18. KapitelAussprachen und Ausschlüsse

Anm. der Autorin: Juche, es gibt einen Katertee ^^ Hagrid und Oliver erwachen aus ihrem kleinen, aber feinen Rausch – mal sehen, ob sie sich beim Teetrinken was zu erzählen haben … außerdem muss die Sache mit Cassandra natürlich noch geklärt werden und das Quidditchteam von Gryffindor gerät nach dem ersten Spiel, das ich dieses Mal nicht näher beschreiben werde, in eine tiefe Krise – Olivers Einsatz als persönlicher Privatpsychologe Angelinas ist vorprogrammiert …

Aber lasst euch überraschen ^^

Reviews? ^^

Danke wiederum an JKR!!

Und deshalb geht's jetzt ganz fix weiter!

Eure Caly

Sag, dass das nicht wahr ist

Bitte sag, dass das nicht stimmt

Sag mir, dass du da bist

Und man mir nicht mein Ein und Alles nimmt …

~ Glashaus – Sag, dass das nicht wahr ist ~

Warum fühlte sich sein Kopf wie ein Amboss an, auf den ein Schmied unablässig mit seinem Hammer einzuschlagen schien?

Warum hörte dieses unablässige, schmerzhafte Pochen nicht auf?

Und woher bei Merlins Bart kam dieses durchdringende, pfeifende Geräusch?

Es brauchte eine Weile, bis Oliver sich bewegen und die Geräusche um ihn herum wahrnehmen konnte. Mühsam versuchte er, seine Augen ein Stück weit zu öffnen, doch es gelang ihm nicht; er wollte eine Hand heben, sich umdrehen, doch es war unmöglich.

Der Schmerz hinter seiner Stirn wurde intensiver, das pfeifende Geräusch stetig lauter. Geruch nach geräuchertem Fleisch und Kräutern drang ihm in die Nase und die bisher verborgene Übelkeit machte sich bemerkbar. Der pelzige, ekelhafte Geschmack auf seiner Zunge trug dazu nicht gerade mildernd bei.

Etwas Lautes, Dumpfes erschütterte plötzlich den Untergrund, auf dem er lag und er stöhnte leise. Seine Gedanken hatten sich bereits wieder so weit gesammelt, um sich fragen zu können, wo zum Teufel er eigentlich war; doch sein Verstand wusste darauf keine Antwort.

Eine raue und sehr schwer verständliche riss ihn plötzlich aus seinem elenden Dasein.

„Na, auch schon wach?"

Diese Stimme kannte er doch …

Mit aller Kraft schaffte der junge Schotte es endlich, sich entgegen des hämmernden Schmerzes in seinem Kopf auf seinem äußerst weichen Untergrund aufzustützen und die Augenlider einen Spalt breit zu öffnen. Seine Sicht war äußerst verschwommen, doch langsam kristallisierten sich aus dem gemischten Farbenbild riesenhafte Möbelstücke wie ein Lehnstuhl und ein Tisch sowie ein munter prasselndes Feuer heraus, vor dem etwas (oder jemand?) ungeheuer Großes hockte und darin herumstocherte.

Es brauchte einige Augenblicke, bis die Erkenntnis durch Olivers benommene Gedanken vorgedrungen waren; und als er endlich realisierte, wo er sich befand, war er mit einem Schlag um einiges wacher. Das pfeifende Geräusch war verstummt.

„Hagrid?"

Das riesenhafte Etwas am Feuer wandte sich langsam um; und tatsächlich war es der Wildhüter, der die Ursache des Pfeifgeräusches – einen Teekessel – in Händen hielt.

„Moin", nuschelte er, erhob sich unbeholfen und schlurfte hinüber zum Tisch, wo er den Kessel neben zwei riesigen Tassen abstellte. „Auch 'n Tee?"

Wood war so perplex, dass ihm die Worte fehlten und er bloß stumm nicken konnte, während die Gedanken in seinem Kopf langsam begannen, sich zu ordnen und Form anzunehmen.

Wo war er gestern Abend gewesen … ach ja, Halloween, das Fest oben im Schloss … und dann? Schemenhafte Erinnerungen an Hogsmeade kamen ihm in den Sinn. Cassandra hatte auf einen Drink bestanden (wieso bekam er so ein ungutes Gefühl in der Magengegend, wenn er an sie dachte?), also waren sie ins Dorf gegangen … ja, das war es!

In den Drei Besen waren sie gewesen … vor sein inneres Auge schob sich das Bild einer unanständig großen Flasche Ouzo …

„Oh Gott …"

„Kannste laut sagen", brummte Hagrid, der mittlerweile in einem der Stühle saß und missmutig seine Teetasse anstierte. Erst jetzt fiel Oliver auf, dass der Wildhüter, abgesehen von einem offenbar ziemlich zerschlagenen Gesicht, ebenfalls unausgeschlafen aussah und seine Augen ziemlich verquollen unter dem Augenbrauen- und Bartgestrüpp hervorlugten. Wood glaubte zu wissen, dass es Hagrid in diesem Moment sehr ähnlich wie ihm selbst erging.

Wie immer er auch hierher gekommen war, er war froh, bei Hagrid gelandet zu sein – immerhin waren sie schon zu seiner Schulzeit gut miteinander ausgekommen.

Ächzend und darum bemüht, Kopfschmerzen und Übelkeit möglichst zu unterdrücken, rappelte Oliver sich auf und blieb gleichgewichtssuchend auf seinem Lager stehen. Als er sich gesammelt hatte und seine Sicht etwas schärfer geworden war, tapste er mit unsicheren Schritten hinüber zum Tisch und ließ sich auf einen Stuhl fallen.

Welch ein abstraktes Bild die beiden doch abgaben, wie sie so dasaßen und ins Leere starrten …

Wood war es schließlich, der das Schweigen brach (und gleichzeitig feststellte, dass seine Stimme sich nicht viel besser anhörte als die Hagrids).

„Wie komme ich hierher, Hagrid?"

Der Wildhüter lächelte schelmisch. „Kleinen Filmriss, wa'?"

„Das ist nicht witzig", brummte Oliver etwas ungehalten und stützte den schmerzenden Kopf auf seinen Handflächen ab. „Es kann ziemlich erschreckend sein, wenn man glaubt, eigentlich im Schloss zu sein und dann außerhalb und nur mit einem Teil seiner Erinnerungen aufzuwachen, weißt du?"

