Heaven & Hell Teil 2 Kapitel 11: Schlechter Einfluss

A/N:
Das Kap hier kann unter Umständen etwas „anders" als der Rest der FF aussehen – erstens, weil hier einige explizite blutige Szenen vorkommen und zweitens weil ich hier einen kleinen ‚Einschub' gemacht habe, der vielleicht so aussieht, als würde er nicht ganz zur FF passen. Seid versichert, wenn ich euch sage, dass dieses Kapitel hier herein gehört und der FF keine neue Richtung angibt. In erster Linie geht es hier um Einfluss auf Harry, siehe Titel.
WARNUNG!
Das Kapitel hier rechtfertigt teilweise die Alterseinstufung. Blut und Mordtaten tauchen auf. Ihr seid gewarnt.

"Men never do evil so completely and cheerfully as when they do it from a religious conviction."
"Menschen tun niemals etwas Böses so rigoros und fröhlich, als wenn sie es aus einer religiösen Überzeugung heraus tun."

- Blaise Pascal (1623 - 1662; Physiker & Philosoph)

---------------------------

Der Dienstag schien wie im Fluge und gleichzeitig doch zu langsam zu vergehen. Harry war ungewohnt angespannt und hatte seine liebe Mühe, Draco und Blaises fragende Blicke abzuwehren.
Natürlich bemerkte er irgendwie schon, dass seine Nervosität damit zu tun hatte, dass er am morgigen Abend ein schwarzes Ritual durchführen würde - doch schien er nichts dagegen machen zu können. Stattdessen bemühte er sich, sich nichts von diesem „Nachtausflug" anmerken zu lassen. Ihm war es egal, worauf sie seine Anspannung zurückführten, aber von dieser kleinen Exkursion durften sie nichts erfahren. Sie würden ihm die Hölle heiß machen

Am Mittwochmorgen dann schien die ganze Nervosität wie weggeblasen, nicht-existent. Die Schulstunden gingen wie gewöhnlich an ihm vorbei, mit der gewohnten Langeweile oder dem gewohnten Interesse, je nachdem, welches Fach er hatte.
Nur die letzten Stunden waren anders. Harry betrat als einer der letzten den Klassenraum für Ritualzauber und setzte sich in die vorderste Reihe zu einigen Ravenclaws. Ihr Professor, wie immer schon anwesend und ruhig an seinem Tisch sitzend, schaute erst von seinem Buch auf, als der letzte Schüler den Raum betreten hatte und die schwere Tür hinter ihm mit einem lauten Knall zugeschlagen war.
Diese Prozedur versetzte keinen der Gryffindors oder Ravenclaws mehr in Aufruhr, da der Professor seit der zweiten Stunde an ihr festhielt.

Zwei blau-violette Augen wanderten durch das Klassenzimmer und musterten kurz jeden einzelnen Schüler. Als sie in der ersten Reihe ankam erlaubte der Professor sich ein kurzes Lächeln für Harry, was von dessen Mitschülern nicht weiter beachtet wurde. Er war sowieso der ‚Liebling' ihres Lehrers.
"Die für euch guten Nachrichten zuerst - unsere letzte Stunde fällt heute aus." Enthusiastisches Gemurmel begrüßte Lucards Worte. Selbst die Ravenclaws hatten lieber ab und an einen freien Nachmittag, den sie für ihre Hobbies nutzen konnten. Harry zog nur eine Augenbraue hoch, was der Professor mit einem stillen Lächeln quittierte.
"Außerdem…" Schnell wurde es wieder still im Klassenzimmer. „… darf ich euch noch eine zweite gute Nachricht überbringen. Genaue Informationen werden heute Abend in allen Gemeinschaftsräumen aushängen. Schulleiter Dumbledore hat beschlossen, im Rahmen eines ‚Verständigungsprogramms', welches den Zusammenhalt zwischen euch Schülern stärken soll, eine einwöchige Exkursion für die Siebt-, Sechst-, und Fünftklässler anzusetzen."

Die erste Reaktion auf diese Meldung war Stille, dann brach plötzlich das Gerede und Getuschel los. Nur Harry runzelte seine Stirn und überkreuzte seine Arme.
Exkursion? Wohin? Und was würden sie da tun? Und fuhr jeder Jahrgang zusammen oder alle einzeln!

Ein plötzliches Zischen war zu hören und die Schüler stellten ihr Gerede ein, um ihr Augenmerk auf die Quelle des Geräusches zu richten.
Hinter ihrem Professor glühte auf einmal ein großer, mit Runen und anderen Zeichen bestückter Kreis dunkellila an der Wand. Als der Kreis Funken zu sprühen schien und das unwirkliche Geschrei irgendeines Wesens durch den Raum hallte, zuckten die meisten Schüler zusammen. Dann war der Kreis plötzlich wieder verschwunden.

"Habe ich jetzt wieder eure Aufmerksamkeit?", murmelte Lucard in die entstandene Stille hinein. Schweigend starrten die Jugendlichen ihn an. „Gut. Wie gesagt, genaue Informationen werdet ihr in euren Gemeinschaftsräumen finden. Allerdings wird jeder Jahrgang einzeln fahren, zu einem jeweils anderen Ziel. Jede Exkursion wird unter einer bestimmten Thematik stehen und im Laufe der Woche werdet ihr eine gewisse Anzahl von Aufgaben erledigen müssen. Da einige Lehrer in dieser Zeit weg sein werden, werden die jüngeren Jahrgänge eine Projektwoche haben, während der sie in kleinen Gruppen an einem freien Projekt ihrer Wahl arbeiten dürfen, das jedoch mit einem ihrer Unterrichtsfächer zu tun haben muss."

Lucard gab seinem Kurs Zeit, um das eben Gehörte aufzunehmen und stand auf. Während Harry noch darüber nachdachte, wie er in dieser Zeit alle seine verschiedenen Pflichten erfüllen konnte, fuhr der Professor mit seinem Zauberstab die Wand entlang, an der vorhin noch der Kreis gewesen war und schien die Verzauberung wieder zu löschen. Noch mit seinem Rücken zu den Schülern fuhr er dann fort:
"Ich kann euch jedoch schon sagen, dass diese Exkursion erst in frühestens einem Monat stattfinden wird und ich einer der begleitenden Lehrer für euren Jahrgang sein werde." Lächelnd drehte er sich wieder der Klasse zu und nahm wieder an seinem Tisch platz. „Über den Ausflugsort und die euch erwartenden Aufgaben kann ich jedoch noch nichts sagen."

