fröstelte. „Alles … alles ist kaputt …"
Noch fiel es Woods Gedanken schwer, all das zu verarbeiten, was geschehen war. „Cassandra, was –"
Doch seine Kollegin hatte sich bereits zitternd aufgerappelt und zog den Umhang fester um ihren Körper; er konnte ihre rabenschwarzen Augen im schwachen Licht der Sterne aufblitzen sehen.
„Ich wollte nicht, dass es so weit kommt, Oliver Calum Wood", flüsterte sie bebend. „Alles, was ich mir jemals geschworen hab, ich – es hätte niemals so weit kommen dürfen … wenigstens weiß ich jetzt, woran ich bin …"
Sie lachte bitter, wandte sich um und verschwand in der Dunkelheit hoch zum Schloss. Einige Augenblicke lang konnte man noch ihre eiligen Schritte vernehmen, dann wurde es bis auf das Rauschen des kalten Windes wieder still.
Eine Weile starrte Oliver benommen in die Dunkelheit, auf den Fleck, wo eben noch Cassandra gestanden hatte; dann ließ er sich sichtlich erschöpft zurück ins Gras fallen, wo er flach atmend liegen blieb und seinen Blick hoch zu den Sternen richtete, die vom Firmament herab auf ihn hinunter schienen.
Noch immer war es ihm nicht wirklich möglich, all das, was binnen der letzten paar Minuten geschehen war, aufzufassen und zu realisieren (was aufgrund seines ‚Zustandes' auch kaum verwunderlich war) und da sein Kopf jedes Mal, wenn er damit anfangen wollte, erneut zu schmerzen begann, gab er es recht bald auf.
Müdigkeit legte sich bleischwer auf seine Lider und trotz der Kälte, die langsam in seinen Körper kroch, rollte er sich vor Hagrids Gartentüre zusammen; schloss die Augen und lächelte, als ein Mädchen mit langem, blondem Haar in seinen Gedanken auftauchte und ihn anlächelte.
Katie …
Ohne dass er es richtig merkte gewann die Müdigkeit schließlich doch die Oberhand, der Alkohol in seinem Blut tat seine Wirkung, verdrängte das schlechte Gewissen, das sich in seiner Magengegend breit machte und Oliver war binnen eines Atemzugs auch schon eingenickt.
Es war bereits drei Uhr morgens, als noch jemand den Pfad zum Schloss heraufgewankt kam. Die hünenhafte, schwankende Gestalt summte leise, umrundete die Hütte und wollte gerade zur Gartentüre hinein – doch es war nicht möglich. Das Etwas, das vor dem Türchen lag und keine Anstalten machte, sich zu bewegen, versperrte den Weg.
Hagrid, denn er war es, der Halloween ausgiebig im Eberkopf gefeiert hatte, runzelte verwundert die Stirn und beugte sich weiter hinunter, um den ‚Gast' vor seiner Gartentüre zu identifizieren.
„Schluckende Wasserspeier, was'n mit ihm passiert", murmelte er besorgt, doch als er erleichtert festgestellt hatte, dass Oliver Wood scheinbar keine äußeren Verletzungen aufzuweisen hatte und sogar leise und flach atmete, fiel ihm ein Stein vom Herzen. Das Einzige, was ihm noch auffiel, war –
„Teufel noch eins, was für 'ne Fahne …"
Zu Olivers Glück war Rubeus Hagrid eine wirklich gute Seele. Vorsichtig hob der Wildhüter den Jüngeren, dessen Körper schon etwas klamm und kalt war, hoch und trug ihn aus der schneidenden Kälte hinein in die wohlig warme Hütte, wo der ehemalige Quidditchkapitän sogar ein eigenes Lager aus aufgehäuften Fellen bekam, auf denen er sich auskurieren konnte.
Fang, Hagrids Saurüde, hob verschlafen den Kopf und ließ sich aus lauter Müdigkeit nur zu einem kurzen Schnauben hinreißen, bevor er wieder in wohligen Schlaf versank.
Bevor Hagrid ebenfalls schlafen ging, löschte er das Licht und ließ sich dann mit einem lauten Krachen auf sein riesiges Bett fallen. Dösig lächelnd warf er einen letzten Blick zu Oliver hinüber, der sich auf seinen Fellen auf die Seite gedreht hatte und leise, für den Wildhüter unverständliche Worte vor sich hin murmelte.
Das Erwachen am nächsten Morgen, dessen war sich Hagrid sicher, würde für den jungen Professor mit Sicherheit nicht sehr angenehm werden …
~*~
Anm. der Autorin: Hoffentlich hat es euch gefallen und ihr lasst ein paar Reviews da ^^ dann kommt das ‚böse' Erwachen am Morgen auch ganz bald ^^
Ach ja, bevor ich es vergesse (und ihr euch vllt schon gewundert/aufgeregt/was auch immer habt): Dieses Kapitel ist insofern sehr AU, da Hagrid schon von seiner „Dienstreise" zurück ist und er nicht so lange bei den Riesen war. Wenn es nicht so wäre, hätte ich diesen ‚lustigen' Moment missen müssen, und das wollte ich dann auch nicht – ich hoffe, es wird mir verziehen ^^ Für die Handlung ist das ohnehin nicht recht ausschlaggebend.
Eure Caly
