Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.


Offenbarungen

Von Thea Potter

Kapitel 20

Wie in Zeitlupe zog Hermine Snape zu sich. Halbherzig versuchte sie die die Hitze, die sich in ihrem Körper ausbreitete, zu ignorieren und ihm dennoch näher zu kommen. Sie wollte ihn trösten, redete sie sich ein, sonst nichts; nur diesen letzten Rest Trauer über seine Vergangenheit von seinem Gesicht nehmen.

Das Dumme war nur – sie wusste nicht, wie. Womit tröstete man Professor Snape?

„Professor", flüsterte sie schließlich mit klopfendem Herzen, „es tut mir Leid."

Etwas Besseres fiel ihr nicht ein. Sie wusste, dass sie sich wiederholte, aber es war schon in Ordnung; er sollte es ruhig noch einmal hören.

„Bitte ziehen Sie keine falschen Schlüsse." Ihre Stimme war merkwürdig flach. „Ich habe niemals schlecht von Ihnen gedacht."

Nun, genau genommen stimmte das nicht ganz. Wenn man die vergangene Woche mit einberechnete, war diese Aussage sogar eine glatte Lüge. Aber was zählte, war die Absicht, oder?

Er schloss die Augen.

„Ach, wirklich nicht?", murmelte er und brachte so etwas wie ein Lachen zustande; sein Sarkasmus traf sie bis ins Mark. Er wandte den Kopf zur Seite, es sah aus, als wolle er weg von ihr, und ein angsterfüllter Gedanke durchfuhr sie: Vielleicht würde sie ihm nie wieder so nahe kommen wie in diesem Moment.

„Bitte, Professor …"

Fast panisch verstärkte sie den Griff um seine Finger; er hielt in seiner Bewegung inne und sah an ihr vorbei.

Lass ihn los …

Sie sah herunter auf die blasse, bebende Hand, die sie fest hielt. An den sehnigen, langen Fingern des Mannes konnte sie feine Narben und Schwielen erkennen – Ergebnis von vielen Jahren der Arbeit im Tränkelabor. Vorsichtig bewegte sie ihre Finger über seinen. Ihr war fiebrig, und sie bemerkte, wie er tief und zitternd durchatmete.

Lass ihn …

Sie nahm alles wie durch ein Vergrößerungsglas wahr: seine schwarzen Haare, seine Finger, seine unstete Atmung und sein warmer Körper nahe bei ihr, verborgen unter diesen Unmengen von schwarzem Stoff ... Die kleine Stimme in ihrem Innern, die sie verzweifelt anwies, den Raum zu verlassen, wurde immer leiser.

Lass ihn ...

War es Einbildung, oder strahlte er wirklich solch intensive Wärme ab? Ihr war selber unglaublich warm; ihr ganzer Körper war in Aufruhr. Sie konnte nicht anders, sie ließ seine Hand los, strich mit hämmerndem Herzen seine schwarzen Haare zurück und und streichelte vorsichtig seine Wange entlang, bevor ihre Finger seine Lippen erreichten.

Ein heftiger Schauer durchfuhr sie; unwillkürlich schloss sie die Augen. Sein Mund war so weich und warm ... Sie spürte seinen Atem an ihren Fingerspitzen; seine Lippen bewegten sich, aber er sagte nichts. Auch jetzt wich er vor ihrer Berührung nicht zurück – aber auch ohne hinzusehen bemerkte sie, dass sein Körper angespannt war, und er schien den Atem anzuhalten.

Sie öffnete die Augen und hoffte insgeheim, einem leidenschaftlichen Blick zu begegnen; aber sie sah etwas anderes. Es waren die Augen eines Mannes, der völlig durcheinander war; sein Blick offenbarte ein emotionales Chaos, das schon beim Zusehen weh tat.

Oh nein ... Was tue ich hier?

Ihre Hand zitterte an seinem Mund. Das hier war nicht in Ordnung! Widerstreitende Gefühle stürmten durch sie hindurch, und sie spürte, wie ihre Augen feucht wurden.

Lass ihn!

Während sie ihre Hand sinken ließ, nahm sie den Duft seiner Haut wahr wie einen dringlichen Ruf. Wieder durchflutete sie Angst, dass dies der einzige Moment sei, in dem sie jemals seine Nähe spüren würde. Aber die Augen wurden feuchter, und dadurch entstand eine starke Motivation sich abzuwenden.

