12Michi12: Ich muss ja mal sagen, dass dein Bis Morgen´ unter den Reviews mich ganz schön auf Trab hält. Und bei diesem Kapitel hab ich es ja auch nicht geschafft, wie du festgestellt hast. Aber nachdem ich mich ja jetzt entschlossen habe, auch noch meine andere Geschichte zuende zu führen, ist bei mir ein wenig der Stress ausgebrochen. Du glaubst gar nicht, wie oft ich hier aus Versehen Harry statt James getippt habe und bei der anderen Geschichte umgekehrt. Ich hoffe nur, ich hab es immer bemerkt und geändert. :-)

an alle: Hier noch einmal die kleine HP7-Spoilerwarnung. Wie gesagt, meiner Meinung nach, verrät er nichts, was für die Geschichte auch nur Ansatzweise wichtig wäre!

Disclaimer: Nichts von dieser Geschichte gehört mir, außer einigen unbedeutenden Nebencharakteren. Alle Rechte bei J.K.Rowling.

Die Chronik der Rumtreiber

Band I

Das Schwert Gryffindors

Kapitel 5

Aufbruch in ein neues Leben.

Mit ungläubigem Staunen im Gesicht saß James Potter da und wusste nicht, ob er seinen Augen trauen sollte. Hier bot sich ihm ein Bild, wie er es noch niemals zuvor im Leben gesehen hatte. Er war in einer Zaubererfamilie aufgewachsen, und auch wenn seine Eltern alles andere als hochmütig waren, so hatte er doch stets gedacht, den Muggeln weit überlegen zu sein. Denn die mussten schließlich ohne jegliche Magie im Leben auskommen. Doch was er hier sah, ließ sein Weltbild ins Schwanken geraten.

Heute morgen waren sie alle mit Flohpulver von Anwesen der Potters zum tropfenden Kessel gereist. Von hier aus ging die Fahrt weiter mit einem Wagen, den Mr Potter über das Ministerium besorgt hatte, und der James, seine Eltern, seinen Großvater und einen kleinen Berg Gepäck zum Bahnhof Kings Cross bringen sollte. Dies war die unauffälligste Art und Weise, dort zu erscheinen, denn schließlich war der Bahnhof ein von Muggeln bevölkerter Ort. Und so kam es, dass James zum ersten Mal in seinem Leben, durch die breiten Straßen der englischen Hauptstadt fuhr. Die Fahrt dauerte nicht besonders lange, vielleicht zwanzig Minuten, doch James hatte bislang nur Ortschaften gesehen, die man in dieser Zeit bequem zu Fuß durchqueren konnte. Godrics Hollow, der Ort, der dem Potteranwesen am nächsten lag, bestand nur aus wenig mehr als hundert Häusern und obwohl auch Muggelfamilien dort lebten, gab es nicht einmal Ampeln an der Hauptstraße. Manchmal, wenn sich hoch oben in der Luft ein langer dünner Wolkenfaden abzeichnete, hatte ihm sein Vater erklärt, dass dieser von Maschinen herrührte, mit denen die Muggel fliegen konnten. Aber gesehen hatte er noch keine von diesen Maschinen. Als er seinen Besen geschenkt bekommen hatte, hatte er verkündet, dass er jetzt zu den Maschinen hochfliegen würde, um sie sich anzusehen. Sein Vater hatte gelacht, und ihm gesagt, dass kein Besen jemals so hoch fliegen könnte.

Was James jetzt zu sehen bekam, war nicht weit entfernt in den Lüften, sondern ganz nah. Nur von ihm getrennt durch die dünne Glasscheibe des Wagenfensters. Hunderte von Autos und Bussen, und überall war Licht. Zwar war es Vormittag, noch dazu an einem Tag im Spätsommer, doch das schien die Muggel nicht zu stören. Überall blinkte und leuchtete es. Und das Licht war viel heller als das von Fackeln oder Öllichtern. James hatte in seinem Leben noch nicht viele elektrische Lampen gesehen. Wenn er nicht wüsste, was echte Magie war, er würde sagen, dass diese Lampen wie Zauberei waren.

James blieb die ganze Fahrt über stumm und staunte. Und nur ein Gedanke mischte sich langsam in dieses Staunen. Ob dies wohl das gleiche Gefühl war wie das, das die Muggelgeborenen empfanden, wenn sie Ort wie die Winkelgasse oder Hogwarts betraten? Für einen Menschen, der unter Muggeln aufgewachsen war, musste die magische Welt etwas großartiges und unbeschreibliches sein. Aber vielleicht war es auch andres herum. Vielleicht war auch die Welt der Muggel für einen magischen Menschen ein Ort voller Wunder und Überraschungen.

Als der Wagen schließlich den großen Bahnhof von Kings Cross erreichte, steigerte sich der Trubel und das Gedränge der Menschen noch. James fragte sich, warum die Zaubererschaft einen so belebten Ort ausgewählt hatte, um den Zug nach Hogwarts abfahren zu lassen. Es musste doch in London auch Bahnhöfe geben, die etwas abgelegter waren. Er wusste nicht, dass die Zauberer den Bahnhof schon genutzt hatten, als er noch nicht so ein Verkehrsknotenpunkt gewesen war. Und die Gemeinschaft der Zauberer reagierte meistens nur sehr langsam auf Veränderungen, die um sie herum passierten. Und so war der Bahnhof im Laufe der Jahrzehnte immer weiter gewachsen, doch sie hatten sich einfach nicht von der Stelle bewegt. Vielleicht war es ja auch ganz gut so, denn wo konnte man eine Halskette besser verstecken, als in einer Schmuckschatulle.

Nachdem die Potters ausgestiegen waren, half der Fahrer, der ein Angestellter des Ministerium war, noch beim Ausladen des Gepäcks. Glücklicherweise war der Kofferraum des Wagens magisch vergrößert worden, sonst hätte gar nicht alles in ihm verstaut werden können. Dann stieg der mann wieder ein, tippte sich kurz zum Abschied an die Schirmmütze und fuhr los. Schon nach wenigen Augenblicken hatte James ihn im dichten Straßenverkehr aus den Augen verloren.

