Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.
Offenbarungen
Von Thea Potter
Kapitel 19
Hermine war vor Schreck wie eingefroren. Allerdings schien ihr Gegenüber nicht weniger erschrocken – er starrte sie regelrecht entgeistert an.
„Was machen SIE denn hier!"
Sie hatte alles Mögliche erwartet, aber nicht diese Frage. Und diesen Gesichtsausdruck auch nicht. Snape schien überhaupt nicht wütend zu sein; seine Frage spiegelte nur sein Erstaunen über ihre Gegenwart wider. Anspannung und Ärger waren aus seinem Gesicht verschwunden, sobald er sie erkannt hatte.
Er weiß es nicht. Er weiß nicht, dass ich es getan habe, sonst würde er mich nicht so ansehen. Er hätte mir jetzt schon den Crucio aufgehalst. Oder mich aus dem Fenster geworfen. Oder beides, eins nach dem anderen.
„Ich bin ... ich fühle mich nicht gut", brachte sie mühsam heraus. Ihre Stimme schwankte ein bisschen.
Der Blick des schwarz gekleideten Mannes vor ihr veränderte sich. Bitte nicht, schrie es in ihr – aber es war kein Zweifel möglich: Auf Snapes blassem Gesicht zeichneten sich offene Besorgnis und Mitgefühl ab.
„Oh", erwiderte er. „Das tut mir –"
Er brach ab. Sein Blick veränderte sich erneut; jetzt sah er ein bisschen panisch und verzweifelt im Krankenzimmer umher. „Entschuldigen Sie. Ich hatte auch schon bessere Tage. – Wo zum Henker steckt Pomfrey?"
Er drehte sich weg und machte einige Schritte in den Raum hinein.
Entschuldigen Sie. Ha! Es musste schlimm um ihn stehen. Und tatsächlich war er selbst für seine Verhältnisse ungewöhnlich blass, er wirkte mitgenommen, und als deutliche Nebenwirkung des Trankes zitterten seine Hände sichtbar.
Eine Mischung von Sorge und Scham begann Hermine die Kehle zuzudrücken.
In diesem Moment schwor sie sich, alles, was Snape in seinem jetzigen Zustand tun und äußern würde, für sich zu behalten. Und mehr noch – sie würde sogar versuchen, es selbst sofort wieder zu vergessen. Es war das Einzige, das sie in dieser Situation noch für ihn tun konnte. Dies hier war nicht Snape, wie er wirklich war; er stand unter dem Einfluss starker magischer Neuroleptika, sie durfte nichts von dem, was er sagte oder tat, Ernst nehmen. Gar nichts.
Snape stand gerade an der Schwelle zu einem der Nebenräume und spähte unentschlossen hinein.
„Madam Pomfrey ist zu einem Notfall gerufen worden", sagte Hermine halblaut. „Aber sie müsste längst wieder da sein ... Ich habe geschlafen, und sie ist immer noch nicht zurück gekehrt ..."
Snape drehte sich wieder zu ihr um und zog die Stirn kraus.
„Hmja"machte er. „Wahrscheinlich geht es um die jüngsten Schülerstreiche." Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Dann können wir noch lange auf Pomfrey warten. Diese Schule ist der reinste Flohzirkus. Ich weiß nicht warum, aber die Slytherins und Gryffindors des siebten Jahrgangs benehmen sich heute völlig verantwortungslos. Nicht, dass das etwas Neues wäre", setzte er hinzu.
Er machte eine Pause und starrte gedankenverloren vor sich hin.
„Ich darf gar nicht darüber nachdenken", murmelte er wie im Selbstgespräch. „Dieser idiotische Malfoy. Stolziert mit seinen gehirnamputierten Bodyguards durch Hogwarts und glaubt, dass seine Beschützer und sein Vater einen undurchdringlichen Schutzschild um ihn herum bilden. Der Bengel hat Longbottom den Imperius auf den Hals gehetzt! Hier in der Schule! Unvorstellbar."
Während Snape sich zunehmend in Rage geredet hatte, waren Hermines Augen immer größer geworden. Was redete er denn da? Malfoy hatte Neville verflucht?
Es war einfach, über diese Neuigkeiten ihre eigenen und damit auch Snapes Probleme vorübergehend zu verdrängen. Sie überlegte gerade, ob sie ihn fragen sollte, was genau geschehen war und ob das alles etwas mit Malfoys ... Zustand zu tun hatte – aber im nächsten Moment sprach Snape von selber weiter.