Und ein drittes Mal murmelten die Schüler unter sich - diesmal jedoch wesentlich leiser als vorher. Nur Harry war in seinem Sitz erstarrt. Denn Lucard hatte ihn und nur ihn angeschaut, während er den letzten Satz gesagt hatte. Und da sein Blick auch jetzt nicht von Harry wich, bekam der Schwarzhaarige das schleichende Gefühl, dass der Professor nicht zufällig seinen Jahrgang begleitete.

Der Rest der Stunde verlief normal, abgesehen davon, dass Lucard zum Ende des Unterrichts hin Harry einen kleinen Zettel zusteckte.
Harry,
Ich bin sehr froh, dass du die Einladung annimmst. Meine privaten Gemächer befinden sich im ersten Stock des Westturmes, hinter dem Bild von Arach dem Verrückten. Klopfe um 11 Uhr zweimal an und spreche das Passwort ‚Spinnenbein', um Einlass zu bekommen. Von dort aus werden wir in den Wald gehen.
Lucard

So diskret wie es ging sandte Harry seinem Professor ein Nicken und verließ den Klassenraum.

Der Nachmittag im Slytherin Gemeinschaftsraum war hektisch. Alles versammelte sich um den großen, hölzernen Anschlag, an dem die wichtigen Nachrichten immer verbreitet wurden und versuchte, alles über diese Exkursionen zu erfahren. Gleichzeitig. Was entstand, war pures Chaos.

Zusammen mit Draco hatte Harry es sich auf einer der Couchen gemütlich gemacht und betrachtete das Treiben amüsiert. Der Blonde zu seiner Linken war damit beschäftigt, einen Brief an seine Eltern zu schreiben und murmelte hin und wieder ein einzelnes Wort vor sich her.
Blaise hatte sich ins Getümmel geschmissen, um herauszufinden, was dort alles über die Ausflüge geschrieben stand und somit Draco und Harry das Durchkämpfen durch die Menge erspart. „Was glaubst du, was bezweckt Dumbledore damit?" Spekulativ sah Harry seinen Freund an.
Dieser brummte etwas Unverständliches, während er weiterschrieb.
Harry rollte mit den Augen. „Ja, ja, du bist beschäftigt. Sei lieber froh, dass ich Vincent und Greg mit Blaise mitgeschickt habe, sonst könntest du erst in etlichen Stunden alles haargenau deinen Eltern berichten."
Die einzige Antwort, die er bekam, war ein amüsiertes Schnauben und das Geräusch eines auf Pergament kratzenden Federkiels. Seufzend lehnte Harry sich weiter zurück an die Couchlehne und schloss seine Augen.

Der Lärm im Gemeinschaftsraum hielt ihn davon ab, sich vollkommen gemütlich zu fühlen und schon kurze Zeit später öffnete er seine Augen wieder stirnrunzelnd. Musste das denn so laut sein?
"Wie viel kannst du deinen Eltern eigentlich schreiben? Schickst du ihnen eine genaue Aufzählung von allem, was du in den letzten drei Monaten gegessen hast?", brummte der Schwarzhaarige schließlich.

Draco sah ärgerlich auf. „Kannst du mit deiner schlechten Laune nicht jemand anderen nerven?"
"Ich habe keine schlechte Laune.", beteuerte der Grünäugige blinzelnd. Sein Freund rollte jedoch bloß mit den Augen und schnaubte verächtlich.
Der Schwarzhaarige achtete jedoch schon gar nicht mehr auf ihn. „He, da kommt Blaise."

Der blondhaarige Slytherin bahnte sich seinen Weg durch die letzten abseitsstehenden Schüler, Crabbe und Goyle an seiner Seite. Die beiden massigen Jugendlichen schoben etwaige Hindernisse einfach aus dem Weg und ermöglichten Blaise so ein schnelles Vorankommen. Kurz bevor sie Draco und Harry erreichten, winkte Blaise die beiden massigeren Slytherins weg und ließ sich dann neben Harrys anderer Seite nieder.
"Und?", fragte der junge Lord.

"So viel steht da noch gar nicht. Nur die Reiseziele der Jahrgänge und, dass es frühestens Ende Februar losgeht. Nicht mal zu diesen Aufgaben steht da etwas." Ein ungeduldiger Blick des Grünäugigen ließ Blaise schnell alles wiedergeben, was er gelesen hatte.
"Die Siebtklässler fahren nach Galashiels, die Sechstklässler nach Elgin und wir nach Stromness auf Orkney."
Dracos Kopf schnellte hoch. „Orkney? Sind die verrückt?"
Harry indessen war etwas verwirrt. Er wusste, dass die Orkney Inseln eine Archipelgruppe nördlich von Schottland waren und noch zu diesem Land dazugehörten, doch warum waren seine Freunde so nervös?
"Was ist so schlimm an Orkney?" Sein Unverständnis rief Entsetzen seitens der beiden anderen junge Männer hervor.
"Harry, die Orkney Inseln sind ein sehr gefährlicher Landstrich. Der größte Teil der Zaubererbevölkerung sind Auroren, deren Familien und Abenteuerlustige und die größte Beschäftigung da ist es, die Muggel von den gefährlichen Stellen weg zu halten. Es hat einen guten Grund, warum die größte Stadt dort nur knapp 8.000 Einwohner hat."
Der Schwarzhaarige verstand es immer noch nicht. „Es ist eine Archipelgruppe. Da ist nicht sehr viel Platz für mehr Leute."

Die beiden Slytherins seufzten. „Weißt du," fing Blaise dann an, „manchmal ist es echt beschissen, dass du bei Muggeln aufgewachsen bist. Ein großer Teil der Inseln ist unortbar gemacht worden, wegen der hohen Gefahr. Nicht mal die Zaubererbevölkerung hat Zutritt zu gewissen Orten da unten. Morgan le Fay wurde da unten geboren. Warum machen wir da eine Exkursion hin?"
Draco nickte und kritzelte sofort akribisch in seinem Brief weiter. „Vielleicht kann ja Vater etwas dazu sagen. Noch sitzt er im Aufsichtsrat…" Die Stimme des jungen Aristokraten verlor sich. „Vater muss bereits davon wissen." Eine kurze Pause trat ein. „Warum hat er mir davon nicht geschrieben?", wollte der Blondhaarige dann wissen und sah seine Freunde ratlos an.
Blaise zuckte mit den Schultern und Harry runzelte seine Stirn. „Sind die anderen Exkursionsziele auch so gefährlich?" Von Geographie verstand er herzlich wenig und die Namen dieser Städte sagten ihm nichts.