Schon bald darauf befanden sich die Potters in einem breiten Strom aus Menschen, die dem Eingang von Kings Cross zustrebten. Vielen von ihnen konnte man ansehen, dass sie Hexen und Zauberer waren, die sich als Muggel gekleidet hatten, um nicht aufzufallen. Den meisten war es mehr schlecht als recht gelungen und zogen deshalb nur umso mehr verwunderte Blicke der Umstehenden auf sich. Als sie die Bahnhofshalle betraten, wurde das Gedränge noch schlimmer. Zwar waren jetzt, um halb elf, nur wenige Berufspendler unterwegs, aber für James, der große Menschenansammlungen nicht gewohnt war, hatte es den Anschein, als ob sich ganz London in dieser Halle versammelt hatte. Und sie alle gingen ihrer eigenen Tätigkeit nach. Manche standen einfach nur herum und warteten, doch die meisten waren in Bewegung. Entweder gingen sie zu den Bahnsteigen, oder aber sie kamen von dort.

Von irgendwoher hatte Mr Potter einen Gepäckwagen organisiert, sodass sie James´ Koffer nicht länger tragen mussten. James bestand darauf, den Wagen selbst zu schieben und so folgte er seinen Eltern mit dem sperrigen und nur schwer zu lenkenden Gefährt in Richtung der Gleise. Sein Großvater bildete die Nachhut. James fragte sich, wo der Zug der Zauberer wohl stehen mochte. Es musste den Muggeln doch auffallen, wenn da ein Zug war, um den sich hunderte mehr oder weniger merkwürdig gekleideter Gestalten versammelt hatten. Die Winkelgasse zu verstecken war eine Sache, aber in der Winkelgasse gab es ja auch keine Muggel. Hier gab es jede Menge von der Sorte. James folgte seinen Eltern bis in den Bereich der Gleise. Hier zerteilte sich der Strom der Leute und zerfaserte sich in mehrere Stränge. Mr und Mrs Potter waren stehen geblieben. James trat an ihre Seite.

„Sieh genau hin." sagte Mr Potter. James wusste nicht, was sein Vater meinte und runzelte die Stirn Mrs Potter hob den Arm und deutete auf eine Stelle etwa zwanzig Meter vor ihnen. James´ Blick folgte ihr und sah – nichts. Der Punkt, auf den seine Mutter deutete war so unspektakulär, wie jeder andere. Zwischen den Gleisen neun und zehn war eine schwere eiserne Abtrennung errichtet worden. Die Leute gingen achtlos links und rechts an ihr vorbei, um zu ihren Zügen zu gelangen. James wollte gerade fragen, was das ganze denn solle, als etwas merkwürdiges geschah. Eine Frau und ein Mädchen, es war vielleicht zwei oder drei Jahre älter als er selbst, hatten einen Moment abgepasst, in dem weniger Muggel in der Nähe waren, um genau auf die Absperrung zugegangen. Und gerade, als James schon glaubte, dass sie mit ihr zusammenstoßen würden, waren sie plötzlich verschwunden. Überrascht sah er seine Mutter an. Sie blickte zurück und etwas aufmunterndes lag in ihren Augen.

„Da müssen wir hin. Gleis neun dreiviertel. Es liegt verborgen zwischen den Gleisen neun und zehn." und mit einen Zwinkern fügte sie hinzu: „Aber ein wenig näher an Gleis zehn."

Mr Potter war wieder losgegangen und der Rest der Familie folgte ihm. Jetzt, wo James darauf achtete, sah er noch mehr Leute in der Absperrung verschwinden.

„Wie soll ich das denn machen?" fragte er, doch sein Großvater, der jetzt neben ihm ging beruhigte ihn.

„Wir können gemeinsam hindurchgehen." sagt er, „Du musst gar nichts tun. Geh einfach nur mit festem Willen auf die Absperrung zu."

„Was würde passieren, wenn ein Muggel zufällig dagegen laufen würde?"

George Potter lachte, wurde aber schnell wieder ernst. „Glaubst du, ein Muggel käme in die Winkelgasse, wenn er durch Zufall einen Zauberstab in der Hand hätte und auf den richtigen Stein klopfen würde?" James musste einen Augenblick über die Frage nachdenken, dann schüttelte er den Kopf. „Sieh mal, es gibt nun mal Orte, die die Muggel nicht so leicht betreten können. Damit will ich aber nicht sagen, dass es ihnen völlig unmöglich ist. Muggel können durchaus die Winkelgasse betreten, oder auch Gleis neun dreiviertel, aber eine Hexe oder ein Zauberer müsste ihn begleiten und ihm den Weg weisen. Von sich aus würde es ihnen nicht gelingen und diese Absperrung wäre für sie genau das, nämlich eine Absperrung."

James nickte verstehend. Sie waren jetzt beinahe an der Absperrung angelangt. Sein Vater hielt ihn zurück und ließ eine Familie mit zwei kleinen quengelnden Kindern vorbei, die ganz eindeutig Muggel waren. Nachdem sie um die Ecke gebogen waren, schien die Luft rein zu sein. Mrs Potter schaute sich noch einmal schnell zu allen Seiten um, dann nickte sie James und George auffordernd zu.

„Na dann mal los, mein Junge." sagte der und setzte sich sogleich in Bewegung. James blieb neben ihm und einen knappen Meter vor der Absperrung schloss er in Erwartung des Zusammenstoßes vorsichtshalber die Augen. Doch der Aufprall kam nicht und als James die Augen wieder öffnete, bot sich ihm ein vollkommen verändertes Bild. Es kam ihm so vor, als sei er beim durchschreiten der Absperrung sowohl durch den Raum, als auch durch die Zeit gereist. Er befand sich noch immer auf einem Bahnsteig, doch schien sich dieser in einen gänzlich anderen Bahnhof zu befinden. Alles erschien ihm älter. Über sich erblickte er ein großes Abfahrtsschild mit der Aufschrift: Gleis neun dreiviertel – Hogwarts Express – Abfahrt elf Uhr. Und als er den Kopf zur Seite wandte, sah er eine riesige scharlachrote Dampflokomotive, an der eine lange Reihe kleiner Waggons hingen.

