Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.
Offenbarungen
Von Thea Potter
Kapitel 4
Am nächsten Morgen begann für Hermine ein miserables Wochenende. Sie brauchte lange um aufzustehen; als sie sich aus dem Bett gequält hatte, schlurfte sie wie jeden Morgen erst einmal zu den Fenstern, um die schneebedeckten Ländereien Hogwarts' zu bewundern. Die Begeisterung, die sie sonst bei diesem wunderschönen Anblick empfand, blieb aus; sie sah einfach nur langweiligen Schnee, langweilige kahle Bäume und einen langweiligen vereisten See.
Eher aus Pflichtgefühl denn aus Überzeugung tappte sie ins Bad – und fiel beinahe in Ohnmacht, als sie im Spiegel das wahnwitzige Durcheinander sah, das bei anderen Schülerinnen schlichtweg „Haare" hieß. Ein beeindruckendes Zeitkontingent ging für die Schadensbegrenzung drauf, bis sie wagte die Badezimmertür wieder zu entriegeln.
Während dieser Prozedur fragte sie sich nicht zum ersten Mal, warum sie das Einzelzimmer für die Schulsprecherin nicht angenommen hatte. Ah, sie war sich ja so großartig vorgekommen, als sie dem Direktor versichert hatte, dass sie keine Sonderbehandlung wünsche. Ha! Wie dumm konnte ein Mensch sein?
Während sie sich anzog, begann ihr Magen zu knurren – und im selben Augenblick wurde ihr klar, dass sie die Große Halle würde betreten müssen um etwas zu essen.
Große Halle. Schüler. Lehrer.
Snape.
Die Assoziationskette war bezwingend und endete mit etwas, woran Hermine möglichst gar nicht denken wollte. Danach kamen ihr auf wundersame Weise unzählige kleine Dinge dazwischen, bevor sie endlich doch die Gryffindor-Räume verließ. Aber auch auf dem Weg in die Große Halle nahm sie bereitwillig jede sich bietenden Gelegenheit wahr um sich abzulenken; sie ließ sich mehrmals von die Richtung wechselnden Treppen in die falschen Stockwerke befördern und gab kurz darauf einem verirrten Drittklässler sehr ausführliche Ratschläge, wie man vermied sich von Hogwarts' verzauberten Treppen aufhalten zu lassen.
Dann war sie endlich da, in der Großen Halle, und verspürte so etwas wie Triumph, weil sie allen Widrigkeiten zu Trotz den Raum betreten hatte, in dem auch ER war. Aber dieses Gefühl des Triumphes schwand schnell dahin, denn sie war die Einzige, die sich in der Großen Halle aufhielt.
Das Frühstück war seit zehn Minuten beendet.
Hogwarts' Schulsprecherin fluchte leise vor sich hin; sie konnte nicht glauben, dass sie ihr Frühstück verpasst hatte, nur um einer einzigen Person in diesem Schloss nicht begegnen zu müssen. Nun würde sie den Rest des Vormittags mit knurrendem Magen in der Bibliothek sitzen müssen.
Und genau so kam es; mit Madam Pince's Erlaubnis verkroch Hermine sich in der Verbotenen Abteilung und versuchte sich mit dem Studium verbotener Spiegelungsflüche abzulenken. Es war ein spannendes Thema, das ihr normalerweise geholfen hätte, stundenlang alles um sich herum zu vergessen; es ging um Flüche, die die Wirkung magischer Angriffe auf den Angreifer selbst zurückwarfen. Aber so spannend das auch war – die Buchstaben begannen nach kurzer Zeit vor ihren Augen zu verschwimmen, und ihre Gedanken kehrten immer wieder an den vergangenen Abend zurück.
Sie konnte es immer noch nicht fassen. Snape hatte ihr Tagebuch. Snape erpresste sie.
Wie konnte er nur?