Blaise setzte sofort zu einer Erklärung an. „Galashiels ist eine Stadt ziemlich weit im Süden Schottlands, in den Lowlands. Es ist eine relativ ruhige Gegend und eigentlich gibt es da unten nicht viel besonderes. Ich glaube, die Stadt ist für ihre Textilien bekannt oder so etwas." Der Blonde zuckte mit den Schultern und fuhr fort. „Elgin liegt ein gutes Stück nord-östlich von Loch Ness. Da wird Whiskey hergestellt, aber sonst ist die Stadt auch nichts besonderes. In der Küstengegend nicht weit von der Stadt liegt jedoch die Zaubererstadt Summit, ich denke, dahin soll die Exkursion eigentlich gehen. Die Stadt ist bekannt für ihre alchimistischen Labore und Trankhersteller."
"Warum schreiben sie dann nicht einfach, dass die Exkursion nach Summit geht?", wollte Harry wissen, bekam jedoch auf seine Frage keine Antwort.

Draco hatte seinen Brief schnell beendet und rollte das Pergament zusammen. „Ich geh den Brief abschicken. Kommt einer mit?" Blaise stand auf, doch Harry winkte ab. „Ich geh hoch ins Zimmer…"
Seine Freunde nickten und verabschiedeten sich.

Hart nachdenkend ließ sich Harry kurze Zeit später auf sein Bett nieder und starrte an die Kerkerdecke. Warum war ihr Ziel so gefährlich und das der anderen so unscheinbar? Gab es dafür einen besonderen Grund oder lag es einfach daran, dass es in Stromness irgendetwas ganz Tolles gab, das sie sich unbedingt anschauen sollten?
Seufzend rieb er sich die Schläfe. Welche anderen Lehrer würden eigentlich mitkommen? Sie waren nicht gerade wenige Fünftklässler, zwei waren da mindestens von Nöten. Lucard und…? Vielleicht Severus? Harry ertappte sich dabei, wie er sich wünschte, dass Severus sie begleiten würde und zwang sein Denken gleich in eine andere Richtung. Wie zum Beispiel sollte er aus dem Kerker verschwinden, ohne Draco und Blaise misstrauisch zu machen? Um elf schliefen sie oftmals noch nicht und sie würden nach ihm suchen, sollte er nicht in seinem Bett liegen, wenn sie schlafen gingen. Im Moment schien ein Illusionszauber der einzige Ausweg zu sein…

HRHRHRHRHRHR

Wenige Stunden später saß Harry grübelnd im Slytheringemeinschaftsraum. Die jüngeren Schüler waren bereits in ihren Betten und einige der älteren saßen noch im Raum verteilt auf dem Boden oder den Möbeln. Draco, Pansy, Dominik und Theodore spielten ein Kartenspiel und Blaise war in einem Buch vertieft.
Es war halb elf und Harry würde bald los müssen, wenn er rechtzeitig an Lucards Tür sein wollte.
Die Couch senkte sich, als Millicents etwas schwerer Körper neben ihm landete. Ein kleiner Keramikteller mit aufwendig verzierter Schokoladentorte wurde ihm unter die Nase gehalten. Mit fragendem Blick sah Harry dem Mädchen ins Gesicht. „Du siehst aus, als wenn du es nötig hättest. Von deinem Stirnrunzeln her könnte man denken, du wolltest das Wiesel allein durch Gedankenkraft töten."
Trocken grinsend nahm Harry die angebotene Torte entgegen. „Danke, Millicent." Die rundliche Slytherin sorgte öfters dafür, dass eine kleine Menge Naschwerk und Kuchen im Gemeinschaftsraum war. Die meisten anderen Slytherins liebten sie praktisch dafür und versuchten, sie nicht wütend zu machen. Erstaunlicherweise mochten die Hauselfen sie und konnten ziemlich nervig werden, wenn jemand ihrer lieben „Miss Milly" böse kam.

Weiter vor sich hin brütend aß Harry die Torte und kam seinem Ziel doch keinen Schritt näher. Blaise und Draco würden die meisten einfachen Illusionszauber einfach durchschauen und paranoid genug, um auch nach den stärkeren zu forschen, waren sie. Es würde ihn nicht wundern, wenn sie allabendlich, nachdem er fest und sicher schlief, einen Gesundheits-Checkzauber auf ihn anwanden und nachprüften, ob er auch wirklich im Bett lag und schlief.

Eigentlich sollte er derjenige mit Paranoia sein, bei seinen Freunden war das fast gerechtfertigt.

"Warum schaust du jetzt so mies drein?", fragte Millicent erneut, während sie den anderen vier Fünftklässlern am Tisch vor ihnen beim Kartenspiel zusah.
Harry lächelte leicht. „Nichts, ich…"
Ein Gedanke durchzuckte ihn. Warum sollte er den anderen nicht einfach sagen, dass er diese Nacht fort wollte? Sie mussten ja nicht Zwingenderweise erfahren, wohin er ging.
Schnell verputzte er den letzten Rest des Tortenstücks und stand dann auf. „Draco, ich muss noch mal weg."
Der Blonde war dabei, abwesend zu nicken, als der Satz bei ihm registrierte. Sein Kopf schnellte hoch. „Stopp mal. Was ist los?" Auch die anderen unterbrachen ihr Spiel.

"Ich muss noch einmal weg. Es wird später werden, erwarte mich also nicht früh zurück." Die blaugrauen Augen des Blonden sahen ihn perplex an. Blaise hingegen stand auf. „In Ordnung, wohin geht's und wann sind wir ungefähr wieder da?"
Abwehrend hob Harry die Hände. „Ich gehe, Blaise. Allein, okay?" Sofort protestierten seine beiden blonden Freunde. „Da gibt es keine Diskussion. Ich bin ja nur für ein paar Stunden unterwegs und nicht drei Tage."
"Du solltest jetzt überhaupt nicht auf eine Nacht und Nebel Aktion gehen.", beschwerte Draco sich, „Was hast du überhaupt vor?"
Leicht genervt sah Harry den Malfoy an. „Draco, vertrau mir einfach wenn ich sage, dass ich mich nicht irgendwie in unnötige Gefahr begebe, in Ordnung? Ich werde jetzt gehen und später wiederkommen - und falls irgendwer mir folgt werde ich sehr ungehalten werden, verstanden?" Seine Stimme war hart geworden und ein eisiger Hauch lag in ihr. Fast unbewusst senkten die um ihn herum stehenden Slytherins ihre Schultern und nahmen eine unterwürfige Körperhaltung ein. Selbst Draco gab klein bei und überkreuzte seine Arme. „Wenn du morgen früh auf der Krankenstation liegst, dann erwarte kein Mitleid von mir.", brummte der junge Aristokrat und wandte sich wieder seinem Kartenspiel zu.

