Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.
Offenbarungen
Von Thea Potter
Kapitel 7Hermine war schon immer ein Mädchen, das gern lernte. Das betraf nicht nur Bücher – sie war inzwischen alt genug, um zu erkennen, dass vielleicht das wichtigste Wissen aus der Erfahrung gewonnen wurde.
Und hier war es nun: das weite Feld der Erfahrungen. An diesem Montag lernte Hermine mehr als sonst in einem ganzen Jahr, sie lernte sie vor allem etwas über sich selbst, und nichts davon war angenehm. Trotzdem, gelernt ist gelernt, und sie hätte Snape vielleicht dafür danken sollen, aber als sie am Abend völlig erschöpft und heulend in ihrem Bett lag, war ihr nicht danach, ihm zu danken. Sie hasste ihn und trug sich die ganze Nacht mit Rachephantasien. Oh ja ... Sie hätte ihn den Löwen zum Fraß vorgeworfen, wenn sie Cleopatra gewesen wäre.
In dem Moment, in dem Hermine den Klassenraum betrat, wurde ihr schwindlig. Da waren so viele Gefühle ... Gefühle, von denen sie gar nichts wissen konnte, die nicht für sie bestimmt waren ... die persönlich waren. Es war nicht richtig. Sie wollte diese ganzen Gefühle nicht spüren, sie war völlig überfordert damit.
Aber am meisten überforderte sie etwas anderes: In diesem Moment, in dem sie die Gefühle der anderen spürte, fühlte sie sich selbst unwahrscheinlich einsam. Sie fühlte sich so allein wie nie in ihrem Leben. Da war keine Wärme in diesem Raum, keine Sympathie – jedenfalls keine, die ihr galt. Die Anwesenden waren mit sich selbst beschäftigt – und miteinander. Aber nicht mit ihr. Niemand. Es gab in diesem Raum keine einzige Person, die Hermine wirklich mochte.
Wenn Harry und Ron im Raum gewesen wären, hätte sie wenigstens deren Zuneigung gespürt. Jedenfalls ging sie davon aus. Aber Professor Dumbledore hatte die beiden als Bestrafung für ihr letztes Vergehen vom DADA-Unterricht beurlaubt, und zwar für zwei lange Wochen. Das war ungewöhnlich – es war das erste Mal, dass der Direktor Harry und Ron so eine schmerzliche Strafe aufbrummte. Aber sie waren selbst Schuld, fand Hermine – sie mussten ja unbedingt Draco Malfoy, Crabbe und Goyle in Lupins Unterricht in Mädchen verwandeln! Die ganze Schule hatte tagelang gelacht, nur die Slytherin nicht. Und Snape natürlich schon mal gar nicht.
Nachdem Snape Gryffindor fünf Punkte wegen Hermines Verspätung abgezogen hatte, setzte sie sich und übte mit den anderen einen neuen Abwehrzauber gegen einen Schwächungsfluch. Sie versuchte, die Gefühle der anderen zu ignorieren, aber das klappte nicht.
Es war furchtbar.
Ihre Mitschüler hatten Angst, sie waren nervös, sie waren wütend auf Snape und enttäuscht von sich selbst. Und all diese Gefühle bekam Hermine so intensiv mit, als wären es ihre eigenen. Ihr Herz klopfte unnatürlich stark, sie schwitzte und verspürte eine Beklemmung in der Brust, die immer stärker wurde.
Er gewinnt nicht.
Ich lasse ihn nicht gewinnen ...
Er versaut mir meine Noten nicht, nein, nicht Snape!
Die Stunde lief so ab, dass alle quer durcheinander und miteinander übten, und währenddessen griff Snape einzelne Schüler heraus, hetzte ihnen den besagten Fluch auf den Hals und wartete darauf, dass die Bedauernswerten ihre erworbenen Fähigkeiten zeigten.
Nach einer Stunde lag die Hälfte von Hermines Mitschülern matt in der Ecke, von Snapes Schwächungsfluch außer Kraft gesetzt. Sie übten mit Professor Lupin schon seit zwei Wochen daran, aber Hermine war immer noch die einzige in der Klasse, die diesen Zauber schon beherrschte. Panik kam bei denen auf, die Snape noch nicht dran genommen hatte, und von allen Seiten hörte Hermine die Bitte, ob sie bei den Übungen nicht helfen könne.
„Hermine, kannst du nicht vielleicht..."
„Hermine, bitte, ich habe ..."
Sie stellte fest, dass sie sich geirrt hatte, und zwar so richtig geirrt. Als Snape gefordert hatte, sie solle ihren Mitschülern nicht mehr im Unterricht helfen, war sie ganz erleichtert gewesen, und spontan hatte sie gedacht: Oh, wenn's weiter nichts ist. Aber da hatte sie ja noch nicht gewusst, dass sie gleich am Montag zwei Doppelstunden hintereinander Snape im Unterricht hatte. Außerdem (und das war noch schlimmer) fiel es ihr wider Erwarten sehr schwer, nein zu sagen; und sie musste es andauernd sagen, sie hatte gar nicht gewusst, wie oft sie bisher ihren Mitschülern geholfen hatte.
