Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.
Offenbarungen
Von Thea Potter
Kapitel 15
Hermine sah zu Snape herunter und unterdrückte einen Seufzer. Musste dieser Holzlattenhaufen denn so schrecklich klein sein?
Fast widerwillig ließ sie sich neben ihrem Lehrer nieder und zog den wärmenden Wollumhang fester um sich. Auch jetzt verzichtete sie auf die Fragen, die ihr auf der Zunge lagen. Sie mutmaßte, dass sie jetzt auf erneuten Schneefall warten mussten – warum auch immer. Mit kaum ernst zu nehmendem Erfolg versuchte sie alle weiteren Fragen zu verdrängen. Etwa, warum sie auf den Schnee ausgerechnet hier oberhalb dieser traumhaften Lichtung und auf diesem Hochsitz warten mussten. Und – ja, und so verdammt nahe beieinander.
Sie nahm ihren Widerwillen, die Situation einfach zu genießen, plötzlich mit Verwunderung wahr. Warum konnte sie denn nicht einfach nur schauen und sich an diesem Anblick freuen? Vielleicht sogar daran, dass Snape so ruhig und nahe neben ihr saß, ohne sie zu attackieren?
Dämliche Frage, dachte sie sofort. Warum sollte sie so blöd sein und es zulassen, dass ihr das Herz aufgeht, nur damit Snape mit irgendeiner üblen Bemerkung hineindreschen kann? Er konnte so unglaublich brutal sein – auf seine Art ... und sie hatte noch nie festgestellt, dass man ihm vertrauen konnte, wenn man besonders verletzlich war.
Snape und Vertrauen. Ein schlechter Witz.
Aber Hermine fühlte sich bei ihren Gedanken unwohl. Sie trug in sich eine Art Urvertrauen, das sie durch die Welt führte, seit sie denken konnte; dieses Vertrauen half ihr und stellte für sie die Verbindung zu Menschen und dem Leben insgesamt her. Es ging ihr gegen den Strich, ihre Gefühle aus Angst vor Verletzungen unter Verschluss zu halten, es widersprach einfach ihrem Naturell. Gute Gefühle – wirklich gute Gefühle – waren ohnehin selten genug.
Und verdammt, wenn sie in sich hineinhorchte, war da ein gutes Gefühl. Und es führte direkt zu dem Mann, der da schweigend und ohne sie anzusehen neben ihr saß.
Ohne recht darüber nachzudenken, entspannte Hermine sich allmählich. Ruhig ließ sie ihren Blick über die Lichtung gleiten und sah dem Mond dabei zu, wie er über den Baumkronen erschien. Sein leuchtendes, sattes Orange hatte sich in ein zartes Gelb verwandelt, und die schneebedeckte Lichtung wurde sanft vom Mondlicht angestrahlt. Hermine spürte diesen seltsamen Schmerz in der Brust, der einen glücklichen Moment manchmal begleitet; dann wandte sie sich ohne nachzudenken dem Tränkemeister neben sich zu, und die Enge in ihrer Brust verstärkte sich.
Er sah sie an. Sie konnte sein Gesicht erstaunlich gut erkennen. Und da war kein Anzeichen von Spott, sein Blick war so ruhig und offen, dass ihr die Luft wegblieb. Es war wohl ihrer Entspannung und dem Glücksgefühl von eben zu verdanken, dass sie nicht rot wurde und sich auch nicht unsicher abwandte, sondern ihn einfach anlächelte. Er lächelte nicht zurück, aber seine Gesichtszüge wurden etwas weicher, und sie sah seine dunklen Augen schimmern.
„Was, wenn es nicht mehr schneit?", flüsterte sie.
„Dann verpassen wir etwas ganz Besonderes", flüsterte er zurück.
Sie forschte in seinem Gesicht und seiner Stimme vergeblich nach einem Hauch von Ironie. Das hier konnte nicht wahr sein. War es aber wohl doch, im Traum fror man nicht so.
Snape wandte sich ab und betrachtete den Himmel. Widerwillig pflückte sie ihren Blick von ihm, folgte seinen Augen und ließ tief durchatmend den Kopf in den Nacken sinken. Ihre Haare fielen nach hinten und berührten Snapes Umhang. Die Wolkendecke hatte sich inzwischen wieder verfestigt, und der Mond leuchtete nur noch ganz leicht durch die Wolken hindurch. Die Stille des Waldes war vollkommen, und Hermine kam die alberne Frage in den Sinn, ob wohl die Tiere jetzt gerade alle schliefen oder meditierten; sie stellte sich ein Einhorn im Lotussitz vor und konnte ein leises Lachen nicht unterdrücken.
