Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.
Offenbarungen
Von Thea Potter
Kapitel 17
KRACH!
„Ah! Mist!"
Hermine schreckte aus dem Schlaf und drehte den Kopf. Der Halbschlaf verwischte zunächst das Bild vor ihren Augen, aber dann sah sie Neville ... er stand mitten im Raum, rieb sich das Knie und murmelte etwas kaum Verständliches, in dem die Worte „Stuhl" und „verhext" vorkamen.
Mit einem leisen Seufzer ließ sie sich in den Sessel zurück sinken und schloss erneut die Augen. Ihr war schwindlig vor Müdigkeit, und das wohlige Grundgefühl der vergangenen Nacht war verschwunden; ihr Bewusstsein war verschwommen, sie war erschöpft und gereizt.
Die Schritte kamen näher. Alle Selbstdisziplin aufbringend, die ihr im Moment zur Verfügung stand, öffnete Hermine die Augen einen Spalt, um sich für einen morgendlichen Gruß zu wappnen; aber die Schritte verlangsamten sich nicht, und es kam kein Gruß. Sie Sie hatte nicht genügend Energie, um den Kopf zu heben und Neville ins Gesicht zu sehen, und so blieb ihr Blick an seinen Schuhen hängen – er trug verschlissene Turnschuhe, die auffallend dreckverklebt waren.
Er ist eben draußen gewesen? Mitten in der Nacht?
Die Schritte entfernten sich und die Tür des Gemeinschaftsraumes klappte, was ihr klar machte, dass ihre Schlussfolgerung falsch gewesen war. Er kam nicht von draußen, er ging hinaus. Ah ja, sie erinnerte sich; in den vergangenen Monaten hatte sie ihn öfter mal früh morgens in Sportkleidung die Große Halle oder den Gemeinschaftsraum betreten sehen.
Sie sah ihm hinterher und hob schließlich die Schultern. Ihr war nicht danach, über Neville nachzudenken. Ihr war überhaupt nicht danach, an irgendetwas zu denken außer an ... das Frühstück, das ihr bevorstand, denn die Vorstellung von Snape, der am Frühstückstisch neben den anderen Lehrern saß, ließ Hermines Magen einige seltsame Drehungen machen.
Aber noch war es nicht soweit. Es war immer noch früh und stockdunkel. Hermine beschloss, noch einmal in den Schlafsaal zurückzukehren; sie wollte mit niemandem reden.
Die folgende Stunde verbrachte sie im Dunkeln des Schlafraumes, in ihrem Bett auf dem Rücken liegend; die Zeit bis zum Frühstück schien sich unendlich hinzuziehen. Sie befahl sich selbst, nicht dauernd auf die Uhr zu sehen, aber dadurch verging die Zeit auch nicht schneller. Schließlich wurde ihr klar, dass niemand sie daran hinderte aufzustehen und früher als sonst in die Große Halle zu gehen. Und das tat sie.
Zum ersten Mal während ihrer Schulzeit in Hogwarts war Hermine die Erste, die am Morgen die Halle betrat. Sie betrachtete die Decke des riesigen Raumes, auf der sich sich die winterliche Dämmerung abbildete, und ließ den Blick über die langen, leeren Tischreihen wandern. Einem Impuls folgend, ging sie langsam auf den Lehrertisch zu, blieb dann aber wie auf Kommando stehen, als sie Snapes Stuhl näher stand als jemals zuvor.
Es war, als könne sie ihn dort sitzen sehen. Und seltsam, die körperliche Dimension dieses Mannes rückte auf einmal so nahe. Es war, als würde sie zum ersten Mal wirklich realisieren, dass Snape ein Mensch aus Fleisch und Blut war. Ein Mann mit zwei Händen, einem Mund, einem Herzen und weicher Haut unter der Kleidung ... Sie gab sich Mühe, das sich aufdrängende Bild von Snape niederzukämpfen, wie er seine Robe ablegte und die Knöpfe seines Hemdes öffnete.
Nein, das ging jetzt wirklich nicht.
Mit klopfendem Herzen ließ sie sich auf dem nächstbesten Stuhl nieder und sah weiter zum Lehrertisch herüber. Sie hatte schon mehr als einmal davon geträumt, dort zwischen Hogwarts' Lehrerinnen und Lehrern zu sitzen – als eine von ihnen. In einigen Jahren, wenn der Krieg vorbei wäre und sie ihre Ausbildung in was-auch-immer abgeschlossen hätte ... Manchmal hätte sie gern gewusst, ob es womöglich dieses Bild von sich selbst an diesem Tisch sitzend wäre, das sie im Spiegel Nerhegeb sehen würde.
