Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.


Offenbarungen

Von Thea Potter

Kapitel 13

Nun war es an Hermine, den Zaubertrankmeister sprachlos anzustarren.

Toll. Großartig. Danke.

Hatte sie wirklich geglaubt, er würde auch nur mit einem Wort auf ihre Bitte reagieren? Pah, ein Zaubertrankmeister antwortete doch auf so etwas nicht. Sie hätte sich vor ihm tränenüberströmt auf die Knie werfen können, und er hätte nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Oder doch – er hätte eine Augenbraue gehoben. Das war auch alles, was er konnte! Hatte sie nicht eben gerade gesagt, dass sie ihn nicht hasste? Hatte sie es nicht sogar laut gesagt? Was für eine Schnapsidee!

„Sie werden mir heute Abend beim Sammeln frischer Trankzutaten helfen", hörte sie seine dunkle Stimme wie aus weiter Entfernung.

Sie starrte ihn entsetzt an. Was, erst heute Abend, hätte sie fast gerufen. Sie wollte es hinter sich haben, und zwar möglichst schnell – aber er zog es immer weiter in die Länge. Machte der Mann das eigentlich mit Absicht?

„Seien Sie um 19 Uhr 30 am Eingangstor. Wir werden gegen zehn Uhr zurück sein. Ach, und nehmen Sie festes Schuhwerk und Regenkleidung mit. Ich hoffe, dass es schneien wird."

Mistkerl!

„Für den Moment wäre das alles, Miss Granger", setzte er in einem, wie sie fand, unangemessen scharfen Tonfall hinzu. Sie erwartete, dass er auf sie zugehen und ihr den Weg zur Tür weisen würde, aber stattdessen ging er drei Schritte zurück und verschränkte die Arme vor seiner Brust. Sie nickte knapp und lief aus dem Raum, ohne noch einmal Blickkontakt zu ihm herzustellen.

Eben war es noch ein ganz winziger Teil von ihr gewesen, der bedauerte, dass dieser verdammte Emotions-Trank nicht wirkte; jetzt war es ein ziemlich großer Teil. Der Mann war einfach ein Ekelpaket und ein gefühlloses Ungeheuer; und es war gar nicht einzusehen, dass er nach all dem ungeschoren davon kommen würde.

Gefühllos? Sei nicht albern, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf, und Hermine wusste, dass diese Stimme Recht hatte; sie hatte seine Gefühle doch selbst wahrgenommen. Dort im Kerker, vor seinem Büro. Aber die Erinnerung daran war schon ganz blass geworden; sie war verschwommen und irgendwie irreal, nicht mehr greifbar. Sie wusste genau, wenn sie nicht noch irgendeinen weiteren Hinweis in dieser Richtung bekommen sollte, würde sie binnen kürzester Zeit keinen Pfifferling mehr auf diese Erinnerung geben. Und es war nicht abzusehen, dass so etwas Ähnliches noch einmal passieren würde.

Wohl besser so, dachte sie wütend. Was sollte auch dabei herauskommen? Wenn sie nur an Snape dachte, knirschten ihr schon die Zähne. Er war so ein ... Mistkerl, es war völlig undenkbar, diesen seltsamen Gefühlen nachzugeben ... und was würde das überhaupt bedeuten, ihnen nachzugeben?

Hermine schauderte, als sie den nahe liegenden gedanklichen Bogen von erotischer Anziehung zu sexueller Beziehung spann. Eigentlich lag das auf der Hand – aber in diesem Fall: Nein!

Überhaupt nicht!

Nie im Leben!

Das konnte er doch auch nicht wollen, überlegte sie. Snape und Sex? Absurd. Mit ihr? Völlig absurd. Der Mann lebte sicher seit seiner Pubertät wie ein Eremit und würde es auch immer tun, und garantiert hatte er keine feuchten Träume von Schülerinnen.

Schon gar nicht von ihr.

Lachhaft!

Hermine musste grinsen, während sie darüber nachdachte. Das Ganze war so blödsinnig und abwegig. Ihre Gedanken waren irgendwohin geraten, wo sie nichts zu suchen hatten. Sex mit Snape! Eine wirklich hirnrissige Idee. Sie sollte Harry und Ron bei Gelegenheit davon erzählen; sie würden sich nicht mehr einkriegen vor Lachen.

Ein Gefühl von Leichtigkeit erfasste sie. Nach dieser Horror-Woche war sie so ein Gefühl nicht mehr gewohnt, und es war auch irgendwie irreal – als würde es sich binnen kürzester Zeit in Luft auflösen. Aber das konnte ihr egal sein; sie genoss es einfach. Nach dem Gespräch mit Snape ging sie wie üblich in die Bibliothek, um vor dem Abendessen noch eine einige Zeit ungestört lernen zu können; das Abendessen ließ sie dann ausfallen, was auch nicht unüblich war, und las noch ein bisschen weiter. Vor kurzem hatte sie angefangen, alles über Animagi zu lesen, und jetzt knüpfte sie wieder daran an; sie wollte unbedingt eine Animaga werden, und sie würde es schaffen. Natürlich würde sie das.