Wenn sie die Augen schloss, sah sie ihn vor sich. The man in black, Meister der Zaubertränke, ihr Lehrer seit sechseinhalb Jahren. Sie hatte diesen Mann unzählige Male vor Harry und Ron in Schutz genommen. Immer und immer wieder. Harry und Ron hörten schon gar nicht mehr hin, wenn sie über Snape sprach. Die Jungs waren so verbohrt in ihrem Hass gegen Snape, sie vergaßen immer wieder, dass er Harry das Leben gerettet hatte, dass er im Orden des Phönix war ... Nicht nur Professor Dumbledore vertraute diesem Mann, alle anderen Ordensmitglieder mussten ihm doch auch vertrauen. Irgendwie. Gut, Snape machte es einem nicht leicht, ihn zu mögen; ihn umgab eine Aura, die, vorsichtig ausgedrückt, beunruhigend war. Und er war ein verbitterter, ungerechter und unausstehlicher Misantrop. Das musste selbst Hermine zugeben. Dennoch – sie hatte immer gewusst, dass er auf ihrer Seite war.
War er das?
Verdammt, wie konnte jemand auf der richtigen Seite stehen, der als Lehrer seine Schülerin erpresste? Wie war Snape nur auf die wahnwitzige Idee gekommen ihr Tagebuch einzubehalten und auch noch Bedingungen an die Rückgabe zu knüpfen? Und verdammt, was wollte er überhaupt von ihr? Was?
WAS?
Noch mehr beunruhigte Hermine allerdings die Tatsache, dass Snape sich seiner Sache so sicher schien. Offenbar hatte er die Möglichkeit, dass Hermine schnurstracks zu Dumbledore gehen würde, kaum in Betracht gezogen. Und sie musste sich nicht fragen warum; sie wusste es. Im Zweifelsfall stand das Wort der Schulsprecherin gegen das des Oberhauptes von Slytherin. Eine unerträgliche Situation. Wie sollte der Schulleiter sich da verhalten? Sie konnte Dumbledore diese Entscheidung einfach nicht zumuten ... Es wäre schließlich klar, dass einer von ihnen beiden lügt, und es würde eine unerträgliche Atmosphäre des Misstrauens entstehen.
Und es war nicht einmal sicher, ob die Wahrheit je ans Licht käme ... Snape müsste das Tagebuch ja nur in den Kamin werfen, und die Sache wäre gelaufen.
Wenn sie nur daran dachte, schnappte sie schon fast über. Das durfte auf keinem Fall passieren! Ihr Tagebuch war ihr Ein und Alles – sie würde es nicht riskieren, dass damit etwas geschah. Niemals. Eher würde sie vor Snape strippen! Oh, dieser Mann! Wie konnte er nur!
Aber was wollte er wirklich von ihr? Hermine stützte ihr Kinn auf ihre Hände und sah in ihre Gedanken versunken durch das Buch vor ihr hindurch. Seine Forderung, dass sie ihren Mitschülern nicht mehr helfen solle, hätte er auch unabhängig vom Tagebuch aussprechen können. Darum konnte es nicht gehen. Wenn sie sich in Erinnerung rief, was er gesagt hatte, war es eigentlich gar nicht bis zur Erpressung gekommen ... Es war eher die Ankündigung einer Erpressung gewesen.
Wie bizarr. Wahrscheinlich war es nur ein Scherz, dachte Hermine verzweifelt ... Ein besonders schlechter Scherz.
Slytherinscher Humor, was will ich da erwarten.
Sie saß am Tisch und spürte, dass sie zitterte. Da waren so viele verschiedene Gefühle, das kannte sie gar nicht. Wenn sie an seine Stimme dachte, an seinen Blick und daran, wie nahe er bei ihr gestanden hatte, wurden ihre Knie aus Gummi – da war eine merkwürdige Unruhe, die sie ergriff, wenn Snape in ihrer Nähe war. Das war schon länger so, er machte sie einfach nervös und unsicher. Und andererseits, verdammt, war sie so wütend auf ihn, dass sie etwas zerschlagen wollte. Aber es war nichts in der Nähe, was sich zum Zerschlagen geeignet hätte, zum Glück.
Hektisch sprang sie auf und lief zur Mädchentoilette um sich dort kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Schwer atmend stand sie vor dem Spiegel und sah sich an. Ihre Gesichtszüge waren angespannt, oh ja – sie sah eine Frau, die sehr, sehr wütend war.
Eine Frau.
Einer ihrer Tagebucheinträge kam ihr in den Sinn.