Dankbar nahm er die Tasse mit dampfendem Tee von seinem ‚Gastgeber' entgegen und nippte einmal an dem heißen Getränk, das seltsam ‚un-teehaft' schmeckte und seine Sinne irgendwie wacher werden ließ. Misstrauisch, da er dessen Vorlieben für das eher Gefährliche kannte, blickte er zu Hagrid auf.

„Was hast du da reingetan?"

Hagrid grinste breit und drehte seine eigene Tasse zwischen seinen mülleimerdeckelgroßen Händen. „Kleine Kräutermischung … wirkt Wunder, das Zeug … dachte, du könntest es ganz gut gebrauchen …" Dabei wurde sein Grinsen noch breiter.

„Danke", machte Wood lakonisch und erneut fiel Schweigen über sie, während dem sie ihren Tee tranken und – zumindest der junge Professor – nachdachten.

Das große Dunkel, das in seinem Kopf über den Bildern seit der Ankunft in den Drei Besen lastete, begann sich langsam aufzuhellen, doch noch hatte er keine Ahnung, aus welchem Grund er den Weg zurück ins Schloss nicht mehr geschafft hatte – vor allem, wenn doch Cassandra an seiner Seite hätte sein müssen. Das sie ebenfalls so betrunken gewesen war und ihn liegen gelassen hatte, bezweifelte er stark.

„Bin vom Dorf hochgekomm'", meinte Hagrid plötzlich, nachdem er erneut an seinem Tee genippt hatte. „War schon ziemlich spät … 'n langer Abend, schließlich Halloween … Auf alle Fälle will ich durch die Gartentür rein zu meiner Hütte, aber ich konnt nich', denn da lag schon einer." Seine schwarzen Augen musterten Oliver vergnügt, der diese Tatsache nur mäßig amüsant fand. „Hatte keinen Schimmer, wo du hergekommen bist … konnt ehrlich gesagt auch nich' mehr wirklich drüber nachdenken … also hab ich dich mit reingenommen … war ja schließlich kalt draußen … kann doch kein' Professor erfrieren lassen, nein."

„Nett von dir", murmelte Oliver dankbar und klopfte dem Halbriesen auf die Schulter, bevor er erneut bei seinem Tee nippte. Er bekam mehr und mehr das eigenartige Gefühl, dass sich der Nebel in seinem Kopf langsam aber sicher zu lichten begann. Durch dichte Schleier konnte er sich an eine äußerst belustigte Madam Rosmerta erinnern, die ihn und Cassandra aus ihrem Wirtshaus geleitet hatte … es war bereits sehr spät gewesen …

„Mit wem warste eigentlich unterwegs?", fragte Hagrid schließlich nach, als der ehemalige Kapitän eine Weile mit dem Versuch, sich an mehr Details des Heimweges zu erinnern, stumm dagesessen hatte. „Doch wohl nich' allein?"

„Nein", erwiderte Oliver wahrheitsgetreu und schüttelte leicht den Kopf. „Ich war mit Cassandra unterwegs … sie kannte Halloween nicht und hat mich zu einer kleinen ‚Feier' in den Drei Besen überredet … von dort sind wir dann irgendwann wieder hoch zum Schloss gegangen … ich glaube, ich hab ziemlich viel erwischt an dem Abend … und dann muss irgendetwas passiert sein, Hagrid! Irgendetwas, das erklärt, warum ich hier bin und sie nicht! Aber was … was …? Hoffentlich hat sie niemand angegriffen … oder -"

Die Erinnerung kehrte nicht zuletzt dank Hagrids helfender Kräutermischung mit solch einer Wucht in Woods angestrengt nachdenkenden Kopf zurück, dass ihm kurz schwarz vor Augen wurde. Bilder von dem, was wirklich geschehen war, fluteten durch seine Gedanken und mit einem Anflug von ungeheurem schlechtem Gewissen vergrub er das Gesicht in den Händen.

Scheiße …"

Er erinnerte sich.

Sein Herz begann laut gegen seine Brust zu pochen und seine missliche Lage machte sich mehr und mehr mit einem flauen Gefühl in seiner Magengegend breit, wobei sie die vorherige Übelkeit ablöste. Hagrid, der daneben saß und den jungen Professor mit sorgenvollem Blick beobachtete, wusste sich nicht anders zu helfen, als seinem Kollegen beruhigend eine Hand auf die Schulter zu legen.

„So schlimm?"

„Oh ja", krächzte Wood kraftlos zwischen den Händen hervor und schüttelte sprachlos den Kopf.

Wie hatte er bloß so blind sein können?

Die Erinnerungen zuckten erneut vor seinem inneren Auge vorbei; Cassandra, wie sie sich auf die Zehenspitzen stellte und ihre Lippen die seinen berührten, seine Hände, die sie von sich stießen, ihr erschrockener Blick, ihre Verteidigung …

Legilimens

Wieso war er nicht früher darauf gekommen, dass sie eventuell mehr für ihn empfand als nur Freundschaft? Wieso hatte er das erst in ihren Gedanken erkennen müssen, wo es für sie am allerschlimmsten sein musste?

Schlechtes Gewissen und Mitleid regten sich in seiner Brust, denn zeitgleich mit dem Gedanken, dass er mit Cassandra sprechen musste, kam auch die Erkenntnis, dass er für seine Kollegin nie dasselbe empfinden würde wie sie es für ihn tat. Sein Herz gehörte, und das war das wohl allerschmerzhafteste für sie, einer anderen. Katie.

Siedend heiß fiel ihm ein, dass Cassandra Katie gesehen haben musste … in seinen Gedanken, schließlich hatte sie Legilimentik gegen ihn eingesetzt, was, wie er jetzt im Nachhinein bedachte, sehr ungerecht von ihr gewesen war.

Hatte sie auch die DA gesehen? Er wusste es nicht, und er hoffte, sie hätte es nicht.

Nie hätte er von ihr geglaubt, dass sie in seine Gedanken eindringen könnte … ihn ausspionieren würde …

Wieso sie das getan hatte, war ihm noch immer ein Rätsel; doch es war auch ein Grund mehr, mit ihr zu sprechen.

Hagrid war es schließlich, der ihn aus seinen rasenden Gedanken riss. „Hallo? Bis' du noch da, Oliver?"

„Wa- … ja natürlich … hab bloß nachgedacht …"

„Dacht ich mir", meinte der Wildhüter gutmütig und trank mit einem kurzen Schluck seine Tasse Tee leer. Es schien ihm bereits besser zu gehen als noch vor einer Viertelstunde, und auch Oliver spürte, als er seine eigene Tasse leerte und der Tee einen leichten Kräutergeschmack im Mund zurückließ, wie seine Geister wiederbelebt wurden.

