Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.


Offenbarungen

Von Thea Potter

Kapitel 5

Doppelstunde Zaubertränke. So fing jeder Montag an, aber es war das erste Mal, dass Hermine vor dem Klassenzimmer stand und eine aufsteigende Übelkeit bekämpfen musste. Alles in ihr sträubte sich, diesen Raum zu betreten.

Wie in Trance folgte sie den anderen in den kühlen, feuchten Kerkerraum; ihre zitternden Hände versteckte sie tief in den Taschen ihres Umhangs. Snape stand schon an der Tafel und hatte der Klasse den Rücken zugedreht. Der bloße Anblick von Snape hinterließ bei Hermine ein Gefühl, als hätte ihr jemand in die Magengrube geschlagen. Ein Teil ihres Selbst wunderte sich über ihre heftige Reaktion; es tat richtig weh.

Verdammt, beruhige dich.

Dies war jetzt Hermines zweites Jahr in Snapes UTZ-Zaubertrank-Klasse. Die Klasse war deutlich kleiner als damals; es hatte sich heraus gestellt, dass Snape überschaubare, leistungsfähige Klassen zu schätzen wusste und ohne die Anwesenheit von Harry, Ron und Neville ein wenig entspannter agierte. Es war nicht unbedingt das entstanden, was man eine gelöste Atmosphäre nannte, aber immerhin benahm Snape sich hier nicht ganz so bedrohlich und ätzend wie in der Zeit bis zu Hermines fünftem Schuljahr. Es war wirklich annehmbar, wenn man den Vergleich zog.

„Kommen Sie, kommen Sie", hörte sie Snape murmeln. Sie versuchte das seltsame Gefühl zu ignorieren, das seine dunkle Stimme in ihrem Bauch hervorrief. Die Nachzügler erreichten ebenfalls den Klassenraum und ließen sich auf den Bänken nieder.

„Gut", sagte der Zaubertrankmeister zufrieden und legte die Hände flach aneinander. Er lächelte fast ein bisschen; für seine Verhältnisse schien er blendender Laune zu sein. Hermine biss sich auf die Unterlippe und richtete ihren Blick auf den Fußboden.

„Ich gehe davon aus", begann er seinen Vortrag, „dass Sie sich am Wochenende in Ihre Bücher gesehen und sich auf die heutige Stunde vorbereitet haben."

Witzbold. Ich habe mich schon in den Weihnachtsferien auf die heutige Stunde vorbereitet.

„Wie angekündigt, werden wir heute den Hellsichtigkeits-Trank brauen, und wir werden uns mit diesem Trank in den nächsten Wochen noch intensiver beschäftigen. Sorgfältig zubereitet, verstärkt er die Fähigkeit, Gedanken oder Gefühle anderer Personen wahrzunehmen."

Hermine hob unwillkürlich den Kopf; das war einfach zu interessant. Wieder einmal fand sie sich an Snapes Lippen hängend wieder, während er in seinem gewohnt gedehnten, gelangweilten Tonfall über die faszinierendsten Themen sprach.

„Die genaue Wirkung dieses Trankes ist sehr unterschiedlich", ", fuhr er fort. „Es gibt Personen, die kaum etwas spüren; andere nehmen die Gefühle von Menschen wahr, mit denen sie Blickkontakt haben, bei wieder anderen ist dafür kein Blickkontakt nötig, und einige können sogar hören, was ihre Mitmenschen denken." Er bleckte die Zähne. „Eine recht unerfreuliche Vorstellung, wenn Sie mich fragen. Ich hoffe, das Schicksal meint es gut mit mir und ich werde mir niemals all den gedanklichen Abfall anhören müssen, der in meiner Umwelt produziert wird."

Er legte die Handflächen gegeneinander und fuhr mit der Aufzählung der Nebenwirkungen fort. Hermine erfuhr, dass der Hellsichtigkeitstrank oft eine leicht Stimmung aufhellende Wirkung hatte; es gab Personen, die von tagelangen euphorischen Zuständen berichtet hatten.

„Aber achten Sie auf das, was Sie tun", mahnte Snape schließlich. „Bei falscher Zubereitung können die Wirkungen unangenehm potenziert oder auch in ihr Gegenteil verkehrt werden. Das kann recht unangenehme Folgen haben, wie der eine oder andere von Ihnen womöglich noch erfahren wird."

Snape lächelte süffisant und Hermine fing einen direkten Blick von ihm auf. Als ihre Blicke sich trafen, durchlief Hermine ein Schauer, und ihr Herz begann wie wild zu schlagen.

Reiß dich zusammen!

Sie setzte sich aufrecht hin und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Sie würde sich durch Snape nicht ihre Noten in Zaubertränke verderben lassen. Niemals!