„Ich wusste immer, dass er dazu fähig ist." Er schüttelte den Kopf. „Aber dass er es auch tut? Und dann auch noch quasi unter den Augen von Dumbledore."
„Ist Malfoy wenigstens erwischt worden?", platzte Hermine nun doch heraus. Sie konnte einfach nichts gegen ihre Neugier ausrichten. „Und was ist überhaupt genau passiert?"
Snape wandte sich ihr zu, und sein Blick ließ ihre und seine Probleme wieder deutlich in den Vordergrund rücken. Er stand vor ihr und sah sie nachdenklich und so offen an, dass ihre Knie weich wurden.
„Ich weiß nicht, was passiert ist", gab er freimütig zu. „Ich habe allerdings heute Morgen eine ... spezielle Verbindung zwischen Malfoy und Longbottom festgestellt. Eine Verbindung, die darauf hinwies, dass Malfoy Longbottom mit dem Imperio belegt hatte. Ich kann so etwas wahrnehmen. Ich konnte das schon immer, verstehen Sie ... Und ich habe Mittel und Wege, die Spuren dunkler Flüche zu orten."
Hermine blieb fast das Herz stehen. Das war eigentlich nicht das, was sie hatte hören wollen ... Was erzählte er ihr da nur?
Snape verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Kein schöner Anblick. Sie dachte schon, ihm werde klar, was er da gerade alles ausplauderte, aber seine nächsten Sätze deuteten nicht darauf hin.
„Außer dem Direktor bin ich der Einzige in Hogwarts, der dazu in der Lage ist. Nicht einmal dieser verdammte Werwolf kann das! Wenn Dumbledore nur –"
Er sprach nicht weiter. Dabei hätte Hermine sich im Augenblick wirklich gern eine Litanei darüber angehört, dass Professor Dumbledore ihn nicht Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichten ließ. Das wäre wenigstens vertrautes Terrain für sie gewesen. Ihr war furchtbar elend zumute – was er ihr soeben in wenigen Worten anvertraut hatte, hätte sie eigentlich niemals erfahren dürfen.
Snapes Gedanken schienen noch eine Weile mit dem Thema „Stellenbesetzungen in Hogwarts" beschäftigt zu sein. Er stand da, starrte missmutig auf den Fußboden und brütete vor sich hin.
„Jedenfalls", murmelte er schließlich, „um auf Ihre Frage zurückzukommen: Nein, Malfoy wurde nicht erwischt. Ich habe keine gültigen Beweise für sein Vergehen. Es ist beklagenswert, dass der Direktor Beweise, die mittels Legilimentik und anderen ... besonderen Mitteln gewonnen werden, nicht gelten lässt. Und das in diesen Zeiten! Außerordentlich beklagenswert."
Das waren langsam wirklich zu viele Informationen auf einmal, um sie gleich wieder zu vergessen. Viel zu viele. Hatte sie etwa den Emotionstrank mit dem Veritaserum verwechselt? Verdammt, konnte nicht irgendwer den Mann zum Schweigen bringen? Wie sollte sie denn fortan ignorieren, was er ihr gerade erzählte? Wie? Ihr Gedächtnis war dafür viel zu gut und ihr Wissensdurst zu groß ...
Ich muss hier raus ...
Oh ja, sie musste das Gespräch beenden – auch wenn sie zu gern noch gewusst hätte, wie das alles mit Draco Malfoys Verwandlung zusammen hing. Sie musste hier raus, bevor Snape auch noch anfing, über seine Kindheit zu reden. Sie konnte ihm das nicht antun.
Aber da war etwas, das ihre endgültige Entscheidung zu gehen behinderte. Denn trotz des elenden Gefühls verspürte sie zugleich so etwas wie wirren Stolz und eine seltsame Wärme im Bauch – jetzt, da Snape mit ihr sprach wie mit einer ... Freundin.
Wie mit jemandem, dem er vertraute.
Der Mann vor ihr redete erbarmungslos weiter.
„Wenn ich die Mittel hätte, würde ich dafür sorgen, dass Malfoy von der Schule fliegt. Das hätte schon viel früher geschehen müssen."
Hermine starrte ihn an. Das glaubte sie jetzt wirklich nicht. Ihr Vorhaben den Raum zu verlassen war kurzzeitig vergessen.