Und sie wandte sich ab – auch wenn sie in diesem Moment das Gefühl hatte, damit sei das Ende der Welt besiegelt.

Aber wie das so ist mit dem Ende der Welt, es kommt nie, wenn man es erwartet. Da waren plötzlich Hände, etwas zerrte an ihr – ihr Herz hörte vor Schreck und vor Glück auf zu schlagen, denn Snape hatte sich den Saum ihres Umhangs geschnappt und zog sie unerwartet entschlossen zu sich zurück.

„Bleib", flüsterte er – so leise, dass seine Stimme im Geraschel von Kleidung unterging. Aber sie wusste, was sie gehört hatte. Es gefiel ihr nicht, dass ihr jetzt die Tränen übers Gesicht liefen, aber der Mann vor ihr gab ihr keine Gelegenheit sich abzuwenden; er umfasste ihre Hüfte und zog sie ohne zu zögern näher.

„Schhh ... hör auf …"

Diese Stimme, so dunkel und rau. Nur am Rande bemerkte Hermine, dass sie sich bewegten – er schob sie ganz sachte rückwärts durch den Raum, bis sie eine Wand im Rücken spürte. Dann waren da Finger, die sanft ihren Wangenknochen umfassten und ihr Gesicht nach vorn drehten. Sie hatte die ganze Zeit die Augen halb geschlossen; es beschämte sie, dass er sie weinen gesehen hatte. Aber das Gefühl hielt nicht lange an.

Er küsste es weg.

Links und rechts ruhten seine Arme auf ihren Schultern, und sie spürte seine warmen Hände auf ihrem Hals und in ihren Haaren … Und dann war sein Mund auf ihrer Stirn. Ein seltsamer Druck baute sich in ihrem Körper auf, er konzentrierte sich auf ihre Brust, ihren Bauch und den Ort zwischen ihren Beinen – es tat irgendwie weh.

Er griff fester in ihre Haare und strich mit seinen Lippen über ihre Schläfe, dann die Wange entlang. Oh, das konnte alles nicht wahr sein ... Sie roch und sah und fühlte seinen Körper, seine Wärme war durch die Kleidungsschichten hindurch deutlich spürbar. Er war ihr so nahe, dass sie überzeugt davon war, gleich ohnmächtig zu werden.

Ganz langsam löste er sich von ihr. Mit dem Daumen strich er über ihre Wange, wischte die Überreste ihrer Tränen fort und sah sie an. In ihrem Hals wurde es bedenklich eng; so hatte sie noch nie jemand angesehen. Von Severus Snape ganz zu schweigen. Sie wusste, sie würde die Wärme und Tiefe dieses Blickes niemals vergessen.

Und dann lehnte er sich ihr noch weiter entgegen und küsste sie. Es war ein sanfter Kuss mit einem Hauch von Verlangen – allerdings empörend kurz. Aber für Empörung blieb keine Zeit, denn er lächelte nur und küsste sie gleich noch einmal, diesmal intensiver ... Und von dem Augenblick an war ihr alles andere egal. Wirklich und völlig egal.

Sie hätte Voldemort diesen ganzen verdammten Krieg gewinnen lassen, nur um diesen Mann bei sich zu behalten.

Alles in diesem Moment war Perfektion. Die Art, wie er sie hielt, wie er sie küsste – so liebevoll und doch mit zunehmender Dringlichkeit; es war, als würde er ohne Worte mit ihr sprechen, Gefühle mitteilen, die er nicht haben und schon einmal gar nicht aussprechen durfte. Sie erwiderte seine Küsse heftig; als ihre Zungen sich berührten, riss es sie fast von den Füßen. Der Geruch und Geschmack des Mannes zog sie in einen Strudel des Verlangens hinein, sie küssten sich lustvoll und atemlos, und sie wollte mehr davon. Weiter hineintauchen in dieses euphorische, unglaubliche Gefühl.

Sein Mund löste sich von ihrem, er wanderte wieder zu ihrer Wange und zu ihrem Ohr; sie spürte seine Zunge an ihrem Ohrläppchen und keuchte leise. Der Druck in ihrem Körper verstärkte sich, und ein wenig linkisch versuchte sie eine Hand unter seinen Hemdkragen zu schieben. Aber das verdammte Hemd war einfach zu eng geknöpft. Sie murmelte Verwünschungen und hörte ihn leise lachen; dann flüsterte er etwas und seine Robe war offen, ebenso wie die oberen Knöpfe seines Hemdes.