Der Bahnsteig war voller Leute, die sich von Kindern verabschiedeten und ihnen beim einsteigen behilflich waren. James war stehen geblieben, doch sein Großvater zog ihn mit sich.

„Komm mit. Es ist nicht sehr klug, hier zu stehen. Von der anderen Seite kann man dich nicht sehen und da passiert es leicht, dass jemand in dich hineinrennt." Wie um seine Worte zu bestätigen, tauchten jetzt Mr und Mrs Potter aus der gemauerten Wand auf.

Zu viert machten sie sich auf den Weg und gingen an der Lokomotive vorbei, auf die Waggons zu. Im hinteren Bereich des Zuges schien etwas weniger Betrieb zu sein und so wanderten sie der Länge nach an ihm vorbei. Hier und da bekam James einige Gesprächsfetzen mit. Im allgemeinen schienen sich alle darauf zu freuen, dass sie jetzt nach Hogwarts zurückkehrten. Als sie den letzten Waggon beinahe erreicht hatten, sah er Sirius. Er stand an einer der Türen des letzten Waggons und bei ihm war eine Frau, der James lieber nicht allein nachts auf der Straße begegnet wäre. Sie stand aufrecht und stolz und hatte sich nicht die Mühe gemacht, wie ein Muggel zu wirken. Sirius drehte den Kopf und in seinen Augen sah James Erkennen, doch mit der Hand machte er eine Geste, die man nur schwer missverstehen konnte. Später´.

Mit einem Blick auf die Uhr drängte Mr Potter zur Eile. Der Zug würde in wenigen Minuten abfahren. An der Tür zum vorletzten Waggon brachte James den Gepäckkarren zum stehen. Das Gepäck war schnell in den Zug geschoben und auch die Verabschiedung ging verhältnismäßig schnell von statten. Zwar war es das erste Mal, dass James für längere Zeit von seinen Eltern getrennt sein würde, aber als elfjähriger Junge machte man sich nicht allzu viel aus herzzerreißenden Abschiedsszenen. Vor allem dann nicht, wenn die Gefahr bestand, dass zukünftige Mitschüler das ganze mitbekamen. Und so blieb es bei Ermahnungen, sich gut zu benehmen auf der einen, und der Bitte, sich ja gut um Hector zu kümmern, auf der anderen Seite.

Weit vorne, am anderen Ende des Zuges, begann die Lokomotive, zischende Geräusche von sich zu geben und ein Zauberer in Robe und Schirmmütze rannte am gesamten Zug entlang und schloss die Türen der Waggons. Von der Lok ertönte ein gellender Pfiff, dann ging ein heftiger Ruck durch den Zug. Unendlich langsam setzte sich der lange Wurm aus Wagen in Bewegung. Eine Traube von Eltern und Verwandten blieben am Bahnsteig zurück und aus den Fenstern hingen die Schüler und winkten ihnen zu. Mr und Mrs Potter gingen noch ein paar Schritte neben der Tür, an der James noch immer stand, mit, dann nahm der Zug an Geschwindigkeit zu und sie fielen zurück. Winkend verlor James sie aus den Augen.

Als er den Kopf wandte und durch den Durchgang zum nächsten Waggon blickte, sah er in das grinsende Gesicht von Sirius. Er hob seinen schweren Truhenkoffer an und zog ihn auf den schwarzhaarigen Jungen zu. „Puh – endlich allein." Sirius fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

„Allein würde ich nicht unbedingt sagen. Der Zug ist ganz schön voll. Hoffentlich finden wie überhaupt einen Platz."

„Viele Leute hin oder her. Jedenfalls ist weit und breit kein Black. Naja – bis auf meine Cousinen Bella und Andromeda. Und mit denen hatte ich noch nie viel zu tun. Und Andromeda zählt sowieso nur als halbe Black. Du weißt schon – falsches Haus."

Weiter hinten war tatsächlich weniger los und so fanden die beiden Jungen bald darauf ein Abteil, das beinahe ganz frei war. Als James die Tür öffnete, sah er, dass auf einem der Plätze direkt am Fenster ein Mädchen saß, dass lange rote Haare hatte. An irgendetwas erinnerte ihn das Mädchen, doch sie steckte ihre Nase sofort wieder in das Buch, das sie gerade las und machte keinerlei Anstalten, sich mit ihm unterhalten zu wollen. James und Sirius versuchten ihre schweren Koffer auf die Gepäckablage zu hieven, was gar keine leichte Aufgabe war. Doch zu zweit schafften sie es schließlich und heftig schnaufend ließen sie sich in die beiden gegenüberliegenden Sitze an der Tür zum Gang fallen. Der Zug hatte den Bahnhofsbereich von Kings Cross längst hinter sich gelassen und fuhr jetzt laut ratternd durch das Stadtgebiet von London.

„Die gestrenge Dame war wohl deine Mutter." Es war mehr eine Feststellung, als eine Frage.

Sirius nickte. „Und der gestrenge Herr, der sich so standhaft geweigert hat, sie anzusehen, war wohl dein Auror."

„Hat er das getan? Ist mir gar nicht aufgefallen."

Sirius hob die Schultern. „Wenn du ein Black bist, dann gewöhnst du dich schnell daran, dass die so genannten ehrbaren Leute die ignorieren." Bei dem Wort ehrbaren´ rollte er mit den Augen.

James gefiel das Thema nicht und so schwieg er lieber. Und da Sirius das nicht zu stören schien, kam es zu einer längeren Pause. James lehnte sich behaglich in seinem Sitz zurück und dachte an Hogwarts. „Wie es wohl ist, mit so vielen Leuten zusammen unter einem Dach zu leben." fragte er nach einiger Zeit. „Wir waren zuhause eigentlich immer nur zu viert. Oh – und Dinky natürlich."