Nur ein paar Minuten später hatte sich der junge Schotte soweit gefangen, dass er entschied, hoch zum Schloss zu gehen und Cassandra aufzusuchen, denn obwohl er es keinesfalls gut und kollegial fand, dass sie seine Gedanken einfach so gelesen hatte, verspürte er doch ein leicht schlechtes Gewissen ihr gegenüber, nicht zuletzt wegen dem, was sie in seinen Gedanken und er in ihren gesehen hatte.

„Danke, Hagrid", verabschiedete er sich schließlich von dem Wildhüter, der ihn lächelnd zur Tür begleitete. „Hast was gut, okay?"

„Aaach, lass stecken", winkte Hagrid dröhnend ab und machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand. „Würd' ich doch jederzeit wieder tun."

„Nettes Angebot, aber ich glaube, es wird nicht mehr vorkommen, dass du mich betrunken von den Ländereien aufsammeln musst", grinste Wood schwach und hob kurz die Hand zum Abschied. „Bis dann."

Der kalte Morgenwind schlug ihm scharf und pfeifend um die Ohren, als er aus der wohlig warmen Hütte trat und er zog seinen Umhang fröstelnd enger um sich. Mit unsicheren Schritten trat er hinaus in den Garten und machte sich auf den endlos scheinenden Weg zurück ins Schloss; mit einer dunklen Vorahnung in der Brust, die bezüglich Cassandras Gemütszustands nichts Gutes verhieß.

~*~

Der Gang zu Cassandras Zimmertür stellte sich allmählich als die härteste Herausforderung heraus, die Oliver je vorgesetzt bekommen hatte. Sein Herz pochte mittlerweile so heftig gegen seinen Brustkorb, dass es ihn nicht verwundert hätte, wenn die Gestalten in den Portraits ihn ausgelacht hätten. Selbst sein eigenes Portrait-Ich hatte eine gequälte Miene aufgesetzt und deutete kläglich mit einem Daumen nach oben als er vorbeiging; ein äußerst erfolgloser Aufmunterungsversuch, wie der echte Wood fand.

Ihn selbst plagte seit den Morgenstunden ein eher schlechtes Gewissen, das sich in seinem Magen festgesetzt zu haben schien und sich dort drinnen mit einem mehr als unangenehmen Gefühl von Minute zu Minute ausbreitete. Zwar waren seine Erinnerungen immer noch verschwommen, doch nun, da er sich etwas erholt und Klarheit in seine Gedanken gebracht hatte, trieb wieder das Bild einer zutiefst erschrockenen und auch verzweifelten Cassandra vor seinen Augen …

Wie hatte er so blind sein können? Die Treffen, die Unternehmungen im Dorf, die Stundenvorbereitungen … wieso hatte er den Sinn hinter all dem nicht entdeckt?

Nun gut, du hast damals auch nicht kapiert, dass Katie …

Unwirsch verwarf Oliver diesen Gedankenfetzen, der ihn als Blindgänger in Liebesdingen abzustempeln versuchte und konzentrierte sich auf die letzten paar Meter zu Cassandras Tür, denn seine Füße schienen allmählich einen eigenen Geist zu entwickeln, der sich permanent weigerte, dieser Tür auch nur einen Meter näher zu kommen und seine Beine deshalb mit Blei oder anderen schweren Materialen gefüllt zu haben schien.

Kein Laut drang durch die schwere Holztür, und nicht einmal, als Oliver schweren Herzens ein Ohr daran legte, waren Schluchzen oder Ähnliches zu vernehmen. Es war natürlich möglich, dass die Griechin schlief, doch in Olivers Augen schien das schier unmöglich. Niemand, und schon gar nicht die in Wirklichkeit extrem sensible Cassandra, konnte nach so einer Nacht sorglos schlafen.

Du musst es tun … jetzt. Wenn du es nicht tust, ist eure Freundschaft vorüber, und das willst du doch nicht …

Nein, das wollte er in der Tat nicht. Cassandra Theano war ihm eine solch wichtige Stütze und gute Freundin im vom Ministerium beherrschten Schulalltag, der den Umgang mit seinen alten Freunden untersagte, geworden, dass es für ihn unvorstellbar war, nicht mehr mit ihr befreundet zu sein.

Der Gedanke allerdings, dass diese Freundschaft ihrerseits viel mehr Bedeutung gehabt hatte als seinerseits, trübte diese Überlegungen und er fragte sich mit einem bleiernen Gefühl in der Magengegend, ob Cassandra überhaupt noch mit ihm sprechen wollte oder ihm gleich ihre Zimmereinrichtung an den Kopf werfen würde.

Was konnte es Schlimmeres im Leben geben als eine Liebe, die nicht erwidert wurde?

Für einen Augenblick stellte er sich vor, Katie würde seine Liebe nicht erwidern, würde ihm die kalte Schulter zeigen, ihn auslachen … Die Art, wie seine Eingeweide sich verkrampften, verriet ihm ziemlich genau, wie seine Kollegin sich nun fühlen musste.

Du musst es tun …

Schweren Herzens gab Oliver seiner inneren Stimme Recht und räusperte sich. Es machte keinen Sinn, untätig vor ihrer Tür herumzustehen und dem Unvermeidlichen aus dem Weg zu gehen (auch wenn ihm das vielleicht lieber gewesen wäre).

Mit all seinem Mut, den er zusammentragen konnte, hob er seine Hand (die sich in diesem Moment nur sehr schwer hochbewegen ließ) und klopfte dreimal laut gegen die Tür; sein Herz pochte fast schon schmerzhaft gegen seinen Brustkorb und er hielt unwillkürlich den Atem an.

Stille; nichts rührte sich. Nur das leise Tuscheln der Porträts den Gang hinunter war zu hören und Oliver glaubte sogar, das Seufzen seines eigenen Porträt-Ichs zu vernehmen.

Etwas irritiert klopfte er erneut, doch als sich noch immer nichts bewegte, beschloss er, sich zu erkennen zu geben, obwohl er am liebsten davongerannt wäre.

„Cassandra?"

Seine Stimme klang heiser und dumpf, ganz und gar nicht nach ihm selbst; und das musste auch die Griechin gedacht haben, denn als sie endlich ein Lebenszeichen von sich gab, schien sie nicht zu erkennen, wer da vor ihrer Tür stand.

„Wer ist da?"

