Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.
Offenbarungen
Von Thea Potter
Kapitel 6
„W-was für ein Trank ist das?"
Snapes Lippen kräuselten sich. Offensichtlich unterhielt er sich bestens.
„Nun", erwiderte er langsam, „es dürfte völlig ausreichend sein, wenn ich Ihnen sage, dass es kein Gift ist. Allerdings versteht sich das natürlich von selbst – woraus wir lernen können, dass dies eine der unzähligen Fragen war, die sie gar nicht hätten stellen müssen."
Er trat noch einen Schritt näher zu ihr, und sie wurde von seinen Geruch eingehüllt. Es war eine Mischung aus verschiedenen Kräutern und, naja – Snape eben, unverwechselbar Snape. Ungeachtet der Wut, die Hermine gerade empfand, nahm sie doch wahr, dass er fast beängstigend gut roch; und ihr wurde bewusst, dass ihr dieser Geruch vertraut war. Sie hatte ihn jahrelang während der Zaubertrankstunden wahrgenommen ohne zu bemerken, wie angenehm er war.
„Es wird wirklich Zeit", sprach Snape weiter, „dass Sie endlich die Erfahrung machen, dass Sie mit ihrer dauernden Fragerei nicht wirklich weiter kommen. Sie mögen die Hoffnung haben, dass Sie durch Wissen die Welt kontrollieren können ... Aber da irren Sie sich. Und je eher Sie es herausfinden, desto besser. Es gibt Dinge im Leben, die nicht vorhersehbar sind, wissen Sie ... Ziemlich viele Dinge ..."
Hermine sah ihn mit gerunzelter Stirn an.
„Ich trinke das nicht", murmelte sie ohne nachzudenken.
„Wirklich nicht?" Snapes Lippen kräuselten sich amüsiert. „Unter den gegebenen Umständen wage ich die Prognose, dass Sie es doch tun werden. Sie haben gute Gründe dafür." Jetzt lächelte er wirklich. „Sie wissen schon, was ich meine."
Die blanke Wut kroch erneut in Hermine hoch und schnürte ihr den Hals zu.
„Was … was denken Sie sich nur?", platzte sie heraus. „Wie können Sie es wagen, mich zu …"
Sie brach ab; ihr fehlten die geeigneten Worte, um ihrem Ärger und ihrer Enttäuschung Luft zu machen. Oder vielleicht war es auch den Eindruck, dass jedes weitere Wort eine Verschwendung von Energie gewesen wäre, denn es würde ihr ohnehin nicht gelingen, zu diesem Mann durchzudringen. Nein. Ein Snape war unfehlbar. Er sah sie nur mit dieser gewohnten, unerträglichen Arroganz an und schüttelte den Kopf.
„Also bitte, kommen Sie …", sagte er gedehnt, und sie entdeckte einen ungewohnten Klang in seiner Stimme, den sie nicht zuordnen konnte. „Tun Sie nicht so, als seien Sie enttäuscht von mir. Das geht mir so ans Herz, wirklich."
Angesichts des bösartigen Spottes stieß Hermine fast fauchend die Luft aus. Was für ein Widerling! Sie hasste ihn. Und sie hasste sich selbst dafür, dass es ihr weh tat, wenn er sich so verhielt.
„Wie viel von meinem Tagebuch haben Sie gelesen?", stieß sie hervor.
Snape legte den Kopf ein wenig schief und schien darüber nachzudenken, was er antworten sollte.
„Ach, kaum etwas", erwiderte er schließlich langsam. „Verstehen Sie, es ist eigentlich nicht interessant für mich. Es ist nicht meine Bettlektüre, da gibt es ... andere Dinge."
Seine Augen wurden erstaunlicherweise noch dunkler, als sie sowieso schon waren. Hermine schnürte es erneut die Kehle zu; sie war peinlich berührt angesichts dieser Mehrdeutigkeiten, mit der er sie da überschüttete. Und dann war da wieder diese Irritation, die sie in seiner Gegenwart schon kannte.
„Aber ich gebe zu", fuhr Snape gelangweilt fort, „ich habe ein oder zwei Passagen gelesen. Und noch heute, Miss Granger" – sein Tonfall wurde unangemessen sanft –, „werde ich eine weitere Passage lesen. Nur einen kurzen Abschnitt, natürlich. Sie verstehen, ich hole mir nur die erforderlichen Informationen um Sie bestrafen zu können, wenn Sie die Vereinbarungen nicht einhalten. So wie vorhin. Ich denke, wir verstehen uns. Und jetzt trinken Sie."
„Geben Sie schon her", sagte sie impulsiv und langte nach dem Kristallglas. Erschrocken von ihren eigenen Worten, griff sie unachtsam zu und berührte Snapes Finger.
Die Berührung jagte ein seltsames Kribbeln durch ihre Eingeweide. Snape ließ das Glas nicht sofort los; seine langen Finger bewegten sich leicht, es war kaum spürbar und fühlte sich doch an wie Streicheln ... Und dann waren Snapes Finger fort und Hermine stand da, mit dem Glas in der Hand und krampfhaft darauf bedacht, dass diese Hand nicht zitterte.
Einige Augenblicke lang war es Hermine unmöglich sich zu bewegen. Sie wartete auf einen scharfen Kommentar von Snape, aber der stand ebenso bewegungslos vor ihr, seine schwarzen Augen durchdrangen sie, und sie konnte nicht darin lesen ...