So konnte sie mühelos seinen Hemdkragen zur Seite ziehen. Aber irgendwie hatte sie den wundervollen Anblick seiner blassen Haut nicht recht erwartet – sekundenlang starrte sie nur wie gelähmt auf seine Schulter. Schließlich ließ sie den Kopf sinken, bis ihre Wange auf seiner halb entblößten Schulter lag. Das Gefühl seiner weichen Haut an ihrer Wange war unbeschreiblich.

Dann küsste sie mit geschlossenen Augen seinen Hals; sie ließ ihre Lippen wandern und biss, einer süßen Intuition folgend, ein bisschen in seine Halsbeuge. Er stöhnte leise und erschauerte, was ihren ganzen Körper, vor allem aber ihre Körpermitte in eine Art wirre Vorfreude versetzte. Ein leiser Klagelaut entkam ihr, der sich bedenklich nach einem Wimmern anhörte.

Er atmete heftig aus – und griff nach ihren Hüften, um sie nahe, sehr nahe an sich zu ziehen.

Himmel und Hölle –

Sie spürte ihn … Sie spürte seine Erregung. Und im selben Moment wurde ihr klar, dass sie ebenfalls erregt war. Ihr blieb nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, ob dies hier und jetzt angebracht war; wieder griff er in ihre langen Haare hinein und spielte mit ihren Locken herum, schob sie vor und zurück, während seine andere Hand ihre Hüfte hielt. Und während ihre Lippen sich leicht berührten, bewegte er seinen Unterleib gegen sie … nur ganz leicht, aber es genügte, um ein extremes Schwindelgefühl in ihr hervorzurufen und die verzweifelte Bereitschaft, sich diesem Mann hinzugeben, vollständig.

„Oooh", hauchte sie und registrierte aus der Ferne, dass sie diese leicht rauchige Frauenstimme, mit der sie gerade sprach, noch nie gehört hatte.

Er stöhnte leise und bewegte sich wieder. Gegen sie. Sie spürte ihn überdeutlich, es entstand Reibung zwischen ihnen Beinen, die ihre Erregung so stark anfachte, dass sie Sterne sah. Zu allem Überfluss glitten seine Hände von ihren Hüften seitlich hinunter ... es war wundervoll zu spüren, wie seine Hände über ihren Hintern strichen, kraftvoll und voller Verlangen.

Seine Finger schoben sich unter den Bund ihres Höschens und streichelten ihre nackte Haut; seine Berührungen wurden zunehmend intim, spielerisch und genussvoll. Sie wimmerte leise, als ihr klar wurde, dass er keine Grenze mehr kannte, er würde weiter machen, er wollte sie genießen, sie haben. Er würde sie nehmen, ganz und gar, wenn sie ihn ließe. Und ja, sie wollte ihn lassen ...

Das geht nicht. Ich kann ihn nicht, ich kann doch nicht ...

„Ich", stöhnte sie, „warte, oh Himmel, ja ... ah!"

Das … oh nein … das war wundervoll, unglaublich, aber … nein, es ging nicht ... falscher Ort ... falsche Zeit …

„Bitte … nein, ich …"

Er machte ihrem Gestammel ein Ende, indem er sie rau und hungrig küsste. Krankenflügel, Emotionstrank – die Worte wehten sinnlos durch sie hindurch, ohne Halt, und verschwanden wieder, als sie durch den Stoff ihres Hemdes seine Hand auf ihrer Brust spürte. Sie wollte ihn stoppen – stattdessen erwiderte sie den Kuss, als hinge ihr Leben davon ab. Er spielte mit ihrer Zunge und saugte an ihrer Lippe, zugleich bewegte sein Finger sich rhythmisch an ihrer Brust, und Hermine brannte, ihre Nervenenden brannten lichterloh. Dann spürte sie seine Hände unter ihren Hintern – er hob sie ein wenig an, instinktiv schlang sie ihre Beine um seine Hüften, und im nächsten Moment stieß er sie mit einer eindeutigen Bewegung gegen die Wand.

Oh Götter!