Bald standen die Zutaten auf den Tischen und die Schülerinnen und Schüler waren mit der Lektüre der Zutatenliste beschäftigt. Wie so oft übersprang Hermine diesen Schritt; sie wusste, sie würde während der Zubereitung des Trankes nicht ein einziges Mal in das Buch schauen müssen. Normalerweise erfüllte sie das mit einem Gefühl der Befriedigung, aber heute war es ihr lästig; dieser Trank war zu einfach für sie, sie beherrschte jeden Handgriff so sicher, dass ihr zu viel Spielraum zum Grübeln blieb.

Hermines Tischnachbar Danny, ein großer blonder Junge aus Hufflepuff, hatte da offenbar größere Schwierigkeiten. Er schwitzte über seinem Kessel; sein Trank rauchte (was er nicht sollte), und schließlich beugte Danny sich unauffällig zu ihr hinüber.

„Hermine, was mache ich falsch?"

„Du hast das Senfkraut zu spät dazu gegeben", erwiderte sie leise ohne nachzudenken – und hätte sich im nächsten Moment fast mit der Hand auf den Mund geschlagen.

„Haben wir Probleme, Mr. Brottle?"

Hermine fiel fast vom Stuhl vor Schreck – Snape stand direkt hinter ihnen. Sie drehte sich halb zu ihm um und erstarrte. Sie hatte erwartet, dass er Danny ansehen würde. Aber er sah ihren Mitschüler nicht an. Sondern sie. Sein Blick war herausfordernd – und sie konnte die Drohung darin lesen.

„N– nein, Professor", stammelte Danny, „ich bin auf dem richtigen Weg, ich muss nur –"

„Ist Ihnen klar, Mr. Brottle" fragte Snape in seinem sanftesten Tonfall, der Hermine einen Schauer über den Rücken jagte, „dass unsere Miss Neunmalschlau hier es hasst, Ihnen zu helfen? Haben Sie eine Ahnung, wie unendlich lästig es Miss Granger ist, inkompetenten Stümpern wie Ihnen zur Hand gehen zu müssen, damit Sie Ihre Tränke nicht vermasseln?"

Hermines Augen weiteten sich, ihr Herzschlag setzte aus und ihre Atmung ebenfalls. Sie musste sich verhört haben. Aber nein – verdammt, nein, sie hatte sich nicht verhört.

Snape hatte gerade ihrem Mitschüler etwas aus ihrem Tagebuch verraten.

Eine Mischung von Wut und Fassungslosigkeit schoss wie Gift durch ihre Nervenbahnen. Das konnte einfach nicht wahr sein! Vor allem – er hatte das, was sie geschrieben hatte, ziemlich frei interpretiert! Wie konnte er es nur wagen in ihrem Namen zu reden und dabei auch noch beleidigende Worte zu verwenden, die sie nie und nimmer über die Lippen brächte? Was fiel ihm denn nur ein so etwas zu tun!

Snape war unterdessen einmal um das Pult von Hermine und Danny Brottle herum gegangen und stand nun mit verschränkten Armen vor ihrem Arbeitsplatz. Er schwieg. Hermine hatte die Hände unter dem Pult zu Fäusten geballt; sie schwieg ebenfalls. Danny stand der Mund offen, und Hermine konnte wiederum in seinem Blick die Frage lesen, ob das stimmte, was Snape gerade gesagt hatte.

Er kann es nicht beweisen, er kann nicht, er wird nicht ... Leugne es einfach, sei ganz natürlich...

Hermine lief rosarot an und wandte den Blick ab.

Und Danny - Danny drehte sich um und sprach von diesem Moment an kein Wort mehr mit ihr.

Der Meister der Zaubertränke schien das als Sieg zu werten; er hatte den Rest der Doppelstunde ein dünnes Lächeln auf den Lippen. Hermine wagte ihn nicht mehr anzusehen; sie hatte Angst, vor Wut die Kontrolle zu verlieren und irgendeine Dummheit zu begehen.

Als der Unterricht beendet war, stapelte Snape die Kessel der Schüler mit einem Wink seines Zauberstabs in der hintersten Ecke des Klassenraumes übereinander und verkündete, sie würden am Donnerstag am Hellsichtigkeits-Trank weiter arbeiten. Während die anderen Schüler herausströmten, hörte sie Snape leise ihren Namen sagen. Sie blieb wie angewurzelt stehen, und bald waren nur noch sie und ihr Zaubertranklehrer im Klassenraum.