War das eben Absicht? Hat Snape mich absichtlich berührt? Das kann nicht sein.
Sie schob den Gedanken daran fort, führte das Glas in ihrer Hand an die Lippen und trank es in einem Zug leer.
Das Zeug schien Körpertemperatur zu haben – sie spürte kaum, wie es ihren Hals herunter lief. Im Magen verursachte es ein seltsam warmes Gefühl, aber nur kurz, dann war es vorbei.
Hermine lauschte in ihr Inneres hinein und konnte keine Wirkung feststellen.
„Und was jetzt, Professor?", fragte sie schließlich, wohl wissend, dass Snape sie eben noch aufgefordert hatte ihre „Fragerei", wie er das nannte, zu überdenken. Aber wie sollte sie denn sonst herausfinden, was sie nicht wusste?
Snape verschränkte die Arme vor der Brust. „Jetzt gehen Sie."
Hermine öffnete den Mund; er wedelte mit der Hand und sie verschluckte ihre Erwiderung.
„Sie haben doch gehört, was ich Ihnen zum Thema Fragen stellen gesagt habe." Seine Stimme wurde noch ein wenig tiefer und sandte wieder leichte Schauer über ihren Rücken. „Wir machen das ab jetzt so: Je mehr Fragen Sie stellen, desto weniger werden Sie erfahren. Verstanden?"
Sie spürte frische Wut in sich aufwallen und wandte den Blick ab. Snape rauschte mit einer fließenden Bewegung an ihr vorbei und öffnete die Tür. Während sie an ihm vorbeiging, wich sie seinem Blick aus; hoch erhobenen Hauptes und ihn vollständig ignorierend verließ sie das Büro. Snape reagierte darauf, indem er ohne ein weiteres Wort die Tür hinter ihr zuschlug – so laut, dass sie hochsprang. Anschließend ging sie gedankenverloren zur Großen Halle, lief einmal hindurch und spazierte aus dem Schloss um auf andere Gedanken zu kommen.
Erst, als sie weit entfernt von Hogwarts' Eingang auf dem Rasen stand, bemerkte sie, dass außer ihr niemand zu sehen war. Ein Blick auf die Uhr und sie stellte mit Entsetzen fest, wie spät es war – sie musste sehr, sehr schnell sein, wenn sie nicht zu spät in die nächste Stunde kommen wollte.
Verteidigung gegen die dunklen Künste. Bei Professor Lupin. Er unterrichtete seit einem halben Jahr wieder in Hogwarts, und wie schon damals machte er seine Sache sehr gut. Er war wahrscheinlich der beliebteste Lehrer der Schule, und es war sicher kein Zufall, dass Snape und Lupin an den Lehrertischen so weit entfernt voneinander saßen, wie es überhaupt möglich war. Wenn zwei Männer grundverschieden waren, dachte Hermine oft, dann Snape und Lupin – ihre konträren Unterrichtsstile waren nur ein Ausdruck davon. Der geduldige, gesellige und freundliche Remus Lupin schien für den Lehrerjob wie geschaffen zu sein, wohingegen man sich bei Severus Snape immer wieder fragte, warum um alles in der Welt er überhaupt Lehrer geworden war. Und doch, das Seltsamste war – Hermine mochte Lupin und Snape, auf je ihre eigene Art; sie schätzte sie beide, so unterschiedlich sie auch waren.
Mögen! Snape! Ha! Während Hermine mit wehenden Haaren zu Professor Lupins Unterrichtsraum stürmte, korrigierte sie sich in Gedanken. Nein, sie mochte Lupin. Snape, diesen kranken Slytherin, mochte sie definitiv nicht, warum auch, den konnte niemand leiden und sie erkannte endlich, dass es in diesem Fall richtig war, sich dem common sense anzuschließen.
Sie hielt inne, als sie sah, dass sie zu spät kam. Die Tür zum Klassenzimmer war bereits geschlossen und Hermine drückte fast lautlos die Klinke hinunter. Sie öffnete die Tür und erwartete, Professor Lupin vor den Schülerinnen und Schülern stehen zu sehen – und während sie schon zu einer Entschuldigung ansetzte, sah sie, wer da stand, und ihr stockte der Atem.
Oh ja. Da stand jemand. Aber es war nicht Lupin.
Es war Snape. Und er sah ihr mit einer Mischung aus Ärger und Spott direkt ins Gesicht.
Merlin, sie war so – dämlich! Morgen war Vollmond! Snape übernahm um diese Zeit herum doch immer Lupins Unterricht!
Und sie setzte erneut zu einer ausführlichen Entschuldigung wegen ihrer Verspätung an, als sie plötzlich etwas spürte – etwas, das sie völlig durcheinander brachte. Sie stand mit offenem Mund da und fühlte ... Sie fühlte einen Schwall von Empfindungen ... Gefühle, die den Raum erfüllten, näher kamen und ihr zusetzten wie laute Stimmen – Langeweile, Ärger, Überheblichkeit, unterdrückte Belustigung, Müdigkeit ... und Unruhe ... All diese Gefühle tobten durch den Raum und durch sie hindurch wie Poltergeister ... Und keins, wirklich keins dieser Gefühle gehörte zu ihr.
Es waren die Gefühle der anderen.
‚Sorgfältig zubereitet, verstärkt er die Fähigkeit, Gedanken oder Gefühle anderer Personen wahrzunehmen ...'
Dieser Bastard. Er hatte ihr den Hellsichtigkeitstrank verabreicht.
t.b.c.