Sie klang verschnupft und Wood war sich sicher, dass sie die ganze Nacht geweint hatte, was das teils brennende, teils bleierne Gefühl in seiner Magengegend nur noch verstärkte. Noch immer kämpften das schlechte Gewissen und die Ansicht, dass seine Kollegin eindeutig mit falschen Karten gespielt hatte, um das Existenzrecht, und Oliver seufzte erneut. Da musste er wohl durch, ob er wollte oder nicht.

„Ich bin's, Cassandra. Oliver."

Mit zum Zerreißen gespannten Nerven stand er da und wartete auf eine Reaktion, die zuerst nur in Form eines dumpfen Geräuschs ausfiel, dann jedoch zu einem einzigen, weiteren Wort der Griechin führte.

„Verschwinde."

Genau das hatte er erwartet. Frustriert schob er die Hände in die Hosentaschen und trat von einem Bein aufs andere, bevor er erneut an die Tür klopfte.

„Cassandra, bitte. Lass mich rein, ich will mit dir über gestern Nacht reden!"

Leise Geräusche drangen durch die dicke Holztür, die ihn unangenehm an Schluchzen erinnerten und die altehrwürdigen Lehrer in den Porträts rings um ihn herum brachen in empörtes Tuscheln aus.

Auch das noch …

„Oh Merlin, nicht das was ihr schon wieder denkt!", stellte Oliver mit scharfer Stimme an sie gewandt klar und verdrehte die Augen. „Also wirklich!"

Das Tuscheln flaute ab und manche der Lehrer verzogen sich aus ihren Gemälden, nicht ohne dem jungen Professor noch einen abschließenden, misstrauischen Blick zuzuwerfen.

Na klasse … gut, dass der ganze Korridor denkt, du hättest eine heiße Nacht hinter dir …

Etwas mutloser als noch vor einigen Minuten (falls das denn noch möglich war) wandte er sich wieder der Tür zu und räusperte sich. Das Ganze stellte sich ja als noch komplizierter heraus, als er gedacht hatte …

„Cassandra", versuchte er es ein weiteres Mal mit eindringlicher Stimme. „Ich … also … dir geht es nicht gut und … ich meine … als dein Freund – also du weißt schon … ach, kannst du mich nicht einfach reinlassen?"

Langsam aber sicher verlor er die Geduld, und wie schon so oft in letzter Zeit fragte er sich, wieso das andere Geschlecht manchmal so dermaßen kompliziert handelte oder dachte, dass er es nicht wirklich nachvollziehen konnte.

Aus dem Zimmer drangen einige griechische Worte, und Oliver, der in den letzten Monaten schon einiges an griechischem Vokabular erlernt hatte, klopfte protestierend gegen die Tür.

„Hey, das hab ich verstanden, ja? Und jetzt mach die Tür auf und rede mit mir!" In einer plötzlichen Eingebung und in einem Anflug von Listigkeit fügte er noch hinzu: „Ich dachte, Griechen sind so mutig …"

Wenn er gedacht hatte, Cassandra ließe diese versteckte Untergrabung der Autorität ihrer Landsleute nicht kalt, so hatte er absolut richtig gelegen.

Mit einem Mal waren langsame, aber doch energische Schritte aus dem Zimmer zu hören und nach kurzem Zögern schwang die Tür endlich auf.

Cassandra sah nicht gut aus. Ihre dunklen Augen waren vom Weinen verquollen und rot, Spuren der unzähligen Tränen, die sie geweint haben musste, zogen sich ihre schmalen Wangen hinab und ihre Nase war etwas gerötet. Trotz allem stand sie mit einer Stärke vor Wood, wie er es ihr in dieser Situation nicht zugetraut hätte.

„Du wagst es, mir Schwäche zu unterstellen?", zischte sie mit gefährlicher Stimme und einem noch gefährlicherem Glitzern in den Augen, als sie Olivers Gesichtsausdruck bemerkte. „Das war nur eine List … du weißt, dass ich – du bist ein Schuft, Oliver Wood. Ein gemeiner, fieser, rücksichtsloser –"

„Bevor du hier weiter meine Vorzüge aufzählst, würde ich vorschlagen, dass du mich reinlässt", unterbrach Oliver sie ernst nach einem Blick den Gang hinunter. „Oder willst du, dass wir morgen beim Frühstück Schlossgespräch sind?"

Diese Bemerkung schien Cassandra etwas zur Besinnung zu bringen, denn auch sie schielte den Gang hinab und bedeutete Oliver schließlich widerstrebend, dass er eintreten konnte; auch wenn sich dabei wieder Tränen in ihren Augen sammelten und er mit einem flauen Gefühl im Magen der Ansicht war, dass sie ihn lieber zum Teufel gejagt hätte, als ihn hereinzubitten.

Die Vorhänge in Cassandras Zimmer waren zugezogen und das Bett war vollkommen zerwühlt; offensichtlich hatte sie, wie er gedacht hatte, keinen Schlaf gefunden und sich herumgewälzt. Dutzende von verbrauchten Papiertaschentüchern lagen auf Bettdecke und Boden.

Als Oliver von seinen Beobachtungen aufblickte, hatte Cassandra sich bereits wieder auf ihr Bett sinken lassen und die Beine an den Körper gezogen.

„Was willst du, Oliver?", flüsterte sie und plötzlich wirkte sie nicht mehr so stark und gelassen wie noch vor einigen Minuten. Ihre Stimme wirkte heiser, ihre ganze Erscheinung schien zerbrechlich. „Noch mehr Leid sehen?"

„Was?", hakte Wood mit hochgezogenen Augenbrauen nach und lehnte sich an den großen Schreibtisch. „Cassandra, wie kommst du bitte darauf? Hör mal, gestern Nacht ist einiges schiefgelaufen …"

„Oh ja", kam es unter dem schwarzen Haarvorhang hervor, denn die Griechin hatte mittlerweile ihren Kopf auf die Knie gelegt. „Ich wünschte, dieses teuflische Halloween hätte niemals stattgefunden … dann wäre das alles nicht passiert … du hättest das alles nicht erfahren … nicht so …"

Sie schluckte hörbar und schniefte ein paar Mal; Oliver hatte das Gefühl, dass sie den letzten Satz nicht hatte laut sagen wollen und er seufzte; wissend, dass er dieses Thema nun ansprechen musste, um Klarheiten zu verschaffen.