Sie merkte es erst jetzt. Sie wurde eigentlich andauernd um Hilfe gebeten, und nun musste sie sich andauernd abwenden und nein sagen, und sie konnte es nicht einmal erklären – sie schüttelte einfach den Kopf, wenn jemand um Hilfe bat, und wandte sich ihren eigenen Übungen zu.
Und dann lernte sie, dass Menschen sehr empfindlich reagieren konnten, wenn sie nicht bekamen, was sie wollten.
Ihre Mitschüler wurden wütend. Auf sie! Nur weil sie ohne ihre Hilfe arbeiten mussten, was doch eigentlich der Normalzustand sein sollte. Aber offenbar dachten ihre Mitschüler anders darüber – sie erwarteten ihre Hilfe, als wäre sie selbstverständlich. Und in dem Moment, in dem sie ihnen nicht half, blieben nur noch schlechte Gefühle übrig, die Hermine entgegen schlugen. Es war, als würde sie es hören können.
Streberin.
Diese arrogante Kuh.
Ich konnte sie noch nie leiden.
Es wurde von Minute zu Minute schlimmer. Und als die allgemeine Abneigung gegenüber Hermine ihren Höhepunkt erreicht hatte, stand Snape vor ihr.
„Nun sind Sie am Zug, Miss Granger", sagte er mit seiner dunklen, weichen Stimme, und Hermine bekam weiche Knie. Vor Angst, ganz bestimmt.
Sie reagierte schnell. Vielleicht war es die angestaute Frustration der letzten Stunden. Sie sah, wie Snape zu seinem Fluch ansetzte, aber sie war schneller; ihr Abwehrzauber riss ihm den Zauberstab aus der Hand und schleuderte ihn ein paar Meter von ihr weg. Er fiel rückwärts in die Kissen, die auf dem Boden verstreut lagen.
Langsam stand er auf, mit äußerst bedächtigen, würdevollen Bewegungen. Es war der einzige Augenblick des Tages, in dem Hermine fast gegrinst hätte, aber das wäre keine gute Idee gewesen – außerdem fiel ihr in diesem Moment etwas auf: Sie konnte Snapes Gefühle nicht spüren. Sie hatte kein Erschrecken wahrgenommen, nicht einmal ein leichtes Erstaunen, als sie ihn entwaffnet hatte.
„Das war ... nicht schlecht, Miss Granger", murmelte Snape, und lauter: „Der Rest der Klasse zeigt so erbärmliche Leistungen, dass es in diesem Fall nicht schaden kann, sich ein Beispiel an dieser Übung zu nehmen. Ich hoffe, Sie haben alle hingesehen und konnten erkennen, wie Miss Granger ihren Abwehrzauber eingesetzt hat."
Ein kaum hörbares Murmeln ging durch die Klasse, und eine wahre Flut der ehrlichen, intensiven Abneigung erreichte sie. Der Augenblick des Triumphs war vorbei, Hermine wäre fast in Tränen ausgebrochen. Snape sah sie direkt an, sie blickte in seine schwarzen Augen, und die Zeit fror ein. Und wieder schoss ihr durch den Kopf, dass da etwas fehlte, sie hätte ein Gefühl von ihm wahrnehmen müssen, irgendein Gefühl – aber da war nichts. Sein Blick war so unlesbar wie seine Gesichtszüge. Und doch, irgendetwas war da, irgendetwas.
Oh, wie sie ihn hasste. Die Stunde ging zuende, und sie wich einer weiteren Konfrontation mit ihrem Lehrer aus – sie floh regelrecht aus dem Klassenzimmer. In der Großen Halle traf sie auf Harry und Ron und spürte zum ersten Mal seit Einnahme des Trankes Wärme und Zuneigung, die ihr galt. Die beiden sahen sie ganz entsetzt an und Hermine wagte sich nicht vorzustellen, wie schlecht sie aussah.
„Mine!", rief Harry, „was ist denn los mit dir?"
Harry und Ron traten einen Schritt auf sie zu – Sorge, Sympathie und Mitleid stürmten auf sie ein, und es war zuviel. Die Tränen brachen hervor, und zugleich ging Hermine rückwärts und machte abwehrende Handbewegungen –
„'Tschuldigt ... Jungs ... muss jetzt allein sein ..."
Und sie rannte den ganzen Weg bis in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors und ihren Schlafraum, wo sie sich bis zur nächsten Stunde weinend verkroch.
t.b.c.