„Aber Professor ...", warf sie vorsichtig ein, bevor sie wirklich nachgedacht hatte, „was ist mit Lucius Malf–"
„Lucius?" Snape drehte sich mit wehendem Umhang zu ihr hin und bedachte sie mit einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen Verwirrung, Ekel und Amüsiertheit lag. „Was soll mit ihm sein, Miss Granger?"
Sie versuchte, ihren Schrecken zu verbergen. Was wollte er? Etwa mit ihr reden? Bloß das nicht! Ein richtiges Gespräch, mit ihm, jetzt – das überforderte sie völlig. So starrte sie ihn weiterhin bloß an und schwieg.
„Nun? Was hat Miss Neunmalklug sich da wieder zurechtgelegt? Ich bin gespannt."
Diese letzten Worte und sein leicht ätzender Tonfall legten in Hermines Innern eine Art Schalter um und lösten ihre Blockade. Er stand jetzt mit verschränkten Armen vor ihr und musterte sie mit hochmütigem Gesichtsausdruck. Er war fast wie sonst – spöttisch, bissig und sarkastisch. Emotionstrank hin oder her: Es war Snape, der vor ihr stand, und er war immer noch er selbst.
Ihr fiel regelrecht ein Stein vom Herzen.
Und er war, wie sein Blick zeigte, im Augenblick wirklich neugierig. Er wartete auf eine Antwort. Und als Hermine klar wurde, dass sich die Gelegenheit zu so einem Gespräch nicht noch einmal ergeben würde, beschloss sie, ihm ehrlich zu antworten.
„Ich ...", begann sie schließlich leise, „ich war davon ausgegangen, dass Sie Draco Malfoy hier in Hogwarts bevorzugen, weil Sie zu seinem Vater eine besondere Verbindung haben."
Jetzt war es raus. Sie hatte es gesagt.
„Ah", machte Snape spöttisch. „Interessant. Und welche Art von Verbindung geistert Ihnen durch Ihr hübsches Köpfchen?"
Hermine wurde ob Snapes Wortwahl und seines zweideutigen Tonfalls rot bis in die Haarwurzeln.
Hör einfach nicht hin.
„Naja ...", murmelte sie und versuchte, sich auf das eigentliche Thema zu konzentrieren. „Ich dachte, da Malfoy ein Todesser ist ..." Der Mut verließ sie.
„Miss Granger!" Snape fauchte sie regelrecht an. „Ich will Ihnen nicht alles aus der Nase ziehen! Beenden Sie den Satz!"
Sie holte tief Luft und machte einen erneuten Anlauf. „Naja ... ich dachte, dass Sie Malfoy möglicherweise etwas schulden. Oder von ihm abhängig sind, da Sie ja auch ..."
Wieder brach sie mitten im Satz ab. Ihr war immer klar gewesen, dass die Vermutung von Harry, Ron und ihr, dass Snape als Doppelspion agierte, auf dünnem Eis beruhte. Sie hatten keine Beweise dafür.
Und Snapes Blick in diesem Moment zeigte Hermine sehr deutlich, dass sie gerade im Begriff war, sich komplett lächerlich zu machen.
„Ach nein", sagte der Zaubertrankmeister gedehnt. „Die junge Gryffindor ist doch so blitzgescheit ... sind Sie wirklich nie auf die Idee gekommen, ich könnte mir mit meinem Verhalten gegenüber dem jungen Malfoy schlicht und ergreifend Vorteile sichern, ohne darauf lebensnotwendig angewiesen zu sein?" Er fixierte Hermine mit seinem dunklen Blick und schien darüber nachzudenken, was sie gesagt hatte.
„Nein ...", sagte er langsam. „Sie meinen, ich müsse Malfoy gegenüber den Schein wahren ... Das denken Sie doch, oder? Sie denken, ich bin ... immer noch im Inneren Kreis der Todesser? Und Sie denken, ich krieche regelmäßig gemeinsam mit Lucius Malfoy zu ...?"
Jetzt war es Snape, der den Satz abbrach. Er war mit jedem Wort leiser geworden und starrte Hermine nun völlig fassungslos an. Im gesamten Krankenflügel schien es unnatürlich still geworden zu sein.
„Mädchen", flüsterte er, „was für eine kranke Phantasie haben Sie eigentlich? Allein der Gedanke daran ist ja widerlich!"
Es war offensichtlich, dass Snape die Wahrheit sprach. Es schüttelte ihn regelrecht beim Gedanken daran, vor Voldemort im Staub zu kriechen. Oh ja – wenn er nicht wusste, wie sich das anfühlte, wer dann? Hermine spürte, wie das Blut in ihrem Kopf pulsierte.