Auch Blaise setzte sich wieder, aber Harry konnte die Blicke des Slytherin kontinuierlich auf seinem Rücken spüren und dieses Gefühl endete erst, als sich die Tür zum Gemeinschaftsraum hinter ihm schloss.

Ruhigen Schrittes machte er sich auf zum Westturm und Lucards Räumen.
Wohin genau würden sie gehen? Wer waren die Freunde des Professors? Und was für ein Ritual würden sie durchführen? Äußerlich war Harry ruhig, doch innerlich brodelte er vor Aufregung. In seinen Fingern juckte es ihn jetzt schon, als wenn sein Körper sich freudig darauf vorbereitete, die schwarze Magie zu benutzen.
Er konnte es nicht mehr erwarten.

Um Punkt elf Uhr stand er vor dem Portrait von „Arach dem Verrückten". Im Bild zu sehen war ein schwarzhaariger, schwarz gekleideter Mann, der über ein schweres Buch gebeugt an einem Schreibtisch saß, umgeben von Spinnen und Schlangen, die durch das Bild krabbelten.
Als Harry zweimal klopfte sah der Mann auf und zwei dunkelgrüne Augen blickten ihn an. „Passwort?", verlangte der Mann mit einer tiefen, weichen Stimme.
"Spinnenbein.", murmelte Harry, während er wie gebannt auf den Mann starrte. Irgendetwas war komisch an ihm…
"Ah, du wirst erwartet.", murmelte das Bild und vor Harrys Augen verschwand dieses nach und nach und gab den Blick auf einen schweren, schwarzen Vorhang frei. Verdattert stand der Jugendliche davor, bis wieder die Stimme des Portraits ertönte, obwohl dieses nicht mehr zu sehen war. „Nun geh schön. Du wirst erwartet."

Harry tat, wie ihm geheißen, schob den Vorhang zur Seite und trat in den Raum dahinter. Dieser wirkte verlassen, kahl, als wenn niemand dort leben würde.
Das spärliche Mobiliar schien schon älter zu sein und es fehlte an Dekorationen, durch die eine Wohnung sonst an den dort Lebenden angepasst wurde.
"Professor?", rief der Schwarzhaarige in den Raum hinein, während er hinter sich das Geräusch des sich wieder schließenden Bildes hörte.
"Hier hinten. Komm herein."
Verwirrt blickte Harry sich um. Woher kam die Stimme? In diesem Raum gab es nur eine Tür, an der gegenüberliegenden Seite und von da kam kein Geräusch herüber.
"Verzeih, Harry. Ich hatte es vergessen…", vernahm er dann plötzlich links neben sich und drehte sich zur Seite.
Dort in der Wand war ein zweiter Vorhang erschienen und Lucard stand in der Wandöffnung. „Hier entlang, Harry. Der Vorraum hier ist nur des Scheins wegen, auch wenn nie ein anderer Professor meine Gemächer betreten hat." Lucard winkte den Jugendlichen zu sich heran und gemeinsam schritten sie durch den kurzen Durchgang, der in die eigentlichen Räume des Professors führte.

Als er ihn betreten hatte, stockte er und kam zum Stehen.
Kerzen erhellten den fensterlosen Raum, dessen Wände mit Regalen vollgestellt waren, die bis oben hin mit Büchern bestückt waren. In der Mitte des Raumes prangte ein großer sogenannter „Circulus Maledictus" - ein „verfluchter Kreis", ein spezieller, mit Runen bestückter Kreis, der aus Blut erstellt werden musste und für Dämonenrituale verwendet wurde.
Abgesehen davon gab es nur einen kleinen Schreibtisch mit einem scheinbar bequemen Sesselstuhl in dem Raum, der noch zwei weitere Ausgänge hatte, beide ebenfalls von einem schweren, schwarzen Vorhang versperrt.
Was Harry aber besonders stocken ließ und in ihm ein etwas komisches Gefühl auslöste, war die einzigste freie Wandfläche, die es im Raum gab. An diesem Flecken, wo kein Regal oder Kerzenhalter montiert war, war eine große Flagge aufgehängt worden. Sie war schwarz und auf ihr prangten die in rot gezeichneten Umrissen einer Spinne, umrahmt von silbernen Rosen. Auf der Kommode direkt unter der Flagge war fast so etwas wie eine Art Schrein errichtet worden: Zwei schwarze Kerzen standen links und rechts neben einer silbernen Schale.
Während Lucard das Zimmer mit den Worten „Warte kurz hier" wieder durch einen der anderen Vorhänge verließ, ging Harry einige Schritte auf den komischen Aufbau hinzu. Dabei achtete er darauf, nicht das Kreisinnere zu betreten und stand bald schon vor dem eigenwilligen Aufbau.

Die Silberschale war auf ein schwarzes, silbernbesticktes Tuch gebettet und eine rötlich-schwarze Flüssigkeit füllte sie zur Hälfte.
Wo war er hier bloß gelandet? Auf was hatte er sich da ein gelassen? Lucard praktizierte nicht nur schwarze Magie, er war ein wahrer schwarzer Zauberer; ein Zauberer, der Macht suchte und die dunkelste aller Magiearten anwandte.
Und er befand sich direkt in der Wohnung dieses Menschen. Nein, er würde sogar gleich mit ihm in einen magischen Wald voller gefährlicher Wesen gehen, um dort ein ihm unbekanntes Ritual durchzuführen!
Plötzlich erschien ihm das Ganze nicht mehr so toll, wie es noch vor wenigen Augenblicken gewesen war.

"So, ich wäre soweit- Harry?" Die Stimme des Professor ließ ihn leicht zusammen zucken und er schüttelte ein wenig seinen Kopf. Lucard würde ihm nichts tun, sagte er sich selbst. Und es war gut, wenn er Ritualmagie anwenden konnte. Das hier war eine einmalige Gelegenheit!
"Es ist nichts, Professor. Ich… habe mich nur etwas hierüber gewundert."

