Heaven & Hell Teil 2 Kapitel 11: Schlechter Einfluss
A/N:
Das
Kap hier kann unter Umständen etwas „anders" als der Rest
der FF aussehen – erstens, weil hier einige explizite blutige Szenen
vorkommen und zweitens weil ich hier einen kleinen ‚Einschub'
gemacht habe, der vielleicht so aussieht, als würde er nicht
ganz zur FF passen. Seid versichert, wenn ich euch sage, dass dieses
Kapitel hier herein gehört und der FF keine neue Richtung
angibt. In erster Linie geht es hier um Einfluss auf Harry, siehe
Titel.
WARNUNG!
Das Kapitel hier rechtfertigt teilweise
die Alterseinstufung. Blut und Mordtaten tauchen auf. Ihr seid
gewarnt.
"Men never do evil so completely
and cheerfully as when they do it from a religious
conviction."
"Menschen tun niemals etwas Böses so
rigoros und fröhlich, als wenn sie es aus einer religiösen
Überzeugung heraus tun."
- Blaise Pascal (1623 - 1662; Physiker & Philosoph)
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Der Dienstag schien wie
im Fluge und gleichzeitig doch zu langsam zu vergehen. Harry war
ungewohnt angespannt und hatte seine liebe Mühe, Draco und
Blaises fragende Blicke abzuwehren.
Natürlich bemerkte er
irgendwie schon, dass seine Nervosität damit zu tun hatte, dass
er am morgigen Abend ein schwarzes Ritual durchführen würde
- doch schien er nichts dagegen machen zu können. Stattdessen
bemühte er sich, sich nichts von diesem „Nachtausflug"
anmerken zu lassen. Ihm war es egal, worauf sie seine Anspannung
zurückführten, aber von dieser kleinen Exkursion durften
sie nichts erfahren. Sie würden ihm die Hölle heiß
machen
Am Mittwochmorgen dann schien die ganze Nervosität
wie weggeblasen, nicht-existent. Die Schulstunden gingen wie
gewöhnlich an ihm vorbei, mit der gewohnten Langeweile oder dem
gewohnten Interesse, je nachdem, welches Fach er hatte.
Nur die
letzten Stunden waren anders. Harry betrat als einer der letzten den
Klassenraum für Ritualzauber und setzte sich in die vorderste
Reihe zu einigen Ravenclaws. Ihr Professor, wie immer schon anwesend
und ruhig an seinem Tisch sitzend, schaute erst von seinem Buch auf,
als der letzte Schüler den Raum betreten hatte und die schwere
Tür hinter ihm mit einem lauten Knall zugeschlagen war.
Diese
Prozedur versetzte keinen der Gryffindors oder Ravenclaws mehr in
Aufruhr, da der Professor seit der zweiten Stunde an ihr
festhielt.
Zwei blau-violette Augen wanderten durch das
Klassenzimmer und musterten kurz jeden einzelnen Schüler. Als
sie in der ersten Reihe ankam erlaubte der Professor sich ein kurzes
Lächeln für Harry, was von dessen Mitschülern nicht
weiter beachtet wurde. Er war sowieso der ‚Liebling' ihres
Lehrers.
"Die für euch guten Nachrichten zuerst - unsere
letzte Stunde fällt heute aus." Enthusiastisches Gemurmel
begrüßte Lucards Worte. Selbst die Ravenclaws hatten
lieber ab und an einen freien Nachmittag, den sie für ihre
Hobbies nutzen konnten. Harry zog nur eine Augenbraue hoch, was der
Professor mit einem stillen Lächeln quittierte.
"Außerdem…"
Schnell wurde es wieder still im Klassenzimmer. „… darf ich euch
noch eine zweite gute Nachricht überbringen. Genaue
Informationen werden heute Abend in allen Gemeinschaftsräumen
aushängen. Schulleiter Dumbledore hat beschlossen, im Rahmen
eines ‚Verständigungsprogramms', welches den Zusammenhalt
zwischen euch Schülern stärken soll, eine einwöchige
Exkursion für die Siebt-, Sechst-, und Fünftklässler
anzusetzen."
Die erste Reaktion auf diese Meldung war
Stille, dann brach plötzlich das Gerede und Getuschel los. Nur
Harry runzelte seine Stirn und überkreuzte seine
Arme.
Exkursion? Wohin? Und was würden sie da tun? Und fuhr
jeder Jahrgang zusammen oder alle einzeln!
Ein plötzliches
Zischen war zu hören und die Schüler stellten ihr Gerede
ein, um ihr Augenmerk auf die Quelle des Geräusches zu
richten.
Hinter ihrem Professor glühte auf einmal ein großer,
mit Runen und anderen Zeichen bestückter Kreis dunkellila an der
Wand. Als der Kreis Funken zu sprühen schien und das unwirkliche
Geschrei irgendeines Wesens durch den Raum hallte, zuckten die
meisten Schüler zusammen. Dann war der Kreis plötzlich
wieder verschwunden.
"Habe ich jetzt wieder eure Aufmerksamkeit?", murmelte Lucard in die entstandene Stille hinein. Schweigend starrten die Jugendlichen ihn an. „Gut. Wie gesagt, genaue Informationen werdet ihr in euren Gemeinschaftsräumen finden. Allerdings wird jeder Jahrgang einzeln fahren, zu einem jeweils anderen Ziel. Jede Exkursion wird unter einer bestimmten Thematik stehen und im Laufe der Woche werdet ihr eine gewisse Anzahl von Aufgaben erledigen müssen. Da einige Lehrer in dieser Zeit weg sein werden, werden die jüngeren Jahrgänge eine Projektwoche haben, während der sie in kleinen Gruppen an einem freien Projekt ihrer Wahl arbeiten dürfen, das jedoch mit einem ihrer Unterrichtsfächer zu tun haben muss."
Lucard gab
seinem Kurs Zeit, um das eben Gehörte aufzunehmen und stand auf.
Während Harry noch darüber nachdachte, wie er in dieser
Zeit alle seine verschiedenen Pflichten erfüllen konnte, fuhr
der Professor mit seinem Zauberstab die Wand entlang, an der vorhin
noch der Kreis gewesen war und schien die Verzauberung wieder zu
löschen. Noch mit seinem Rücken zu den Schülern fuhr
er dann fort:
"Ich kann euch jedoch schon sagen, dass diese
Exkursion erst in frühestens einem Monat stattfinden wird und
ich einer der begleitenden Lehrer für euren Jahrgang sein
werde." Lächelnd drehte er sich wieder der Klasse zu und nahm
wieder an seinem Tisch platz. „Über den Ausflugsort und die
euch erwartenden Aufgaben kann ich jedoch noch nichts sagen."