„Ich möchte mit dir darüber reden", begann er mit erstaunlicherweise fester Stimme und seine Gedanken schweiften kurz zu Katie ab. Es war, als würde ihn ihre bloße Erinnerung mutiger machen, die Dinge klarzustellen. „Über gestern Nacht, meine ich … Cassandra, ich weiß, dass ich gestern ziemlich viel getrunken habe … und dass ich dich nicht so grob abweisen hätte sollen … ich finde es zwar nicht gerade großartig, dass du Legilimentik gegen mich eingesetzt hast, aber so haben wir wenigstens … Dinge voneinander erfahren, die anders wohl länger nicht ans Tageslicht gekommen wären …"

Er hielt kurz inne und beobachtete Cassandras Reaktion auf seine Worte, doch sie blieb nur stumm und unbeweglich auf ihrem Bett sitzen und schien das Ende seiner Worte abzuwarten. Einzig und allein das unregelmäßige Schniefen bezeugte, dass ihr die Situation mehr als nahe ging.

„Cassandra, das, was ich dir jetzt sage, ist wichtig, hörst du? Das darfst du niemals vergessen." Vorsichtig trat er näher heran und ließ sich neben sie auf das Bett sinken, sie wehrte sich nicht dagegen. „Ich habe dich wirklich gern und deine Freundschaft bedeutet mir in diesem Schloss und auch außerhalb davon unendlich viel. Du weißt, dass ich meine alten Freunde nicht sehen darf – ja gut, dein Schnauben ist berechtigt, das Verbot ist mir ziemlich egal … aber trotzdem … ohne dich wäre das Leben hier nur halb so erträglich … das musst du mir glauben."

Undefinierbare Geräusche drangen aus dem Haarvorhang hervor und Oliver fasste dies in einem Anflug von Optimismus als ein ‚Ja, ich glaube dir' auf. Beherzt nahm er all seinen Mut zusammen und sprach weiter.

„Aber … ich weiß nicht, wie ich sagen soll … ehrlich gesagt war ich noch nie in solch einer Situation …" Ein wenig nervöser fuhr er sich mit einer Hand durchs Haar und seufzte. „Letzte Nacht aber hab ich gesehen, was … was du fühlst, Cassandra. Deine Gefühle, die … die sind intensiver als meine, und …irgendwie kann ich nachvollziehen, wie du dich fühlst … natürlich will ich nicht behaupten, es genau zu wissen, aber …bitte, ich will nicht, dass wir streiten oder unsere Freundschaft deswegen auseinander geht … ich möchte nicht, dass du dir wegen irgendetwas Hoffnungen machst, das … das nicht ist."

Schweigend sah er hinunter auf seine Hände und wartete die Reaktion seiner Kollegin ab. Lange Minuten herrschte Stille zwischen den beiden, in der nur ab und an eine heftige Windbö die Fensterläden an der Schlossmauer klappern ließ; dann jedoch sprach Cassandra, und ihre Worte waren nicht die, die Oliver erwartete hatte.

„Du liebst sie, nicht wahr?"

Er wusste sofort, wen sie meinte. Cassandra hatte bei diesen Worten ihren Kopf gehoben und blickte ihn nun aus tränennassen, glasigen Augen an. Irgendwo in diesem Blick glaubte Oliver, Verständnis herauslesen zu können; doch er war sich nicht sicher.

Ohne lange zu zögern nickte er und wurde sich gleich darauf dessen bewusst, dass dies sein erstes mehr oder weniger öffentliches Bekenntnis seiner Liebe zu einer gewissen blonden Jägerin gewesen war und er sich damit dem Ministerium auf dem Silbertablett präsentierte – sollte Cassandra die Neigung verspüren, ihn zu verraten.

Gespannt wartete er ihre Antwort ab und konnte förmlich ihre Gedanken in ihrem Kopf kreisen sehen. Sein Herz pochte wild gegen seinen Brustkorb und in diesem Moment wünschte er sich nichts sehnlicher, als dass Cassandra trotz der Gefühle für ihn wieder seine Freundin werden würde …

„Dass … dass so etwas wie Liebe hier passiert, das war nicht geplant", begann die Griechin mit heiserer Stimme. „Eigentlich wollte ich mich voll und ganz auf meine Arbeit konzentrieren und ein paar nette Leute kennenlernen … und dann kamst du." Sie seufzte, doch auf ihren Lippen zeigte sich ein mattes Lächeln. „Ich weiß noch, wie du mich am ersten Schultag umgerannt hast … vielleicht noch nicht da, aber spätestens beim Begrüßungsfest war es um mich geschehen … ich konnte nichts dagegen tun … auch nicht gegen die Tatsache, dass alles mit der Zeit ziemlich intensiver wurde … Eigentlich war ich der Ansicht, dass alles gut für mich läuft … naja, bis gestern zumindest. Bis ich die Gryffindorjägerin in deinen Gedanken sah …"

Mit einem Hauch von Rosa auf den Wangen senkte sie den Blick. „Glaub mir Oliver, ich hatte nie wirklich vor, Legilimentik gegen dich einzusetzen … Immer und immer wieder sagte ich mir, dass es gegen meine Prinzipien verstößt, obwohl ich manchmal zu gern gewusst hätte, was du denkst. Oft kamst du mir so unergründlich vor … doch ich habe es immer geschafft, mich zu beherrschen … das gestern war eine Notreaktion, ist aber trotzdem nicht zu entschuldigen … ich hoffe, dass du mir wenigstens das verzeihen kannst …"

Stumme Tränen tropften auf die Bettdecke und ihre Jeans und Oliver konnte in diesem Moment nicht anders, als näher zu ihr aufzurücken, ihr einen Arm um die Schultern zu legen und sie zu sich heranzuziehen. Cassandra schien erst unter seiner Berührung zu erstarren, doch dann ließ sie sich gegen seine Schulter sinken und weinte leise in ihren Pullover. Beruhigend strich er über ihre Schulter und ihren Schopf und fühlte sich einigermaßen erleichtert. Aufgrund von Cassandras Temperament hatte er nicht gedacht, dass das Gespräch eine solche Wendung nehmen würde.

Schließlich wischte sich die Griechin ihre Tränen mit einem frischen Papiertaschentuch aus den Augen und brachte sogar ein kleines Lächeln zustande. „Weißt du, Oliver", meinte sie leise und ihr Blick traf den seinen. „In meinem Herzen wirst du wohl immer einen Platz haben … aber ich habe gesehen, wie du mit Katie Bell umgehst … und ich habe sehr wohl auch gesehen, wie sie dich ansieht … Eure Zukunft wird schwierig, sehr schwierig … aber ich habe das Gefühl, dass ihr es schaffen werdet …"

Es kostete sie augenscheinlich ziemliche Überwindung, ihm dies zu sagen, doch Oliver spürte, dass ihre Worte ehrlicher Natur waren.