Ein komischer Ausdruck trat in die blau-violetten Augen des Mannes. „Natürlich, du erkennst das Banner nicht, nicht wahr? Ah, komm her, Harry. Wir wollen meine Freunde ja nicht warten lassen. Keine Sorge, ich werde dir unterwegs alles erklären."
Gemeinsam verließen sie die Gemächer des Professors wieder und dieser wandte sich an das Portrait.
"Bitte lasst niemanden herein, Lord Arach. Niemanden." Der Mann in dem Bild schmunzelte die beiden Männer vor ihm an. „Keine Sorge, Professor Lucard. Noch kennt der Schulleiter keinen Weg, um mich zum Öffnen zu zwingen."
Lucard nickte dankend und zog Harry mit sich.

"Dieser Mann war eine große Persönlichkeit.", murmelte der Schwarzmagier, während er einen Illusionszauber über sie beide legte, „Du solltest dich vielleicht einmal mit ihm unterhalten."
"Wer war er?", fragte Harry, der nicht wusste, wie er sich fühlen sollte. Lucard hatte einen Arm um ihn geschlungen, wahrscheinlich um ihn in der Nähe und im Wirkungsbereich des Zaubers zu halten. Trotzdem war es ein etwas mulmiges Gefühl.
"Lord Arach Slytherin war ein großer Dunkler Lord, vor vielen Jahrzehnten. In einigen Bereichen der Magie sind seine Entdeckungen und Erfindungen noch heute unerreicht."

Das war ein Slytherin gewesen? Aber, sollte die Slytherin-Reihe nicht längst ausgestorben sein, abgesehen von Voldemort? Und selbst Voldemort hieß nicht mehr Slytherin, sondern Marvolo Riddle.
Sein fragender Blick musste vom Professor bemerkt worden sein, denn dieser schmunzelte.
"Lord Arach war der letzte Slytherin mit diesem Namen. Sein Bruder, Mortes Slytherin, hinterließ mehrere unlegitime Kinder, die natürlich nicht mehr den ehrwürdigen Slytherin Namen trugen."
"Wie viele dieser Nachfahren gibt es heute noch?", fragte Harry weiter. Warum sagte jeder, die Slytherinline wäre ausgestorben, wenn dieser eine Slytherin doch so viele Kinder hatte?
"Keinen. Alle von Mortes gezeugten Slytherins kamen spätestens in der zweiten Generation um."
"Aber… Voldemort soll doch ein Nachfahre Slytherins sein?" Harry war verwirrt. War Voldemort denn nun jetzt ein Nachfahre des Gründers oder nicht?

Lucard lachte leise, während er sie durch einen Geheimgang abseits der großen Tore nach draußen brachte.
"Mortes Nachfahren sind alle tot. Den Gerüchten zufolge zeugte Lord Arach genau ein Kind mit seinem Liebhaber, einem halb-menschlichem Zwitter namens Gregorius Marvolo. Der jetzige dunkle Lord soll der Nachfahre dieses Kindes sein."

Das erklärte einiges. Warum Voldemort zum Beispiel diese ganzen schwarzmagischen Veränderungen überlebte… wenn er von vornherein etwas nicht-menschliches Blut hatte, standen seine Chance viel größer, die Verwandlungen zu überleben.
Und der Mann in dem Bild hatte tatsächlich etwas wie Voldemorts jüngeres ich ausgesehen. Die gleichen Augen und Haare hatte er zumindest.

Lucard führte sie in einer geraden Linie auf den verbotenen Wald zu und dann hinein. Er schien genau zu wissen, wohin es ging.
"Du brauchst dir keine Sorgen wegen meinen Freunden machen, ich habe ihnen bereits geschrieben, dass ich meinen Lehrling mitbringen werde. Und dass dieser nicht allzu viel praktische Übung hat."
Nervös nickte Harry und Lucard fuhr fort.
"Du wirst das Banner, welches auch in meinen Räumen hängt, gleich noch öfters sehen. Mach dir deswegen keine Gedanken. Ich erkläre dir später, was es damit auf sich hat. Für die heutige Nacht ist das nicht wichtig."

Sie durchquerten eine Stelle mit besonders dichtem Buschwerk und gelangten dann in einen Teil des Waldes, in dem die Bäume nicht ganz so dicht beieinander standen, dafür aber viel Unterholz vorhanden war. Zielstrebig steuerte Lucard sie weiterhin durch den Wald. Harry bekam das Gefühl, dass der Professor nicht zum ersten Mal diese Strecke lief.
"Wir werden ein Beschwörungsritual durchführen, um einen bestimmten Teufel herbeizurufen. Heute ist… eine besondere Nacht. Du hast Glück, die Feierlichkeiten sind zufällig hierher verlegt worden. Sonst hättest du nicht daran teilhaben können."
Der Grünäugige wurde immer nervöser, doch ohne, dass sein Professor etwas davon bemerkte.

Ein Teufel? Er würde einer Teufelsbeschwörung beiwohnen? Was für eine Art von Teufel war gemeint?
"Was… was für ein Teufel?"
Aus der Kehle Lucards drang ein tiefes, raues Lachen. „Dritter Rang. Ein sehr altes, mächtiges Wesen. Ich weis, du hattest noch nie ein Erlebnis dieser Art und… bist wahrscheinlich noch von etwas anderer Einstellung als meine Freunde und ich. Aber solange du höflich bist, wird nichts geschehen."
Lucard erzählte Harry noch einige andere Dinge, über das augenscheinlich anstehende ‚Fest' und wie lange er alles vorbereitet hatte, da er diesmal die Hauptbeschwörung leiten würde. Doch sein Schüler hörte ihm bereits nicht mehr zu.

Dritter Rang. Ein Teufel dritten Ranges. Eine solche Beschwörung würde die Opferung eines lebendigen Wesens erfordern - eines Wesens von bestimmter Macht oder Intelligenz. Also würde entweder ein magisches Wesen oder ein Mensch geopfert werden.
Wo war Harry hier nur herein geraten!

Bald schon verlangsamten sie ihre Schritte und traten schließlich auf eine Lichtung. Vor ihnen war bereits ein großer Beschwörungskreis errichtet worden und mehrere schwarz-rot vermummten Gestalten tummelten sich auf dem Waldboden. An einer Seite der Lichtung waren einige mit schwarz-roten Tüchern bedeckte Tische aufgestellt und auch Sitzgelegenheiten mit den gleichen Farben gab es hier. Schnell wurde Harry klar, dass es mit diesen Farben etwas besonderes auf sich hatte.