„Euer Hauself?"

James nickte.

„Hogwarts hat angeblich über hundert Hauselfen. Aber man bekommt sie nie zu sehen. Wir haben auch einen – Kreacher."

James musste kichern. „Ihr habt es aber echt mit seltsamen Namen. Kreacher ist doch kein Name für einen Hauselfen."

„Aber er passt so gut. Er ist so kriecherisch, dass man meinen könnte, er hinterließe eine Schleimspur wie die Schnecken im Gemüsegarten."

Allmählich veränderte sich die Landschaft, die am Fenster vorüberzog. Die Häuser wurden kleiner und bekamen größere Gärten. Dann wichen sie Wiesen und Feldern und schließlich kamen immer häufiger Baumgruppen zum Vorschein, die sich stellenweise gar zu kleinen Wäldchen zusammenschlossen. Sie hatten London endgültig verlassen.

„Wie lange dauert die fahrt eigentlich?" fragte James nach einer Weile. Sirius zuckte mit den Achseln. Am Anfang der Fahrt waren hin und wieder noch vereinzelt andere Schüler an der Abteiltür vorbeigekommen, aber niemand hatte sie geöffnet, um hereinzukommen. Jetzt war es still auf dem Gang.

„Ich glaube bis abends." sagte Sirius mit einiger Verspätung. Und dann, etwas zusammenhangslos. „Schaust du dir Quidditch an?"

James nickte. Und auf Sirius´ fragenden Blick antwortete er: „Die Kolibris."

„Keine schlechte Mannschaft. Ist Flitterton, der Nationalhüter nicht von denen? Ich bin ja Eagle-Fan."

„Die Edinburgh Eagles? Wie bist du denn an die geraten?"

„Ich hab da Verwandte. Ein entfernter Onkel von mir hat mal in der Mannschaft gespielt – Treiber. Also gehört es quasi dazu, wenn du ein Black bist."

„Bist du häufig bei Spielen?"

„Es geht so. Hin und wieder." Sie sprachen noch eine ganze Weile über die letzte Quidditchsaison.

„In Hogwarts wird ja angeblich auch gespielt." sagte James schließlich. „Die Häuser spielen gegeneinander. Ich werde mich auf jeden Fall für meine Hausmannschaft bewerben, aber mein Dad sagt, dass Erstklässler nie in die Mannschaften kommen."

Plötzlich zeigte sich so etwas wie trotz auf Sirius´ Gesicht. „Das werden wir ja noch sehen. Ein Versuch kostet keinen Knut. Wenn Sirius im Unterricht die gleiche Begeisterung an den Tag legte, dann würde er bestimmt ein sehr guter Schüler werden.

In diesem Moment hetzte ein kleiner dicklicher Junge an der Abteiltür vorbei. Er lief auf das Ende des Zuges zu. Vor wem er auch immer floh, und das tat er ganz augenscheinlich, in dieser Richtung würde er ziemlich bald in der Falle sitzen. In einem Zug, in dem es ja bekanntermaßen nur in zwei Richtungen ging, gab es aber auch verflucht wenig Möglichkeiten. Für einen Moment hatte es so ausgesehen, als ob der Junge das Abteil betreten wollte, doch als er sah, dass es besetzt war, hastete er weiter. Nur Augenblicke später kam ein zweiter Junge am Abteil vorbei. James konnte nur einen kurzen Blick auf ihn werfen und alles was ihm auffiel, waren seine halblangen hellblonden Haare, und dass er schon einige Jahre älter sein musste. Aber Sirius war dieser kurze Moment anscheinend ausreichend gewesen.

„Malfoy!" stieß er aus und sprang auf die Füße.

„Der erste oder der zweite?" fragte James, doch eigentlich war es ihm klar. Der Anblick des ersten Jungen hatte Sirius noch völlig kalt gelassen. Jetzt war er bereits draußen auf dem Gang. Auch James war aufgestanden und war ihm durch die Tür gefolgt. Sirius stürmte los und James hatte Probleme ihm zu folgen.

„Noch so einer vom Typ Snape?"

Sirius blieb stehen und drehte sich um. „Der? Gegen den ist Snape ein zahmes Hündchen. Mr Malfoy, der Vater von dem da, ist wohl der einzige, vor dem meine Eltern kuschen. Wenn man bei dem überhaupt von einem Menschen sprechen kann." Sirius sprach leise, damit der ältere Junge ihn nicht hörte, der am Ende des Waggons angekommen war.

Der kleine Junge mit dem weißlichen Mondgesicht stand mit dem Rücken an der Tür, die zum nächsten Waggon geführt hätte, wenn da noch einer gewesen wäre. Er stand mit ängstlichen Augen da und es hatte den Anschein, als zittere er. Wahrscheinlich aus zwei Gründen: Anstrengung und Angst. Malfoy ging mit langsamen Schritten auf ihn zu und zückte seinen Zauberstab.

„Tja, Kleiner – hier geht's wohl nicht weiter. Ich werde dich lehren, einem Slytherin-Vertrauensschüler in die quere zu kommen." Seine Stimme klang so kalt wie Eis. James ordnete ihn ein in die Kategorie Menschen, die ich nicht leiden kann´.

Jetzt trat Sirius neben Malfoy, der kurz den Kopf wandte. „Ach nee – der kleine Black. Haben sie dich auch rausgelassen?"

„Der kleine Black ist Regulus." knurrte Sirius „Was ist denn hier los?"

Malfoy warf in einer Bewegung, die wohl elegant sein sollte, die Haare zurück. „Ich amüsiere mich ein wenig mit meinem neuen Freund hier, nicht war, kleiner?" Er richtete seinen Zauberstab direkt auf den Jungen, der jetzt heftiger zitterte. Eine Antwort gab er nicht. Wahrscheinlich war er gar nicht in der Lage dazu.