Dieses Gefühl von Leichtigkeit hielt etwa zwei Stunden an, und in diesem Zeitraum kam ihr alles wie ein übler Traum vor. Sie war vorübergehend in ihr übliches Leben zurückgekehrt, Snape war Snape, Gryffindor war Gryffindor und alles war in bester Ordnung.

Aber das hielt natürlich nicht an.

Kurz nach sieben Uhr betrat Professor Link, der Muggelkunde-Lehrer, die Bibliothek. Er ging direkt an Hermines Stuhl vorbei. Durch seine Anwesenheit wurde Hermines Aufmerksamkeit aus der Bücherwelt herausgerissen, und sie fühlte sich unsanft an jenen Montag und seine Ereignisse erinnert. Ihre Blicke trafen sich, als er an ihr vorbei ging.

„Miss Granger", sagte er mit seiner leicht quakenden Stimme und nickte ihr zu. Hermine saß starr da und konnte sich gerade noch zusammenreißen, wenigstens ansatzweise zurück zu nicken.

Als er aus ihrem Blickfeld verschwunden war, atmete sie hörbar aus. Vor diesem unseligen Montag war ihr nicht klar gewesen, dass er sie nicht ausstehen konnte; aber das lag wohl daran, dass er ihr auch nicht besonders sympathisch war und sie nie richtig auf ihn geachtet hatte. Er war ein kleiner, unsympathischer Typ mit leicht hervorquellenden Augen, der über Muggel wie über possierliche Tierchen redete und der in Aussehen und Stimme einem Frosch glich. Der Unterschied war nur, dass Hermine Frösche wirklich mochte und diesen Professor nicht.

Dann kam Link wieder zwischen den Regalen hervor und ging auf sie zu; er lächelte sie an, und Hermine musste sich wiederum zusammenreißen, um nicht das Gesicht zu verziehen. Wieso lächelte der so?

„So fleißig heute", sagte er, während er sich ihr näherte, „aber das sind Sie ja immer." Mit einem letzten Schritt stellte er sich sehr nahe zu ihr. Das war entschieden zu nahe, fand sie, aber noch nicht nahe genug, um wegen Belästigung Madam Pince um Beistand zu bitten. Leider.

„Professor Link", sagte sie schließlich in fragendem Tonfall und verzichtete aus die Ausformulierung der Frage, was um Himmels Willen er von ihr wollte.

Er legte eine Hand auf die Tischplatte vor ihr. Sie betrachtete unwillig seine Hand mit ihren Wurstfingern und den viel zu kurzen Fingernägeln; er lächelte immer noch.

„Ich habe vorhin nach Ihrem ... Freund gesucht. Mr. Potter. Sie wissen nicht zufällig, wo er ist?"

Vor einer Woche hätte Hermine sich bei seiner Frage nichts weiter gedacht; diesmal jedoch war sie irritiert von seiner falschen Freundlichkeit, hinter der sich, wie sie ja inzwischen wusste, eher Feindseligkeit als Sympathie verbarg. Er stand vor ihr mit seinem zuckersüßen Froschlächeln und war so auffallend freundlich, dass es gar keine Frage gab: Da stimmte etwas nicht.

„Nein, Professor. Tut mir Leid, ich habe keine Ahnung", erwiderte sie und dachte an den leer stehenden Klassenraum, in dem sich Harry und Neville wahrscheinlich in diesem Moment aufhielten. Harry zog sich seit über zwei Wochen dorthin mit Neville zurück, immer nach dem Abendessen, wenn es ihre Zeit zuließ. Was sie dort genau taten, wusste Hermine ebenso wenig wie Ron; Harry hatte sie um Verständnis gebeten, aber es sei besser, wenn sie es nicht wüssten. Für Ron und Hermine war es gleichzeitig einfach und unendlich schwierig, das zu zu akzeptieren; im Laufe der letzten zwei Jahre war Harrys Leben noch schwieriger und gefährlicher geworden, und zumindest für Hermine war klar, dass er durch sein Schicksal, das ihn auf so schreckliche Weise mit Voldemort verband, sehr allein war. Vieles, was er tun musste, musste er ganz allein und ohne Hilfe bewältigen, und Hermine spürte in diesem Moment, wie ein unangenehmer Druck sich in ihrem Hals bildete, während sie an Harry dachte.

Sie hatte die enttäuschte Antwort ihres Muggelkunde-Professors kaum mitbekommen; allerdings hatte sie bemerkt, dass seine überfreundliche Fassade für einen Augenblick in sich zusammengefallen war, bevor er sich eilig verabschiedet und aus der Bibliothek gerauscht war.