--- ... Eintrag vom 07.11.xx : Ich habe heute lange vor dem Spiegel gestanden. Mein Körper hat sich verändert ... Ich werde zur Frau, und es fühlt sich richtig an. Als hätte es schon lange so sein sollen. Ich möchte einen Mann kennen lernen, der mich ernst nimmt. Einen richtigen Mann, nicht einen Jungen, der nur Quidditch und kindische Abenteuer im Kopf hat. Einen Mann, der die Welt kennt ... keinen perfekten Mann, sondern jemanden mit Fehlern, mit Ecken und Kanten, einen klugen, gebildeten Mann, der Bücher liebt und ... ---
Oh Gott. Das darf er nicht lesen. Bitte nicht.
Wenn das wenigstens alles gewesen wäre ... Es gab so viele Passagen, die unendlich peinlich waren, und dann gab es Passagen, die ihre Freunde in Schwierigkeiten brachten ... und sie selbst auch ... und noch viel mehr –
Nicht nachdenken, denk nicht darüber nach!
Hermine trocknete sich das Gesicht ab, rannte zurück in die Bibliothek an ihren Platz und ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken.
Sie hatte dieses Tagebuch niemals magisch versiegelt. Warum eigentlich nicht, fragte sie sich jetzt und antwortete sich selbst. Weil sie dumm war. Oh ja, sie hielt sich für besonders schlau, aber Hermine Granger war dumm wie Bohnenstroh. Sie glaubte an das Gute im Menschen. Sogar an das Gute in Snape.
Jedenfalls bis gestern!
Hermine schlug mit einer heftigen Bewegung das Buch zu. Ein dumpfes KRACH! schallte durch die Verbotene Abteilung und ein Staubwölkchen erhob sich von dem dicken, alten Wälzer.
Wie kann er nur ...
Das ging das gesamte Wochenende so. Wie kann er nur, wie kann er nur. Sie schwankte zwischen Unglauben, Unruhe und Entsetzen, konnte an nichts anderes denken und verhungerte fast, weil sie alle Mahlzeiten in der Großen Halle ausfallen ließ. Stattdessen ernährte sie sich von einem spärlichen Lunchpaket, das sie neulich für Hogsmeade fertig gemacht, aber dann vergessen hatte. Es war zu wenig, und sie wusste, dass es unvernünftig war, nicht zu den Mahlzeiten zu gehen. Aber sie wollte Snape einfach nicht sehen.
Am Sonntagnachmittag bat sie Ron ihr etwas zu essen zu besorgen. „Ein bisschen Fleisch oder frisches Gemüse wäre toll." Er nickte nur und lief los ohne nachzufragen, und sie fand, dass er ein wahrlich guter Freund war. Ein Freund, den sie in letzter Zeit viel zu sehr vernachlässigte ...
Sie versuchte seit einigen Monaten das Ausmaß der Entfremdung zu verdrängen, die zwischen ihr, Ron und Harry stattgefunden hatte. Sie wurde zwischen den Pflichten als Schulsprecherin und ihren Prüfungsvorbereitungen zerrieben; es half nichts, dass eine innere Stimme ihr spöttisch mitteilte, dass ihre „Prüfungsvorbereitungen" genau genommen schon mindestens fünf Jahre anhielten.
Aber Lernen war doch wichtig. Es war sogar ganz besonders wichtig. Oder etwa nicht? Manchmal versuchte sie sich einzureden, dass Harry, Ron und ihr später, nach der Schulzeit, immer noch jede Zeit der Welt blieb. Aber was machte sie sich da vor? Niemand von ihnen wusste, wie ihr Leben nach Hogwarts, nach dem Krieg aussehen würde. Und wenn sie sich selbst gegenüber ehrlich war, dann würde die Zeit des Lernens nie beendet sein. Wenn alles gut ging, würde sie im Anschluss an die Schule studieren und danach vielleicht wissenschaftlich arbeiten.
Nein, es war ganz einfach: Sie nahm sich nicht genügend Zeit für die anderen Dinge des Lebens; das wusste sie. Vor allem für Freunde musste einfach Zeit sein. Und als Ron mit einem vollen Teller mit Hühnchen, Reis und Gemüse vor ihr stand, brach Hermine vor Rührung, schlechtem Gewissen und Dankbarkeit fast in Tränen aus.
