20. Kapitel Schottische Weihnachten

Anm. der Autorin: Willkommen willkommen!

Bevor Oliver nun Ferienbesuch bekommt, besucht er erst mal jemanden – und zwar seine Eltern, mit denen er ganz typische oder untypische schottische Weihnachten verbringt ^^ Man wird sehen …

Danke für die ganzen lieben Reviews =) Eine Zeit lang wird es jetzt wohl regelmäßiger vorangehen mit den neuen Kapiteln!

Und nun viel Spaß mit dem neuen Stoff!

Eure Calypso

P.S.: Weihnachten im Juni? ^^ Tolles Timing, würde ich sagen. Und nochwas: Ich hab keine Ahnung, wie genau jetzt die Straßen von Prestwick aneinander gereiht sind, aber sie existieren ^^

Und alle Übersetzungen der gälischen Wörter/Sätze finden sich am Ende! Ich übernehme aber nicht wirklich die Haftung für deren Korrektheit ^^

I'm driving home for Christmas

Oh, I can't wait to see those faces

It's been so long, but I will be there

Yeah, I'm driving home for Christmas …

Chris Rea – Driving Home for Christmas

Die kleinen Häuschen Hogsmeades lugten nur spärlich aus ihren dichten Schneemänteln hervor und die Hauptstraße zu finden, grenzte bereits an ein Wunder. Zumindest gelangte Oliver zu der Erkenntnis, als er den ehemals gut geebneten und nun dick verschneiten Weg vom Schloss ins Dorf hinunterstapfte, den klein gezauberten Koffer und Eulenkäfig in den Manteltaschen und mit einer dumpfen Vorfreude auf zuhause und die Ferien im Bauch.

Ein scharfer Wind pfiff ihm um die Ohren und zerzauste sein Haar, als er sich seinen Weg durch die schneebedeckten Häuser bahnte und so endlich aus Dumbledores Bannen ausgebrochen war, die ihm das Apparieren vom Schloss aus unmöglich machten. Seine Füße wurden allmählich kalt und ähnelten bestimmt schon eher Eisklumpen als lebendigen Körperteilen, und das Bedürfnis nach einer großen Tasse heißen Tees wurde immer stärker.

Nachdem er den letzten Schultag erfolgreich hinter sich gebracht und all seinen Schülern – natürlich auch Katie – schöne Weihnachten gewünscht hatte, hatte er den Großteil seines Hab und Guts in seinen Koffer gepackt, Sayuri in ihren Käfig gesperrt und war herunter nach Hogsmeade gewandert. Ein Blick auf die Armbanduhr zeigte ihm, dass es bereits viertel nach fünf war und es langsam Zeit war, das Gelände zu verlassen – sonst dachte seine Mutter noch, irgendwelche Späher des Dunklen Lords hätten ihn auf dem Weg abgefangen.

Wood konnte nicht umhin, bei den Gedanken an seine humorvolle, aber doch manchmal überbesorgte Mutter und seinen oft schweigsamen, aber doch gutmütigen Vater zu grinsen. Es wurde wirklich Zeit, sie wiederzusehen.

Konzentriert und mit einem genauen Bild seines Ziels vor dem inneren Auge drehte sich Oliver – so gut es ihm möglich war – auf der Stelle, durchlebte für den Bruchteil einer Sekunde die eher unbeliebte und drückende Enge und befand sich im Moment darauf bereits in einer leeren Bushaltestelle vor einem schönen Landhaus, das seinen Platz in einer Reihe von Häusern in typisch schottischer Art einnahm. In der Ferne konnte man aufgrund der verhältnismäßig klaren Sicht schemenhaft die Umrisse Glasgows erkennen, dessen Schatten sich wie ein Streifen auf dem Horizont abzeichneten.

Die Gegend rund um sein Elternhaus, die er seit seiner Kindheit kannte und liebte, lag unter einer mindestens ebenso dicken Schneedecke wie Hogsmeade; auf manchen Dachvorsprüngen türmte sich der Schnee in kunstvollen Formen und rundete gemeinsam mit Eiszapfen, Mistelzweigen und weihnachtlicher Dekoration das festliche Gesamtbild ab.

Wie lange schon war er nicht mehr hier gewesen …

Begierig sog Oliver die heimatliche Luft ein und spähte die Straße hinauf und hinunter. Von den wenigen Häusern in seiner unmittelbaren Nähe waren die meisten ebenfalls von Zauberern bewohnt, die allesamt gut mit der Familie Wood befreundet waren – deswegen war es ihm auch möglich gewesen, so sorglos in dieser alten Holzhaltestelle zu apparieren, die von den meisten seiner Nachbarn für solche Gelegenheiten genutzt wurde.

Trotz der eintretenden Dämmerung durch das viele, stechend helle Weiß um ihn herum blinzelnd verließ der junge Schotte die kleine Hütte, überquerte die Hauptstraße und betrat den Garten durch ein kleines, schmiedeisernes Gartentor. Obwohl viele sein Elternhaus als ein Landhaus bezeichnen mochten, so fand Wood, dass es diesen Titel nicht wirklich verdiente. Ihm war es nie größer vorgekommen als andere Häuser, in denen er zu Besuch gewesen war, und es schmückte sich auch nicht mit Prunk oder anderen Verzierungen. Zwei einfache Holzbalkone, einer vor seinem Zimmer und einer vor dem seiner Eltern, boten einen schönen Blick auf die Landschaft; dunkle Fensterläden umrahmten die Fenster und über der Haustüre rankte sich Efeu und eine Weinstaude, die sein Vater angepflanzt hatte, als sein Sohn Hogwarts verlassen hatte und die sich seither bester Blüte erfreute. Über den im Sommer so bildbestimmenden Blumen- und Gemüsegärten der Mutter lag allerdings nun eine dicke Schneedecke; und Oliver stellte schmunzelnd fest, dass sein Vater die drei kleinen Torringe, mit denen sie immer in den Ferien geübt hatten, im hinteren Teil des Gartens noch immer nicht abmontiert hatte. Einsam, verlassen und verschneit standen sie nun da und prägten das Bild des großen Gartens, und Oliver fragte sich, ob für seine Eltern zu viele Erinnerungen daran hingen, als dass sie sie einfach wegschaffen konnten.

Die Vorfreude in seinem Bauch begann ihn erneut zu durchfluten, und mit langen Schritten hatte er den Gartenweg zur Haustüre hinter sich gebracht. Schon hob er seine Hand, um zu klingeln – doch sein Finger hatte den Knopf noch nicht ansatzweise berührt, da flog auch schon die Türe auf.

Das nächste, was Oliver registrieren konnte, war ein Wirbel dunkelbraunen Haares und eine feste Umarmung, in die ihn seine Mutter unter lauten Rufen gezogen hatte. Der Duft ihres Parfums stieg ihm in die Nase und er hatte das Gefühl, wieder zuhause zu sein.

„Oliver! Fàilte, Schatz! Fàilte*!"

„Nicht doch Mum, du erdrückst mich ja!"

Nun gut, erdrücken war vielleicht etwas übertrieben. Julianna Wood war zwar eine schlanke, hübsche Frau von knapp vierzig Jahren, mit lockigen, langen dunkelbraunen Haaren und wachen Augen; und doch war es ausgeschlossen, dass Oliver seine Größe und Statur von ihr geerbt hatte, denn sie war eher zierlich als kräftig und reichte ihrem Sohn gerade bis an die Schulter.

„Schön, dass du wieder zuhause bist, mein Sohn", kam es irgendwo aus Schulternähe, als Oliver die Überraschung überwunden und lachend die Umarmung erwidert hatte. „Und jetzt lass dich ansehen!"

Mit prüfendem Ausdruck in den Augen ließ Mrs Wood ihren Blick über ihren Sohn schweifen und nickte lächelnd, was wohl heißen sollte, dass sie mit der Verfassung ihres Gegenübers weitestgehend zufrieden war und sie nicht die Absicht hatte, ihn über die Feiertage auf sein doppeltes Körpergewicht zu mästen.

„Komm rein, Schatz; du musst ja vollkommen durchgefroren sein – verzeih mir, aber die Wiedersehensfreude … Sean, er ist da!"

Und mit diesen Worten zog sie Oliver hinein in die wohlige Wärme des holzgetäfelten Hausflurs mit dem langen Läufer, der in Woods Kindheit oft für Rutschattacken hatte herhalten müssen. Nahezu nichts hatte sich während seiner langen Abwesenheit verändert, und das Zuhause-Gefühl verstärkte sich zusehends.

Der junge Schotte war gerade dabei, seinen Mantel an die Garderobe zu hängen und Sayuri wieder auf ihre normale Größe zu zaubern, die diese Verkleinerungen nie ohne eine kurz andauernde, beleidigte Miene überstand, als die Wohnzimmertür aufging und ein Hüne von einem Mann heraustrat, mit einem freudigen Lächeln auf den Lippen und weit ausgebreiteten Armen. Nun wurde wirklich deutlich, wem Oliver seine Statur und sein Aussehen zu verdanken hatte, und obwohl der Sohn schon eine beachtliche Größe aufzuweisen hatte, überragte der Vater ihn um noch gut einen weiteren Kopf. Die gutmütigen, dunklen Augen blitzten und das Lächeln in dem eher kantigen, aber gutaussehenden Gesicht mit dem Dreitagebart verbreiterte sich, als Sean Wood seinen Sohn umarmte und dieser dabei bemerkte, dass sich in das verwuschelte, dunkle Haar seines Vaters einige graue Haare mehr geschlichen hatten, als seine Erinnerung ihm sagte.

