Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.
Offenbarungen
Von Thea Potter
Kapitel 3„Miss Granger. Sehen Sie mich an."
Snapes Tonfall hatte sich geändert; er sprach jetzt ernst, scharf und gebieterisch. Unwillkürlich hob sie den Kopf, um ihn anzusehen.
Er stand vor ihr, nahe, aber nicht unangemessen nahe, wie sie erleichtert feststellte. Sie konnte in seinem Blick nichts lesen; aber jedenfalls war – warum auch immer – dieses schiefe, beunruhigende Vergnügen aus seinen Augen verschwunden.
„Ich weiß nicht, was in Ihrem kleinen pubertären Gehirn vor sich geht", sagte er gedehnt, „aber Sie müssen keine Angst vor mir haben. Sie ahnen gar nicht, wie fern es mir liegt, diese Situation in irgendeiner körperlichen Hinsicht auszunutzen. Erstens bezweifle ich, dass es sehr vergnüglich wäre, und zweitens wäre das doch ein recht hoher Preis für ein Tagebuch, in dem unreife Gedanken einer Besserwisserin stehen. Also – hören Sie auf mich anzusehen, als wolle ich Sie gleich auffressen."
Während dieser kleinen Rede spürte Hermine, wie ihre Wangen rot wurden. Sie wusste nicht, was genau sie gedacht hatte, aber an das, was er da jetzt weit von sich wies, hatte sie ganz bestimmt nicht gedacht. Oder etwa doch? Sollte sie jetzt erleichtert sein? Nein, sie war nicht erleichtert – sie fühlte sich beleidigt. Warum beschimpfte er sie nur immer wieder? Und was, verdammt, sollte das heißen, er bezweifelte, dass es sehr vergnüglich wäre?
Aber sein letzter Satz brachte sie endgültig durcheinander, denn sie musste plötzlich an dieses Märchen mit Rotkäppchen und dem Wolf denken. Das musste die Erschöpfung sein – es war völlig unpassend jetzt daran zu denken, aber sie konnte es nicht ändern. Es war erschreckend einfach, sich Snape als Wolf vorzustellen, und ehe sie es sich versah, rutschte ihr schon ein Grinsen ins Gesicht.
„Miss Granger!"
Sie verschluckte ihr Grinsen eilig.
„Ja, Sir ... Professor ..."
Ich, verkleidet als Rotkäppchen ... mit einem Bastkorb ... und dann kommt Snape als Wolf zwischen den Bäumen hervor ...
Es ging nicht. Sie konnte es nicht zurückhalten. Hinter hervorgehaltener Hand prustete sie los und hustete anschließend laut, um ihr Grinsen zu verbergen.
Der Meister der Zaubertränke schien das weniger lustig zu finden. Er spießte Hermine mit seinem Blick auf und starrte sie finster an.
„Es freut mich außerordentlich, dass Sie dieser Situation eine gewisse Komik abgewinnen können", fauchte er. „Ich hoffe, das wird Ihnen die ganze Angelegenheit etwas erleichtern."
Hermine erstarrte und hörte auf zu husten. Snape war noch einen Schritt vorgetreten und stand so nahe bei ihr, dass sich fast ihre Nasen berührten.
Er war kaum noch größer als sie, stellte sie in diesem Moment fest. Nun ja, vielleicht zehn Zentimeter. Ihr Lehrer für Zaubertränke war ihr früher sehr groß vorgekommen. Aber das war normal, schließlich war sie elf Jahre alt gewesen, als sie Snape zum ersten Mal gegenüber gestanden hatte.
Elf Jahre! Hermine durchlief ein Schauer, als sie daran dachte. Unversehens hatte sie ihr elfjähriges Selbst vor Augen, sah sich mit ihren vorstehenden Zähnen und dem buschigen Haar im Snapes Klassenzimmer sitzen und den Finger in die Höhe strecken. Oh, die allererste Stunde. Sie hatte damals wirklich gedacht, er sei einfach ein Lehrer, ein kluger Mann, von dem sie etwas lernen könne ... und der erfreut wäre, wenn sie etwas weiß.
Götter, war das lange her.
Sie sah in Snapes schwarze Augen und hatte Mühe Luft zu holen. Irgendetwas verwirrte sie an seinem Blick, da fehlte irgendwas. Oder vielleicht war da auch etwas, das sonst fehlte. Sie wusste es nicht. Eine Weile sahen sie sich nur an, und Hermine verlor ihr Zeitgefühl. Sie wusste auch nicht mehr so recht, warum sie überhaupt in seinem Büro war.
Das zornige Funkeln war längst aus Snapes Augen verschwunden, als Hermine den Blickkontakt abbrach. Aus dem Augenwinkel sah sie ihn zufrieden lächeln, und er entfernte sich von ihr. Seltsam, um sie herum wurde es irgendwie kalt.
