Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.


Offenbarungen

Von Thea Potter

Kapitel 14

Snape stand bereits da, an eine der Säulen gelehnt. Zuerst sah Hermine nur seinen Atem in der Luft, dann bemerkte sie auch seine schwarze, schmale Gestalt, die hinter der riesigen Säule fast nicht zu sehen war. Er reagierte nicht, als sie mit klopfendem Herzen auf ihn zuging; offenbar war er mit den Gedanken woanders. Unwillkürlich verlangsamte sie ihren Schritt und näherte sich ihm fast lautlos.

Oh ja, er hatte sie definitiv nicht bemerkt. Sein Gesicht war entspannt, und seine Arme waren, untypisch für ihn, nicht vor der Brust verschränkt; er hielt irgendetwas in seiner linken Hand und schien es hin und her zu bewegen, Hermine konnte es nicht richtig erkennen. Er strahlte eine Ruhe aus, die sie nicht von ihm kannte, sein Blick war in die Dunkelheit in Richtung See gerichtet. Einige Augenblicke lang sah sie ihn einfach an und wünschte sich, dass der Moment nicht vergehen möge; aber dann wurde ihr klar, dass sie schon viel zu nahe bei ihm stand und ihn unweigerlich erschrecken würde.

„Ahem."

Snape fuhr mit wehendem Umhang herum. Er drehte sich zu ihr, aber die Bewegung war so heftig, dass sie den Eindruck hatte, er gehe auf sie los. In seinen Augen blitzte kurz etwas auf, das Hermine normalerweise als Panik beschrieben hätte, dann kippte der Ausdruck, und für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie Angst vor ihm. Wirkliche Angst – und sie wurde nicht dadurch kleiner, dass Snape in seiner Hand ein kleines Messer hielt.

Sie konnte regelrecht dabei zusehen, wie er auf den Boden der Realität zurückkehrte. Sein Blick festigte sich, seine Schultern sanken, und er atmete hörbar aus. Er schloss die Augen und öffnete sie wieder; sie wollte sich entschuldigen, aber er sprach zuerst.

„Missss Granger", murmelte er gedehnt und mit dunkler Stimme, und da war kaum Tadel, sondern eher Erschöpfung in seiner Stimme.

„Tut mir wirklich Leid, Sir", flüsterte sie, „ich wollte Sie nicht erschrecken. Sie waren so in Gedanken, ich –"

Er hob die Hand, und sie verstummte.

„Gehen wir."

Mit einer schnellen Bewegung und einem leisen Klick klappte Snape das Messer zusammen und ließ es in seinem Umhang verschwinden. Reuevoll folgte Hermine dem Mann in Schwarz, der den verschneiten Weg zum Verbotenen Wald einschlug. Hermine bemerkte das zunächst nicht; sie betrachtete seine Kleidung und stellte fest, dass er ebenso wie sie einen schweren Winterumhang mit Kapuze und wetterfeste Stiefel trug. Nach einigen hundert Metern profitierten sie nicht länger von der Beleuchtung des Schlosses und gingen in der Dunkelheit weiter; immerhin lag der Schnee seit Wochen schwer auf Hogwarts' Ländereien und erhellte die mondlose Landschaft ein wenig.

Snape ging sehr zielstrebig geradeaus. Hermine folgte ihm in dichtem Abstand und spürte schon wieder Ungeduld in sich wachsen; warum sagte er ihr nicht, wohin sie gingen und was sie vorhatten? Wenn sie jetzt fragte, würde sie ohnehin nur eine bissige Antwort erhalten, ohne dass er auf ihre Frage selbst eingehen würde. Er ging schweigend und sie spürte, wie schwierig es für sie war, ebenfalls zu schweigen. Sie musste sich regelrecht auf die Zunge beißen.

Nach einer Weile war der Wald direkt vor ihnen.

„Wir gehen in den Verbotenen Wald?", fragte Hermine schließlich, unfähig, weiter zu schweigen; sie wusste, dass die Frage nicht gerade bahnbrechend intelligent war, aber sie musste einfach etwas sagen.

„Ihre Auffassungsgabe war schon immer bemerkenswert", erwiderte Snape mit einem fast abwesenden Tonfall, ohne sein Schritttempo zu verlangsamen.

„Aber –", begann Hermine erneut, wurde aber überraschend scharf unterbrochen.

„Miss Granger", fuhr Snape ihr dazwischen, „ich sage es nur einmal." Er war stehen geblieben, und selbst in dieser Dunkelheit meinte sie, seine Augen blitzen zu sehen.

„Ich erwarte von Ihnen, dass Sie in den nächsten zwei Stunden den Mund halten. Keine Fragen, keine Kommentare. Wenn Sie dazu nicht in der Lage sind, schicke ich Sie zurück ins Schloss und Sie melden sich bei Filch, und der hat heute wirklich schlechte Laune, weil sein Haustier krank ist. Haben wir uns verstanden?"