Und ein drittes Mal murmelten die Schüler unter sich - diesmal jedoch wesentlich leiser als vorher. Nur Harry war in seinem Sitz erstarrt. Denn Lucard hatte ihn und nur ihn angeschaut, während er den letzten Satz gesagt hatte. Und da sein Blick auch jetzt nicht von Harry wich, bekam der Schwarzhaarige das schleichende Gefühl, dass der Professor nicht zufällig seinen Jahrgang begleitete.
Der Rest der Stunde verlief normal, abgesehen
davon, dass Lucard zum Ende des Unterrichts hin Harry einen kleinen
Zettel zusteckte.
Harry,
Ich bin sehr froh, dass du die
Einladung annimmst. Meine privaten Gemächer befinden sich im
ersten Stock des Westturmes, hinter dem Bild von Arach dem
Verrückten. Klopfe um 11 Uhr zweimal an und spreche das Passwort
‚Spinnenbein', um Einlass zu bekommen. Von dort aus werden wir in
den Wald gehen.
Lucard
So diskret wie es ging sandte Harry seinem Professor ein Nicken und verließ den Klassenraum.
Der Nachmittag im Slytherin Gemeinschaftsraum war hektisch. Alles versammelte sich um den großen, hölzernen Anschlag, an dem die wichtigen Nachrichten immer verbreitet wurden und versuchte, alles über diese Exkursionen zu erfahren. Gleichzeitig. Was entstand, war pures Chaos.
Zusammen mit Draco
hatte Harry es sich auf einer der Couchen gemütlich gemacht und
betrachtete das Treiben amüsiert. Der Blonde zu seiner Linken
war damit beschäftigt, einen Brief an seine Eltern zu schreiben
und murmelte hin und wieder ein einzelnes Wort vor sich her.
Blaise
hatte sich ins Getümmel geschmissen, um herauszufinden, was dort
alles über die Ausflüge geschrieben stand und somit Draco
und Harry das Durchkämpfen durch die Menge erspart. „Was
glaubst du, was bezweckt Dumbledore damit?" Spekulativ sah Harry
seinen Freund an.
Dieser brummte etwas Unverständliches,
während er weiterschrieb.
Harry rollte mit den Augen. „Ja,
ja, du bist beschäftigt. Sei lieber froh, dass ich Vincent und
Greg mit Blaise mitgeschickt habe, sonst könntest du erst in
etlichen Stunden alles haargenau deinen Eltern berichten."
Die
einzige Antwort, die er bekam, war ein amüsiertes Schnauben und
das Geräusch eines auf Pergament kratzenden Federkiels. Seufzend
lehnte Harry sich weiter zurück an die Couchlehne und schloss
seine Augen.
Der Lärm im Gemeinschaftsraum hielt ihn
davon ab, sich vollkommen gemütlich zu fühlen und schon
kurze Zeit später öffnete er seine Augen wieder
stirnrunzelnd. Musste das denn so laut sein?
"Wie viel kannst du
deinen Eltern eigentlich schreiben? Schickst du ihnen eine genaue
Aufzählung von allem, was du in den letzten drei Monaten
gegessen hast?", brummte der Schwarzhaarige schließlich.
Draco
sah ärgerlich auf. „Kannst du mit deiner schlechten Laune
nicht jemand anderen nerven?"
"Ich habe keine schlechte
Laune.", beteuerte der Grünäugige blinzelnd. Sein Freund
rollte jedoch bloß mit den Augen und schnaubte verächtlich.
Der
Schwarzhaarige achtete jedoch schon gar nicht mehr auf ihn. „He, da
kommt Blaise."
Der blondhaarige Slytherin bahnte sich seinen
Weg durch die letzten abseitsstehenden Schüler, Crabbe und Goyle
an seiner Seite. Die beiden massigen Jugendlichen schoben etwaige
Hindernisse einfach aus dem Weg und ermöglichten Blaise so ein
schnelles Vorankommen. Kurz bevor sie Draco und Harry erreichten,
winkte Blaise die beiden massigeren Slytherins weg und ließ
sich dann neben Harrys anderer Seite nieder.
"Und?", fragte
der junge Lord.
"So viel steht da noch gar nicht. Nur die
Reiseziele der Jahrgänge und, dass es frühestens Ende
Februar losgeht. Nicht mal zu diesen Aufgaben steht da etwas." Ein
ungeduldiger Blick des Grünäugigen ließ Blaise
schnell alles wiedergeben, was er gelesen hatte.
"Die
Siebtklässler fahren nach Galashiels, die Sechstklässler
nach Elgin und wir nach Stromness auf Orkney."
Dracos Kopf
schnellte hoch. „Orkney? Sind die verrückt?"
Harry
indessen war etwas verwirrt. Er wusste, dass die Orkney Inseln eine
Archipelgruppe nördlich von Schottland waren und noch zu diesem
Land dazugehörten, doch warum waren seine Freunde so
nervös?
"Was ist so schlimm an Orkney?" Sein
Unverständnis rief Entsetzen seitens der beiden anderen junge
Männer hervor.
"Harry, die Orkney Inseln sind ein sehr
gefährlicher Landstrich. Der größte Teil der
Zaubererbevölkerung sind Auroren, deren Familien und
Abenteuerlustige und die größte Beschäftigung da ist
es, die Muggel von den gefährlichen Stellen weg zu halten. Es
hat einen guten Grund, warum die größte Stadt dort nur
knapp 8.000 Einwohner hat."
Der Schwarzhaarige verstand es immer
noch nicht. „Es ist eine Archipelgruppe. Da ist nicht sehr viel
Platz für mehr Leute."
Die beiden Slytherins seufzten.
„Weißt du," fing Blaise dann an, „manchmal ist es echt
beschissen, dass du bei Muggeln aufgewachsen bist. Ein großer
Teil der Inseln ist unortbar gemacht worden, wegen der hohen Gefahr.
Nicht mal die Zaubererbevölkerung hat Zutritt zu gewissen Orten
da unten. Morgan le Fay wurde da unten geboren. Warum machen wir da
eine Exkursion hin?"
Draco nickte und kritzelte sofort akribisch
in seinem Brief weiter. „Vielleicht kann ja Vater etwas dazu sagen.
Noch sitzt er im Aufsichtsrat…" Die Stimme des jungen
Aristokraten verlor sich. „Vater muss bereits davon wissen." Eine
kurze Pause trat ein. „Warum hat er mir davon nicht geschrieben?",
wollte der Blondhaarige dann wissen und sah seine Freunde ratlos
an.
Blaise zuckte mit den Schultern und Harry runzelte seine
Stirn. „Sind die anderen Exkursionsziele auch so gefährlich?"
