Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.
Offenbarungen
Von Thea Potter
Kapitel 8Der Rest des Tages war nicht besser. Auf ihrem Stundenplan standen noch Verwandlung und Muggelkunde; Hermine überlegte kurz, sich bei Madam Pomfrey krank zu melden, aber dann hätte sie zu viel Stoff verpasst. Also schälte sie sich aus ihrem Bett, verließ den wundervoll stillen Schlafraum und kehrte in das grässliche Gefühlschaos von Hogwarts zurück.
Am Ende dieses Montags war sie sich ganz sicher: Sie war eine der unbeliebtesten Personen in der ganzen Schule. Gut, die Hitliste wurde sicherlich von Snape angeführt, und die folgenden drei Plätze waren dann frei – aber danach kam sie, Auftritt Hermine Granger, die blöde Streberin mit den buschigen Haaren. Abgesehen von Harry und Ron gab es niemanden, der sie wirklich leiden konnte. Entsetzt stellte sie fest, dass selbst Neville sie nicht besonders mochte, er reagierte ganz neutral auf sie - ohne Abneigung, aber auch ohne jedwedes freundschaftliche Gefühl.
Selbst die Lehrer machten die Sache nicht besser. Professor McGonagall schenkte ihr wohl ein wenig Aufmerksamkeit, und Hermine spürte ihre Befriedigung, die eine Lehrerin bei einer guten Schülerin eben verspürt. Aber das war es dann auch. Und bei Professor Link, dem neuen Muggelkunde-Lehrer, bemerkte sie Ungeduld und deutliche Abneigung, wann immer sie sich meldete. Hermine hatte niemals bemerkt, dass er sie nicht ausstehen konnte. Völlig verunsichert von der wiederholten Welle der Antipathie, die Professor Link aussandte, hörte sie schließlich auf, sich zu melden und döste den Rest der Stunde dumpf vor sich hin.
Als der Schultag vorbei war, wünschte Hermine sich nichts sehnlicher, als den Rest des Abends mit Harry und Ron zu verbringen. Aber zu allem Überfluss hatte Snape die beiden nachmittags im Gang erwischt, wie sie fragwürdige Scherzartikel von Rons Brüdern ausprobierten, und die Folge war Strafarbeit bei Filch, Pokale schrubben. Direkt nach dem Abendessen trotteten die Jungs von dannen, und Hermine musste sich zusammenreißen, um ihnen nicht weinend hinterherzurennen.
Lasst mich nicht allein, bitte.
Sie hatte ja keine Ahnung gehabt, wie viele Gefühle in Hogwarts herumschwirrten. Und oh ja, es gab viele gute Gefühle in Hogwarts, es gab Sympathie und Vertrauen und sogar Gefühle des Verliebtseins, und irgendwann lief Hermine an einem leeren Klassenzimmer vorbei und hätte schwören können, dass sie ganz kurz so etwas wie körperliche Lustgefühle wahrgenommen hatte. Mit hochroten Kopf lief sie weiter. Es war furchtbar, sie hatte doch mit diesen Gefühlen gar nichts zu tun. Sie hatte mit diesen Menschen gar nichts zu tun. Sie stritten sich, mochten und liebten sich, und Hermine stand abseits. Sie war einfach völlig allein.
Und die Wirkung des Trankes ließ nicht nach. Um kurz nach neun Uhr war Hermine so mit den Nerven fertig, dass sie heulend im Mädchenklo saß, was ungute Erinnerungen in ihr wach rief. War sie nicht im ersten Schuljahr in genau dieser Situation gewesen? Keiner mag mich. Aber dann hatte sie mit Harry und Ron diesen Troll zu Fall gebracht, und mit der Zeit hatte sie ernsthaft geglaubt, ihr Gefühl, dass niemand sie mochte, sei bloße Einbildung gewesen.
Oh ja, so wird man klüger.
Vor dem Spiegel stehend, erkannte Hermine schließlich das volle Ausmaß der Katastrophe. Ihr Gesicht war verwüstet, vom Weinen geschwollen, die Haare sahen aus, als sei sie in einen Wirbelsturm geraten, und ihre Nase war rot und lief immer noch.
Ich gehe jetzt zu Snape. Ich gehe in sein Büro und bringe ihn um.