Ein kaum noch unterdrücktes Stöhnen erfüllte den Raum. Aber in diesem Moment bekam die Perfektion des Augenblickes einen Riss, denn Hermine wurde schlagartig klar, dass dies nicht irgendein Raum war. Nein, es war der Krankenflügel. Und der Krankenflügel hatte offene Türen. Erneut drohte dieser Gedanke einfach unterzugehen, denn jetzt schoben sich seine Hände unter ihre Bluse; noch einmal folgte sie ihrem Instinkt und schob ihm ihr Becken entgegen – oh, er war hart, und sie wollte … wollte … musste … jetzt damit aufhören!

Sie tat einen tiefen, verzweifelten Atemzug, schloss die Augen und entzog sich mit voller Kraft der Magie des Augenblicks.

„Bitte … nein, wir müssen, NEIN! … PROFESSOR!"

Die förmliche Anrede wirkte wie eine kalte Dusche auf beide.

Snape erstarrte in seiner Bewegung, ebenso wie sie selbst. In der absoluten Stille und Bewegungslosigkeit des Augenblicks hörte sie ihn und sich selbst heftig atmen. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bevor Hermine es wagte den Kopf zurückzulehnen, um in anzusehen.

Sein Blick veränderte sich völlig. Er starrte sie fassungslos an, aber noch glomm die Lust in seinen Augen, und ein Teil von ihm war wie sie, wild und voller Begehren, nicht gewillt, sich diese Erfahrung nehmen zu lassen. Zugleich konnte sie förmlich sehen, wie schmerzhaft schnell er in die Wirklichkeit der Krankenstation zurückkehrte. Und nach einigen Sekunden war es vorbei, und sein Gesicht zeigte keine Spur mehr von dem glücklichen, lustvollen Genießen des Augenblicks.

Hermine entspannte ihre Beine und löste so die Klammer um seine Hüften, und er ließ sie langsam auf den Boden sinken. Nur das Rascheln der Kleidung war zu hören, sonst nichts. Mechanisch und mit weichen Knien trat sie einen Schritt zur Seite. Ihr wurde kalt. Der Verlust seiner Körpernähe tat erstaunlich weh, ebenso wie die unnatürliche, quälende Stille, die den Raum erfüllte.

Snape wandte sich ab. Von ihr. Nein, das war falsch, falsch, falsch. Sie spürte, wie eine intensive Verzweiflung sie durchströmte; in ihrem Hals wurde es eng. Mit zitternden Händen zog sie ihre Kleidung zurecht. Noch immer rauschte das Verlangen durch sie hindurch, ihr Körper bebte noch vor Lust ... aber die Intimität des Augenblicks war vorbei, die Entschlossenheit, bis zum Letzten zu gehen. Sie hatten eine Chance gehabt, aber sie war vorüber. Und sie hatte sie zerstört. Sie war Schuld, niemand sonst.

Sie wollte etwas sagen, etwas tun. Aber sie fühlte, dass sie nicht das Recht dazu hatte. Sie hatte diesen Moment beendet, sie musste die Konsequenzen tragen. Es gelang ihr nicht, sich davon zu überzeugen, dass sie das Richtige getan hatte; vielleicht war es richtig gewesen, aber das zählte nicht, denn es fühlte sich nicht so an. Es fühlte sich an wie Sterben. Er stand so nahe vor ihr und war so weit weg. Systematisch wich er ihrem Blick aus, und sie sah, wie er sich durch seine Haare strich, nach seinem halb offenen Hemd tastete und alle Knöpfe mit den Händen schloss. Das machte ihr richtig Angst; es sah aus, als hätte er das Zaubern verlernt.

Einem Impuls folgend, machte sie nun doch einen Schritt auf ihn zu. Mit einer schnellen Bewegung streckte er den Arm aus und machte eine abwehrende Handbewegung. Sie blieb sofort stehen; um eine solche Handbwegung zu ignorieren, war sie nicht entschlossen genug auf ihn zugegangen.

„Nicht", flüsterte er, bevor sie etwas sagen konnte. „Bitte, Miss ... Miss Granger, sagen Sie nichts." Er sprach mühsam. „Ich bin mir bewusst, was ... geschehen ist ... was ich getan habe. Sie müssen mich nicht daran erinnern, dass ich ... die Konsequenzen zu tragen habe."

Hermine begann zu frieren, als der funktionierende Teil ihres Gehirns Snapes Worte zu übersetzen begann.

Was ich getan habe' ...

Sie bekam ernsthafte Kopfschmerzen. Er sah sie immer noch nicht an.