Fàilte, Oliver. Tha mi toilichte dh'fhaicinn.** Du hast dich lange nicht blicken lassen."

Wood legte lächelnd den Kopf schief, als er sich aus der Umarmung löste und sein Vater ihm einen scherzhaften Boxer in die Schulter verpasst hatte. „Tha mi duilich*** Dad, aber mein Leben war im letzten Jahr mehr als turbulent."

„Ich kann es mir annähernd vorstellen", erwiderte Mr Wood mit verständnisvollem Blick. „Die Zeit ist für uns alle nicht sehr einfach."

„Versinkt doch nicht schon jetzt in ernste Gedanken!", schalt Mrs Wood ihre beiden Männer und streichelte Sayuri durch die Gitterstäbe ihres Käfigs hindurch. „Immerhin steht Weihnachten vor der Tür! Oliver, trag deine Sachen schon mal hoch, es gibt gleich Essen."

„Ja, natürlich. Ist das Gästezimmer am Ende des Flurs frei?"

„Was redest du von Gästezimmern, Oliver? Wie wäre es, wenn du es in deinem alten Zimmer versuchst?"

„Das gibt es noch?", staunte Wood, der Sayuris Käfig aufgenommen hatte und den Weg zur Treppe schon halb zurückgelegt hatte.

„Natürlich, und es wird auch immer bestehen bleiben. Glaubst du, wir machen uns die Mühe, dieses Chaos anzurühren?", lachte Mrs Wood und erntete einen zustimmenden Blick ihres Mannes. „Und jetzt geh, denk an das Essen! Greas ort! ****"

Dies ließ sich Oliver nicht zweimal sagen, mit langen Schritten erklomm er die geschwungene Holztreppe und fand sich im oberen Stockwerk wieder, dessen Wände ebenfalls holzgetäfelt waren und das dennoch nicht dunkel und unfreundlich, sondern eher einladend wirkte.

Es war, als wäre er nie weggewesen. Der Weg zu seinem alten Zimmer war ihm noch so vertraut, dass er sich fast in jene Zeit zurückversetzt fühlte, in der er noch hier gelebt hatte. Als er die Klinke der vertrauten, dunklen Tür in die Hand nahm, war er wieder ein Schüler, der gerade nach Hause zurückgekehrt war.

Seine Mutter hatte nicht gelogen, was sein altes Zimmer anbelangte: Alles war noch genauso, wie er es vor knapp zwei Jahren nach der Quidditchweltmeisterschaft zurückgelassen hatte, um nach Prestwick zu ziehen. Sogar die alten Puddlemere-Poster an den Wänden waren noch da, und Oliver erwiderte Adriens spitzbübisches Grinsen, das dieser ihm von der Wand über dem Bett schenkte. Wood erinnerte sich noch genau an den Tag, als er dieses Poster, auf dem nicht nur Adrien, sondern auch der Rest der Mannschaft vertreten war, aufgehängt hatte – und damals noch nicht ahnen konnte, dass der Kapitän der so von ihm verehrten Mannschaft eines Tages sein bester Freund werden würde.

Des weiteren wurde der Raum – neben den Puddlemerefarben Marineblau und Gold – noch von dem satten, dunklen Rot der Gryffindors bestimmt und mit einem Hauch Wehmut im Herzen erkannte Oliver seine alte Schuluniform, die fein säuberlich auf einem Kleiderbügel auf seinem Schrank hing und ihr einsames Dasein fristete; die silbrige Plakette, die ihn als Kapitän der Hausmannschaft ausgezeichnet hatte, fehlte jedoch – diese hatte er im wahrsten Sinne des Wortes an Angelina weitergegeben.

Das Chaos, von dem seine Mutter gesprochen hatte, konnte er allerdings nirgends entdecken, und er war sich sicher, dass sie oft hier gewesen war, um aufzuräumen und alles sauber zu halten. Seufzend zog er den magisch verkleinerten Koffer aus der Hosentasche und zauberte ihn zurück auf seine alte Größe, bevor er Sayuri mit einem Eulenkeks fütterte und sie durch das Fenster nach draußen ließ, um ihr ein bisschen Frischluft zu gönnen.

Wie schon fast ständig in den letzten Tagen schob sich Katies Antlitz vor sein inneres Auge und eine wohlige Wärme breitete sich in seinem Herzen aus. Nicht mehr lange, und sie würden wieder zusammen sein – und diesmal war keine Umbridge da, die die Zweisamkeit stören konnte. Es würde nur sie und ihn geben, und diese Gewissheit machte ihn äußerst glücklich, ganz zu schweigen von der Erinnerung an den fast zustande gekommenen Kuss.

Mit dem festen Vorhaben, Katie noch am selben Abend den Weg, der sie zu ihm führen würde, zu schreiben verließ er sein altes Zimmer und eilte wieder hinunter ins Erdgeschoss, wo ihn seine Eltern bereits erwarteten.

„Alles noch beim Alten, nicht wahr" schmunzelte Mr Wood, als er den erinnerungsverhangenen Blick seines Sohnes bemerkte und trat hurtig einen Schritt zur Seite, als seine Frau Oliver von hinten durch die Tür ins Wohnzimmer und dann ins Esszimmer schob, wo sie ihn auf einen Stuhl vor dem gedeckten Tisch drückte und ihm dabei im Schnelldurchlauf die nächsten paar Tage in Aussicht stellte.

„Also, morgen ist noch ein Tag zur Vorbereitung, du weißt schon. Kochen, Schmücken, und so weiter … Du kannst tun und lassen, was du willst, mein Schatz. Die Gäste kommen ohnehin erst am 25. …"

„Gäste?", hakte Oliver verwundert nach und unterbrach den Redeschwall seiner Mutter. „Du hast noch jemanden eingeladen?"

„Ach, ich dachte, du würdest dich freuen, noch jemanden aus der Familie zu sehen", erwiderte seine Mutter unbekümmert, während sich sein Vater ebenfalls an den Tisch setzte und ihm einen Blick zuwarf, der deutlich sagte, dass er schon länger unter der Weihnachtseuphorie seiner Frau litt.

„Ah ja", meinte Wood leicht grinsend und zufrieden registrierend, dass sich das Wesen seiner Mutter trotz der dunklen Zeiten keineswegs verändert hatte. „Und wen hast du alles eingeladen? Ist überhaupt für alle Platz?"

Mrs Wood, die den Blick ihres Mannes bemerkt hatte und ihm einen leichten Klaps auf den Hinterkopf versetzte, während sie mit dem Zauberstab das Abendessen einschweben ließ, seufzte.

„Nicht so viele, wie du schon wieder vermutest. Wieso bist du so scheu geworden, wenn es um etwas mehr Leute geht, als du erwartet hast?

„Jeden Tag hunderte von Schülern um mich herum und eine intensive Zeit im Profisport samt Horden von Reportern und Fans hinter mir. Ist dir das Antwort genug?"

Mr Wood räusperte sich leise, blickte von seinem Glas auf und wartete, ebenso wie sein Sohn, auf die Reaktion seiner Frau, die die Teller und Platten sanft auf dem Tisch aufkommen ließ.

„Ach Oliver, du hast ja Recht", meinte diese schließlich aufgeräumt und beförderte mit Schwung eine Portion Nudeln auf den Teller ihres Sohnes. „Ich wüsste gar nicht, ob ich das jeden Tag durchgestanden hätte … den ganzen Mediendruck und die vielen Fans … Keine Angst, die Familie rennt uns nicht die Tür ein. Nur Granny und Matthew hab ich eingeladen, eben weil sie dich auch gerne mal wieder im realen Leben zu Gesicht bekommen wollen und nicht nur in der Zeitung."

„Onkel Mattie?", wiederholte Oliver freudig und nahm dankend das Glas Wasser an, dass sein Vater ihm reichte. „Merlin, den habe ich wohl –"

„ – eineinhalb Jahre nicht gesehen wolltest du sagen?", erwiderte Mr Wood lächelnd und stocherte mit der Gabel in seinen Nudeln herum. „Dann wird es ohnehin höchste Zeit … er wird ohnehin schon die ständig von Cullum und Mary belagert. Die sind nämlich äußerst heiß auf ein Autogramm von ihrem berühmten Cousin." Er zwinkerte verschmitzt und wandte seine Aufmerksamkeit schließlich voll und ganz seinem Essen zu.

„Das kann ich mir vorstellen", grinste Oliver, als er an die beiden kleinen Kinder seines Lieblingsonkels, des Zwillingsbruders seines Vaters, dachte und begann ebenfalls zu essen. „Kommen die Kleinen auch?"