Fragend sah Snape sie an. Aber das konnte sie ihm jetzt wirklich nicht erzählen, also schüttelte sie, noch immer grinsend, den Kopf und sah auf den Boden, um seinem forschenden Blick zu entkommen. Und während sie auf das Holz unter ihr blickte, fiel eine Schneeflocke darauf.
Es war kein Schnee, der von den umliegenden Bäumen herbeigeweht worden war. Nein, es schneite wirklich – und diesmal war der Schneefall viel stärker als vorhin. Die Schneeflocken waren aufgrund der Kälte immer noch leicht und blieben lange auf Haaren und Kleidung liegen. Hermine saß mit offenem Mund da und hörte den Schnee fallen. Sie hatte noch nie zuvor so intensiv wahrgenommen, dass man wirklich zuhören konnte, wenn es schneite.
Neben sich bemerkte sie eine Bewegung, und dann sah sie, dass Snape sich seine Umhang-Kapuze übergezogen hatte. Die Kapuze verdeckte sein schwarzes Haar, aber sein scharfes Profil war nach wie vor deutlich zu sehen. Und im nächsten Moment war da eine weitere Bewegung – eine Bewegung des Mannes zu ihr hin, er lehnte sich eindeutig zu ihr herüber.
Hermine schien, als verdopple sich ihr Herzschlag von einer Sekunde zur nächsten. Ihr Magen verknotete sich, und sie verspürte eine wirre Mischung aus Schrecken und wilder Freude. Und dann spürte sie schon seine Hand an ihrem Umhang und fühlte, wie er mit einer langsamen Bewegung ihre Kapuze nahm und sie ihr sanft über den Kopf zog.
Dann gab es einen winzigen Augenblick des Innehaltens. Im Nachhinein hätte Hermine wetten können, dass er sie in diesem Moment ansah, aber sie würde es nie erfahren; sie war so verwirrt, dass es ihr einfach nicht gelang, Blickkontakt herzustellen. Schließlich rutschte er mit einer ruhigen Bewegung wieder von ihr fort und blieb still sitzen.
Es waren nur wenige Minuten, in denen der Schnee fiel. Dann war es wieder vorbei, und Snape und Hermine schoben sich die Kapuzen von den Köpfen. Der Neuschnee fiel auf die Umhänge und den Holzboden herab. Der Wald war nun in einen dicken weißen Mantel aus Neuschnee gehüllt, der im Mondlicht glitzerte. Aber so schön der Ausblick auch war, Hermine sah immer wieder zu Snape herüber.
Er erwiderte ihren Blick nicht mehr. Warum nicht, fragte sie sich bang.
Los doch, sieh mich an. Sieh mich noch einmal an.
Wie sollte sie denn sonst erfahren, was da zwischen ihnen war? Was da für ihn war ... Würde sie es überhaupt je erfahren? Lächerlich, zischte eine Stimme in ihrem Kopf, wovon träumst du? Dass Snape in dir eine Frau sieht? Der Gedanke machte sie unruhig und traurig.
Sieh mich doch an, bitte.
Aber es schien, als wolle Snape ihr diesen Gefallen nicht tun. Stumm und mit nach vorn geneigtem Oberkörper saß er da, sein Gesicht zeigte höchste Konzentration. Hermines Stimmung war kurz davor, ernstlich den Bach runter zu gehen, als sie endlich begriff, was er da tat.
Er lauschte.
Unbewusst beugte Hermine sich ebenfalls vor und spitzte die Ohren. Was war denn da? Da war doch die ganze Zeit nichts zu hören gewesen!
Aber dann hörte sie es.
Zuerst war es nur ein leiser, hoher Ton, den sie kaum wahrnahm, eher ein Piepen im Ohr, das dazu einlud, wie ein Hund den Kopf zu schütteln. Aber dann schwoll den Ton an ... und ging in etwas über, das sich entfernt nach einer Stimme anhörte. Anfangs konnte Hermine den Ursprungsort dieses Lautes nicht bestimmen – sie wusste nur, dass es nichts in der Nähe sein konnte. Der Ton kam von weiter her und wurde zunehmend klarer und melodiöser.