Hermine schluckte und nickte stumm. Derart klare Aussagen war sie von Snape überhaupt nicht gewohnt. Vielleicht, so dachte sie, war das besser als dieses andauernde Katz-und-Maus-Spiel, das der Tränkemeister sonst so zu lieben schien; und auch wenn sie wusste, dass seine Forderung für sie schwerer zu bewältigen war als jede normale Hausaufgabe, fügte sie sich und beschloss, seiner „Bitte" nachzukommen.

Es stellte sich als noch schwieriger heraus, als Hermine ohnehin befürchtet hatte. Während sie im Verbotenen Wald in völliger Dunkelheit über Stock und Stein liefen, musste sie sich immer wieder ermahnen, nichts zu sagen oder zu fragen. Sie mochte es ebenso wenig wie andere Schülerinnen und Schüler von Hogwarts, durch diesen Grusel-Wald mit seinen verborgenen Kreaturen und undefinierbaren Geräuschen zu laufen; sie hätte wenigstens gern gewusst, warum sie hier waren.

Das Schweigen fiel ihr nicht nur schwer, es quälte sie regelrecht. Sie war so beschäftigt damit, dass sie kaum die kleinen Schneeflocken bemerkte, die zaghaft begonnen hatten, um sie herum zu tanzen; erst als sie Snape einen Moment lang sehr nahe war und etwas Weißes in seinen schwarzen Haaren bemerkte, fiel es ihr auf. Ein leichter, sanfter Schneefall hatte eingesetzt, wie Hermine ihn schon als Kind geliebt hatte.

Sie hatten einen Teil des Waldes erreicht, in dem Birken dicht nebeneinander standen. Die jetzt kahlen Laubbäume ließen den Schnee ungehindert auf den Boden fallen; hier war der Boden schneebedeckt, und die Umgebung war entsprechend besser zu erkennen. Die Flocken waren so leicht, dass es nicht notwendig war, die Kapuze auf den Kopf zu ziehen. Hermine sah fasziniert zu, wie der Schnee auf Snapes Haar und seinem Umhang abwechselnd landete und wieder dahinschmolz.

... „Ich hoffe, dass es schneien wird." ...

Ach gute Morgana, warum hatte Snape das nur gesagt? Wieder und wieder ging Hermine im Kopf Trankzutaten durch und fand einige, die nur im Winter gesammelt werden durften; ihr fiel sogar das Milchkraut ein, dessen beruhigende Wirkung sich nur entfaltete, wenn es vorher von Schnee bedeckt war. Aber der Schnee lag in ganz Schottland ja seit zwei Wochen meterhoch, und Hermine wollte einfach keine Zutat einfallen, bei deren Ernte man wirklich frischen Schneefall benötigte.

Schließlich blieb Snape stehen; Hermine lief beinahe in ihn hinein und sah ihn eine ungeduldige Handbewegung machen. Sie standen am Rand einer kleinen Lichtung, so weit sie das beurteilen konnte; und ganz hinten, dort, wo wieder die Bäume anfingen, meinte sie, einen seltsamen, undeutlichen Lichtschein am Horizont zu erkennen. Hermine schätzte, dass sie insgesamt etwa eine dreiviertel Stunde unterwegs gewesen waren; es musste also irgendetwas zwischen acht und halb neun sein. In dem Moment fiel ihr auf, dass es schon wieder aufgehört hatte zu schneien.

Sie sah Snape an; er stand völlig still da und schien zu lauschen, seine Körperhaltung verriet angespannte Aufmerksamkeit. Es schien ihr ratsam zu sein, sich ebenfalls nicht zu bewegen. Wieder schien ihr, als ob er sie gar nicht wahrnahm, obwohl das in diesem Fall schwerlich möglich war; dennoch kam es ihr so vor, als sei sie unter einem Tarnumhang verborgen und könne ihn so sehen, wie er war, wenn er sich nicht in Gesellschaft befand.

Auf seinem Gesicht war (soweit sie es in der Dunkelheit erkennen konnte) angespannte Aufmerksamkeit zu lesen, die seine Gesichtszüge verjüngten und deutlich angenehmer machten. Die sonst so steile Stirnfalte war nicht zu erkennen, da war kein Spott zu sehen und keine herablassende Missbilligung, seine übliche sarkastische, ätzende Seite war – einfach weg.

Einfach so stehen bleiben ...

Nach einer Weile regte er sich und bedeutete ihr mit einem Wink seiner Hand, ihr wieder zu folgen. Er deutete zur Seite, und Hermine konnte nicht erkennen, was er meinte; aber im nächsten Moment war es ihr auch völlig egal, denn plötzlich wurde ihr klar, was es mit diesem Lichtschein am Horizont auf sich hatte.

Der Mond ging hinter den Bäumen auf.

Ein abnehmender Mond, der aussah wie eine beschädigte Murmel, zur rechten Seite weggesplittert – ein orangefarbener, riesiger Mond, der durch das Blätterwerk der alten Bäume schimmerte und die umgebenden Wolken dramatisch einfärbte. Hermine hielt den Atem an. Die Luft war völlig still, kein Windstoß wirbelte die dünne Neuschnee-Schicht auf. Der Atem von ihr und Snape war in der Luft zu sehen, ansonsten verriet nichts, dass Menschen auf der Lichtung waren.