„Nein, Aileen hat sie dieses Jahr", erwiderte seine Mutter mit einer Spur Kälte in der Stimme und setzte sich ebenfalls an den Tisch. Verübeln konnte man es ihr nicht; niemand in der Familie war recht gut auf die Exfrau Matthews zu sprechen, die bei der Scheidung nicht nur die Hälfte des gemeinsamen Besitzes, sondern auch die beiden Kinder für sich beansprucht hatte.

„Oh", machte Oliver verständnisvoll und widmete sich wieder dem ausgezeichneten Essen, während sich das Gespräch mit den Eltern um alles Mögliche drehte. Die Dunkelheit war bereits hereingebrochen, und Mr Wood schenkte sich und seinem Sohn zur Verdauung ein Glas Whisky ein, während Mrs Wood sich mit einem kleinen Glas Rotwein hinzugesellte. Die Zeit war schon vorangeschritten und draußen vor dem Fenster war es stockdunkel.

Auf die gespannte Neugierde seiner Eltern hin berichtete Wood schließlich von seiner Zeit in Hogwarts, erläuterte seine Vorzüge und Pflichten als Lehrer und beschrieb seinem Vater, den solche Dinge brennend interessierten, die Unterrichtsstunden und die Flugmanöver, die er seinen Schülern beibrachte und ließ natürlich auch nicht das strenge Regiment aus, das Umbridge immer mehr zu führen begann.

„Und nur mit dem einen Ziel, allen Glauben zu machen, Harrys Erzählungen seien eine einzige, große Lüge", endete der junge Schotte und blickte von Mutter zu Vater, der Unmut über diese Ungerechtigkeit sprach aus seinen Augen. „Ich verstehe Fudge nicht. Andere hätten schon längst Maßnahmen zur Sicherheit der Zaubererschaft erlassen, und er? Er hetzt die Leute gegen die Wahrheit auf!"

Wütend stürzte er einen Teil seines Whiskys hinunter und spürte die Hand seiner Mutter, die beschwichtigend auf seinem Arm lag, zeitgleich mit dem Brennen, das seine Kehle hinunterrann, den Unmut in seiner Brust jedoch nicht bezähmen konnte.

„Beruhige dich, Oliver", meinte sein Vater, der das Temperament seines Sohnes wohl kannte, leise und leerte in einem Zug sein eigenes Glas. „Solange Fudge dermaßen von Blindheit gezeichnet ist, bleibt uns – und dir – nichts anderes übrig, als im Verborgenen dafür zu sorgen, dass die Sicherheit und Verteidigung gewährleistet ist. Und indem du in Dumbledores Schule junge Hexen und Zauberer dazu ausbildest, sich gegen ihn, dessen Name nicht genannt werden darf, zu verteidigen, trägst du erheblich zur Sicherheit bei."

„Hast ja Recht", murmelte Oliver, dessen Wut auf das Ministerium langsam verrauchte und nur ein undefinierbares Gefühl, das jedoch bitter nach Machtlosigkeit schmeckte, zurückließ. „Mehr kann ich nicht tun … obwohl ich es wünschte …"

„Ach Oliver", seufzte seine Mutter und strich mit der Hand sanft über die Wange ihres Sohnes. „Das, was du tust, ist so viel. Nicht jeder würde den Mut und die Stärke dazu aufbringen, noch dazu in deinem Alter. Wenn du all dein Tun und dein Handeln auf das eine Ziel verwendest, die jungen Zauberer gegen den Dunklen Lord zu verteidigen, dann wird das viele Leben retten, glaub mir. Wir sind sehr stolz auf dich."

Diese Worte verschafften den aufgebrachten Emotionen des jungen Schotten etwas Ruhe, und doch war dieses Gefühl nach Machtlosigkeit noch immer da, als er sich wenig später von seinen Eltern verabschiedete, um nach oben zu gehen.

Nur der Gedanke an Katie, der er noch ein paar Zeilen zu schreiben gedachte, wie er es ihr versprochen hatte, konnte den Knoten in seiner Brust etwas lockern. Wie oft hatte er schon von Dumbledore gehört, dass die Liebe das einzige war, das Voldemort nicht verstand und zu seinen Zwecken auslegen konnte, quasi eine Waffe, die einzusetzen ihm verwehrt blieb? Dass die Liebe etwas war, mit der man das Böse besiegen konnte?

Hieß das nicht, dass ihm, Oliver, dessen Liebe zu Katie von Minute zu Minute mehr in seinem Herzen wuchs, so genug Kraft gegeben wurde, um gegen den Dunklen Lord zu bestehen?

Als Wood die Zimmertür hinter sich schloss und sich seufzend dagegenlehnte, hatte er das Gefühl, niemals aus dem Irrgarten an Fragen in seinem Kopf herauszukommen.

Die Sonnenstrahlen des kühlen Weihnachtsmorgens weckten Oliver zwei Tage später, als er sich genüsslich unter seiner warmen Bettdecke streckte und eigentlich noch gar nicht daran dachte, aufzustehen und sich für das bevorstehende Mittagessen fertig zu machen. Sogar Sayuri, die gestern von ihrer Reise zu Katie zurückgekommen war und die Botschaft erfolgreich abgeliefert hatte, schlummerte noch friedlich mit dem Kopf unter den Flügeln in ihrem Käfig.

Leise grummelnd drehte sich Wood auf die andere Seite und hörte durch die dämmrige Benommenheit, die der Halbschlaf mit sich brachte, seine Mutter in der Küche vor sich hin werkeln. Bestimmt war sie schon ewig auf den Beinen, um alles für das Essen fertig zu machen und so seinen Vater in den halben Wahnsinn zu treiben, der keinen Sinn für das Hektische und ein eher ruhiger Typ war.

Die Müdigkeit legte sich erneut über seine Augen und er glitt wieder zurück in die sorgenfreie Welt des Schlafes, wo Katies Anwesenheit wie schon in den Nächten zuvor das Bild bestimmte.

Sie saß auf ihrem Besen und flog lachend um ihn herum, ihr langes Haar flatterte im Flugwind und sie vollführte winkend einen Looping, während er einfach nur im Gras saß und ihr zusah. Seiner Ansicht nach hätte es stundenlang so weitergehen können – wenn Katie nicht plötzlich einen äußerst merkwürdigen Schrei ausgestoßen und ihn so aus seinen Träumen gerissen hätte …

Unwillig fuhr Oliver aus dem Schlaf hoch und blinzelte verwirrt um sich, wobei sich seine Augen erst an das helle Licht der Sonne gewöhnen mussten, die in der Zwischenzeit schon um einiges höher gewesen war. Tatsächlich war es nämlich Sayuri gewesen, die ebenfalls erst aufgewacht war und das Bedürfnis hatte, ihren Herrn über das Verlangen nach Eulenkeksen in Kenntnis zu setzen.

„Danke Sayu, aber wenn ich einen Weckdienst brauche, sag ich schon Bescheid", grummelte der ehemalige Kapitän und dehnte seine Muskeln und Gliedmaßen, bevor er sich aus dem Bett rollte und – noch etwas unsicher auf den Beinen und mit kaum geöffneten Augen – auf der Suche nach den Keksen im Zimmer herumtappte.

Sayuri nahm die Worte ihres Herrn flügelschlagend zur Kenntnis und klackerte vorwurfsvoll mit dem Schnabel – den Grund dafür erkannte Oliver erst, als seine Augenlider einen Spalt breit weiter geöffnet waren und er blinzelnd die Anzeige seiner Armbanduhr erkennen konnte, während er ein paar Eulenkekse in den Käfig legte.

Merlin, schon dreiviertel zwölf?

Die Geräusche aus dem Erdgeschoss wurden lauter und allem Anschein nach bekam sein Vater gerade Aufträge zur korrekten Dekoration des Festtagtischs – was bedeuten musste, dass die Gäste nicht mehr lange auf sich warten ließen.

Mit einem Mal kam Leben in Oliver; unter dem Ich-habs-dir-doch-gesagt-Blick von Sayuri und so schnell es seine noch nicht vollständig zum Leben erwachten Geister zuließen schlich er in seinen Shorts aus dem Raum und hinüber ins Bad, wo er nach einer ausgiebigen kalten Dusche und einer ordentlichen Rasur zufrieden sein Spiegelbild betrachtete und fand, dass er sich so durchaus sehen lassen konnte.

Zurück in seinem Zimmer durchstöberte er seinen Schrankkoffer auf der Suche nach eher eleganter als legerer Kleidung und stieß letztendlich auf eine schwarze Hose aus Stoff, die zu seinem Smoking gehörte (den er zu festlichen Puddlemere-Anlässen getragen hatte) und ein lockeres dunkelrotes Hemd, dessen oberen zwei Knöpfe er geöffnet ließ, um nicht ganz wie ein steifer Ministeriumsbeamter dazustehen.

Erst dann fiel sein Blick auf einen kleinen Stapel Geschenke am Fußende seines Bettes, den er in der ganzen Aufregung gar nicht bemerkt hatte. Trotz der Gefahr, zu spät zum Essen zu erscheinen, siegte Olivers Neugier und Freude über die Päckchen, und nachdem er ein letztes Mal sein Aussehen im Spiegel geprüft hatte, warf er sich zurück aufs Bett, um die Geschenke ihrer Verpackungen zu entledigen.