Es klang wie ... Gesang.
Es klang wunderschön. Ohne zu wissen warum, bildete sich ein Kloß in ihrem Hals. Als sie sich zu Snape wandte, lag ein triumphierender Ausdruck auf seinem Gesicht, und er legte ohne ein weiteres Wort einen Finger auf die Lippen. Sie sah ihn völlig verwirrt an und wusste nicht, ob sie dem Gesang lauschen oder nicht doch lieber ihn ansehen sollte ... seinen Händen, seinem Mund ...
Reiß dich doch zusammen!
Ah ja, der Gesang ... Oh, es war erstaunlich leicht, sich darauf zu konzentrieren. Es klang so ... wundervoll. Sie lauschte zunehmend selbstvergessen. Es waren noch weitere Stimmen hinzugekommen. Hohe, fast klagende Stimmen, die irgendwie hohl klangen und eine schwindelerregende, nie gekannte Melodie durch den Wald schickten.
Hermine durchlief ein so heftiger Schauer, dass sie regelrecht zusammenfuhr, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Es waren keine menschlichen Stimmen, und doch - es klang schöner als jeder menschliche Gesang, den sie je gehört hatte. Es war eigentlich nicht einmal kein Lied ... es war besser. Immer noch schienen Stimmen hinzu zu kommen; es hörte sich an, als wären es Hunderte. Der ganze Wald schien von diesem Gesang erfüllt.
Eine Träne löste sich aus ihrem Auge und lief ihre Wange hinunter. Sie drehte sich schnell weg, Snape durfte das nicht sehen. Himmel, es war zuviel für sie. Dieser Gesang, die Nähe des Mannes neben ihr. Sie musste nachdenken. Das half immer. Und ja, ihr Verstand fing wieder an zu arbeiten. Wenn auch sehr langsam.
Gesang ... Winter ... Schnee ... Lichtung ...
Immer noch lauschte sie dem wundervollen Gesang und dachte dabei nach ... Sie wusste, sie war der Antwort ganz nah, es gab da irgendein Buch, das sie gelesen hatte ...
Auf der Lichtung brach die Schneedecke auf. Langsam, ganz langsam erschienen einzelne dunkle Scheiben im Neuschnee, immer mehr davon. Und sie schienen irgendwie hochzusteigen ... bis unter ihnen Stiele zu erkennen waren. Auch sie dunkel. Sie trugen die Scheiben immer weiter empor ... und Hermine wurde endlich, endlich klar, was sie da sah und hörte.
Es waren Pilze.
Während sie zusah, sie wie immer mehr Pilzhüte unter dem Schnee hervorkamen, begriff sie endlich. Singende Pilze ... Plötzlich war alles da, ihr Gedächtnis gab alle Informationen auf einmal frei. Dunkle, feste Hüte, in Einzelfällen bis zu zwei Metern groß, fast ausgestorben, Nachtschattengewächse, deren Wirkstoff erregend auf das Zentralnervensystem wirkt, wachsen nur nachts und können nur bei fallendem Schnee geerntet werden ...
„Maligcantoren", flüsterte sie fast unhörbar.
Aber Snape hatte es gehört. Er sah sie an; sie wusste es, bevor sie sich ihm zuwandte. Als ihre Blicke sich trafen, nickte er anerkennend. In seinen Augen sah sie etwas, das ihr die Kehle zuschnürte: Es war Stolz.
Gut, dass sie saß. Wenn sie gestanden hätte, wäre sie jetzt rückwärts vom Hochsitz gefallen.
Der Gesang der Maligcantoren schwebte immer noch über der Lichtung. Und ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, neigte Hermine sich nach vorn und rückte ein winziges Bisschen näher an Snape heran.
Sein Blick veränderte sich. Sie wollte es nicht sehen, sie wäre nur zu gern in seinen schwarzen Augen versunken und hätte sich weiter zu ihm herüber geneigt – aber das wäre wohl etwas unpassend gewesen, denn diese Augen sahen sie jetzt sehr distanziert an, und in ihnen war eine deutliche Warnung enthalten, die Hermine mühelos dechiffrieren konnte.
‚Nicht näher kommen.'