Snape ging wieder um seinen Schreibtisch herum und setzte sich. Sachte trommelte er mit seinen langen Fingern auf Hermines Tagebuch herum und strich fast zärtlich über die aufgeschlagenen Seiten. Mit angehaltenem Atem sah Hermine seine Hände an; sie konnte die Augen gar nicht davon lassen, bis sie merkte, dass ihr Blick auf seinen Händen weilte und schnell weg sah.
„Und was nun?", fragte Snape.
„Was nun?", wiederholte Hermine. „Ich dachte, Sie wollen etwas von mir! Bitte, Sir, geben Sie mir doch mein Tagebuch zurück und lassen Sie mich gehen!"
Ihr naives, das Gute und Gerechte in allen Menschen suchende Selbst hoffte tatsächlich, dass er zustimmte.
„Das sind gleich zwei Wünsche auf einmal", erwiderte Snape sanft. „Sie sind ziemlich unbescheiden, wissen Sie das?"
Sie sah ihren Lehrer ratlos an, und ein merkwürdiges Gefühl regte sich in ihrem Bauch. Ihre Angst war in den letzten Minuten fast verschwunden, ihre Wut auch. Es kam ihr alles so unwirklich vor. Wieder breitete sich eine hämmernde, zu Boden ziehende Erschöpfung in ihrem Körper aus; sie wusste, sie würde heute sehr, sehr früh ins Bett gehen und vorher noch ein bisschen Muggelmedizin zu sich nehmen. Ganz ordinäre Kopfschmerztabletten, mindestens zwei auf einmal.
„Ich schlage einen Kompromiss vor", sagte er.
„Einen Kompromiss", echote Hermine sinnlos. Sie kam sich schon vor wie ein Papagei.
„Ja", bestätigte Snape. „Sie wissen schon - eine Übereinkunft, ein Entgegenkommen, einen Mittelweg. Das heißt soviel wie: Sie machen einen Schritt auf mich zu und ich einen auf Sie." Er grinste schief. „Los, machen Sie schon."
Demonstrativ stand er auf und ging einen Schritt auf sie zu. Ohne nachzudenken machte Hermine auch einen Schritt, aber da war Snape schon wieder einen Schritt weiter. Sie holte auch diesen Schritt nach, und das Spiel ging so lange, bis sie schon wieder direkt voreinander standen.
„Ausgezeichnet!", sagte Snape sarkastisch. „Und hier kommt der Kompromiss. Sie können jetzt gehen, aber das Buch bleibt hier."
Hermines Herz sank ins Bodenlose.
„Wa... was muss ich tun, damit ich es zurück bekomme?"
„Sie fragen zuviel", lächelte Snape, und aus seiner Stimme rieselte der Spott. „Das war schon immer Ihr Problem, Miss Granger. Aber fürs Erste sagen wir mal, Sie hören auf, während meines Unterrichts Ihren Mitschülern zur Hand zu gehen. Und mit aufhören meine ich, dass Sie es unterlassen, ihnen zu helfen. Vollständig. Haben wir uns verstanden?"
„Ja, Sir", murmelte Hermine. Ihr war nicht mehr danach, weitere Fragen zu stellen oder mit ihm zu diskutieren. Sie wollte nur noch raus. Raus aus diesem Büro.
Merlin, lass diesen Tag zu Ende gehen.
Mit einer weichen, geschmeidigen Bewegung rauschte Snape an ihr vorbei und öffnete die Bürotür.
„Dann bis zum nächsten Mal, Miss Granger. Genießen Sie Ihr Wochenende", sagte er seidig und machte eine halb höfliche, halb scheuchende Handbewegung.
Hermine war schneller aus der Tür als der Wind und rannte in Rekordgeschwindigkeit in den Gryffindor-Flügel, wo sie wie geplant zwei Kopfschmerztabletten mit viel Wasser zu sich nahm. Anschießend enterte sie ihr Bett ohne sich weiter um ihre Haare zu kümmern; nur ein kurzer, aufflackernder Gedanke verwies sie an die Notwendigkeit des Haarebürstens vor dem Schlafengehen, denn ohne diese Prozedur sahen ihre Haare am nächsten Morgen aus wie ein zerfleddertes Vogelnest.
Müde schob sie den Gedanken beiseite; es war ihr egal. Wie jedes Mal vor dem Zubettgehen zog sie ihre langen Haare mit den Händen glatt und legte sie sich wie eine Mütze um den Kopf. Dann kroch sie unter die Bettdecke und rollte sich zusammen. Sie lag noch etwa eine halbe Stunde völlig erschöpft und mit rasenden Kopfschmerzen herum, bis die Tabletten wirkten und sie in einem totenähnlichen Schlaf fiel.
t.b.c.