Ein einzelnes, schlankes Briefcouvert war darunter, und Oliver öffnete es interessiert. Ein Zettel mit wenigen Zeilen kam zum Vorschein.

Lieber Oliver,

wie lange haben wir überlegt, was wir dir wohl an Weihnachten schenken können.

Schließlich sind wir zu dem Entschluss gekommen, dass finanzielle Mittel niemals schaden können und haben dir deshalb Gold auf dein Verlies in Gringotts verbuchen lassen.

Du hast jederzeit Zugriff darauf. Gebrauche es klug.

Frohe Weihnachten,

Mum & Dad

Nett von ihnen … wirklich sehr nett …

Schmunzelnd legte Oliver den Brief beiseite und öffnete das nächste, kleine Päckchen, welches in dunkelrotes Geschenkspapier gepackt war.

Damit dir das Glück hold ist, auch in schwierigeren Situationen als mit einer hysterischen Hauskapitänin fertig zu werden. Liebste Weihnachtsgrüße, Angelina

Mit einem tiefen Gefühl der Zuneigung für seine beste Freundin hielt Wood den silbernen Anhänger mit einem kleinen, roten runden Rubin ins Sonnenlicht, der offensichtlich einen Quaffel darstellen sollte und hängte ihn sich sogleich um den Hals. Er fühlte sich warm an auf seiner Haut. Was Angelina wohl zu seinem Weihnachtsgeschenk, ein paar Beruhigungssteinen in einem kleinen Beutelchen, gesagt hatte?

Die nächsten Geschenkspäckchen enthielten vielerlei interessante Dinge – ein neues Paar Fanghandschuhe bester Marke von Adrien („Für den Fall, dass du doch noch einmal rückfällig wirst!"); eine Schachtel mit Zauberscherzen der Zwillinge („Eine nicht ganz ernst gemeinte Bestechung der Lehrkraft …"), und noch ein paar Sachen mehr, die seine Verwandtschaft geschickt hatte. Glücklich über all seine Geschenke verräumte Oliver die Schachtel mit den Zauberscherzen in seinen Schrankkoffer und probierte mit einem Hauch Wehmut im Herzen Adriens Fanghandschuhe, die wie angegossen saßen und seine Gedanken sofort zurück aufs Spielfeld holten.

Nun, du hast dein Leben jetzt einem anderen Ziel verschrieben …

Seufzend legte Wood die Handschuhe ebenfalls in den Koffer und beseitigte die Verpackungsreste auf seinem Bett.

Dumpfe Schritte auf der Treppe kündigten Besuch an, und Augenblicke später pochte es auch schon gegen die Zimmertür und die leicht erschöpft klingende Stimme seines Vaters drang durch das Holz.

„Oliver? Bist du soweit?"

Mit wenigen Schritten war der Angesprochene an der Tür und trat unter den anerkennend musternden Blicken seines Vaters hinaus auf den Flur.

„Ja natürlich, hab nur ein bisschen verschlafen", erwiderte er und gähnte verstohlen, was Mr Wood mit einem Lächeln quittierte.

„Dafür siehst du aber gut aus. Deine Großmutter wird in Ohnmacht fallen, wenn sie dich sieht."

„Das will ich nicht hoffen", schmunzelte Oliver im Gedanken an die genannte Person. „Sind sie denn schon hier?"

Sein Vater verneinte. „Aber sie werden bestimmt gleich ankommen, immerhin ist es jetzt punkt –"

Das Schellen der Türglocke unterbrach seine Worte, gefolgt von einem überraschten Laut aus der Küche und eiligem Fußgetrappel, und Mr Wood bedeutete seinem Sohn lächelnd, ihm nach unten zu folgen und die Gäste zu begrüßen.

„Ich mach das schon, Liebling", beruhigte er unten auf dem Treppenabsatz seine Frau, die schon mit dem Servierbesteck in der Hand zur Tür hatte gehen wollen und gab ihr einen sanften Schubs zurück in Richtung Küche, in der sie mit einem dankbaren Blick verschwand; dann öffnete er.

Ein lautes, erfreutes „Sean!" war zu hören, gefolgt von der Umarmung einer kleinen, älteren Dame mit einem liebenswürdigen Gesicht, die jedoch um vieles robuster war, als man es von ihrer zierlichen Statur glauben mochte. Das lange, grau-weiße Haar hatte sie im Nacken zu einem lockeren Knoten verschlungen, sie trug einen knielangen, dunkelblauen Rock mit dazupassender Bluse und ihre dunklen Augen, die sie zweifellos ihren Söhnen und ihrem Neffen vererbt hatte, strahlten ihrem Ältesten entgegen, als sie sich umarmten.

„Frohe Weihnachten, Sean."

„Frohe Weihnachten, Ma."

Deenah Wood küsste den Sohn auf beide Wangen, bevor sie in den Flur trat und sich mit suchendem Blick den Schnee von den Schultern klopfte.

„Wo ist Oliver, Sean? Ist er denn schon hier?", fragte sie mit einem Hauch Wehmut in der Stimme, während der Angesprochene seinen um drei Minuten jüngeren, zweieiigen Zwillingsbruder Matthew begrüßte und von diesem die gleiche Frage gestellt bekam.

„Schon eine Ewigkeit, Grandma", meinte Wood schmunzelnd und stieß sich von der Wand ab, an der er eben noch lässig gelehnt hatte.

Grandma Deenah stieß ein leises Quietschen aus. „Nein! Ist das mein Oliver? Komm in meine Arme, Junge!"

Lachend und nach Luft schnappend ließ Oliver die ziemlich stürmische Umarmung seiner Großmutter über sich ergehen; die, nachdem sie ihren Enkel ausgiebig begrüßt hatte, diesen wie ihre Schwiegertochter einer genauen Musterung unterzog.

„Als ich dich das letzte Mal in dieser Zeitschrift da gesehen habe, warst du noch nicht so blass", bemerkte sie mit einem Hauch großmütterlicher Besorgnis in der Stimme und gab ihm einen sanften Klaps gegen die Wange. „Und hoffentlich isst du jetzt wieder ordentlich, nicht diese … diese Sportlerkost", ein Klaps gegen den flachen, trainierten Bauch folgte, „aber wenn ich dich so ansehe … sie geben dir in Hogwarts doch genug zu essen oder?"

Zwei kräftige Hände packten die alte Dame von hinten an den Armen und schoben sie sanft ein Stück zur Seite.

„Jetzt lass ihn in Ruhe, Ma. Wenn du mich fragst, hat mein Lieblingsneffe nie besser ausgesehen", grinste Matthew Wood, der trotz seines Daseins als zweieiiger Zwilling seinem Bruder recht ähnlich sah, und zog seinen Neffen ebenfalls in eine Umarmung. „Schön dich zu sehen, Oliver."

„Schön dich zu sehen, Onkel Mattie." Wood freute sich außerordentlich, seinen Onkel zu sehen; nicht nur, weil ihr letztes Treffen schon eine sehr lange Zeit zurücklag, sondern auch, weil der Bruder seines Vaters schon immer eine Person in seinem Leben gewesen war, der er einfach alles anvertrauen konnte und die für jedes Problem offene Ohren hatte – auch wenn dies in den letzten Jahren seit seiner Kapitänszeit nicht sehr oft in Anspruch hatte nehmen können.

„Wie geht's dir, Junge?", murmelte Mattie seinem Neffen ins Ohr, „Du siehst wirklich aus, als könntest du jemanden zum Reden gebrauchen."

Oliver stutzte, als er sich aus der Umarmung löste und sein Blick dem besorgten seines Onkels begegnete. Merkte man ihm die letzten Monate, gezeichnet von den Sorgen wegen Adrien, Voldemorts Rückkehr und der überaus komplizierten Sache mit der DA und Katie so sehr an? Seine Eltern jedenfalls hatten nichts bemerkt – was nur noch mehr deutlich machte, wie gut Matthew Wood seinen Neffen kannte.

Ein schwaches Lächeln huschte über seine Lippen und er nutzte den Moment, in dem seine Großmutter lautstark seine Mutter begrüßte und sein Vater der Szene entflohen war, um die Kerzen am Tisch anzuzünden, um seinem Onkel kurz zuzunicken und ein leises „Später" zu flüstern, was Mattie mit einem Zwinkern quittierte, ihm kurz auf die Schulter klopfte und ihn ins Esszimmer geleitete, wo sie bereits der Duft des Weihnachtsessens empfing.

„Es riecht köstlich, Julianna", lobte Matthew die Kochkünste seiner Schwägerin, nachdem er auch sie begrüßt und sich Oliver gegenüber am Esstisch niedergelassen hatte. „Heute Abend werde ich wohl ein paar Kilo mehr an den Rippen haben."

„Du alter Charmeur", schmunzelte die Köchin geschmeichelt und ließ mithilfe ihres Zauberstabs die Platten mit dem Weihnachtstruthahn und dem traditionellen Bannock sowie allen Beilagen auf den Tisch schweben, was allerlei beglückwünschende Ausrufe bei den Gästen hervorrief.