Und auch die Roben seines Professors wirkten nicht mehr so eigenartig. Zuvor hatte er das Aussehen des Mannes seinen Eigenarten zugeschrieben… die schwarz-rote, offene Robe war reichlich silbern verziert und wirkte fast etwas altmodisch. Das Hemd darunter war mit silbernen Runen geschmückt. Jetzt wo Harry einige dieser Runen und Verzierungen auf den Roben der anderen Gestalten erkannte wurde ihm klar, dass es sich hier um etwas spezielles für diese Gruppe handeln musste.

Dann sah er an einer Ecke der Lichtung das, was er nicht hatte sehen wollen. Geknebelt und an einen Baum gefesselt, schauten ein Mann und eine Frau mit ängstlichen Augen auf die Versammlung. Von ihrer Kleidung her hielt Harry sie für Muggel, obwohl er sich da auch täuschen konnte. Konnte er wirklich zusehen, wie diese zwei Menschen geopfert wurden?

Lucard löste den Illusionszauber und die Vermummten verharrten. Dann warfen sie ihre Kapuzen zurück und grüßten die Neuankömmlinge.
13 Personen zählte Harry insgesamt und blickte stumm zu, wie sie seinen Professor begrüßten. Es waren sowohl Frauen als auch Männer, doch niemand war ihm bekannt.
Nachdem der Ritualmagier begrüßt worden war, wandte man sich ihm zu.

"Das ist also Euer Lehrling, Vadal?", wollte eine Frau mit weißlich-blondem Haar wissen.
"Ja, Harry ist sein Name. Er ist vielversprechend, wenn auch noch etwas unerprobt."
"Einen interessanten Kleidungsgeschmack hat er ja.", kommentierte ein Mann und deutete auf Harrys schwarze Hemd, das verkündete: Don't piss me off. I'm running out of places to hide the bodies.
Plötzlich fühlte der Jugendliche sich irgendwie inadäquat, doch schob er dieses Gefühl aus seinen Gedanken. Höflich grüßte er die anderen Anwesenden und bemerkte nun auch, dass auf jeder Robe das gleiche Zeichen war, dass er auch schon auf dem Banner in Lucards Wohnung gesehen hatte.

Nach einigen Minuten, in denen sich die Zauberer und Hexen ausgetauscht hatten, nahmen sie ihre Plätze um den Beschwörungskreis herum ein. Lucard selbst stellte sich auf die Rune des Ritualführers, der mit seiner Energie den größten Teil übernehmen würde und die Frau mit dem weiß-blondem Haar holte die Opfer. Durch Zauber wurden sie am Boden verankert und dazu gezwungen zu knien. Dann begann Lucard mit einem langen Beschwörungssatz auf Latein. Nach und nach stimmten die anderen mit ein und schon bald stoben kleine magische Fünkchen durch die Luft, die vor Energie zu knistern anfing.

Harry stand etwas abseits des Kreises und zog seine schwarze Robe etwas enger um sich. Ein Gefühl der Kälte beschlich ihn, während er in die angsterfüllten Gesichter der beiden Muggel in der Mitte des Kreises schaute. Er verstand große teile des Lateins und wusste, dass diese beiden Menschen bald schon als Geschenk für ein mächtiges, magisches Wesen sterben würden.
Sollte er hier einfach nur stehen und zuschauen? Sollte er nicht versuchen, diese Leute zu retten?

Aber er verspürte kein großes Rettungsgefühl, wie es früher vielleicht der Fall gewesen wäre. Es verband ihn ja eigentlich nichts mit diesen beiden Personen. Er kannte sie nicht einmal. Vielleicht war es ja sogar besser, dass sie starben. Sie konnten kriminell, gefährlich oder todkrank sein und würden eh in zwei Monaten ihr Leben aushauchen.

Das Gemurmel der Beschwörer nahm an und Lucard begann mit dem Zeichnen der magischen Runen, die frisch gemacht werden mussten. Mit seinem Zauberstab malte er sie nacheinander in die Luft und schickte sie an die Stellen des Kreises, die für sie bestimmt waren. Harry erkannte einige. Feuer. Schutz. Zerstörung. Geschenk. Gewalt.
Hier wurde ein wirklich mächtiges Wesen gerufen.

Das weibliche Opfer sah Harry bittend an. Sie hatte verstanden, dass er nicht zu diesen Männern gehörte und wollte befreit werden. Das war verständlich, schließlich musste ihr bewusst sein, in was für einer Gefahr sie schwebte.

Konnte Harry das hier überhaupt mit seinen Idealen und Zielen als grauer Lord vereinbaren? Wollte er nicht Gleichheit für alle? War es nicht einfach falsch, das Leben dieser beiden Menschen zu opfern, um einen Teufel zu rufen?

Aber manchmal waren Opfer nötig, wisperte es in Harrys Innerem. Ein Teil von ihm wollte sehen, was geschehen würde, sobald das Opfer vollbracht worden war. Ein Teil von ihm wollte den Teufel sehen - ihn beschwören.
Und mit jedem Wort aus den Kehlen der Beschwörer wurde dieser kleine Teil von ihm lauter und der andere leiser.
Als Lucard endlich in das Innere des Kreises trat und einen langen, silbernen Opferdolch zog, war der besorgte Teil Harrys vorläufig besiegt. Erwartungsvoll sah er zu, wie der Schwarzmagier zu den Opfern trat und die anderen Verstummten.

"Abigor (1), Herzog des Krieges, schenke uns Gehör und akzeptiere dieses Geschenk unseres guten Willens."
Noch während er sprach, hatte Lucard den Kopf der Frau hochgezogen. Jetzt durchschnitt er ihre Kehle mit dem silbernen Dolch. Das Blut quoll hervor und schien fast zu sprudeln. Es benetzte die Erde vor der Frau, ihre Kleidung breitete sich in einer Lache aus. Der Mann neben ihr schrie selbst durch das Knebel auf und starrte panisch auf den zuckenden und sich noch windenden Frauenkörper neben ihm.
Dann trat Lucard auch an ihn heran und schnitt ihm ebenfalls die Kehle auf. Sein Blut vermischte sich mit dem der Frau und benetzte auch die Roben des Beschwörers, der durch die entstandene rote Pfütze hinweg wieder auf seinen Platz marschierte. Seine Züge waren seltsam entspannt und ruhig, so als wenn er gerade gemütlich Tee getrunken hätte und nicht den Tod zweier Menschen zu verantworten habe.

Harry indessen fühlte sich fast wie in Trance. Es war nicht der erste Mensch, den er hatte sterben sehen… da war Cedric gewesen… aber diesmal war es anders. Er fühlte kein Mitleid für die beiden Menschen, nicht in diesem Augenblick. Er fühlte… Vorfreude.