Hermine fasste einen schnellen Entschluss, legte die Bücher mit den entsprechenden Lesezeichen für den nächsten Tag eilig beiseite und rauschte mit wehendem Umhang aus den Bibliotheksräumen. Darauf achtend, dass niemand ihr folgte, lief sie ohne Umweg zu dem Klassenzimmer, in dem sie Harry und Neville vermutete; leise klopfte sie an die modrig riechende Holztür, bevor sie ohne eine Antwort abzuwarten hereinplatzte.

Sie fand Neville auf dem Boden kniend vor, sehr blass und mit einem konzentrierten Gesichtsausdruck; Harry stand einige Meter von ihm entfernt und schien ebenfalls hochkonzentriert zu sein. Beide schienen eine Weile zu brauchen, bis sie sich aus diesem Zustand der Konzentration rissen und sich dem Eindringling zuwandten.

„Hermine", sagte Harry erstaunt. Neville sah sie seltsamerweise gar nicht an; sein Blick war unverwandt auf Harry gerichtet.

„Entschuldigt bitte", keuchte Hermine atemlos. „Ich bin so gerannt. Ich wollte euch nicht stören, wirklich, aber in der Bibliothek ist eben Professor Link erschienen und hat nach dir gefragt, Harry. Irgendetwas daran kam mir seltsam vor, ich weiß selbst nicht genau, was es war. Es schien mir einfach nur wichtig, dass du –"

„Wann war das?", unterbrach Harry sie. „Eben gerade?"

„Ja, er war vor höchstens fünf Minuten in der Bibliothek. Ich bin so schnell hergekommen, wie ich konnte."

Harrys Reaktion nach zu urteilen, war das wohl keine schlechte Idee gewesen. Sein Gesichtsausdruck hatte sich bei der Erwähnung des Professors geändert; mit einer Mischung aus Überraschung und Wut sah er Hermine an, aber sie konnte deutlich erkennen, dass diese Wut sich nicht auf sie bezog.

„Wir müssen hier rausgehen", sagte Harry in Nevilles Richtung. „Auf der Stelle." Dann wandte er sich Hermine zu: „Vielen Dank, Mine, das war sehr ... umsichtig von dir. Ich erkläre dir alles später, versprochen!"

Er zog sie in eine schnelle, stürmische Umarmung, die Hermine erwiderte. Es war eine sehr vertrauliche, enge Umarmung; sie spürte den Körper ihres Freundes an ihrem, und ohne darüber nachzudenken, schmiegte sie sich einen Moment lang noch näher an ihn, bevor sie ihn losließ. Harry sah sie überrascht an; aber es war keine unangenehme Überraschung, denn er lächelte breit, in seinen grünen Augen tanzte echte Freude, und er gab ihr noch einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter, bevor er zusammen mit Neville aus dem Klassenraum lief.

Hermine ging den beiden langsam hinterher. Nach einem Blick auf ihre Uhr schlug sie den Weg in die gryffindorschen Gemeinschaftsräume ein, um sich anzuziehen und dann auf den Weg zum Schultor, zu Snape und der Strafarbeit zu machen.

Normalerweise wäre sie in diesem Moment mit den Gedanken beschäftigt gewesen, was Harry und Neville dort wohl getan hatten und welche Rolle dieser froschartige Professor wohl spielen mochte. Und sie hätte sich vermutlich ein wenig gegrämt, weil Harry die Antworten hatte und es ihr nicht sagte. Aber all diese Gedanken waren zurückgedrängt durch das Nachspüren dieser Umarmung – es war eine herzliche, warme Umarmung gewesen. Freundschaftlich. Sonst nichts. Während Hermine ihre Regenkleidung aus dem Schrank holte und sich feste Schuhe anzog, wurde ihr klar, dass es das erste Mal gewesen war, dass sie und Harry sich auf diese Weise umarmt hatten – denn bisher hatte Hermine immer befürchtet, dass bei Harry (oder auch bei Ron) die Hormone ins Spiel kommen und ihre Freundschaft zueinander in Gefahr bringen könnten. Sie waren in den vergangenen zwei Jahren immer etwas linkisch miteinander umgegangen, wenn es auch nur ansatzweise um körperlichen Kontakt ging.

Er liebt mich nicht.

Oh nein, Harry empfand nicht das für sie, das sie befürchtet hatte. Sie wusste das seit vergangenem Montag – dank dieses verdammten, wundervollen Hellsichtigkeits-Trankes –, und es wurde ihr erst jetzt in vollem Umfang klar: Dieser Montag hatte ihre Freundschaft zu Harry und Ron in einem ganz neuen Umfang möglich gemacht, denn seitdem wusste sie, dass keiner der beiden in sie verliebt war. Und es war wundervoll, sich dessen bewusst zu werden.

Sie lieben mich nicht, sie lieben mich nicht ...

Und so, fast glücklich vor sich hinsummend, als wäre die Entdeckung des Nichtgeliebtwerdens ein wahr gewordener Traum, erreichte Hermine das Schultor.

t.b.c.