Einen Moment lang überlegte sie, ob sie die Gunst des Augenblicks nutzen und sich dort hinsetzen sollte. Aber allein der Gedanke daran machte sie unruhig, auch wenn sie das nur ungern vor sich selbst zugab. Sie seufzte. Respekt vor den Lehrerinnen und Lehrern haben, gut und schön. Aber es war unerfreulich, von sich selbst als einem Mädchen zu denken, das Respekt vor einem Tisch hatte Dennoch konnte sie es nicht leugnen. Dieses Gefühl kam aus einer anderen Zeit: Offenbar war ein Teil von ihr immer noch ein elf Jahre altes, staunendes Mädchen, das angesichts gelehrter Zauberern in Ehrfurcht erstarrte.
Hermine schloss die Augen. Oh, sie erinnerte sich nur zu gut an ihr altes Selbst – an dieses Muggelmädchen das sich von einem Tag auf den anderen in einer Welt wiedergefunden hatte, die im wahrsten Sinne des Wortes zauberhaft war ... eine Traumwelt, die sie nicht kannte und nicht verstand. Ihr größter Wunsch war es gewesen, alles kennenzulernen und zu begreifen.
Und dann hatte sie diese Schule betreten, dieses prachtvolle und gleichzeitig düstere Märchenschloss, um dort von echten Zauberern und Hexen unterrichtet zu werden. Ihr schlug jetzt noch das Herz bis zum Hals, wenn sie sich daran erinnerte, wie aufgeregt sie damals war.
Und sie erinnerte sich an ihre erste Stunde in Zaubertränke, an all die lieblos geschriebenen Einführungen, die sie vorher gelesen hatte ... und an ihre vor Aufregung feuchten Hände, als sie mit den anderen erstmals im ungemütlichen Kerkerraum gesessen und auf den Lehrer gewartet hatte. Dann war mit einem Krach die Tür gegen die Wand geschlagen, und ein dünner, auffällig in schwarz gehaltener und übellauniger Mann war in den Raum gestürmt ...
Am Ende dieser Stunde war ihr klar gewesen, dass es nicht einfach sein würde, bei Snape etwas zu lernen. Dieser Zauberer suchte nicht nach interessierten Schülern, um ihnen das Wissen über Zaubertränke weiterzugeben; ihm ging es einzig und allein darum, sich auf seine Schüler zu stürzen und sie ein bisschen leiden zu lassen - ihnen Leid abzugeben.
Denn er selber litt am meisten – woran auch immer –, das konnte Hermine sogar mit geschlossenen Augen erkennen. Ihr war nie zuvor ein so bitterer, freudloser Mann begegnet. Und ein Teil von ihr fühlte mit ihm, vom ersten Tag an.
Da waren Schritte. Hermine fuhr hoch und sah zwei Hufflepuffs die Halle betreten. Nach und nach füllte sich die Große Halle mit Menschen, die großenteils schweigend und mit müden Gesichtern an den Tischen Platz nahmen und Tee und Saft tranken, bevor um Punkt sieben Uhr wie aus dem Nichts das Frühstück auf den Tischen erschien.
Hogwarts' Professor für Zaubertränke war noch nicht da. Aber das war normal. Er kam fast immer als einer der Letzten und verließ die Halle möglichst früh wieder. Hermine versuchte ihre Unruhe zu ignorieren und sich auf das Frühstück zu konzentrieren.
Wie immer nahm sie das riesige Frühstücks-Angebot nur selektiv wahr. Toast mit Butter, Honig und Tee waren alles, was sie morgens brauchte. Nach einer Weile erschienen Ron und Harry; sie begrüßten sie kurz, nahmen Platz und begannen wie üblich zu essen, als sei in Hogwarts seit Anfang der Woche Versorgungsnotstand gewesen. Harry sah, fand sie, nicht wirklich gut aus, ein bisschen zu blass; und die Begrüßung war, selbst für ihre derzeitigen Verhältnisse, ein bisschen ärmlich ausgefallen.