Der Boden im inneren Kreis, wo das Blut sich verbreitet hatte, begann zu glühen. Unbewusst trat Harry einige Schritte näher an den Kreis heran, bis er fast neben Lucard stand. Sein Professor bemerkte ihn und zog ihn mit der noch blutigen Hand an den Rand des Kreises.
"Gleich ist es soweit, mein Lehrling." Die Stimme des Mannes war heiser und hier, am Rand des Kreises, war es fast unerträglich heiß. Die blutbefleckte Hand des Zauberers hinterließ dunkle Flecken auf Harrys Robe, obwohl diese schwarz war und der Körper des Mannes drückte sich gegen ihn, als Lucard ihn von hinten lose umarmte.

Im Kreis vor ihnen schien das Blut zu brodeln und zu verglühen, bis der Boden schließlich eine orangefarbene Farbe annahm und ein Wesen aus ihm empor zu wachsen schien. Zuerst ein menschlich anmutender Kopf mit leuchtenden orangefarbenen Augen und ein muskelbepackter, menschlicher Männerkörper in schwarzroter Rüstung. In der rechten Hand des augenscheinlichen Mannes lag ein Szepter, in der linken eine Lanze. Kleine Tropfen des Blutes rannen noch an ihm herab.
"Ihr habt mich gerufen, Sterbliche, und ich habe euren Ruf erhört."
Die Stimme des Wesens war nicht laut, doch trotzdem fuhren einige der Beschwörer zusammen. Harry zuckte nur leicht und wurde von seinem Professor ruhig gehalten.

Die Augen des Teufels wanderten die Umherstehenden entlang und langsam wuchsen aus seinem Rücken zwei lederartige, rötliche Flügel. Die Rüstung teilte sich und bot Platz für die rapide an Größe zunehmenden Schwingen, die schließlich von dem Wesen zusammen gefaltet wurden. Dann lächelte er.
"Von allen Beschwörungen war dies die weitaus beste, muss ich sagen. Sehr süßes Blut." Die leuchtenden Augen sahen Harry an. „Wen haben wir denn hier?"
Der Dämon kam auf sie zu und als er die Grenzen des -eigentlich - gesicherten Kreises übertrat, wollte Harry aufschreien, doch Lucard stoppte ihn.

"Das ist mein neuer Lehrling, Herzog. Ich hoffe auf Großes."
Ein Schubsen brachte ihn direkt vor den Dämon und Harry schluckte. Warum nur hatte er das hier für eine gute Idee gehalten!

Die Augen des Wesens bohrten sich in seine und ein Grinsen stahl sich auf die Züge Abigors. „Eine sehr gute Wahl, Vadal. Eine sehr gute Wahl. Er stammt von großen Persönlichkeiten ab." Eine Hand mit schwarzem Panzerhandschuh wurde nach ihm ausgestreckt und berührte seine Schulter.
Hitze durchströmte ihn und belebte gleichzeitig irgendwie seinen Körper. Es war, als wenn ein Teil des Dämons kurz durch ihn strömte.
"Ich denke, dein Lehrling hat ein kleines Geschenk verdient.", verkündete der Dämon dann plötzlich und schien auch die anderen Zauberer und Hexen zu überraschen.
"Herzog…?", fragte Lucard zögerlich, verstummte jedoch wieder.

Dann verschwamm Harrys Wahrnehmung. Eine wohlige Hitze durchströmte ihn und schien die Müdigkeit und Angespanntheit in seinem Körper einfach wegzuwaschen. Plötzlich fühlte er sich leicht und ohne irgendeine Sorge. Seine vorherigen Gewissensbisse wegen der Opfer war verschwunden. Die Lichtung um ihn herum wurde schwammig, unwichtig. Sein Zeitgefühl verließ ihn.

Auch später würde er sich nie genau daran erinnern, was danach passiert war. Er wusste, dass die Beschwörer dort gefeiert hatten, bis in den frühen Morgen hinein, und dass Lucard ihn mit nach Hogwarts zurück genommen hatten. Ebenso erinnerte er sich daran, auf dem Schoß des Dämons, Abigor, gesessen zu haben, während dieser sich mit den Zauberern unterhielt. Doch was gesagt wurde? Was er gesagt hatte? Was um ihn herum geschehen war? Was er vielleicht getan hatte? Er konnte es nie mit Bestimmtheit sagen. Er wusste bloß eins: Die ganze Nacht lang hatte er sich wunderbar gefühlt. Ohne Sorgen und Probleme, ohne Schmerzen oder körperliches Unwohlsein.
Wie er es in sein Bett im Kerker geschafft hatte, wusste er nicht mehr ganz. Lucard hatte ihn bis zum Gemeinschaftsraum gebracht und von da an… musste er den Weg wohl alleine gefunden haben.

Glücklicherweise war er wohl niemandem begegnet - und wenn doch hielt dieser oder diese Slytherin den Mund darüber, wofür er unendlich dankbar war. Tatsache war jedoch, dass er irgendwie auf seinem Bett eingeschlafen war, noch in den Klamotten des Vortages und mit dem besten Gefühl, dass er bis dahin je in seinem Leben gehabt hatte.

----------------------

Umso schlimmer war das Erwachen am nächsten Tag.

Körperlich ging es ihm gut. Das Erwachen war angenehm, sanft und er spürte nicht ein bisschen Schmerz. Vielmehr war er noch entspannt von der vorigen nacht und hätte sich sehr wohl dabei gefühlt, noch etwas länger so lieben bleiben zu können. Es war warm, gemütlich, angenehm.
Ein sehr gutes Gefühl, dass er noch einige Momente auskostete, bis die Tür zum Schlafraum aufgestoßen und wieder verschlossen wurde.

"WAS IM NAMEN MERLINS HAST DU IDIOT DIR DABEI GEDACHT!"
Das wütende Geschrei dröhnte in seinen Ohren und ließ ihn aus dem Bett aufspringen und unsanft wieder auf dem Boden aufkommen. Verschwommen sah er Dracos wutverzerrtes Gesicht vor sich, während der Malfoy ihn wieder auf das Bett zog. Hinter ihm stand Blaise, seinen Zauberstab noch in der Hand und wohl gerade damit fertig, einen Stillezauber zu sprechen.