Das Essen verlief entgegen aller Erwartungen eher ruhig und besinnlich, obwohl Grandma Deenah selten schwieg und nur manchmal in ihren Erzählungen innehielt, wenn sie einen besonders großen Brocken Truthahn im Mund hatte. Ein markantes Merkmal dieser liebenswürdigen alten Dame, neben der großen Vorliebe, aktuelle Geschehnisse oder Ungerechtigkeiten lang und breit zu diskutieren.

Die Woods waren inzwischen beim Nachtisch angelangt; Oliver freute sich über seine zweite Portion des gewünschten Tiramisus und hielt sich, nachdem er beim Hauptgang schon vieles über seine neue Aufgabe unter Dumbledores Führung erzählt hatte, mit den Worten zurück, während seine Großmutter die Gesellschaft nach zahllosen Anekdoten aus ihrem früheren Leben (wie jedes Jahr an Weihnachten) mit den aktuellsten Neuigkeiten aus dem Ministerium unterhielt – zumindest mit jenen Fakten, die sie in der Zeitung gelesen hatte.

„Wenn ihr mich fragt, kann es nicht mehr lange dauern, bis auch der letzte Hohlkopf begreift, in welche Misere uns Cornelius Fudge da hineinreitet", prophezeite sie, während sie ihren Sherry durch die Luft schwenkte und mit den anderen auf das Weihnachtsfest anstieß. „All das Gerede über die Rückkehr Voldemorts als so harmlos abzutun … abscheulich ist das. Als ob sie alle schon vergessen hätten, was letztes Mal passiert ist. Oliver! Glauben die in der Schule wenigstens dem Potter-Jungen?"

Mit kaltem Blick schüttelte der Angesprochene den Kopf und leerte sein Glas Whisky. „Nein, Grandma. Zumindest nicht sehr viele. Indem das Ministerium mit Dolores Umbridge jetzt seine Methoden auch in Hogwarts durchsetzen lässt, gibt es – abgesehen von den Lehrern und wenigen Schülern – nicht mehr viele, die noch an seine Geschichte glauben."

„Ach dieser Umbridge, der würde ich auch gern mal meine Meinung sagen", schimpfte Grandma Deenah, nachdem auch sie ihren Sherry geleert hatte und ihr Glas dankbar lächelnd ihrem Sohn Sean zum Nachfüllen hinhielt. „Dieses Biest glaubt auch, sie hätte die Gerechtigkeit mit dem Schöpflöffel gefressen. Wie man nur so unsagbar verbohrt sein kann … und wie viele Leute die schon ins Gefängnis gebracht hat, das sag ich euch …"

„Oh ja, im Zaubergamot hat sie ziemlich viel zu sagen. Davon hab ich auch schon gehört. Beeinflusst Fudge in seinen Urteilen und so weiter", warf Mrs Wood ein, die gerade das dreckige Geschirr in die Küche gezaubert und ein paar Kaffeetassen samt Inhalt herbefördert hatte. „All diese Leute, die jetzt wegen den simpelsten Kleinigkeiten in Askaban sitzen … wenn sie sogar Harry Potter dafür verurteilen wollten, dass er seinen Verwandten vor Dementoren beschützt hat –"

„ – will ich gar nicht wissen, wozu sie noch fähig ist", vollendete ihre Schwiegermutter den Satz zustimmend und nickte betroffen.

Gefängnis … Askaban … Wozu Umbridge fähig ist …

Langsam und wie in Trance ließ Oliver seine Gabel mit dem Tiramisustück darauf sinken und blinzelte. Dass seine Verwandten nun so über Umbridges anscheinend legendäre Fähigkeit sprachen, andere Leute zu einer Gefängnisstrafe zu verurteilen, ließ ihn Widerwillen unruhig werden.

Was geschieht, wenn sie von dir und Katie erfährt? Wenn sie von der DA erfährt …

Dementoren … Askaban …

Ihm war mit einem Mal schlecht. Und obwohl sein Herz so sicher wusste, dass er immer zu seiner Liebe zu Katie und zur DA stehen würde wie Dumbledore auf der Seite des Guten stand, so blieb das unangenehme Gefühl in seiner Magengegend.

„Entschuldigt mich bitte einen Moment", murmelte er mit heiserer Stimme und erhob sich eine Spur zu ruckartig vom Tisch – zu ruckartig, um seinen Onkel Matthew in dem Glauben zu lassen, dass alles in Ordnung war.

„Alles okay mit dir, Schatz?", rief ihm seine Mutter nach, doch er war bereits im Treppenhaus verschwunden.

„Was hat der Junge denn?", wollte Grandma Deenah, wie üblich besorgt, wissen, doch niemand wusste, was denn so plötzlich in Oliver gefahren war und Mattie stand auf.

„Ich seh mal nach ihm."

Im oberen Stockwerk fand Mattie Wood seinen Neffen in seinem Zimmer, am Fenster stehend und mit vor der Brust verschränkten Armen auf die Landschaft hinaus starrend. Er wirkte nachdenklich und hatte nicht auf die Klopfzeichen reagiert, die sein Onkel seinem Kommen vorausgesandt hatte.

„Darf ich reinkommen, Oliver?", machte Mattie erneut auf seine Anwesenheit aufmerksam und bekam endlich ein schwaches Nicken seines Gegenübers.

Mit langsamen Schritten durchmaß der Mann das Zimmer und ließ sich schließlich auf dem Bett neben dem Fenster sinken.

„Ich hab doch gewusst, dass es da etwas gibt", begann er mit leiser Stimme und ohne den Blick von seinem Neffen zu wenden. „Dass du irgendwas mit dir herumschleppst. Und ich wette mit dir, dass es nicht um die Rückkehr von Du-weißt-schon-wem geht. Zumindest nicht hauptsächlich. Hab ich Recht?"

Es dauerte eine Weile, bis er wieder ein Nicken von Oliver sah und dieser sich endlich neben ihm auf dem Bett niederließ, ihn jedoch nicht ansah.

„Was hast du ausgefressen, hm?", fragte er behutsam und boxte den Jüngeren sanft in die Seite. „Komm schon, sag's mir. Du weißt, dass du das immer kannst."

„Dieses Mal bin ich mir da nicht so sicher, Mattie", erwiderte Oliver mit fast schon tonloser Stimme und fuhr sich durchs Haar. Tatsächlich wusste er nicht, ob es klug war, auch noch seine Familie mit in die Sache hineinzuziehen – sollte Umbridge ihn tatsächlich kriegen, nicht nur wegen Katie sondern auch wegen der Sache mit der DA – so wollte er nicht, dass sie auch noch andere des Mitwissens beschuldigen konnte.

„Ist es so schlimm? Hat es mit unserem Gespräch über Umbridge zu tun?" Wieder einmal bewies Mattie seinen berühmten Scharfsinn, und Wood konnte nicht anders, als ehrlich zu nicken. Sein Gewissen war gespalten – sollte er mehr verraten?

„Ist es so schlimm, dass du fürchtest, deswegen nach Askaban zu kommen?", fragte sein Onkel weiter und der noch immer verständnisvolle Klang seiner Stimme ermutigte Oliver dazu, wiederum zu nicken.

Seufzend lehnte sich Matthew zurück und sah seinen Neffen lange an. Er hatte es geahnt, hatte schon seit er von Olivers neuer Anstellung erfahren hatte gewusst, dass sich dieser nicht den falschen Methoden des Ministeriums beugen würde. Und durch Olivers unmissverständliche Bejahung auf seine Fragen sah er sich nun in diesen Vermutungen bestätigt.

„Ich nehme an, mein Bruder weiß nichts davon", schlussfolgerte er schließlich nach einigen stillen Augenblicken. „Und du kannst dir sicher sein, dass das von meiner Seite aus auch so bleiben wird. Du weißt, dass ich immer hinter dir stehe, egal was du tust. So ist es auch jetzt. Ich verlange nicht von dir, mir davon zu erzählen. Ich will nur, dass das, was du tust, dem Guten dient."

„Das tut es, Mattie. Das tut es."

„Dann bin ich beruhigt. Und du solltest das auch etwas ein. Solange Dumbledore bei dir ist, Oliver, passiert dir nichts. Glaub mir. Es dient ja dem Guten."

Lächelnd sahen die beiden Männer einander an und der Druck in Olivers Brust schien leichter geworden zu sein.

dem Guten …

Ja, das stimmte in der Tat. Wenn Liebe und der Wille, sich gegen das Böse zu wappnen, nicht dem Guten diente, dann wusste er auch nicht weiter.

„Danke, Mattie. Schlägst du ein paar Minuten für mich raus?"

Matthew, der sich langsam vom Bett erhoben hatte und schon beinahe die Tür erreicht hatte, grinste.

„Natürlich. Ich mache aber nicht das Essen dafür verantwortlich. Sonst muss ich noch auf das Tiramisu verzichten. Mir wird schon was anderes einfallen."

„Du bist der Beste."