Es schien ihr, als sei eine Ewigkeit vergangen, als sie sich von dem Anblick losriss und mit einem kurzen Schrecken feststellte, dass sie Snapes Hinweis, ihr zu folgen, nicht nachgekommen war. Aber der Meister der Zaubertränke war ebenfalls stehen geblieben, und als sie sich ihm zuwandte, stellte sie fest, dass er nicht den Mond ansah.

Sondern sie.

War das so? Im nächsten Moment sah er an Hermine vorbei, und sie war nicht mehr sicher, ob sich ihre Blicke getroffen hatten. Verdammte Dunkelheit. Sie spürte ihr Herz ziemlich heftig im Hals klopfen und versuchte, die Rührung angesichts dieses wunderschönen Ortes und der traumhaften Mondszenerie herunterzuschlucken. Rührung war nicht gerade ein Gefühl, das sie in der Gegenwart von Snape haben wollte, es machte sie so verletzlich, und sie wartete instinktiv auf einen spöttischen Kommentar.

Aber entweder hatte er soeben aus den Untiefen seines Innern so etwas wie Taktgefühl hervorgeholt (was mehr als unwahrscheinlich war), oder er hatte ihre Ergriffenheit gar nicht bemerkt (was ziemlich wahrscheinlich war) – jedenfalls wandte er ihr nur halb den Kopf zu und deutete erneut zur Seite, und da sie diesmal seiner Hand mit den Augen folgte, sah sie, worauf er hinaus wollte.

Da war eine Art Hochsitz zwischen den Bäumen versteckt. Er war kaum zu erkennen und Hermine traute auch ihren Augen nicht sofort, aber es war eindeutig eine Holzkonstruktion, um sich darauf niederzulassen, und es war auch eine Art Leiter dabei. Eine Art Leiter. Ha! Es waren nur ein paar zusammengezimmerte Stöckchen, das sah gar nicht Vertrauen erweckend aus, und je näher sie kam, desto klappriger kam es ihr vor.

Das wundervolle Gefühl, das sie gerade noch gehabt hatte, wurde von einer Mischung von Angst und Empörung überlagert. Da gehe ich nicht hoch, niemals, wollte sie sagen, aber Snape war bereits dort und hatte sogar schon einen Fuß auf der ersten Sprosse.

Das lief wohl doch darauf hinaus, dass sie da hoch ging, denn ihr fiel rechtzeitig wieder Filch ein und bei der Gelegenheit auch Mrs Norris, die sich eine Art Katzenschnupfen zugezogen hatte und ächzend und schniefend im Schloss herumkrauchte. Filch mochte ein ... sehr unerfreulicher Mensch sein, aber er liebte seine Katze über alles und war besonders unausstehlich, wenn Mrs Norris irgendetwas fehlte. Nein, Strafarbeit bei Filch war heute KEINE Alternative, das war doch schon geklärt, schalt sie sich selbst, während sie mit vor Angst wackeligen Knien Snape auf die Holzkonstruktion folgte.

Knack – knack - knack

Götter, das war ja furchtbar. Das Holz krachte und bewegte sich unter ihren Füßen. Aber verdammt, Snape war schwerer als sie (jedenfalls ein bisschen, mutmaßte sie) und er war schon oben! Mit zusammen gebissenen Zähnen kletterte sie weiter und zählte dabei die Sprossen.

Elf, zwölf ... Scheiße, ich ... bleib ruhig... dreizehn ... nicht runtergucken ... dreizehneinhalb ... Mist! ... vierzehn und fünfzehn und ... juhu! Sechzehn!

Endlich war sie angekommen. Snape stand vor ihr und warf ihr einen sehr, sehr spöttischen Blick zu, und Hermine spürte ernsthaften Ärger in sich aufwallen. Aber im nächsten Moment war Snape damit beschäftigt, den unebenen Boden des Hochsitzes von Schnee, Blättern, Erde und einer Unmenge von Federn zu befreien. Mit dem Fuß kickte er in hohem Bogen etwas hinunter, das vielleicht ein Vogelnest gewesen war. Dann ließ er sich kommentarlos auf dem Boden nieder. Offenbar hielt er es weiterhin nicht für nötig, ihr irgendetwas zu erklären.

Da stand Hermine also, etwa zehn Meter über dem Erdboden auf einer hölzernen Ebene, die maximal fünf Quadratmeter umfasste. Von dem Hochsitz aus hatte man einen traumhaften Ausblick auf die kleine schneebedeckte Waldlichtung und den Mond, der sich ganz allmählich zwischen den Baumkronen hervorarbeitete und dabei immer kleiner und blasser wurde. Es war eine unglaublich schöne und romantische Szenerie, und es war wirklich ziemlich eng hier.

Und ihr Lehrer für Zaubertränke saß da und tappte wortlos mit der Hand neben sich auf den Holzboden.

Au weia.

t.b.c.