Von Geographie verstand er herzlich wenig und die Namen dieser Städte
sagten ihm nichts.
Blaise setzte sofort zu einer Erklärung
an. „Galashiels ist eine Stadt ziemlich weit im Süden
Schottlands, in den Lowlands. Es ist eine relativ ruhige Gegend und
eigentlich gibt es da unten nicht viel besonderes. Ich glaube, die
Stadt ist für ihre Textilien bekannt oder so etwas." Der
Blonde zuckte mit den Schultern und fuhr fort. „Elgin liegt ein
gutes Stück nord-östlich von Loch Ness. Da wird Whiskey
hergestellt, aber sonst ist die Stadt auch nichts besonderes. In der
Küstengegend nicht weit von der Stadt liegt jedoch die
Zaubererstadt Summit, ich denke, dahin soll die Exkursion eigentlich
gehen. Die Stadt ist bekannt für ihre alchimistischen Labore und
Trankhersteller."
"Warum schreiben sie dann nicht einfach,
dass die Exkursion nach Summit geht?", wollte Harry wissen, bekam
jedoch auf seine Frage keine Antwort.
Draco hatte seinen Brief
schnell beendet und rollte das Pergament zusammen. „Ich geh den
Brief abschicken. Kommt einer mit?" Blaise stand auf, doch Harry
winkte ab. „Ich geh hoch ins Zimmer…"
Seine Freunde nickten
und verabschiedeten sich.
Hart nachdenkend ließ sich
Harry kurze Zeit später auf sein Bett nieder und starrte an die
Kerkerdecke. Warum war ihr Ziel so gefährlich und das der
anderen so unscheinbar? Gab es dafür einen besonderen Grund oder
lag es einfach daran, dass es in Stromness irgendetwas ganz Tolles
gab, das sie sich unbedingt anschauen sollten?
Seufzend rieb er
sich die Schläfe. Welche anderen Lehrer würden eigentlich
mitkommen? Sie waren nicht gerade wenige Fünftklässler,
zwei waren da mindestens von Nöten. Lucard und…? Vielleicht
Severus? Harry ertappte sich dabei, wie er sich wünschte, dass
Severus sie begleiten würde und zwang sein Denken gleich in eine
andere Richtung. Wie zum Beispiel sollte er aus dem Kerker
verschwinden, ohne Draco und Blaise misstrauisch zu machen? Um elf
schliefen sie oftmals noch nicht und sie würden nach ihm suchen,
sollte er nicht in seinem Bett liegen, wenn sie schlafen gingen. Im
Moment schien ein Illusionszauber der einzige Ausweg zu
sein…
HRHRHRHRHRHR
Wenige Stunden später
saß Harry grübelnd im Slytheringemeinschaftsraum. Die
jüngeren Schüler waren bereits in ihren Betten und einige
der älteren saßen noch im Raum verteilt auf dem Boden oder
den Möbeln. Draco, Pansy, Dominik und Theodore spielten ein
Kartenspiel und Blaise war in einem Buch vertieft.
Es war halb elf
und Harry würde bald los müssen, wenn er rechtzeitig an
Lucards Tür sein wollte.
Die Couch senkte sich, als
Millicents etwas schwerer Körper neben ihm landete. Ein kleiner
Keramikteller mit aufwendig verzierter Schokoladentorte wurde ihm
unter die Nase gehalten. Mit fragendem Blick sah Harry dem Mädchen
ins Gesicht. „Du siehst aus, als wenn du es nötig hättest.
Von deinem Stirnrunzeln her könnte man denken, du wolltest das
Wiesel allein durch Gedankenkraft töten."
Trocken grinsend
nahm Harry die angebotene Torte entgegen. „Danke, Millicent." Die
rundliche Slytherin sorgte öfters dafür, dass eine kleine
Menge Naschwerk und Kuchen im Gemeinschaftsraum war. Die meisten
anderen Slytherins liebten sie praktisch dafür und versuchten,
sie nicht wütend zu machen. Erstaunlicherweise mochten die
Hauselfen sie und konnten ziemlich nervig werden, wenn jemand ihrer
lieben „Miss Milly" böse kam.
Weiter vor sich hin brütend aß Harry die Torte und kam seinem Ziel doch keinen Schritt näher. Blaise und Draco würden die meisten einfachen Illusionszauber einfach durchschauen und paranoid genug, um auch nach den stärkeren zu forschen, waren sie. Es würde ihn nicht wundern, wenn sie allabendlich, nachdem er fest und sicher schlief, einen Gesundheits-Checkzauber auf ihn anwanden und nachprüften, ob er auch wirklich im Bett lag und schlief.
Eigentlich sollte er derjenige mit Paranoia sein, bei seinen Freunden war das fast gerechtfertigt.
"Warum
schaust du jetzt so mies drein?", fragte Millicent erneut, während
sie den anderen vier Fünftklässlern am Tisch vor ihnen beim
Kartenspiel zusah.
Harry lächelte leicht. „Nichts,
ich…"
Ein Gedanke durchzuckte ihn. Warum sollte er den anderen
nicht einfach sagen, dass er diese Nacht fort wollte? Sie mussten ja
nicht Zwingenderweise erfahren, wohin er ging.
Schnell verputzte
er den letzten Rest des Tortenstücks und stand dann auf. „Draco,
ich muss noch mal weg."
Der Blonde war dabei, abwesend zu
nicken, als der Satz bei ihm registrierte. Sein Kopf schnellte hoch.
„Stopp mal. Was ist los?" Auch die anderen unterbrachen ihr
Spiel.
"Ich muss noch einmal weg. Es wird später
werden, erwarte mich also nicht früh zurück." Die
blaugrauen Augen des Blonden sahen ihn perplex an. Blaise hingegen
stand auf. „In Ordnung, wohin geht's und wann sind wir ungefähr
wieder da?"
Abwehrend hob Harry die Hände. „Ich gehe,
Blaise. Allein, okay?" Sofort protestierten seine beiden blonden
Freunde. „Da gibt es keine Diskussion. Ich bin ja nur für ein
paar Stunden unterwegs und nicht drei Tage."
"Du solltest
jetzt überhaupt nicht auf eine Nacht und Nebel Aktion gehen.",
beschwerte Draco sich, „Was hast du überhaupt vor?"
Leicht
genervt sah Harry den Malfoy an. „Draco, vertrau mir einfach wenn
ich sage, dass ich mich nicht irgendwie in unnötige Gefahr
begebe, in Ordnung? Ich werde jetzt gehen und später
wiederkommen - und falls irgendwer mir folgt werde ich sehr
ungehalten werden, verstanden?" Seine Stimme war hart geworden und
ein eisiger Hauch lag in ihr. Fast unbewusst senkten die um ihn herum
stehenden Slytherins ihre Schultern und nahmen eine unterwürfige
Körperhaltung ein. Selbst Draco gab klein bei und überkreuzte
seine Arme. „Wenn du morgen früh auf der Krankenstation
liegst, dann erwarte kein Mitleid von mir.", brummte der junge
Aristokrat und wandte sich wieder seinem Kartenspiel zu.