„Das bist du auch, Oliver. Ich wünschte, ich könnte mich mehr für das Gute einsetzen … so wie du es offenbar tust." Er zwinkerte und wollte schon den Raum verlassen, als ihm offenbar etwas Wichtiges einfiel.

„Ach ja, bevor ich's vergesse …" Aus der Tasche förderte er zwei Fotos von Oliver zutage, die er seinem Neffen mit verlegenem Lächeln hinhielt. „Die Kleinen, sie haben nicht locker gelassen … du weißt ja, wie sie sind, verrückt nach Quidditch …"

„Ich versteh schon", grinste Oliver und machte sich auf die Suche nach einem Stift, mit dem er dann für Mary und Cullum samt liebevoller Widmung auf den beiden Bildern unterschrieb.

Der Weihnachtsfeiertag war schnell vorübergegangen, und Oliver hatte es geschafft, seine Eltern und Großmutter nach seinem etwas überstürzten Abgang zu beruhigen und eine kleine Magenverstimmung vorzutäuschen, die sie ihm glücklicherweise abkauften – nur Mattie hatte ihn genau im Auge behalten und sich mit einem sehr bedeutsamen Blick von ihm verabschiedet.

„Schreib mir, wenn du mich brauchst", hatte er ihm noch zugeflüstert, bevor er mit seiner Mutter hinter dem Haus disappariert war und Oliver noch lange auf den Fleck starrte, an dem sie verschwunden waren.

Die nächsten beiden Tage verbrachte der junge Professor zumeist allein oder in Gesellschaft seiner Eule; unternahm ausgedehnte Spaziergänge durch die Gegend, traf hie und da ein paar Muggel aus der Gegend, die alle von dem Glauben beseelt waren, er studiere in Amerika, und führte Gespräche mit seinen Eltern, die sich jedoch immer um dasselbe Thema Verteidigung drehten und ihn nicht von seinen Gedanken über eine gewisse blonde Jägerin abbringen konnten, die seinen Kopf öfter und öfter heimsuchte.

Als er am Nachmittag des 27. Dezembers seine frischgewaschene Kleidung zurück in den Koffer packte und Sayuri in ihrem Käfig einschloss, wusste er das seltsam kribbelnde Gefühl in seiner Magengegend nicht zu deuten, und doch spürte er die Freude tief in seinem Inneren aufkeimen wie eine Blume im Sonnenlicht. Morgen schon, morgen würde Katie vor seiner Tür stehen – und es gab noch viel zu tun.

„Mum? Dad? Ich bin dann weg", rief er in den Flur hinein, als er seinen Koffer und den Käfig wieder magisch verkleinert und den Mantel übergezogen hatte. Mr und Mrs Wood, die seltsamerweise den Tränen nahe schien, begleiteten ihren Sohn über die Straße bis hin zu der schäbigen alten Bushaltestelle, in der er nach Prestwick apparieren würde.

„Schade, dass du schon wieder fortgehst. Aber wenn du wichtige Dinge zu erledigen hast … Pass auf dich auf, mein Schatz", flüsterte seine Mutter mit erstickter Stimme in seine Schulter, als sie ihn umarmte. „Lass dich nicht auf gefährliche Dinge ein, hörst du?"

„Mum, mein Job ist gefährlich."

„Dann eben in keine gefährlichen Dinge, die darüber hinausgehen", beharrte Mrs Wood trotzig und küsste ihren Sohn auf die Wange. „Und lass bald wieder von dir hören, ja?"

„Ist gut, Mum."

Als Julianna Wood von ihm abließ, trat auch sein Vater heran und umarmte seinen Sohn.

„Ich kann nur wiederholen, was deine Mutter gesagt hat", sagte er mit fester Stimme, sah sich nach seiner Frau um, die die Straße hinaufspähte und fügte etwas leiser hinzu: „Was immer du und Mattie am Weihnachtstag zu bereden hattet … ich habe das Gefühl, dass ich es nicht wissen will … und trotz allem möchte ich, dass du auf dich Acht gibst und immer deinem Weg treu bleibst. Okay?"

Oliver schluckte, hielt jedoch dem musternden Blick seines Vaters stand. „Okay."

„Dann auf Wiedersehen, mein Sohn."

Das Letzte, was Oliver von seiner Heimat sah, bevor er sich um sich selbst drehte und im Nichts verschwand, waren weiße, verschneite Hügel und die stolzen Blicke seiner Eltern – bevor das altbekannte Druckgefühl auftrat und er Sekunden später in dem altbekannten Hausflur vor seiner Wohnungstür in der Ayr Road stand. Zurück in Prestwick. s

„Womit ich wieder da wäre", murmelte Oliver glücklich und strich mit dem Finger über das Namensschild neben der Tür. „Auch du hast nicht verändert, Wohnung. Alohomora."

Die Zimmer sahen noch genauso aus, wie er sie vor Monaten verlassen hatte. Hie und da wirkten die Möbel etwas verstaubt, und während Wood seine Eule wieder auf ihre normale Größe zauberte, sie zum Jagen aus dem Fenster ließ und den Koffer ins Schlafzimmer schleifte, um seinen Schrank mit Kleidung zu versorgen, hatte er das Gefühl, noch eine Menge Arbeit vor sich zu haben. In seinen Augen musste die Wohnung perfekt sein – perfekt für sie.

Seine Katie.

Der Wind wehte in eisig kalten Böen um die Häuserblocks von Prestwick und ließ die Weihnachtsbeleuchtungen über den Straßen in der Dunkelheit flackern. Kleine, sanfte Flocken trudelten vom Himmel herab auf die Erde und die beachtliche Schneedecke auf dem Bürgersteig knirschte unter Adrien Harrolds Schuhen, als er langsamen Schrittes den Castle Square entlangspazierte und schließlich um eine dezent beleuchtete Ecke in die Ayr Road einbog.

Eine Brise des scharfen Windes ließ ihn frösteln und er zog mit klammen Fingern seinen Mantel enger um sich. Eigentlich fand er nichts an Spaziergängen in eisiger Kälte, doch etwas hatte ihn an diesem 27. Dezember aus seiner Wohnung getrieben, hinaus in die Nacht und seine Lieblingsroute entlang.

Früher war er diesen Weg noch öfter gegangen; nämlich immer dann, wenn er Oliver besucht hatte und ihm der Sinn nicht nach Apparieren stand. Wie oft hatte der Weg nach dem Training in Woods Wohnung am Ende der Ayr Road geendet, wo sie stundenlang beisammengesessen hatten, mit ein oder zwei Butterbieren, manchmal sogar mit einem Glas gutem, schottischem Whisky, und über Spielstrategien und andere Themen philosophiert hatten …

Ein leichtes Lächeln zeigte sich auf Adriens Lippen und er vergrub die Hände tiefer in den Manteltaschen, da die Kälte drohte, sie noch klammer werden zu lassen, als sie ohnehin schon waren.

Schmunzelnd dachte er an Olivers Weihnachtsgeschenk – etwas, das dieser wohl eher mit Humor als mit Ernsthaftigkeit geschickt hatte. Das Arbeitszimmer des Puddlemere-Kapitäns zierten deshalb nämlich seit zwei Tagen drei aufblasbare Torringe, die – wie er der Bedienungsanleitung entnommen hatte – für zuhause gedacht waren und so sowohl Berufs- als auch Freizeit-Jägern die Gelegenheit boten, ihren Wurf und ihr Ziel zu trainieren. Der einzige Nachteil bei der ganzen Sache, so fand Adrien, war allerdings die Tatsache, dass der Aktenschrank, der hinter den Torringen stand, schon arg in Mitleidenschaft gezogen worden war und sich bestimmt nicht über die ständigen Quaffelattacken freute, die der Kapitän auf ihn abfeuerte, wenn er langweiligen Papierkram zu erledigen hatte.

Alles in allem war der Einfall jedoch ziemlich originell, und Adrien nahm sich vor, Oliver für diese Idee einen auszugeben, wenn sie sich wiedersahen – was ja in nicht allzu ferner Zukunft geschehen würde, wie er sich ins Gedächtnis rief.

Schon seit Olivers Eule mit der Zusage für die Abschlussfeier angekommen war, freute sich der Jäger auf den bevorstehenden Silvesterabend; noch dazu, weil sein bester Freund angekündigt hatte, jemanden mitzubringen. Jene mysteriöse Person, von der er, Adrien, glaubte, dass Wood sie bis jetzt vorsorglich geheim gehalten hatte und die wohl auch der Grund für die ganzen rätselhaften Andeutungen des ehemaligen Hüters war? Man durfte gespannt sein. Cubby war ebenfalls schwer zu bremsen, kaum war sie mit dem aufwendigen Weihnachtsmenü fertig gewesen, hatte sie schon angefangen, die ausgefallensten Kreationen für die Party zu ersinnen und meterlange Einkaufslisten zu erstellen. Diese Elfe war wirklich ein Unikat.

Die Flocken wurden immer dichter und der Wind immer kälter; und als Adrien fast am Ende der Straße angelangt war und bereits darüber nachdachte, ob er nach Hause apparieren sollte, entdeckte er etwas, das ihn einerseits stutzig machte und andererseits mit Freude erfüllte.