„Ich weiß das, was du sagst, sehr zu schätzen, Cassandra", erwiderte er deshalb und drückte sich kurz an sich. „Freunde?"

Kurzes Zögern ihrerseits, dann – „Ja, Freunde. Besser Freunde als Feinde."

Sie beide lachten und obwohl Wood erkannte, dass Cassandra wohl noch einige Zeit brauchen würde, bis sie über die Ereignisse hinweggekommen war und wieder unbefangener mit ihm umgehen konnte, stimmte es ihn froh, dass er zwischen ihnen für klare Verhältnisse gesorgt hatte und sich nun einer anderen wichtigen Aufgabe widmen konnte.

Wie bei Merlin, dachte er wenig später nach, als er Cassandras Zimmer verließ und die Lehrer in den Porträts seinen Schritten eifrig flüsternd folgten, sollte er Katie nun das Gegenteil dessen, was er gerade Cassandra erklärt hatte, gestehen, ohne dass seine Kollegen, seine Schüler oder – noch schlimmer – das Ministerium und Umbridge Wind davon bekamen?

~*~

Die Tage strichen dahin und mit einem Blick auf seinen Kalender stellte Oliver mit klopfendem Herzen fest, dass die erste Quidditchbegegnung gegen Slytherin unmittelbar bevorstand. Wann immer er durch die Korridore ging oder sich in der Großen Halle aufhielt, konnte er die Feindseligkeit spüren, die von den Schülern beider Häuser ausging und er erinnerte sich mit einem aufgeregten Gefühl im Bauch an seine Kapitänszeit, in der er solche Spannungen zuhauf miterlebt hatte.

Immer öfter wohnte er nun heimlich den Trainings der Gryffindors bei, die zu Angelinas Verzweiflung immer weniger häufig stattfanden – Snape hatte in seiner offen parteiischen Art das Feld dermaßen oft für die Mannschaft der Slytherins reserviert, dass es für die Kapitänin der Gryffindors nur selten möglich war, eine freie Einheit zu ergattern. Die Feindseligkeit beider Häuser gipfelte zudem in zahlreichen Versuchen der Slytherins, die Spieler der Gryffindors in den Gängen zu verhexen, und als Alicia Spinnet schließlich mit ungeheuer schnell wuchernden Augenbrauen in den Krankenflügel gebracht werden musste, schützte Snape erfolgreich gegen Angelina, vierzehn Augenzeugen und Olivers zahlreiche Proteste Taubheit und Unwissenheit vor.

„Ich an Ihrer Stelle würde aufpassen, Wood", höhnte er, als dieser ihm wiederum versucht hatte, Miles Bletchley als Schuldigen zu überführen (was all die anderen ebenfalls schon versucht hatten). „So offen zu Ihren kleinen Gryffindorfreunden zu halten kann heutzutage ziemlich gefährlich sein."

Zähneknirschend musste Oliver ihm Recht geben, denn Umbridge schien dieser Tage ausgesprochen missmutig gelaunt und wies die Schüler mehr als je zurecht. Außerdem schien sie die in ihren Augen verdächtigen Personen besonders scharf im Auge zu behalten, und Oliver wurde das unangenehme Gefühl nicht los, dass er definitiv dazugehörte.

So vergingen die Tage bis zum Spiel, und Wood war so dermaßen mit seinem Unterricht, den Versuchen, Angelina gut zuzureden und Ron hilfreiche Tipps zu erteilen und dem Ausweichen vor Umbridge beschäftigt, dass der Tag des Spiels schneller anbrach als ihm lieb war.

Ein erster Blick aus dem Fenster sagte Oliver, dass die Bedingungen nicht allzu schlecht waren. Während er sich wusch und ankleidete, schweiften seine Gedanken stetig zu Angelina ab, und obwohl er wusste, dass zwischen ihnen keinerlei telepathische Verbindung bestand, stellte er sich trotzdem vor, wie er ihr in Gedanken Mut zusprach (was auch ein wenig half, sein eigenes schwummriges Magengefühl zu besiegen).

Die Große Halle war erfüllt von einem einzigen Farbenrausch; die Slytherins, gewandet in Grün und Silber, vertrieben sich die Zeit mit tosendem Gelächter und verächtlichen Gesten in Richtung der Gryffindors, die, ganz in Rot und Gold, am anderen Ende der Halle saßen und sich davon offensichtlich nicht beeindrucken ließen, bis – ja, bis auf Ron, der mit äußerst blassem Gesicht vor seinem Teller saß und stark den Eindruck vermittelte, es wäre seine letzte Mahlzeit. Der Rest des Gryffindorteams saß um ihn herum und starrte ebenfalls auf die Teller, keiner schien etwas essen zu können.

Angelina, die trotz ihrer dunklen Hautfarbe ebenfalls ziemlich blass wirkte und seit einigen Minuten das selbe Stück Schinken auf ihrer Gabel aufgespießt hielt, schien seine Ankunft kaum zu registrieren. Ihr Blick war leicht glasig und ging ins Leere; und erst, als Oliver sich mit einem kurzen Seitenblick zum Lehrertisch vergewissert hatte, dass Umbridge noch nicht anwesend war, trat er zu seiner ehemaligen Mannschaft, ließ sich sogar neben seiner besten Freundin nieder, die dadurch aus ihrer Trance zu erwachen schien.

„Oliver", krächzte sie mit heiserer Stimme und ließ resignierend ihre Gabel sinken. „Bring mich bitte um …"

„Nein, die Sauerei wäre zu groß. Hier gibt es auch Leute, die etwas essen wollen", erwiderte Wood lakonisch und sah erleichtert, wie der Hauch eines Lächelns über Angelinas Lippen huschte. Katie und Alicia kicherten leise.

„Hast Recht", murmelte die Kapitänin zerstreut und schob sich das Schinkenstück endlich in den Mund. „Vielleicht solltest du es erst draußen tun, wo niemand zusieht."