Schon gut, dann eben nicht, dachte Hermine verzagt. Sie wäre gern wütend gewesen, war aber eher ein wenig verzweifelt; sie spürte doch schon die Körperwärme dieses Mannes, so nahe waren sie sich. Warum dann nicht ... noch ein bisschen näher ... sie musste sich nur zur Seite neigen, dann berührte sie schon fast mit der Nase seine Schulter ...
Nachdenken, Hermine ... denk an was anderes ... an die Pilze ...
Nur mit höchster Anstrengung gelang es ihr, ihre Gedanken wieder den Maligcantoren zuzuwenden.
Man musste sie bei fallendem Schnee ernten ...
Moment mal. Es schneite doch gar nicht mehr. Aber vorhin hatte es geschneit. Warum hatten sie gewartet? Wegen des Gesanges ... Hermine erinnerte sich auch daran.
„Der Wirkstoff", murmelte sie vor sich hin, „entfaltete sich erst, nachdem die Pilze gesungen haben. Und das tun sie nur, nachdem es geschneit hat ..."
Einen Moment lang war sie in ihre Gedanken versunken, und ein angenehmes Gefühl durchfuhr sie – wie immer, wenn ihr Gedächtnis einwandfrei funktioniert und sie und ihr Verstand bei Denksportaufgaben gut zusammenarbeiteten.
Diese Melodie, diese Stimmen ... sie hatten etwas Berauschendes. Kurz kam ihr etwas in den Sinn ... das Gefühl, dass es da einen Haken gab, dass sie von den singenden Pilzen nicht in einem Buch über wundervolle Wesen gelesen hatte – sondern über gefährliche Kreaturen ... Aber es war ein sehr flüchtiger Gedanke, und sie schob diese Ahnung weg, sie störte.
Aus dem Augenwinkel betrachtete sie Snape mit einer Mischung aus Glückseligkeit und Verwirrung. Es war ein ungewohntes Gefühl, in der unmittelbaren Nähe dieses Mannes so ... so glücklich zu sein. Und so dankbar. Es gab kaum Menschen, die jemals Maligcantoren gesehen hatten – und noch weniger, die sie ihr Lied gehört hatten.
Unversehens schoss ihr eine Passage aus ihrem Tagebuch durch den Kopf.
- ... Ich wünschte wirklich, ich hätte mehr Zeit. Dann könnte ich mich mehr mit magischen Geschöpfen beschäftigen. Es gibt so viele Wunder in der magischen Welt ... Schade, dass Hagrid als Lehrer so eine unglückliche Hand hatte, wenigstens hat er uns immer wieder überrascht. Es gibt so viele wundervolle Wesen, die ich nie zu sehen bekommen werde. Bis ich elf war, wusste ich noch nicht einmal, dass es sie gibt ... und inzwischen habe ich unzählige Bücher darüber gelesen, aber hier können die Bücher doch nur der erste Schritt sein. Ich möchte diese Wesen SEHEN, mit eigenen Augen. ... -
Ihr Herz klopfte wieder einmal sehr, sehr stark. Snape hatte den Kopf gesenkt und die Augen geschlossen; er schien den singenden Pilzen intensiv zu lauschen, aber Hermine hatte den Eindruck, dass er auch vermied, sie anzusehen. Sie wusste nicht, ob sie ihn umarmen oder vom Hochsitz stoßen sollte. Dieses verdammte Tagebuch ... Vielleicht sollte sie sich einfach damit abfinden, dass er Dinge über sie wusste, die – oh verdammt, die sie nie, nie jemandem erzählt hätte. Aber wie sollte sie ihm denn jetzt böse sein?
Ihre Aufmerksamkeit wurde durch einen großen Hasen gefesselt, der am Rand der Lichtung erschienen war. Eine willkommene Ablenkung, sie sah genauer hin. Seine Umrisse waren deutlich zu erkennen; er hoppelte auf den Pilz zu, der ihm am nächsten war.
Fressen Hasen Pilze, dachte Hermine ohne richtiges Interesse an der Frage – dann fühlte sie eine Hand auf ihrem Arm, und ein Blitz der Aufregung durchfuhr sie ... und dann ging alles ganz schnell.