„was hat er denn angestellt?" fragte James, der jetzt Sirius und den älteren Jungen erreicht hatte.

Malfoy drehte sich um und sah ihn abschätzend von oben bis unten an. „Ist der mit dir hier?" fragte er Sirius.

„Der..." James dehnte das Wort, „...ist mit ihm hier. Und der hat auch einen Namen. Außerdem steht der direkt vor dir!"

Malfoy sah in überrascht an. So war er schon lange nicht mehr angesprochen worden. In Sirius´ Gesicht erschien ein warnender Ausdruck. „Du bist anscheinend sehr mutig – oder aber sehr dumm. Aber OK. Sag mir deinen Namen, wenn du so auf ihn bestehst."

„James Potter." sagte James fest, ohne auf die stumme Warnung von Sirius zu achten.

Malfoys Augenbrauen gingen in die Höhe. Langsam drehte er sich komplett zu James herum, wobei sein Zauberstab einen Bogen beschrieb, bis er auf seinen neuen Gegenüber gerichtet war. „Also habe ich doch den Auror auf dem Bahnsteig gesehen. Du befindest dich in schlechter Gesellschaft, Black." Den Jungen am Ende des Ganges schien er völlig vergessen zu haben. Er stand nur da und versuchte sich nicht zu bewegen, um die Aufmerksamkeit nicht wieder auf sich zu ziehen. „Ich bin Lucius Malfoy und weil du mit Black hier bist, gebe ich dir eine zweite Chance. Ich kann dir sagen, dass es sich auf meiner Seite sehr viel Gesünder lebt, als auf irgend einer anderen. Ich bin Vertrauensschüler und du möchtest mich nicht zu Feind haben." Bei diesen Worten tippte er leicht auf ein kleines silbernes Abzeichen mit einem großen V darauf, das er am Kragen seiner Robe trug. Dann schien er sich wieder zu erinnern, warum er eigentlich hier war und wandte sich wieder dem Jungen am Ende des Ganges zu.

„Wie James schon fragte", mischte sich Sirius jetzt ein. „Was hat er eigentlich angestellt, dass du ihm durch den Zug nachläufst."

„Der?" Malfoy schnaubte verächtlich „Er ist da; das reicht eigentlich schon. Darüber hinaus ist er in mein Abteil geplatzt."

„Er wusste wohl nicht, wer du bist." sagte Sirius.

„Und das allein wäre doch eigentlich schon ein Grund für eine Bestrafung, oder was meinst du, Kleiner?" Der Junge war immer noch unfähig, eine Antwort zu geben. Er zitterte zwar nicht mehr so stark, wie noch vor einer Minute, schien sich aber auch noch nicht wirklich wohl in seiner Haut zu fühlen.

„Was ist denn hier los?" Von hinten näherten sich einige Jungen und Mädchen. Allen voran ging ein großer Junge, der ein goldenes Abzeichen an seinen Pullover geheftet hatte. Ein S war darauf eingeprägt. „Malfoy, das hätte ich mir ja denken können. Steck den sofort weg, oder ich melde dich Professor Slughorn, sobald wir in Hogwarts sind. Ich weiß nicht, wie er auf die Idee gekommen ist, dich Dumbledore als Vertrauensschüler vorzuschlagen." Bei diesen Worten deutete der Junge auf Malfoys Zauberstab, den dieser noch immer in der Hand hielt.

„Oh – der gestrenge Herr Schulsprecher." Malfoys Stimme klang höhnisch, doch die Drohung schien er ernst zu nehmen. Jedenfalls steckte er den Zauberstab weg. „War eh nicht die Mühe wert." Dann warf er dem Jungen, den er verfolgt hatte noch einen warnenden Blick zu, drehte sich um und verschwand in die Richtung, aus der er gekommen war.

„Und ihr – alles in Ordnung?" James nickte dem älteren Jungen zu und aus den Augenwinkeln konnte er sehen, dass Sirius dasselbe tat. „Also schön. Ich bin Henry Hannoman – Schulsprecher, Haus Gryffindor. Wenn noch was sein sollte, ich bin vier Waggons weiter vorn." Damit zog auch er davon und nahm die Neugierigen, die sich inzwischen versammelt hatten mit sich.

Sirius war zu dem Jungen getreten, dem jetzt, nach der ganzen Aufregung, die Tränen über die rundlichen Wangen liefen. Er schniefte laut.

„Ist dein Vater wirklich Auror?" Es waren die ersten Worte, die der Junge von sich gab. Er hatte eine leise, leicht piepsige Stimme und Vorsicht lag in seinen Worten.

James nickte. „Wie bist du bloß an diesen aufgeblasenen Affen geraten? Und wie hießt du überhaupt?"

„Peter. Peter Pettigrew." Die P´s in seinem Namen vibrierten leicht. „Ich – ich habe nicht gesehen, dass in dem Abteil schon jemand saß. Der Griff von meinem Koffer ist abgerissen und ich bin rückwärts zur Tür rein. Und dann hör ich nur ein Fluchen, wie ich es denn wagen könne. Ich also hoch, dreh mich um und war so verschreckt, dass ich gar nicht antworten konnte. Und da ist er auch schon auf mich los. Da bin ich ausgekniffen." Je länger er sprach, desto fester wurde seine Stimme. Er schien sich so allmählich von seinem erlittenen Schreck zu erholen.

„Ich bin Sirius." Sirius zeigte mit dem Daumen über die Schulter. „Das ist James." Er hielt Peter die Hand entgegen, der sie etwas zögerlich ergriff. „Es wird wohl besser sein, wenn wir deinen Koffer holen, und du dann bei uns bleibst. Du bist auch neu, was?" Der dickliche Junge nickte dankbar.

„Na, dann lass uns mal los." meldete sich James zu Wort und gab Peter seinerseits die Hand. „Wo müssen wir denn hin?"

Peter deutete in die einzig mögliche Richtung. „Zwei Wagen weiter vorn. Aber muss das sein? Ich will Malfoy eigentlich nicht so schnell wieder sehen."