"VERSCHWINDEST MITTEN IN DER NACHT OHNE EIN WORT WOHIN!"
Der Blonde tigerte vor dem Bett auf und ab und schrie seinen Freund weiter an.
"TAUCHST IRGENDWANN UM FÜNF UHR MORGENS HIER AUF!"
Langsam aber allmählich entwickelte sich bei Harry eine beißende Migräne und das wohlige Gefühl verließ ihn.
"HAST BLUT AN DEINER WANGE UND DEINER ROBE KLEBEN UND SENDEST MEHR SCHWARZMAGISCHE ENERGIEN ALS EIN BASILISK AUS!"
Ein Pochen hatte sich hinter der Schläfe des Schwarzhaarigen breit gemacht.

"Draco… SEI RUHIG!" Der Schrei ließ den jungen Aristokraten tatsächlich verstummen und Blaise ans Bett eilen.
Verwirrt wischte Harry sich mit einer Hand durch die Augen und runzelte seine Stirn, als eine Art… Kruste… sich von seiner Wange löste. Entgeistert starrte er auf das tatsächlich getrocknete Blut und kratzte den Rest von sich ab.

Dann kamen die Erinnerungen… oder fast Erinnerungen an die vergangene Nacht.
Was hatte er getan?
Und was war mit ihm geschehen?

"Wie… wie spät ist es?", wollte er von seinen Freunden wissen.
"Vier Uhr nachmittags… wir haben den Professoren gesagt, du seiest krank.", erklärte Blaise.
"Kannst von Glück sagen, dass wir Professor Snape davon überzeugt haben, dass du nur eine einfache Erkältung hast und weder zu ihm noch zu Pomfrey musst. Du bist für heute und morgen vom Unterricht befreit.", fügte Draco griesgrämig hinzu.
"Und damit eins klar ist: vorher verlässt du diesen Raum auf keinen Fall! Du sendest immer noch mehr schwarzmagische Energien als mein Vater aus… wenn Blaise und ich nicht einige Schirmzauber auf den Raum angewandt hätten, dann wäre Professor Snape schon längst hier drin!"

Harry schluckte. Er wollte nicht, dass Severus ihn so sah…
"Wann… war ich wieder hier?" Er war immer noch etwas verwirrt, auch wenn er sich jetzt wieder dunkel an das Geschehen in der Nacht erinnerte… Abigor…
"Heute morgen. Um fünf. Fünf!", rief Draco wieder. „Wir hatten einen Alarmzauber festgelegt, der losgehen sollte, sobald du wieder hier warst. Und was sehen wir, als wir wach werden? Unseren besten Freund, Blut am ganzen Körper, nicht ansprechbar, mit einem Blick als wenn er Snapes gesamten Trankvorrat geschluckt hätte, der einfach nur ins Bett plumpst!"
Mit überkreuzten Armen setzte sich Draco vor Harry ins Bett.

"Wo warst du und was hast du letzte Nacht gemacht!"
Blaise setzte sich ebenfalls auf das dritte Bett im Raum und sah den Schwarzhaarigen erwartungsvoll an.
Dieser schluckte. Nie im Leben würde er den beiden jetzt etwas vorlügen können…

"Ich war bei Professor Lucard."
"Wie bitte!" Dracos Augen hatten sich geweitet und Blaises Hand verkrampfte sich im Bettbezug.
"Er hatte mir angeboten, einem Beschwörungsritual von ihm und seinen Freunden beizuwohnen. Draußen im Wald."
"Harry… du warst mit einem bekannten, gefährlichen Magier im verbotenen Wald und hast an einer Beschwörung teilgenommen!" Dracos Stimme hatte an Lautstärke verloren, der Blonde sah nur noch entsetzt und kraftlos aus. Blaise für seinen Teil blieb stumm und erschien fast schon etwas vor Schock paralysiert.

"Draco… ich war die ganze Zeit sicher. Außerdem habe ich nicht teilgenommen, nur… zugeschaut. Beigewohnt…"
"Woher kommt das Blut?", durchschnitt auf einmal Blaises Stimme den Raum.
"Also… es ist nicht meins…" Was sollte Harry darauf antworten? Wie sollte er ihnen das erklären?
"Es gab Opfergaben, nicht wahr?", hakte Blaise weiter nach und Harry nickte.

"Ein Dämon. Ein Teufel. Lucard hat… einen Dämon beschworen. Sein Name… Abigor. Sein Name war Abigor."
Die Slytherins erstarrten. „Harry…", hauchte Draco dann, „hast du überhaupt eine Ahnung, in was für einer Gefahr du gestern warst? Mit Dämonen ist nicht zu spaßen! Dieses Wesen hätte dich umbringen können!"
Der Schwarzhaarige schüttelte seinen Kopf. Er wusste nicht wieso, doch er war sich absolut sicher, dass Abigor ihn niemals getötet hätte. „Nein. Ich war sicher. Das weiß ich."
"Harry… versprich uns bitte, dass du nie, niemals wieder so eine Dummheit begehst."

Eröffnete seinen Mund. Er wollte es versprechen. Die gestrige Nach war vielleicht nicht schlecht gewesen, aber weit entfernt von perfekt. Sein Gewissen machte ihm zu schaffen. Beim Gedanken an die verlorenen Stunden, in denen er nicht wusste, was er getan hatte, wurde ihm fast schlecht.
Aber die Worte wollten nicht heraus kommen.
"Das kann ich nicht.", gab er dann kleinlaut von sich und senkte seinen Blick.

Er konnte es nicht. Er wusste jetzt schon, dass er in seiner nächsten freien Stunde in der Bibliothek sitzen würde, um heraus zu finden, was für ein Dämon Abigor war.
Und dass er Lucard begleiten würde, falls dieser noch einmal den Dämon beschwören ging.

Er war nicht in der Lage, seinen Freunden ins Auge zu sehen.

----------------------------

(1)
Abigor, auch bekannt als Abigar, Eligos oder Eligor:
Ein hochgestellter Kriegsdämon der christlichen Dämonologie.
Der Legende nach reitet er auf einem geflügelten Ungetier, das einem Pferd ähnelt und erscheint als Soldat mit Lanze, Zepter und Fähnchen oder auch mit einer Schlange.
Er wird oft als Höllen-Herzog bezeichnet, da er über 60 Legionen herrscht. Er gilt nicht unbegründet als der Kriegsdämon. Die Mythologie sagt, er führte seine Legionen, dank seines großen Wissens über den Krieg und seiner Fähigkeit die Zukunft vorauszusehen, schon erfolgreich durch viele Kriege. Er gibt anderen auch oft Ratschläge in der Kriegsführung, sofern er erfolgreich beschworen wird.