Etwas schien aus dem Pilz hervorzuschießen, auf den der Hase zugelaufen war. Der Hase fiepte und machte einen Riesensatz; er schien flüchten zu wollen, aber wieder kam etwas aus dem Pilz hervorgeschossen. Diesmal konnte Hermine es trotz der Entfernung erkennen. Und der Hase fiel um. Im nächsten Moment kam etwas aus dem Pilz heraus, das wie ... ein Fangarm aussah oder eine Schlingpflanze, jedenfalls umfasste es den Hasen und zerrte es mit unglaublicher Geschwindigkeit unter die Schneedecke.
Stille.
Hermine stand der Mund offen. Sie starrte den Pilz an, der noch ein wenig hin und her schwang. Aber bevor sie Snape etwas fragen konnte, fiel eine Schneeflocke in ihr Gesicht. Und noch eine. Im selben Moment hörte der Gesang der Pilze auf.
Snape sprang auf; „Jetzt!", flüsterte er und nahm ihre Hand, um sie auf die Füße zu ziehen. Es ging so schnell, dass sie kaum die Gelegenheit hatte, diese Berührung richtig wahrzunehmen, dann stand sie schon – Snape ließ ihre Hand los, drehte sich um und ging viel zu schnell die Holzleiter hinunter. Hermine wollte ihm herunterrufen, dass sie nicht so schnell konnte, aber offenbar gab es da nichts zu diskutieren.
Sie schloss die Augen und tat einfach so, als wäre das Hinabsteigen kein Problem, und es funktionierte tatsächlich, sie war ziemlich schnell unten. Nicht zuletzt, weil sie nach einigen Sprossen einfach heruntersprang. Atemlos und von oben bis unten mit Schnee bedeckt folgte sie Snape, der mit großen Schritten auf die Lichtung gelaufen war.
„Hier", zischte er.
Durch das Schneetreiben hindurch warf er ihr ein kleines Messer zu. Sie hatte es in seiner Hand gesehen, am Schultor. Hermine fing und entklappte es mit einer Bewegung. Snape stand bereits mit einem größeren Messer in der Hand an einem der Pilze und trennte jetzt den Hut vom Stiel ab.
„Nur die Hüte", hörte sie ihn flüstern.
Dann waren sie einige Minuten damit beschäftigt, die Pilze zu ernten und sie in einem großen Leinensack zu verstauen, den Snape aus seinem Umhang hervorgeholt hatte. Sie arbeiteten schnell; besser gesagt, Snape arbeitete schnell, und Hermine versuchte, sich seinem halsbrecherischen Tempo anzupassen.
Als der Schneefall nachließ, unterbrach Snape seine Arbeit. Er hielt den Kopf schief und schien dann eine Entscheidung zu fällen; eilig schloss er den Leinensack, warf das Messer hinein und bedeutete Hermine mit einer Handbewegung, ihm zu folgen. Er rannte regelrecht auf die Bäume zu, und sie folgte ihm, so schnell sie konnte.
Sie hatten die Lichtung schon fast hinter sich gebracht, als Hermine so etwas wie ein Summen hinter sich hörte. Im selben Moment wurde sie mit solcher Kraft zur Seite gestoßen, dass sie den Halt verlor. Mit Schwung fiel sie seitwärts in den Schnee. Die Schneedecke war hoch genug, um Hermine halb darin versinken zu lassen; sie spürte die eiskalte, nasse Substanz in ihrem Gesicht und Nacken und schrie leise auf.
„Verdammt! Halten Sie den Mund!"
Sie wurde unsanft auf die Füße gezogen. Snape stand mit ärgerlichem Gesichtsausdruck vor ihr und schob sie ziemlich grob gänzlich aus der Lichtung heraus.
„Was ... was sollte das?", rief Hermine; gut, er mochte ärgerlich sein, aber sie beschloss, noch wütender zu sein als er.
„Haben Sie das nicht gehört?", fauchte Snape. „Einer der Maligcantoren hat auf uns geschossen."
„Mussten Sie mich unbedingt in den Schnee schmeißen!"
„Nein, ich hätte Sie auch dasselbe Schicksal erleiden lassen können wie der Hase vorhin. Sie können gern zurück gehen, wenn Sie neugierig genug sind."
Hermine öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Bei dieser Diskussion hatte sie schlechte Karten.
„Danke", murmelte sie unwillig.
„Kommen Sie her", sagte Snape leise und nahm ein Ende seines Umhangs in die Hand. Sie rührte sich nicht. Was sollte das?