In Olivers Wohnung brannte Licht.

Blinzelnd sah er noch einmal genauer hin, wollte sich durch das stärker werdende Schneetreiben nicht täuschen lassen, doch es gab keinen Zweifel – die Fenster in den oberen Stockwerken schienen tatsächlich als große, leuchtende Quadrate durch die Nacht zu ihm herunter.

Ungeachtet der Uhrzeit beschleunigte Adrien in einem Anflug von unbändiger Freude seine Schritte und eilte – nein flog fast den Rest der Straße entlang; kam schlitternd vor dem Eingang zu besagtem Hochhaus zum Stehen und durchquerte sich den Schnee aus dem Haar schüttelnd die Eingangshalle, hinter sich eine nasse Schneespur zurücklassend.

Er war gespannt, was der ehemalige Hüter sagen würde, wenn plötzlich Besuch in Form seines einstigen ‚Vorgesetzten' vor der Tür stand.

Oliver sah sich gerade zufrieden und leicht schnaufend in seiner mittlerweile blitzblank geputzten (und gezauberten) Wohnung um und wollte sich gerade mit einem gemütlichen Glas Rotwein auf die Couch verkrümeln, als ihn das schrille Läuten der Türglocke aus seinen weiteren Vorgehensplänen riss.

Verwundert runzelte der junge Schotte die Stirn, stellte die Flasche Bordeaux, die er schon aus der Glasvitrine genommen hatte, auf den Couchtisch und begab sich durch den Flur zur Wohnungstür. Er erwartete keinen Besuch und hatte auch niemandem außer Katie und seinen Eltern gesagt, dass er schon wieder in Prestwick war – wer also wollte ihn da noch um diese Uhrzeit unangemeldet besuchen?

Als er die Tür öffnete und sah, wer ihm da gegenüberstand, hatte er jedoch das Gefühl, dass er es hätte wissen müssen.

„Bevor du das nächste Mal versuchst, unauffällig und ohne ein Wort zu sagen hier wieder aufzutauchen, sei gewarnt: Adrien sieht alles", grinste der Kapitän mit amüsiert erhobenen Augenbrauen und erwiderte herzlich lachend die Umarmung, in die sein ehemaliger Hüter ihn gezogen hatte.

„Spionierst du jetzt schon meine Wohnung aus oder wie?", lachte Oliver, boxte seinen sichtlich unterkühlten besten Freund in die unverletzte Schulter und zog ihn in die wohlig warme Wohnung. „Auch ein Glas Wein? Ich wollt es mir grad gemütlich machen."

Adrien streifte seinen Mantel ab und hängte ihn zum Trocknen auf die Garderobe. „Nein, danke. Ich – ich trinke keinen Alkohol mehr." Ein scheues Lächeln erschien auf seinen Lippen und Wood warf ihm einen anerkennenden Blick zu, den der Kapitän sichtlich stolz aufnahm.

„Ein Wasser also?"

„Das wäre gut, danke."

Aus Rücksicht auf seinen besten Freund und vielleicht auch, weil ihm die Lust auf alkoholische Getränke durch das Halloween-Debakel noch ein bisschen vergangen war, entfernte Oliver die Bordeaux-Flasche samt Weinglas vom Wohnzimmertisch und ersetzte sie flugs durch einen gläsernen Krug gefüllt mit Wasser und zwei normale Gläser.

„Wie hast du überhaupt bemerkt, dass ich wieder hier bin?", wollte der ehemalige Hüter schließlich grinsend wissen, als Adrien sich im Polstersessel fläzte und er selbst es sich auf der Couch bequem gemacht hatte. „Lässt du das Haus observieren?"

„Natürlich, rund um die Uhr", gab der Kapitän verschmitzt zurück und nippte an seinem Wasserglas. „Und als du die Lichter aufgedreht hast, ging in meiner Wohnung sofort der Alarm los … Nein, natürlich nicht. Ich war nur ein wenig spazieren, und da hab ich's gesehen. Hier lang geh ich oft zu Fuß. Hält fit und man kriegt ein wenig frische Luft."

Adrien grinste und streckte die langen Beine von sich; er fühlte sich in der Situation sichtlich wohl, da sie so sehr an jene Zeiten erinnerte, die die beiden jungen Männer vor Olivers Weggang nach Hogwarts erlebt hatten.

„Wann habt ihr dieses Jahr eigentlich euer Abschlusstraining?", fragte Wood in weiser Voraussicht und leerte in einem Zug sein Glas. „Soweit ich mich erinnern kann, müsste das morgen oder übermorgen stattfinden."

„Erinner mich bloß nicht daran", grummelte Adrien und warf einen missmutigen Blick aus dem Fenster, wo es inzwischen ziemlich stürmte und die Schneeflocken wie wild durch die Luft trieben. „Wenn das Wetter so bleibt, dann bleibe ich auch – nämlich in meinem Bett. Und zwar bis zur großen Party."

Er zwinkerte und streckte sich genüsslich. „Cubby bekommt jetzt schon die Krise, weil sie ständig Angst hat, irgendetwas auf der Speisen- und Getränkeliste zu übersehen oder nicht genug einzukaufen. Manchmal ist sie kaum zu bremsen – aber was sie alles aus dem Hut zaubert, wirst du ohnehin selbst bewundern können."

„Oh ja … ich freu mich drauf", schmunzelte Oliver und seine Gedanken verflüchtigten sich zu einer gewissen blonden Jägerin, die schon morgen hier bei ihm sein würde. Diese Gewissheit machte ihn ganz aufgeregt – und sorgte außerdem dafür, dass sein Herz um ein Vielfaches schneller gegen seinen Brustkorb schlug.

Für eine Weile musste er wohl ziemlich weggetreten ausgesehen haben, denn Adrien wedelte mit den Armen vor seinen Augen herum und versuchte, ihn zurück in ihr Gespräch zu holen.

„Hey, Erde an Oliver! Hat dich gerade jemand mit dem Imperius belegt oder was?", grinste der junge Kapitän kopfschüttelnd über das Verhalten seines besten Freundes.

„Wie? Was?" Wood schien irritiert, was sein Gebaren nur noch seltsamer machte.

„Also, das kommt mir jetzt doch reichlich seltsam vor", meinte Adrien und richtete sich stirnrunzelnd auf, Oliver scharf mit seinem Blick musternd. „Abwesender Blick, seltsame Andeutungen in Briefen … Ehrlich, mein Freund: So rätselhaft hab ich dich noch nie erlebt. Und ich verwette meinen Feuerblitz und meine tollen, neuen Indoor-Torringe, dass es etwas mit der geheimnisvollen Person zu tun hat, die du mit zur Jahresabschlussparty bringst. Stimmt's oder habe ich Recht?" Es war eine Frage, die keine Ausweichmöglichkeit zuließ, und trotzdem konnte Oliver nicht umhin, zu lächeln und den Blick auf sein mittlerweile leeres Wasserglas zu richten, als ob es das interessanteste Objekt von ganz Prestwick wäre.

„Also doch!", triumphierte der Kapitän mit siegesheischender Miene und rückte samt schwerem Polstersessel näher an seinen besten Freund heran. „Ich will alle Details – und wehe, du lässt etwas aus."

Wood wusste, dass er nun an einem Punkt angelangt war, in dem er in der Zwickmühle saß. Einerseits wollte er Adrien alles erzählen, denn immerhin war er sein bester Freund und wäre sicherlich nicht sonderlich darüber empört, dass ein Professor gerade dabei war, eine Beziehung einzugehen die eigentlich verboten war. Andererseits hielt ihn etwas noch immer zurück; etwas tief in seinem Inneren wollte erst noch die Party abwarten, um zu sehen, wie sich alles entwickelte. Und trotz allem – Adrien war sein bester Freund, und einem besten Freund konnte man alles erzählen.

Während Oliver über all das nachgedacht hatte, hatte der Kapitän bereits sämtliche seiner Erwartungen aufgezählt.

„Wie heißt sie, woher kommt sie, wie alt ist sie und vor allem: wie lange und woher kennst du sie?", beendete er seine Ausführungen und blickte seinen Freund erwartungsvoll an, auf dessen Lippen ob der großen Neugier ein verschmitztes Lächeln getreten war.

„Muss ich das alles auf einmal beantworten?"

„Du kannst dir die Reihenfolge aussuchen, Mann. Hauptsache, du lässt nichts dabei aus. Ist ja schon schlimm genug, dass du eine Freundin hast und es auch noch vor mir geheim hältst …"

„Nun, genau genommen sind wir nicht zusammen."

„Jaah, noch nicht; aber so wie du dich anhörst, könnte sich das bald ändern."

„Okay, da könntest du Recht haben … aber es ist alles ziemlich kompliziert, weißt du?"

Adriens Miene verdüsterte sich. „Oh, Frauen sind meistens kompliziert, glaub mir."