Auch Blaise setzte sich wieder, aber Harry konnte die Blicke des Slytherin kontinuierlich auf seinem Rücken spüren und dieses Gefühl endete erst, als sich die Tür zum Gemeinschaftsraum hinter ihm schloss.
Ruhigen Schrittes machte er sich auf zum Westturm und
Lucards Räumen.
Wohin genau würden sie gehen? Wer waren
die Freunde des Professors? Und was für ein Ritual würden
sie durchführen? Äußerlich war Harry ruhig, doch
innerlich brodelte er vor Aufregung. In seinen Fingern juckte es ihn
jetzt schon, als wenn sein Körper sich freudig darauf
vorbereitete, die schwarze Magie zu benutzen.
Er konnte es nicht
mehr erwarten.
Um Punkt elf Uhr stand er vor dem Portrait von
„Arach dem Verrückten". Im Bild zu sehen war ein
schwarzhaariger, schwarz gekleideter Mann, der über ein schweres
Buch gebeugt an einem Schreibtisch saß, umgeben von Spinnen und
Schlangen, die durch das Bild krabbelten.
Als Harry zweimal
klopfte sah der Mann auf und zwei dunkelgrüne Augen blickten ihn
an. „Passwort?", verlangte der Mann mit einer tiefen, weichen
Stimme.
"Spinnenbein.", murmelte Harry, während er wie
gebannt auf den Mann starrte. Irgendetwas war komisch an ihm…
"Ah,
du wirst erwartet.", murmelte das Bild und vor Harrys Augen
verschwand dieses nach und nach und gab den Blick auf einen schweren,
schwarzen Vorhang frei. Verdattert stand der Jugendliche davor, bis
wieder die Stimme des Portraits ertönte, obwohl dieses nicht
mehr zu sehen war. „Nun geh schön. Du wirst erwartet."
Harry
tat, wie ihm geheißen, schob den Vorhang zur Seite und trat in
den Raum dahinter. Dieser wirkte verlassen, kahl, als wenn niemand
dort leben würde.
Das spärliche Mobiliar schien schon
älter zu sein und es fehlte an Dekorationen, durch die eine
Wohnung sonst an den dort Lebenden angepasst wurde.
"Professor?",
rief der Schwarzhaarige in den Raum hinein, während er hinter
sich das Geräusch des sich wieder schließenden Bildes
hörte.
"Hier hinten. Komm herein."
Verwirrt blickte
Harry sich um. Woher kam die Stimme? In diesem Raum gab es nur eine
Tür, an der gegenüberliegenden Seite und von da kam kein
Geräusch herüber.
"Verzeih, Harry. Ich hatte es
vergessen…", vernahm er dann plötzlich links neben sich und
drehte sich zur Seite.
Dort in der Wand war ein zweiter Vorhang
erschienen und Lucard stand in der Wandöffnung. „Hier entlang,
Harry. Der Vorraum hier ist nur des Scheins wegen, auch wenn nie ein
anderer Professor meine Gemächer betreten hat." Lucard winkte
den Jugendlichen zu sich heran und gemeinsam schritten sie durch den
kurzen Durchgang, der in die eigentlichen Räume des Professors
führte.
Als er ihn betreten hatte, stockte er und kam zum
Stehen.
Kerzen erhellten den fensterlosen Raum, dessen Wände
mit Regalen vollgestellt waren, die bis oben hin mit Büchern
bestückt waren. In der Mitte des Raumes prangte ein großer
sogenannter „Circulus Maledictus" - ein „verfluchter Kreis",
ein spezieller, mit Runen bestückter Kreis, der aus Blut
erstellt werden musste und für Dämonenrituale verwendet
wurde.
Abgesehen davon gab es nur einen kleinen Schreibtisch mit
einem scheinbar bequemen Sesselstuhl in dem Raum, der noch zwei
weitere Ausgänge hatte, beide ebenfalls von einem schweren,
schwarzen Vorhang versperrt.
Was Harry aber besonders stocken ließ
und in ihm ein etwas komisches Gefühl auslöste, war die
einzigste freie Wandfläche, die es im Raum gab. An diesem
Flecken, wo kein Regal oder Kerzenhalter montiert war, war eine große
Flagge aufgehängt worden. Sie war schwarz und auf ihr prangten
die in rot gezeichneten Umrissen einer Spinne, umrahmt von silbernen
Rosen. Auf der Kommode direkt unter der Flagge war fast so etwas wie
eine Art Schrein errichtet worden: Zwei schwarze Kerzen standen links
und rechts neben einer silbernen Schale.
Während Lucard das
Zimmer mit den Worten „Warte kurz hier" wieder durch einen der
anderen Vorhänge verließ, ging Harry einige Schritte auf
den komischen Aufbau hinzu. Dabei achtete er darauf, nicht das
Kreisinnere zu betreten und stand bald schon vor dem eigenwilligen
Aufbau.
Die Silberschale war auf ein schwarzes,
silbernbesticktes Tuch gebettet und eine rötlich-schwarze
Flüssigkeit füllte sie zur Hälfte.
Wo war er hier
bloß gelandet? Auf was hatte er sich da ein gelassen? Lucard
praktizierte nicht nur schwarze Magie, er war ein wahrer schwarzer
Zauberer; ein Zauberer, der Macht suchte und die dunkelste aller
Magiearten anwandte.
Und er befand sich direkt in der Wohnung
dieses Menschen. Nein, er würde sogar gleich mit ihm in einen
magischen Wald voller gefährlicher Wesen gehen, um dort ein ihm
unbekanntes Ritual durchzuführen!
Plötzlich erschien ihm
das Ganze nicht mehr so toll, wie es noch vor wenigen Augenblicken
gewesen war.
"So, ich wäre soweit- Harry?" Die Stimme
des Professor ließ ihn leicht zusammen zucken und er schüttelte
ein wenig seinen Kopf. Lucard würde ihm nichts tun, sagte er
sich selbst. Und es war gut, wenn er Ritualmagie anwenden konnte. Das
hier war eine einmalige Gelegenheit!
"Es ist nichts, Professor.
Ich… habe mich nur etwas hierüber gewundert."
Ein
komischer Ausdruck trat in die blau-violetten Augen des Mannes.