Sie beschloss, später darüber nachzudenken, im Augenblick hatte sie anderes zu tun. Ihr Blick glitt ruhelos zwischen dem Lehrertisch und dem Eingang, den die Professorinnen und Professoren benutzten, hin und her.
Der Stuhl des Zaubertrankmeisters war immer noch leer.
Dann betraten Hooch und Sprout die Halle und setzten sich wie immer nebeneinander. Das gemeinsame Eintreffen und Nebeneinandersitzen der Professorinnen war ein gewohnter Anblick, der seit Jahren Hogwarts' Schülerinnen und Schüler zu ausufernden Spekulationen veranlasste ...
Aber bei allen verfluchten Besen, seit wann interessierte sie sich für das Geschwätz um Hooch und Sprout? Da war dieser eine, leere Stuhl, der immer wieder Hermines Blick wie magisch anzog. Die Zeit verstrich unerbittlich, und es war unmöglich, den Gedanken zu verdrängen, dass Snape erneut einen unfreiwilligen freien Tag hatte ... oder sogar krank war.
Ohne ihr Zutun tauchte vor ihrem inneren Auge Snape auf, wie er verletzt und von Krämpfen geschüttelt irgendwo lag, und ihre Nackenhaare stellten sich einzeln hoch. Gleichzeitig realisierte sie erschrocken, dass es erst ein paar Tage her war, dass Snape den Mahlzeiten und dem Unterricht fern geblieben war. Es erschien ihr wie eine Ewigkeit. Götter, wie hatte sie seine Abwesenheit nur so gleichgültig hinnehmen können?
Und wie konnte sie nur ...
Oh nein.
Ihr wurde übel, als sie an den Emotionstrank dachte. Götter, welche Höllenhunde hatten sie da nur geritten?
Das Gefühl der Scham riss ihr den Boden unter den Füßen weg. Es nützte ihr nicht viel sich zu sagen, dass der Trank offenbar nicht gewirkt hatte, denn das wiederum schleuderte sie in einen Strudel von Fragen, die wohl nur Snape hätte beantworten können.
Und es machte ihr Angst. Denn so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte die Möglichkeit nicht außer Acht lassen, dass Snape ihr Vorhaben bemerkt und einen Gegenmaßnahmen eingeleitet hatte. Andererseits, fragte sie sich, wie hätte er denn irgendetwas bemerken sollen? Und wenn er es bemerkt hätte, würde das bedeuten, dass er wüsste, was sie getan hatte ... und mit diesem Wissen hätte er mit ihr den vergangenen Abend verbracht.
Das kann nicht sein. Ausgeschlossen.
Ihr Kopf schien dem Platzen nahe, wenn sie darüber nachdachte.
Aus den Augenwinkeln sah sie, dass die Professorinnen Hooch und Sprout sich bereits wieder erhoben und die Frühstückstafel verließen. Dann standen sogar Harry und Ron auf – sie gingen noch vor ihr Richtung Unterricht, was mehr als ungewöhnlich war. Schließlich zwang Hermine sich, die Große Halle ebenfalls zu verlassen; es hatte ja keinen Zweck, hier Wurzeln zu schlagen.
Auf dem Weg zum Unterricht hätten Todesser Hogwarts in Schutt und Asche legen können, und sie hätte es nicht bemerkt. Andauernd hatte sie Snape vor Augen, wie er auf dem Boden kauernd und zitternd in seinem Büro gesessen hatte ... Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen, wenn sie daran dachte.
Aber sie hatte jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken, denn sie ging gerade durch die Tür des Klassenzimmers, in dem der Muggelkunde-Unterricht stattfand. Und dann betrat Professor Kermit-der-Frosch Link den Raum, und der Unterricht begann.
Ich bin seine beste Schülerin ... und ich bin VERTRAUENSschülerin! Wie konnte ich nur mein Wissen so ausnutzen, was für ein Mensch bin ich? Oh Gott, lass es ihn nicht wissen. Er darf es nie erfahren, niemals.
Der Gedanke an ihre Untat schnürte Hermine die Kehle zu und fraß sich wie ein Geschwür in ihr Gehirn; es war ihr unmöglich, an etwas anderes zu denken. Anfangs versuchte sie noch, den Ausführungen von Professor Link zu modernen Datenträgern in der Muggelwelt zu folgen, aber das war vergebliche Mühe. Schließlich gab sie es auf; gedankenverloren saß sie da und ließ die Unterrichtsstunde an sich vorbei fließen.