„Ich werde es jetzt gleich tun", setzte er rau hinzu.

Konsequenzen tragen' ...

Und er setzte sich in Bewegung und hatte den Raum schon fast verlassen, als sie ihm ihre verzweifelte Frage hinterher rief.

„Professor ... Wohin ... gehen Sie denn?"

Sie hatte nicht erwartet, dass er sich noch einmal umdrehte, aber er tat es und bedachte sie mit einem halb spöttischen, halb schmerzlichen Blick.

„Zum Direktor", erwiderte er schlicht und rauschte aus der Tür.

Das glaube ich jetzt nicht.

Einen Moment lang stand Hermine nur starr da. Mit jenem funktionierenden Teil ihres Gehirns verstand sie sofort, was Snape vorhatte – er wollte sich selbst an den Pranger stellen, bevor sie es tat. Aber im Großen und Ganzen verstand sie gar nichts mehr. Sie hatte die Schuld und die Angst in seinen Augen gesehen ... oh, wie konnte dieser unmögliche Mann sich denn jetzt bloß schuldig fühlen? Und wie konnte er glauben, dass sie ihm irgendeinen Vorwurf machen würde?

Dieser Idiot!

Jener kleine, funktionierende Teil ihres Gehirns begann sie mit Handlungsanweisungen zu bombardieren. Lauf, halt ihn auf, ruf ihm nach, lass ihn nicht gehen ... Denn ihr war klar, dass Snape in diesem Moment auf dem Weg zu Professor Dumbledore war, um ihm mitzuteilen, dass er sich einer Schülerin ... unsittlich genähert hatte und seine Bestrafung erwartete.

Als Hermine sich endlich aus ihrer Erstarrung löste, hätte sie fast laut hinter Snape hergeschrieen, aber er war vielleicht schon zu weit weg; möglicherweise hätte er es gehört, aber dann sicher auch die Hälfte der Schule.

Also hielt sie den Mund und rannte einfach los.

Nachdem sie um einige Ecken gebogen war, sah sie seine schwarze Erscheinung im Flur. Er ging langsam und zögerlich, wie unter Schmerzen.

„Halt!" rief sie. „Warte doch!"

Sie war außer Atem, als sie sich ihm näherte; es hatte wohl nicht allzu viel mit dem Laufen zu tun. Snape wandte sich um; er sah sehr blass und durcheinander aus. Der Wunsch bei ihm zu sein war übermächtig. Ohne auch nur ansatzweise darüber nachzudenken, warf Hermine sich dem Mann vor sich an den Hals – hinein in diesen Snapeduft und diese Wärme, hinein in all das, was sie jetzt eine halbe Ewigkeit nicht hatte spüren dürfen.

Wobei diese halbe Ewigkeit zweieinhalb Minuten lang gewesen war, genau genommen.

„Was ...", hauchte er und legte nach einer Schrecksekunde einen Arm um sie.

„S --- Professor ...", flüsterte sie. Es gelang ihr nicht, seinen kühlen, fremden Vornamen auszusprechen. „Es ist doch nicht ... ich will doch nicht, dass ..."

Sie gab es auf. Sie wollte nicht, aber der Druck in ihrem Hals wurde unerträglich, und sie fing an zu weinen. Das alles war zu viel für sie.

Sie vergrub ihr Gesicht in seiner Robe, als könne sie sich dort vor allem und jedem verstecken. Sogar vor dem Träger der Robe selbst. Sie spürte, dass seine Hand über ihren Rücken strich, ganz ruhig. Und er murmelte ihren Vornamen. Es schien nicht so, als hätte er die Nase voll von ihr und ihren Gefühlsausbrüchen. Nein, es fühlte sich so an, als schmiege er sich an sie; sein Gesicht war in ihren Haaren. Seine Nähe machte es ihr unmöglich, so einfach weiterzuheulen; die Tränen versiegten so rasch, dass sie sich selbst wunderte.

Besser?", murmelte er, den Mund ganz nahe an ihrem Ohr.

„Mmh", machte sie. „Viel besser."

Ja, es war so gut, ihm nahe zu sein. Sie wollte nichts anderes als ihn spüren, ihn ansehen, ihn riechen und schmecken. Jeder Gedanke daran, dass sie immer noch immer mitten im Schloss standen und sich umarmten, war wie fortgeblasen.