„Natürlich, du erkennst das Banner nicht, nicht wahr? Ah, komm
her, Harry. Wir wollen meine Freunde ja nicht warten lassen. Keine
Sorge, ich werde dir unterwegs alles erklären."
Gemeinsam
verließen sie die Gemächer des Professors wieder und
dieser wandte sich an das Portrait.
"Bitte lasst niemanden
herein, Lord Arach. Niemanden." Der Mann in dem Bild schmunzelte
die beiden Männer vor ihm an. „Keine Sorge, Professor Lucard.
Noch kennt der Schulleiter keinen Weg, um mich zum Öffnen zu
zwingen."
Lucard nickte dankend und zog Harry mit sich.
"Dieser
Mann war eine große Persönlichkeit.", murmelte der
Schwarzmagier, während er einen Illusionszauber über sie
beide legte, „Du solltest dich vielleicht einmal mit ihm
unterhalten."
"Wer war er?", fragte Harry, der nicht wusste,
wie er sich fühlen sollte. Lucard hatte einen Arm um ihn
geschlungen, wahrscheinlich um ihn in der Nähe und im
Wirkungsbereich des Zaubers zu halten. Trotzdem war es ein etwas
mulmiges Gefühl.
"Lord Arach Slytherin war ein großer
Dunkler Lord, vor vielen Jahrzehnten. In einigen Bereichen der Magie
sind seine Entdeckungen und Erfindungen noch heute unerreicht."
Das
war ein Slytherin gewesen? Aber, sollte die Slytherin-Reihe nicht
längst ausgestorben sein, abgesehen von Voldemort? Und selbst
Voldemort hieß nicht mehr Slytherin, sondern Marvolo
Riddle.
Sein fragender Blick musste vom Professor bemerkt worden
sein, denn dieser schmunzelte.
"Lord Arach war der letzte
Slytherin mit diesem Namen. Sein Bruder, Mortes Slytherin, hinterließ
mehrere unlegitime Kinder, die natürlich nicht mehr den
ehrwürdigen Slytherin Namen trugen."
"Wie viele dieser
Nachfahren gibt es heute noch?", fragte Harry weiter. Warum sagte
jeder, die Slytherinline wäre ausgestorben, wenn dieser eine
Slytherin doch so viele Kinder hatte?
"Keinen. Alle von Mortes
gezeugten Slytherins kamen spätestens in der zweiten Generation
um."
"Aber… Voldemort soll doch ein Nachfahre Slytherins
sein?" Harry war verwirrt. War Voldemort denn nun jetzt ein
Nachfahre des Gründers oder nicht?
Lucard lachte leise,
während er sie durch einen Geheimgang abseits der großen
Tore nach draußen brachte.
"Mortes Nachfahren sind alle
tot. Den Gerüchten zufolge zeugte Lord Arach genau ein Kind mit
seinem Liebhaber, einem halb-menschlichem Zwitter namens Gregorius
Marvolo. Der jetzige dunkle Lord soll der Nachfahre dieses Kindes
sein."
Das erklärte einiges. Warum Voldemort zum
Beispiel diese ganzen schwarzmagischen Veränderungen überlebte…
wenn er von vornherein etwas nicht-menschliches Blut hatte, standen
seine Chance viel größer, die Verwandlungen zu
überleben.
Und der Mann in dem Bild hatte tatsächlich
etwas wie Voldemorts jüngeres ich ausgesehen. Die gleichen Augen
und Haare hatte er zumindest.
Lucard führte sie in einer
geraden Linie auf den verbotenen Wald zu und dann hinein. Er schien
genau zu wissen, wohin es ging.
"Du brauchst dir keine Sorgen
wegen meinen Freunden machen, ich habe ihnen bereits geschrieben,
dass ich meinen Lehrling mitbringen werde. Und dass dieser nicht
allzu viel praktische Übung hat."
Nervös nickte Harry
und Lucard fuhr fort.
"Du wirst das Banner, welches auch in
meinen Räumen hängt, gleich noch öfters sehen. Mach
dir deswegen keine Gedanken. Ich erkläre dir später, was es
damit auf sich hat. Für die heutige Nacht ist das nicht
wichtig."
Sie durchquerten eine Stelle mit besonders dichtem
Buschwerk und gelangten dann in einen Teil des Waldes, in dem die
Bäume nicht ganz so dicht beieinander standen, dafür aber
viel Unterholz vorhanden war. Zielstrebig steuerte Lucard sie
weiterhin durch den Wald. Harry bekam das Gefühl, dass der
Professor nicht zum ersten Mal diese Strecke lief.
"Wir werden
ein Beschwörungsritual durchführen, um einen bestimmten
Teufel herbeizurufen. Heute ist… eine besondere Nacht. Du hast
Glück, die Feierlichkeiten sind zufällig hierher verlegt
worden. Sonst hättest du nicht daran teilhaben können."
Der
Grünäugige wurde immer nervöser, doch ohne, dass sein
Professor etwas davon bemerkte.
Ein Teufel? Er würde
einer Teufelsbeschwörung beiwohnen? Was für eine Art von
Teufel war gemeint?
"Was… was für ein Teufel?"
Aus
der Kehle Lucards drang ein tiefes, raues Lachen. „Dritter Rang.
Ein sehr altes, mächtiges Wesen. Ich weis, du hattest noch nie
ein Erlebnis dieser Art und… bist wahrscheinlich noch von etwas
anderer Einstellung als meine Freunde und ich. Aber solange du
höflich bist, wird nichts geschehen."
Lucard erzählte
Harry noch einige andere Dinge, über das augenscheinlich
anstehende ‚Fest' und wie lange er alles vorbereitet hatte, da er
diesmal die Hauptbeschwörung leiten würde. Doch sein
Schüler hörte ihm bereits nicht mehr zu.
Dritter
Rang. Ein Teufel dritten Ranges. Eine solche Beschwörung würde
die Opferung eines lebendigen Wesens erfordern - eines Wesens von
bestimmter Macht oder Intelligenz. Also würde entweder ein
magisches Wesen oder ein Mensch geopfert werden.
Wo war Harry hier
nur herein geraten!
Bald schon verlangsamten sie ihre Schritte und traten schließlich auf eine Lichtung. Vor ihnen war bereits ein großer Beschwörungskreis errichtet worden und mehrere schwarz-rot vermummten Gestalten tummelten sich auf dem Waldboden. An einer Seite der Lichtung waren einige mit schwarz-roten Tüchern bedeckte Tische aufgestellt und auch Sitzgelegenheiten mit den gleichen Farben gab es hier. Schnell wurde Harry klar, dass es mit diesen Farben etwas besonderes auf sich hatte.