„Angelina, reiß dich zusammen", beschwor Oliver seine Freundin mit eindringlicher Stimme. Er steigerte sich sogar so in sein ‚Aufmunterungsprogramm' für Angelina hinein, dass er sprach, als wäre er noch immer Teil der Mannschaft und nicht ein eigentlich zur Unparteilichkeit verpflichteter Lehrer. „Du darfst dich nicht so gehen lassen! Du bist die Kapitänin! Zeig Montague und seinen unterbelichteten Riesen, wer auf dem Feld das Sagen hat. Merlin noch mal, er ist es bestimmt nicht. Wir sind die Löwen, wir sind stärker als Schlangen. Wir haben sie ihm letzten Spiel plattgemacht, und wir werden sie auch heute wieder platt machen!"

Fred, George, Harry und die beiden Jägerinnen horchten auf und lauschten Olivers Aufmunterungsrede; sie alle fühlten sich in diesem Moment sowohl in Zeit als auch im Ort zurückversetzt. Es war, als befänden sie sich unten in den Umkleiden und Wood stehe vor ihnen, den Besen geschultert, das silbrige Kapitänsabzeichen an der Brust und die Augen voll von grimmig lodernden Flammen.

Angelina brachte erneut ein wenig überzeugendes Lächeln zustande, fing aber wenigstens an, den Inhalt ihres Tellers zu verzehren. Die anderen taten es ihr gleich und Oliver, der froh war, wenigstens etwas bewirkt zu haben, legte seiner Freundin noch einmal eine Hand auf die Schulter und drückte sie kurz, bevor er sich erhob und hoch zum Lehrertisch ging.

Wie alle Gryffindors amüsierte er sich (jedoch im Stillen und gemeinsam mit Cassandra, die von Tag zu Tag mehr ihrer gewohnten Lockerheit zurückgewann) über Luna Lovegoods monströsen Löwenhut, den sie selbst gebastelt und verzaubert hatte; wie alle Gryffindors strömte er hinunter zum Quidditchfeld, wo er zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren auf der Tribüne Platz nahm; wie alle Schüler verfolgte er mit klopfendem Herzen das Spiel, einige Male dazu gezwungen, seine Zunge im Zaum zu halten und Madam Hooch, die sich für dieses Quidditchspiel noch einmal die Ehre als Schiedsrichterin gab, nicht von seinem Platz aus zu beschimpfen; wie alle seine Schüler erlebte er das Ende des Spiels …

… und plötzlich war er allein, nun ja - fast. Fast allein in einem dunklen Korridor im sechsten Stock, gut vor neugierigen Augen hinter einem dicken Wandbehang versteckt, und sah auf Angelina hinunter, die sich an seiner Schulter die Augen aus dem Kopf weinte.

Tröstend strich er über ihren Rücken und flüsterte ihr beruhigende Worte zu, doch sie schien es nicht zu hören. Ihre Schultern bebten bei jedem erstickten Schluchzen und ihre Finger hatten sich fest in sein Shirt vergraben. In diesem Moment tat sie ihm so unendlich Leid, dass er gern alles Gold, das er besaß, hergegeben hätte – nur um ihr ihre Treiber und ihren Sucher zurückzugeben.

Die grausame Realität aber, die noch vor zwei Stunden die Gestalt Umbridges angenommen hatte, sah anders aus. Fred, George und Harry standen unter Spielverbot, lebenslänglich wenn man der Kröte glauben wollte. Oder musste.

Was genau auf dem Spielfeld vorgefallen war, wusste Oliver nicht. Was er aber wusste war, dass Fred mit der ganzen Sache so gut wie nichts zu tun gehabt hatte und von Umbridge nur ‚zur Sicherheit gesperrt worden war', wie Angelina ihm in undeutlichen, abgehackten Sätzen erklärt hatte.

Als ihr der Trubel, der aufgrund des Sieges im Gemeinschaftsraum geherrscht hatte, zuviel geworden war, hatte sich die Jägerin auf die Suche nach ihrem besten Freund gemacht; mit furchtbaren Kopfschmerzen und von Weinkrämpfen geschüttelt, die sie im Kreis ihres Teams noch erfolgreich zurückgehalten hatte.

Seitdem war Oliver damit beschäftigt, seine Nachfolgerin zu beruhigen und ihr Mut zuzusprechen, was ihm bisher jedoch nur mäßig gelungen war. Angelina war viel zu aufgewühlt, um sich zu beruhigen und Wood war sich sicher, dass sie sich ihr erstes Spiel als Kapitänin anders vorgestellt hatte.

„Hör auf zu weinen, Kleines", flüsterte er wohl zum hundertsten Male und strich ihr sanft über die unzähligen, geflochtenen Zöpfe. „Es hat keinen Sinn, wenn du dir hier die Augen aus dem Kopf heulst. Womit willst du dann noch sehen, wohin du den Quaffel wirfst, hm?"

Leises, ersticktes Lachen drang aus dem Haarvorhang über seiner Schulter hervor, gefolgt von einem ziemlich holprigen „Du bist ein Blödmann."

„Nein, im Ernst!", meinte Oliver beflissen, schob seine Hand unter Angelinas Kinn und zwang sie so, ihn anzusehen. Ihre dunklen Augen waren vom Weinen stark gerötet, ihr Blick zeigte nicht das lebendige Feuer, das er von ihr gewohnt war und silbrige Tränenspuren zogen sich ihre schmalen Wangen hinab. „Du hast für dein Ziel gekämpft Angelina, so wie nur wenige Menschen dafür kämpfen. Du, deine Mannschaft, ihr habt das Spiel gewonnen!"

Die Kapitänin schnaubte leise. „Schön und gut … aber davon kann ich mir auch keine Treiber und keinen Sucher kaufen."

„Das vielleicht nicht", lenkte Oliver ein, der spürte, dass Angelinas Traurigkeit langsam verflog und sie dadurch offener für seine Aufmunterungen wurde. „Ich weiß, dass Fred, George und Harry nicht leicht zu ersetzen sind –"

„Sie sind gar nicht zu ersetzen", flüsterte Angelina mit mutlos hängenden Armen. „Erst das Debakel mit dem Hüter und jetzt das … Mein Team war perfekt. Es war eingespielt, es … es war eine Einheit. Und nun ist alles kaputt, nur weil George und Harry ihr Temperament nicht im Zaum halten konnten …"

„Hör auf, ihnen die Schuld zuzuschieben", beschwichtigte sie Oliver, der leicht alarmiert dieselben Charakterzüge an Angelina zu entdecken begann, die auch er in dieser Position besessen hatte – und anderen Vorwürfe zu machen war ein erstes Symptom. „Ich weiß nicht, was dort unten geschehen ist, Angelina. Aber du weißt es. Sei nicht leichtfertig mit einem Urteil bei der Hand, bevor du nicht darüber nachgedacht hast, welche Umstände zu dem geführt haben, was passiert ist. Bitte, Kleines … mach nicht meine Fehler."

