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Perspektiven
Harry hörte Dracos Schritte hinter sich. Der Blonde blieb neben ihm stehen und betrachtete Harrys versteinerte Miene stirnrunzelnd.
„Was ist los? Schlechte Nachrichten?"
Schweigend hielt Harry ihm den Umschlag hin. Seine Hand zitterte dabei leicht. Das Lächeln verschwand aus Dracos Gesicht, als er den Brief entgegennahm. Es wich einem Ausdruck, den nicht einmal Harry deuten konnte. Draco strich über das Siegel, als wollte er sich vergewissern, dass es wirklich existierte und nicht nur in seiner Einbildung. Dann riss er den Umschlag langsam auf. Er faltete den Briefbogen auseinander und Harry sah wie seine dunkelblauen Augen hin und herhuschten als er den Brief las.
Für einen kurzen Moment fiel Dracos ausdruckslose Maske und darunter sah Harry Fassungslosigkeit, Entsetzen und … Angst. Doch genauso schnell fing der Blonde sich auch wieder. Er faltete das Papier sorgsam wieder zusammen und steckte den Brief in seine Hosentasche. Gedankenverloren drehte Draco sich um, ging auf die Tür zu. Doch kurz bevor er sie erreicht hatte wand er sich noch einmal zu Harry um, als hätte er etwas vergessen.
„Sie haben unser Postfach gefunden, nicht uns."
Nach diesen Worten verließ er das Wohnzimmer und ging die schwere Holztreppe hinauf in den ersten Stock.
Harry starrte seinem Ehemann nach. Das Draco nie erzählte, was in ihm vorging war er ja gewöhnt. Aber er hatte doch eine andere Reaktion erwartet. Er hätte gedachte, dass Draco, dessen Paranoia inzwischen fast ins krankhafte reichte, viel aufgelöster sein würde. Mit soviel Kaltblütigkeit hatte Harry nachdem sich Draco in den letzten Jahren immer mehr geöffnet hatte, nicht mehr gerechnet. Doch vielleicht hatte der ehemalige Slytherin den Moment, in dem sie gefunden werden würden bereits erwartet. Ihn in Gedanken immer wieder durchgespielt sodass dieser Brief ihn nicht erschüttern konnte. Harry fühlte bei dem Gedanken an das Schriftstück Neugier und Wut aufsteigen. Draco hätte ihm wenigstens grob erzählen können was darin stand, schließlich ging es ihn genauso gut an.
Draco saß auf dem Bett in ihrem Schlafzimmer im ersten Stock und sah durch das große Fenster auf die hohen Wellen, die krachend an den rauen Felsen zerschellten. Dracos Hand hatte sich um das weiße Papier zur Faust geschlossen.
Sein Blick war immer noch starr in die Ferne gerichtet, als Harry ihn dort fand. Unschlüssig stand er schräg hinter dem Blonden.
„Dray?", fragte er vorsichtig.
Es dauerte eine Zeit, bis der Angesprochene reagierte, doch als er sich zu Harry umdrehte zwang er sich zu einem kleinen Lächeln.
„Was denkst du, was wir jetzt tun sollen?"
Es war eine rein rhetorische Frage, schließlich wussten sie Beide, dass nur eine erneute Flucht möglich war. Außerdem wusste Harry ja nicht einmal was genau in diesem verdammten Brief stand. Trotzdem fiel dem Dunkelhaarigen auf, wie sehr sich Draco in den letzten drei Jahren verändert hatte. Er reagierte längst nicht mehr so impulsiv und eigensinnig wie früher und gab Harry wenigstens das Gefühl, nicht übergangen zu werden.
Dieser seufzte, bevor er aussprach, was Beiden eigentlich schon klar war:
„Es sieht aus, als müssten wir wieder fliehen."
Harry hasste schon allein den Gedanken an eine erneute Flucht. In der ersten Zeit hatte er zwar feststellen müssen, dass es doch keine gute Idee war in ein Land zu ziehen, dessen Sprache man nicht kennt. Während Draco, von dem Harry immer mehr und mehr argwöhnte, dass er anscheinend alles konnte, sich in einem Harry nicht verständlichen Kauderwelsch mit den Einheimischen unterhielt. Harry musste erkennen, dass es kaum Franzosen gab, die bereit waren Englisch zu sprechen.