Und auch die Roben seines Professors wirkten nicht mehr so eigenartig. Zuvor hatte er das Aussehen des Mannes seinen Eigenarten zugeschrieben… die schwarz-rote, offene Robe war reichlich silbern verziert und wirkte fast etwas altmodisch. Das Hemd darunter war mit silbernen Runen geschmückt. Jetzt wo Harry einige dieser Runen und Verzierungen auf den Roben der anderen Gestalten erkannte wurde ihm klar, dass es sich hier um etwas spezielles für diese Gruppe handeln musste.
Dann sah er an einer Ecke der Lichtung das, was er nicht hatte sehen wollen. Geknebelt und an einen Baum gefesselt, schauten ein Mann und eine Frau mit ängstlichen Augen auf die Versammlung. Von ihrer Kleidung her hielt Harry sie für Muggel, obwohl er sich da auch täuschen konnte. Konnte er wirklich zusehen, wie diese zwei Menschen geopfert wurden?
Lucard
löste den Illusionszauber und die Vermummten verharrten. Dann
warfen sie ihre Kapuzen zurück und grüßten die
Neuankömmlinge.
13 Personen zählte Harry insgesamt und
blickte stumm zu, wie sie seinen Professor begrüßten. Es
waren sowohl Frauen als auch Männer, doch niemand war ihm
bekannt.
Nachdem der Ritualmagier begrüßt worden war,
wandte man sich ihm zu.
"Das ist also Euer Lehrling,
Vadal?", wollte eine Frau mit weißlich-blondem Haar
wissen.
"Ja, Harry ist sein Name. Er ist vielversprechend, wenn
auch noch etwas unerprobt."
"Einen interessanten
Kleidungsgeschmack hat er ja.", kommentierte ein Mann und deutete
auf Harrys schwarze Hemd, das verkündete: Don't piss me off.
I'm running out of places to hide the
bodies.
Plötzlich fühlte der Jugendliche sich
irgendwie inadäquat, doch schob er dieses Gefühl aus seinen
Gedanken. Höflich grüßte er die anderen Anwesenden
und bemerkte nun auch, dass auf jeder Robe das gleiche Zeichen war,
dass er auch schon auf dem Banner in Lucards Wohnung gesehen
hatte.
Nach einigen Minuten, in denen sich die Zauberer und Hexen ausgetauscht hatten, nahmen sie ihre Plätze um den Beschwörungskreis herum ein. Lucard selbst stellte sich auf die Rune des Ritualführers, der mit seiner Energie den größten Teil übernehmen würde und die Frau mit dem weiß-blondem Haar holte die Opfer. Durch Zauber wurden sie am Boden verankert und dazu gezwungen zu knien. Dann begann Lucard mit einem langen Beschwörungssatz auf Latein. Nach und nach stimmten die anderen mit ein und schon bald stoben kleine magische Fünkchen durch die Luft, die vor Energie zu knistern anfing.
Harry stand etwas
abseits des Kreises und zog seine schwarze Robe etwas enger um sich.
Ein Gefühl der Kälte beschlich ihn, während er in die
angsterfüllten Gesichter der beiden Muggel in der Mitte des
Kreises schaute. Er verstand große teile des Lateins und
wusste, dass diese beiden Menschen bald schon als Geschenk für
ein mächtiges, magisches Wesen sterben würden.
Sollte er
hier einfach nur stehen und zuschauen? Sollte er nicht versuchen,
diese Leute zu retten?
Aber er verspürte kein großes Rettungsgefühl, wie es früher vielleicht der Fall gewesen wäre. Es verband ihn ja eigentlich nichts mit diesen beiden Personen. Er kannte sie nicht einmal. Vielleicht war es ja sogar besser, dass sie starben. Sie konnten kriminell, gefährlich oder todkrank sein und würden eh in zwei Monaten ihr Leben aushauchen.
Das Gemurmel der Beschwörer nahm an und
Lucard begann mit dem Zeichnen der magischen Runen, die frisch
gemacht werden mussten. Mit seinem Zauberstab malte er sie
nacheinander in die Luft und schickte sie an die Stellen des Kreises,
die für sie bestimmt waren. Harry erkannte einige. Feuer.
Schutz. Zerstörung. Geschenk. Gewalt.
Hier wurde ein wirklich
mächtiges Wesen gerufen.
Das weibliche Opfer sah Harry bittend an. Sie hatte verstanden, dass er nicht zu diesen Männern gehörte und wollte befreit werden. Das war verständlich, schließlich musste ihr bewusst sein, in was für einer Gefahr sie schwebte.
Konnte Harry das hier überhaupt mit seinen Idealen und Zielen als grauer Lord vereinbaren? Wollte er nicht Gleichheit für alle? War es nicht einfach falsch, das Leben dieser beiden Menschen zu opfern, um einen Teufel zu rufen?
Aber manchmal waren Opfer nötig, wisperte es in
Harrys Innerem. Ein Teil von ihm wollte sehen, was geschehen würde,
sobald das Opfer vollbracht worden war. Ein Teil von ihm wollte den
Teufel sehen - ihn beschwören.
Und mit jedem Wort aus den
Kehlen der Beschwörer wurde dieser kleine Teil von ihm lauter
und der andere leiser.
Als Lucard endlich in das Innere des
Kreises trat und einen langen, silbernen Opferdolch zog, war der
besorgte Teil Harrys vorläufig besiegt. Erwartungsvoll sah er
zu, wie der Schwarzmagier zu den Opfern trat und die anderen
Verstummten.
"Abigor (1), Herzog des Krieges, schenke uns
Gehör und akzeptiere dieses Geschenk unseres guten
Willens."
Noch während er sprach, hatte Lucard den Kopf der
Frau hochgezogen. Jetzt durchschnitt er ihre Kehle mit dem silbernen
Dolch. Das Blut quoll hervor und schien fast zu sprudeln. Es benetzte
die Erde vor der Frau, ihre Kleidung breitete sich in einer Lache
aus. Der Mann neben ihr schrie selbst durch das Knebel auf und
starrte panisch auf den zuckenden und sich noch windenden
Frauenkörper neben ihm.
Dann trat Lucard auch an ihn heran
und schnitt ihm ebenfalls die Kehle auf. Sein Blut vermischte sich
mit dem der Frau und benetzte auch die Roben des Beschwörers,
der durch die entstandene rote Pfütze hinweg wieder auf seinen
Platz marschierte. Seine Züge waren seltsam entspannt und ruhig,
so als wenn er gerade gemütlich Tee getrunken hätte und
nicht den Tod zweier Menschen zu verantworten habe.
Harry indessen fühlte sich fast wie in Trance. Es war nicht der erste Mensch, den er hatte sterben sehen… da war Cedric gewesen… aber diesmal war es anders. Er fühlte kein Mitleid für die beiden Menschen, nicht in diesem Augenblick. Er fühlte… Vorfreude.