Angelina schluckte und presste die Lippen fest aufeinander, doch sie nickte stumm und ihr Blick, der eben noch leicht frustriert und wütend gewesen war, nahm einen versöhnlichen, dankbaren Ausdruck an.

„Vielleicht hast du Recht", meinte sie mit heiserer Stimme und wischte sich die Tränen mit dem Ärmel ihres Quidditchumhangs, den sie immer noch trug, von den Wangen. „Die Slytherins waren richtig fies … besonders Malfoy …"

„Was für eine Überraschung", knurrte Oliver mit finsterem Blick und in seiner Brust kochte die Wut über den Malfoy-Spross und seine Anhänger. Er war sich sicher, würde der Sucher der Slytherins ihm auf dem Weg zurück zum Lehrerflügel über den Weg laufen, würde Montague bald einen neuen Sucher finden müssen.

Während er sich dieser äußerst rachlustigen Vorstellung hingab, begann Angelina leise und aufgewühlt zu murmeln und in dem schmalen Gang hin und her zu gehen; offenbar zählte sie gerade alle Namen jener Gryffindors auf, die als potentielle Nachfolger für die Gesperrten in Frage kamen und hörte erst damit auf, als Wood sie bei den Armen ergriff und ihr fest in die Augen sah.

„Bleib ruhig, Angelina. Ruhig, und hör mir zu. Ich werde nicht zulassen, dass meine beste Freundin sich von Umbridge unterkriegen lässt. Denn genau das versucht sie, Lina. Harry Leid zuzufügen ist nur ein angenehmer Nebeneffekt für sie, glaub mir. Den Schülern das zu nehmen, was sie am liebsten tun und was in den Augen des Zaubereiministeriums wider den Ansichten des Ministers ist – das bereitet ihr Vergnügen. Aber du darfst ihr nicht zeigen, dass sie dich geschlagen hat, Angelina. Das darfst du nicht! Zeig ihr, dass du wieder aufstehen kannst und dich nicht unterkriegen lässt, egal wie viele Treiber und Sucher du dabei heranschaffen musst! Du bist eine Gryffindor, und eine Gryffindor lässt sich nicht von einer Kröte demütigen!"

Je länger Oliver gesprochen hatte, desto größer und leuchtender waren Angelinas Augen geworden, und als er geendet hatte, konnte er in der fast schwarzen Iris schon wieder ihr Feuer glimmen sehen.

„Außerdem weißt du, dass ich dir immer helfen werde, so gut ich kann", fügte der ehemalige Kapitän noch mit einem aufmunternden Lächeln hinzu. „Auch, wenn sie mich deswegen nach Askaban bringen oder Umbridge mich in den Kerker sperren lässt, oder –"

Doch weiter kam er nicht, Angelina hatte ihm bereits die Arme stürmisch um den Hals geschlungen und verhinderte so für einen Moment die ausreichende Luftzufuhr.

„- oder du mich vorher umbringen willst", vollendete Oliver krächzend den Satz und erwiderte die Umarmung.

„Danke, Oliver. Danke", kam es irgendwo von Schulternähe und Wood registrierte erleichtert, dass Angelinas Stimme kaum mehr weinerlich klang. Selbst ihr Gesicht sah glücklicher aus, als sie sich schließlich von ihm löste und ihn anlächelte.

„Siehst du, so gefällst du mir besser", grinste Oliver und zwinkerte, doch die junge Gryffindor war sprachlos und sah ihn einfach nur an, mit einem Blick, den er zu dem Zeitpunkt noch nicht wirklich deuten konnte.

Als der junge Professor allerdings zwei Tage später auf dem Weg in sein Zimmer war, begegnete ihm der Fast Kopflose Nick, den Oliver bis dato noch nie im Lehrerflügel gesehen hatte und der äußerst vergnügt vor sich hin summte.

„Wieso so gute Laune, Nick?", rief Wood ihm zu, doch er erhielt nur ein geheimnisvolles Lächeln als Antwort. Irritiert setzte er seinen Weg fort, öffnete seine Zimmertür, betrat den Raum – und erkannte sofort den Grund für Nicks Lächeln.

Auf seinem Bett lag eine kleine Schachtel mit winzigen Schokobesen, die – ganz nach dem Prinzip der Schokofrösche – schwach in der Luft herumsurrten und gerne ausrissen, bevor sie gegessen wurden. Eine kleine Notiz neben der Schachtel allerdings erweckte Olivers Aufmerksamkeit mehr als die Schokolade selbst.

Für den besten Freund/Käpt'n/Schotten/Professor/Hüter der Welt! DANKE

Es war klar, dass Nick den Überbringer gespielt hatte und Oliver beglückwünschte Angelina insgeheim zu dieser Idee. Während er sich auf sein Bett zurücksinken ließ und den ersten Besen aus der Schachtel nahm, freute er sich, dass sich die Verfassung der Kapitänin in den letzten Tagen so sehr gebessert hatte. Nichts war von dem weinenden Nervenbündel übrig geblieben – obwohl der Schock der Spielsperren noch immer in ihren Knochen steckte, war Angelina stark und hatte ihren Lebensmut zurückgewonnen, sehr zur Freude ihrer Freunde und Teamkollegen.

Vielleicht solltest du sie noch glücklicher machen, indem du endlich in Sachen Katie einen Schritt nach vor machst …

Lächelnd gab Oliver seiner inneren Stimme Recht und während die Schokobesen langsam zur Neige gingen und seine Gedanken unablässig um eine gewisse Jägerin mit den schönsten Augen, die es auf Erden nur geben konnte, kreisten, überlegte er fieberhaft, wie er es anstellen konnte, Katie Bell näher zu sein als das Gesetz und Umbridges Argusaugen es zuließen; und auch spät abends, als die Schokobesen schon lange aufgegessen waren und die Dunkelheit sich wie ein undurchdringlicher Mantel über Schloss und Ländereien gelegt hatte, war Oliver noch nicht der gewünschte Geistesblitz gekommen – nämlich jener, der sein Leben verändern würde …

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Anm. der Autorin: Uuuh, wird der erwünschte Geistesblitz unseren liebeskranken Schotten endlich treffen? Das erfahrt ihr mit Sicherheit nääächstes Mal =)

Reviews? *liebkuck*

Eure Caly