Wie konnte ich nur, wie konnte ich nur ...
Am schlimmsten war vielleicht, dass der Gedanke an diesen unseligen Emotionstrank die wundervollen Erinnerungen an den Vorabend zu beschmutzen begann. Snape hatte ihr einen traumhaften Abend geschenkt – ihr, die in der Nacht zuvor versucht hatte, ihn zu vergiften! Ganz toll. Und sie, selbstgerecht wie nur was, war wütend auf ihn wegen des Tagebuchs ... wegen des Hellsichtigkeitstrankes ... sie war sogar sauer auf ihn gewesen, weil sie in den Schnee gefallen war, als er sie vor den Maligcantoren gerettet hatte. Das alles war ein schlechter Witz.
Ich bin daneben, einfach nur daneben.
Oh. Die Doppelstunde ging dem Ende zu. So schnell? Ja, die anderen standen schon auf und verließen den Raum; Hermine tat es ihnen gleich und tauchte in den Schülerstrom ein, der sie zu einem von Hogwarts' Innenhöfen beförderte.
Hier wurden die Pausen verbracht, wenn man in diesem Teil des Schlosses Unterricht hatte. Die Architektur dieser Innenhöfe war atemberaubend, Hermine stand oft nur da und betrachtete voller Bewunderung die verzierten Zinnen und Säulen ... aber heute sah sie gar nichts. In ihre Gedanken versunken, starrte sie ins Leere, während ihre Mitschülerinnen und Mitschüler wie immer irgendeinen Unsinn plapperten.
„ ... hat mir einen Ring geschenkt, der ..."
„ ... Nimbus 2000, der ist doch total ..."
Es war ihr schon immer ein Rätsel gewesen, wie man seine Zeit mit so vielen überflüssigen Gesprächen und Gedanken verplempern konnte.
„ ... unglaublich, hast du auch ..."
„ ... ausgeflippt, einfach so ..."
„ ... und dann hat Snape ..."
Fast gewaltsam wurde Hermines Aufmerksamkeit zu dem Gespräch neben ihr gerissen.
„Ist nicht wahr. Du übertreibst!"
„Nein! – Dylan, sag du doch auch mal was ... du warst doch dabei."
„Er hat Recht. Das war echt heftig, Snape hat Carrie die Zutaten regelrecht aus den Händen gerissen! Er hat sie angebrüllt, sie hätte von Zaubertränken keine Ahnung und warum sie ihm in Merlins Namen nicht zuhören würde. Der war vielleicht sauer! Ich dachte schon, gleich verwandelt er in eine Maus und ruft anschließend die Katze von Filch."
Die drei Jungen lachten.
„Krass."
„Ja. Und kurz darauf ist er nochmal ausgerastet, hatte hatte Tom seinen Trank versaut. Ich meine, das ist ja nix Neues. Snape hat aber so reagiert, als wär' das der Vorbote für den Weltuntergang. Er hat Toms Versuchsanordnung vom Tisch gewischt und ein paar Gläser zertrümmert! Hat sich kaum noch eingekriegt und uns alle vorzeitig entlassen."
„Vielleicht hat ihn 'ne Frau abblitzen lassen. Jetzt ist er frustriert."
Wieder brachen die Jungs in Gelächter aus.
Hermine sah auf den schneebedeckten Boden, ohne etwas zu sehen. Während sie ihren Mitschülern schweigend zugehört hatte, waren ihr etwa fünf Sekunden gegeben gewesen, in denen sie Entspannung verspürt hatte. Er war da! Es war alles in Ordnung ... Kein verschollener Snape, kein kranker Snape ...
Nein. Nur einer, der die Schüler zusammenschrie, Tische abräumte und einem Nervenzusammenbruch nahe war.
Ihre Hände begannen zu zittern. Und die nächste Doppelstunde begann gleich. Götter, wie sollte sie das jetzt durchstehen? Ihr Verstand bombardierte sie unkontrolliert mit Fragen und hilflosen Beschwichtigungen, ihr war übel, und ihr ganzer Körper war dabei, sich nachhaltig zu verkrampfen.
Kann das wahr sein? Ach was, es sind nur Stresssymptome ... er hat nicht, nein, es kann nicht sein, dass ...
Nein, sie konnte so nicht im Arithmantik-Unterricht sitzen, unmöglich. Sie würde jetzt zu Pomfrey gehen und sich für den Rest des Tages krank melden. Und danach brauchte sie Antworten auf all die Fragen, die sie kaum atmen ließen.