Geh zu Dumbledore und sag ihm, was Snape da tut -

Als nächstes wird er dich fleischfressendes Unkraut jäten lassen, bis deine Hände bluten –

Heute Nacht lockst du Snape raus, brichst in sein Büro ein und holst dir das Tagebuch zurück –

„Kommen Sie her", sagte er in einem ruhigen, kalten Befehlston.

Sie durchschritt mit vor Wut weichen Knien das Klassenzimmer. Ihre Gedanken überschlugen sich; sie konnte sich nicht daran erinnern jemals so wütend gewesen zu sein. Aber dann war da noch ein unerwünschtes Gefühl von Unzulänglichkeit; Snape hatte ihr eine ziemlich einfache Bedingung gestellt und nicht einmal die hatte sie erfüllt. Und soeben hatte sie eins begriffen: Ihrer Zaubertranklehrer wusste erschreckend gut, wie wichtig es ihr war, was andere von ihr dachten. Durch dieses verdammte Tagebuch hatte er die Macht mit ein paar Worten ihren Ruf zu ruinieren – und sie konnte und wollte nicht riskieren, dass die ganze Schule sie hasste.

--- … Eintrag vom 23.11.xx: Heute bin ich fast wahnsinnig geworden. Der halbe Jahrgang hat mich gebeten meine Hausaufgaben rauszurücken, damit sie sie abschreiben können. Ich hasse das. Warum können sie sich nicht selbst anstrengen? Und wenn ihnen ihre Zeit dafür zu schade ist und sie sich lieber mit überflüssigem Zeug beschäftigen, warum sind sie nicht bereit die Konsequenzen zu tragen? Nein, sie wollen es sich so leicht wie möglich machen und sich ihren Erfolg erschummeln. Warum mache ich da überhaupt mit? Ich will das nicht. Ich lerne mehr als sie, ich weiß mehr, ich bin intelligenter als jeder andere Schüler an dieser Schule! Und ich will nicht, dass jemand die gleiche Note wie ich erhält, obwohl ich sie verdiene und der andere nicht! … ---

Hermine stand direkt vor Snape, aber sie war so in Gedanken versunken, dass sie ihn gar nicht richtig wahrnahm. Ihre Wangen waren heiß vor schlechtem Gewissen; sie schämte sich ihrer eigenen Gedanken. Andererseits … Verdammt! Es waren doch nur Gedanken. Sie war … Merlin, ja, sie war vielleicht manchmal ein bisschen überheblich gegenüber ihren Mitschülern … Aber sie hatte es den anderen doch nie gezeigt. Sie gab allen jede Hilfe, die sie brauchten; sie hatte es nie jemanden spüren lassen, wenn sie ihn oder sie dumm fand. Nicht wirklich. Sie hatte es nie gesagt. Sie hatte es nur aufgeschrieben. In ihr Tagebuch! Das konnte doch kein Verbrechen sein?

Zitternd machte sie eine unbewusste Bewegung Richtung Tür; sie wollte einfach nur weg, am liebsten wäre sie sofort in den Schlafraum gerannt um sich dort zu verkriechen.

„Sie wollen doch nicht etwa schon gehen?", hörte sie Snape spöttisch fragen.

Hermine zwang sich ihn anzusehen. Sie hob den Kopf und sah ihm in die obsidianschwarzen Augen ohne zu antworten.

Bleib ruhig. Er wird dir nichts tun. Mach, was er will, und alles wird gut.

„Ich werte das als nein", fuhr der Meister für Zaubertränke trocken fort. „Gut so. Ich habe mit Ihnen noch etwas vor."

Seltsam, dachte Hermine, ich bleibe so ruhig. Vielleicht ließ die Wirkung dieses Psychoterrors tatsächlich langsam nach.

„Was denn, Professor?", fragte sie und legte ihren ganzen gryffindorschen Mut in diese Frage hinein.

Snape schien ihre Unerschrockenheit nicht sonderlich imposant zu finden. Im Gegenteil, er lächelte offensichtlich amüsiert. Oh, wie sie dieses überhebliche Lächeln hasste. Ihr Mut verschwand so schnell, wie er gekommen war.

Schweigend ging er zu einer seiner Vitrinen, in denen unzählige Phiolen mit fertigen Zaubertränken aufbewahrt waren. Er griff hinein, holte eine Phiole hinaus und schüttete den Inhalt in ein Kristallglas. Hermine beobachtete seine geschmeidigen Bewegungen und schluckte, als er sich ihr mit dem Glas näherte. Er hielt es direkt vor ihre Nase und schwenkte es ein wenig hin und her, wobei er die dunkle Flüssigkeit betrachtete, die sich in dem Glas bewegte.

Dann sah er sie an und sein Blick war so intensiv, dass ihr der Atem stockte.

„Trinken Sie das."

t.b.c.