„Wenn du nicht willst, dass Malfoy dir noch einen zweiten Koffer schenkt und zu deinem stellt, sollten wir gehen." kicherte Sirius.

James verdrehte die Augen. „Lass dich von dem Idioten doch nicht so einschüchtern. Was kann er dir schon?"

„Er hat einen Zauberstab." Peters Stimme zitterte wieder leicht.

„Und du? Hast du etwa keinen?" fragte Sirius.

„Doch, aber er kann damit umgehen."

„Aber er kann auch ganz schnell der Schule verwiesen werden, wenn er einfach so wehrlose Erstklässler verzaubert." war Sirius´ Antwort. „Und das weiß er auch haargenau. Glaub mir, er wollte dir nur Angst einjagen. Er hätte dir nichts getan. Dafür ist er trotz allem noch zu clever."

Sie waren an ihrem eigenen Abteil vorbei gegangen und betraten jetzt den nächsten Wagen. Der Zug war wirklich gut besetzt und nur in wenigen Abteilen sahen sie freie Plätze. Die meisten trugen normale Hosen und Pullover, doch vereinzelt konnte man schon jemanden entdecken, der sich bereits seine Schulrobe übergezogen hatte. Und das, obwohl der größte Teil der Fahrt noch vor ihnen lag. Als sie den drittletzten Waggon betraten, konnten sie Peters Koffer schon von weitem auf dem Boden des Ganges liegen sehen. Anscheinend hatte sie Malfoy nicht weiter an ihm vergriffen. Abgesehen von dem abgerissenen Griff, schien er vollkommen in Ordnung zu sein. Peter stürzte voran und betrachtete ihn kritisch von allen Seiten.

„Und – und es ist wirklich in Ordnung? - Ich meine, wenn ich bei euch bleibe." wandte er sich an James und Sirius.

„Na klar." sagte James. „Warum denn nicht."

Peter sah ihn an, dann Sirius und er wurde leicht rot.

Sirius seufzte „Schon klar. Du hast gehört, wie Malfoy mich Black genannt hat, stimmt's?" Siehst du James? Genau das ist es, was ich eben gemeint habe." Damit trat er zu Peter, der die eine Seite des Koffers angehoben hatte, und nahm die andere Seite. Zu zweit begannen sie, das lederne Ungetüm zu James´ und Sirius´ Abteil zu schleppen. „Das du von allen Menschen im Zug ausgerechnet an Malfoy geraten musstest, ist aber auch wirklich Pech." schnaufte Sirius unter der Last des Koffers.

James hielt die Zwischentür auf und ließ sie mit einem süffisanten Grinsen vorbei.

„Überarbeite dich bloß nicht." war Sirius´ trockenen Kommentar. Peter kicherte. Es war das erste Mal, dass er so etwas wie Humor zeigte. Einige Minuten später hatten sie das Abteil erreicht und Peters Koffer mit vereinten Kräften neben den von James gehievt. Das rothaarige Mädchen saß noch immer am Fenster und las in ihrem Buch. Bis auf einen kurzen Blick achtete sie nicht weiter auf die Jungs. Erschöpft ließen sich die drei in die gepolsterten Sitze fallen.

„Da fühlt man sich ja wie ein Hauself." seufzte Peter und holte tief Luft. Der Junge schien völlig verändert. Nachdem er seinen Schreck überwunden hatte, taute er regelrecht auf. Er erzählte, dass er zusammen mit seiner Mutter nicht weit von London in einem Vorort lebte. „Sie ist Expertin für magische Pflanzen; eine richtige Kräuterhexe." erklärte er stolz. Seinen Vater hatte er nie kennen gelernt. Mrs Pettigrew sprach nie von ihm und hatte ihren Sohn allein großgezogen.

Sie waren in ihr Gespräch vertieft, als die Tür von außen geöffnet wurde. Als Sirius sah, wer hereinkam, wandte er sich ab. Mit Malfoy hatte er genug Stress für einen Tag gehabt, doch Snape schien ihn überhaupt nicht zu sehen. Stattdessen setzte er sich dem rothaarigen Mädchen, das inzwischen angestrengt aus dem Fenster blickte, gegenüber auf den Sitz. Sie sah den Neuankömmling kurz an und James sah, dass sie geweint hatte. Er hatte es gar nicht bemerkt.

„Ich will nicht mit dir reden." sagte sie bedrückt.

„Warum nicht?"

In diesem Moment lachte Peter laut auf. Sirius musste etwas komisches gesagt haben und James wandte sich wieder den beiden zu. Er unterhielt sich weiter und achtete nicht auf die zwei am Fenster, bis Snape etwas zu dem Mädchen sagte, was ihn aufhorchen ließ.

„Du solltest besser nach Slytherin kommen."

„Slytherin?" James hatte sich seit seinem ersten Gespräch mit Sirius in der Winkelgasse genauer über die vier Häuser informiert. Während seine Mutter und sein Großvater relativ gemäßigte Meinungen zu den Unterschieden der Häuser hatten, war die Antwort seines Vaters, was Slytherin anging ziemlich klar ausgefallen. Er hatte ihm gesagt, dass die meisten der dunklen Magier, die er in den letzten Jahren gejagt hatte, in ihrer Schulzeit in Slytherin gewesen waren. Und dass dieses Haus natürlich einen Menschen nicht in einen bösen Menschen verwandeln würde, aber dass sich viele Menschen mit zweifelhaftem Charakter in diesem Haus versammeln würden. „Wer möchte schon in Slytherin sein? Ich glaube, ich würde eher die Schule verlassen, was ist mit dir?" er wandte sich an Sirius.

Der blieb ernst „Meine ganze Familie war in Slytherin." sagte er

„Peinlich." sagte James, der dies natürlich vorher gewusst hatte und jetzt versuchte, Sirius aufzuziehen. „Und ich dachte, du seist in Ordnung."

Sirius grinste. „Vielleicht breche ich die Tradition. Was würdest du bevorzugen, wenn du die Wahl hättest?"