„Los, kommen Sie schon", knurrte er, und Hermine dachte flüchtig, dass dieser Mann mit wenig Geduld gesegnet war. Zögernd kam sie näher und stand schließlich direkt vor ihm, und unversehens begann er, mit seinem Umhang über ihr Gesicht zu reiben. Sie blieb wie angewurzelt stehen. Er ließ den Stoff vorsichtig über ihre Haut streichen; es waren nicht unbedingt zärtliche, aber doch langsame, bedächtige Bewegungen. Er rieb ihr Gesicht trocken, strich mit dem Umhang über ihr Haar, und offenbar versteckten sich sogar noch ein paar Schneeflocken hinter ihren Ohren ... Dann spürte sie, wie der Stoff sanft über ihren Hals strich. Unwillkürlich schloss sie die Augen.
Abschließend hörte sie Snape einen Wärmezauber murmeln, und der Stoff verschwand. Hermine öffnete die Augen sehr widerwillig.
„Brauchen Sie noch mehr Kleidung?", fragte Snape. „Ich möchte wirklich nicht für Ihre nächste Erkältung verantwortlich sein."
Wow, klingt das nett.
Stumm schüttelte sie den Kopf.
„Dann los. Wir müssen ins Schloss zurück. Worauf warten Sie noch?"
Hermine warf ihm einen wütenden Blick zu und setzte sich gleichzeitig mit ihm in Bewegung. Dann aber hielt sie inne, drehte sich um und warf einen letzten Blick auf die vom Neuschnee bedeckte Lichtung, auf der jetzt überall die großen Pilze wuchsen.
Sie erwartete, von Snape gemaßregelt zu werden, weil sie ohne zu fragen stehen geblieben war. Erstaunlicherweise stand er aber direkt neben ihr. Als sie ihn ansah, erwiderte er ihren Blick so offen, dass ihre Knie weich wurden.
„Professor", flüsterte sie, „das war ... wunderschön."
Snape schwieg einen Moment und räusperte sich dann. „Ich denke, wir haben eine recht zufrieden stellende Ernte eingefahren", sagte er langsam, drehte sich um und ließ sie einfach stehen.
Hermine musste ein Fluchen unterdrücken, als sie hinter ihm herlief. So ein Idiot! Warum machte er immer wieder alles kaputt, warum war er schon wieder so ... nüchtern, so abweisend? Andererseits, was erwartete sie eigentlich, immerhin war das Snape ... ach, sie musste den Verstand verloren haben.
Und dann war da noch diese leise, innere Stimme, die sie ermahnte, dankbar zu sein. Du hast doch bemerkt, wie freundlich er zu dir war, sagte die Stimme, er hat sich fast wie ein normaler Mensch verhalten. Was erwartest du – dass er sich als Romeo entpuppt, vor dir im Schnee auf die Knie fällt und ein Liebeslied singt?
Sie schob die Stimme weg. Es schien ihr aussichtsreicher zu sein, an das zu denken, was sie heute Abend gelernt hatte. Und wie sie etwas gelernt hatte.
„Professor? Darf ich Sie etwas fragen?", sprach sie Snape an, während sie schnell durch den Wald gingen. Er erwiderte nichts, es war, als hätte er sie nicht gehört. Hermine seufzte innerlich und sprach weiter.
„Die Maligcantoren ... es ist lange her, dass ich etwas über sie gelesen habe. Ich glaube, sie werden so gut wie nie in Büchern über magische Geschöpfe erwähnt, kaum jemand weiß, dass sie überhaupt existieren."
„Das ist richtig, Miss Granger", erwiderte Snape mit dunkler, ruhiger Stimme, und Hermine spürte, wie ihr Herz zu ihm hinüberflog.
„Mir ist auch nur diese Lichtung bekannt", fuhr er fort, „in den Büchern wird behauptet, dass sie in ganz England nicht vorkommen."
„Wie ... wie gefährlich sind sie?", fragte Hermine atemlos; es war nicht ganz klar, ob sie außer Atem war, weil sie so schnell gingen oder weil Snape ihr gerade in fast liebevollem Tonfall etwas erklärte.
„Nun ... sie ernähren sich von Säugetieren", erwiderte Snape mit einem leichten Lächeln in der Stimme. „Ihre Pfeile sind äußerst giftig. Ich würde sagen, sie sind ziemlich gefährlich."