Woods einzige Reaktion darauf war ein verständnisvolles Nicken, denn soweit er wusste, waren Adriens Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht nicht immer positiv gewesen und auch wenn es der Kapitän nicht zugab, so war sich Oliver sicher, dass er wohl nichts dagegen hatte, endlich eine langfristige Beziehung eingehen zu können, hinter der sich mehr verbarg als das Verlangen nach Geld und Berühmtheit. Als Profisportler mit großer Medienpräsenz hatte man allerdings das ständige Problem der nicht vorhandenen Anonymität, geschweige denn jenes der vielen Frauen, die nur auf eine Nacht mit ihrem Idol aus waren – ein Zustand, dem Adrien lieber mit Alleinsein vorbeugte.

„Nein, sie meine ich damit nicht", stellte Oliver deshalb die Tatsachen richtig. „Damit meinte ich eher … das Umfeld …"

„Ach was, wenn man sich liebt, dann gibt es keine Probleme im Umfeld. In deinem Fall wäre es zwar natürlich ein wenig kompliziert, wenn sie eine Schülerin von dir wäre, aber –"

Als Adrien jedoch Olivers Blick sah, brach er sofort ab; denn die dunklen Augen sagten mehr als tausend Worte.

„Sie … ist wirklich –?", begann der Kapitän zögernd, kaum glauben könnend, dass seine so unbedacht dahingesagten Worte dermaßen ins Schwarze getroffen hatten. Wood nickte nur ernst.

„Wow", war das einzige, was Adrien hervorbrachte während er wie versteinert in seinem Polstersessel saß und sein Gegenüber anstarrte, das ein klein wenig verlegen den Blick im Zimmer umherwandern ließ. „Okay, ich würde sagen, du hast wirklich ein Umfeldproblem."

„Danke", erwiderte Oliver zynisch und seufzte. „Das habe ich auch schon gemerkt. Aber ich kann nicht anders, ich … sie bedeutet mir so unendlich viel und ich habe nicht das Gefühl, dass ich etwas Falsches tue. Das habe ich nur, wenn ich mir vorstelle, dass ich all das, was ich jetzt tue, nicht mache."

Adrien, der sich von seinem anfänglichen ‚Schock' erholt hatte, lächelte nun und ein verständnisvoller Ausdruck trat in seine klaren Augen. Er wusste, dass Oliver – auch wenn er nicht direkt darum bat – Rat brauchte, so wie er selbst ihn damals gebraucht hatte; und er würde seinen besten Freund nicht damit im Stich lassen.

„Oliver, ich kenne dich nun schon eine ganze Weile. Und in dieser ganzen Weile habe ich dich nie so erlebt wie jetzt, als du von diesem Mädchen gesprochen hast. Wenn ich mir das so anhöre und wenn ich dich dabei beobachte, dann kann das nicht falsch sein. Gesetz hin oder her – ich denke, euer Glück ist das, was zählt. No risk, no fun."

Dass Adrien so hinter ihm stand, ohne sich groß um die mit einer Beziehung zu Katie verbundenen Komplikationen zu scheren, lockerte den Stein auf Woods Herzen und ein aufrichtig erleichtertes Lächeln trat auf seine Lippen. Angelina wäre der junge Kapitän sicher auf Anhieb sympathisch – nun gut, dachte Oliver schmunzelnd: Jeder, der für eine Beziehung zwischen ihm und Katie plädierte, war ihr bestimmt sympathisch.

„Danke, Adrien." Das war alles, was er ehemalige Hüter schlussendlich sagen konnte, doch sein bester Freund verstand wohl, welche Gefühle dahinter steckten. Ehrliche Dankbarkeit für die Loyalität und die Freundschaft, und für jegliche Unterstützung.

„Nichts zu danken", erwiderte der Angesprochene lächelnd und streckte seine Hand aus, in die Oliver, ebenfalls lächelnd, einschlug. „Und jetzt erzähl mir von ihr."

Das Schneetreiben draußen verdichtete sich weiter, während Oliver in die Stille hineinsprach und Adrien alles über Katie Bell erzählte; angefangen von ihrem Charakter und Aussehen bis hin zu ihrer ersten Begegnung, ihrer gemeinsamen Jahre in der Mannschaft der Gryffindors und ihrem Wiedersehen in diesem Schuljahr, das das Leben beider so rapide verändert hatte.

„Diese Katie muss ich kennenlernen", war Adriens grinsendes Fazit, als Wood geendet hatte. „So, wie du von ihr sprichst, muss sie eine wahre Traumfrau sein."

„Das ist sie auch, glaub mir."

„Nun gut, wen wundert es? Sie ist eine Jägerin! Alle Jäger haben das gewisse Etwas."

Lachend wich der Kapitän dem Kissen aus, das ihm entgegensegelte und hinter ihm an die Wand klatschte. Dann runzelte er kurz die Stirn, so als müsse er über etwas nachdenken; bevor er schließlich ein triumphierendes Lächeln aufsetzte.

„Ich hab eine grandiose Idee."

„Raus damit, du Genie."

„Kommt doch zum Abschlusstraining, ihr beide. Du hast eine Gelegenheit, die anderen schon ein wenig früher wiederzusehen, und für Katie ist es sicher interessant, sich das Training einer Profimannschaft ansehen zu können. Das bringt dir tausendprozentig Pluspunkte ein. Sie kann auch mit uns fliegen, wenn sie möchte, sofern ihr der eventuelle Schneesturm nichts ausmacht – aber wenn sie schon unter deiner Führung geflogen ist, muss sie ziemlich abgehärtet sein."

Das zweite Kissen verfehlte sein Ziel nicht und traf den vorlauten jungen Mann mitten ins Gesicht. Prustend kam er wieder zum Vorschein und ließ das Wurfgeschoss zurücksegeln. „Hey, sollte nicht ich die Würfe versenken?"

Olivers Antwort darauf war ein spitzbübisches Grinsen. „Warum so, wenn es auch andersrum geht, mein Guter? Abgesehen davon ist es aber eine wirklich gute Idee von dir. Das wird sie bestimmt freuen, ich glaube, sie war noch nie bei einem wirklich großen Quidditchspiel, geschweige denn bei einem Training."

Adrien, froh dass er seinem Freund auf diese Art so weitergeholfen hatte, warf einen Blick auf seine Armbanduhr und erhob sich langsam. „Ich sollte wohl aufbrechen – immerhin musst du morgen ja ausgeschlafen sein. Und ich möchte sichergehen, dass meine Wohnung nicht schon in Lebensmitteln und Partydekoration versinkt – man weiß nie, was diesen Hauselfen so einfällt."

„Falls du vor lauter Ramsch dein Bett nicht mehr findest, weißt du ja, wo ich wohne. Heute Nacht ist hier noch frei."

„Gut zu wissen, ich werd's mir merken. Und vergiss ja das Abschlusstraining nicht. 29. Dezember, 16:30. Ihr seid beide gern gesehen."

„Danke, ich werde bestimmt darauf zurückkommen", erwiderte Oliver frohgemut, als er seinen besten Freund zur Wohnungstür geleitete. „Ach, und Adrien – ich wäre dir dankbar, wenn –"

„Keine Angst, von mir erfährt keiner etwas", unterbrach ihn der andere wie aus der Pistole geschossen und schien genau geahnt zu haben, was Oliver sagen wollte. „Solange du nichts sagst, schweige ich wie ein Grab."

„Nett von dir, dankeschön."

„Keine Ursache. Wir sehen uns, ja? Viel Glück morgen!"

„Oh, danke. Schön, dass du vorbeigekommen bist. Grüß Cubby von mir!"

Als die Wohnungstür hinter Adrien ins Schloss gefallen war, lehnte Wood sich ein klein wenig erschöpft dagegen und atmete ein paar Mal tief durch. Ein weiteres ‚Hindernis' war nun überwunden; Adrien wusste von seinen zugegebenermaßen verbotenen Gefühlen und stand voll und ganz hinter ihm – was konnte jetzt noch schiefgehen?

Hibbelig und mit stark klopfendem Herzen kehrte Oliver zurück ins Wohnzimmer und beförderte die Gläser und den Wasserkrug mit einem Schlenker seines Zauberstabs in die Spüle. Er fühlte sich müde, doch seine Gedanken waren klar und kreisten rund um Katie und ihre morgige Ankunft. So sehr freute sich der junge Schotte darauf, sie zu sehen, dass er das Gefühl hatte, ständig glückselig lächeln zu müssen.

Noch nie hatte er sich gewünscht, dass die Nacht schneller vergehen würde als in diesem Augenblick, in dem er nichts anderes tun konnte, als auf seine große Liebe und die mit ihrer Ankunft verbundenen Ereignisse zu warten.

Gälische Übersetzungen

* Fàilte!: Willkommen!

** Tha mi toilichte dh'fhaicinn : Es freut mich, dich zu sehen.

*** Tha mi duilich: Es tut mir Leid.

**** Greas ort! : Beeil dich!

Anm.: Soo ein kurzes Nachwort …. Dann muss ich auch schon weiterschreiben, sonst wird der arme Oliver noch nervöser ^^ Ich hoffe, es hat euch gefallen und ihr wartet schon alle genauso sehnsüchtig auf Katies Ankunft wie unser lieber Professor ;)

Reviews sind stark erwünscht – denn umso motivierter die Autorin ist, umso schneller kommt auch Katie ;)

Eure Lala