James zog ein unsichtbares Schwert. „Gryffindor, wo die leben, die mutig im Herzen sind! Wie mein Dad." Den Satz hatte sein Vater ihm gesagt. Er hatte ihm gefallen, also hatte er ihn sich gemerkt.

Snape machte ein leises, verächtliches Geräusch. James drehte sich zu ihm um. Irgendwie hatte er das Gefühl, Snape hätte seinen Vater herabgesetzt. „Hast du ein Problem damit?"

„Nein." sagte Snape „Wenn du lieber stark als schlau bist."

„Wo hoffst du hinzukommen, wo du doch keines von beidem bist?" Unterbrach ihn Sirius.

James lachte laut auf. Das Mädchen sprang von ihrem Sitz auf und schaute James und Sirius mit Unwillen im Blick an. „Komm Severus, lass uns ein anderes Abteil suchen."

„Ooooo" James und Sirius imitierten ihren Tonfall. James versuchte Snape ein Bein zu stellen, als er vorbeiging, doch anders als bei Sirius in der Winkelgasse, konnte Snape rechtzeitig ausweichen.

„Man sieht sich Schniefelus!" Rief Sirius den beiden hinterher, dann knallte die Abteiltür zu.

„Schniefelus?" fragte James. „Das war vielleicht doch ein wenig zu hart.

„Wieso denn? Passt doch zu dem Schleimer." Sirius zuckte unschuldig mit den Schultern und Peter kicherte. Das vor kurzem noch er der getriezte gewesen war, schien er schnell vergessen zu haben.

000

Am Nachmittag hörten die drei ein lautes Klappern vom Gang her und als sie nachsahen, bemerkten sie eine rundliche Hexe, die einen großen Wagen vor sich herschob und von Abteil zu Abteil ging. Als sie bei ihnen angekommen war, sahen sie, dass die Hexe alles mögliche zum essen und trinken verkaufte. Die Jungen plünderten ihre Barschaften und wenig später waren sie damit beschäftigt, merkwürdige Süßigkeiten aus noch merkwürdigeren Verpackungen zu holen. James, der durch die verrückten Eissorten in der Winkelgasse zwar vorgewarnt war, überraschte es doch sehr, als er eine Verpackung öffnete und prompt von einem Frosch aus Schokolade angesprungen wurde. Peter lachte ihn aus, wurde aber deutlich stiller, als sich eine dünne Weingummischlange zischelnd seinen Arm entlang schlängelte und dann im Kragen seines Pullovers verschwand.

So verging die Fahrt wie im Flug und bald kannten sie gegenseitig ihre komplette Lebensgeschichte (wobei die von Sirius mit Abstand die spannendste war). Als es draußen zu dämmern begann, gingen die Vertrauensschüler durch den Zug und forderten diejenigen, die es noch nicht getan hatten auf, sich umzuziehen. Zum ersten Mal schlüpfte James in seine Schulrobe. Als er fertig war, öffnete er seinen Koffer ein zweites mal, nahm den Zauberstab heraus und ließ ihn in eine der unergründlichen Taschen der Robe verschwinden. Ab jetzt würde er ihn immer bei sich tragen – nur für alle Fälle.

Vor dem Fenster des Abteils wurde es jetzt schnell dunkler und es dauerte nicht mehr lange und man konnte spüren, wie der Zug allmählich langsamer wurde. Zwar konnte man nicht mehr wirklich viel davon erkennen, aber die Landschaft durch die sie zuletzt gefahren waren, hatte sich sehr verändert. Seit mindestens hundert Meilen hatten sie kein Anzeichen für menschliches Leben entdecken können. Keine Häuser, keine Straßen, überhaupt nichts, was darauf schließen ließ, dass Menschen hierher kamen (von der Existenz des Schienenstrangs einmal abgesehen). Sie hatten Seen passiert, Berge aus schroffem Fels und jede Menge Wälder. James hatte nicht gewusst, dass es in England soviel Wald gab. Der Zug ging in eine langgezogene Rechtskurve und wenn man jetzt aus dem Fenster an der langen Reihe der beleuchteten Waggons entlang sah, konnte man die Lokomotive erkennen. Noch etwas weiter vorn war ein Licht in der Dunkelheit. Mit lautem metallischen Kreischen ging der Zug in die Bremsen und kam wenig später am Bahnsteig eines kleinen altmodischen Bahnhofs zum stehen. An einem Mast prangte ein Schild mit der Aufschrift: Hogsmeade.

Plötzlich war um sie herum die Hölle los. Jeder schien der erste sein zu wollen, der den Zug verließ. Abteiltüren wurden aufgerissen, hunderte von Füßen trampelten über die Gänge und aus allen Richtungen erklangen aufgeregte Stimmen, die alle durcheinander sprachen, so dass man kein einziges Wort verstehen konnte.

James und Peter wurden von der allgemeinen Hektik angesteckt nur Sirius setzte sich gemütlich und in aller Ruhe in seinen Sitz zurück. Auf James´ fragenden Blick, zuckte er mit den Achseln. „Ja glaubst du denn, die Schule läuft weg? Morgen früh beginnt der Unterricht. Mir persönlich reicht es vollkommen aus, wenn dann das rumgehetze losgeht."

Doch schließlich machten sich auch die drei daran, den Zug zu verlassen. Es war ein kompliziertes Unternehmen, denn Peters Koffer musste eigentlich von zwei Personen getragen werden.

„Wofür ist man eigentlich ein Zauberer, wenn man nicht einmal einen dusseligen Griff an einen dusseligen Koffer zaubern kann?" fragte James genervt.

„Ich kann nichts dafür, dass der Griff abgerissen ist." verteidigte sich Peter, der sich angegriffen fühlte.

„Ruhe dahinten. Ihr zetert wie die Mädchen." kam es von Sirius, der schon bei der Tür war, seinen eigenen Koffer auf den Bahnsteig gewuchtet hatte und sich jetzt umdrehte, um den anderen bei ihrem Gepäck zu helfen.