Doch nach einigen Wochen hatte er sich eingelebt und hatte die raue Schönheit der Bretagne schätzen gelernt. Der inzwischen 25-jährige hatte eine Schlechtbezahlte Stelle in der Buhhaltung der Stadtverwaltung angenommen. Die Arbeit war zwar meist staubtrocken, aber immerhin hatte Harry es dort mit einem englischsprachigen Computerprogramm zu tun gehabt. Seitdem hatte er sich sogar an den gemeinen bretonischen Akzent gewohnt und er war ganz und gar nicht darauf vorbereitet, alles, was er sich aufgebaut hatte, wieder zu verlieren.
Draco stand auf und strich Harry mit seiner freien Hand über die Wange. Er küsste ihn flüchtig und lächelte ihn sanft an. Dabei sah der Blonde Harry fest in die Augen.
„Ich weiß wie schwer es dir fällt, aber es gibt keinen anderen Weg."
„Ich weiß.", betonte Harry leise. Doch eigentlich war ihm schon wieder alles egal, als er ihn Dracos unglaublich blaue Augen sah. Er hasste sich selbst dafür, dass ihm alles so unwichtig erschien, wenn Draco auf der Bildfläche erschien. Aber er konnte nichts daran ändern, er war dem ehemaligen Slytherin einfach verfallen.
„Ich liebe dich", flüsterte Harry.
Draco wirkte erleichtert.
„Ich dich auch", erwiderte er.
Er zog den Dunkelhaarigen näher zu sich und küsste ihn noch einmal
Mit seiner anderen Hand strich er den Briefbogen, den er immer noch umklammert hielt, beinahe zärtlich wieder glatt und steckte ihn zurück in seine Hosentasche.
Ronald Weasley saß an seinem einfachen Holzschreibtisch und ging ein paar abgeschlossene Fälle hindurch. Da wurde die Tür zu seinem kleinen Büro aufgerissen und Nalaheigh, einer von Rons engsten Mitarbeitern trat ein. Ron sah auf und da der Schreibtisch gegenüber der Tür stand sah er genau in Nalaheighs aufgeregtes Gesicht „Was gibt's denn, Brian?"
Zur Antwort warf der junge Auror seinem Vorgesetzten einen großen, braunen Umschlag auf den Schreibtisch. Ron runzelte die Stirn. Er griff nach dem Umschlag und öffnete ihn neugierig, obwohl Neuigkeiten im Amt für Zauberinterne Verbrechensbekämpfung, kurz AZV, in der Regel schlechte Neuigkeiten waren.
Der rothaarige Zauberer angelte nach den Hochglanzfotos, die im Umschlag lagen, zog sie heraus und betrachtete sie überrascht. Ein bitterer Ausdruck wich dem sonst gutmütigen.
„Ah, da bist du ja", flüsterte er selbstzufrieden.
Nach Malfoys Flucht hatte sich vor Rons innerem Auge ein ziemlich klares Bild der Geschehnisse zu bilden. Ihm war klar, dass Malfoy Harry irgendwie in der Hand gehabt haben musste. Er hatte den Dunkelhaarigen gezwungen ihn zu begleiten und ihm als Geisel zu dienen. Jeden Tag, nach dem Ereignis vor drei Jahren hatte Ron Angst davor sich die elektronische Kartei der Leichen, die nicht identifiziert werden konnten anzusehen, die über Nacht überholt wurde. Jedes Mal rechnete er fester damit, Harrys verwesende Leiche in irgendeinem Moorgebiet auf einem der Bilder anzutreffen. Das Malfoy seinen besten Freund getötet hatte, sobald er ihn nicht mehr brauchte stand für Ron außer Frage.
Und nun hielt er den Bahnbrechenden Erfolg in der Ergreifung von Harrys Mörder in den Händen.
Auf den Bildern, die in einem Flughafen in Rennes aufgenommen worden waren zeigten einen ziemlich abgehetzten Malfoy der Tickets an einem Schalter löste.
Trotz seiner dunklen Sonnenbrille und den gefärbten Haare erkannte Ron ihn sofort.