„In den Pfeilen ist ein starkes Narkotikum enthalten", murmelte Hermine abwesend.
„Wieder richtig. Ein Hypnotikum, genauer gesagt. Die Opfer sind normalerweise binnen weniger Sekunden bewusstlos und werden unter den Schnee gezogen. Dort werden sie getötet und ... gelagert. Die Pilze nehmen die Nährstoffe durch die Wurzeln auf und verteilen sie an die ganze Kompanion. Eine sehr effektive Form der Jagd und Nahrungsaufnahme."
Fasziniert und zugleich ungläubig lauschte Hermine Snapes tiefer Stimme. Ihr war warm geworden, sie gingen schnell. Ab und zu blinkte der Mond durch die hohen, dichten Nadelbäume.
„Mit dem Gesang locken die Maligcantoren ihre Beute an", sprach der Tränkelehrer weiter. „Wahrscheinlich haben Sie bemerkt, dass der Gesang eine leicht hynotische Wirkung hat. Sie ist bei Tieren wesentlich stärker, sie können sich gegen den Gesang nicht wehren. Sie versuchen allerdings instinktiv, den singenden Pilzen fernzubleiben oder sich in ihrer Nähe leise zu verhalten."
„Darum war es im Wald so still ...", flüsterte Hermine.
Snape nickte stumm. Sie wollte ihm näher kommen ... aber es ging nicht. Egal, wie schnell sie ging, er schien das Tempo jedes Mal ebenfalls zu beschleunigen, so dass stets ein guter Meter Abstand zwischen ihnen war.
Seine Stimme verursachte einen Kloß in ihrem Hals, während er weiter sprach. Sie redeten den ganzen Weg über Maligcantoren, und er erklärte ihr, wie sie gelagert und verarbeitet wurden und für welche Tränke er sie gebrauchen konnte. Als sie den Waldrand erreicht hatten, wusste Hermine so viel über Maligcantoren wie wahrscheinlich in ganz England kein Mensch. Außer Snape natürlich.
Den letzten Teil des Weges schwiegen sie. Völlig außer Atem lief Hermine neben ihrem Lehrer her auf die Schule zu, das sanft beleuchtet wie ein Märchenschloss in der schneebedeckten Landschaft lag. Als sie das Schultor erreichten, wurde Hermine klar, dass der Abend abrupt enden würde und Snape ihr nicht die Gelegenheit geben würde, sich für den Abend zu bedanken.
Er blieb an einer der Säulen stehen, und Hermine stellte sich darauf ein, dass er sich in wenigen Sekunden umdrehen und mit wehendem Umhang davonrauschen würde. Stattdessen trat er einen Schritt zurück und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Säule. Mit den Händen umgriff er seine Oberarme und hielt so die Arme vor der Brust. Er sagte nichts; er sah sie nur ruhig an. Hermine stand mit leicht geöffnetem Mund und geröteten Wangen vor ihm und vergaß zu atmen.
„So, Miss Granger", sagte er sanft, „ich hoffe, diese Strafarbeit war ... Ihnen eine Lehre. Die Erfahrungen dieses Abends dürften ausreichen, um Sie fortan davon abzuhalten, nachts im Schloss herumzuschleichen ... und meine Räume aufzusuchen."
Seine Stimme war reiner Samt. Während er sprach, verzog er keine Miene, aber in seinen Augen tanzte eine Mischung aus Amüsiertheit und Herausforderung. Hermine atmete heftig aus und wieder ein; wenn er nicht gleich aufhörte, sie so anzusehen, würde sie aufgrund von Sauerstoffmangel ohnmächtig werden.
Er holte eine Taschenuhr aus seinem Umhang hervor.
„Fünf nach zehn. Wir sind nicht ganz pünktlich, fürchte ich. Also ... machen Sie, dass Sie in Ihren Schlafsaal kommen."
Zu gern hätte sie noch etwas gesagt – aber sie traute ihrer Stimme nicht über den Weg. Also nickte sie lediglich und wandte sich um. Ihre Knie waren weich, sie ging wie auf Eiern und war nicht ganz sicher, ob Snape das bemerkte. Sie fuhr herum, als sie seine Stimme erneut hörte.
„Gute Nacht, Miss Granger."
„Gute Nacht, Professor", flüsterte Hermine und lief ins Schloss, ohne sich noch einmal umzusehen.
t.b.c.