Sie musste Snape finden.
Abrupt drehte Hermine sich um und verließ den Hof. Sie hatte den halben Weg zur Krankenstation hinter sich, als sie hinter sich eilige Schritte hörte – dann sah sie rote Haare neben sich. Ginny lief neben ihr her und grinste über das ganze Gesicht.
„He ... was machst du denn hier?" Ihr Grinsen ließ ein wenig nach, als sie Hermine direkt ins Gesicht sah.
„Mir geht es nicht so gut", murmelte Hermine. „Nichts Ernstes. Gehe gerade zu Pomfrey."
Wie aus der Ferne registrierte sie, dass Ginny ihr einen leicht besorgten Blick zuwarf, bevor sie ihr fröhlich zuzwinkerte. „Na, vielleicht kann ich dich ja ein bisschen aufheitern. Sag schon, willst du eine irre Geschichte über Snape hören?"
Hermine erstarrte innerlich, lief aber stur weiter.
„Ja, klar", erwiderte sie bemüht unbeteiligt.
„Du wirst es nicht glauben", frohlockte Ginny. „Also pass auf … Ron und ich haben eben auf dem Gang ein kleines Geschenk von Fred und George ausprobiert. Ein paar von den anderen waren auch dabei. Wir dachten, niemand merkt es, weil es keine Geräusche gibt. Aber Snape kam natürlich um die Ecke, ich frage mich immer wieder, wie er das macht ... Na egal, jedenfalls. Es ist eine Salbe, die man sich auf den Finger schmiert, und wenn man sich damit auf die Nasenspitze tippt, wird die Nase länger. Viel länger. Dann kann man noch den Finger vor der Nase hin- und herbewegen, und dabei bewegt die Nase sich irgendwie mit. Das sieht ziemlich lustig aus. Ganz harmlos. Fred und George wollten mal einfach was Nettes erfinden."
Hermine atmete hörbar durch. „Kannst du mir bitte sagen, was das mit Snape zu tun hat?"
Ginny schaute ein wenig konsterniert drein. „Ja doch", murmelte sie beleidigt und fuhr dann fort. „Na kurz gesagt – Ron schmiert sich dieses Zeug auf den Finger und tippt Lavender auf die Nase, als wir ein Geräusch hören. Im selben Moment wurde Lavenders Nase riesig, einfach fabelhaft. Ihre Nase sah aus wie die von Snape. Nur noch größer. Und ich weiß gar nicht, habe ich Snape zuerst gesehen oder gehört? Jedenfalls stand er hinter uns. Und du glaubst nicht, was er gemacht hat."
„Gin, was um alles in der Welt glaube ich nicht?"
„Er hat gelacht."
Eine Pause entstand. Ginny lächelte triumphierend und sah ihre Freundin an, deren Wortschatz vorübergehend gegen Null gegangen war.
„Ehrlich, Hermine. Glaub es mir. Snape. Hat. Gelacht. Und er hat uns nicht ausgelacht, ich schwöre. Er hat Lavenders Nase gesehen und musste lachen, er fand das witzig. Ist das nicht irre?"
„Mmmh ja", nuschelte Hermine. Sie wäre jetzt gern in Tränen ausgebrochen, aber sie beschloss, damit zu warten, bis Ginny ihr von der Pelle gerückt war.
„Aber es hat nicht lange gedauert", redete sie weiter. „Das Lachen ist ihm so richtig im Hals stecken geblieben. Dann starrte er uns an, als wären wir eine Ansammlung von Dementoren ... er ist total blass geworden, ehrlich. Und hat sich auf dem Absatz umgedreht, ohne etwas zu sagen, und ist davon gerauscht. Das ist doch unheimlich, oder? Ich meine, was ist denn mit Freund und Feind und Gut und Böse und all sowas, wenn Snape neuerdings über Scherzartikel von Fred und George lacht! Vielleicht treff ich ihn demnächst auch im Laden meiner Brüder, wie er dort einkauft?"
So plapperte Ginny weiter, während Hermine bleich und mit glänzenden Augen neben ihr her ging. Ihr Kopf war wie leer gefegt; sie dachte und wusste nichts mehr.
Oder doch, eins wusste sie.
Der Emotionstrank hatte bei Snape zu wirken begonnen.
t.b.c.