Die Menge der Schüler strebte in Richtung der Lokomotive. Dort gab es eine Brücke, die auf die andere Seite der Gleisanlage führte, wo sich auch das Bahnhofsgebäude befand. Doch James´ Aufmerksamkeit wurde von etwas anderem in Anspruch genommen; von jemand anderem. Jemand, der am hinteren Ende des Bahnsteigs in ihrer unmittelbaren Nähe stand. Zu sagen, es war ein Mann wäre so, als würde man zu einem ausgewachsenen Tiger, Kätzchen sagen. Er war mit Abstand der größte Mensch, den James jemals gesehen hatte. Sein dunkles Haar war zottelig und hing ihm bis auf die Schultern und der größte Teil seines Gesichts verbarg sich hinter einem enormen Vollbart. Gekleidet war er in einen Mantel, der nur aus zusammengenähten Lederflicken zu bestehen schien. Seine Augen waren klein und dunkel und glitzerten im Schein der Laterne, die er in einer seiner riesigen Hände in die Höhe hielt.

„Erstklässler zu mir!" polterte er mit einer Stimme, die wie ein Gewitter klang. James und Sirius blickten sich an, machten aber keinerlei Anstalten, sich dem Giganten zu nähern. „Alle Erstklässler hierher zu mir!" dröhnte es erneut über den Bahnsteig. Langsam näherten sich die ersten der mutigeren Jungen und Mädchen, doch sie halle hielten hinter James, Sirius und Peter, die dem Mann am nächsten waren.

„Nu´ macht aber mal hinne, ja? Hogwarts erwartet euch. Und lasst die Koffer einfach steh. Se werden abgeholt – versprochn." Er trat nun seinerseits auf die größer werdende Gruppe zu, bis er direkt vor James stand, der sie noch nie so klein vorgekommen war. „Ich bin Rubeus Hagrid." stellte er sich selbst vor. „Hüter der Schlüssel und Ländereien von Hogwarts, will ich meinen. Nennt mich einfach Hagrid. Tun´ alle – nich war?" trotz seiner enormen Größe sah Hagrid eigentlich alles andere als Gefährlich aus. Eher wie ein Bernhardiener, der ja auch groß aber ungefährlich ist. „Ham´wa jetz alle beisammen? Gut, dann woll´n wir mal."

Er drehte sich um und stapfte auf das Ende des Bahnsteigs zu. Nach anfänglichem Zögern folgte ihm die Gruppe. Im Schein der Laterne konnten sie einen schmalen Pfad erkennen, der von den Bahngleisen wegführte. In der Ferne konnten sie eine lange Prozession von Kutschen erkennen, die eine Straße entlang ratterten. James rieb sich die Augen. Es lag bestimmt nur an der Entfernung, aber er konnte beim besten Willen nicht erkennen, von was für Tieren die Kutschen gezogen wurden. Es sah so aus, als seien überhaupt keine Tiere vorhanden. Aber das musste eine optische Täuschung gewesen sein und er schaute wieder nach vorn auf den Weg.

Während sie so hintereinander herliefen, der schmale Weg ließ es nicht zu, dass sie nebeneinander liefen, begann Hagrid mit seiner tiefen Bassstimme eine Melodie zu summen. Plötzlich traf ihn ein kleiner Kieselstein am breiten Rücken. Mit einer Bewegung, die ihn die meisten gar nicht zugetraut hätten flog er herum. Er sah schmunzelnd die Reihe der Kinder hinter ihm an, sagte aber nichts und ging weiter den Pfad entlang. Ein weiteres Steinchen flog durch die Luft und traf den Giganten am Rücken. James sah zur Seite und sah, wie sich Sirius die Hand vor den Mund presste, um nicht laut zu lachen. Also war er es gewesen. Von Hagrid war keine Reaktion zu sehen. Da zischte ein dritter Stein und blitzschnell fuhr Hagrid herum, hob die Laterne und fing den Stein mit der anderen Hand. Ein Murmeln ging durch die reihe der Kinder.

Hagrid lachte laut. „Ich habe ja nichts gegen Scherze, aber ich bestehe darauf, dass sie ein wenig kreativer sind. Und auf dich, mein Junge" er zeigte direkt auf Sirius. „Werde ich in Zukunft wohl besser ein Auge werfen."

Allzu lang dauerte der Marsch durch die Dunkelheit glücklicherweise nicht. Der Pfad ging bergab in einer langen Linkskurve, der fast ein Halbkreis war. Als das Gebüsch etwas niedriger wurde, so dass auch die Schüler darüber hinwegsehen konnten (Hagrid hatte damit keine Probleme), sahen nicht weit entfernt viele flackernde Lichter, die seltsamerweise auf und ab zu hüpfen schienen. Verwundertes Flüstern wurde in der Gruppe laut. Vor ihnen breitete sich die glatte schwarze Oberfläche eines Sees aus. Das Wasser war ruhig und schwappte nur ganz sacht an das Ufer. Sie gingen an einen kleinen hölzernen Häuschen vorbei, das direkt am Ufer stand, und von dem ein breiter Holzsteg hinaus in den See führte.

„Ja nu. Da sind wir dann wohl." dröhnte Hagrids laute Bassstimme durch die Nacht. Jetzt konnten sie auch den Ursprung der Lichtflecken sehen. Es waren etwa ein Duzend Laternen. Jeweils eine stand im Bug ebenso vieler großer und ruderloser Boote, die am Steg festgemacht waren. Sie schwankten ganz leicht auf dem Wasser und sahen nicht sehr vertrauenswürdig aus. Hagrid machte eine einladende Geste.

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Hui – das war glaub ich das längste Kapitel, das ich je geschrieben habe. Liegt daran, dass es aus zwei Geschichten zusammengeschrieben worden ist und obendrein auch noch an HP7 angeglichen werden musste. Ich hoffe, der Spagat ist einigermaßen gelungen.

Ich freue mich natürlich auf alle Arten von Zuschriften - Federwisch

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