„Ich wollte es doch auch", nuschelte sie in den tränennassen Stoff von Snapes Robe hinein. „Versteh – verstehen Sie." Sie brachte es nicht über sich, ihn vertraulich anzusprechen. „Warum denken Sie ... ich meine, ich bin doch auch ..."

Sie begann erneut zu weinen.

„Ach, ich kann nicht mehr denken!", schluchzte sie. „Ich kann nicht einmal mehr ganze Sätze bilden!" Hermine schniefte leise. „Das ist eine ganz furchtbare Woche."

„Oh", machte Snape. Er fuhr mit den Fingern sanft durch ihre Haare und spielte mit einer Locke herum; seine Berührungen ließen Hermines Magen mehrere Drehungen hintereinander machen. Sie schmiegte sich enger an ihn, und er seufzte.

„Ich stimme dir zu", sagte er. „Die vergangene Woche war eine Katastrophe. Und dieser Tag, ich meine, heute ... ich weiß nicht, was es ist. Aber irgendetwas stimmt nicht. Es ... es geht mir nicht gut."

Hermine verstand, dass dieser schlichte Satz bei Snape viel bedeutete; es ging ihm entsetzlich.

„Ich weiß", sagte sie einfach, ohne auch nur einen Moment darüber nachzudenken. „Ich weiß. Es ist alles meine Schuld. Es tut mir so unendlich Leid."

... Ein heißer, heller Blitz durchfuhr sie, als sie sich selbst diese Worte sagen hörte.

Ich habe das eben nicht gesagt. Neinnein. Ich habe es nicht gesagtnichtgesagtnichtgesagtnichtgesagt ...

Er antwortete nicht gleich. Ihre Wange lag noch immer auf seiner Schulter. Schließlich hörte sie ihn zögernd eine Frage in ihr Haar sprechen.

„Was ... was meinst du?"

„Nichts!", platzte sie heraus.

Oh, Himmel und Hölle. Die Antwort ist viel, viel zu schnell gekommen.

Snape lehnte sich zurück und sah sie an. Mit einer sehr langsamen Bewegung strich er ihr die Haare aus dem Gesicht; es war eine liebevolle Berührung, aber sein Blick war dunkel und gedankenverloren.

„Du hast gesagt: Es ist alles meine Schuld, es tut mir Leid. Hättest du bitte die Güte mir zu erklären, was genau du damit gemeint hast?"

„Ich ... nein", stotterte sie. Es wurde immer schlimmer, und sie hatte in diesem Moment keine Möglichkeit, sich zusammenzureißen. „Es, verstehen Sie, ich meinte gar nichts, es war nur ..."

Das Blut schoss ihr in die Wangen. Sie wollte augenblicklich in einer Erdspalte verschwinden. Je länger ihr Gestammel dauerte, desto tiefer wurde Snapes Stirnfalte, und seine Augen verengten sich. Es schien, als würde er langsam, ganz langsam die Ereignisse der letzten Tage und Stunden durchgehen und eins und eins zusammen zu zählen. Er sah gedankenverloren durch sie hindurch; und dieser Blick und die Tatsache, dass sie sich gerade verplappert hatte, ließen ihr Herz rasen, und sie konnte erst recht keinen klaren Gedanken mehr fassen.

„Schweigen Sie", sagte Snape schließlich, und Hermine verstummte sofort; sie erschrak von seinem Stimmungswechsel und der Kälte in seiner Stimme. „Miss Granger ... Sie haben jetzt noch eine Chance, mir eine zufrieden stellende Antwort auf meine Frage zu geben. Wie entscheiden Sie sich?"

Verzweifelt schüttelte sie den Kopf. „Nein", brachte sie schließlich leise heraus, „ich kann nicht. Ich kann es Ihnen nicht sagen, es tut mir Leid."

„Das sagten Sie heute schon mehrmals. Das wird ein wenig eintönig. Ich denke, es wird an der Zeit, dass Sie zu unserer anregenden Konversation einige ... neue Inhalte beisteuern."

Der kalte Hohn, mit dem er ihr begegnete, traf Hermine bis ins Mark. Aber in dem Moment, in dem sie den Blickkontakt unterbrechen und fortrennen wollte, sah sie, wie er seinen Zauberstab aus der Tasche zog. Er sah ihr immer noch direkt in die Augen, als er ein einzelnes Wort sagte.

„Legilimens."

t.b.c.