Snape ging zum nächstbesten Bett und setzte sich.
„Denken Sie das wirklich?", fragte er leise. Dabei sah er Hermine mit seinen tiefschwarzen Augen so durchdringend an, dass ihr abwechselnd heiß und kalt wurde. „Denken Sie und Ihre ... Freunde, dass ich immer noch ein Todesser bin und dem Dunklen Lord diene?"
„Ein ... ein Spion", verbesserte Hermine ihn lahm. „Und nicht immer noch, sondern wieder. – Sir, es war nur ein Gedanke", beeilte sie sich hinzuzufügen. „Es gab ... einige Indizien."
In den letzten Satz hatte sich ein wenig Trotz eingeschlichen.
Dann geschah etwas, das ihr fast den Atem nahm, obwohl es eigentlich nur ein flüchtiger Moment war. Snape seufzte. Es war ein Seufzer voller ehrlicher, unverhohlener Verzweiflung; seine Atmung zitterte dabei, er ließ die Schultern sinken und schloss die Augen. Dann blieb er eine Weile einfach stumm sitzen, rieb sich mit geistesabwesend mit dem Mittelfinger über die Stirn und starrte vor sich hin.
„Ich fürchte, Sie haben diese Indizien besser interpretiert, als Sie denken", sagte er schließlich müde. „Auch wenn ich nicht mehr zum Inneren Kreis des Dunklen Lords gehöre, so habe ich doch regelmäßige und sehr vielfältige Verbindungen zu Todessern. Und natürlich muss ich dort so tun, als wäre ich einer von ihnen. Ich versuche diese Verbindungen zum Vorteil des Ordens zu nutzen, aber ... Sie sind meinesgleichen. Es wird immer so sein."
„Wie können Sie das nur sagen!", rief Hermine entsetzt. „Sie sind doch nicht wie die!"
Er hob seinen Kopf und sah sie direkt an; seine schwarzen Augen waren voller Schmerz und Trauer. „Ich fürchte, Sie vergessen da ein wesentliches Detail", sagte er. Und ohne zu zögern streckte er den Arm aus, krempelte den Ärmel hoch und hielt Hermine das Dunkle Mal entgegen.
Es war so lange her. Damals, als sie es zum ersten Mal gesehen hatte. An Snapes Arm. Seltsam, es war auch hier gewesen, in genau diesem Raum ... Sie erinnerte sich noch genau an ihren Schrecken, als sie begriffen hatte, dass Snape tatsächlich einmal ein Todesser gewesen war. Aber damals war der Krankenflügel voller Leute gewesen, und Snape hatte weit von ihr entfernt gestanden, als er Fudge seinen Arm entgegen gestreckt hatte. Und das Gefühl von damals war nichts gegen die Mischung von Grauen und Trauer, das sie im Augenblick verspürte. Ihre Augen begannen sich mit Tränen zu füllen, und es tat ihr fast körperlich weh, diese blasse, außerordentlich hässliche Tätowierung, dieses Zeichen des Todes am Arm des Mannes zu sehen, der zusammengesunken vor ihr saß.
Sie hörte auf zu denken. Ehe sie es sich versah, war sie einen Schritt vorgetreten. Und noch einen.
Erst denken, dann handeln.
Wäre sie in diesem Moment ihrem eigenen Grundsatz treu geblieben, hätte sie es nicht getan – aber sie tat es. Sie streckte die Hand aus und berührte mit den Fingerspitzen vorsichtig Snapes Arm.
Warme, weiche Haut. Und so blass. Sie sah Snape nicht in die Augen, sondern blickte auf ihre Finger, die über seinen Arm und das Dunkle Mal strichen. Er zuckte bei ihrer Berührung zusammen, zog aber den Arm nicht weg. Einzelne Tränen lösten sich aus ihren Augen; sie fielen auf seinen entblößten Arm und hinterließen feuchte Spuren der Trauer. Gedankenverloren verwischte Hermine mit dem Daumen ihre eigenen Tränen auf seiner Haut. Seine Hand zitterte noch ein bisschen mehr als vorher. Ihre Knie drohten nachzugeben.
„Bitte", flüsterte er. Sie spürte, wie seine Armmuskeln sich unter ihren Fingern verspannten.
„Bitte, Hermine."
Ihre Eingeweide verknoteten sich, als sie hörte, wie seine dunkle, raue Stimme ihren Vornamen aussprach. Er zog den Arm nicht fort; sie lehnte sich unmerklich vor und verringerte so den Abstand zwischen ihnen.