Der Boden im inneren Kreis, wo das Blut sich
verbreitet hatte, begann zu glühen. Unbewusst trat Harry einige
Schritte näher an den Kreis heran, bis er fast neben Lucard
stand. Sein Professor bemerkte ihn und zog ihn mit der noch blutigen
Hand an den Rand des Kreises.
"Gleich ist es soweit, mein
Lehrling." Die Stimme des Mannes war heiser und hier, am Rand des
Kreises, war es fast unerträglich heiß. Die blutbefleckte
Hand des Zauberers hinterließ dunkle Flecken auf Harrys Robe,
obwohl diese schwarz war und der Körper des Mannes drückte
sich gegen ihn, als Lucard ihn von hinten lose umarmte.
Im
Kreis vor ihnen schien das Blut zu brodeln und zu verglühen, bis
der Boden schließlich eine orangefarbene Farbe annahm und ein
Wesen aus ihm empor zu wachsen schien. Zuerst ein menschlich
anmutender Kopf mit leuchtenden orangefarbenen Augen und ein
muskelbepackter, menschlicher Männerkörper in schwarzroter
Rüstung. In der rechten Hand des augenscheinlichen Mannes lag
ein Szepter, in der linken eine Lanze. Kleine Tropfen des Blutes
rannen noch an ihm herab.
"Ihr habt mich gerufen, Sterbliche,
und ich habe euren Ruf erhört."
Die Stimme des Wesens war
nicht laut, doch trotzdem fuhren einige der Beschwörer zusammen.
Harry zuckte nur leicht und wurde von seinem Professor ruhig
gehalten.
Die Augen des Teufels wanderten die Umherstehenden
entlang und langsam wuchsen aus seinem Rücken zwei lederartige,
rötliche Flügel. Die Rüstung teilte sich und bot Platz
für die rapide an Größe zunehmenden Schwingen, die
schließlich von dem Wesen zusammen gefaltet wurden. Dann
lächelte er.
"Von allen Beschwörungen war dies die
weitaus beste, muss ich sagen. Sehr süßes Blut." Die
leuchtenden Augen sahen Harry an. „Wen haben wir denn hier?"
Der
Dämon kam auf sie zu und als er die Grenzen des -eigentlich -
gesicherten Kreises übertrat, wollte Harry aufschreien, doch
Lucard stoppte ihn.
"Das ist mein neuer Lehrling, Herzog.
Ich hoffe auf Großes."
Ein Schubsen brachte ihn direkt vor
den Dämon und Harry schluckte. Warum nur hatte er das hier für
eine gute Idee gehalten!
Die Augen des Wesens bohrten sich in
seine und ein Grinsen stahl sich auf die Züge Abigors. „Eine
sehr gute Wahl, Vadal. Eine sehr gute Wahl. Er stammt von großen
Persönlichkeiten ab." Eine Hand mit schwarzem Panzerhandschuh
wurde nach ihm ausgestreckt und berührte seine Schulter.
Hitze
durchströmte ihn und belebte gleichzeitig irgendwie seinen
Körper. Es war, als wenn ein Teil des Dämons kurz durch ihn
strömte.
"Ich denke, dein Lehrling hat ein kleines Geschenk
verdient.", verkündete der Dämon dann plötzlich und
schien auch die anderen Zauberer und Hexen zu
überraschen.
"Herzog…?", fragte Lucard zögerlich,
verstummte jedoch wieder.
Dann verschwamm Harrys Wahrnehmung. Eine wohlige Hitze durchströmte ihn und schien die Müdigkeit und Angespanntheit in seinem Körper einfach wegzuwaschen. Plötzlich fühlte er sich leicht und ohne irgendeine Sorge. Seine vorherigen Gewissensbisse wegen der Opfer war verschwunden. Die Lichtung um ihn herum wurde schwammig, unwichtig. Sein Zeitgefühl verließ ihn.
Auch später würde er sich nie
genau daran erinnern, was danach passiert war. Er wusste, dass die
Beschwörer dort gefeiert hatten, bis in den frühen Morgen
hinein, und dass Lucard ihn mit nach Hogwarts zurück genommen
hatten. Ebenso erinnerte er sich daran, auf dem Schoß des
Dämons, Abigor, gesessen zu haben, während dieser sich mit
den Zauberern unterhielt. Doch was gesagt wurde? Was er gesagt hatte?
Was um ihn herum geschehen war? Was er vielleicht getan hatte? Er
konnte es nie mit Bestimmtheit sagen. Er wusste bloß eins: Die
ganze Nacht lang hatte er sich wunderbar gefühlt. Ohne Sorgen
und Probleme, ohne Schmerzen oder körperliches Unwohlsein.
Wie
er es in sein Bett im Kerker geschafft hatte, wusste er nicht mehr
ganz. Lucard hatte ihn bis zum Gemeinschaftsraum gebracht und von da
an… musste er den Weg wohl alleine gefunden
haben.
Glücklicherweise war er wohl niemandem begegnet - und wenn doch hielt dieser oder diese Slytherin den Mund darüber, wofür er unendlich dankbar war. Tatsache war jedoch, dass er irgendwie auf seinem Bett eingeschlafen war, noch in den Klamotten des Vortages und mit dem besten Gefühl, dass er bis dahin je in seinem Leben gehabt hatte.
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Umso schlimmer war das Erwachen am nächsten Tag.
Körperlich ging es ihm
gut. Das Erwachen war angenehm, sanft und er spürte nicht ein
bisschen Schmerz. Vielmehr war er noch entspannt von der vorigen
nacht und hätte sich sehr wohl dabei gefühlt, noch etwas
länger so lieben bleiben zu können. Es war warm, gemütlich,
angenehm.
Ein sehr gutes Gefühl, dass er noch einige Momente
auskostete, bis die Tür zum Schlafraum aufgestoßen und
wieder verschlossen wurde.
"WAS IM NAMEN MERLINS HAST DU
IDIOT DIR DABEI GEDACHT!"
Das wütende Geschrei dröhnte
in seinen Ohren und ließ ihn aus dem Bett aufspringen und
unsanft wieder auf dem Boden aufkommen. Verschwommen sah er Dracos
wutverzerrtes Gesicht vor sich, während der Malfoy ihn wieder
auf das Bett zog. Hinter ihm stand Blaise, seinen Zauberstab noch in
der Hand und wohl gerade damit fertig, einen Stillezauber zu
sprechen.
"VERSCHWINDEST MITTEN IN DER NACHT OHNE EIN WORT
WOHIN!"
Der Blonde tigerte vor dem Bett auf und ab und schrie
seinen Freund weiter an.
