„Wie geht's jetzt weiter?", murmelte Lincoln träge, während seine Finger durch seidenschwarzes Haar strichen.
„Mmh… Ich will in den Süden" Michael rieb seine Wange an Lincolns. „Ich will jeden Tag heiß Duschen ohne Zeitlimit." Warme Hände fuhren unter Lincolns Hemd und zeichneten langsam kleine Kreise. „Ich will im Ozean schwimmen und danach in der Sonne trocknen." Sein Kopf fiel nach vorn und er vergrub das Gesicht im groben, grauen Soff des T-Shirtärmels. „Und ich will ordentliches Essen."
Lincoln lächelte und drückte seinem Bruder einen Kuss auf die Schläfe. Das war Michaels Art und Weise zu sagen, dass Fox River für ihn die Hölle gewesen war. Lincoln seufzte. Sein kleiner Bruder war für ihn durch die Hölle gegangen. Für ihn. Eine Sekunde lang schloss er die Augen, hielt den Atem an, um das Beben in seiner Brust nicht nach Außen dringen zu lassen. Seine Hand streichelte sanft Michaels Nacken.
„Sollst du alles haben. Ich versprech's dir. Was willst du noch, Mikey?"
„Saubere Klamotten. Könntest du auch gebrauchen. Du stinkst."
„Danke", schnaubte Lincoln, ein Teil von ihm dankbar, die sentimentale Stimmung abschütteln zu können.
„Es wäre außerdem nett, wenn ich bald von diesen arschkalten Fliesen loskäme."
Lethargie wich Bestürzung. Schnell zog Lincoln Michael von der Wand weg und schloss ihn in seine Arme. Rubbelte den eiskalten Rücken mit seinen großen Händen. „Tut mir leid. Tut mir leid." Michael schmiegte sich mit geschlossenen Augen an ihn und brummte nur. Sein Gesicht war entspannt, zeigte einen beinahe seligen Ausdruck.
Noch ein Kuss auf die Schläfe, ein weiterer auf Michaels Ohr. Dann fiel Lincolns Blick auf die Wunde an der Schulter, die er während der letzten Minuten vollkommen vergessen hatte. Sie war noch immer hellrot und glänzend. Oh Gott, sie sah furchtbar aus. Er wagte einen Blick an die Kacheln und sein Magen zog sich zusammen. Auch da war verschmiertes Blut zu sehen. Verdammt, wozu hatte er überhaupt ein Gehirn, wenn er es nicht nutzte!
„Shit! Michael, deine Schulter. Ich… es tut mir leid, ich hätte nicht so rau sein dürfen."
„Halt die Klappe, Linc, is' halb so wild", nuschelte Michael in Lincolns verschwitztes Shirt hinein.
„Herrgott, ich war viel zu grob. Warum hast du nichts gesagt? Das hätte nicht --"
„Linc." Michael löste sich energisch.
„Es tut mir so leid, Mike. Ich hätte besser aufpassen müssen! Ich…"
„Linc! Jetzt hör schon auf mit den Schuldgefühlen." Michael zwinkerte. „Ausflippen ist mein Job, weißt du nicht mehr?" Lincoln verdrehte die Augen, wollte schon sagen, dass ihm dieses Heldentum manchmal gehörig auf den Sack ging, aber Michael küsste ihn sanft auf den Mund. „Es ist okay", sagte er. „Es war genau so, wie ich es wollte."
„Aber…"
„Shhht. Nichts aber. Ich hab' dich wieder, nur das zählt. Wir werden jetzt dieses Loch hier verlassen, drücken das Pedal durch und suchen uns heute Abend irgendetwas, wo es heißes Wasser gibt. Und ja", fügte er hinzu, weil er schon wieder ein Aber in Lincolns Blick sah, „unterwegs besorgen wir Verbandszeug oder so was."
Eine volle Minute lang sagte keiner von beiden ein Wort. Lincoln blickte seinem Bruder in die Augen, und zum ersten Mal seit langem spürte er so etwas wie Optimismus. Er sah in die Zukunft, nicht auf die Vergangenheit.
„Wir haben's geschafft, Mike, nicht wahr? Wir sind wirklich frei."
Mit einem leisen Lächeln antwortete Michael: „Nein, noch nicht ganz. Aber bald."
Ende