Wie in Trance ging Hermine den Weg in die Kerker; sie klopfte an Snapes Bürotür, ohne weiter darüber nachzudenken. Als keine Reaktion kam, war sie fast erleichtert, denn es war bereits nach zehn Uhr. Andererseits, dachte sie, während sie an seiner Bürotür lehnte, was kümmerte es sie? Es war spät, na und? Sie hatte gerade einen entsetzlichen Tag hinter sich gebracht, und Snape war Schuld daran.
Dieser Mistkerl.
Sie würde jetzt nicht gehen, beschloss sie, nein – sie würde auf ihn warten und ihn zur Rechenschaft ziehen, er würde für all das bezahlen, sie würde –
Plötzlich war Snape da. Sie hatte seine Schritte im Gang nicht gehört, er kam lautlos um die Ecke gerauscht und blieb abrupt stehen, als er sie sah. Hermine erschrak – nicht nur, weil er so plötzlich erschienen war, sondern vor allem, weil er sie selbst so erschrocken ansah.
Und dann fühlte sie. Ein Erschrecken, das zuerst der Situation galt – und dann ihr selbst; eine Woge des Mitgefühls, Schuldgefühle, leise Trauer und stille Zärtlichkeit – all diese Empfindungen legten sich wie eine warme Decke über sie, und dann ... war Snape an ihr vorbei gerauscht und in seinem Büro, die Tür fiel ins Schloss, und sie stand immer noch im Gang.
Das kann nicht sein.
Hermine war wie vor den Kopf geschlagen. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, minuntenlang stand sie nur da, unfähig zu denken. Schließlich tat sie das einzige, das ihr einfiel. Sie klopfte erneut.
„Moment", hörte sie Snapes Stimme; nachdem eine weitere Minute verstrichen war, öffnete sich die Tür.
Hermine wollte eintreten, aber Snape stand so, dass sie nicht hinein konnte. Seine Arme waren vor der Brust verschränkt, seine gesamte Körperhaltung drückte Abwehr aus, und er sah sie an, ohne die geringste Emotion zu zeigen. Und Hermine fühlte nichts von ihm. Nichts. Nichts.
„Lassen Sie mich rein." Wie aus der Ferne registrierte sie, dass ihre Stimme zitterte, und dann spürte sie, wie sich eine Träne aus einem Auge löste.
„Nein."
Mehr nicht. Aber auch wenn Hermine jetzt keine Gefühle mehr von ihm wahrnehmen konnte – sie konnte hören, dass seine Stimme nicht so ruhig war wie sonst, und in seinen schwarzen Augen war jetzt etwas, das ganz nahe an die Gefühle heran kam, die sie eben noch wahrgenommen hatte.
Hat der Trank aufgehört zu wirken?
„Wie konnten Sie das tun?", flüsterte sie jetzt und konnte nicht verhindern, dass weitere Tränen still über ihr Gesicht liefen. „Warum?"
Sie sah, wie er schluckte. „Sie haben heute Ihre Umwelt lediglich so wahrgenommen, wie sie ist", sagte er mit nüchternem Tonfall. „Zufällig weiß ich, dass Sie an einer realistischen Einschätzung der Wirklichkeit interessiert sind, und ich habe Ihnen geholfen, Ihren Realismus ein wenig auszubauen. Das ist alles."
Du hast meine Frage nicht beantwortet, dachte Hermine. Aber sie schwieg, es gab nichts mehr zu sagen. Sie hatte ohnehin völlig vergessen, warum sie ursprünglich gekommen war.
„Ich hätte nicht herkommen sollen", flüsterte sie.
Snape schloss kurz die Augen. „Da stimme ich Ihnen ausnahmsweise zu", erwiderte er kaum hörbar und strich seine schwarzen Haare zurück. Er sah müde aus. „Also", fügte er hinzu, „was machen Sie noch hier? Gehen Sie ins Bett."
Hermine nickte knapp, drehte sich um und lief davon. Sie meinte noch, seinen Blick in ihrem Rücken zu spüren und musste sich zwingen, sich nicht noch einmal umzudrehen. Eine Ewigkeit schien zu verstreichen, bevor sie aus einiger Entfernung hörte, wie Snape seine Bürotür ins Schloss fallen ließ.
t.b.c.