"TAUCHST IRGENDWANN UM FÜNF UHR
MORGENS HIER AUF!"
Langsam aber allmählich entwickelte sich
bei Harry eine beißende Migräne und das wohlige Gefühl
verließ ihn.
"HAST BLUT AN DEINER WANGE UND DEINER ROBE
KLEBEN UND SENDEST MEHR SCHWARZMAGISCHE ENERGIEN ALS EIN BASILISK
AUS!"
Ein Pochen hatte sich hinter der Schläfe des
Schwarzhaarigen breit gemacht.
"Draco…
SEI RUHIG!" Der Schrei ließ den jungen Aristokraten
tatsächlich verstummen und Blaise ans Bett eilen.
Verwirrt
wischte Harry sich mit einer Hand durch die Augen und runzelte seine
Stirn, als eine Art… Kruste… sich von seiner Wange löste.
Entgeistert starrte er auf das tatsächlich getrocknete Blut und
kratzte den Rest von sich ab.
Dann kamen die Erinnerungen…
oder fast Erinnerungen an die vergangene Nacht.
Was hatte er
getan?
Und was war mit ihm geschehen?
"Wie… wie spät
ist es?", wollte er von seinen Freunden wissen.
"Vier Uhr
nachmittags… wir haben den Professoren gesagt, du seiest krank.",
erklärte Blaise.
"Kannst von Glück sagen, dass wir
Professor Snape davon überzeugt haben, dass du nur eine einfache
Erkältung hast und weder zu ihm noch zu Pomfrey musst. Du bist
für heute und morgen vom Unterricht befreit.", fügte
Draco griesgrämig hinzu.
"Und damit eins klar ist: vorher
verlässt du diesen Raum auf keinen Fall! Du sendest immer noch
mehr schwarzmagische Energien als mein Vater aus… wenn Blaise und
ich nicht einige Schirmzauber auf den Raum angewandt hätten,
dann wäre Professor Snape schon längst hier drin!"
Harry
schluckte. Er wollte nicht, dass Severus ihn so sah…
"Wann…
war ich wieder hier?" Er war immer noch etwas verwirrt, auch wenn
er sich jetzt wieder dunkel an das Geschehen in der Nacht erinnerte…
Abigor…
"Heute morgen. Um fünf. Fünf!", rief Draco
wieder. „Wir hatten einen Alarmzauber festgelegt, der losgehen
sollte, sobald du wieder hier warst. Und was sehen wir, als wir wach
werden? Unseren besten Freund, Blut am ganzen Körper, nicht
ansprechbar, mit einem Blick als wenn er Snapes gesamten Trankvorrat
geschluckt hätte, der einfach nur ins Bett plumpst!"
Mit
überkreuzten Armen setzte sich Draco vor Harry ins Bett.
"Wo
warst du und was hast du letzte Nacht gemacht!"
Blaise setzte
sich ebenfalls auf das dritte Bett im Raum und sah den
Schwarzhaarigen erwartungsvoll an.
Dieser schluckte. Nie im Leben
würde er den beiden jetzt etwas vorlügen können…
"Ich
war bei Professor Lucard."
"Wie bitte!" Dracos Augen hatten
sich geweitet und Blaises Hand verkrampfte sich im Bettbezug.
"Er
hatte mir angeboten, einem Beschwörungsritual von ihm und seinen
Freunden beizuwohnen. Draußen im Wald."
"Harry… du
warst mit einem bekannten, gefährlichen Magier im verbotenen
Wald und hast an einer Beschwörung teilgenommen!" Dracos
Stimme hatte an Lautstärke verloren, der Blonde sah nur noch
entsetzt und kraftlos aus. Blaise für seinen Teil blieb stumm
und erschien fast schon etwas vor Schock paralysiert.
"Draco…
ich war die ganze Zeit sicher. Außerdem habe ich nicht
teilgenommen, nur… zugeschaut. Beigewohnt…"
"Woher kommt
das Blut?", durchschnitt auf einmal Blaises Stimme den Raum.
"Also…
es ist nicht meins…" Was sollte Harry darauf antworten? Wie
sollte er ihnen das erklären?
"Es gab Opfergaben, nicht
wahr?", hakte Blaise weiter nach und Harry nickte.
"Ein
Dämon. Ein Teufel. Lucard hat… einen Dämon beschworen.
Sein Name… Abigor. Sein Name war Abigor."
Die Slytherins
erstarrten. „Harry…", hauchte Draco dann, „hast du überhaupt
eine Ahnung, in was für einer Gefahr du gestern warst? Mit
Dämonen ist nicht zu spaßen! Dieses Wesen hätte dich
umbringen können!"
Der Schwarzhaarige schüttelte
seinen Kopf. Er wusste nicht wieso, doch er war sich absolut sicher,
dass Abigor ihn niemals getötet hätte. „Nein. Ich war
sicher. Das weiß ich."
"Harry… versprich uns bitte,
dass du nie, niemals wieder so eine Dummheit begehst."
Eröffnete
seinen Mund. Er wollte es versprechen. Die gestrige Nach war
vielleicht nicht schlecht gewesen, aber weit entfernt von perfekt.
Sein Gewissen machte ihm zu schaffen. Beim Gedanken an die verlorenen
Stunden, in denen er nicht wusste, was er getan hatte, wurde ihm fast
schlecht.
Aber die Worte wollten nicht heraus kommen.
"Das
kann ich nicht.", gab er dann kleinlaut von sich und senkte seinen
Blick.
Er konnte es nicht. Er wusste jetzt schon, dass er in
seiner nächsten freien Stunde in der Bibliothek sitzen würde,
um heraus zu finden, was für ein Dämon Abigor war.
Und
dass er Lucard begleiten würde, falls dieser noch einmal den
Dämon beschwören ging.
Er war nicht in der Lage, seinen Freunden ins Auge zu sehen.
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(1)
Abigor, auch
bekannt als Abigar, Eligos oder Eligor:
Ein hochgestellter
Kriegsdämon der christlichen Dämonologie.
Der Legende
nach reitet er auf einem geflügelten Ungetier, das einem Pferd
ähnelt und erscheint als Soldat mit Lanze, Zepter und Fähnchen
oder auch mit einer Schlange.
Er wird oft als Höllen-Herzog
bezeichnet, da er über 60 Legionen herrscht. Er gilt nicht
unbegründet als der Kriegsdämon. Die Mythologie
sagt, er führte seine Legionen, dank seines großen Wissens
über den Krieg und seiner Fähigkeit die Zukunft
vorauszusehen, schon erfolgreich durch viele Kriege. Er gibt anderen
auch oft Ratschläge in der Kriegsführung, sofern er
erfolgreich beschworen wird.