Es war wie ein Rausch. Sämtliche Gedanken waren verschwunden. Sie spürte die Wärme seines Körpers und sog seinen Eigengeruch ein – aber da war noch mehr als das. Sie spürte einen starken Energiefluss zwischen ihnen, und diese Energie war real. Da war etwas, das sie verband.
Sie schloss die Augen und verstärkte den Druck ihrer Finger. An ihrem Handballen spürte sie seltsam intensiv die Wärme seiner Haut, während sie mit Zeige- und Mittelfinger ganz langsam seinen bloßen Unterarm hinauf lief. Als sie mit dem Mittelfinger sanft in seine Armbeuge drückte, atmete er hörbar aus; es hörte sich fast so an, als ob sie ihm weh tat, aber sie wusste genau, dass es nicht so war.
„Professor", wisperte sie, „es tut mir Leid."
Ja. Es tat ihr Leid. Es tat ihr Leid, dass sie mit Ron und Harry so dumm und arglos über Snapes Leben spekuliert hatte, ohne in jeder dieser Augenblicke wirklich ernsthaft in Betracht zu ziehen, dass dieser Mann ein empfindsames, zu Leid fähiges Wesen war wie jeder andere Mensch auch. Es tat ihr Leid, dass er mit diesem furchtbaren Mal auf seinem Arm eine ebenso furchtbare Vergangenheit mit sich herumtrug, die er niemals loswerden würde. Und es tat ihr Leid, dass sie diesen arroganten, unnahbaren und stolzen Mann in eine Situation gebracht hatte, in der er so schutz- und wehrlos vor ihr saß und offenbar kurz davor war, sich ihr an den Hals zu werfen.
Ja, es wäre gut gewesen, ihn jetzt allein zu lassen. Es wäre notwendig gewesen.
Aber ihre Hand hatte ihren eigenen Willen. Ihre Hand hatte die Möglichkeit, diesen Arm zu berühren, über den schwarzen Stoff der Robe bis zu seiner Schulter zu streichen, und ihre Hand dachte gar nicht daran, sich diese Möglichkeit entgehen zu lassen. Schwarze Haarspitzen kitzelten ihren Handrücken; der Mann vor ihr saß mit gesenktem Kopf da, und sein Haarvorhang verdeckte nicht nur sein Gesicht, sondern ließ auch Hermines Hand darunter verschwinden.
Da war eine lange Durststrecke zwischen Armbeuge und Hemdkragen, bis die Hand endlich wieder Haut spürte. Ein wundervoller Schauer durchlief Hermines ganzen Körper, und sie seufzte kaum hörbar. Und in diesem Moment löste Snape sich aus seiner Erstarrung – er erhob sich vom Bett und kam unmittelbar vor ihr zum Stehen. Hermine trat einen Schritt zurück; die Bewegung war so unerwartet, dass sie erschrocken ihre Hand zurückzog – aber auf halbem Wege fand sich die Hand von einer anderen, hastig vorschnellenden Hand aufgehalten.
Seine Hand. Diese blassen, langen Finger auf ihrer Haut. Hermine hielt in ihrer Bewegung inne und spürte, wie ihr Herz raste; und auch Snape stand reglos da, offenbar unentschlossen, was er mit ihrer Hand tun sollte, nun, da er sie genommen hatte. Aber endlich, endlich hob er seinen Kopf und sah direkt auf sie hinunter.
Oh Götter, da war er wieder. Dieser offene Blick. Es fiel ihr immer noch schwer zu glauben, dass das wirklich Snape war, der sie so ansah. Hermine hatte die Augen eines Menschen immer als besonders wichtig angesehen – und in den pechschwarzen Augen, die jetzt auf sie gerichtet waren, konnte sie nichts von dem Snape wiederfinden, den sie bis vor Kurzem zu kennen geglaubt hatte. Da waren nicht diese gleichgültigen, tunnelartigen, leeren Augen, die den Schülerinnen und Schülern seit jeher Angst machten. Nein – der Blick dieses unbekannten Mannes vor ihr spiegelte eine Mischung aus Verletztheit, Angst und Sehnsucht wider, die Hermine die Kehle zuschnürte.
Seine Finger umschlossen ihren Handrücken. Es war so leicht, die Hand um seine Fingerspitzen zu schließen und ihn näher zu sich zu ziehen ...
Und das tat sie.
t.b.c.
