Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.


Offenbarungen

Von Thea Potter

Kapitel 16

„Oh ... Professor ... oh bitte –"

Hermine fuhr aus dem Schlaf und schreckte hoch wie von der Tarantel gestochen. Einen Moment lang wusste sie nicht, wo sie war ... Dann erkannte sie ihr Bett wieder.

Sie hatte geträumt. Von Snape.

Schwer atmend und noch halb schlafend schmiegte sie sich in die weiche, warme Bettwäsche und versuchte ihren Traum festzuhalten ... da war der Fußboden und – Snape, direkt vor ihr ... seine schwarzen Augen, diese schmalen Hände und ... ach, mit jeder Sekunde, die verging, glitt der Traum weiter fort, er rutschte durch das Gitter ihres Bewusstseins, und sie spürte, wie er dahinschwand. Mit gerunzelter Stirn lag sie da und versuchte die Erinnerung daran zurückzuholen ... aber es wollte ihr einfach nicht gelingen.

Nach einer Weile gab sie es auf. Ihre Hand tastete nach ihrer Uhr; eine Handbewegung, und das blaue Display leuchtete auf. 3:11 a.m. - und sie war doch erst vor etwa einer halben Stunde eingeschlafen. Eine halbe Stunde, das war kein kein ausreichendes Schlafpolster für einen anstrengenden Schultag, und es fühlte sich nicht so an, als könnte sie jetzt wieder einschlafen.

Hermine seufzte und kuschelte sich wieder in ihr Bett hinein. In ihrem ganzen Leben war es ihr noch nie so egal gewesen, nicht schlafen zu können ... Sie lag einfach nur da und dachte und an den vergangenen Abend, und ihr Körper fühlte sich seltsam leicht an; es war ein unwirkliches Gefühl, so, als würde sie mittels eines Schwebezaubers einige Zentimeter überm Bett schweben.

Es war einfach wunderbar.

Sie grinste in sich hinein. Vorhin, irgendwann vorm Wegnicken, war da so ein angespanntes Gefühl in ihrem Gesicht gewesen; im Dunkeln hatte sie eine Grimasse gezogen und gedacht, dass sie vermutlich schon stundenlang lächelte, ohne es zu merken. Und jetzt hörte sie ihr Herz so laut klopfen, dass es sie nicht gewundert hätte, wenn ihre Bettnachbarinnen davon aufgewacht wären. Aber die anderen schliefen tief und fest – niemand störte sie in ihrer Erinnerung an die vergangenen Stunden im Wald, die immer und immer wieder vor ihrem inneren Auge abliefen.

Wieder lächelte sie ... diesmal über sich selbst und über die seltsamen, ungewohnten Gefühle, die sie in dieser Nacht durchlebte. So glücklich war sie wahrscheinlich noch nie gewesen.

Kein Wunder, ich habe einen Mondschein-Spaziergang im Wald gemacht und Maligcantoren singen gehört ... wer da nicht glücklich ist ...

Sorgfältig dachte sie an der Tatsache vorbei, dass es nicht die Erinnerungen an die vom Mondschein beschienene Lichtung waren, die sie zum Lächeln brachten. Und die Erinnerungen an die Maligcantoren waren es auch nicht. Aber sie wollte nicht darüber nachdenken. Sie wollte die Erinnerungen an diesen Abend nicht mit ihrem erbarmungslosen Verstand zerpflücken; nichts analysieren, in Frage stellen. Oh, da lauerten viele, viele Fragen ... und dieser lauernde Fragenkatalog ließ in ihr eine stille Angst keimen. Sie wusste, sie würde sich damit auseinander setzen müssen.

Aber nicht jetzt. Jetzt waren da nur die Erinnerungen selbst. Undurchdacht, unanalysiert, unbewertet. Snape, der so nahe neben ihr gesessen und sie angesehen hatte ... die vorsichtigen Berührungen, mit denen er ihr die Kapuze über den Kopf gezogen und ihr mit seinem Umhangstoff das Gesicht getrocknet hatte ... seine Stimme, die ihr von der Geschichte und der Verwendung der Maligcantoren erzählt – und die sie verabschiedet hatte ...

... – „Die Erfahrungen dieses Abends dürften ausreichen, um Sie fortan davon abzuhalten, nachts im Schloss herumzuschleichen ... und meine Räume aufzusuchen." – ...

Ach, dieser rätselhafte Mann ... war das nun eine indirekte Einladung gewesen oder nicht? Er konnte doch unmöglich ... aber nein, sie wollte ja nicht darüber nachdenken.

Und seltsam, es klappte. Hermine Granger, die sonst immer nachdachte und die Welt in Gedanken in ihre Bestandteile zerlegte, lag einfach nur wach da und träumte still und glücklich lächelnd vor sich hin.

Als sie das nächste Mal auf die Uhr sah, war es schon nach vier. Sie beschloss, realistisch zu sein und ihre Hoffnung auf Schlaf endgültig zu begraben. Erschöpft kroch sie aus ihrem Bett, tastete im Dunkeln nach dem Bücherstapel auf ihrer Kommode und nahm sich einfach das, das ganz oben lag.

Mit dem Buch in der Hand schlurfte sie in den leeren Gemeinschaftsraum. Dort stellte sie fest, dass das Buch, das sie sich genommen hatte, eines ihrer Lieblingsbücher über Zaubertränke war ... und in diesem Buch lagen die Pergamentpapiere, die sie gestern noch am späten Abend beschriftet hatte. Denn als sie den Gemeinschaftsraum betreten hatte, hatte sie sich umgehend auf ihre Schreibutensilien gestürzt und alles, was Snape ihr über Maligcantoren erzählt hatte, haarklein niedergeschrieben.

Eine großartige Idee. Denn während des Schreibens hatte sie fast das Gefühl gehabt, den Abend noch einmal zu erleben; und außerdem hatte es den Vorteil gehabt, dass ihr Ron und Harry vom Leib geblieben waren, und als sie ihre Arbeit endlich beendet und den Blick von den Pergamentblättern abgewandt hatte, waren alle anderen Gryffindors schon in ihren Schlafsälen verschwunden gewesen.

Jetzt strich Hermine gedankenverloren mit den Händen über die Pergamente und beschloss, noch einmal einen Blick hinein zu werfen. Mit einem Wink ihres Zauberstabs ließ sie im Kamin ein Feuer hochlodern, rollte sich in ihrem Lieblingssessel direkt vor dem Kamin zusammen und begann zu lesen.

Und natürlich geschieht alles immer dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Schon nach wenigen Minuten ließ die Hitze des Kaminfeuers ihre Wangen heiß werden; ihre Gedanken schweiften ab, die Buchstaben verschwammen ... und sie schlief schon beinahe, als sie bemerkte, dass ihr Kopf seitlich weggerutscht war. Sie schob das Buch mitsamt der Pergamentpapiere neben sich halb unter das Sesselkissen; dann rutschte sie noch tiefer in den Sessel hinein und schlang die Arme um den Oberkörper. Sie schmiegte ihren Kopf gegen ihre eigene Schulter; aber in ihrer Vorstellung, die in einen Traum überging, lehnte ihr Kopf an einer anderen Schulter ...

Und so, sich selbst umarmend und von der Nähe eines Mannes träumend, der der Erzfeind ihrer besten Freunde war, schlief sie endlich ein.

t.b.c.