„Oh Ron, was wäre ich ohne dich."
„Immer noch hungrig, schätze ich", murmelte ihr rothaariger Freund und wurde auch im Gesicht ein bisschen rot, weil Hermine ihn fest im Arm hatte und ihr Gesicht so dicht an seinem war. Er entriss sich ihrem Griff und wünschte ihr einen guten Appetit, dann ging er zu Harry hinüber um sich mit ihm über die letzte Bösartigkeit von Snape zu ereifern. Hermine hörte nur mit einem Ohr zu, aber bekam genug mit um wieder auf dem Laufenden zu sein. Offenbar hatte Snape Ginny eine Strafarbeit aufgehalst und sie eklige, verdreckte Gläser mit widerlichem Inhalt reinigen und neu auffüllen lassen. Oh, das war so typisch für Snape. Ginny selbst hatte die ganze Sache mit Fassung getragen, aber die Jungs saßen jetzt da und regten sich auf, als hätte Snape die Strafarbeit mit dem Imperius-Fluch durchgesetzt.
Normalerweise musste Hermine sich bei so einer Geschichte ein Lächeln verkneifen. Sie konnte Ron und Harry mit ihrer lautstarken Wut über Snape einfach nicht ernst nehmen – genau so wenig, wie sie Snape selbst ernst nehmen konnte mit seinen kindischen Einfällen um Harry oder seine unmittelbaren Freunde zu demütigen. Normalerweise dachte Hermine zu diesem Thema, dass es allen Beteiligten gut tun würde auf Abstand zu diesem ganzen Unsinn zu gehen, tief durchzuatmen und einen winzigen Schritt in Richtung Erwachsensein zu machen.
Aber heute war sie kurz davor sich zu ihren Freunden zu setzen und in ihr Schimpfkonzert mit einzusteigen.
„Snape ist total krank!", hörte sie Ron sagen; sie fühlte sich nicht einmal bemüßigt ihn an die korrekte Wortwahl zu erinnern. Professor Snape … Verdammt, was für ein Professor war das? Ein Lehrer, der seine Schülerin erpresste? Dieser … dieser …
„Dieser schmierige Bastard!", murmelte sie kaum hörbar.
Oh. Mein. Gott.
Sie hatte es gesagt! Zwar sehr leise – zum Glück hatten die Jungs es nicht gehört –, aber verdammt, sie hatte es gesagt. Es war ihr einfach so rausgerutscht. Diese Beleidigung, die zum Standardrepertoire von Harry und Ron gehörte. In all den Jahren hatte sie DAS nie über Snape gesagt. Sie fand diese Beleidigung so … gemein. So erniedrigend. Sie hatte all die Jahre gehofft, dass Snape selbst das nie würde hören müssen. So eine Beleidigung auszusprechen war eines Gryffindors unwürdig.
Und jetzt hatte sie sie selbst benutzt.
Das war nicht gut, dachte sie. Diese ganze Situation brachte sie durcheinander … Snape und dieses verfluchte Tagebuch. Gott, warum musste er ausgerechnet sie so einer Situation aussetzen? Bei allen anderen Schülerinnen und Schülern hätte diese Aktion nur die ohnehin schlechte Meinung bestätigt, die man hier von ihm hatte. Aber sie … Sie wollte ihn doch nicht hassen. Sie hatte ihn nie gehasst … Oh, wie konnte er nur?
Sie beendete ihr Abendessen, schob den Teller weg und starrte ins Leere. Sie beschloss ihren eigenen Rat anzunehmen, tief durchzuatmen und ein bisschen Abstand von der ganzen Sache zu gewinnen. Was war überhaupt passiert? Snape hatte ihr Tagebuch. Na und? War das so schlimm? Er konnte ihr nichts tun.
Er konnte es nur lesen.
Durchatmen!
Hermine versuchte nicht mehr daran zu denken. Das klappte zwar nicht, aber sie wurde ein bisschen ruhiger. Ein kleines Bisschen. In der Nacht auf Sonntag hatte sie kaum schlafen können, dafür schlief sie in der Nacht auf Montag wie ein Stein.
Und dann kam der Montag und damit die schlimmste Woche ihres Lebens.
t.b.c.
